Lügen

Lügen haben kurze Beine, lernt man schon als Kind. Und selbst in den zehn Geboten heisst es: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden, wider deinen Nächsten“. Kurz gesagt: Lügen und Lügner sind geächtet. Der Volksmund fasst es treffend zusammen: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht!“ Soweit die Theorie.

In der gelebten Praxis sieht es aber deutlich anders aus. Damit meine ich nicht das tägliche Lügen zur Frage, wie gehts dir und du auch dann mit „gut“ antwortest, wenn es dir ziemlich beschissen geht. Vielleicht geht es den oder die Fragende/n auch einfach nichts an oder du willst einfach deine Ruhe haben. Ich meine auch nicht jene Lügen, die uns vor möglichen Nachteilen schützen oder uns selber in ein besseres Licht rücken. Ich war nie der tolle Hecht, für den mich alle halten, weil ich die grössten Räubergeschichten erzähle, aber ich lasse dich gerne im Glauben. Und ich war auch nicht beim Kunden, ich verbrachte den schönen Nachmittag am See. Ohne Alltagslügen (oder die Soziale Lüge, wie es im Fachjargon heisst) – wäre das Leben wahrscheinlich unerträglich. Denn wer hasst sie nicht, die Überkorrekten, die Korintenkacker und Kleingeister? „S Föifi la grad sii“ geniesst nicht umsonst den Ruf der Menschlichkeit.

Etwas kritischer wird es bei jenen Lügen, die uns ebenfalls bestens vertraut sind, aber quasi öffentlichen Charakter haben. Also die Lügen in der Werbung (die Produkteeigenschaften vorgaukeln, die nicht vorhanden sind), die Lüge des Autoverkäufers (der den Motorschaden verschweigt) und die des Politiker, der das Blaue vom Himmel verspricht. In aller Regel sind wir aber gegen solcherart Unwahrheit gewappnet. Die Werbung nehmen wir nicht ernst, den Autoverkäufer meiden wir und den Politiker wählen wir ab. Trotzdem nehmen diese Lügen grossen Raum ein. Sei es in Schlagzeilen (IKEA deklariert ihr Holz falsch, die Armee beschafft Masken, die nichts nützen), sei es mit Anwälten, Verträgen und Juristen, die uns vor Betrug schützen sollten oder Abstimmungskampagnen, die nicht nur unredliche Absichten verschleiern, sondern gegen unsere eigenen Interessen gerichtet sind. Trotzdem – damit haben wir zu leben gelernt. Entscheidend ist: Wir sind dagegen gewappnet, können uns dagegen wehren und Gesetze und Institutionen schützen uns davor.

Wirklich grosse Lügen, mit weitreichenden Konsequenzen, stammen fast ausschiesslich aus den Dunkelkammern der Macht. Sei es jene von „seit 5 Uhr 45 wird zurück geschossen„, mit dem der 2. Weltkrieg begann, dem „Tonkin-Zwischenfall„, welcher den Amerikanern als Vorwand für den Vietnamkrieg oder die Lüge über die angeblichen „Massenvernichtungswaffen„, mit der Georg W. Bush den Einmarsch im Irak legitimierte – die Lüge dient stehts dem Machtmissbrauch und kostet oft Millionen von Menschenleben. Nicht umsonst heisst es: „Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges“ – was nichts anderes bedeutet, als dass – in der Kriegslogik verbleibend – Lügen zur historisch erprobten Kriegsstrategie gehört. Die sog. 36 Strategeme der Chinesen, bezeugen dies eindrücklich – sie sind sogar Bestandteil der chinesischen Kultur und tausende Jahre alt.

Nicht Neues, könnte man also meinen. Alles altbekannt, alles schon einmal dagewesen. Warum sich also aufregen – gelogen wird seit je und heute ist es nicht anders. Richtig! Und trotzdem müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen! Aber wieso?

Weil die Lügen von heute eine neue Qualität und Zerstörungspotential erreicht haben. Lügen dienen den heutigen Protagonisten nicht allein dem Vertuschen böser Absichten (z.B. Kriege rechtfertigen), dem Betrug oder der eigenen Bereicherung – sie dienen zunehmend der Zerstörung unsere Zivilisation und unser aller Zukunft. Spätestens mit dem Einzug Donald Trumps ins Oval Office ist die offensichtliche Lüge (bekannt als „Alternative Fakten“ oder FakeNews) fester Bestandteil der Politik. Nicht nur der Amerikanischen. Die Unkultur, die Lüge, trotz handfesten, für jede/n sichtbaren Gegenbeweise, zur Wahrheit zu erklären, ist erschreckend. Man könnte dies – was viele tun – als miese Charaktereigenschaft eines durchgeknallten Narzissten abtun und hoffen, dass der Typ am 3. November aus dem Amt gejagt wird – damit wird es aber wohl nicht getan sein. Das Gift der Lüge ist bereits so tief in unserm Alltag angekommen, dass es die Grundfesten unserer Gesellschaft angreift. Oder was ist die QAnon-Verschwörungstheorie (an die angeblich schon 8% der Amerikaner glauben) den DeepState Gläubigen, die einzige dem Zweck dienen jedwelche Autorität zu untergraben? Welche Interessen stecken hinter der Leugnung der Klimakrise? Was bezwecken „Corona-Skeptiker„, im Verein mit Reichkriegsflaggenträgern, auf den Treppen des Deutschen Bundestages? Und was jene, die Lügenpresse schreien und jede/n der/die noch alle fünf Sinne beisammen hat und (noch) den sog. Mainstreammedien „glaubt“ (also TV, Radio, Presse etc.) als Schlafschaf, welches keine Ahnung hat, beschimpft. Oder jene die nach dem Konsum von ein paar Youtube-Filmchen und Webseiten, mehr über Wirkung und Existenz von Viren wissen, als Wissenschaftler*innen, die sich schon ein halbes Leben damit beschäftigen. Und zu guter Letzt die Empörten, die sich wegen eines Stück Stoffes vor der Nase, in einer Diktatur wähnen und den Sturz der Regierung fordern. Der spanische Philosoh José Ortega y Gasset hat solche Menschen bereits in den 20iger Jahren, nicht ganz grundlos, als Hätschelkinder der Geschichte bezeichnet. Menschen welche die Realität (man könnte auch Wahrheit sagen) nicht akzeptieren, sich selber als Mass aller Dinge sehen und lieber einer einfachen Lüge glauben. Verwöhnt von den Umständen (das steht mir zu), ohne Bewusstsein was es für diese braucht. Die Perversion dieser Haltung wird spätestens dann deutlich, wenn man das Coronaleugnergeschrei mit den Demonstrationen in Belarus, wo es um „echte“ Freiheit geht, miteinander vergleicht. Skurilerweise gleichzeitig. Offenbar bestätigen Lügen und Selbstbetrug, Vorurteile, so dass man sich nicht mehr dem Schmerz der Wahrheit zu stellen braucht. Genau das passiert aktuell im Grossmassstab. Spätestens seit der Finanzkrise 2008, der Flüchtlingswelle 2015 oder der Klimakrise und Corona, ist die (falsche) Sicherheit des „ewig weiter so“, der komplexen und verwirrenden Realität gewichen. Nichts ist mehr garantiert. Gewissheiten verdampft und eine sichere Zukunft ist in Frage gestellt. Alles zusammen ergibt eine wahrhaft explosive Mischung.

Poitikbeobachter, Analysten, Journalisten und Politiker reiben sich die Augen und ringen nach Erklärungen. Wie konnte es so weit kommen – ist ihr Grundtenor. Wie wird ein notorischer Lügner Präsident der grössten Atommacht der Welt? Wie kann es kommen dass 2020 ein Nazistosstrupp auf den Stufen des Deutschen Reichstags ihre Flaggen hisst? Wie kommt es, dass sich Familen mit Kindern, Veganer, Hare Krishna-Jünger, Impfgegner und Heilpraktiker*innen mit Regenbogenfahnen, hinter Reichflaggen und johlenden Faschisten einreihen? In Zürich haben wir zum Glück keinen Reichstag, das Kunterbunt am Helvetiaplatz war jedoch kaum anders. Was hier wirkt sind Lügen! Lügen via Verschwörungstheorien verbreitet, Lügen über angeblich geheime Pläne uns auszurotten, Lügen über angeblich korrupte Organisationen und die Wissenschaft generell. Die Lüge dient zweierlei: Der Untergrabung der Glaubwürdigkeit der Institutionen, Wissenschaft, Presse und der sog. Eliten, sowie der Mobilisierung verunsicherter und wütender Menschen, die die Welt nicht mehr verstehen. Wer sich bisher gefragt hat, warum die Nazis und der Faschismus einst an die Macht kam, braucht heute nur die Zeitung zu lesen. Es sind Lügen, die als Hebel für die Machtergreifung genutzt werden. Lügen, welche dazu benutzt werden uns von der Wirklichkeit fern zu halten und Scharlatanen hinterher zu laufen.

Grund zu verzweifeln? Alles nur für die Sonntagspredigt oder die Apokalypse? Nein! Es gibt zwei einfache Faustregel, die uns vor diesem Irrsinn und Irren schützt. Die Erste stammt von den alten Römern und heisst: Qui bono? (Wem nützt es?). Allein diese Frage fegt manchen Zweifel vom Tisch und entlarvt manche Lüge und Lügner. Wem also nützen diese Lügen? Die Antwort liegt nah: Dem Lügner! Die Zweite lautet: Je einfacher die Antwort, desto grösser die Vorsicht. Es ist wohl kein Zufall, dass uns Populisten am rechten Rand mit den einfachsten Antworten bedienen.

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