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16.10.2020: Heureka!

Heureka!

Nackt lief er vor über 2000 Jahren durch die Stadt Syrakus und rief Heureka! Die Erkenntnis kam ihm beim Besteigen seiner Badewanne. Endlich wusste er, weshalb Schiffe schwimmen und Steine absaufen. Archimedes entdeckte den Auftrieb bzw. die Verdrängung. Auch heute gilt dieser Ausruf noch als Zeichen grosser Freude, wenn man zu einer Erkenntnis gelangt. Heureka! Schau mal her, wie schlau ich bin! Ganz im Gegensatz zu seinem griechischen Verwandten und Philophen Sokrates, der meinte: „Ich weiss, dass ich nichts weiss“ oder noch deutlicher Albert Einstein mit: „Je mehr ich weiss, desto mehr erkenne ich, dass ich nichts weiss„. Ein Bescheidenheit und Demut, die wir zur Zeit alle ziemlich vermissen. Viel lieber schreien wir Heureka! Aber was haben wir eigentlich entdeckt?

Jede*r ist heutzutage ein Experte. Schliesslich gibt es ja Google, Youtube und Wikipedia. Alles Wissen dieser Welt „frei Haus„. Dumm nur, dass das geballte „Wissen“ der digitalen Welt nicht nach Wahrheitsgehalt kategorisiert und gekennzeichnet ist. Dummheit, Falschheit, Lügen und Schwachsinn stehen gleichberechtigt mit Wissenschaft, Wahrheit, Fakten und seriöser Berichterstattung – nein – dank der allmächtigen Algorithmen der Techgiganten sogar noch vor diesen. Aufreger und Skandale waren ja schon immer spannender als der normale Alltag. Und schon sind wir mitten im heutigen Thema: Wieder einmal Corona – das musste ja sein.

Und ich schreibe einmal nicht über jene, die das Virus leugnen und meinen, Masken wäre nur was für Weicheier oder schlimmstfalls ein Zeichen einer allmächtigen Diktatur. Angesichts der explodierenden Fallzahlen verstummen diese sowieso und geben sich der Lächerlichkeit preis. Viel bedeutsamer und wichtiger scheint mir die Frage, wie es eigentlich zu dieser 2ten Welle kommen konnte. Wobei ehrlicherweise auch diese Frage müssig ist – wer die Augen offen hielt, hat es kommen sehen. Seit dem Ende des eigentlichen Lockdowns (oder was als solcher bezeichnet wurde), lavieren die Politiker zwischen der einen Branchenlobby und er andern. Gegenüber dem Bürger gilt das Prinzip Hoffnung (auch bekannt als Eigenverantwortung). Begleitet wird der Zirkus von einer „Debatte“ um Masken oder nicht, bzw. darf man der Wissenschaft (noch) glauben oder sind alle von Bill Gates geschmiert.

An epidemologischen und historischem Wissen mangelt es wahrlich nicht. Auch Zeit hatten wir genug – neun Monate, um genau zu sein – seit das Virus in Wuhan wütete. Die spanische Grippe (50+ Millionen Tote) ist gerade mal 100 Jahre alt. Die Quarantäne kennt man seit der Antike als Massnahme zur Eindämmung von Seuchen und die Wissenschaft warnt nicht umsonst seit Jahrzehnten vor Epidemien und Zoonosen (von Tieren verursachte Krankheiten). Die Pandemie trifft uns also nicht ganz „unvorbereitet„, wohl aber „unerwartet„. Unerwartet, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass es für alles eine Instant-Lösung gibt (die Antwort liegt immer nur einen Klick weit weg) oder es eh nur die Ärmsten – weit weg in Afrika (Ebola) – trifft. Umso härter und tiefer der Fall. Denn, was ist schlimmer in einer „Rundumsorglosgesellschaft„, als Verunsicherung, die Infragestellung von „Gewissheiten“ und des eigenen Lebensstils? Nichts!

Dabei sind wir, global betrachtet, noch in einer äusserst komfortablen Lage. Hier hungert niemand wegen Corona – weltweit schätzt man die Corona-Hungernden auf mittlerweile 270 Millionen, Tendenz stark steigend. Wir haben ein (noch) funktionierendes Gesundheitssystem, einen Sozialstaat, volle Kassen (40% Staatsverschuldung ist im Vergleich ein Klacks) und viele Freiheiten. Dinge, die an den meisten Orten dieser Welt – selbst im reichen Amerika – längst nicht mehr selbstverständlich sind. Dazu eine Politikerkaste, die sich wahlweises als ignorant, verantwortungslos, bösartig und dumm gebärdet. Spitzenreiter einmal mehr der Auferstandene im Oval Office, sekundiert von den üblich Verdächtigen im brennenden, brasilianischen Pantanal, der geldgierigen City of London und dem südlichen Afrika mit ihren bigotten Despoten. Wer solchen Vorbildern nacheifert (Roger Köppels Weltwoche sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt) braucht sich um den Schaden nicht wundern.

3105 Infizierte meldet das BAG heute. Ich fürchte nächste Woche sind es dann 4500, dann 6000, 12‘000 … – falls wir so weiter wursten, wie diesen Sommer. Viel zu spät reagieren die kantonalen Gesundheitsdirektoren und auch dass nur halbherzig. Das Contact-Tracing hat (bei allem Wohlwollen) vermutlich schon längst das Handtuch geworfen. Niemand wagt sich an einen zweiten Lockdown – auch wenn die Zahlen längst dafür sprechen (die Ansteckungszahlen sind doppelt so hoch, wie im März). Die Angst vor politischem Gesichtsverlust und Ärger mit den Branchen, Wirtschaftsverbänden und ihren Lobbyisten im Parlament, verhinderen griffige Massnahmen. Dazu kommt die Angst vor den nächste Wahl – schliesslich will man ja wiedergewählt werden. Das Virus wütet also praktisch ungebremst. Mit Positivitätsraten von deutlich über 10% (als0, 1 Infizierter auf 10 Getestete) ist die Dunkelziffer bei mind. Faktor 5. Wir reden also nicht von 3000, sondern von 15’000 tatsächlich Infizierten (das wäre also 1 auf 100 pro Tag und jeder steckt momentan bis zu 1,5 weitere an). Zum Glück waren es bisher eher Junge, die sich ansteckten, sonst wären die Spitäler schon längst kollabiert. Zustände wie im überfüllen Kantonsspital Schwyz dürften wir schweizweit dann ab mitte/ende November haben – sagt uns die Erfahrung und die Statistiker. Aber noch herrscht das Prinzip Hoffnung.

Jetzt, wo die 2te Welle abhebt und sich auch von hartnäckigsten Ignoranten nicht mehr leugenen lässt, kriechen die 26 Gesundheitsdirektoren aus ihren Löchern und verkünden Massahmen – für nächste Woche und so. Mit ernstem Gesicht, völlig perplex hinken sie dem Empfehlungen der Experten hinterher – viel zu spät und mit vielen unverständlichen Ausnahmen selbstverständlich. Am besten noch von Dorfplatz zu Dorfplatz verschieden – man ist ja so stolz auf den Föderalismus. Appelle statt griffige Massnahmen – Fussball und Hokey mit über 1000 Besuchern sind ja sooooo systemrelavant – Eigenverantwortung (die beste Ausrede um die Verantwortung von sich zu schieben) soll es richten. Besser der Bürger hat ein schlechtes Gewissen, als der Fussballclub eine leere Kasse. Ich kann es echt nicht mehr hören!

Damit man mich richtig versteht: Eine Pademie bekämpft man entweder gemeinsam (und da zählt auch das Verhalten jedes Einzelnen) oder man lässt es! Was fehlt, sind einheitliche, verständliche Regeln und deren Durchsetzung – auch als FÜHRUNG bekannt. Es fehlt an der Demut, sich Unwissen und Unvermögen einzugestehen. Es fehlt an der Erkenntnis (Heureka!), dass wir nicht alles per Mausklick vom Tisch wischen können, dass uns hier die Natur den Meister zeigt und wir uns entweder anpassen oder aber scheitern. Wenn wir das erkannt haben, wäre Jubel und ein herzhaftes Heureka! angebracht.

09.10.2010: Erwartungen

Kürzlich fragte mich die 16-jährige Freundin meiner Enkelin, als wir am Tisch wieder einmal über das absurde Theater Donald Trumps sprachen: „Was erwartet uns denn in Zukunft?“ Und ich muss zugeben, die Frage warf mich einen Moment lang, ziemlich aus dem Tritt. Was antwortet man auf diese Frage einer 16-jährigen, ohne sie in Panik zu versetzen, überheblich und abgeklärt zu wirken, selbstkritisch und ohne zu lügen? Ich begann also zu stottern.

Bereits mein Einleitungssatz war ein rethorischer Rohrkrepierer. „Ich vermute mal nichts Gutes„. Genau die Einleitung, die ich eigentlich tunlichst vermeiden wollte. Der negative Frame (so nennt man den Rahmen, den man mit einer Einleitung setzt) bestimmte folglich den Rest der Antwort. Da halfen auch Begründungen und Erklärungen wenig. Ich hätte mich im Nachhinein dafür ohrfeigen können. Die junge Gymnasiastin war auf jeden Fall mehr irritiert, als zufrieden. Folglich habe ich lange über diese Frage nachgedacht, bin aber – wie ihr hier lesen könnt – nach wie vor unsicher, was wir dazu sagen sollten. Deshalb einige Gedanken dazu.

Ein Weg wäre das Dozieren (etwas, was ich besonders gut „beherrsche“). D.h. das belehren, liefern von Fakten, das begründen und lehrmeistern. Ob das allerdings ankommt, darf bezweifelt werden. Nicht nur, weil Fakten (oft) langweilig und Besserwisserei überheblich daherkommen, sondern vor allem, weil unsere Generation eine besondere Verantwortung für den Zustand der heutigen Welt trägt. Wir sind vermutlich die Letzten, die den moralischen Zeigfinger hochhalten dürfen und die Jugend in die Pflicht nehmen dürfen. Diese hat den angerichteten Schlamassel so oder so auszubaden – auch ohne unsere Besserwisserei. Eine Besserwisserei, die zumal etwas gar spät kommt und die vor allen Dingen zum zweifelhaften Zustand der Welt von heute geführt hat. Oder besser gesagt: Wir hätten es gewusst, die Bequemlichkeit hat uns aber daran gehindert, es besser zu machen. Und trotzdem steht da die Frage im Raum: Was erwartet uns?

Also Klappe halten oder sich rausreden, nach dem Motto: „Wer weiss schon was kommt? Zwar richtig – die Zukunft vorhersagen konnte nicht mal das Orakel von Delphi – aber billig, denn wir wissen ziemlich genau, wie es um uns steht, wenn wir ehrlich sind. Vom Klima, zur Biodiversität, der wachsenden Ungleichheit, dem Rassismus bis hin zur Gewaltspirale an allen Ecken und Enden, liegen die Fakten auf dem Tisch. Geht es in gleicher Richtung und im gleichen Tempo weiter, ist eine Prognose nicht mehr schwer – mein „Ich vermute mal nichts Gutes„, entspringt genau dieser Denke. Es ist aber feige, denn eigentlich drückt man sich damit a) von der eigenen Verantwortung und b) unterbindet damit eine Diskussion. Also doch die ungeschminkte „Wahrheit“?

Aber was ist „die Wahrheit“ und an was messen wir unsere Erwartungen? Erwartungen sind nicht nur individuell sehr unterschiedlich und abhängig vom Alter, der gesellschaftlichen Stellung, sowie der Herkunft und der sozialen Klasse; sondern zeigen auch in unterschiedliche Richtungen. Entweder sind es Hoffnungen oder aber Ängste – je nach persönlicher Prägung und/oder Erfahrung. So wie für den Optimisten das Glas halb voll, so ist es für den Pessimisten halb leer. Und so wie für den Hungernden ein Stück Brot das Glück auf Erden, so ist für den Reichen das Haus an an der Côte d’Azure bestenfalls ein Statussymbol. Endgültig den Unterschied macht aber die Sicht auf die Welt von heute. Für die einen leben wir in der besten aller Welten (das dürften wohl vor allem jene sein, die in von den Segnungen unseres Systems profitieren) und für die andern stehen wir kurz vor dem Weltuntergang. Extrapoliert man jeweils das eigene Weltbild in die Zukunft, erscheint diese damit naturgemäss entweder golden oder tief schwarz. Was also antwortet man einem jungen Menschen auf seine Frage, was uns erwartet?

Erzählt man von den eigenen Ängsten? Bemüht man die Philosophen, die Wissenschaft oder zitiert man eine Parteilinie? Will man in Ruhe gelassen werden und klemmt die Frage mit einem banalen Spruch ab oder sucht man eine ernsthafte Antwort? In jedem Fall aber erzählt man mehr von sich, als von der möglichen Zukunft, die man erwartet. Denn eine objekte Wahrheit gibt es tatsächlich nicht. Und trotzdem ist die Frage der Jugend mehr als nur berechtigt, denn die Antwort darauf ist auch gleich eine Handlungsanweisung. Das aktuelle Geschehen liefert dazu anschauliche Beispiele.

Das vom Parlament ausgehandelte Co2-Gesetz zum Beispiel wird gleich von mehreren Seiten mit einem Referendum bekämpft. Von jenen Klimajugendlichen, für die es viel zu wenige weit geht (tut es, wenn man sich an die wissenschaftlichen Fakten hält) und für die andern bedeutet es den Verluste von Arbeitsplätzen und Profit (logischerweise das Autogewerbe und die Erdölimporteure). Wir alten Hasen wissen: Politik ist die Kunst des Machbaren. Die Kunst des Notwendigen ist leider nur in Krisen möglich – und solange die Klimakrise nicht als solche erkannt wird, wird es auch bei faulen Kompromissen bleiben. Wir dürfen also weitere Jahre auf eine Veränderung warten. In die Zukunft extrapoliert: Mehr Co2 in der Atmosphäre = mehr Dürren, Waldbrände, Stürme, Fluten, steigende Meeresspiegel und Flüchtlinge. Wir wissen nur noch nicht wann, wo was in welchem Umfang eintritt, aber wir (können) wissen, dass es eintritt. Das macht den einen Angst, während es die andern nicht wahr haben wollen oder im schlimmsten Fall gar leugnen, weil ihnen der kurzfristige Profit oder die eigene Bequemlichkeit wichtiger ist. Welche Seite der Geschichte erzählen wir nun? Die der Bedenken, die des Profites oder wiegeln wir ab, weil wir es selber nicht wissen (wollen)?

Nehmen wir ein anderes naheliegendes Beispiel. Die Corona-Pandemie, welche gerade zur 2ten Welle ansetzt. Selten hat sich in einem einzelnen Ereignis das Irrationale des Menschen deutlicher manifestiert, als der Umgang mit dieser Seuche. Die Verhaltenspalette ist in etwa so breit, wie der Pazifik und macht vor keiner Hierarchiestufe halt. Während die Virologen um Fakten ringen und Politiker um ihre Wiederwahl, fordern die andere ein Ende aller Massnahmen und proben gar den Aufstand. Dabei wird gelogen, negiert, laviert und um Kompromisse gerungen. Je nachdem ob das Virus für mich eine Lüge, ein Mittel zum Zweck (zum Beispiel um uns alle überwachen zu können) oder eine ernsthafte Bedrohung ist (persönlich und/oder für das Gesundheitssystem), fällt die Antwort auf die Frage, was uns erwartet anders aus. Donald Trump meint wir sollten uns nicht fürchten, er hätte es ja überlebt – die WHO spricht weiterhin von einer möglichen Katastrophe. Was sage ich der jungen Gymnasiastin?

Erwartungen, vor allem aber Prognosen die Zukunft betreffend, sind immer eine Frage des eigenen Standpunktes und dieser hängt davon ab, wo ich gerade stehe. Die Antwort des Präsidenten von Swissoil auf die Klimakrise wird so zwangsläufig anders ausfallen, als jene des Maisbauern in Mexiko, der auf seinem verdorrten Feld steht. Es gibt allerdings einen durchaus verlässlichen Kompass, der uns auch in der Vergangenheit schon gute Dienste erwiesen hat. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Menschenrechte. Beide nicht perfekt, aber etwas besseres haben wir nicht. Auf die Frage nach den Erwartungen gibt es also nicht die eine Antwort, sondern bestenfalls Hinweise. Hinweise was man z.B. lesen könnte, wo man nachschauen und fragen kann und sich Gedanken macht, wie man selber gerne leben möchte. In der Summe, entsteht dann idealerweise eine Handlungsanweisung. Allein diese führt uns in die Zukunft.

02.10.2020: Herbst

Kürzlich antwortete unser Enkel (15), auf die Frage, was er denn werden möchte, wenn es keinerlei Einschränkungen gäbe: „Rentner, wie Nani und Öpi„. Das Lachen hatte er auf seiner Seite, aber auch das Nachdenken darüber, wie er es wohl gemeint haben könnte. Vermutlich hat er einfach instinktiv begriffen, was ihn die nächsten 50 Jahre erwartet -kaum Zeit für die schönen Dinge im Leben. Genau das, was wir in unserem jungen Rentnerleben – quasi im Herbst des Lebens – seit kurzem haben: Zeit und die Freiheit zu tun, was uns gefällt.

Man kann jetzt natürlich einwenden, der Junge hätte keinen Biss, game und chille lieber als zu arbeiten und hätte den Ernst der Lebens (noch) nicht begriffen. Wobei – Hand aufs Herz – wer hat das schon mit 15? Ich auf jeden Fall, hatte es damals nicht und tat mehrheitlich das, was man von mir erwartet hat. Und auch wenn ich mein Leben, nach den geltenden gesellschaftlichen Massstäben, erfolgreich gemeistert habe, so blieben doch tausende Ideen und Pläne auf der Strecke. Nicht weil sie nicht machbar gewesen wären, sondern weil das Leben andere Prioritäten setzte. Das (Über)leben der Familie hatte Vorrang. Die „Selbstverwirklichung“ musste warten und ist in unserer Welt Lebenskünstlern, Egoisten und reichen Pinkeln vorbehalten. Uns „Normalsterblichen“ bleibt dafür die Zeit nach der Pensionierung.

Es ist der sog. „Herbst des Lebens“, den zu geniessen uns vergönnt ist und den unser Enkel offensichtlich als Lebensentwurf attraktiv findet. Mit 15 noch nicht genau zu wissen, was aus einem werden soll, ist soweit normal. Und selbstverständlich hat man in diesem Alter auch wenig Bock auf acht Stunden Maloche, nörgelnde Chefs, die Aussicht auf Konkurrenzkampf und Rechnungen vom Vermieter, der Krankenkasse und dem Steueramt. Rentner sein, ist da schon um einiges attraktiver. Dafür muss man nicht mal zwingend 50 Jahre warten und den Rücken krumm machen – es genügt reich geboren zu sein. Rentier (nicht zu verwechseln mit den Viechern im hohen Norden) gab und gibt es schon immer. Jene privilegierte Klasse also die von einer „Rente“ (sprich Vermögen) leben, ihre Zeit frei nutzen und eigene Projekte verwirklichen können. Fast scheint es, als hätte das Leben der grossen Mehrheit einen Konstruktionsfehler – oder wieso müssen wir erst 50 Jahre Dinge tun, die uns (allzu oft) keinen Spass machen, uns langweilen, ärgern, krank machen und stressen, bevor wir das Leben richtig geniessen und Dinge tun können, die uns wirklich am Herzen liegen? Immer vorausgesetzt natürlich, dass wir gesund sind, eine anständige Rente und/oder genug Vermögen haben. Voraussetzungen, die längst nicht für alle gegeben sind. Umso mehr schätzen wir es, dass wir zu diesen Privilegierten gehören, denn selbstverständlich ist das nicht, wenn man nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde.

Wer nicht ins gemachte Nest geboren wird, für den ist Zeit sein einziges und kostbarstes Gut. Mit dem Verkauf dieser, bestreiten die meisten von uns ihren Lebensunterhalt. Kostbar und rar ist die Zeit, weil sie weder angespart, gelagert noch vermehrt werden kann. Umso wertvoller erscheint einem darum die Zeit, in der man die Fesseln der Fremdbestimmung – denn genau das ist es – hinter sich lassen kann. Feierabend, Freizeit und Ferien geniessen nicht umsonst einen so hohen Stellenwert. Manche arbeiten sogar nur dafür. Dabei ist es nicht nur das Bedürfnis nach Erholung, man will sich auch von Zwängen, Entfremdung und Fremdbestimmung „befreien„. Noch wertvoller ist nur noch die Zeit nach der Pensionierung, auf die so viele hinarbeiten, denn mit dieser gewinnt man endlich die Kontrolle über „sich selbst“ zurück. Denn Zeit ist nicht nur Geld, Zeit ist in erster Linie Leben!

Im Herbst wird geerntet. Und vor der Ernte steht die Saat. So lernt man uns und so „erleben“ wir die Natur bzw. die moderne Landwirtschaft. Dem wiedersprechend meinte einst Jesus in Matthäus 6:26, aber: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?“ Ein schlauer Bursche – leider in die Sonntagspredigten verbannt. Aus gutem Grund – zu Ende gedacht, ist die Aussage eine Kampfansage an unser ganzes Leben. Aktuell wird diese Aussage auch noch von modernen Historikern, wie Yuval Harari in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ geteilt. In diesem legt er eindrücklich dar, was wir mit der Sesshaftwerdung (als der landwirtschaftlichen Revolution vor 11 bis 7 tausend Jahren) alles verloren haben – die Herrschaft über unsere Zeit, ist nur eines davon. Eingehandelt dafür haben wir dafür Städte, geheizte Wohnungen und den Komfort der Technik – aber auch Umweltzerstörung und verheerende Pandemien. Die neusten Forschungen legen sogar nahe, dass selbst das Römische Reich an diesen „Errungenschaften der Zivilisation“ zu Grunde ging. Es war ein Klimawandel (Vulkanausbrüche, etc.) und verheerende Pandemien (Pocken, Ebola und die Pest), welche dem Imperium den Garaus machten. Die sog. römische Dekadenz, die Völkerwanderung und die halbverrückten Cäsaren, waren dabei nur die Begleitmusik. Dass diese Erkenntnisse ausgerechnet jetzt ans Tageslicht kommen, braucht uns nicht zu wundern – unsere Welt stösst ebenfalls an ihre Grenzen. Wir hätten die Chance daraus zu lernen.

Es stellt sich also die Frage, was es zu ernten gibt. Die süssen Äpfel, unter deren Last sich die Bäume biegen, die Zeit, welche wir durch Rationalisierung, Digitalisierung und Technologie gewinnen (könnten) oder Armut, Krankheit und Gewalt, weil wir immer mehr wollen, als die Welt uns zu geben vermag? Dass wir an einem Scheideweg stehen, dämmert dem einen oder andern. Welche Richtung wir einschlagen ist aber noch ungewiss. Zur Wahl stehen „rette sich wer kann“ (ich/wir zuerst) und „System change, not climate change“ (Fridaysforfuture). Treffen wir die Wahl, solange wir noch können! Ich fürchte allerdings das moralische Appelle verpuffen und im Lärm der Geschäftigkeit untergehen. Und so bleibt es dem Einzelnen überlassen, das Beste aus seinem Leben zu machen. Ob das reicht mag man bezweifeln. Mangels besserer Alternativen aber der einzig gangbare Weg.

Der Herbst ist die Zeit der Ernte. Sowohl in der Natur, wie im Leben. Damit meine ich aber nicht einfach lang ersparte Kreuzfahrten um die Welt oder Camperreisen quer durch Europa – die sollen und dürfen selbstverständlich auch sein – sondern das Verwirklichen von Herzensprojekten, das Engagement für Benachteiligte, das weitergeben von Erfahrung, Wissen und Zeit für Ideen und Projekte, für welche andern die Zeit fehlt. Denn diese haben wir jetzt im Überfluss und es wäre schade, sie zu verplempern.

Tippingpoint

Foto: imago/Nature Picture Library

Heisst so viel wie Kipp-Punkt oder etwas plakativer: Ab hier geht‘s nur noch bergab. Die Ereignisse der vergangenen Woche haben uns diesem Punkt um einiges näher gebracht. Als Velofahrer könnte man sich darüber natürlich freuen, denn ab jetzt ist Schluss mit schnaufen und schwitzen, jetzt kann man den Fahrtwind geniessen. Blöderweise gibt es nebst Hügeln und Alpenpässen auch Klippen und Abgründe. Versagt die Bremse, ist der (Un)Fall garantiert – Ausgang ungewiss, denn einmal in Fahrt, gibt es kein Halten mehr.

Blöderweise ist nicht jeder Übergang so klar beschildert und nicht jede Klippe mit einer Warntafel versehen. Auch die Doomsday-Clock – jene (symbolische) Uhr, welche uns anzeigen soll, wieviel Zeit uns bis zum grossen Bumm noch bleibt, steht nicht auf dem Nachttisch und schrillt, wenn die Zeit abzulaufen droht. (aktuell steht der Zeiger übrigens bei 100 Sekunden vor Mitternacht!) Und so treten wir weiter kräftig in die Pedale, wo längst kräftiges Bremsen angezeigt wäre. Immerhin sind die Abgründe vor uns schon zu erahnen, auch wenn viele noch meinen, es wäre alles nur Panikmache.

Ohne gleich die apokalyptischen Reiter der biblischen Offenbarung bemühen zu wollen, so ist es doch unübersehbar, dass wir uns auf mehrere gefährliche Klippen zubewegen. Eine davon hat sich diese Woche direkt vor unseren Augen im und vor unserem Bundeshaus abgespielt. Nein, nicht das legitime aber „illegale“ Klimacamp auf dem Bundesplatz, umso mehr aber der Verlust jeder Contenance gewisser Politiker und der darauf folgende Shitstorm in den (Sozialen) Medien. Der Ruf gewählter Parlamentarier nach Güllenfässern, blutiger Gewalt, sowie rassistische Entgleisungen und die Beschimpfung der Demonstranten als Arschlöcher, Kommunisten, Anarchisten und Schnudderis, lässt nicht nur an deren Charakter, sondern auch an ihrem Demokratieverständnis zweifeln. Offensichtlich sind gewisse Kreise sehr schnell bereit diese zu opfern, wenn ihnen etwas nicht in den Kram passt. Wie solche Politiker in echten Krisensituationen handeln würden, will ich lieber nicht wissen. Erahnen lässt es wenig Gutes. Einen Vorgeschmack, was sie zu opfern bereit sind, gab uns die SVP ebenfalls diese Woche, als sie ihren „eigenen“ Bundesrichter abschiessen wollte, weil dieser ihnen nicht genehme Urteile fällte. Gewaltenteilung war gestern, die hohe Gerichtsbarkeit steht allein dem Landvogt zu. Apropos Vogt, Tyrann und Tyrannei: Wirklich gefährlich sind nicht oben genannte Gesellen, wirklich gefährlich ist, was sich zur Zeit in Amerika abspielt. Ob wir es dort im Januar 2021 noch mit einer Demokratie zu tun haben werden, ist mit dem derzeitigen Präsidenten, tatsächlich in Frage gestellt. Auf die Frage, ob er ein Wahlresultat gegen ihn akzeptieren würde, meinte Trump am Dienstag (sinngemäss) lapidar: „Mal sehen…. „. Was das für die USA und die Welt bedeutet, brauche ich wohl kaum zu betonen. Zur Disposition steht nicht weniger, als unser westliches Wertesystem – sprich unsere Demokratie. Die Riege der neuen Kaiser, Zaren und Kalifen dieser Welt, reibt sich schon mal die Hände. Jeder für sich und gegen alle. In Zeiten von Pandemie, Klimakrise und Migration, ein Horrorszenario, dass man lieber nicht zu Ende denkt. Die Doomsday-Clock rückt bedrohlich Richtung Mitternacht, die Klippe ist in Sichtweite.

Apropos Klima: Nicht nur das politische ist vergiftet. Jenes vor unserer Haustür entwickelt gerade heftige Fieberschübe. Es befindet sich schlicht in einer Krise. Brände, schmelzendes Eis, Dürren, Stürme, steigender Meeresspiegel und Überschwemmungen sollten eigentlich deutliche Signale sein. Dazu das weltweite Artensterben, das Verschwinden der Insekten, das Absterben der Korallenriffe. Die Wissenschaft warnt vor Tippingpoints – also Schwellen, ab denen es keine Umkehr mehr gibt. Dazu gehört das Abschmelzen des Grönlandeises, das Auftauen des Permafrostes oder die Abholzung des Amazonas. Werden bestimmte Schwellwerte überschritten, nützt auch eine drastische Reduktion unseres CO2-Ausstosses nichts mehr – das Klima kippt und es wird unkontrolliert wärmer.

Alles nur Panikmache? Schön, wenn es so wäre. Der steigende Meeresspiegel und die sterbenden Korallenriffe sprechen leider eine andere Sprache. Dass die junge Generation die Wissenschaft ernst nimmt und Angst vor der eigenen Zukunft hat, ist nachvollziehbar. Dass sie sich dagegen wehren und uns zum Marschhalt auffordern, ebenso. Traurig nur, dass sie von manchen wie lästige Fliegen behandelt werden. Bedenklich, dass uns der eigene Nachwuchs an unsere Verantwortung – ihnen eine lebensfähige und lebenswerte Zukunft zu hinterlassen – erinnern muss. Beschämend, dass es Schüler sind, die uns sagen müssen, was wir schon lange wissen (müssten): Ihr (also wir) steuert auf einen Abgrund zu und niemand bremst! Und im Gegensatz zum Fall von der Felsenklippe, kennen wir sogar den Ausgang. Auf den Plakaten der Klimajugend steht nicht ohne Grund: There is no Planet B.

Und nein, über den Ausgang dieser Entwicklung verhandelt das Klima (sprich die Naturgesetze) nicht. Das Einzige was wir tun können, ist es in Ruhe zu lassen. Sprich: Keine Treibhausgase mehr in die Atmosphäre pusten und zwar möglichst sofort. Besser noch, wir holen das raus, was schon zu viel drin ist. Die Wissenschaft (und darin sind sich diese zwischenzeitlich zu 100% einig) sagt uns auch ein Datum, wie lange wir dafür noch Zeit haben: 2030! (Ich hoffe sie haben sich nicht verrechnet). Auch das steht auf den Plakaten der Klimajugend.

Neu und deshalb besonders schwer zu akzeptieren, ist die Tatsache, dass es in dieser Sache keinen Verhandlungspartner gibt. Da nützen weder lügen, negieren, tricksen, schachern, bescheissen, fluchen, toben noch neue Kampfjets etwas. Je mehr CO2 in der Luft, desto wärmer. Punkt! Ein ziemlich lästiges Problem für Politiker, die auf faule und andere Kompromisse abonniert sind. Und welcher Politiker, der wiedergewählt werden will (Winston Churchill sei mal ausgenommen) sagt seinen Wählern schon, dass es ab jetzt nur noch Berg ab geht? Es also so, wie bis anhin nicht mehr geht. Also wird geleugnet, verharmlost und schlimmstenfalls auf die Überbringer der schlechten Nachricht „geschossen“ – im Fadenkreuz stehen Wissenschaft, „Greta“, die Klimabewegung und alle, welche den Mahnfinger erheben. Derweilen rückt der Zeiger vor und am Horizont erscheinen dunkle Wolken.

Selbstverständlich sind Prognosen, die Zukunft betreffend, immer falsch. Die Wolken könnten sich ja verziehen oder ein zweiter Toba (Vulkanausbruch auf Sumatra vor 75‘000 Jahren, der die Durchschnittstemperatur weltweit um 3 – 4 Grad über Jahrtausende auf Eiszeitniveau drückte) rettet uns den Arsch. Wer weiss…? Darauf zu hoffen, ist aber etwa so sinnvoll, wie die Pest mit Räucherstäbchen bekämpfen zu wollen.

Steve Jobs von Apple hat seine wichtigsten Ankündigungen immer so angekündigt: „Wait, there is one more thing…“ (da ist noch etwas) Mein „da ist noch was“ lautet: Es gibt Hoffnung auf Besserung! Dieser Tippingpoint heisst: Weltweit gehen die Menschen auf die Strasse und fordern Veränderungen. Das gefällt dem Machtkartell weder hüben noch drüben – sie sind ja auch die Profiteure des Ist-Zustandes. Misstöne, bis hin zur Gewalt, ist ihre Antwort. Uns gegeneinander hetzen, eine ihrer Methoden. Davon lassen sich aber immer weniger schrecken und lassen sich nicht beirren. Ein Sturz über die Klippen wäre tödlich, die Aussichten auf Erfolg verspricht dagegen Zukunft.

18.09.2020: Gift

Dosis facit venenum (Die Dosis macht das Gift – Paracelsus, 1493-1541). Wohl selten war diese Erkenntnis des Arztes der Renaissance, so aktuell wie heute. Gift im Blausee tötet zehntausende Forellen. In über 50% des Grundwassers werden Pestizidrückstände nachgewiesen. Die Russische Opposition wird mit Nowitschok vergiftet. Die CO2-Konzentration steigt munter weiter. Die Luft in Kalifornien ist wegen der verheerenden Waldbrände kaum mehr zu atmen und das Gift der Rechtsextremisten und Ver(w)irrten, aller Schattierungen, verursacht mehr als nur Bauchschmerzen und Brechreiz – es macht krank. Es ist offensichtlich: Wir leiden unter einer akuten Vergiftung. Körperlich, geistig und politisch.

Doch selbst das Offensichtliche vermag kaum mehr als ein Achselzucken hervorzurufen. Da baggert eine private Firma hochgiftigen Schotter aus einem Tunnel und kippt diesen kostenoptimiert und illegal in die nächste Kiesgrube. Weiter unten verrecken die Fische tonnenweise. Aber, nein – wir waren es nicht! Keine Ahnug wo das Gift herkommt. Der Kanton – welcher hätte kontrollieren sollen, es aber nicht tat, ist verlegen und will jetzt untersuchen. Der Blausee bleibt trüb und ob die Bewohner des unteren Kandertals ihr Wasser noch bedenkenlos trinken können, bleibt vorerst offen. Klagen sind in Vorbereitung, die Grünen verlangen eine Untersuchung. Zurück bleiben nicht nur das Gift und tote Fische, es verbreitet sich auch ein „Gschmäckle“ von Kungelei und Wegschauen, Man lerne: Profit ist Gift!

Seit Jahren lesen wir über Pestizidrückstände in unserem Grundwasser. Das halbe Mittelland – wir reden hier von Millionen Menschen – trinkt also Wasser mit Giftrückständen. Im Zürcher Weinland häufen sich Tumore bei Kindern. Gemeinden müssen Brunnen schliessen oder Wasser teuer von Nachbargemeinden zukaufen um damit ihren Giftcocktail zu „verdünnen“. Wie uns die kantonalen Laboratorien versichern, ist das Trinkwasser aber auch noch bei 17-facher Überschreitung des Grenzwertes „unbedenklich“ und kann „bedenkenlos“ getrunken werden. Krebs wird ja nur vermutet, was soll also die ganze Aufregung? Währenddessen klagt Syngenta gegen das Verbot ihrer Pestizide durch den Bundesrat und ein SVP Parlamentarier aus der Westschweiz will diese Gift wieder zulassen, weil die Zuckerrüben seines Nachbarn unter einem bösen Käfer leiden. Selbstredend. dass die Bauernlobby ihre Hände in Unschuld wäscht – keine Ahnung wie das Gift ins Wasser kommt, es fällt sicher vom Himmel. Den hängigen Pestizid- und Trinkwasserinitiativen scheint man gelassen entgegen zu blicken – das Agrochemie-Abstimmungskässeli scheint gut gefüllt. Man vertraut der Macht des Geldes. Man lerne: Profit und Gift gehen Hand in Hand!

Sehr neu und originell ist auch der Giftanschlag auf einen russischen Oppositionspolitiker – den einzig noch Ernstzunehmenden – nicht. Das „kurieren“ mit Nowitschok hat sich in Russland seit Jahren bewährt und mutiert zur Allzweckwaffe gegen politisches „Ungeziefer“. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Doch auch wenn der oder die Kurierten nicht gleich das Zeitliche segnen, so ist die Wirkung ungleich wirksamer. Wer mit einem Giftanschlag rechnen muss, hält in Zukunft wohl besser die Klappe und duckt sich. Gift macht stumm. Man lerne: Politik kann ihre Gesundheit gefährden!

Kommen wir zu den Waldbränden vom Panantal (Brasilien) über Kalifornien bis hinauf an die kanadische Grenze. Diese vernichten nicht nur Wälder von der Fläche der Schweiz, radieren ganze Dörfer aus, töten dutzende Menschen und treiben hundertausende in die Flucht; sie machen auch das Atmen schwer und führen zu gesundheitlichen Schäden. Der Himmel über San Francisco ist rot und selbst im 4000 km enfernten Washinton D.C. sind die Sonnenuntergänge noch tieforange. Gift in der Atmosphäre hat eben auch eine „schöne“ Seite. Aber keine Angst, es wird bald wieder kühler, in Wien leben die Menschen inmitten explosiver Wälder – ohne dass es brennt – und die Wissenschaft hat eh von Tuten und Blasen keine Ahnung. (D. J. Trump zur Klimakatastrophe) Man lerne: Die Blödheit eines Politikers toppt selbst die grössten Naturkatastrophen!

Und wie wenn das alles nicht schon genug wäre, so vergiften die Hilfstruppen des ungehemmten Profitstrebens – sprich Rechtsradikale, Verschwörungstheoretiker, Frauenhasser, Covid-Leugner usw. usw. (die Liste der Manipulierten wird täglich länger) unsere Sinne und Köpfe. Die tägliche Dosis Gift – sei es in Form von Lügen (FakeNews), Alternativen Fakten, (leugenen von Tatsachen), Trollen (Provokateure), Algoritmen (computergenerierte, personalisierte Falschmeldungen) usw., schwächt uns nachhaltig und lenkt uns von den wirklichen Problemen und Herausforderungen ab. Wer verunsichert ist, nicht mehr weiss wem oder was er glauben soll, ist dankbar für jedes Heilsversprechen – das kann auch der Wunsch nach einer Diktatur oder einem Diktatoren sein. Man lerne: Gift tötet!

Dosis facit venenum – zu viel ist zu viel. Selten waren Zitate und Parolen so wahr wie jetzt. „Zu viel Gift kann ihre Gesundheit gefährden“ – müsste vor jeder News-Schlagzeile stehen. Da wir aber nicht gewarnt werden, ist es besser, wenn wir dieses nur in gesunden Dosen zu uns nehmen oder uns immunisieren. Ein „Impfung“dagegen gibt es zum Glück schon. Sie ist erhältlich an jeder Schule, in guten Büchern und bei guten Freunden. Es gibt davon sogar unterschiedliche Marken. Sie heissen: Wissen, Aufklärung, Demokratie, Transparenz und Engagement. Eine gesunde Dosis davon bewahrt uns vor so mancher Giftattacke.

12. 09. 2020: Begrenzt

Die Grenze „bin“ ich. Seit Jahrzehnten wohne ich am Nordrand der Schweiz an der Grenze zu Deutschland. Die Grenze verläuft direkt am Dorfrand. Auf drei Seiten liegen Deutsche Gemeinden. Zur Schweiz führt genau eine Strasse über eine Brücke über den Rhein. Meine Enkel haben einen europäischen Pass. Meine besten Freunde kommen aus Spanien, Montenegro, Deutschland und Slovenien. Meine Nachbarn aus dem Osten der Slowakei, aus Singapur und Leipzig. Theater spiele ich mit Kollegen aus Brandenburg und Stuttgart. Meine Mieter kommen und kamen aus Sachsen, Uruguay und Alaska. Meine Zahnärztin aus München. Meine Pflegetochter aus Berlin. Ich coache Lehrlinge aus Kurdistan, Albanien, Amerika und Serbien. Beim Aufbau der Bühne helfen Asylbwerber aus Eritrea und im Geschäft hatte ich Kollegen aus Frankreich, Italien, Polen, Deutschland, Amerika und Südafrika. Beruflich war ich von Portugal bis Schweden in fast allen EU Staaten und selbstverständlich immer wieder in den USA. Bunt gemischt, international, vielfältig. Ein Leben im Herzen Europas, in der Schweiz zur Jahrtausendwende. Multikulti mokieren „böse“ Zungen. Zu viel ist zu viel, malen sie auf Plakate und möchten eine „Idylle“zurück, die es nie gab. Eine Idylle, wo man unter sich bleibt, ohne fremde Gerüche, Sprachen und Hautfarben. Eine Idylle in den eigenen Grenzen, den eigenen 4 Wänden.

An diese erinnere ich mich noch gut. Es waren die 60iger-Jahre. In unserem Dorf gab es genau einen Ausländer – einen Italiener. Er schob sein Velo Tag für Tag an unserem Haus vorbei. Hoch an den Waldrand des Irchels, wo er morgens und abends die Kühe versorgte, in einer schäbigen Kammer hauste und tagsüber, unten in Flaach Steine schleppte und Zement rührte. Er sprach leidlich Deutsch und erzählte uns oft von seiner Familie in den Abruzzen. Gesehen haben wir diese nie, denn er war Saisonnier. Kurz vor Weihnachten verschwand er und tauchte jeweils im April wieder auf. Frau und Kinder war der Aufenthalt in der Schweiz verwehrt. Irgendwann in den frühen 80iger-Jahren war Schluss. Santo kam nicht mehr. Es ist als hätte es ihn nie gegeben. Das Dorf meiner Kindheit im Flaachtal war nun wieder ausländerfrei und will es offensichtlich bleiben. Die Wahlresultate und Abstimmungsplakate am Dorfrand, lassen keinen anderen Schluss zu.

Seit 50 Jahren – seit der berühmten Schwarzenbach-Initiatve von 1970 – dominiert ein Thema die Schweizer Politik: Ausländer! Die Europäische Union steht dafür sinnbildlich. Ausländer und EU scheinen für viele das gleiche zu sein – lästig! Die Details der meist wüsten Kampagnen rund um Abstimmungen und Wahlen, die verbreiteten Lügengeschichten und hässlichen Debatten lasse ich hier beiseite. Sie dürften allen sattsam bekannt sein. Die Neuauflage, welche am 27. September – nun bereits zum 15. mal – zur Abstimmung kommt, ist nicht nur Ärgernis, es macht auch müde. Zu viel ist zu viel und genug ist genug! Über die einseitige Plakatflut im Zürcher Weinland habe ich mich schon ausgelassen. Das unverlangt zugeschickte „Extrablatt“ ging in Rauch auf, die zurechtgelogenen Statistiken liegen im Papiercontainer und in den Sozialen Medien tobt sich der Mob, sekundiert von Bundesratskandidaten, National- und Ständeräten, über Asylanten, Migranten, Sozialhilfeschmarotzer und Kriminelle aus. Die üblichen Lügen, die übliche Hetze, die üblichen Heilsversprechen. Diesmal versprechen sie uns staufreie Fahrt und ängstigen uns mit Betonburgen.

Man könnte also zur Tagesordnung übergehen und den bitteren Kelch an sich vorüberziehen lassen. Der 28. September kommt auch ohne, dass ich mich grün und blau ärgere. Leider aber ist es nicht so einfach. Es steht zu viel auf dem Spiel. Und damit meine ich nicht einfach die Bilaterialen Verträge I, welche seit 1999 unser Verhältnis mit unserem wichtigsten wirtschaftlichen Partner – der EU, also unseren Nachbarländern – regeln, sondern auch die Auswirkungen auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Ein paar Fragen seien deshalb erlaubt.

Geht es wirklich um eine Begrenzung der Zuwanderung? Wie war das zu den goldenen Zeiten, als wir die „Zuwanderung“ noch selber steuerten – also zu jener Zeit, als Santo sein Velo allabendlich hoch zum Irchel schob? Kamen da weniger Ausländer in die Schweiz? Im Gegenteil – die Firmen rekrutierte sogar über eigene Agenturen, ganz direkt Arbeitskräfte im nahen Ausland – sie brauchte sie für den Bau von Staumauern, Strassen und in den Fabriken! Der einzige Unterschied: Die „Fremdarbeiter“ hatten deutlich weniger Rechte als heute. Abzulesen auch daran, dass viele unserer „Secondo“-Freunde bei den Grosseltern in Italien, Portugal, Jugoslawien oder Spanien aufwuchsen, da sie in der Schweiz nicht willkommen waren. Einem Saisonnier war der Familiennachzug verboten. Als billige Arbeitskraft willkommen – ansonsten diskriminiert.

Wollen wir diese Zustände zurück, über die der Schriftsteller Max Frisch, schon 1961 sage: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen!“ Wenn man der Abstimmungspropaganda glaubt, ja. Wenn man Frau Martullo-Blocher zuhört, wird schnell klar, sie will über Löhne, Aufenthalt, Qualifikation und Rechte ihrer Angestellten frei von Gewerkschaften und verpflichtenden Staatsverträgen entscheiden. Es geht einzig um den Abbau des rechtlichen Schutzes der Arbeiter und Angestellten – auch jenen der Einheimischen, welche durch die flankierenden Massnahmen vor Lohndrückerei geschützt sind. Über die Anzahl und Herkunft der „selbst gesteuerten Zuwanderung“ lässt sich diese Partei aus guten Gründen nicht aus. Frau Martullo-Blocher sucht derweil ihre Fachkräfte im Ausland. Zuwanderung à la carte!

Die Frage, was hier eigentlich begrenzt werden soll, ist darum schnell beantwortet. Unsere Rechte, die Zukunft unserer Enkel und Kinder und unsere Verpflichtungen gegenüber unseren Nachbarn. Treibende Kraft ist der grenzenlose Egoismus einer kleinen Clique, die uns und unser Land in Geiselhaft nimmt für ihre eigennützigen Interessen. Setzen wir dieser Gier zu 15ten mal eine Grenze und stimmen am 27. September NEIN zu dieser verlogenen „Begrenzungs“-Initiative. Zu viel ist zu viel und genug ist genug!

Lügen

Lügen haben kurze Beine, lernt man schon als Kind. Und selbst in den zehn Geboten heisst es: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden, wider deinen Nächsten“. Kurz gesagt: Lügen und Lügner sind geächtet. Der Volksmund fasst es treffend zusammen: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht!“ Soweit die Theorie.

In der gelebten Praxis sieht es aber deutlich anders aus. Damit meine ich nicht das tägliche Lügen zur Frage, wie gehts dir und du auch dann mit „gut“ antwortest, wenn es dir ziemlich beschissen geht. Vielleicht geht es den oder die Fragende/n auch einfach nichts an oder du willst einfach deine Ruhe haben. Ich meine auch nicht jene Lügen, die uns vor möglichen Nachteilen schützen oder uns selber in ein besseres Licht rücken. Ich war nie der tolle Hecht, für den mich alle halten, weil ich die grössten Räubergeschichten erzähle, aber ich lasse dich gerne im Glauben. Und ich war auch nicht beim Kunden, ich verbrachte den schönen Nachmittag am See. Ohne Alltagslügen (oder die Soziale Lüge, wie es im Fachjargon heisst) – wäre das Leben wahrscheinlich unerträglich. Denn wer hasst sie nicht, die Überkorrekten, die Korintenkacker und Kleingeister? „S Föifi la grad sii“ geniesst nicht umsonst den Ruf der Menschlichkeit.

Etwas kritischer wird es bei jenen Lügen, die uns ebenfalls bestens vertraut sind, aber quasi öffentlichen Charakter haben. Also die Lügen in der Werbung (die Produkteeigenschaften vorgaukeln, die nicht vorhanden sind), die Lüge des Autoverkäufers (der den Motorschaden verschweigt) und die des Politiker, der das Blaue vom Himmel verspricht. In aller Regel sind wir aber gegen solcherart Unwahrheit gewappnet. Die Werbung nehmen wir nicht ernst, den Autoverkäufer meiden wir und den Politiker wählen wir ab. Trotzdem nehmen diese Lügen grossen Raum ein. Sei es in Schlagzeilen (IKEA deklariert ihr Holz falsch, die Armee beschafft Masken, die nichts nützen), sei es mit Anwälten, Verträgen und Juristen, die uns vor Betrug schützen sollten oder Abstimmungskampagnen, die nicht nur unredliche Absichten verschleiern, sondern gegen unsere eigenen Interessen gerichtet sind. Trotzdem – damit haben wir zu leben gelernt. Entscheidend ist: Wir sind dagegen gewappnet, können uns dagegen wehren und Gesetze und Institutionen schützen uns davor.

Wirklich grosse Lügen, mit weitreichenden Konsequenzen, stammen fast ausschiesslich aus den Dunkelkammern der Macht. Sei es jene von „seit 5 Uhr 45 wird zurück geschossen„, mit dem der 2. Weltkrieg begann, dem „Tonkin-Zwischenfall„, welcher den Amerikanern als Vorwand für den Vietnamkrieg oder die Lüge über die angeblichen „Massenvernichtungswaffen„, mit der Georg W. Bush den Einmarsch im Irak legitimierte – die Lüge dient stehts dem Machtmissbrauch und kostet oft Millionen von Menschenleben. Nicht umsonst heisst es: „Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges“ – was nichts anderes bedeutet, als dass – in der Kriegslogik verbleibend – Lügen zur historisch erprobten Kriegsstrategie gehört. Die sog. 36 Strategeme der Chinesen, bezeugen dies eindrücklich – sie sind sogar Bestandteil der chinesischen Kultur und tausende Jahre alt.

Nicht Neues, könnte man also meinen. Alles altbekannt, alles schon einmal dagewesen. Warum sich also aufregen – gelogen wird seit je und heute ist es nicht anders. Richtig! Und trotzdem müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen! Aber wieso?

Weil die Lügen von heute eine neue Qualität und Zerstörungspotential erreicht haben. Lügen dienen den heutigen Protagonisten nicht allein dem Vertuschen böser Absichten (z.B. Kriege rechtfertigen), dem Betrug oder der eigenen Bereicherung – sie dienen zunehmend der Zerstörung unsere Zivilisation und unser aller Zukunft. Spätestens mit dem Einzug Donald Trumps ins Oval Office ist die offensichtliche Lüge (bekannt als „Alternative Fakten“ oder FakeNews) fester Bestandteil der Politik. Nicht nur der Amerikanischen. Die Unkultur, die Lüge, trotz handfesten, für jede/n sichtbaren Gegenbeweise, zur Wahrheit zu erklären, ist erschreckend. Man könnte dies – was viele tun – als miese Charaktereigenschaft eines durchgeknallten Narzissten abtun und hoffen, dass der Typ am 3. November aus dem Amt gejagt wird – damit wird es aber wohl nicht getan sein. Das Gift der Lüge ist bereits so tief in unserm Alltag angekommen, dass es die Grundfesten unserer Gesellschaft angreift. Oder was ist die QAnon-Verschwörungstheorie (an die angeblich schon 8% der Amerikaner glauben) den DeepState Gläubigen, die einzige dem Zweck dienen jedwelche Autorität zu untergraben? Welche Interessen stecken hinter der Leugnung der Klimakrise? Was bezwecken „Corona-Skeptiker„, im Verein mit Reichkriegsflaggenträgern, auf den Treppen des Deutschen Bundestages? Und was jene, die Lügenpresse schreien und jede/n der/die noch alle fünf Sinne beisammen hat und (noch) den sog. Mainstreammedien „glaubt“ (also TV, Radio, Presse etc.) als Schlafschaf, welches keine Ahnung hat, beschimpft. Oder jene die nach dem Konsum von ein paar Youtube-Filmchen und Webseiten, mehr über Wirkung und Existenz von Viren wissen, als Wissenschaftler*innen, die sich schon ein halbes Leben damit beschäftigen. Und zu guter Letzt die Empörten, die sich wegen eines Stück Stoffes vor der Nase, in einer Diktatur wähnen und den Sturz der Regierung fordern. Der spanische Philosoh José Ortega y Gasset hat solche Menschen bereits in den 20iger Jahren, nicht ganz grundlos, als Hätschelkinder der Geschichte bezeichnet. Menschen welche die Realität (man könnte auch Wahrheit sagen) nicht akzeptieren, sich selber als Mass aller Dinge sehen und lieber einer einfachen Lüge glauben. Verwöhnt von den Umständen (das steht mir zu), ohne Bewusstsein was es für diese braucht. Die Perversion dieser Haltung wird spätestens dann deutlich, wenn man das Coronaleugnergeschrei mit den Demonstrationen in Belarus, wo es um „echte“ Freiheit geht, miteinander vergleicht. Skurilerweise gleichzeitig. Offenbar bestätigen Lügen und Selbstbetrug, Vorurteile, so dass man sich nicht mehr dem Schmerz der Wahrheit zu stellen braucht. Genau das passiert aktuell im Grossmassstab. Spätestens seit der Finanzkrise 2008, der Flüchtlingswelle 2015 oder der Klimakrise und Corona, ist die (falsche) Sicherheit des „ewig weiter so“, der komplexen und verwirrenden Realität gewichen. Nichts ist mehr garantiert. Gewissheiten verdampft und eine sichere Zukunft ist in Frage gestellt. Alles zusammen ergibt eine wahrhaft explosive Mischung.

Poitikbeobachter, Analysten, Journalisten und Politiker reiben sich die Augen und ringen nach Erklärungen. Wie konnte es so weit kommen – ist ihr Grundtenor. Wie wird ein notorischer Lügner Präsident der grössten Atommacht der Welt? Wie kann es kommen dass 2020 ein Nazistosstrupp auf den Stufen des Deutschen Reichstags ihre Flaggen hisst? Wie kommt es, dass sich Familen mit Kindern, Veganer, Hare Krishna-Jünger, Impfgegner und Heilpraktiker*innen mit Regenbogenfahnen, hinter Reichflaggen und johlenden Faschisten einreihen? In Zürich haben wir zum Glück keinen Reichstag, das Kunterbunt am Helvetiaplatz war jedoch kaum anders. Was hier wirkt sind Lügen! Lügen via Verschwörungstheorien verbreitet, Lügen über angeblich geheime Pläne uns auszurotten, Lügen über angeblich korrupte Organisationen und die Wissenschaft generell. Die Lüge dient zweierlei: Der Untergrabung der Glaubwürdigkeit der Institutionen, Wissenschaft, Presse und der sog. Eliten, sowie der Mobilisierung verunsicherter und wütender Menschen, die die Welt nicht mehr verstehen. Wer sich bisher gefragt hat, warum die Nazis und der Faschismus einst an die Macht kam, braucht heute nur die Zeitung zu lesen. Es sind Lügen, die als Hebel für die Machtergreifung genutzt werden. Lügen, welche dazu benutzt werden uns von der Wirklichkeit fern zu halten und Scharlatanen hinterher zu laufen.

Grund zu verzweifeln? Alles nur für die Sonntagspredigt oder die Apokalypse? Nein! Es gibt zwei einfache Faustregel, die uns vor diesem Irrsinn und Irren schützt. Die Erste stammt von den alten Römern und heisst: Qui bono? (Wem nützt es?). Allein diese Frage fegt manchen Zweifel vom Tisch und entlarvt manche Lüge und Lügner. Wem also nützen diese Lügen? Die Antwort liegt nah: Dem Lügner! Die Zweite lautet: Je einfacher die Antwort, desto grösser die Vorsicht. Es ist wohl kein Zufall, dass uns Populisten am rechten Rand mit den einfachsten Antworten bedienen.

Eine Überdosis Globuli

Ich „leide“ unter einem „Overload“ (zu Deutsch: zu schwer beladen). Nein – ich bin nicht mit Arbeit oder Terminen überladen, auch nicht mit schweren Problemen, Streit oder anderen Belastungen, die das Leben schwer machen. Es gibt schlicht zu viele Themen, die mir unter den Nägeln brennen. Dazu mein Anspruch, nicht immer in den gleichen Wunden zu bohren, von etwas zu berichten, was uns nahe liegt und nicht langweilig zu werden. Was also liegt diese Woche nahe und erfüllt meine Ansprüche? Die Gewaltausbrüche in Amerika, nach erneuter Polizeigewalt gegen einen Schwarzen? Betrifft uns das hier? Trumps Twitterkanonaden über seinen Herausforderer Joe Biden? Nicht wirklich aufregend, er twittert sich seit Jahren die Finger wund – es hat sich totgelaufen. Vielleicht Weissrussland und die getürkten „Wahlen“? Da müssten wir erst mal nachschauen, wo dieses Belarus eigentlich liegt. Doch über den Parteitag und die Wahl des neuen Präsidenten der $VP berichten? Ich befürchte, dass sich auch mit italienischem Akzent nicht viel ändert in dieser Partei. Oder doch etwas über Greta Thunberg, die seit Montag wieder zur Schule geht? Da wären wir wieder beim Klima – zwar wichtig, aber nicht besonders originell. Ich könnte auch über die Maskentragpflicht in den Läden von Genf bis Zürich berichten? Oder doch über Berlin und die angedrohten Demonstrationen der versammelten Neonazis gegen Staat und Masken? Da wären wir dann wieder bei Corona. Auch mehrfach kommentiert. Und wie sagte Alt-$VP-Präsident Rösti letzte Woche: „Wenn wir nicht mehr über Corona reden, verschwindet es von selbst“. Etwa so intelligent, wie sich darüber zu freuen, dass Greta nicht mehr die Schlagzeilen beherrscht und meint damit wäre das leidige Thema „Klimakrise“ erledigt.

Ein sehr guter Freund von mir liest seit Jahren weder Zeitungen, noch hat er eine Newsapp auf seinem Handy installiert. Ebenso meidet er Tagesschau, Reportagen und Newssendungen am Fernseher. Er schützt sich damit vor dem Infomüll, der uns täglich vor die Haustür, den Bildschirm, und ins Handy gekippt wird. Seine Ruhe sei ihm wichtiger, als die Welt – wie er meint. Die „Welt“, Corona, Unruhen, Gewalt und das Klima bleibt draussen vor der Tür – Thema also erledigt? Wenn es nur so einfach wäre!

Dummerweise hält sich „die Welt“ nicht an unsere Befindlichkeiten. Diese dreht sich unverdrossen weiter und konfrontiert uns täglich mit Ereignissen, die wir weder geplant, erhofft noch erwartet haben. Und selbstverständlich ist es für uns hier kaum von Bedeutung, wenn ein Hühnerstall auf Kiribati abbrennt, ein Bach in Kleinlützel über die Ufer tritt oder die Grossmutter einer deutschen Schlagersängerin stirbt. Anders ist es mit News aus Politik und Wirtschaft. Auch wenn wir diese für korrupt, verdorben und wenig glaubwürdig halten – früher oder später trifft es uns. Sei es, dass wir dafür die Rechnung erhalten oder auf die Strasse gestellt werden. Darüber Bescheid zu wissen, kann also nicht schaden.

Eine „Alles-oder-nichts-Strategie“ (ich verweigere mich ganz oder ich lasse mich zumüllen) ist keine befriedigende Lösung. Bleiben also noch Filter und/oder die Selbstdisziplin. Doch beide stehen auf wackeligen Füssen. Filter sind willkürlich und Selbstdizipin meist von kurzer Dauer. Die Alternative zwischen Globuli und einer Überdosis gleicht daher eher einem Dilemma, als einer Wahl. Bleiben noch die Kapitulation oder die Flucht in die Dunkelkammern der „Erleuchteten“ und selbsternannten „Weltenretter“. Alternativen, die sich momentan einer gewissen Beliebtheit erfreuen – zumindest wenn man die Sozialen Medien (wie z.B. Facebook und Zwitter) zum Massstab nimmt. Wie ein Seismograph registrieren diese Themen, Debatten und Befindlichkeiten, verstärken diese und werfen ein grelles Licht auf den Zustand der Gesellschaft. Aktuelle Diagnose: „Psychotischer Schub mit unspeziefisch somatischen Schmerzen“. Zu Deutsch: Realitätsverlust, Ich-Störung, Heulen und Zähneklappern“.

Ob die Ursache wirklungslose Globuli, die Irrungen und Windungen der Labyrinthe und Dunkelkammern oder eine Überdosis Müll ist, lässt sich nicht feststellen. Festellen lässt sich einzige der blamable Zustand. Da rotten sich Impfgegner gegen nicht existierende Impfungen zusammen, leugenen selbsternannte Virologen und Youtube-Akademiker die Existenz von Viren, „wissen“ andere von gefangenen und gefolterten Kinder in Tunnels, deren Blut von den Mächtigen dieser Welt zur Verjüngung getrunken wird und andere fürchten sich vor Sommarugas (oder Merkels etc.) Diktatur. „Denk mal selber nach“ – Fakten belanglos – Diskussion beendet. Wären es ein paar Spinner, könnte man zur Tagesordnung übergehen. Die Zahl der Verrückten aber steigt von Tag zu Tag. Dazu zählen selbst $VP-Delegierte, die sich einen Deut um Schutzkonzepte scheren und sich zu Hunderten ungeschützt in einen Saal zwängen. Und in Deutschland sind es Zehntausende, die den Aufstand proben. Die „Befreiung“ findet angeblich am nächsten Samstag in Berlin statt – zusammen mit AfD, Neonazis und dem Freundeskreis „Globuli gegen Aids“. Im Gegensatz dazu jene, die sich noch immer kaum aus dem Haus wagen, täglich die Infizierten zählen und Unmaskierte am liebsten wegsperren würden. Vergleichbar mit dem 30-jährigen Krieg, als sich Protestanten und Katholiken meuchelten, trennt Covid-19 Gläubig und Ungläubige in zwei Lager. Die Eingangstüren werden gerade zugemauert.

Ähnlich bei anderne Themen. Hier und weltweit. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden zur Glaubensfrage. Glaube ersetzt Fakten. Auch wenn die Gletscher schmelzen, die Wälder brennen und das Meer steigt – Mumpiz – die Klimalobby (wer ist das eigentlich?), an deren Spitze ein 17 jähriges Mädchen aus Schweden steht, will uns nur das Auto vemiesen und unser sauer verdientes Geld aus der Tasche ziehen. Flüchtlinge? War da nicht mal was im Mittelmeer? Rassismus? Bei uns doch nicht und überhaupt, die Schwarzen sind entweder kriminell, gewalttätig oder beides. Demokratie? Ist was für Politiker, ich habe besseres zu tun. Wann endlich öffnet der Ballermann wieder – ich will hier raus!

Überdosis oder Globuli. Das Eine macht krank, das andere nicht gesund. Zu viel Informationen überfordern und treiben uns in den Wahnsinn. Sie zu ignorieren, führt uns in die Isolation und macht uns zu Egoisten. Sie durch FakeNews zu ersetzen, wiegt uns in falscher Sicherheit und treibt uns in die Fänge selbsternannter Gurus, Führer und Scharlatane. Was bleibt uns noch?

Ich kenne nur eine wirksame Therapie. Miteinander reden. Zuhören. Von einander lernen. Sich einfühlen. Andere Standpunkte verstehen lernen. Aber sich auch abgrenzen. Abgrenzen von jenen, die meinen sie hätten die alleinige Wahrheit gepachtet. Kritik an jenen, die in die Irre laufen und Kampf gegen jene, die uns ihr Weltbild aufzwingen wollen. Ein Überdosis Globuli ist genau so schädlich, wie eine Überdosis Schlaftabletten. Beide bringen uns um.

Liebe Bauern

Seckeln im Kreis

Wieder eine Woche voller Hader. Die Themenwahl für meinen Blog scheint unendlich, und doch schleichen sich immer wieder die gleichen Themen ein. Das wäre langweilig. Deshalb mal was anderes: Ein Brief an die Bauern.

Aber weshalb, an die Bauern? Ganz einfach. Ich komme selber aus einer Kleinbauernfamilie und wohne Zeit meines Lebens in einer bäuerlich geprägten Umgebung. Ich masse mir also an, zu wissen, wovon ich schreibe. Und es gibt einiges zu sagen. Hier also mein „Brief an meine eigenen Leute“.

Liebe Bauern

Es steht wieder einmal ein Abstimmung vor er Türe. Wer es noch nicht gewusst haben sollte, fährt am besten durchs Zürcher Weinland, denn hier draussen auf dem Land, findet auf euren Rübenäckern und Stoppelfeldern, wieder einmal eine Schlacht um „unsere Zukunft“ statt. Dies ist zwar weder neu, noch besonders originell, dafür umso nerviger. Nein, nicht das mit Plakaten an den Strassenrändern Abstimmungspropaganda gemacht wird – das gehört zu einer Demokratie – wohl aber die Tatsache, dass ihr seit Jahrzehnten (fast) ausschliesslich Plakate und Parolen einer einzigen Partei in eure Wiesen pflockt. Nicht eingeweihte Zeitgenossen könnten beinahe auf den Gedanken kommen, sie reisten durch die alte DDR oder Weissrussland. Und es scheint euch auch egal zu sein, was da auf den Plakaten steht, wen ihr damit unterstützt, wen ihr damit beleidigt und welchen Interessen sie dienen. Einmal sind es Würmer, dann Insekten, Messerstecher, schwarze Schafe und aktuell sind es Ärsche. Wenn eure Lebensmittel, die ihr für uns produziert, auch so unappetitlich wären, hättet ihr schon lange keine Kundschaft mehr und eure Kartoffeln würden auf den Feldern verfaulen. Also oder trotzdem muss ich davon ausgehen, dass ihr das gut findet. Den Tatbeweis erbringt ihr ja auch bei den Wahlen und die Zusammensetzung der Gemeinderäte hier draussen ist Beleg genug dafür – ihr stellt die Plakate nicht nur auf, ihr glaubt auch dem Geschmiere!

Ich weiss – Bauern sind „konservativ„. Müssen sie auch sein, denn Landwirtschaft heisst auch bewahren (den Boden z.B.), heisst langfristig planen (alles braucht Zeit zum wachsen), heisst Tradition (vieles hängt von Jahreszyklen ab) und bedeutet Abhängigkeit (von den Launen der Natur und der, der Obrigkeit). Bauern waren jene, die den modernen Staat erst ermöglichten – auf eurem Rücken entstanden die ersten Staaten (Babylon, Ägypten, China usw.) – und der Adel lebte Jahrtausende von eurem Schweiss auf den Äckern. Und auch heute gibt es (noch) kein Essen, ohne Landwirtschaft. Ihr dürft also stolz sein auf eure Rolle und euer Tun. Ihr dürft vom Rest der Bevölkerung (das heisst die übrigen 98% *zwinker) sogar etwas Unterstützung und Sympathie erwarten. Diese misst sich zum Beispiel an den Subventionen, den Zöllen und den billigen Erntehelfern aus Osteuropa. Das wars dann aber auch! Denn zu eurem „Pech“ marginalisiert euch die Industrielle Revoultion seit 250 Jahren systematisch. Erst wurdet ihr von euen Äcker in die Fabriken oder nach Amerika getrieben (500’000 im 19ten Jahrhundert), dann in die Büros und in Zukunft möglicherweise in die Bedeutungslosigkeit. Und trotzdem rennt ihr jenen hinterher, die euch nach Strich und Faden belügen, missbrauchen und im Namen von „Heimat, Selbstbestimmung und Tradition“, bescheissen. Warum tut ihr das?

Ihr seid doch keine ungebildeten Hillbillys aus den Appalachen, die jedem zujubeln, der ihnen ein „grossartiges Land“ und eine „Vergangenheit als Zukunft“ verspricht. Ihr müsstet eigentlich am besten wissen, dass das nicht funktioniert. Geerntet wird morgen, nicht gestern! Was ich nicht verstehen will und kann: Warum setzt ihr eure und unsere Zukunft, für solche leeren Versprechen aufs Spiel? Denn leer, das sind sie!

Seht ihr die verdorrten Wälder nicht? Kämpft ihr nicht Jahr für Jahr mit mehr Wetterkapriolen? Was ist mit den Bienen und Insekten los, die wegsterben? Wer sitzt in den Gemeinderäten und forciert die Zubetonierung unserer Dörfer? Wer lobbyiert für noch mehr Strassen, noch billiges Benzin, noch mehr Autos und wer will Busbetriebe und Bahn zu Tode privatisieren? Wer spart Postfilialen, unter dem Vorwand mangelnder Rentabilität, weg ? Wer hofiert Internationalen Konzernen und lockt diese mit einem ruinösen Tiefststeuerwettbewerb ins Land (und mit ihnen ein Tross „Expats“)? Wer senkt die Steuern für jene, die schon im Geld schwimmen? … Ihr kennt die Antwort!

Hat diese Politik eine Zukunft? Löst sie irgendein Problem – z.B. die Klimaerwärmung, von der ihr, liebe Bauern ja ganz direkt betroffen seid? Das Referendum gegen das neue CO2-Gesetzt beweist das Gegenteil. Ebenso der neuste Streich – den (geplanten) Erlass der Mehrwertsteuer auf Benzin und Diesel. Oder eine moderne, den heutigen Verhältnissen angepasste Sozialgesetzgebung – z.B. einem Vaterschaftsurlaub? Auch da unterstützt „ihr“ ein Referendum dagegen. Ein Viertelprozent auf die Löhne wäre angeblich der endgültige Ruin eurer KMUs. Oder das leidige Thema EU. Wir liegen (dummerweise) mitten im grössten Wirtschaftsraum der Welt. Wir importieren über 70% unserer Waren aus dieser und exportieren 55% unserer Produkte dorthin. 1,5 Millionen EU-Bürger leben und arbeiten hier, fast 500’000 Schweizer leben und arbeiten dort. Und doch tut ihr so, als könnten wir auf diese 27 Staaten verzichten. Man pfeifft auf Abkommen und Verträge und will sie sogar kündigen. Vorgegaukelt wird uns eine (Schein-)selbständigkeit – in Wirklichkeit geht es um „billige“ Arbeitskräfte (die man nach Bedarf holen und heimschicken kann, wie einst die Saisonniers aus Italien) und um den Abbau des Lohnschutzes (Flankierdende Massnahmen). Denn, das schleckt keine Geiss weg – ohne Ausländer gäbe es weder genügend Ärzte, Pflegepersonal, Informatiker, Erntehelfer noch Gleisearbeiter und Reinigungspersonal. Und es wird nicht besser. Jahr für Jahr gehen mehr in Pension, als wir Kinder zeugen. Wir sind also dazu „verdammt“ neue Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen. Da ist die sog. „Begrenzungsinitiative“ bestenfalls ein Trugschluss, in Wahrheit aber eine brandschwarze Lüge. Mit ihr, gäbe es keinen einzigen Ausländer und keine Ausländerin weniger in der Schweiz, die (angeblich) unsere Strassen verstopfen.

Zu viel ist zu viel, steht auf „euren“ Plakaten. Dem stimme ich voll und ganz zu!

Zu viel CO2 in der Luft, zu wenig Windkraft und Photovoltaik. Zu viel Konsum, zu viel Müll und zu wenig Nachhaltigkeit. Zu viel Reichtum in zu wenig Händen. Zu viel Autos, zu wenig Radwege. Zu viel Pestizide, zu wenig Bio. Zu viel Profit, zu wenig Gerechtigkeit. Zu viel Egoismus, zu wenig Solidarität. Zu viel Lügen und zu wenig Ehrlichkeit.

Denn seien wir ehrlich, liebe Bauern (und jene die hinter obiger Politik stehen), wenn ihr und wir eine lebenswerte Zukunft haben wollen, müssen wir weg vom zu viel. Bevor wir es aber mit unseren Nachbarn verscherzen, sollten wir bei uns selber anfangen. Lügen helfen uns dabei nicht – schon gar keine Selbstlüge.

Ich freue mich in Zukunft deshalb auf viele bunte und vielfältige Plakate in euren Äckern. Solche ohne uns zu beleidigen und zu belügen. Und solche die uns den Weg in die Zukunft weisen!

Es grüsst freundlich – einer aus eurem Stamm

PS: Mit „man“ und „ihr“ sind nie Alle gemeint. Die Betroffenen wissen Bescheid.

12.08.2020: Heiss?

Geklaut weil schön

Die Einen freut‘s, die Andern stöhnen. Die vorausgesagte Hitze hat jetzt auch uns erreicht. Und mit ihr bleiben (glücklicherweise) auch die hämischen Kommentare zum Ausbleiben des Klimawandels aus. Beruhigend zu wissen, dass diese spätestens beim ersten Bodenfrost im Dezember wieder auftauchen. Auf die $VP ist eben Verlass. Egal ob es ums Klima, Ausländer oder die EU geht – ihre Zukunft findet in der Vergangenheit statt. Unsere müssen wir (leider) in einer (eher düsteren) Zukunft leben. Also sollten wir uns um diese kümmern. Und nein, ich male nicht schwarz, ich schaue nur nicht weg.

Wer jetzt aber glaubt es wäre heiss und bald käme der Herbst, muss ich enttäuschen – zumindest mittel- und längerfristig. Wie die neusten Studien belegen, wandern wir klimatisch gesehen, Jahr für Jahr um 19 km nach Süden. (https://lukasfierz.blogspot.com/2020/08/eine-tour-in-die-holle.html?m=1 – zur Lektüre dringend empfohlen). In 10 Jahren sind wir im Tessin, in 30 in Rom und in 50 in Nordafrika – falls wir die Bremse nicht vorher finden. Wobei auch diese ab einem bestimmten Punkt nichts mehr nützt. Einmal in Fahrt, lässt sich der fahrende Zug kaum mehr stoppen. Auch das weiss „man“. Wir sind also gut beraten, uns auf „ heiss“ einstellen – nicht nur diesen Sommer.

Man mag solchen Studien glauben, sie ignorieren, verharmlosen oder leugnen. Es ist egal. Natur(gesetze) verhandeln nicht – sie wirken unbeeindruckt von unserem Befinden (und Studien). Sprich: Je mehr Treibhausgas (CO2/Methan), desto wärmer. Punkt. Und wir blasen jährlich ca. 20 Milliarden Tonnen zu viel davon in die Luft – wo es bleibt. Das heisst – es wird Jahr für Jahr wärmer (weltweit). Wenn wir uns der Sahara nähern, sind die Tropen die Hölle, New York abgesoffen und die Nordseeküste vor Hannover. Dass die Klimajugend (welche die Wissenschaft ernst nimmt) daran verzweifelt, ist verständlich. Dass sie dabei ihren Kopf einrennt, ebenfalls – ihre Drohung mit zivilem Ungehorsam zeigt die Richtung. Ich kann sie gut verstehen – es ist ihre Zukunft (die wir ihnen „hinterlassen“). Dabei sind dies nur die direkten klimatischen Folgen. Millionen werden die Küsten und ausgedorrten Landstriche verlassen (müssen) und einen neuen Platz suchen, weitere Millionen werden hungern und Krieg um Wasser und Lebensraum dürften nicht ausbleiben. Das mag pessimistisch klingen – das ist es auch. Vielleicht ist es ja ein Anstoss zum Handeln.

Weshalb aber stemmen wir uns mit dieser störrischen Vehemenz dagegen, den rasenden Zug zu bremsen? Weshalb werden reihenweise Windkraftwerke, im Namen eines romantisierten Landschafschutzes, verhindert. Photovolataik aus Heimatschutzgründen verweigert und nur halbherzig gefördert? Wieso stemmen sich Garagisten immer noch gegen eAutos, warum werden immer noch Ölheizungen verbaut, wird die Flugindustrie mit hunderten von Millionen gerettet…..(die Beispiele sind endlos)? Weshalb ist kurzfristiger Gewinn für Wenige, wichtiger als das Überleben von Millionen? Opfern wir sehenden Auges, alles was wir erreicht haben – inklusive Zivilisation? Wer mir überzeugend erklären kann, welchen Sinn das hat, darf sich gerne bei mir melden.

Wie uns die weltweiten Massnahmen gegen die Pandemie zeigen, wäre vieles möglich, falls man will. Und genau hier liegt das Problem – „man“ will nicht! Keine Masken tragen, ist ein sichtbares Symbol dafür (ich zuerst) – das Referendum der $VP gegen das (lasche) CO2-Gesetz gelebte Vogelstrauss-Politik. Die Kosten übernehmen ja mehrheitlich unsere Enkel – denkt man und sehnt sich schon nach 2 Wochen nach dem normalen Alltag zurück. Bei Covid-19 liegt die Hoffnung bei einem Impfstoff. Wo liegt sie beim Klima? Bei Donald Trump oder dass es die Naturgesetze gut mit uns meinen?

Ich nehme mich auch nicht aus. Ich bin auch nicht konsequent genug. Mein Uralt-Demio machte nach 18 Jahren schlapp. Genau einen Tag bevor ich mit einem gefüllten Kofferraum ins Wallis fahren wollte. Auf dem Radar stand ein kleiner e-Flitzer. Dafür war aber keine Zeit mehr. Diese gibt es noch nicht ab Stange. Gekauft habe ich stattdessen einen sparsamen Benziner ab Platz. Eine Notlösung – pragmatisch, wie die Realpolitik.

Was mir dieses Beispiel zeigt: Guter Wille allein reicht nicht! Solange Alternativen noch mit so viel Aufwand, abwägen und Ungewissheiten verbunden sind (Reichweite, Kosten, Tankstellen, Angebote, Auswahl, Technologie etc.) scheitert man noch an der eigenen Bequemlichkeit. Selbst jene, wie ich, die sich über die Zukunft und das Klima Sorgen machen. Wie ist es wohl mit jenen, die es nicht wahr haben wollen? Es gibt wirklich noch viel zu tun. Bei uns selbst und erst recht in der Politik. Wir machen uns mal auf die Suche nach einer passenden Alternative. Die Solartankstelle ist schon mal im Bau.