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26.02.2021: Entlarvt

Ich bin geladen! Man könnte auch sagen, so richtig angepisst. Und deshalb muss es jetzt raus. Andernfalls wächst mir trotz jodiertem Salz noch ein Kropf. Um was geht es? Ihr ahnt es vermutlich – um Politik. Konkret um die $VP und ihre rückgratlosen Helfershelfer von FDP und Mitte.

Was diese Gurkentruppe dieser Tage abzieht, wurde in Zürich einst niedergeknüppelt. 1980, als der Ruf „Macht aus dem Staat Gurkensalat“ der aufgebrachten Jugend durch die Langstrasse hallte. Die Geknüppelten landeten schliesslich an der Nadel auf dem Platzspitz, während Roger Köppel in den Redaktionsräumen des neuen Stürmers (auch bekannt als Weltwoche) ein warmes Plätzchen fand. Und während sich die „bösen“ Buben und Mädchen von der Langstrasse längst etabliert haben, führt eine kleine Clique von den Hügeln der Goldküste, mit machiavellinischer Raffinesse den Gurkenhobel gegen Staat und Gesellschaft. Was die brennenden Container 1980 nicht schafften, erledigt diese elitäre Truppe mit viel Geld und Demagogie. Dazu bedient sich ihr Sprachrohr von der Förrlibuckstrasse auch mal einer Rhetorik die mehr an Winkelried und die Dreissigerjahre erinnert, als ans 21. Jahrhundert. O-Ton: Wer der Obrigkeit folgt ist hörig und wer verbotenerweise Fastnacht feiert, gilt als Freiheitskämpfer, wie zu Zeiten der Innerschweizer Saubannerzüge. Rhetorik die mehr über den Absender verrät als über den angeblichen Diktatoren.

Entlarvend die Ereignisse der letzte Woche. Da schwadroniert Christof Blocher höchstselbst von einer angeblichen Diktatur Bersets, sekundiert von seiner Tochter, die aus dem fernen Bündnerland, ins gleiche Horn bläst. Dass der Bundesrat kollegial entscheidet, wird selbstverständlich ausgeblendet – es könnte ja die eignen Bundesräte treffen. Kaum aber verteidigt ihr eigener Bundespräsident Parmelin das Kollegialitätsprinzip, ist er in den Augen der eigenen Partei nur noch ein halber Bundesrat. Und da die $VP die Diktatur von allen Parteien am besten versteht – China wird nicht umsonst als grosses Vorbild gepriesen – verbreiten sowohl ihr Parteipräsident, ihr Fraktionschef als auch ihr Propagandaminister das gleiche Narrativ. Gleichschaltung wie im Reich der Mitte. Gleichzeitig fordert Albert Rösti in der bürgerlich dominierten Gesundheitskommission ein Gesetz zur sofortigen Beendigung des Lockdowns – faktenfrei und unbesehen der epidemiologischen Lage. Andere sammeln 250000 Unterschriften, in der gleichen Sache und $VP Nationalrat Egger will ein Impeachment (Absetzung) für Bundesrat Berset. Das I-Tüpfelchen aber liefern ein paar renitente Kantonsregierungen – allen voran Nidwalden, mit seiner $VP-Gesundheitsdirektorin – die sich weigern ihre Terrassen zu schliessen. Man wähnt sich beinahe im Sonderbundskrieg von anno 1847. Damit riskiert diese Partei eine Staatskrise, wie sie die Schweiz wohl seit damals nicht mehr hatte. Denn, welches Recht gilt nun? Dass des Bundes, der Kantone, der Gemeinden oder das eigene? Irritierender ist nur das laute Schweigen der anderen Parteien und der Betroffenen selber.

Ein Jahr Pandemie und Föderalismus, Direkte Demokratie und Konkordanz stehen zur Disposition. Die $VP macht’s möglich! Wir können nur hoffen, dass sie den Bogen diesmal überspannt hat und grandios scheitert. In der Terrassenposse bahnt sich zum Glück eines an. Dass nicht hinter jeder hübschen Larve ein hübsches Gesicht steckt, zeigt gerade das strahlende Sünneli der $VP. Was dahinter hervorlugt, lässt mich erschauern. Es ist die ungeschminkte Fratze einer verantwortungslosen egoistischen Kaste, die weder vor Lügen noch Rechtsbrüchen zurückschreckt, um ihre Ziele – den ominösen Vouchswillen aka Alleinherrschaft – zu erreichen. Vielleicht ist dieser Schock heilsam. Man möge mir die klaren Worte verzeihen. Um Hoffnung zu schöpfen, sind solche ab und zu nötig.

19.02.2021: Alt-68iger

Von David Wilson – https://www.flickr.com/photos/davidwilson1949/6056934707/in/photolist-5coszA-aeenEK-2CqzzK-8QZ5mo, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48476311

Letzten Sonntag war es endlich soweit. Amtlich bestätigt und somit hochoffiziell darf ich für ein Jahr den Ehrentitel Alt-68iger tragen. Ihr ahnt es – ich hatte Geburtstag. Um alle Zweifel an der Rechtmässigkeit dieses Titels auszuräumen, sei daran erinnert, dass ich in der Lage bin ein Wandtelefon mit Wählscheibe zu bedienen, mir bei „Bunker“ nicht der Gotthard, sondern prügelnde Polizisten und bei „Easy Rider“ keine Pferde, sondern Peter Fonda, in den Sinn kommt. Es lässt sich also nicht leugnen: Ich bin ein Alt-68iger. Was für die Einen ein Schimpfwort, ist für mich Tatsache. Lasst mich davon berichten.

Letzhin warf ich einen Blick auf unser Hochzeits-Fotoalbum (ja sowas gibt es noch) und stellte mit grossem Erschrecken fest, dass ich nicht einmal mehr alle Gäste kenne. Abgesehen von den wenigen Verwandten, die noch leben, sind es genau noch zwei Hochzeitsgäste, zu denen wir noch Kontakt haben. Der Rest verschwand unter dem Radar. Selbst Namen sind verblasst. Was hat uns damals eigentlich bewogen, genau diese Menschen an unsere Hochzeit einzuladen? Ich habe heute keine Antwort mehr darauf – es waren andere Zeiten und andere Umstände. Noch ferner sind mir nur jene Mitstreiter, mit denen ich zusammen Plakate klebte, vor der Sulzer Flugblätter verteilte und durch die Gassen Zürichs, Berns und Genf , Transparente trug. Es ist als hätte es sie nie gegeben. Aus ihnen wurden Professoren, Lehrer, Sozialarbeiter, Berufsberater, Politiker und Unternehmer. Tragende Säulen unserer Gesellschaft also – das rote Banner längst entsorgt und auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Von manchen liest man ab und zu in der Tageszeitung. Allzuoft Meinungen, gegen die wir damals auf die Strasse gingen. Was aber wurde aus den Idealen, für die wir damals mit Tränengas eingenebelt wurden?

Geburtstage sind immer auch Gelegenheit, Rückschau zu halten, und je älter man wird, desto mehr gibt es zurückzuschauen. Aber keine Angst, ich verfalle jetzt nicht in Nostalgie und verklemme mir das Fischerlatein über geschlagene Schlachten, geworfene Molotow-Cocktails oder eingeschlagene Fensterscheiben. Bemerkenswertes gibt es trotzdem zu berichten. So z. B. wie die Zeit und Umstände unser Leben prägen. Gerade für ein „Kind“ der 68iger eine besonders wiedersprüchliche Erfahrung. Gestartet mit dem Anspruch die Welt zu verändern, es besser als „die Väter“ zu machen, kritisch gegenüber autoritärem Staat und althergebrachten Konventionen und politisch aktiv auf der Strasse und in unzähligen Gruppen und Grüppchen, mussten wir die letzten 50 Jahre erleben, wie unser Aufbruch in ein neues Zeitalter, ins Gegenteil verkehrt wurde. Nicht nur allein durch „böse“ Mächte, auch durch uns selber.

Ob es nun der Alltag ist, der uns „zurecht“ schleift oder Verrat an den eigenen Idealen, ist nicht von Belang. Das Urteil darüber drückt bestenfalls aus, wie weit man sich von den einstigen Ideen entfernt hat. Und selbstverständlich gab es damals, wie heute Irrtümer, die man nicht ungeschehen machen kann. Diese sind Teil von uns und unserer (Lebens-)Geschichte. Genauso bedenklich wäre es, wenn sich in den letzten 50 Jahren nichts verändert hätte. Nicht umsonst wird Stillstand mit Rückschritt gleichgesetzt. Sich entwickeln, auch seine Meinungen zu ändern, gehört zum Leben und zeichnet dieses aus. Man nennt es auch Anpassung. Um mich richtig zu verstehen – dies ist weder ein Freipass, noch eine Rechtfertigung für das was sich die letzten fünf Jahrzehnte in Politik und Gesellschaft angespielt hat – es ist eher ein Plädoyer für Fortschritt und Entwicklung. Die Frage ist nur welchen Fortschritt und welche Entwicklung. Wertneutral ist weder das eine, noch das andere.

Kurz vorweg gesagt: Nicht in jene Richtung, welche von uns 68igern, angestrebt wurde. Zwar schafften wir es viele gesellschaftliche Zwänge und Konventionen aufzubrechen (Konkubinatsverbot, Gleichstellung, Homosexuelle Partnerschaften usw.), nicht aber das System zu verändern oder auch nur an ihm zu kratzen. Im Gegenteil: Ewiges Wachstum ist so sakrosankt, wie je (oder schon fast eine heilige Kuh) und die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich von Jahr zu Jahr schneller. Die Folgen davon spüren wir alle. Das System stösst an seine Grenzen. Unruhen in allen Teilen der Welt, Klimakrise, Verschwörungsmythen und die Rückkehr totgeglaubter Geister (Nationalismus), füllen die Schlagzeilen. Man reibt sich die Augen und denkt man sei im falschen Film. Ja man könnte schon fast zum Schluss kommen, wir hätten damals den Boden für diese Entwicklung bereitet. Denn wir waren es, die die Gesellschaft aus alten Zwängen befreiten. Allerdings nicht nur vom Mief der vergangenen Jahrhunderte (Kirche, Patriachat, Institutionen etc.), sondern auch vor von moralischen und ökonomischen Fesseln. Was mit einer Kulturrevolution begann, endete in einer Entfesselung der Wirtschaft. Deregulierung, Internetblase, Finanz- und Klimakrise sind das Resultat.

Was man heute Alt-68iger schimpft, prägte damals zwar eine Epoche (Pariser Unruhen, Anti-Vietnam-Demonstrationen, Zürcher Krawalle etc.) und gab ihr den Namen, nicht aber die darauf folgende Entwicklung. Denn Krawalle sind zwar laut und lösen Empörung aus, wurden aber nur von einer Minderheit getragen. Das war damals so und ist es heute. Die Mehrheit folgte ein Jahrzehnt später dem Ruf der Deregulierung (interessanterweise auch als Befreiung deklariert), deren „Früchte“ wir nun ernten. Die Ikonen dieser Zeit heissen Reagan und Thatcher und sie haben den folgenden Jahrzehnten – bis heute – den Stempel aufgedrückt. Die Sorbonne- und Berkleystudenten machten derweil Karrieren, andere flüchteten sich in kulturelle Nischen, stürzten ab oder gründeten Firmen und wurden Milliardäre. Wir bastelten an unsere Karriere, waren mit Geldverdienen beschäftigt und legten die einstigen Überzeugungen, wie alte Kleider ab. Wir genossen den Wohlstand und mutierten zu Stützen der Gesellschaft. Die Klimajugend nennt uns die „Boomer“. Etwas ungerecht zwar, weil, was können wir dafür, dass wir so zahlreich in den Nachkriegsjahren gezeugt wurden, aber eben auch Ausdruck davon, dass wir zu den Satten gehören, die sich im System eingerichtet haben.

Da wir in der Zwischenzeit fast alle pensioniert sind und über viel Zeit und Wissen verfügen, wäre es an der Zeit sich unserer Wurzeln zu besinnen und die Jugend in ihrem Kampf gegen die kommenden Krisen – die allesamt Systemkrisen sind – zu untersützen. Ein verwegener Anspruch, da sich viele von uns weit von den damaligen Idealen entfernt haben. Jene aber, die zwischen den damals falschen Vorbildern und dem Ideal einer gerechten Gesellschaft unterscheiden können, sollten es tun – das ist mein Appell. Zumindest das, sind wir unserer Nachfolgegeneration schuldig. Nicht weil wir Schuld auf uns geladen haben, sondern weil es die (logische) Fortsetzung unseres damaligen Aufbruchs ist. Alt 68iger ist man nicht, weil man damals auf den Strassen mitmarschierte, sondern weil man sich für ein Ideal einsetzt – damals wie heute.

12.02.2021: Leichte Kost

Nach der schwer verdaulichen Trilogie der letzten drei Wochen, etwas leichtere Kost. Wir haben an der Pandemie schon genug zu kauen. Freuen wir uns also über all die kleinen Dinge, die unser Leben leichter machen. In Vor-Coronan-Zeiten wären solche leicht zu finden (gewesen): Konzerte. Theaterbesuche, Grillabende mit Freunden, Reisen und so weiter. Verstimmt und von Medien und Dauernörgelern auf Missmut gestimmt, fällt dies aber immer schwerer. Doch nichts ist unmöglich! Denn seien wir ehrlich, den Meisten von uns, geht es gut. zumindest hier in der Schweiz und Europa. Dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet, dass viele auf Gratislebensmittel und Mahlzeiten angewiesen sind, viele um ihre Zukunft oder Gesundheit bangen müssen und so weiter, ist damit nicht vom Tisch. Darüber nur zu lamentieren, ändert es aber auch nicht. Ein kleiner Stimmungsaufheller zwischendurch kann deshalb nicht schaden. Trübsal blasen tun genug andere für uns.

Nun aber zum Thema. Leichte Kost und die kleinen Dinge des Alltags. Zum Beispiel unser spontener Ausflug an den Rheinspitz in Altenrhein. Ein mir bisher völlig unbekanntes kleines Naturparadies am Alten Rhein an der Grenze zu Österreich. Achtlos fuhr ich bisher an diesem kleinen Zipfel Schweiz vorbei, wenn ich von meinen Kundenbesuchen im Rheintal zurück ins Büro fuhr. Dank Pandemie, frühlingshaftem Wetter und Lockdown lernten wir so ein Fleckchen kennen, den wahrscheinlich nur die Einheimischen und ein paar Jachtbesitzer (es gibt eine Marina mit Jachthafen, dort wo der Rhein in den Bodesee mündet) kennen. Gefunden haben wir diese Ecke aus reinem Zufall. Geplant war die Fortsetzung unserer Thurwanderung, von Alt St. Johann an die Thurfälle. Als wir dann die vollen Parplätze an der Talstation Selamatt und die Schlangen vor dem Sessellift sahen, verging uns der Appetit auf Touristenhotspots und fuhren weiter ins Rheintal. Dort hatte der Föhn den Winter bereits vertrieben und sie Sonne liess den nahen Frühling erahnen. In der grossen Kurve bei Rheineck verliessen wir die A13 und bogen in eine Seitenstrasse. Ein paar Autos am Strassenrand verrieten, dass es hier offenbar um ein Naherholungsgebiet handelt. So montierten wir die Wanderschuhe und steuert als erstes eine sonnige Bank an, um uns mit unserem Picknick zu stärken. Bei Sandwich, Ei und Gemüsedipp tankten wir Vitamin D und wähnten uns im Tessin. Die nachfolgende Wanderung entlang des Alten Rheins an den Bodensee war dann unsere Sahnehaube der Woche. Eine versteckte Idylle, direkt hinter dem Flughafen Altenrhein. Ein Vogelparadies, Auenwälder mit schönen Wanderwegen. Einzig die Motorsägen auf der österreichichschen Seite, verrieten dass wir hier mitten in der Zivilisation sind. Die Wasservögel schien diese nicht zu stören. Sie übten bereits für die Balz. Wer kann, dem seien solche kleine Auszeiten ans Herz gelegt. Es braucht wenig um der Tristesse der Pandemie zu entkommen.

Wenn uns dieser Lockdown eines gelehrt hat, dann dies: Wohlbefinden und Zufriedenheit hat wenig bis gar nichts mit Jubel – Trubel – Heiterkeit zu tun. Sehr viel aber mit der eigenen Einstellung, bzw. woraus man seine „Energie“ bezieht. Dass wir dazu auch andere Menschen, Gruppen, Ablenkung, Inspiration und Zerstreuung brauchen, ist unbestritten. Und das fehlt zur Zeit. Manchen fällt das schwerer, andern leichter. Aber wir alle können das Virus nicht wegreden. Selbst verdammen nützt nichts. Es gilt: Der Käfer mag uns. Je grösser die Gruppe umso lebendiger fühlt er sich. Wir tun also gut daran, ihm dies Plattform zu entziehen. Will heissen, wir müssen unsere Energie woanders suchen. Solange bis ihm der Schnauf ausgeht und wir immun sind. Und es wäre ja gelacht, wenn wir das nicht schaffen, denn einer der grössten evolutionären Vorteile, den wir besitzen, ist unsere Anpassungsfähigkeit. Nutzen wir diese Fähigkeit und schlagen der Seuche ein Schnippchen.

Das Gute liegt ja meistens näher, als uns bewusst ist. Man sagt auch vor der Haustür. Wer dieser Tage, trotz Kälte und Schnee nach draussen geht, ist erstaunt, wie viele andere es auch so sehen. In alle den Jahren sah ich nie so viele Spaziergänger, rund ums Dorf, wie in den letzten Wochen und Monaten. Und draussen liegt ein kleiner Schwatz immer mal drin. Tut gut, lenkt ab und gibt Kraft zum weiter ausharren. Oder der gute Nachbarschaftsklatsch über die Gartenhecke (falls vorhanden), oder im Hausgang. Er kann das gemütliche Beisammensein zwar nicht ganz ersetzen, aber er hilft über das Alleinsein hinweg, zumal das rettende Ufer (die Impfung) in Sichtweite ist. (Ich weiss es gibt noch viele offene Fragen und vieles läuft schief – es ist trotzdem ein Hoffnungsschimmer). Denn dass ist gewiss: Die Natur verhandelt nicht, wir können uns in ihr nur einrichten.

Und vergessen wir nicht – auch wenn es gerade nicht danach aussieht – der Frühling steht vor der Tür. Die Tage werden schon merklich länger und wenn die Sonne scheint, spürt man ihre Kraft. Die Schneeglöckchen täuschen sich nicht – sie strecken bereits ihre Köpfchen aus dem Schnee, als wollten sie uns auf bessere Zeiten aufmerksam machen. Wir müssen es nur sehen. Wer den ganzen Tag nur jammert, Schuldige sucht und nichts zur Lösung beiträgt, als miese Laune und idiotische Forderungen, braucht sich nicht zu wundern, wenn er (oder sie) als Miesepeter gemieden wird. Wir Menschen brauchen die Hoffnung (bzw. das Wissen, dass wir es besser können), wie die Luft zum Atmen. Statt drinnen im Lärm, finden wir diese derzeit halt draussen und in der Stille. Der Lärm kommt früh genug zurück.

05.02.2021: Trilogie der Entfremdung Teil III – Wirklichkeit

Vermutlich habe ich mich mit der Beantwortung der Frage. weshalb wir so oft gegen unsere eigenen Interessen handeln, etwas überfordert. Egal wie oft ich sie drehe und wende, ich finde fast ausschliesslich Aspekte und Gründe, welche diese „Schizophrenie“ erklären oder gar rechtfertigen. So ist es mit der Entfremdung in Teil I und so mit dem Selbstbetrug in Teil II. Wahrscheinlich zu Recht, warf mir eine kritische Leserin vor, es drehe sich zu sehr um die Befindlichkeiten privilegierter Wohlstandsbürger. Und sie hat Recht.

Es beginnt schon mit der Frage. Diese stellt nur jemand, der sich überlegen fühlt und die Antwort zu kennen glaubt. Sie ist ichbezogen und nimmt die Antwort vorweg, die nur „unsere Dummheit“, lauten kann. Sie ist arrogant und elitär, und führt in die Irre. Denn wenn uns auch menschliche „Schwächen“ zu irrationalem Denken und Handeln verleiten, so finden die nie in einem luftleeren Raum statt. Entscheidend ist vielmehr das Setting oder der Rahmen, in. dem dieses erst zum tragen kommt und Wirkung entwickelt. Die Frage müsste also lauten: Wer oder was bringt uns dazu, gegen unsere eigenen Interessen zu handeln?

Nehmen wir den Fischer, der zusammen mit einhundert anderen Berufskollegen zum Fischen hinausfährt um möglichst viele Fische zu fangen, obwohl er weiss, dass so die Fanggründe bald leergefischt sind und er damit seine Lebensgrundlage verlieren wird. Fährt er aber nicht hinaus, weiss er, dass „seine“ Fische einfach von den 99 anderen Kollegen mitgefischt werden. Also, warum zu Hause bleiben – auch wenn es die Vernunft gebietet? Ein Dilemma – was ist wichtiger: Persönlicher Nutzen jetzt, oder Gewinn für Alle, in der Zukunft?

Wir können fast jedes aktuelle Thema nehmen – das Dilemma manifestiert sich immer gleich. Ich oder wir, jetzt oder später. Verzichte ich auf den Flug nach New York oder verzichte ich zu Gunsten des Klimas – der Flug findet trotzdem statt. Ist mir ein grosser Ertrag wichtiger, als das Trinkwasser der Gemeinde? Verzichte ich auf Chemie und schütze den Boden auch für meine Kinder? Ist mein Wohlbefinden wichtiger, als das Tragen einer Gesichtsmaske um damit das Leben anderer zu schützen?

Zum oben beschriebenen Dilemma gesellt sich noch ein weiteres. Das Einhalten von Regeln und der Verzicht auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung ist selten lustig. Im Gegenteil. Jeder der mal mit Rauchen aufhören wollte, kann davon ein Lied singen. Ob es gelingt oder nicht hängt von der Beantwortung einer einzigen Frage ab. Wer ist hier der Chef? Das Objekt der Begierde (z. B. die Zigarette) oder ich? Ebenso fallen Verbote schwer die uns einschränken. Egal ob schnelles Fahren, Party feiern in der Pandemie oder die Nutzung umweltschädlicher Gifte – der „Verzicht“ nervt. Wir wissen aber auch, dass alles Wissen über die Konsequenzen unseres Handelns nichts nützt, wenn ich keinen Mehrwert durch meine Verhaltensänderung zu erwarten habe – und sei es nur Lob und Anerkennung. Dass dies auch im Kollektiv funktioniert, beweisen z. B. die zum Teil seit Jahrhunderten funktionierenden Allmeinden oder Alpgenossenschaften. (Beispiel dafür sind die Suonen im Wallis) Diese bringen dank selbstbestimmten Satzungen Einzel- als auch Gesamtinteressen perfekt unter einen Hut. Das Geheimnis des Erfolgs: Die Regeln sind selbst gemacht – also selbst bestimmt.

Und damit nähern wir uns auch der Antwort auf die eingangs gestellte Frage. Sie lautet: Selbstbestimmung! Denn wer selbst bzw. mitbestimmt – also Teil von etwas ist, akzeptiert auch seine Regeln. Wer fremdbestimmt ist, lehnt sie (mehrheitlich) ab. Zumindest hier in der Schweiz hätten wir die Instrumente dazu. Sie heissen Demokratie, Föderalismus und Gemeindeautonomie. Nur werden sie immer weniger genutzt, bzw. jenen überlassen, die das System zu ihren eigenen Gunsten zu wissen nutzen. Den Lobbyisten, Egoisten und Demagogen.

Wie das aktuell funktioniert, sehen wir gerade an den drei Vorlagen, über die wir am 7. März abstimmen können. Die an sich sinnvolle Schaffung eine elektronischen Identität (E-ID) wird mit den Interessen der Privatwirtschaft verknüpft (denn diese, und nicht der Staat soll diese ausstellen können). Das Freihandelsabkommen mit Indonesien spült in erster Linie 25 Millionen zusätzliche Gewinne in die Kasse der Lebensmittelmultis (Palmöl) und rettet nicht einen Quadratmeter Regenwald – auch wenn das behauptet wird. Und zu guter letzt, die Burkainitiative. Hand aufs Herz – wer sah letztmals eine vollverschleierte Frau in der Schweiz (ausser man wohnt in Interlaken)? Und glaubt jemand ernsthaft, den Initianten (einem ominösen Altherrenclub um $VP und EDU) ginge es um die Befreiung der Frauen? Ihre Plakate sprechen eine andere Sprache (man beachte die Augenpartie). Es geht einzig um Angst. Angst vor Fremden. Darum, dass wir sie (die selbsternannten Retter der Schweiz) zukünftig wählen. Selbstbestimmt handeln heisst somit: Hinter die Kulissen schauen und die verborgenen Absichten aufdecken. Es beginnt mit dem Erkennen der Lüge. Daraus folgt das Erkennen der Wirklichkeit. Dies ist der beste Garant nicht betrogen zu werden.

29.01.2021: Trilogie der Entfremdung Teil II – Selbstbetrug

Teil I meiner Trilogie endet mit der Feststellung, dass wir uns oft selbst betrügen. Nicht weil wir „dumm“ sind, sondern weil wir uns durch einfache „Lösungen“ in die Irre führen lassen. Leider unterstützt uns dabei auch noch die „menschliche Natur“, welche zu Kurzschlüssen neigt. Im Fachjargon auch als „Heuristiken“ bekannt. Was heisst das?

In der Regel wird ja unsere Vernunft und Rationalität beschworen. Stolz tragen wir diese vor uns her und meinen, uns könne niemand etwas, weil wir ja so schlau sind – die „Mutter aller Irrtümer“, quasi. Denn, was wir schlau nennen, ist nichts anderes als die vorherrschende Meinung des sozialen Milieus, (Mehrheitsmeinung) in dem wir leben. Das sagt jedoch nichts darüber aus ob diese gut oder vernünftig ist. Sie ist bestenfalls akzeptiert, meistens manipuliert und schlimmstenfalls diktiert (z. B. in Diktaturen). Beispiele dazu folgen weiter unten im Text. Der zweite Irrtum dem wir unterliegen, ist die Überzeugung, unsere Entscheidungen und Handlungen wären unserem Verstand geschuldet. Doch da ist unser „Bauch“, der das Rennen meist gewinnt und am Ziel ist, bevor der Verstand überhaupt startet. (Parallelen zur Fabel vom Igel und dem Hasen, sind rein zufällig). Um Energie zu sparen ruft unser „Bauchhirn“ nämlich Muster ab. Es greift auf „Bekanntes“ (oder eben Heuristiken) zurück und reagiert blitzschnell, bevor wir den Denkapparat überhaupt einschalten – dieser darf das Resultat dann bestenfalls noch rechtfertigen, bzw. begründen. Dank diesem Reflex, hat ein Geräusch im Gebüsch, viele Steinzeitjäger vor dem Säbelzahntiger gerettet. Seit diese ausgestorben sind, wendet sich diese Überlebensstrategie jedoch gegen uns. Denn genauer hinschauen, wäre in einer komplexen Welt von Vorteil, und eine weitaus bessere Überlebensstrategie. Diese Ausgangslage spricht also schon mal gegen die Überlegenheit der menschlichen „Vernunft„. Erst recht nicht in einer sozialen Gemeinschaft, auf deren Wohlwollen wir angewiesen sind. Das Resultat kennen wir – es nennte sich Schwarmdummheit und führt mehr und mehr zu Krisen.

Aus dem bisher Gesagten könnte man jetzt schliessen, das die ganze Misere den Defiziten der menschlichen Natur geschuldet ist. Und da diese sozusagen „gottgegeben“ (oder eben evolutionär) auch nicht zu ändern ist. Was sich also abmühen? Der Mensch ist, wie er ist. Beschränkt, gierig und träge. Oder wie anders erklärt es sich, dass wir konsequent gegen unsere eigenen Interessen handeln und uns selbst belügen?

Schauen wir dazu ein paar Beispiele an. „Wir“ (die meisten Landwirte) spritzen unser Gemüse mit Pestiziden, im Wissen darum, dass wir damit unser eigenes Trinkwasser vergiften – die möglichen Ertragseinbussen wiegen schwerer. „Wir“ (die es sich leisten können) fliegen um die halbe Welt, im Wissen darum, dass wir damit das Klima belasten – der Wunsch nach Sonne, Meer und Party ist eben grösser. „Wir“ (die überwiegende Mehrheit) isst Fleisch in rauen Mengen, im Wissen darum, wie stark die Fleischproduktion Umwelt, Tierwohl und Klima belastet – Genuss und Gewohnheit sind stärker. Wir nutzen Google, WhatsApp, Amazon, weil es bequem und günstig ist und ärgern uns wenn wir mit Werbung zugemüllt und Läden geschlossen werden. Wir kaufen Kleider die unter widrigsten Bedingungen in Bangladesch zusammen genäht werde, gehen auf Kreuzfahrt, schliessen Freihandelsverträge mit Diktatoren und wählen Politiker, die uns verarschen – die Liste ist endlos. Auch ich bin von dieser nicht ausgenommen. Selbstbetrug ist Alltag und Teil unseres Systems. Wie ist das möglich?

Das Erkennen unserer „Natur“ ist das Eine („Erkenne dich selbst!“ riet schon das Orakel von Delphi vor 2500 Jahren), das Andere ist das Durchschauen des Systems, in dem wir leben. Kurz gefasst könnte man sagen: Das System baut auf unsere Schwächen und macht es uns einfach „dumm“ zu sein – also sich selbst und sich betrügen lassen. Man kann sogar sagen, es belohnt den (Selbst)Betrug und bestraft jene, welche der Wahrheit verpflichtet sind. Dieser Pakt mit dem Teufel (Belohnung durch Selbstbetrug), hält unser System im Gange. Ein System, das in Wirklichkeit wenigen dient und allen Schaden zufügt. Und hier kommt wieder die Entfremdung ins Spiel. Denn es ist diese, die uns in die Irre führt. Aber wie?

Je grösser die zeitliche und geografische Distanz zwischen unserem Handeln und den daraus folgenden Konsequenzen, desto einfacher fällt der (Selbst)Betrug. Und je fremder uns jemand oder etwas (also Menschen oder ihre Religion/Kultur z. B.) ist, umso leichter fällt es uns, diese abzulehnen oder auszugrenzen. So fällt es dann leicht, das Flüchtlingselend am Rande Europas auszublenden. Denn dieses ist a) weit weg und b) betrifft es Fremde. Ein fataler Trugschluss, denn es ist „unsere“ Politik, die zu diesem Elend führt und es ist unsere Glaubwürdigkeit die zerstört wird. Es ist stets das gleiche Muster. Solange andere, möglichst weit weg oder viel später, die Folgen unseres Tuns zu tragen haben, umso leichter fällt es uns nicht über unser Handeln nachzudenken. Dazu gesellt sich, angesichts der Problemberge, eine „Ohnmacht“, die viele passiv werden lässt. Fast wie im Mikado geht es darum: Wer (was) sich zuerst bewegt, hat verloren. Bestes Beispiel dafür ist wahrscheinlich die Klimakrise, die alles oben Beschriebene in sich vereint. Trifft es uns dagegen direkt, wie z. B. die aktuelle Pandemie, ist Widerstand programmiert. Zu diesem gehört das Leugnen des Unabänderlichen genauso, wie die Schuldzuweisungen. (es sind immer die Andern). Wie kommen wir da raus, ist die grosse Frage. Denn dass wir da raus kommen müssen, steht ausser Frage. Selbstbetrug mag bequem sein, endet in der Regel aber in einem Fiasko.

Wie wir da rausfinden können ist Thema im 3. Teil, nächste Woche. Titel: Wirklichkeit . Dazu schon mal ein Zitat von Greta Thunberg vorab (aus ihrer Rede vom 25.1.2021 am virtuellen WEF):

Hoffnung ist für mich das Gefühl, welches dich am Laufen hält, auch wenn alle Chancen gegen dich stehen. Hoffnung kommt für mich nicht aus Worten, sondern aus Taten. Für mich sagt die Hoffnung, wie es ist, egal wie schwierig oder unangenehm das sein mag.“

21.01.2021: Trilogie der Entfremdung Teil I

Schon seit Jahre grüble ich an der Frage herum, die mich manchmal fast zur Verzweiflung bringt. „Wieso handeln so viele Menschen gegen ihre eigenen Interessen?“ Anders gefragt: Warum wählen so viele Menschen einen Trump, Bolsonaro, die AfD oder $VP? Zumindest wer die $VP wählt ist mir als Sohn einer Kleinbauernfamilie aus dem Zürcher Weinland bekannt. Teile der Familie, viele Nachbarn und ehemalige Schulfreunde. 58,1% sind es aktuell in meiner Wohngemeinde, dort wo ich aufwuchs sind es 60%+. Was also bringt so viele Menschen dazu eine Politik zu wählen, die gegen Andersdenkende hetzt (die Linke und Nette mit Würmern vergleicht), Ausländer für jedes Problem verantwortlich macht (selbst wenn diese vor ihren Augen die dreckigsten und schwersten Arbeiten zu lächerlichen Löhnen verrichten), gegen jede Vernunft Fakten leugnet (z. B. den Klimawandel) und ausser Steuersenkungen für die Reichen kaum mit Zukunftsvisionen glänzet? Bauern, Handwerker, Garagisten und Bürogummis. Mitglieder der Feuerwehr, der Landfrauen und des Turnvereins. Zumindest in den Landgemeinden gehören sie mit zu den engagiertesten Mitbürgern. Die $VP sitzt in den Gemeinderäten, Schulbehörden und Kommissionen. Sie schauen im Winter für die Schneeräumung, kümmern sich ums Wasser und flicken Strassen. Kein Grund also, sie nicht zu wählen – wenn da nicht die politische Agenda einer zynischen Clique von Milliardären und Opportunisten wäre, die eine komplett andere Agenda verfolgen. Eine der Ausgrenzung und der Selbstbereicherung. Das gleiche Programm wie Trump, Bolsonaro oder Orban, die es mit ihren Lügen und ihrer Menschenverachtung schaff(t)en, von Millionen angehimmelt zu werden. Eine Politik des Hasses und des Selbstbetrugs. Sind die alle gaga?

Nein, SIND sie nicht, und ja, ES IST gaga. Wenn die einzig verbleibende „Alternative“ zu konstruktiven Lösungen, die Wahl von Lügnern, Rassisten, Opportunisten oder gar Kriminellen ist, läuft etwas gewaltig schief. Ebenso bedenklich ist, dass die Lösung dringend anstehender Probleme, in deren Leugnung, der Verunglimpfung der Mahner, der Ablehnung der Wissenschaft und dem Glauben an abstruse Verschwörungsmärchen gesehen wird. Und irrwitzig zu meinen mit Abschottung, Grenzschliessung und Isolation liessen sich globale Probleme lösen. Nicht nur aus der Sicht des politischen Gegners, auch rein objektiv und gestützt auf Fakten und Geschichte, ist eine solche Politik ein Desaster. Auch hier dient der eben in die Wüste geschickte Trump, als abschreckenderes Beispiel. Sein Nachfolger erbt ausser einem Scherbenhaufen auch noch Hass und Gewalt. Soweit, so gaga – Problem erkannt – nur Deppen wählen solche Politiker – egal wen, egal wo. Wenn es denn so einfach wäre.

Ist es natürlich nicht! Nicht die Menschen, die sich irrational verhalten sind gaga, sondern die Umstände, die sie soweit bringen. Gaga, im Sinne von bedenklich. Und um das besser zu verstehen, habe ich kürzlich zwei Bücher Amerikanischer Autoren gelesen. „Hillbilly Elegie“ von J. D. Vance und „Homeland Elegien“ von Akhtar Ayad. Beides Familiengeschichten aus den Trumplands – jenen Gegenden Amerikas, wo Trump auch heute noch die grössten und fanatischsten Unterstützer hat. Also über die „Deporablen“ (zu Deutsch: die Bedauernswerten, wie sie einst Hillary Clinton nannte) des Amerikanischen Rostbelt – den Opfern der Globalisierung und des gnadenlosen Neoliberalismus, der letzten 40 Jahre. Ich will und wollte verstehen. Verstehen, warum diese Menschen einem notorischen Lügner mehr glauben, als den offensichtlichen Tatsachen. FakeNews mehr vertrauen als Fakten. Die Wissenschaft verteufeln und Scharlatane bejubeln. Was es braucht, dass Menschen ihr Heil bei Kleptomanen, Rassisten und Lügnern suchen. Und ich wurde fündig. Nicht nur Amerika und Trump betreffend – es öffnete mir auch die Augen für viele andere Themen hier, direkt vor unserer Haustüre.

Das Eine sind die der Profitmaximierung der Konzerne geopferten Arbeitsplätze, die zu Millionen in „Billiglohnländer“ verlagert wurden (in Amerika vor allem nach Mexiko und China) – das Andere, was darauf folgte. Während in Amerika ganze Städte und Landstriche dem Profit „geopfert“ und die Menschen ihrem Schicksal überlassen wurden – also Food Stamps (Essensmarken), Schulden, Drogen und der Hoffnungslosigkeit – so griff bei uns das Bildungssystem und das Soziale Auffangnetz. Auf den ersten Blick also kein Vergleich mit den deporablen Zuständen in Wisconsin, Virginia oder Luisiana. Und trotzdem gibt es auffällige Parallelen. Hier, wie dort hat es mit „Entfremdung“ und „Entwurzelung“ zu tun. Was meine ich damit?

Das Sein bestimmt das Bewusstsein„, wussten schon Feuerbach, Hegel und natürlich Karl Marx – d.h. es sind die Lebensumstände (oder auch das Milieu bzw. die Kultur), welche unser Denken und Handeln bestimmen. Umgekehrt verändert unser Denken und Handeln natürlich auch unsere Umwelt. Unser ganzer Fortschritt, sei er technischer oder gesellschaftlicher Natur, beruht auf dieser „Naturkonstante„. Und somit wären wir mitten im Thema. Wem der Boden unter den Füssen entzogen wird, weil er z.B. den Job und die Krankenversicherung verliert, an der Kasse einer Fastfoode-Kette zum Mindestlohn von 7.25$ landet, aus dem Haus geworfen wird und kriminelle Gangs die Strasse terrorisieren, hat verständlicherweise wenig Bock auf das hochtrabende Geschwätz wohlmeindender Politiker, Soziologen und Wissenschaftler der Teppichetagen in Washington. Erstens hat er dafür keine Zeit, zweitens keinen Bock und drittens versteht er nicht einmal, was die meinen. Da haben es einfache Parolen, dumme Sprüche und leere Versprechungen leicht, wenn diese mit Zukunftsversprechen verwoben sind – gelogen oder nicht, spielt dabei kaum eine Rolle. Die Entfremdung ist beinahe total. Der Unterschied der Lebenswirklichkeit der Einen und dem privilegierten Leben der Andern, könnte kaum grösser sein. Der ideale Nährboden für Verschwöhrungsgeschichten, Misstrauen und Hass. Das perfekte Rekrutierungsfeld für Rassisten, Heilsversprecher und Hassprediger aller Schattierungen. Wer vom Staat allein gelassen (also entfremdet) wird, erwartet von diesem irgendwann nichts mehr und greift nach jedem Strohalm der vorbei schwimmt – selbst wenn dieser der Teufel selbst ist. Und was hat das mit der friedlichen Schweiz zu tun?

Was die Lebensumstände betrifft, wenig. Hier funktioniert meist noch der Sozialstaat. Bis unter die Brücke oder den Trailerpark am Stadtrand (gibt es bei uns nicht), ist es ein vergleichsweise weiter Weg. Was die Entfremdung von den politischen und gesellschaftlichen Eliten betrifft, gibt es jedoch viele Gemeinsamkeiten. Während in den USA Schulen vergammeln, Strassen verlottern und medizinische Hilfe unerschwinglich wird, beschleicht hier manche das Gefühl, wir würden von Firmen, Politik und Behörden nur noch gegängelt. Ist man über 50, wird entlassen, und tritt an meine Stelle noch ein junger, „günstiger“ Ausländer, ist der Fremdenhass nicht weit. Auch wenn der Ausländer dafür nichts kann. Wenn die Dorfbeiz schliesst, die Post ins Nachbardorf zügelt, der Nachbar plötzlich Kroatisch spricht und vor mir an der Ladenkasse eine Frau mit Kopftuch ihren Einkaufskorb leert, ist das Gefühl der Entfremdung nicht weit. Und wo Entfremdung um sich greift, liegt es nah, das Fremde zu entfernen. Problem gelöst. Währenddessen verändert sich das Leben immer schneller. An der Ladenkasse soll ich mit Twint, ApplePay oder sonstwas zahlen, für die Covid-Impfung muss ich mich online anmelden oder stundenlang in einer Warteschlaufe auf eine menschliche Stimme warten, währenddessen die Bank ihren Schalter für immer schliesst. Der Staat meldet sich bestenfalls mit neuen Vorschriften und Verboten. Bald will er noch Ölheizungen verbieten und das Benzin verteuern. Es gibt also „gute Gründe“ frustriert zu sein. Da liegt der Wunsch nach Idylle nah und der Ruf nach Durchgreifen und alter Ordnung wird lauter. Der Selbstbetrug nimmt seinen Lauf.

Trilogie Teil 2 am 27.01.2021: Selbstbetrug

15.01.2021: Zäh

Wer kennt das Gefühl nicht? Man erwartet etwas ungeduldig und es wird und wird nicht. Den 18ten Geburtstag, die geplante Weltreise oder das Trump und die Pandemie endlich verschwinden. Es tut beinahe körperlich weh. Und ist es dann endlich soweit, muss man feststellen, dass die Vorfreude oft grösser war, als die Freude selbst. Denn, ist eine Hürde genommen, lauert bereits die nächste um die Ecke.

Trumps Abgang ist uns gewiss, der 20. Januar rückt näher. Wie dieser aussieht, darüber wird gerade heftig spekuliert. Vorsichtshalber vernageln Bauarbeiter schon mal die Fenster von Regierungsgebäuden und das FBI warnt vor bewaffneten rechtsextremen Horden. 15‘000 Nationalgardisten sind in Washington eingerückt. Vorausgesetzt die Nationalgarde ist nicht korrumpiert (in diesen Tagen weiss man nie), dürfe Jo Biden der 46igste Präsident der Vereinigten Staaten sein und Trump auf einem Golfplatz, im Gefängnis oder bei seinem Zwilling in Brasilien. Auch wenn sein Abgang zäh ist, er ist in Sichtweite. Aufatmen wird nicht nur halb Amerika und die Welt, auch dem Klima wird es nicht schaden. Wir dürfen uns also erst mal freuen.

Wie lange diese Freude anhält, steht allerdings in den Sternen. Ernst zu nehmende Stimmen warnen bereits vor Terroranschlägen durch die unzähligen, bewaffneten Milizen und 15 Millionen christliche Fanatiker beschwören das Armageddon. Ob hier der Teufel an die Wand gemalt wird, wissen wir vielleicht in einem Jahr. Bis dahin hoffen wir das Beste und machen uns auf das Schlimmste gefasst. Hoffnung ist ein zäher Bursche, ermüdend ist diese wahr zu machen.

Weit ermüdender als der Abgang des Verlierers im Weissen Haus auf der anderen Seite des Atlantiks, ist das Aussitzen der Pandemie hier. Ich wähle „aussitzen“ ganz bewusst, denn anders lassen sich die zögerlichen Massnahmen kaum umschreiben. Gouverner c’est prévoir heisst es so schön – also „Regieren heisst Vorausschauen“. In den letzten Wochen und Monaten glich dies aber eher einen ReAgieren und einen ZUschauen. „Die Lage ist ernst, wir beobachten mit Sorge“ des Bundesrates und sein meist spätes Zaudern und Zögern, lässt nicht nur mich ratlos zurück. Fakt ist: „Wer zu spät kommt, bestraft das Leben“ – das wusste schon Gorbatschow und behielt Recht. Denn leider greift das „Prinzip Hoffnung“ bei einem Virus nicht. Der hält sich zäh und kümmert sich nicht um unsere Befindlichkeiten.

Zäh halten sich nicht nur Viren, egal ob sie Trump oder Covid heissen. Noch zäher erweist sich der Irrsinn in Gesellschaft und Politikbetrieb. Da sammelt eine unheilige Allianz ominöser „Freunden der Verfassung“ (aka Coronarebellen), zusammen mit JGLP und Jungen Grünen 140‘000 Unterschriften gegen ein Gesetz, das bereits in Kraft ist (Covid-Gesetz) welches uns vor den Folgen der Seuche schützen soll. Ebenso unheilig das Referendum von $VP/swissoil und Teilen von Fridays4Future gegen das dringend notwendige CO2 Gesetz, das den Klimawandel endlich ausbremsen soll (nicht perfekt – aber besser den Spatz in der Hand, als gar nichts). Gleich verlogen die Allianz der Bauern-Agrochemie-Lobby gegen sauberes Trinkwasser, die mit ihren Plakaten bereits die ersten Bauernhöfe verunzieren. Machiavellisch die $VP, welche Alain Berset entmachten möchte um von ihrem eigenen Versagen abzulenken. Da sind die Störmanövern der gleichen Partei gegen jegliche Pandemiemassnahmen und ihre Weigerung betroffene Branchen und Betriebe angemessen zu unterstützen, fast schon eine Randnotiz. Ideologische Scheuklappen (Schulden sind böse) und naive Träumereien (entweder alles oder nichts) sind zäh. In Krisen sind sie nicht nur lächerlich, sie sind ausgesprochen gefährlich. So endet der verbohrte Sparreflex für viele Menschen und Firmen im wahrsten Sinne des Wortes tödlich. Egal ob Covid, Trinkwasser oder Klima – Hauptsache ich Rette meine Pfründe oder Überzeugungen. Verhaltensmuster sind so zäh, wie Viren und kaum auszurotten.

Wie fast alles im Leben hat aber auch das Zähe eine gute und eine schlechte Seite. Schützt uns eine feste (zähe) Schuhsohle vor rostigen Nägeln, so beissen wir uns bei zähem Fleisch die Zähne aus. Und hilft sie uns beim Dranbleiben und Durchhalten in schwierigen Situationen (wie z. B. das Durchstehen dieser Pandemie), so steht sie uns beim zähen Festhalten an alten Verhaltensmustern im Wege. Fällt uns die Unterscheidung zwischen Schuhsohle und Fleisch leicht, ist diese dafür zwischen vernünftigem Dranbleiben und sturem Festhalten umso schwieriger. Das „cui bono“ (also wer hat einen Vorteil davon) hilft uns auch hier.

08.01.2021: Privilegiert

Oft hört man klagen, wir wären verwöhnt. Eine Wohlstandsgesellschaft. Ein moralinsaure Unterton meist nicht zu überhören. Ob es Diagnose, Vorwurf oder einfach nur Selbstverortung ist, ist selten klar. Klar ist nur, dass es lamentabel ist. Lamentabel und schlecht für uns selber (Weicheier sind Loser) und schlecht für die Gesellschaft sowieso (den Starken gehört die Welt). Interessanterweise sitzen die Lamentierer*innen immer auf einem bequemen Bürostuhl oder einem bequemen Sofa, in einer geheizten Stube. Besser gesagt: Es sind Privilegierte. Man könnte auch sagen, es ist Ausdruck einer Geisteshaltung, eines Lebensstils oder Weltanschauung. Denn wieso soll „Wohlstand“ – also die Tatsache, dass es uns materiell gut geht – plötzlich schlecht sein? Haben nicht Generationen genau dafür gekämpft und gelitten und tun es nicht weiterhin Millionen und Milliarden weltweit? Was daran ist also schlecht und wieso dieses Stirnerunzeln?

Wer in den Slums von Mumbai oder Nairobi lebt, (so vermute ich, denn ich lebe ja nicht dort) wird unter Wohlstand vermutlich etwas anderes verstehen, als ein Bewohner der Goldküste (auch das eine Vermutung, da ich auch dort nicht wohne). Armut und Wohlstand definiert sich naturgemäss aus dem Vergleich. In der Regel zum Nachbarn oder dem nahen Umfeld. Wissen ob es morgen noch etwas zu essen gibt, ist im Slum von Dahravi etwas anderes, als in Herrliberg. Dort ist es eher der schnellere Porsche des Nachbarn, der ärgert. Was also ist Wohlstand und was heisst verwöhnt?

Sozusagen die ultima ratio des Wohlstand-Lamentos gipfelt im Vorwurf der Wohlstandsverwahrlosung. Darunter wird alles subsumiert, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Von den verwöhnten Kids, den laschen Erziehungsmethoden, den Ansprüchen der Generation Boomer, bis hin zu zugemüllten Stadtparks und Schulabbrechern – kein Thema, dass nicht dem angeblich zu grossen Wohlstand zugeschrieben werden könnte. Verwahrlost durch Wohlstand. Kategorien die per se nicht zusammenpassen. Verwahrlost sind in der Regel die Habenichtse, die Faulen und Obdachlosen. Also muss wohl mit diesem Wohlstand etwas nicht stimmen.

Implizit oder explizit mit dieser Diagnose wird auch gleich die Therapie mitgeliefert. Mehr Härte, mehr Disziplin, mehr Entbehrung sollen es richten. Auf den Punkt gesagt: Weg mit dem Wohlstand für alle. Bis man über Sozialschmarotzer schwadroniert und bei jedem Sozialwerk die soziale Hängematte wittert, ist es dann ein kleiner Schritt. Und man selbst hatte es ja auch nicht leicht… Steine klopfen hat noch niemandem geschadet…“eis an Grind und gut ist“. Ist es das, was damit gemeint und gewollt ist? Zurück zu den „guten alten Zeiten“, als die Welt noch heile war?

Selbstverständlich war sie auch früher nicht in Ordnung. Und selbstverständlich sind immer die Anderen gemeint, wenn es um blamable Zustände geht. Wir können dieses Wohlstandsgedöns also ruhigen Gewissens dorthin entsorgen, woher es kommt: Zurück an den Absender!

Ist damit alles geklärt? Mitnichten! Denn selbstverständlich sind die Diagnosen nicht telquel falsch und aus der Luft gegriffen. Es gibt in der Tat vieles zu beklagen, was auf unseren Wohlstand – also der Tatsache, dass wir materiell gut abgesichert sind – zurückgeführt werden kann. Dabei geht es aber nicht darum, dass der angebliche Wohlstand zur Verwahrlosung führt, sondern um die Ignoranz und Arroganz, die mit diesem einher geht. Gerade jene, denen es materiell besser geht, als dem Durchschnitt, pflegen oft eine Mentalität des „das steht mir zu“ und der Entsolidarisierung. Sein und Haben wird zum Synonym und zur Selbstverständlichkeit. Das Leben findet in einer Art Filterblase statt. Diese ist wahlweise ein gemachtes Bett oder aber wird bedroht. Wohin das führt, erleben wir täglich und verschärft in diesen Tagen.

Was wir gerade erleben ist eine tiefe Spaltung der Gesellschaft. Sowohl materiell, kulturell wie politisch. Materiell öffnet sich die Schere zwischen oben und unten seit Jahrzehnten. So sehr, dass es sogar dem ehemaligen Nationalbankchef , Philipp Hildebrand, Sorgen bereitet. Nicht nur bei den Vermögen, welche für die reichsten 0,1% ins astronomische steigen, sondern auch bei den Einkommen der privilegierten Berufsgruppen (Top 10% mit einem Einkommen > 125’000 p. a). Dagegen steht die grosse Mehrheit, deren Realeinkommen seit Jahren stagniert oder gar sinkt. Die kulturellen Verwerfungen sind fast noch schmerzhafter. Auf der einen Seite Heimatlose, welche unter dem rasanten Wandel leiden, auf der anderen die Globalisierungsgewinner, welche den Wandel begrüssen. Besonders sichtbar werden die Abgründe im gesellschaftlichen und politischen Alltag. Dieser Tage besonders deutlich im Capitol, wo offensichtlich zwei Welten aufeinanderprallen. Bei uns z. B. in den verhärteten Fronten rund um die Pandemie. Auffallend – hier wie dort – die fast vollständige Entsolidarisierung. Im Vordergrund steht das „ich“, ein „wir“ existiert kaum noch. Und wenn ein „wir“ – ist es ein diffuses „Wir sind das Volk“, das sich in einer Parallelwelt verschanzt hat. Die eigentliche Verwahrlosung ist der Verlust der Orientierung und der Bodenhaftung. Offensichtlich gilt: Je höher ich mich in der maslowschen Pyramide befinde, desto weniger kümmern mich andere. Und je weniger mich andere kümmern, umso weniger kümmert mich auch, woher mein Wohlstand kommt. Ein möglicher Verlust ist umso schmerzhafter.

Maslowsche Bedürfnispyramide

Wo man – wie hier in der Schweiz – auf die Sonnenseite des Planeten geboren wurde, löst ein möglicher Wohlstandsverlust besonders viel Ängste und Aggressionen aus. Wenn das vermeintlich Selbstverständliche zur Disposition steht, sind Tugenden fern. Der Besitzstand wird mit Zähnen und Klauen verteidigt – was kümmern mich andere. Gemeinsinn „verwahrlost“, das Privileg mutiert zum Spaltpilz. Deutlich sichtbar z. B. an der Covid-Impferei. In der Schweiz diskutieren wir darüber wer jetzt als erste/r an die Reihe kommt, während die Länder in Afrika froh sein können, wenn sie bis 2024 überhaupt Impfstoffe erhalten. Was wundert es, wenn die Welt auseinander fällt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns wenigstens unserer Privilegien bewusst sind. Privilegien funktionieren nämlich nur, solange sie verdient sind. Leider ist dieses Bewusstsein bei vielen Privilegierten verkümmert. Denn sind sie es nicht, ist Ärger vorprogrammiert.

Silvester 2020: Sapere aude

Damals als – so wird erinnert. Damals also, als alle, oder wenigstens fast alle, Masken trugen…. zu Beginn der 20iger Jahre. Ein denkwürdiges Jahr. Was wird davon bleiben? War es der Beginn eines Umdenkens? Das Ende einer Epoche? Die Wende zum Guten oder Schlechten? Vielleicht sogar eine Zäsur? Da uns der Blick in die Zukunft durch die Vergangenheit verstellt ist, müssen wir raten. Selbst Indizien – Erfahrungen genannt – sind nur bedingt hilfreich, denn sie klammern zukünftige Ereignisse naturgemäss aus. Fazit: Die Zukunft findet in der Zukunft statt. Trotzdem sind wir den Ereignissen nicht ganz hilflos ausgeliefert, denn wir können aus vergangenen Ereignissen lernen, unser Verhalten anpassen und Fehler zu vermeiden versuchen. Dies setzt allerdings voraus, dass wir erkennen. Erkennen, woran es liegt, dass wir sind, wo wir sind. Es braucht dazu nicht zwingend das „sapere aude“ Immanuel Kants, es genügt ein ungetrübter Blick zurück. Ein Blick der (ein)ordnet, erhellt und erkennt. Ein Jahresrückblick bietet dazu Gelegenheit. 2020 ganz besonders.

Wo warst du am 16. März 2020 oder was machtest du am 11. September 2001? New York, World Trade Center, Twin Towers, Terror und Osama Bin Laden – 9/11 – ist vermutlich bei uns allen fest verankert. Deshalb wissen wir meist auch nach 20 Jahren noch, wo wir damals waren und was wir gerade taten, als die brennenden Türme, vor den Augen der Welt, in sich zusammen brachen. Aber der 16. März 2020? Am 16. März hiess es: „Bleiben sie zu Hause“ – Lockdown. Seither gibt es ein davor und ein danach. Mich traf es vor Tasmanien. Statt Port Arthur, Tasmanischer Teufel und spektakuläre Strände, hiess es: Zutritt verboten – Hobart ist verseucht. Unverständnis – Frust – und was jetzt?

Was jetzt – auch noch neun Monate später. Statt einer kurzen heftigen Grippe, die, wie es sich gehört, im Frühjahr Leine zieht, entpuppte sich der Krankmacher als fiese Seuche von beinahe alttestamentarischem Ausmass. Ungläubig verfolgen wir seither die steil ansteigenden Kurven der Infizierten und Toten, reiben uns die Augen und stellten erstaunt fest: Alles ist anders. Zwar geht die Sonne weiterhin im Osten auf und im Westen unter – alles Übrige aber ist in Frage gestellt – Gewissheiten inklusive. Und um die Gefühlslage zusätzlich zu verkomplizieren, reiht sich seit Oktober Lockdown an Lockdown, während der neue Impfstoff Normalisierung verspricht und das Virus mutiert. In etwa gleich verrückt, Trumps Abgang als groteske Inszenierung eines Irren. Abgang gewiss, Ausgang ungewiss. Auf dem Rost geröstet werden, ist dagegen Wellness im Jaccusi. Dazu eine Regierung, welche die wirtschaftlichen Sonderinteressen einflussreicher Lobbies offensichtlich höher gewichtet, als unsere Gesundheit. Über die Spätfolgen lässt sich bestenfalls spekulieren. Schaden genommen hat aber mit Bestimmtheit unser Vertrauen. Unser Vertrauen in die Politik und Institutionen – und noch tiefgreifender, unsere Verletzlichkeit. Die Erkenntnis, dass wir nicht die Herren der Schöpfung, sondern in unserem Habitat bestenfalls geduldet sind, grenzt an eine Beleidigung. Der Grat zwischen einem unbeschwerten Leben in Sicherheit, Saus und Braus und einem in Angst um Existenz und Zukunft, entpuppte sich als schmal und brüchig.

Und wo es bricht, öffnen sich Klüfte. Die Kluft zwischen armen und reichen Ländern, zum Beispiel, wenn es um Impfstoffe geht. Zwischen jenen mit Job und jenen ohne. Den Profiteuren des Online-Handels und den zwangsbeurlaubten Wirten, den unterbeschäftigten Selbständigen und jenen, die einsam in ihren Wohnungen sitzen und nicht wissen, wie die nächste Miete zahlen. Getoppt nur noch durch die tiefen Gräben zwischen Vernunft und Aberglaube, Wissenschaft und Scharlatanerie, sowie Dogma und Notwendigkeit. Die bittere Erkenntnis: Das Eis ist dünner, als wir denken. Ob es hält ist mehr Glück als Verstand. Die Aufarbeitung dieser Zäsur, wird Jahre oder Jahrzehnte dauern. Ein erster Test steht quasi Ante Portas. Er lautet: Haben genügend Menschen Vertrauen in die Wissenschaft und lassen sich impfen? Falls nicht, dürfte 2020 nicht das letzte Annus Horribilis gewesen sein.

Doch, auch wenn Corona omnipräsent und Trump nervtötend ist, dürfen wir uns nicht von den Scheinwerfern der Medien blenden lassen. Die Neigung dort zu suchen, wo Licht ist, ist natürlich, selten aber zielführend. Das Böse kommt nicht umsonst aus dem Dunkeln. Was also offensichtlich und in aller Munde ist, ist nicht zwingend dass, was uns Angst machen sollte. So wie Trump nicht Ursache, sondern Folge des Rassismus und des Niedergangs der Mittelschicht war, so ist Corona nicht verantwortlich für das Versagen unserer Politiker. So wie diese auf diese Pandemie reagieren, tun sie es auch beim Klima oder dem Pestizid im Trinkwasser. Erst der Profit, dann der Wähler. Angst sollte uns deshalb nicht das Offensichtliche, wie z. B. ein irrer oder korrupter Politiker, der ein schlechtes Gesetz voran treibt oder halbherzige Massnahmen verordnet, sondern die Mechanismen, die dazu führen. Wenn also der Amazonas oder halb Sibirien brennt, wie auch dieses Jahr, in Bosnien und Griechenland Flüchtlinge wie Dreck behandelt werden (wie gerade in diesen Tagen) und Menschen in Yemen verhungern, sind das tragische Ereignisse, nicht aber der Grund zur Sorge. Sorgen machen sollten wir uns über die Mechanismen, die dazu führen.

Aber welche sind das? Gerade in akuten Krisen und mitten in den turbulenten Ereignissen, sind Muster schwer zu erkennen. Trotzdem sollten wir ab und an etwas beiseite treten und einen nüchternen Blick, aus der Distanz, auf das vermeintliche Chaos werfen. Was also sehen wir? Eine Pyramide. Oben sitzen wenige Profiteure, denen die Politik mit Steuererleichterungen, laschen Gesetzen und billigem Geld dient. Unten all jene, die für sich selber schauen dürfen und hängen gelassen werden. Das Fatale: Die Pandemie verstärkt dieses Gefälle zusätzlich. Wo kleine Firmen ihre Existenz verlieren, treten Konzerne, welche die Konkursmasse zum Schnäppchenpreis an sich reissen. Befördert noch mit dem billigen Geld der Zentralbanken. Aus Vielfalt entsteht Einöde. Der konkurse Wirt darf in Zukunft Burger für einen Amerikanischen Multi braten. Die überschuldete Coiffeuse, Haare für eine hype Haarfabrik schneiden. Gross schluckt klein. Nicht neu – dank Corona nun aber mit Turbobooster. Solange niemand dagegen hält, gewinnt der Starke. 2020 waren das z. B. die 300 Reichsten Schweizer (+ 15 Milliarden) welche durch Steuergeschenke (Streichung der Emisionsabgaben) noch reicher werden. Dafür verloren die Ärmsten 19% ihres Einkommens. Wer genau hinschaut merkt rasch: Die „grosszügige“ Coronahilfe hilft nicht den Bedürftigen sondern den Banken, Immobilienbesitzern und sog. systemrelevanten Betrieben, wie der Swiss. Auf der Strecke bleiben all jene ohne Lobby in Bern, jene auf welchen die Pyramide steht.

Fast hätte ich noch den Brexit vergessen, der uns seit nunmehr fünf Jahren langweilt. Er findet am 31.12.2020 um 23:00 ein betrübliches Ende. Einen Vorgeschmack auf deren Vollzug durften die Briten kurz vor Weihnachten erleben, als Frankreich wegen des mutierten Sars-Virus ihre Grenzen schloss. LKW-Staus durchs halbe Land. Ob die Wähler damals wohl wussten, was sie erwartet? Gute Aussichten sehen anders aus. 2020 kann aber auch eine Chance sein. Viele haben gemerkt, dass es auch mit weniger geht. An vielen Orten konnte sich die Natur erholen. Die neu gewonnene Ruhe, lernten viele zu schätzen. Nicht zuletzt zeigt die Krise, wie wichtig ein funktionierender Staat, ein gut ausgebautes soziales Netzwerk und Solidarität ist. Es liegt an uns, dies einzufordern. Sapere aude – oder wie Horaz 20 vor unserer Zeit schrieb: Dimidium facti, qui coepit, habet: sapere aude, / incipe. Zu Deutsch: „Einmal begonnen ist halb schon getan. Entschließ dich zur Einsicht. Fange nur an!“

25.12.2020: Warum wir Märchen lieben.

Wer kennt sie nicht, die traurigen-schönen Weihnachtsgeschichten des Pfarrers am Weihnachtsabend. Immer mit Tränen, Ungerechtigkeit und unverhofftem Glück zum freudigen Happy-End. Ja, was wäre Weihnachten ohne Hoffnung auf Gerechtigkeit, Frieden und Glück? Nichts! Und getreu der christlichen Lehre, erfolgt die Wende zum Guten, fast immer durch die Läuterung, Umkehr und Reue eines Bösewichts. Wie wohltuend sich Weihnachten doch vom Alltag unterscheidet. Das Gute triumphiert, das Böse geht unter. Eine Welt, wie wir sie uns wünschen.

Aus bitterer Erfahrung nennen wir solche Geschichten Märchen. Erfundene, unwahre Geschichten. Eng mit dem Märchen verwandt ist die Lüge, denn auch diese ist frei erfunden. Gemeinsam wollen sie uns einen Bären aufbinden und uns etwas Glauben machen, was nicht wirklich ist. Sie manipulieren uns. Und trotzdem gibt es einen grossen Unterschied. Während uns Märchen in der Regel Hoffnung machen (das Gute besiegt das Böse) oder belehren (wenn du Böses tust, wirst du büssen), will uns die Lüge ausschliesslich in die Irre führen. So lieben wir in der Regel Märchen und hassen die Lüge.

Leider sind die Beiden nicht immer klar zu unterscheiden. Wenn uns Hoffnung verkauft wird, wo es keine gibt, ist es zwar ein schönes Märchen aber eine Lüge. Es zählt also die Absicht, mit der uns etwas erzählt wird. Sprich: Wem nützt die Geschichte? Mir oder dem Erzähler? Dies herauszufinden ist nicht immer leicht. Umso grösser unsere Enttäuschung, wenn wir dahinter kommen.

Weihnachten sind voll von solchen Geschichten. Die wohl bekannteste und schönste, die Weihnachtsgeschichte selbst, die damit endet, dass uns der Heiland geboren wird. Sie ist sozusagen die Vorlage für alle schönen Märchen – Hoffnung. Hoffnung auf Besserung, Erlösung (von was auch immer), Frieden und ein gutes Leben. Alte uneingelöste Menschheitsträume. Wer könnte da dagegen sein?

In Krisenzeiten sind wir in besonderem Masse auf Besserung abonniert. Im Gegensatz zu den Märchen, wo die Rettung sozusagen per Zufall vom Himmel fällt, sind wir für das Heilen aber selber zuständig. Sei es die Solidarität mit den Schwächsten, das tragen von Masken oder sich impfen lassen – es liegt allein an uns, ob sich etwas zum Guten wendet. Das ist anstrengend. Und deshalb mögen wir Märchen. Dort retten uns irgendwelche Engel und Prinzen. Eintauchen in solche Märchen ist Weihnachten. An Weihnachten haben wir Zeit um uns zu besinnen und Kraft zu tanken. Märchen gehören dazu – sie geben uns „Hoffnung“. Die Hoffnung, dass wir die Kraft haben, das zu ändern, was wir ändern können und müssen.

Ich danke allen, die meinen Blog lesen und mich immer wieder ermuntern weiter zu machen. Ich wünsche allen schöne Festtage und ein besseres neues Jahr. Wer will, liest mich.

Erich