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12.08.2020: Heiss?

Geklaut weil schön

Die Einen freut‘s, die Andern stöhnen. Die vorausgesagte Hitze hat jetzt auch uns erreicht. Und mit ihr bleiben (glücklicherweise) auch die hämischen Kommentare zum Ausbleiben des Klimawandels aus. Beruhigend zu wissen, dass diese spätestens beim ersten Bodenfrost im Dezember wieder auftauchen. Auf die $VP ist eben Verlass. Egal ob es ums Klima, Ausländer oder die EU geht – ihre Zukunft findet in der Vergangenheit statt. Unsere müssen wir (leider) in einer (eher düsteren) Zukunft leben. Also sollten wir uns um diese kümmern. Und nein, ich male nicht schwarz, ich schaue nur nicht weg.

Wer jetzt aber glaubt es wäre heiss und bald käme der Herbst, muss ich enttäuschen – zumindest mittel- und längerfristig. Wie die neusten Studien belegen, wandern wir klimatisch gesehen, Jahr für Jahr um 19 km nach Süden. (https://lukasfierz.blogspot.com/2020/08/eine-tour-in-die-holle.html?m=1 – zur Lektüre dringend empfohlen). In 10 Jahren sind wir im Tessin, in 30 in Rom und in 50 in Nordafrika – falls wir die Bremse nicht vorher finden. Wobei auch diese ab einem bestimmten Punkt nichts mehr nützt. Einmal in Fahrt, lässt sich der fahrende Zug kaum mehr stoppen. Auch das weiss „man“. Wir sind also gut beraten, uns auf „ heiss“ einstellen – nicht nur diesen Sommer.

Man mag solchen Studien glauben, sie ignorieren, verharmlosen oder leugnen. Es ist egal. Natur(gesetze) verhandeln nicht – sie wirken unbeeindruckt von unserem Befinden (und Studien). Sprich: Je mehr Treibhausgas (CO2/Methan), desto wärmer. Punkt. Und wir blasen jährlich ca. 20 Milliarden Tonnen zu viel davon in die Luft – wo es bleibt. Das heisst – es wird Jahr für Jahr wärmer (weltweit). Wenn wir uns der Sahara nähern, sind die Tropen die Hölle, New York abgesoffen und die Nordseeküste vor Hannover. Dass die Klimajugend (welche die Wissenschaft ernst nimmt) daran verzweifelt, ist verständlich. Dass sie dabei ihren Kopf einrennt, ebenfalls – ihre Drohung mit zivilem Ungehorsam zeigt die Richtung. Ich kann sie gut verstehen – es ist ihre Zukunft (die wir ihnen „hinterlassen“). Dabei sind dies nur die direkten klimatischen Folgen. Millionen werden die Küsten und ausgedorrten Landstriche verlassen (müssen) und einen neuen Platz suchen, weitere Millionen werden hungern und Krieg um Wasser und Lebensraum dürften nicht ausbleiben. Das mag pessimistisch klingen – das ist es auch. Vielleicht ist es ja ein Anstoss zum Handeln.

Weshalb aber stemmen wir uns mit dieser störrischen Vehemenz dagegen, den rasenden Zug zu bremsen? Weshalb werden reihenweise Windkraftwerke, im Namen eines romantisierten Landschafschutzes, verhindert. Photovolataik aus Heimatschutzgründen verweigert und nur halbherzig gefördert? Wieso stemmen sich Garagisten immer noch gegen eAutos, warum werden immer noch Ölheizungen verbaut, wird die Flugindustrie mit hunderten von Millionen gerettet…..(die Beispiele sind endlos)? Weshalb ist kurzfristiger Gewinn für Wenige, wichtiger als das Überleben von Millionen? Opfern wir sehenden Auges, alles was wir erreicht haben – inklusive Zivilisation? Wer mir überzeugend erklären kann, welchen Sinn das hat, darf sich gerne bei mir melden.

Wie uns die weltweiten Massnahmen gegen die Pandemie zeigen, wäre vieles möglich, falls man will. Und genau hier liegt das Problem – „man“ will nicht! Keine Masken tragen, ist ein sichtbares Symbol dafür (ich zuerst) – das Referendum der $VP gegen das (lasche) CO2-Gesetz gelebte Vogelstrauss-Politik. Die Kosten übernehmen ja mehrheitlich unsere Enkel – denkt man und sehnt sich schon nach 2 Wochen nach dem normalen Alltag zurück. Bei Covid-19 liegt die Hoffnung bei einem Impfstoff. Wo liegt sie beim Klima? Bei Donald Trump oder dass es die Naturgesetze gut mit uns meinen?

Ich nehme mich auch nicht aus. Ich bin auch nicht konsequent genug. Mein Uralt-Demio machte nach 18 Jahren schlapp. Genau einen Tag bevor ich mit einem gefüllten Kofferraum ins Wallis fahren wollte. Auf dem Radar stand ein kleiner e-Flitzer. Dafür war aber keine Zeit mehr. Diese gibt es noch nicht ab Stange. Gekauft habe ich stattdessen einen sparsamen Benziner ab Platz. Eine Notlösung – pragmatisch, wie die Realpolitik.

Was mir dieses Beispiel zeigt: Guter Wille allein reicht nicht! Solange Alternativen noch mit so viel Aufwand, abwägen und Ungewissheiten verbunden sind (Reichweite, Kosten, Tankstellen, Angebote, Auswahl, Technologie etc.) scheitert man noch an der eigenen Bequemlichkeit. Selbst jene, wie ich, die sich über die Zukunft und das Klima Sorgen machen. Wie ist es wohl mit jenen, die es nicht wahr haben wollen? Es gibt wirklich noch viel zu tun. Bei uns selbst und erst recht in der Politik. Wir machen uns mal auf die Suche nach einer passenden Alternative. Die Solartankstelle ist schon mal im Bau.

Besserwisser

Man spührt es. Irgendwo in der Magengrube. Man kann es nicht richtig zuordnen. Nein, übergeben muss man sich (noch) nicht, aber es fühlt sich auch nicht gut an. Woran mag es liegen? Habe ich schlecht gegessen? Ist es der Vollmond oder liegt es doch an der Weltlage? Soll ich aufhören mit Zeitunglesen, soll ich Nachrichten boykottieren oder einfach den schönen Sommer geniessen? Am besten wohl von allem etwas. 2020 macht es uns wirklich nicht leicht. Uns bleibt nur, uns vorzusehen, uns anzupassen, gesund zu bleiben und den Verstand nicht zu verlieren. Gerade dieser scheint aber im moment Ferien zu machen oder befindet sich in Quarantäne. Anders kann ich mir die Ereignisse dieser Woche nicht erklären.

Aber wo beginnen? Welche von all den verwirrenden Nachrichten und Ereignisse betrifft uns wirklich? Was können wir ignorieren, gleich wieder vergessen, schmunzelnd zur Kenntnis nehmen? Sich im Wirrwar der Widersprüche und stündlich wechselnder Newslage zurecht zu finden, gleicht dem ausmisten des Augias-Stalls. Man findet weder Anfang noch Ende. Um es nicht noch komplizierter zu machen, als es ohnehin schon ist, picken wir ein Beispiel heraus. Corona (was denn sonst)!

Corona. Nicht dass darüber nicht schon genug gesagt und geschrieben würde. Seit Tagen sind die Zeitungen wieder voll davon und die Tageschau meint auch sie müsste sich der Befindlichkeit jeder betroffenen Berufsgruppe widmen. Was sich allerding abzeichnet: Wir haben es versemmelt! Nach einer kurzen Phase des Aufschnaufens im Mai/Juni mit zum Teil einstelligen Fallzahlen, schiessen diese wieder in die Höhe. Je 1000 in Deutschland und Frankreich, 200 hier und Spanien wird erneut zum Quarantänefall. Wir streiten uns über Maske oder Nicht-Maske, darüber wo „wir“ uns mehr anstecken – daheim in den vier Wänden, in den Ferien oder doch im Club. Und in Berlin feiern die Narren den „Tag der Freiheit“. Fragt sich nur noch: Frei von was? Vermutlich frei von jeder Vernunft!

Aber was wundert es, dass man den Überblick verliert, wenn selbst das BAG mit Zahlen zaubert. Angeheizt durch Journalisten, die mehr an den Klickraten, als an der Sache interessiert sind, (die „depperten“ Fragen an den Pressekonferenzen des BAG sprechen Bände) werden Schuldige gesucht, wo es (vermutlich) keine gibt. Desgleichen die Irrungen und Wirrungen um die Maske, das Geschacher um einen möglichen Impfstoff, das öffnen und schliessen von Clubs und so weiter. Von den Leugnern der Seuche und den Untergangspropheten des Abendlandes mal abgesehen, helfen solche „Debatten“ kaum aus der Krise. Im Gegenteil.

Seien wir ehrlich. Dieser Virus hat uns alle auf dem falschen Fuss erwischt. Und mit „alle“, meine ich mich, dich, inklusive Regierung und Gesundheitswesen. Wer, wie der „Narrenumzug“ in Berlin, behauptet, es gäbe einen Geheimplan oder eine weltweite Verschwörung (egal von wem auch immer), hat zwar seine eigenen Ängste und Zweifel im Griff, nicht aber das Problem erkannt. Und schon gar nicht löst er/sie das Problem, sondern ist Teil davon. Statt Freiheit, droht Lockdown. Ebenso „hilfreich“ ist die „Never Ending Story“ rund um die Maske. Seit heute tut es nun auch eine aus Stoff, wie man vernimmt (übrigens eine Falschmeldung). Das Kompetenzgeschacher zwischen Bund und Kantonen ist schon fast eine Randnotiz – deckt aber schonungslos die Schwächen unseres Förderalismus auf. In der Krise sind „Debatten“ sinnlos! Punkt.

Lernen tun wir aus Fehlern – wie oft habe ich diesen Hohlsatz an irgendwelchen Seminaren gehört? Ich habe nicht mitgezählt. In der Praxis habe ich ihn allerdings nie erlebt. Weder im Beruf, der Politik noch gar nicht in einer Krise. Stürzt ein Flugzeug ab, explodiert eine Bombe, geht ein Auftrag verloren oder zwingt uns ein Virus in die Knie – der Reflex ist immer der gleiche: Wer ist schuld? Es gibt für „uns“ wohl kaum etwas Unerträglicheres, als nicht zu wissen, wem wir die Schuld zuschieben können – Hauptsache, wir sind es nicht.

Kein Wunder machen Märchen und Geschichten die Runde, die uns glauben lassen, das Ei des Kolumbus sei jetzt endgültig gefunden – wir könnten uns also in Ruhe aufregen, mit dem Finger auf die Schuldigen zeigen und unseren Egoismus geniessen. Dass dabei das Vertrauen in die Institutionen, die Wissenschaft, Politik und Presse flöten geht, nimmt man als Kollateralschaden hin. Man glaubt also „nichts“ mehr, futiert sich um Regeln und feiert sich selber (man ist ja so schlau). Hinterher darf dann gejammert werden. Der nahende Tsunami (genannt 2. Welle), ist am Horizont schon auszumachen.

Dabei wäre es so einfach. Weil wir (alle, inkl. Verantwortungsträger und Wissenschaft) noch zu wenige wissen, sollten wir wenigstens das tun, was wir können. Und momentan können wir – Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen und grosse Menschenansammlungen meiden (vielleicht hat wer schon mal was von der „Macht der grossen Zahl gehört). Bis ein Medikament oder ein Impfstoff verfügbar ist, ist dies das Einzige, was jede/r von uns dazu beitragen kann. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die sich nicht delegieren lässt. Weder an die Virologen, das BAG, die WHO noch Bill Gates. Diese (ich spreche jetzt von der Politik) sollen sich um die angerichteten Schäden kümmern und die Wissenschaft um Forschung und Entwicklung von Gegenmitteln. Mehr braucht es nicht – aber das scheint schon viele zu überfordern. Was wir hätten besser machen können, sehen wir im Rückblick (das nennt sich übrigens „aus Fehlern lernen“). Es jetzt schon besser wissen zu wollen, ist billig.

31.07.2020: Die nicht gehaltenen 1. August-Rede 2020

Vor einem Jahr hatte ich die Ehre und das Vergnügen in Berg am Irchel mein Debüt als 1. August-Redner zu geben. Das Thema war vorgegeben: 80 Jahre Landihaus – über die Odyssee eines Hauses, von der Landi 1939 bis an den heutigen Standort, im Dorfkern von Berg am Irchel. Eigentlich ein unverfängliches Thema. In einer Gemeinde mit über 50% SVP-Wähleranteil, für einen „Linken und Netten“ wie mich, trotzdem eine Herausforderung – schliesslich erwartet man ja am 1. August ein Lob auf unsere Heimat, etwas Pathos, Selbstlob und die Ermahnung das Alte und Bewährte zu bewahren. Standpauken über Krisen, Misstände und Versäumnisse könnten die Festlaune verderben. Ich bemühte mich deshalb umso mehr um den „richtigen Ton“. Ich denke, es gelang mir ganz ordentlich – die faulen Eier blieben in der Tüte.

2020 ist anders. Erstmals seit 120 Jahren (der 1. August wird erst seit 1899 in der ganzen Schweiz gefeiert) finden dieses Jahr kaum 1. Augustfeiern statt. Zum grossen Leidwesen aller Patrioten hat ein fremder unbekannter Feind das Zepter übernommen. Im annus horribilis 2020, macht Corona selbst das Unmögliche möglich und so bleibt ausgerechnet in einem Jahr, wo es wahrhaft viel zu sagen gäbe, vieles ungesagt. Darum sage ich hier, was ich zu sagen hätte.

Liebe Festgemeinde

Was gibt es dieses Jahr am 1. August zu feiern, mögen sich viele fragen. Gut – Geburtstage feiert man auch wenn man im Krankenbett liegt – trotzdem ist die Feierlaune getrübt und im schlimmsten Fall hat der Arzt auch noch Bier und Bratwurst verboten. Ich brauche den Übeltäter kaum zu benennen – er ist allgegenwärtig. Blöd ist, er will und will einfach nicht verschwinden – da helfen weder laute Parolen, Forderungen noch Parteitagsbeschlüsse. Das Zepter schwingt ein unsichtbares Nichts – ein Virus weist uns in unsere Schranken. Ein Umstand der offensichtlich vielen zu schaffen macht. Rücksicht auf Befindlichkeiten, Verordnungen oder politische Augenwischereien, sind dem Käfer aber in etwa so fremd, wie mir Chinesisch.

Wir können natürlich ins Lamento der Bedenkenträger, der Weltuntergangspropheten oder dem der Sozialdarwinisten einstimmen. Wir können die Chinesen, 5G, die WHO oder Bill Gates verantwortlich machen. Ja selbst die Existenz von Covid-19 und der Pandemie, mit all ihren Toten, lässt sich leugnen. Der Seuche ist es egal – sie gedeiht prächtig und hat heute die 17-Millionengrenze, unbeeindruckt von jeglicher Verharmlosung und „zurück zur Normalisierung Rufen“ geknackt. Bevorzugt grassiert sie an Orten, in denen sie am lautesten ignorieret und geleugnet wird – bei Nachtclubbesuchern, in Deutschen Fleischfabriken, in Bolsonaros Brasilien und Trumps Amerika. Noch selten wurden Leugner und Idioten so gnadenlos vorgeführt. Man könnte also meinen, es wäre uns allen eine Lehre und schliesslich halten wir uns für einen „Sonderfall“ und wähnen uns als weit gescheiter als der Rest der Welt. Doch weit gefehlt. Auch hierzulande greift die Faktenresistenz um sich und es wird eifrig im Chor einer Allianz aus Aluhüte, Narzissten und rechtsextremen Pack, mitgesungen. Dass es immer welche gibt, die hinterher alles besser wissen, ist nicht neu. Neu ist jedoch der massenhafte Rückfall ins tiefste Mittelalter, als Wissenschaft noch Alchemie und Heilkunde noch Hexenwerk war. Erklärungsversuche für ein derart irrationales Verhalten gibt es viele – für mich sind es Zeichen einer Überforderung. Was nicht sein darf – ist nicht – also wird es geleugnet oder mit abstrusen Theorien ins eigene Weltbild integriert.

Auffallend sind die Parallelen zur Leugnung die Klimakrise. Bereits vermelden Exponenten der SVP euphorisch, diese fände nun definitiv nicht statt – der Sommer 2020 sei so kalt wie anno 1984. Für jene deren Welt am Hochrhein endet, eine durchaus plausible Meinung, schliesslich macht mich der heutige Salat auch nicht dick und die Pasta der letzten Monate ist längst verdaut. Leider aber kümmert sich auch das Klima nicht um Meinungen und hält sich stur an die Physik. Unbekümmert lassen Rekordtemperaturen den Permafrost in Sibirien schmelzen, droht der Drei-Schluchten-Damm im Jangtse nach Rekorniederschlägen zu brechen, sind Millionen der Flut ausgeliefert und der Amazones brennt einmal mehr, wie nie zuvor. Das solche Ereignisse von den Klimawissenschaftlern seit Jahren prognostiziert werden, ist selbstverständlich Zufall. Nur gut hält sich Greta und die Klimajugend an die Pandemiemassnahmen, sonst wäre es aus mit der Beschaulichkeit und Ruhe.

Wer kann den Wunsch danach nicht verstehen? Es läuft oder lief ja alles so schön in geordneten Bahnen. Zu klagen gab es höchstens etwas über die lärmige Nachbarschaft, die ungebetenen Asylbewerber, die uns auf der Tasche liegen, der Schliessung der Postfiliale und die hohen Krankenkassenprämien. Man will bewahren und wählt jene, die uns am glaubhaftesten versichern, sie wären jene, die dafür sorgen, dass alles bleibt wie es ist. Nicht umsonst gilt die Schweiz mit einer seit Jahrzehnten, soliden, stabilen bürgerlichen Mehrheit als konservativ. Dieser Konservatismus konnte uns allerdings weder vor Corona, dem Klimawandel, der Digitalisierung, der Zuwanderung noch der Zubetonierung der Landschaft bewahren. Im Gegenteil – es ist genau diese Geisteshaltung und ihre politischen Exponenten, welche uns dies beschert haben. Nicht nur hier in der Schweiz – weltweit. Würden die sog. Konservativen wirklich bewahren, so wie sie behaupten und sich aus dem Wortsinn ergibt, würde wie Welt anders aussehen. Die Vermutung, dass konservativ ein Etikettenschwindel ist, liegt nahe. Die wirklichen Bewahrer (und damit Konservativen) müssen wir heute bei den Linken und Grünen suchen. Diese wollen Klima und Umwelt schützen, Arbeitsplätze vor Digitalisierung und Abwanderung in Billiglohnländer bewahren und sind die vehementesten Befürworter des bewährten Service Public. Ihnen die Absicht die Schweiz mit unnötigen Gesetzen und Vorschriften oder gar einem EU-Beitritt in den Ruin zu treiben, ist also ein ziemlich billiges Ablenkungsmanöver.

Weltweit sieht es auch nicht besser aus – im Gegenteil. Im Vergleich zu den Hochburgen des Internationalen Wahnsinns, ist die Schweiz tatsächlich eine Idylle. Immerhin das könnten wir feiern. Aber eben – unter den Blinden ist der Einäugige bekanntlich der König. Eines aber haben wir vielen Ländern voraus – wir können ungehindert unsere Meinung sagen. Ein Privileg das wir nutzen und schützen sollten. Wir werden es garantiert noch brauchen.

26.07.2020: Quer durch eine Dekade

Manche Projekte dauern etwas länger als geplant. Etwa die Autobahn A9 durchs Wallis (seit 40 Jahren im Bau und immer noch keine Ende in Sicht) oder unser Projekt, die Schweiz von unserem (inzwischen alten) Zuhause in Buchberg (SH) zu unserem Ferienhaus in Bürchen (VS), zu durchwandern. Immerhin darf ich heute stolz verkünden: Ziel erreicht! Doch fangen wir von vorne an.

An einem Sonntag morgen, im April 2010, hatten wir genug von langweiligen Wochenenden und marschierten los. Ziel: Unser Chalet in Bürchen, im Wallis. Ohne klaren Plan oder Vorstellung von der Route, hielten wir Richtung Süden. Der Plan: Jedes Weekend eine Tagesetappe.

Und wir kamen flott voran. Am ersten Sonntag erreichten wir den Fuss der Lägern (Dielsdorf), am nächsten Sonntag überquerten wir diese und machten in Baden Halt. Zwei Wochen später standen wir an der Reuss und massierten unsere wunden Füsse auf dem Zeltplatz in Künten (AG), wo uns mein Bruder mit einem kühlen Bier empfing. Und dann kam erst mal einiges dazwischen. Die Temperaturen stiegen, die Lust schwand und ich musste an einen Kongress nach San Francisco. Zusammen mit Ursi und Freunden durchquerten wir anschliessen den Westen Amerikas. Grand Canyon, Bryce Canion, Zion, Death Valley, Yoshemite, Tenton, Yellowstone, bis nach Seattle an der Kanadischen Grenze. Unser Wanderprojekt verblasste. Und weil das noch nicht genug war und mir der neue Chef schon ziemlich auf den Senkel gab, ging ich im Dezember des gleichen Jahres, zusammen mit einem guten Freund, auf ein Trekking ins Khumbu-Valley (Everest) in Nepal, um meine Grenzen auszutesten.

Und da ich beruflich mindestens zwei mal jährlich über den Atlantik fliegen musste, besuchten wir im nächsten Jahr, zusammen mit unseren Freunden, New York. Immerhin schafften wir in weiteren Etappen, entlang der Reuss, noch Luzern. Was wir dabei lernten: Autobahnen im Schweizer Mittelland, sind die weitaus grösseren Hindernisse als Flüsse. Und dann machten wir ein Jahr Pause. Weiter Richtung Brünig – in der Zwischenzeit stand die Überquerung des Grimsels auf unserem Plan – ging es 2013. Und dann war erst mal für lange Zeit Schluss. 2014 stand das Dach der Welt (China/Tibet) auf dem Reiseplan. 2015 war Schluss mit lustig – die Fusion mit einem Amerikanischen Megakonzern war zu viel für meine Nerven und ich schmiss den Bettel hin. Die Lust auf Abenteuer war erst mal besänftigt. Immerhin machte ich noch Bekanntschaft mit der Rega, die mich am 29. September vom Grat des Augstbordhorns leinte und ins Spital Visp flog. Wer mit dem Kopf nicht bei der Sache ist, sollte eisige Grate tunlichst meiden.

2016 wollte dann mein Bruder seinen Bubentraum verwirklichen und den Kilimandscharo besteigen. Da mussten wir natürlich mit. Unser Alibi-Training bestand in der Überquerung des Brünig nach Innertkirchen, Der Traum meines Bruders ging (trotzdem) in Erfüllung – am 30. Oktober 2016 stand er auf dem Dach Afrikas, während wir das afrikanische Dorfleben erkundeten. Unser Guide ging uns so auf die Nerven, dass wir es vorzogen die Besteigung auf 3000 Metern abzubrechen. Dafür verliebten wir uns in Afrika. Wir müssten ihm dafür eigentlich dankbar sein.

Unser Umzug von Buchberg nach Ramsen 2015, bremste unsere Wanderlust für die nächsten zwei Jahre. Wir beschränkten uns auf die Erkundigung unserer neuen Umgebung am Bodensee und das neue Rentnerdasein musste erst eingeübt werden – das Wallis war fern. Letztes Jahr dann aber ein neuer Anlauf. Es ging ans pièce de résistance – die Grimsel. Unterstützt und motiviert von unserer alten Freundin und Wanderniere Käti, erreichten wir das Obergoms im Sommer 2019. Es ging besser als befürchtet. Geholfen hat uns dabei sicher auch unser Abspeckprojekt. Ohne Zusatzballast läuft sich einfach leichter. Dann ging es erst mal auf eine Weltreise. Im Januar 2020 enterten wir ein Schiff in Genua. Die Überquerung des Atlantiks, die Umrundung Lateinamerikas und der Besuch der Trauminseln in der Südsee und Neuseelands verlief wie geplant und lässt uns auch jetzt noch träumen. Als ab Australien Corona die Reiseleitung übernahm, hiess es aber: Häfen suchen, statt besuchen und Wasser bestaunen statt darin plantschen. Am 21. April – mitten im Corona-Lockdown – hatte Marseille dann ein Einsehen und liess uns von Bord. Ab sofort freuten wir uns auf unsere letzte Wander-Etappe – durch das Goms ins Mittelwallis. Gestern Samstag, den 25. Juli 2020, punkt 12:00 Uhr war es geschafft. Nach 10 Jahren, 20 Etappen, 2 Paar Schuhen, rund 300 Kilometern und einer Dekade, ist unser Projekt Buchberg-Bürchen Geschichte. Neue Projekte stehen bereits am Horizont. Manche dauern etwas länger – solange man aber dran glaubt, werden sie auch wahr. Ich hoffe das gilt auch für die A9 im Wallis ;.)

PS. Auf rundumdiewelt.ch findet ihr in Kürze eine „Wanderbericht“ über unser Dekaden-Projekt, inklusive vieler Fotos und vielen Eindrücken.

19.07.2020: Sauregurkenzeit

Weder das beruhigende Gebimmel der Kuhglocken unten auf der blühenden Bergwiese, noch das Rauschen des Wassers in der Suone vor dem Chalet, liessen mich letzte Nacht richtig schlafen. Unruhig wälzte ich mich im Bett, las zwischendurch im neusten Buch von Yuval Harari und starrte dann wieder an die dunkle Decke. Hätte ich irgend ein Problem gewälzt, hätte ich dafür eine Erklärung – also muss es wohl an Neowise – dem Kometen, den ich seit Tagen vergeblich am Himmel suche – liegen. Oder aber ich bin einfach ausgeschlafen…. Punkt halbfünf dann, riss mich mein iPhone aus der Zwischenwelt – Zeit zum aufstehen! Heute möchten wir unseren „Kraftort“ oben am Augstbordhorn besuchen und den Sonnenaufgang bestaunen.

Bereits um 5 nach 5 – noch im Halbdunkel – stehen wir oben auf dem Parkplatz der Moosalp. Weit im Westen, links der Furka, ein dunkelgelber Streifen über dem Gallenstock. Die übrigen Drei- und Viertausender der Walliseralpen zeichneten sich wie ein Scherenschnitt am bläulich schimmernden Himmel ab. Das Goms liegt unter einem Dunstschleier. Schon wenigen Schritten geht es steil bergauf – Ziel, das Kapelli am Aufstieg zum Augstbordhorn – unserem Hausberg. Auf seinen 2971 Metern stand ich schon früher – inklusive Rega, zerschlagener Visage, Schürfungen und Verstauchungen. Kein Grund dem Berg zu grollen – Eis ist nun mal glatt und wer träumt, statt zu laufen, braucht sich nicht zu wundern.

Heute aber geht es nur auf die halbe Höhe. Im Vordergrund steht der Genuss. Und wir werden nicht enttäuscht. Die kühle klare Luft ist durchdrungen mit einem Duftgemisch aus Kiefern, Kräutern und Alpenblumen – intensiver (und vor allem 1000 mal besser!) als die Räucherstäbchen in meiner ersten WG. Mit jedem Höhenmeter wird es heller. Über dem dunklen Tal liegen Lichtbündel, wie die Scheinwerfer einer Autokolonne. Der gelbe Streifen über dem Goms leuchtet nun in hellem Gelb und füllt den Horizont von der Grimsel bis zum Griesspass. Schon nach einer halben Stunde sind wir über der Baumgrenze, die hier auf rund 2300 Metern liegt. Vor uns die Ober-Arb – ein Aussichtspunkt mit Sicht auf das Goms, Mittelwallis, Saaser-Tal und die ganze Mischabelgruppe. Den Sonnenaufgang hier zu erleben, gehört zu jenen magischen Momenten, die sich tief in die „Seele“ graben.

Als hätten wir es persönlich orchestriert, knipst die Sonne ihr Licht, beim Betreten der Ober-Arb, an und bringt die Gletscher und Schneefelder des Doms zum glühen. Atemlos und staunend geniessen wir die Minuten wo die Nacht dem Tag weicht. Unten im Tal noch dunkle Nacht – oben leuchtende Schneefelder, welche die scharfen Grate und die im Schatten liegenden Wände aus dem Antrazitblau der Nacht meisselt. Wir können uns kaum sattsehen.

Nach einer weiteren halben Stunde dann unser Tagesziel. Ein Felsvorsprung, mit einer geschützen Sitzbank, einem plätschernden Brunnen und einer in den Fels gelassenen Andachtsstätte. Ein echter Kraftort. Hier packen wir unseren Rucksack aus und genehmigen uns einen Kaffee aus der Thermosflasche. Mausseelenallein, das Gurgeln des kleinen Brunnens im Ohr und das Zwielicht der schwindenen Nacht vor Augen, saugen wir die Kraft dieses Ortes in uns auf. Das Tal erwacht aus seinem Schlaf und die Dörfer nehmen Gestalt an. Tief unten bimmelt die Kirche von Törbel. Zeit zum Aufstehen. In der Nische der Heiligen Werdasauchimmerseinmag brennt eine Kerze, für all unsere Lieben….

Keine Panik und nein ich werde weder zum Pilger noch konvertiere ich zum Katholizismus. Ich verschliesse mich aber auch nicht der mythischen Stimmung eines Sonnenaufgangs in den Bergen. Spiritualität ist auch keine Exklusivität von Gläubigen. Das Gefühl des Aufgehobenseins, des Einsseins und die Kraft der Schönheit kennt weder Religion noch kann sie jemand besitzen. Es sind jedoch diese Momente, die uns die Kraft geben, die wir für die Bewältigung des Alltags brauchen. Erst recht in Zeiten, wie diesen.

Trotz Saurergurkenzeit (wieso die Sommerzeit auch immer so heissen mag) hätte ich für heute dutzende Themen gehabt, die ich hätte kommentieren können. Seit Mittwoch habe ich sicher schon an vier Entwürfen gegrübelt und alle wieder gelöscht. Ich entschied mich aber für den magischen Moment eines Sonnenaufgangs in den Bergen des Wallis. Kraft und Duchhaltevermögen können wir vermutlich alle brauchen, denn statt Erholung und Ruhe hält uns dieser Sommer ziemlich auf Trab. Angefangen mit den Horrorzahlen der Corona-Pandemie aus den USA, Brasilien, Indien und anderswo, dem Damoklesschwert über unseren eigenen Köpfen, dem Dosenbohnen-Werber im Oval-Office, dessen Ego eine ganze Nation niederreisst, der zerstrittenen EU, der Hitzewelle in Sibirien, den Unruhen von Thailand bis Israel – es würde eine ganze Bibliothek füllen. Da ich aber davon ausgehe, dass uns diese Themen diesen Herbst noch bis zum Erbrechen (allein die Wahlen in Amerika lassen daran keinen Zweifel) begleiten werden, nutzen wir den Sommer um Kraft zu tanken. Solange dies nicht in Sauforgien im Ballermann endet, kann ich das jeder und jedem nur empfehlen.

10.07.2020: Realitätsverweigerung

Realitätsverweigerer

Wir leben in komischen Zeiten. Wir geben Milliarden für Universitäten, Wissenschaft und Forschung aus. Dank dieser haben wir Handy, Internet, Impfstoffe, Flugzeuge, Antibiotika und Kläranlagen. Keine Woche vergeht, ohne neue Erkenntnisse. Der technische Fortschritt hat unsere Lebenserwartung in nur 100 Jahren verdoppelt. Genug Grund also sich zu freuen – würde man meinen. Das grosse ABER aber folgt sogleich.

Wie mit allem was da ist, so ist es auch mit oben beschriebenen Errungenschaften – sie sind selbstverständlich. Erst wenn etwas fehlt, erkennen wir ihren Wert. Insofern ist die Corona-Pandemie eine gute Lehrmeisterin – oder sollte und könnte es sein. Denn was wir zur Zeit erleben ist nicht die Hochblüte der Erkenntnis und der Besinnung, sondern eher das Gegenteil. Wohin man schaut, dominiert eine schon fast schizophrene Realitätsverweigerung. Damit meine ich nicht nur den krankhaften Lügner im Oval Office, der sich seine eigene Welt schafft und in seinem Wahn ein ganzes Land in den Abgrund reisst – ich meine auch nicht die kruden Verschwörungstheoretiker, die die mir ziemlich auf den „Sack“ gehen. Wilde Geschichten und Sündenböcke gab es schon im Mittelalter – da waren es je nach Geschmacksrichtung die Juden oder Hexen. Sind wir 2020 wirklich noch nicht weiter ? Hat die Aufklärung so krass versagt? Finanzieren wir dafür Schulen und Universitäten? Antworten habe ich keine – ins Grübeln bringt es mich aber auf jeden Fall. Was mich aber noch weit mehr irritiert, ist der naive Glaube, wir könnten diesen Albtraum wegzaubern, als wäre nichts geschehen.

Ich verstehe natürliche die behagliche Beharrlichkeit, am alten Bekannten festhalten zu wollen. Die Bequemlichkeit, die mit dem Gewohnten verbunden ist ein starkes Argument. In dieser Hinsicht, leben wir aber in miesen Zeiten. Kaum je in der Geschichte hat sich so vieles auf einmal, so schnell verändert wie in den letzten Jahrzehnten und es ist zu befürchten, dass es nicht langsamer wird. Die Pandemie wirkt dabei noch als Brandbeschleuniger. Das zeigt sich tagtäglich – auch im beschaulichen Dorfleben am Rande der Schweiz. Wie immer unangekündigt, ungewollt und verwirrend.

Ich habe mich in den letzten Wochen mehrfach zur Digitalisierung des Alltags geäussert, die ungefragt über Viele „hereinbricht“ und viele ratlos zurück lässt. An der Migros-Kasse, im Hoflädeli, am Parkautomaten – überall wird man aufgefordert, bargeldlos zu zahlen – aber was ist Twint? Sogar die Abschaffung des Bargeldes wird prognostiziert. Namhafte Ökonomen meinen schon 2030… Die viel gerühmte Marktwirtschaft hat dafür allerdings keine Volksabstimmung vorgesehen – „technische Revolutionen“ fanden oder finden in der Regel ohne die Stimmbürger statt. Die Abstimmung findet später, über das Portemonaie, statt. Nix also mit Behaglichkeit und weiter so – es heisst sich anpassen oder „untergehen“.

Und dann wäre da noch die Sache mit der eMobility – sprich Elektroautos. Da meine alte Karre letzte Woche den Geist aufgab, erkundigte ich mich beim Garagisten wegen eines Elektroautos. Nicht nur des Klima wegens (das aber hauptsächlich), sondern weil Benzin garantiert immer teurer werden wird (CO2-Abgabe) und es bereits zahlreiche Länder gibt, die schon bald weder Diesel noch Benziner zulassen werden (Norwegen z.B. schon 2025). Es ist also eine Frage der Zeit, bis es auch hier soweit sein wird, schliesslich hat die Schweiz das Pariser-Abkommen ebenfalls unterzeichnet. Doch weit gefehlt. „Bevor ich ein e-Auto verkaufe, schliesse ich die Garage“ bekam ich zur Antwort. e-Autos sind unser Tod (der Garagisten), eigentlich müssten wir alle auf die Barikaden gehen….. Ich war daraufhin einigermassen sprachlos, verstand dafür, warum ich kaum je Inserate für solche Fahrzeuge im lokalen Gratisanzeiger finde – umso mehr dafür, für übermotorisierte Boliden aus München und Stuttgart. Auch hier also behagliche Beharrlichkeit. Dazu fällt mir nur ein Zitat des letzten Deutschen Kaisers ein, der irgendwann um 1900 gesagt haben soll: „Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.“ Heute lebt Deutschland von der Autoindustrie.

Wir alle wissen: Leben heisst Veränderung – sind dann aber einigermassen überrascht, wenn es uns selber trifft. Auch wenn vieles voraussehbar ist, so trifft es uns meist ungefragt. Unsere Reaktionen sind dementsprechend. Je nach „Typ“ sind wir irritiert, verängstigt, ratos oder wütend. Gerade in turbulenten Zeiten, wo alles zusammenzubrechen scheint, wo Gewohntes verschwindet und sich das Neue fremd anfühlt, ist Realitätsverweigerung ebenso weit verbreitet. Ja, ich würde sogar behaupten, das gängige Verhaltensmuster der Mehrheit. Der Strauss ist bekannt dafür, dass er bei Gefahr den Kopf in den Sand steckt (ich vermute mal es ist ein Märchen – aber egal), wird den Angriff der Hyänen aber trotzdem nicht überleben. Wie schnell diese von der Realität eingeholt werden, zeigt einmal mehr Covid-19. Wer das Virus leugnet oder negiert wird von diesem schneller eingeholt, als er/sie bis drei zählen kann. Das muss gerade Bolsonaro lernen, aber auch all jene, die meinen sie könnten dem Käfer in den Zürcher Clubs ein Schnippchen schlagen. Realitätsverweigerung hat einen hohen Preis.

02.07.2020: Rund um den Irchel

Heute mache ich einen Ausflug in die Familiengeschichte und wie das 20igste Jahrhundert in diese hineinwirkt. Bis am letzten Sonntag war mir kaum bewusst, wie einschneidend die Weltgeschichte, bis hinein in die eigene Familie und ins persönliche Leben hineinspielt. Bis meine Eltern erzählten. Mach mit bei einem Ausflug ins 20igste Jahrhundert und in eine Familie, wie sie es wohl zu Tausenden gibt. Das Leben rund um den Irchel lütet den Schleier der Vergangenheit.

Blick vom Irchelturm

Heute verklemme ich mir für einmal Tagesaktualitäten, auch wenn es davon mehr als genug gäbe. Über Maskenphobiker, Superspreader, Clubbesucher und 2. Welle wird aber zur Zeit so viel geschrieben, dass ich für einmal besser schweige. Mein Sarkasmus änderte auch nichts daran.

Letzten Sonntag hatten wir meine betagten Eltern zu Besuch und viel Zeit und Musse über ihr Leben und unsere Familiengeschichte zu plaudern. Etwas, was bisher eher zu kurz kam. Warum sich unsere Elterngeneration eher bedeckt hält, was ihre Vergangenheit betrifft, ist mir – vor allem hier in der Schweiz, ohne Nazigräuel und Bombennächte – schleierhaft. Umso neugieriger bin ich, wenn sich der Schleier über der Vergangenheit etwas lüftet. Wir sind schliesslich Teil davon und diese prägt uns mehr, als uns wahrscheinlich bewusst ist. Hier also ein paar Erinnerungen „Rund um den Irchel“ – von dort, wo unsere Familie herkommt.

Der Irchel – ein bewaldeter Höhenzug zwischen Winterthur und Rhein, die südliche Grenze des Zürcher Weinlands, zwischen Töss- und Thurmündung, ist quasi die Pampa des Kantons Zürich. Ländlich, idyllisch, ruhig und auch heute noch zu 90% landwirtschaftlich geprägt. Sozusagen der Gegenentwurf zu Zürich. Rund um diesen weithin sichtbaren Höhenzug, hat meine Familie ihre Wurzeln. Selbstredend, dass alle mit der Landwirtschaft verbunden sind oder waren. Von ihnen – von den Urgrosseltern bis heute – handelt dieser Blog. Es ist nicht nur ein Blick in eine Familie, es ist vor allem einer in die Geschichte. Der Geschichte des 20igsten Jahrhunderts.

Neu und überraschend für mich war, dass zwei meiner Ur-Grossonkel (Brüder meiner Urgrossmutter mütterlicherseits) in den 90iger Jahren des 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert sind – so wie 300‘000 andere Schweizer zwischen 1870 und 1914. Mitten in der industriellen Revolution, gab es einfach kein Auskommen mehr für die wachsende Bevölkerung. So schrumpfte z. B. in Buchberg – dem Heimatort meiner Vorfahren – die Bevölkerung zwischen 1850 und 1920 um mehr als die Hälfte. Die Armut war ein ständiger Gast – und so blieb als Ausweg oft nur noch das Schiff über den Atlantik. Leider ging der Kontakt zu den beiden Auswanderern schon mit dem Tod meiner Urgrossmutter, 1947 verloren – und seitdem warten wir vergeblich auf den reichen Onkel aus Amerika. Vielleicht hilft uns aber dieses Wissen zu verstehen, warum heute Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Armut und die Hoffnung auf ein besseres Leben, ist und war zu allen Zeiten ein Grund das Weite zu suchen.

Die Urgrosseltern vaterseits hatten nicht weniger als 11 Kinder. Mit den wenigen Reben und den kleinen Äckern und Wiesen kannten auch sie „Reichtum“ nur vom Hörensagen. So blieben meinem Grossvater nur noch zwei kleine Rebberge und ein paar Äcker. Seine Familie mit drei Kindern, ernärte er als Störmetzger in den umliegenden Gemeinden. Immerhin garantierte dass der ganzen Familie, auch in Krisenzeiten, viel Fleisch auf dem Teller. Mit Jahrgang 1891 trafen ihn die Wirren das 20igste Jahrhundert mit voller Wucht. Kaum aus der Rekrutenschule brach 1914 der 1. Weltkrieg aus und er musste für 4 Jahre an die Grenze. 1918 wurde er sogar nach Zürich, zur Niederschlagung des landesweiten Generalstreiks, beordert. Bauern gegen Arbeiter – eine Erinnerung, die ihn Zeit seines Lebens plagte. Und weil er den „falschen“ Jahrgang hatte, traf es ihn auch im 2ten Weltkrieg. Statt Familie hiess es wieder Militär – diesmal für 5 Jahre. Seinen Lebensmut verlor er aber nie. Ich erinnere mich gerne an seine Geschichten, die er uns beim Runkelrüben putzen erzählte und noch mehr an seine legendären Blutwürste. Im Dorf war er nicht umsonst als „Pfefferschaggi“ (er heiss Jakob) bekannt. Die Liebe zum Pfeffer habe ich wohl von ihm geerbt.

Zu Höherem berufen war einzig mein Urgrossvater mütterlicherseits. Er war Staaatsförster auf dem Irchel und bewohnte mit seiner Familie einen einsamen, in einer Waldlichtung gelegenen Hof am Irchelsüdhang. Müsste man sich einen Ort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen ausdenken, man würde diesen Talhof im Junkerental (er)finden. Drei Seiten Wald und vor dem Haus eine Wiese mit grasenden Rehen. Leider meinte es das Schicksal mit dem Talhof nicht so gut. Sohn wie Enkel begingen beide, in der Blüte des Lebens, Selbstmord. Einer der Enkel landete in der Fremdenlegion und letztendlich als Alkoholiker unter der Brücke. Eine Enkelin verbrachte ihr Leben in der Psychiatrie. Verstreut in der Nordwestschweiz lebt noch rund ein Dutzend Nachkommen, von denen niemand genaueres weiss – es gibt weder Namen noch Adressen.. Eine seiner Töchter (meine Grossmutter) schaffte es auf die andere Irchelseite, wo sie unter ihrem Stand (wie sie selber meinte), einen Kleinbauern in Gräslikon heiratete. Obwohl ständig am Rande des Existenzminimus, wollte sie nie auf eine Magd verzichten. Als Staatsförsterstochter stand ihr das (angeblich) zu. Otto – ihr Mann – sparte sich das Geld vom Mund ab.

Auch ihn (mein Grossvater mütterlicherseits also) ereilte das Schicksal des 20igsten Jahrhunderts. Mit Jahrgang 1893 durfte er nach der Rekrutenschule gleich bis 1918 im Militärdienst bleiben. Da er vor meiner Geburt verstarb, beschränkt sich meine Erinnerung an ihn auf ein Foto in der Stube meiner Grossmutter. Stolz, in der Uniform der Schweizer Armee, mit Schweizerkreuz und Eichenlaub umkranzt, zur Erinnerung an die Grenzwache zwischen 1914 und 18. Im 2ten Weltkrieg stand er dann nochmals 5 Jahre an der Rheinbrücke in Rheinau und musst seinen Hof Frau, Kindern und Landverschickten überlassen. Angeblich traf ihn sein Lebensmotto: „Wer auf den Scheisshafen geboren wird, bleibt ein Leben lang darauf sitzen“ in besonderem Masse.. Zwei Weltkriege, die Spanische Grippe überlebt und kaum war der Krieg zu Ende, erkrankte er und starb noch vor dem sechzigsten Altersjahr, an Nierenversagen. Diese kollabierte unter den Bergen von R12-Schmerztabletten, die er gegen die Höllenschmerzen seiner Hüftarthrose schluckte. Heute eine Standardoperation mit künstlichem Gelenk – damals ein Schicksal mit unerträglichen Schmerzen.

Mit Ausnahme meiner Eltern fand in der nächsten Generation niemand mehr ein Auskommen in der Landwirtschaft. Dazu waren die zu erbenden Flächen zu klein und die Mechanisierung zu fortgeschritten. Die Familientradition fortgesetzt haben nur ein Onkel,, der wie mein Ur-Grossvater, Förster wurde und eben mein Vater, der den Hof in Gräslikon übernahm. Alle andern verheirateten sich in alle Winde. Aus ihnen wurden Unternehmersgattinen, Hausfrauen, Verkäuferinnen und Fabrikarbeiterinnen.

Exemplarisch für ein Frauenschicksal dieser Generation ist auch der Lebenslauf meiner Mutter. Für Mädchen war damals eine Berufslehre nicht vorgesehen – diese blieb dem männlichen Nachwuchs vorbehalten – und so musste sie schon mit 16 „dienen“, wie es damals hiess. D.h. als Dienstmädchen zu Familen Kinder hüten und im Haushalt helfen. Erst ins Appenzellerland, dann in eine Metzgerei in Zürich und zuletzt ins Pfarrhaus zu Buchberg, wo sie meinen Vater kennenlernte. Ihr Herzenswunsch – Handarbeitslehrerin – blieb ein Leben lang unerfüllt. Mein Vater war als einziger Sohn zwar für den elterlichen Hof in Buchberg vorgesehen. Dieser war jedoch für die Existenz einer Familie im Vollerwerb zu klein und so arbeitete er als Baumwart bei einer Fabrikantenfamilie in der Nachbarsgemeinde, bis er den Landwirtschaftsbetrieb meiner Mutter übernehmen konnte.

1955 war es soweit und meine Eltern zogen von Buchberg nach Gräslikon. Mit viel Fleiss und dem Direktvertrieb von Beeren, Kischen und Obst, schufen sie zusammen einen bescheidenen Wohlstand für sich und ihre drei Kinder. Diesen können sie auch heute noch, im hohen Alter, im eigenen Häuschen geniessen. Die knapp 6 Hektaren Land haben für unsere Generation für eine Existenz nicht mehr gereicht. Das Land wurde verpachtet. Auf ihm wird jetzt Biogemüse angebaut. Einzig meine Schwester folgt noch einer Familientradition. Sie fährt immer noch mit Beeren, Obst und Gemüse auf den Wochenmarkt nach Winterthur. Ihre Produkte kauft sie zu.

Weltgeschichte wird oft abstrakt begriffen und in der Schule meist auf grosse Männer, herausragende Taten, Kriegsereignisse und Daten reduziert. Weltgeschichte spielt sich aber ganz direkt bei uns selber, mitten in den Familien ab und bestimmt das Schicksal jedes Einzelnen. Wie sehr auch meine eigene Familie, ist mir erst seit letztem Sonntag bewusst. Wie sich aber die heutigen Ereignisse – egal ob die aktuelle Pandemie, die Klimakrise oder die technologische Revolution (Digitalisierung, Gentechnik) usw. – auf unsere Kinder und Enkel auswirken, wissen diese frühestens in 50 Jahren. Sicher ist nur, dass sich der Irchel dann immer noch zwischen Thur und Töss erhebt.

24.06.2020: Weit weg!

Auch bekannt als „Sankt Florians-Prinzip“, ist das Leitmotiv der Stunde. Besser gesagt, es ist bei vielen Verantwortungsträgern ein weit verbreitetes Prinzip. Aber nicht nur dort. Auch wir wünschen uns oft in Ruhe gelassen zu werden und wünschen uns lästige Probleme weit weg. Sei es Corona, die Klimakrise oder den lästigen Chef – es gibt nichts, was wir uns nicht weg wünschen könnten. Solange es andere betrifft (dafür soll eben Sankt Florian sorgen) – nicht mein Problem. Der (fromme) Wunsch ist menschlich und verständlich – leider aber vergebens. Lästige Probleme haben die Eigenschaft uns zu verfolgen. Wenn nicht jetzt, so später. Und gerade dieser Tage scheint es, als würde sich ein ganzer Kübel sorgsam entsorgter Probleme über uns ergiessen. Corona – weit weg – mitnichten, noch nie gab es weltweit mehr Ansteckungen als diese Woche. Klimakrise – weit weg – Greta Thunberg ist verstummt und trotzdem erlebt Sibirien den heissesten Sommer seit Menschengedenken, der den Permafrost tauen lässt. Rassismus – weit weg – Black Lives Matter holt uns auf den Boden der Realität zurück. Und dann gibt es auch noch Firmen, die sich Kunden möglichst weit weg wünschen – eine Geschichte über den Versuch, eFinance der Schweizer Post einzurichten.

Weit weg

Weit weg ist Corona. Irgendwo in einer Fleischfabrik im Norden Deutschlands, im Amazonas bei den Indigenen und den Slums von Lima. Noch viel weiter weg die drohende Klimakatastrophe. Selbst wenn die dürren Fichten mahnend in den Wäldern stehen, so findet diese bestenfalls weit weg, irgendwo hinter dem Ural statt, wo der Permafrost taut und tausende Tonnen Diesel die Taiga vergiften, weil der Boden taut, oder wo wieder einmal halb Sibirien brennt . Weit weg – betrifft uns nicht! Dank Corona ist sogar die „nervige Göre“ aus Schweden verstummt und FridaysForFuture bleibt zu Hause.

Was nicht in den Schlagzeilen steht, findet nicht statt. Weit weg auch Politiker aus nah und fern. Und selbst im Mikrokosmos des drögen Alltags ist die „Weit-weg-Philosophie (auch als Sankt Florians-Prinzip bekannt)“ eine feste Grösse. Wer’s nicht glaubt, der soll doch bitte mal den Kundendienst der Schweizer Post Finance anrufen. Spätestens nach der 7ten Entschuldigung durch den sprechenden Computer, wird er merken, wie weit weg die Post von ihren Kunden ist. Wenn er dann noch e-Banking aktivieren will, hat er diesbezüglich keine Fragen mehr.

Wer wünschte sich nicht auch manchmal „weit weg“ zu sein? Weit weg vom Stress, dem Ärger, der nervigen Arbeit oder dem langweiligen Alltagstrott. Weit weg – in den Ferien, auf einem Kreuzfahrtschiff, einem Sandstrand oder einfach nur zu Hause in den eigenen vier Wänden. Was im privaten Alltag Ausdruck von Überdruss oder (im positiven Sinne) Veränderungswille ist, ist gesellschaftlich ein Gen-Defekt. Wer als Firmenchef, Manager, Politiker oder sonstige/r Verantwortungsträger/in meint, mit verdrängen, verleugnen und „weit wegwünschen“, liessen sich Probleme aus der Welt schaffen, hat in solchen Positionen nichts verloren. Führung und Verantwortung sind nicht umsonst Zwillinge.

Kopfschütteln und Stirnrunzeln bereiteten mir im Moment aber nicht nur die Rekordzahlen neu infizierter Covidfälle (weltweit über 180’000 an einem Tag). Diese können mir persönlich egal sein – sie sind ja „weit weg„. Auch Flüchtlinge in Elendslagern auf griechischen Inseln – „weit weg„. Und was kümmern mich 20’000 Tonnen Diesel in den sibirischen Flüssen und die 6000 Waldbrände hinter dem Ural – „weit weg„, es sind ja nur Schlagzeilen. Kaum gelesen, schon vergessen.

Oft höre ich, ich würde mir zuviel Sorgen machen – weil eben, was kümmert dich das – es ist ja weit weg. Dummerweise ist die Erde rund und alles kommt irgendwann zurück. Sei es das Pestizied auf den Gemüsefeldern ins Trinkwasser, das verfütterte Antibiotika ins Schweinsschnizel auf meinem Teller oder das CO2 in der Luft, als Jahrhundertsommer. Wie alles miteinander verbunden ist, sollte uns eigentlich Corona gezeigt haben. Wir tun gute daran, daraus zu lernen.

Es braucht aber nicht immer Katastrophen und Pandemien um Sankt Florian zu begegenen. Wohin wegschauen und weg wünschen führt, erleben wir auch in den kleinen Dingen des Alltags. Wie eingangs erwähnt, bieten sog. Kundendienste und Digitalangebote von grossen Serviceanbietern (im obigen Beispiel die Schweizer Post Finance) abschreckende Beispiele. Offensichtlich nach dem Motto: „Was kümmern mich meine Kunden, diese sind ja weit weg„, werden Lösungen angepriesen (in obigen Fall eFinance der Post), welche den Durchschnittskunden in den Wahnsinn treiben. Ich behaupte mal von mir selber, ich wäre mit 35 Jahren Erfahrung in der Informatik, kein digitaler Volltrottel – kam mir beim Versuch dies für eine Freundin einzurichten, aber genau so vor! Jeder Versuch ist gescheitert. Erst Fehlermeldungen die einer Verarschung gleichen, (Motto: Du bist ein Depp), Supportseiten die ein ETH-Informatikstudium voraussetzen (ich stelle mir dabei immer ein 0815-Kunde vor) und einen Kundendienst, der genau so viel weiss wie ich – nämlich nichts! Angefangen bei den „Programmierern“, die solche Lösungen bauen (einen Kunden haben diese vermutlich weder je gesehen, noch mit ihm gesprochen), noch den Managern, die sich das lästige Problem „Kunde“ so weit weg wie nur möglich wünschen (man schalte einen sprechenden Computer vor die Kundendienstzentrale und nerve den Kunden mit wiederholten Aufforderungen zu warten). Die Lösung? Man wechselt am besten den Anbieter. Dumm nur, auch diese wünschen sich die Kunden nur herbei, bis sie sein Geld haben – danach aber rasch wieder weit weg!

17.06.2020: Auf den Mohrenkopf gekommen

Wir leben in einem wirklich glücklichen Land. Hier kümmert sich die hohe Politik noch um die wahrhaft ernsten Sorgen des einfachen Bürgers – dem leeren Mohrenkopf-Regal beim Grossverteiler. Vergessen ist Corona, vergessen die Existenzsorgen der KMU und Selbständigen, der Arbeitslosen und prekär Beschäftigten – der hinterhältige Anschlag auf die ur-eidgenössischen Traditionen durch einen übereifrigen Marketingverantwortlichen eines Lebensmittelverteilers lässt die Alarmglocken läuten. Der Untergang des Abendlandes ist gewiss! Aber vielleicht ist das zuckersüsse klebrige Schoggidings auch nur das Symptom einer Zeit. Einer Ära der Verantwortungslosigkeit, wo es wichtiger ist sich über einen „Furz“ zu empören, als Verantwortung zu übernehmen, für die ernsten Dinge des Lebens. Auf den Mohrenkopf gekommen – ein süsser Blog, stinkt zum Himmel.

Duberone

Wir leben in einem wirklich glücklichen Land. Unser derzeit grösstes Problem ist ein ungesundes Süssgebäck mit zuviel Zucker, Fett und Schockoguss, welches von einem Grossverteiler wegen seines antiquierten und anrüchigen Namens aus dem Sortiment gekippt wird. Soweit, so normal – könnte man meinen. D.h. unter „normalen“ Umständen nähme davon kein Mensch Notiz. Aber was ist in der heutigen Zeit schon „normal“? Ist es auf jeden Fall nicht, im glücklichsten Land dieser Welt – der Schweiz. Ein solch ungeheuerlicher Angriff auf das „gesunde“ Volksempfinden muss zwangsläufig zu politischen Verwerfungen, ja gar zu Volksaufständen führen. Nachzulesen in den News und der Tagespresse: Massenandrang bei Dubler in Waltenschwil und Mohrenkopfdebatte im Zürcher Kantonsrat, lassen erahnen wie tief das Selbstverständnis der Mohrenkopffraktion erschüttert ist. Analysieren wir das Geschehen.

Ohne ins Gejammer der einzelnen Lobbyisten einzustimmen, welche wahlweise den Untergang ihrer Branche, ihres Unternehmens oder des ganzen Landes befürchten, sei doch angemerkt, dass es nebst den katastrophalen Fehlentscheiden eines Grossverteilers, auch noch zwei drei Dinge zu diskutieren gäbe, die vielleicht auch noch erwähnenswert wären. Also zum Beispiel die Unterstützung von kleineren Betrieben und Selbständigerwerbenden, denen wegen der Pandemie die Aufträge weggebrochen sind oder vielleicht auch nur ein möglicher Mieterlass für Geschäftsräume, die aus denselben Gründen keinen Ertrag mehr abwerfen. Aufgaben, für welche wir zum Beispiel Politiker wählen und fürstlich entlöhnen. Obwohl – ein gewisses Verständnis habe ich ja für die Arbeitsverweigerung unserer Parlamentarier – sie sind schwer mit dem Verdauen einer klebrigen Süssspeise beschäftigt. Unverständlich bleibt mir nur, weshalb ausgerechnet die erklärten Vertreter der Wirtschaft – also die bürgerlichen Parteien – ihre Klientel so sträflich im Stich lässt. Ein Rätsel, das ich erst noch lösen muss.

Was bei uns für rote Köpfe sorgt, stinkt andernorts bereits zum Himmel – der Angriff auf Anstand und Sitten. In Wien wurde gerade ein renitenter Bürger, für eine Furzattacke auf die Polizei, mit 500 Euro gebüsst. Im Herzen Europas weiss man noch, was sich gehört und greift zum Zweihänder. So oder so, der Verhältnisblödsinn stinkt zum Himmel. Ob gebannter Mohren- oder flatulierender Querkopf – es hinterlässt nur Kopfschütteln..

Dabei hätten wir Grund, uns zu freuen. Zumindest hier in Mitteleuropa sinkt die Zahl der Infizierten von Woche zu Woche und ist in der Schweiz, mit rund 20 Neuerkrankungen pro Tag kaum mehr erwähnenswert. Die Grenzen sind wieder offen, die Strassen wieder belebt und die Gartenrestaurants gut besucht. Der ideale Zeitpunkt also, sich ans Aufräumen und Reparieren zu machen. Also: Wie geht es weiter mit dem Tourismus – wie verhindern wir eine Pleitewelle der KMU – wie finanzieren wir all die Folgekosten des Lockdowns – wie bekämpfen wir die drohende Armut grosser Bevölkerungsgruppen? Fragen die jede/n von uns ganz direkt betreffen, Nur dumm, dass uns die Mohrenköpfe die Sicht darauf versperren. Aber vielleicht kommen diese ja gerade im richtigen Zeitpunkt. Sie lenken davon ab, wer die Kosten zu schultern hat – wir. Nur sagen will uns das niemand – schliesslich will man wieder gewählt werden.

Ob all diese Politiker bei einem gewissen Herrn Trump in die Schule sind, weiss ich nicht. Die Weigerung irgendeine Verantwortung zu übernehmen, zeigt aber auffällige Parallelen zu Onkel Donalds Gebaren. Für diesen sind für die Verlagerung der Industriearbeitsplätze in Billiglohnländer ja auch die Mexikaner und Chinesen schuld, für das Coronavirus selbstverständlich auch diese und wenn nicht dann die WHO, für den Rassismus natürlich die Antifa (wer das auch immer sein möge) und selbstverständlich die Schwarzen selbst, die Göre aus Schweden für den Klimawandel und überhaupt alle für alles ausser er für irgendwas. Falls unser Zeitalter mal als Ära der Verantwortungslosen in die Geschichte eingeht, würde es mich nicht wundern.

Ich solle nicht so negativ schreiben. sagen mir meine Nachbarin und meine Frau. Das stimmt, denn das Leben auf dem Dorfe, als Rentner und priviliegierter Bürger eines reichen Landes, bietet genug Gründe, dieses zu geniessen und die Schönheiten des Alltags zu loben. Sei es die Wanderung auf den Wolkenstaa, die Fischchnusperli am Hafen von Stein am Rhein oder der langersehnte erste Besuch im Me Kong (dem Chinesen meiner Wahl) nach der Grenzschliessung, in Rielasingen – der Alltag ist voll davon. Richtig ist, dass es solche Momente sind, die uns die Kraft geben, den Irrsinn zu ertragen. Es ist diese Kraft, die notwendig ist, Verantwortung zu tragen und Herausforderungen zu meistern. Sei es in der Nachbarschaftshilfe, in einem Verein, einer politischen Partei, an der Urne oder auf der Strasse. Mohrenköpfe werden uns nicht daran hindern!

12.06.2020: QR – Tsunami

Still und leise hat sich ein schwarz gesprenkeltes Quadrat in unseren Alltag geschlichen und droht diesen zu verändern. Mit Panik in den Augen wurde ich diese Woche mehrfach gefragt: Wie mache ich denn in Zukunft die Zahlungen, wenn die im Sommer die Einzahlungsschiene mit diesem QR-Code bringen? Der QR-Code (er wurde übrigens schon 1949, in der Automobilindustrie entwickelt und ab 1994 in der IT verwendet) wird so zum Symbol für Veränderungen, die Angst machen und viele dazu zwingt, liebgewordene Gewohnheiten aufzugeben. (z.B. das gelbe Postbüchlein). Die angedohten Gebüren für „manuelle“ (oder eben analoge) Prozesse drängen die Menschen diese neuen Dienste zu nutzen. Wie Corona dem Online-Shopping wahrscheinlich zum endgültigen Durchbruch verholfen hat, so wird dieser Code wahrscheinlich auch noch die letzten Mohikaner ins Online-Banking und in den bargeldlosen Zahlungsverkehr zwingen. Der heutige Blog handelt von den Veränderungen durch die Digitalisierung und unseren Umgang damit. Der QR-Tsunami steht drohend am Ufer.

QR – Symbol der Digitalisierung

Panik in den Augen. Wie mache ich in Zukunft meine Einzahlungen? Ab diesem Sommer gibt es neue Einzahlungsscheine mit QR-Code! In den Bio-Hofläden soll man mit Twint bezahlen und überhaut: „Ich fühle mich ausgeschlossen, abgehängt und verstehe die Welt nicht mehr“. Diskussionen, die ich dieser Tage mehrere führte. Auch dieses Thema schlummert seit Jahren vor unseren Augen und drängt nun in unser Leben – ob wir das wollen oder nicht. Das Thema nennt sich Digitalisierung.

35 Jahre lang habe ich diese in den Unternehmen vorangetrieben. Nicht als nerdiger Programmierer, sondern meist als „Visionär“, der von den Unternehmensleitungen geholt wurde, wenn sie mit ihrer Zettelwirtschaft den Anschluss verpassten. Und das Resultat war fast immer das Gleiche: Die „Alten“ wehrten sich mit Händen und Füssen gegen Veränderung und blieben dann auf der Strecke und die „Jungen“ waren begeistert, motzten über fehlende Funktionen und tricksten das System aus. Um mich richtig zu verstehen: Unter vielen „Alten“ gab es auch Jüngere – der Umgang mit Veränderungen hat nichts mit dem Jahrgang zu tun.

Das Dumme ist – wir leben in einer Zeit der radikalen Umbrüche, ja sogar der Disruption (Disruption ist ein Prozess, bei dem ein bestehendes Geschäftsmodell oder ein gesamter Markt durch eine stark wachsende Innovation abgelöst beziehungsweise „zerschlagen“ wird.). Noch dümmer – wir haben dazu kaum etwas zu sagen. Die „Visionäre“ hocken weit weg in Kalifornien, im Silicon Valley oder in Zhongguancun (die chinesische Variante) und basteln an unserer Zukunft – ungefragt und meist auch unkontrolliert. Dazu ist anzumerken: Auch die Dampfmaschine, die Eisenbahn und das Auto waren keine demokratischen Projekte – sie wurden, ähnlich wie Apple oder HP – in Hinterhöfen und Garagen entwickelt. Mit den Folgen kämpfen wir heute noch, bzw. je länger je heftiger. Und so wie das Auto und das Flugzeug unsere Städte und Dörfer, unseren Lebensstil und das Klima verändert hat, so tut dies der Digitalisierungs-Tsunami. Der „neue“ Einzahlungsschein mit dem QR-Code ist nur gerade die „Briefmarke“ auf dem Brief, mit dem uns der angekündigt wird.

Viel gravierender und einschneidener als QR-Codes auf Einzahlungsscheinen oder Twint zum bargedlosen zahlen, sind die Veränderungen welche kaum je mit der Digitalisierung – die ja schon seit mindestens drei Jahrzehnten im Gange ist – in Verbindung gebracht werden. So wie kaum jemand das Loch in der Quartierstrasse oder seine schrumpfenden Rentenansprüche im BVG, mit den tiefen Unternehmenssteuern in Verbindung bringt, so wenig bringt er das Lädelisterben und die Schliessung der Post im Dorf, mit der Digitalisierung in Verbindung. In den Medien werden dafür selbstfahrende Autos gehypt, von den ominösen Algorithmen und künstlicher Intelligenz geschwafelt und die Verschwörungstheoretiker warnen davor, dass uns die neuen 5G-Antennen grillieren (oder gar Corona auslösen). Es geht also um die Frage: Wie gehen wir (jeder Einzelne, wie auch die Gesellschaft), mit Veränderungen um.

Bleiben wir nochmals beim QR-Code, Einzahlungsscheinen, Twint und Co. Was für die Einen eine einschneidende Veränderung bedeutet – im schlimmsten Fall viel kostet (Gebüren) oder gar das Ende bisher genutzter Dienste heisst – ist für die Andern schon seit langem Alltag. Der stärkste und sichtbarste Ausdruck dieser digitalen Kluft ist vielleicht der Umgang mit dem Handy. Grosseltern, ja sogar Eltern müssen heute ihre Jungmannschaft um Rat bitten, wenn es um unverständliche oder neue Funktionen auf ihrem Smartphone geht. Die Kinder erklären den Erwachsenen die Welt. Ein neues Phänomen, welches auch eine Machtumkehr bedeutet.

Auch wenn ich ein Digital-Junkie bin, habe ich für die Sorgen und Nöte der digitalen Newbies (Neuling oder Anfänger) ein gewisses Verständnis. Was uns disruptive Technologien bescheren gleicht oft mehr einer Zumutung, als einem Fortschritt. (Ich möchte z.B. nicht wissen, wieviele Stunden ich schon mit fehlenden Passwörtern oder der Registrierung meiner Daten auf irgendwelchen Portalen verplempert habe). Was uns als Innovation und Fortschritt verkauft wird, entpuppt sich nur allzuoft als Falle und dient einzig dem Profit einiger grosser Techgiganten. Oder wer möchte z.B. eine Alexa (ein Sprachassistent von Amazon, mit dem ich ständig mit Amzon verbunden bin) im Wohnzimmer, die mir 24 Stunden im Tag zuhört? Das gleiche gilt für Siri auf dem iPhone und andere tollen Dinge, die unseren Alltag „erleichtern“. Eine kritische Distanz zu solchen Innovationen ist also nicht nur vorgestrig und den „Alten“ vorbehalten.

Wir tun – im eigenen Interesse – aber gut daran, uns mit diesen Themen und Technologien auseinanderzusetzen und sie dort zu nutzen, wo wir sonst ausgeschlossen werden. Bestes Beispiel dafür ist meine Mutter (90). Weil sie sich „weigerte“ ein Billet an einem Automaten zu lösen, kann sie auch nicht mehr Zug fahren (ohne ein Kind oder Enkel zu bemühen). Das gleiche Schicksal droht auch vielen unserer Generation, wenn wir uns nicht bemühen zu verstehen, was da gerade passiert und was es für unseren Alltag bedeutet. Gerade lebensnotwendige Dinge, wie Rechnungen zahlen, Bargeld oder nicht, die Auslagerung von bisher analogen Diensten in die digitale Welt (Online-Shopping, Postdienste, Versicherungsabschlüsse, Online-Steuererklärungen usw. usw) haben einen unmittelbaren Einfluss darauf, ob wir noch Teil dieser Gesellschaft sind oder an den Rand gedrängt werden.

Auf meiner Visitenkarte, die ich nach meiner Pensionierung vor 2 Jahren habe drucken lassen, steht als Beruf, Digital Coach. Ich verrmute ein „Job“, der in den nächsten Jahren noch deutlich an Bedeutung gewinnen wird.