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09.04.2021: Resilienz

Ein sperriges Wort und den meisten wohl nicht bekannt. Verwandt mit robust oder resistent, beschreibt es unsere Fähigkeit, mit Ungemach umzugehen. Es gilt: Je höher die Resilienz, desto „geschmeidiger“ sind wir. Wer eine hohe Resilienz besitzt, ist also nicht einfach nur ein „zäher Hund“ und hart im nehmen – er oder sie ist auch anpassungsfähig. Also quasi die Paradedisziplin in dieser Pandemie. Besser gesagt: Sollte es sein. Aus mehrfach, auch hier schon beklagten Gründen, spielen wir aber nicht in der Championsleague, sondern bestenfalls in der Regionalliga. Vielen bleibt sogar das Grümpelturnier verwehrt, da sie niemand in der Mannschaft haben will.

Wer befürchtet, es ginge einmal mehr um das Corona-Impf-Test-Dauergedöns liegt falsch und auch nicht. Mehr Gejammer braucht niemand. Es genügt, wenn es die Profis tun. Was es dagegen braucht, sind: Verstand auf der einen und Ausdauer auf der anderen Seite. Wie WC-Papier in der ersten Welle, sind diese zur Zeit aber Mangelwahre. Im Sonderangebot wird uns dagegen „mütend“ serviert – ein Mischwort aus müde und wütend. Ob sich die brasilianische P.1-Mutation davon beeindrucken lässt, ist aber leider nicht bekannt. Bekannt hingegen ist das Virus, welches uns „mütend“ macht: Das Treten an Ort, auch als Dauerschleife oder Sedativum bekannt. Dass mein LG-Bildschirm nach der hundertnenundneunzigtausendsten Oberarminjektion, allerspätestens aber mit dem neunhundertneunundneunzigsten Lieferversprechen für Impfstoffe in den nächsten Wochen, noch nicht in die Brüche ging, grenzt deshalb an ein Wunder. Ich kann es weder hören noch länger sehen. Selbst bei längerem Nachdenken erschliesst sich mir Sinn und Absicht hinter diesem Dauerbombardement nicht. Es ist, als gäbe es seit Monaten drei mal täglich Haferbrei und sonst nichts. Auf jeden Fall wird meine Resilienz arg strapaziert.

Wenn Krisenkommunikation die tausendfache Wiederholung der Wiederholung auf allen Kanälen, das endlos gleiche Palaver auf endlosen Pressekonferenzen, mit den immer gleichen Fragen, und ein Wirrwarr an widersprüchlichen Informationen bedeutet, ist unser Krisenmanagement top. Aber nur dann. Im realen Leben aber hört man weg, schaltet auf Durchzug oder schüttelt ungläubig den Kopf. Die Gefahr dabei einmal wirklich wichtige Informationen zu verpassen, ist gross. Wenn die Devise „weniger ist mehr“ Gültigkeit hat, dann in einer Krise, die kein Ende hat. Als genügte uns die Kakophonie der Lobbyisten und Politiker nicht, werden wir auch noch zu Tode gelangweilt. Gepikste Oberarme lösen bei mir schon heftige Traumatas aus. Diagnose: Meine Resilienz ist futsch.

Was also tun? Den Fernseher verschrotten? Das Handy in die Schublade und alle Zeitungsabos kündigen? Oder gleich die einsame Insel ohne Empfang? Das mag für Puritaner und Asketen die Lösung sein, ändert aber nichts an der miserablen Kommunikation durch Behörden und Presse, die uns Normalos nervt. Es liegt also einmal mehr an uns selbst. Also zu lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und den Restmüll zu entsorgen. Dabei hilft uns der alte Sokrates aus dem antiken Griechenland, mit seinen drei Sieben.

Einst wandelte Sokrates durch die Strassen von Athen. Plötzlich kam ein Mann aufgeregt auf ihn zu. „Sokrates, ich muss dir etwas über deinen Freund erzählen, der…“ „Warte einmal, „unterbrach ihn Sokrates. „Bevor du weitererzählst – hast du die Geschichte, die du mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe gesiebt?“ „Die drei Siebe? Welche drei Siebe?“ fragte der Mann überrascht. „Lass es uns ausprobieren,“ schlug Sokrates vor. „Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Bist du dir sicher, dass das, was du mir erzählen möchtest, wahr ist?“ „Nein, ich habe gehört, wie es jemand erzählt hat.“ „Aha. Aber dann ist es doch sicher durch das zweite Sieb gegangen, das Sieb des Guten? Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund erzählen möchtest?“ Zögernd antwortete der Mann: „Nein, das nicht. Im Gegenteil….“ „Hm,“ sagte Sokrates, „jetzt bleibt uns nur noch das dritte Sieb. Ist es notwendig, dass du mir erzählst, was dich so aufregt?“ „Nein, nicht wirklich notwendig,“ antwortete der Mann. „Nun,“ sagte Sokrates lächelnd, „wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, nicht wahr ist, nicht gut ist und nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit (Stangl, 2021).

Verwendete Literatur
Stangl, W. (2021). Die drei Siebe des Sokrates – Wahrheit – Güte – Notwendigkeit – arbeitsblätter news. Werner Stangls Arbeitsblätter-News.
WWW: https://arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/die-drei-siebe-des-sokrates-wahrheit-gute-notwendigkeit/ (2021-04-09).

Da dieses Sieb weder den Behörden noch der Presse bekannt zu sein scheint, tun wir gut daran, die auf uns einprasselnden News durch die drei Siebe – Wahrheit, Güte und Notwendigkeit – zu prüfen. Bleibt eine Nachricht in einem der Siebe hängen, ist es wichtig – die anderen dürfen wir getrost im Restmüll entsorgen. Das entlastet uns nicht nur von 99% Medienlärm, es stärkt auch unsere Resilienz. Ich z. B. lese einfach ein Buch. Aktuell Decameron von Giovanni Boccaccio. 100 Geschichten von zehn jungen Menschen zur Zeit der Pestepidemie in Florenz des 14ten Jahrhunderts. Der Lerneffekt in Bezug auf menschliches Verhalten in einer Pandemie, könnte kaum grösser sein.

02.04.2021: Der Bauchnabel

Es ist ein Affront. Nein – eine bodenlose Frechheit. Ein Komplott gar. Da zieht wer an einem Freitagnachmittag in eine neue Wohnung, schliesse den Fernseher an und nichts! Schwarz! Die Dose tot. Also Anruf bei UPC. Und nun folgt der Hammer! Die schicken ihren Techniker erst am Montag. Am Moooontag! Und „ich“ guck am Wochenende in die Röhre. Was ist das für ein Saftladen? Und dann meine Ferien. Gestrichen! Die wollen dass ich nach meinem Strandurlaub zwei Wochen in Quarantäne gehe. Die können mich mal! Und impfen soll ich mich auch noch. Ich lass mich doch nicht chipen! Ich wandere aus.

Das erste Beispiel (Fernseher) ist authentisch, alle anderen den Medien entnommen. Alle bringen sie aber eine Haltung zum Ausdruck, die zwar nicht neu ist, sich aber in dieser Pandemie, wie ein aggressives Virus verbreitet. Die Bauchnabelitis. Jener Charakterzug, genährt aus Egoismus und Anspruchshaltung, der unsere Zeit prägt. Dazu gesellt sich eine Ignoranz für die simpelsten Zusammenhänge, eine jämmerliche Opferhaltung und eine Arroganz des Nicht- oder Halbwissens. Und über all dem prangt das Lebensmotto: „Das steht mir zu!

Gründe und Erklärungsversuche für diesen „Zeitgeist“ gibt es viele. Sie reichen von der neoliberalen Elbogengesellschaft (jede:r gegen jede:n), dem Populismus, bis zu den Algorithmen der Sozialen Medien. Vermutlich ist es von allem etwas. In jedem Fall ist er aber toxisch. Toxisch, weil Egoist:innen meinen, auf andere keine Rücksicht nehmen zu müssen. Toxisch, weil Ignorant:innen (ihre) Meinung über Fakten stellen und weil das Gejammer der (angeblich) Zukurzgekommenen ein Affront gegenüber allen wirklichen Opfern ist. Stilikone dieser Jammergestalten ist der Judenstern, als Symbol für die angebliche Coronadiktatur, der ohne Scham, am Revers, durch die Strassen getragen wird. Eine grössere Verhöhnung der Opfer des Holocaust ist kaum denkbar. Wer aber sein Bauchgefühl zum Nabel der Welt erkürt, für den/die gibt es kein grösseres Opfer, als sich selbst. Da mutieren schon mal zwei fernsehfreie Tage zur Zumutung und sind Anlass für Wut, Protest und tief empfundene Kränkung.

Das Phänomen hat viele Namen. Wohlstandsverwahrlosung, fehlende Frustrationstoleranz bis hin zum Schneeflöckchen (für Jammeris und Weicheier). Doch wie man es auch nennen mag, es ist Ausdruck eines Gefühls des „zu kurz gekommen seins“, des „beschissen worden seins“ und des „das steht mir doch zu“. Und Gefühle täuschen sich angeblich nie – ich spüre sie ja in meinem Bauch. Die Wut, die alles verkrampft und die Ohnmacht, die mir den Appetit verdirbt. Das persönliche Wohlbefinden als Massstab der Welt, welche die Vernunft zu FakeNews erklärt. Jeder nur noch mit sich selbst beschäftigt.

Wie einfach es doch wäre, jetzt mit dem Finger auf „die Andern“ zu zeigen (denn es sind immer „die Andern“) – die Verschwörungsgläubigen, Impfgegner, die Ferienhungrigen, partysüchtigen Jugendlichen und Maskenverweigerer. Doch verbirgt sich hinter dem Gejammer um fehlende Impfstoffe und Termine nicht eine ähnliche Anspruchshaltung? Wieso steht „mir“ eine Impfung zu, dem Slumbewohner in Bogota aber nicht? Ist es weil wir hier ein funktionierendes Gesundheitssystem haben und in Kolumbien nicht? Oder ist es, weil wir reich (ergo „besser“) sind und die Slumbewohner arm? Die Antwort gibt sich selber. Dabei mutiert das Virus in den Elendsvierteln Macaos unter den Ungeimpften munter weiter und trifft uns wahrscheinlich früher oder später mit voller Wucht. Boris Johnson meinte kürzlich, das hohe Impftempo in Grossbritannien wäre das Resultat von Gier und Kapitalismus. Vermutlich war er noch nie so ehrlich. Nur – diese Impfdosen fehlen jetzt andernorts, wo sie vielleicht noch Schlimmeres verhütet hätten. Dummerweise hat der Bauch keine Augen – er ist blind. Das (momentan) gute Gefühl in der Magengrube aber ist trügerisch. Wie die Auswirkungen von Völlerei und ungesunden Essen – diese machen sich auch erst hinterher bemerkbar. Wenn es schon zu spät, oder teuer wird.

26.03.2021: (Sch)Impfen

Eigentlich habe ich die Schnauze von diesem Coronagedöns gestrichen voll. Man verzeihe mir die Tirade. Trotzdem dreht es sich heute ein weiteres Mal um das nervtötende Thema Pestilenz und ihre Folgen. Diesmal geht es ums Schimpfen und ums Impfen.

Wie viele Reiche, Staaten und Imperien seit der Antike, von den Sumerern bis zum Römischen Reich durch Seuchen ausgelöscht wurden, werden wir wohl nie genau wissen. Es waren viele. Allein das Römische Reich wurde mehrfach, von den Pocken (Antoninische Pest 165-180 n Chr.) und am Ende von der Pest selbst (Justianische Pest 541-770 n. Chr.) heimgesucht. Mit Millionen von Toten. Im 14. Jahrhundert raffte dieselbe die Hälfte Europas Bevölkerung dahin. Seuchen hiessen bis zur Erfindung von Antibiotika und des Impfens: Tot, Elend und oft das Ende von Imperien und Kulturen (die Ureinwohner Amerikas wurden zu 90% von eingeschleppten Krankheiten, wie Pocken, Masern und der Diphtherie ausgelöscht). Und noch im letzten Jahrhundert tötete die Spanische Grippe, weltweit geschätzte 100 Millionen Menschen – zehn mal mehr, als der gesamte Erste Weltkrieg in den Schützengräben. Grund genug also, sich vor der Pest (als Sammelbegriff für Krankheit und Seuchen) zu fürchten. Diese Angst steckte auch noch in meiner Grossmutter, die 1918 ihren Bruder an die Spanische Grippe verlor, und sogar in meiner Mutter, die jeden Schnupfen ihrer Kinder, für einen Abgesandten des Sensenmanns hielt. Ihre Hauptlektüre war deshalb ein dickes „Doktorbuch“ – ein schwerer, anthrazit-grauer Wälzer, in dem sämtliche Seuchen, von der blutigen Ruhr bis zur Schwindsucht, mit allen Symptomen, verzeichnet waren. Krank sein hiess eben: Angst, Hilflosigkeit, Elend und (oft genug) Tod. In vielen Entwicklungsländern ist es auch heute noch so.

Und dann kam die Wissenschaft und machte diesen Geisseln der Menschheit ein Ende – oder zumindest fast. 1796 „impfte“ Dr. Eduard Jenner in England einen Jungen mit dem Sekret einer Rinderpockenpustel, gegen die Pocken. Es wirkte – der Jung war immun und wurde von den Blattern, dem möglichen Siechtum und Tod verschont. Kaum 20 Jahre später wurde die Pockenimpfung in vielen Ländern zur Pflicht erklärt. Man sah in einer Sterberate von (nur) 3% durch das Impfen, gegenüber den 30% durch die Pocken, einen grossen Fortschritt. 1978 verstarb Janet Parker als Letzte von hunderten Millionen, an dieser Seuche. Impfpflicht sei Dank. Die Pocken waren besiegt. Es folgten weltweite Impfkampagnen gegen Masern, Polio, Diphtherie, Mumps, Röteln usw. Ausgerottet sind diese bis heute nicht ganz, aber sie verloren ihren Schrecken. Statt Millionen töten sie „nur“ noch Tausende. Den Heulsusen hier scheint das aber egal zu sein. Ihr Geheul, wenn unter einer Million Covid-Geimpfter, sechs allergisch reagieren, ist ohrenbetäubend. Die bisher 2,8 Millionen Toten durch Covid sind ebenfalls kein Thema. Die wären ja sowieso an „Altersschwäche“ gestorben….(*ironieoff). Und statt sich über den raschen Erfolg der Wissenschaft in der Entwicklung eines Covid-Impfstoffes zu freuen, schimpfen die einen, weil es zu langsam geht und demonstrieren andere gegen eine angebliche Impfpflicht – Todesdrohungen inklusive.

Wohl keine Entwicklung der Wissenschaft hat mehr zum Wohle der Menschheit beigetragen, wie Antibiotika und das Impfen. Keine Technik mehr Leben gerettet und Leid vermieden. Und doch „fürchten“ sich immer mehr vor diesem Piks. Für viele Naturheilkundler:innen Homöopathe:innen und esoterischen Kreise ist Impfen gar des Teufels. Horrorgeschichten von Autismus (auf Grund einer nachweislich gefälschten Studie) bis zu Gen-Manipulation, impfen von Chips (angeblich von Bill Gates um uns fernzusteuern) und gar die Ausrottung der Menscheit, machen die Runde. Den Vogel schiessen jene ab, die ihre Kinder an Masernpartys schicken, um sie zu immunisieren. Dank solchen Impfskeptikern starben 2019 weltweit wieder über 200‘000 Kinder an dieser „harmlosen“ Kinderkrankheit. Und nun folgt Covid.

Während Regierungen, Wirtschaft und Millionen pandemiemüder Bürger um mehr Impfstoff von Pfizer bis Sputnik betteln, weigert sich 1/3 standhaft sich piksen zu lassen. In auffälliger Personalunion mit den sog. Coronaskeptikern tragen sie ihre Wut in die Stadtzentren von Rapperswil bis Liestal, um uns systemgläubigen Impflinge vor dem drohenden Untergang zu warnen. Fast könnte man meinen die Zeugen Jehovas verkündeten den nahenden Weltuntergang. Das Virus freut sich und klatscht Beifall. Um vor diesem halbwegs sicher zu sein, wären aber laut Epidemiologen mind. 70, besser wohl über 80% Geimpfte nötig. Gewinnen die Impfverweigerer, dürfen wir uns auf sich ewig wiederholende Seuchenherde, Reisebeschränkungen und lästiges Maskentragen freuen. Danke!

Selbstverständlich gibt es viele Gründe für Fragen und Skepsis rund ums Impfen. Das beginnt mit der Profitgier der Pharmaindustrie. (Wobei, auch das sei angemerkt: Auch mit Globuli, Ayuverda und Hokuspokus werden Millionen verdient.) Dann die Erinnerungen an geheime Menschenversuche in psychiatrischen Kliniken im letzten Jahrhundert und die Medikamentenskandale (Contergan etc)., mit Toten und scheusslichen Missbildungen. Das Misstrauen in die Moderne Medizin hat Gründe. Man braucht sich also nicht zu wundern. Trotzdem ist die jetzt vorgebrachte Kritik irrational und kaum zu verstehen. Denn es werden nicht (aktuelle) Missstände kritisiert, sondern das Impfen generell in Frage gestellt. Statt z. B. darauf zu pochen, dass die Firmen ihre (staatlich finanzierten) Patente frei geben um das Vakzin schneller und billiger produzieren zu können, wird das Tempo der Impfstoffentwicklung (Pfusch wird impliziert) kritisiert. Selbst der unsägliche Impfnationalismus ist kein Thema – im Gegenteil, man macht fröhlich mit. Dass sich die Heilmittelbehörden und die Wissenschaft den Arsch aufreissen, scheint nicht von Belang. Das eigene Bauchgefühl erklären wir zum Massstab aller Dinge. Auf der Strecke bleibt nicht nur unsere Gesundheit, wir riskieren auch irreparable Schäden an Institutionen und dem friedlichen Zusammenleben. Und statt sich über das baldige Ende der Pandemie zu freuen, verbreiten wir das Virus fröhlich weiter. Man gewinnt den Eindruck, als wünschten sich viele ein Zurück zu Schamanen, Quacksalbern und Gesundbetern. Es fehlen nur noch die Scheiterhaufen für die Hexen.

Wenn wir einigermassen heil aus diesem Schlamassel herauskommen wollen, bleibt uns, bei allen Fehlern der Vergangenheit und der berechtigten Kritik an Pharma und Schulmedizin, nur der Weg über das Impfen möglichst vieler Menschen. Die Alternativen sind schlicht zu teuer – ethisch, politisch und wirtschaftlich. Das setzt eine Portion Geduld und Vertrauen voraus. Die zur Zeit zwei kostbarsten Güter. Also lassen wir das Schimpfen – und impfen.

19.03.2021: Psychodiagnostik

Im Film „Und täglich grüsst das Murmeltier“ gerät der leicht missmutige Wetterfrosch Phil Connors in eine Zeitschleife und muss den gleichen Tag wieder und wieder durchleben. Fast so grausam wie die Strafe für Sisyphos, der auf ewig einen Felsblock auf eine Bergspitze hinaufwälzen muss, worauf dieser gleich wieder ins Tal rollt. Endlos, grausam und sinnlos.

Wer es dieser Tage wagen sollte den Fernseher einzuschalten oder in der Zeitung zu blättern, wird ahnen, wovon ich rede. Nein, ich spreche nicht von Fischers Bettwarenfabrik und seinem 90%igen Gänsedaunenduvet – es ist aber genauso nervig. Die Rede ist auch nicht von diesem alles beherrschenden Virus, der uns seit einem Jahr an den Eiern hat. Sich über Dinge zu ärgern, die man nicht ändern kann, macht nur krank. Die Rede ist vom Dauergenöl, welches diesen begleitet. Ob damit unsere Resilienz (also unsere Belastbarkeit) getestet werden soll oder ob es sich einfach nur um eine Überdosis Kupfersulfat (ein bewährtes Brechmittel) handelt, ist noch nicht entschieden. Auf jedem Fall werden wir auf die Probe gestellt. Fast so, als wären wir Probanden in einem Psychodiagnostik-Labor. Verloren hat, wer zuerst mit dem Kopf auf die Tischplatte knallt.

Wenn es stimmt, dass jede Generation ihre eigene Prüfung zu bestehen hat, so sind wir drauf und dran, bereits im Vorkurs zu scheitern. Denn statt uns um den Schulstoff (die Folgen der Pandemie) zu kümmern, lümmeln wir auf dem Pausenhof herum, dröhnen uns mit psychogenen Substanzen zu und prügeln uns um die Rangordnung im Rudel. Derweilen mutiert das Virus und freut sich über jede unbedeckte Nase im Getümmel.

Hiess es zu Beginn der Pandemie noch: Bleiben sie zu Hause (bei gerade mal der Hälfte der aktuellen Fallzahlen), so schreien heute alle: Wir wollen raus! Raus in die Restaurants, raus in die Fitnesszentren, in die Ferien, ins Hallenbad. Raus aus der Pandemie und raus aus der Diktatur! Ja – eine solche wurde still und heimlich, hinter unserem Rücken errichtet – sagt eine die es wissen muss – die Alleinherrscherin von Ems. Wie Dreijährige in der Quengelzone, denen Mami den Schokoriegel verwehrt, schreien die Entmachteten ihren Frust aus dem Leib. Die Vollpfostendichte erreicht sowohl im Parlament, wie auf den Leerdenkerdemos der Realitätsverweigerer, Höchstwerte. Dabei wissen wir spätestens seit den Psychotests mit den Marshmellows, dass Kinder die warten können, im Leben deutlich erfolgreicher sind, als jene die ihrem Impuls folgen und von den Süssigkeiten naschen. Aber was kümmert uns die schnöde Wissenschaft, wenn uns Mammons leuchtender Stern, den Weg weist?

Und so verplempert das Parlament seine wertvolle Zeit mit sinnlosen Debatten über eine angebliche Diktatur und ein gesetzlich verankertes Ende der Pandemie. Fordert Kreti und Pleti – bzw. all jene mit einer gut geölten Lobby – das sofortige Ende aller Einschränkungen und Massnahmen, während die Presse das Leid und den Schmerzen von uns Coronamüden beklagt. Wohin man auch schaut: Opfer! Und wo Opfer sind, sind die Schuldigen nicht weit. Wenn dieser gar einen Hut trägt, umso besser.

Eigentlich könnte ich über die miese Vorstellung von $VP bis Mitte, frohlocken. Niemand schaufelt so behände am eigenen Grab. Statt Wege aus der grössten Krise seit bald einhundert Jahren zu suchen, jammern sie über offene Terrassen und geschlossene Fitnesszentren. Statt schnelle und effektive Hilfe für die lahmgelegten Branchen, werden bürokratische Hürden errichtet, und über Schuldenberge lamentiert. Anstatt das Krisenmanagement (den Bundesrat) zu stärken, wird dieses torpediert. Statt über bessere Massnahmen zur Verhinderung einer 3. Welle (wie effizientes impfen, testen oder Contact-Tracing) wird das Ende der Pandemie beschworen. Und statt auf Wissenschaft und Fakten zu bauen, setzt man auf Maulkörbe und das Prinzip Hoffnung. Auf der Strecke bleibt: Eine lebenswerte Zukunft für uns alle. Nicht nur wegen des unseligen Gejammers über den Miniatur-Lockdown, vielmehr noch wegen der konsequenten Weigerung unsere Zukunft zu gestalten. 25 Jahre AHV-Gebastel ohne Aussicht auf Erfolg, ein Kuhandel anstelle einer zukunftsfähigen Landwirtschaftspolitik (nur ja den allmächtigen Bauernpräsidenten nicht verärgern), dafür viel Lobbying für sterbende Branchen (Tabakindustrie). Mein Frohlocken könnte nicht bitterer sein, denn wenn die Mehrheit versagt, tragen wir alle die Konsequenzen. Vor allem aber unsere Kinder. Selbst dann, wenn diese den Marshmallow-Test bestanden haben.

12.03.2021: Eine subversive Waschmaschine

Symbolbild

Wer kennt das nicht? 3 Wochen nach Ablauf der Garantiefrist brennt der Toaster durch. Alle 2 bis 3 Jahre schwächelt die Handybatterie und wenn man eine neue App installieren will,heisst es: Nur mit der aktuellsten Version möglich. Der ganze Ärger hat sogar einen Namen: Obsoleszenz (auch als künstliche Alterung bekannt). Wo die Sollbruchstelle nicht schon im Werk eingebaut wurde, wird mit technischen Erneuerungen nachgeholfen. Dafür sind Laptop, Handys und Ladekabel die besten Beispiele. So hält man den Umsatz in Schwung. Der Müll landet bestenfalls im Recycling, schlimmstenfalls auf einer Müllkippe in Afrika. Dass es nicht immer so war, hat unsere Waschmaschine Jahrgang 1978 bewiesen. Eine Bauknecht WA 700. Diese läuft nun sage und schreibe schon seit 43 Jahren. Trotzdem mussten wir uns diese Woche von ihr trennen. Ein Nachruf.

Waschen ist nicht meine Domäne. Würde man mir das Waschen ohne“Anleitung“ überlassen, wären unsere Bettlaken rosa oder hellblau und die Pullover alle 3 Nummern zu klein. Wasche ich alles bei nur 40 Grad, hält sich der Schaden in Grenzen. Auch dies beherrschte unsere WA 700. Den simplen analogen Drehschalter für die Programmwahl, habe sogar ich verstanden. Keine überflüssige Optionen, kryptischen Einstellungen und seltsamen Fehlermeldungen. Wäsche rein, Drehschalter auf 40 und los. Alles ohne Studium der Pflegeetiketten und einem Master in Textilkunde. Wie schön einfach war die Welt doch 1978. Und trotzdem mussten wir uns diese Woche von ihr verabschieden. Nicht weil sie den Dienst eingestellt hätte, sondern weil wir unser Walliser Chalet für die Nachfolger geräumt haben.

Ob die 7-jährige digitalisierte Novomatic hier im Keller auch so lange Dienst tut? Zweifel sind leider angebracht. Die leidvolle Erfahrung mit Haushaltgeräten der neueren Generation sind mir nur zu gut in Erinnerung. Geschirrspühler: kaputt nach 8 Jahren. Microwelle nach 12 Jahren, Kühlschrank 9 Jahre. Tiefkühler 7 Jahre. Der Heizkessel stieg nach 17 Jahren aus. Von den obsoleten Handys will ich hier gar nicht reden. Spätestens als ich die Covid-App des BAG installieren wollte, wurde mir unmissverständlich klar gemacht, dass es Zeit für ein Neues ist. Und als dieses kam, mussten selbstverständlich neue (überteuerte!) Ladekabel besorgt werden. Diese Liste liesse sich endlos fortsetzen. Was bleibt ist ein Früstchen. Nicht nur weil jede Neuanschaffung kostet. Mehr noch, weil noch funktionierende Geräte auf dem Müll landen, denn repariert wird kaum mehr. Oder es ist so teuer, dass man es „freiwillig“ unterlässt.

Oft wird über unsere sog. Wegwerfmentalität lamentiert. Meist mit einem Stirnrunzeln und einem moralischen Unterton. Wer umweltbewusst ist, wirft nichts weg und wenn er es doch tut, ist er/sie ein/e Frevler:in. Bleibt die Frage: Wer ist hier der eigentliche Sünder? Der Konsument (der es wagt ein Gerät kostengünstig zu entsorgen) oder der Produzent, der ihm dies „leicht“ macht, weil eine Reparatur unmöglich oder abartig teuer ist? Dazu ist Amazon nur gerade einen Klick entfernt und die Ware wird schon Morgen frei Haus geliefert. Ein Umstand der den einstigen Werbeslogen von Media Markt verblüffend lebensecht macht: „Ich bin doch nicht blöd!“ Das gleiche passiert mit Klamotten. Bestellt – einmal getragen (oder gar nicht) – in den Sack damit oder gleich retourniert. Die Ware ist spottbillig. Produktion und Entsorgung weit weg. Produziert um (möglichst schnell) zerstört zu werden. Einziger Zweck: Profit!

Das Konzept „(billig) produziertverramscht (auf allen Kanälen) – (schnell) entsorgt, (egal wo)“ ist der Motor unserer Wirtschaft. Ohne diesen müssten wir kaum noch 20 Std pro Woche arbeiten, hätten weniger Schulden, die Umwelt wäre intakt, das Wasser sauber, die Klimaerwärmung (vermutlich) kein Thema und die Kinder in Ghana müssten keine giftigen Dämpfe einatmen. Nicht umsonst heisst es: Weniger ist mehr. Weshalb ändern wir es nicht?

Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht genug für jedermanns Gier, meinte einst Gandhi. Und diese wird gefüttert. Nicht (nur) durch die Erweckung neuer Bedürfnisse durch die Werbung, sondern mehr durch die Gier nach Profit um jeden Preis, der sich in immer weniger Händen konzentriert. Da macht es eben einen grossen Unterschied, ob ich in meinem Leben 2 oder 6 Waschmaschinen, 3 oder 7 Kühlschränke oder 8 oder 20 Handys „verbrauche“. Da steht eine Waschmaschine, die 43 Jahre klaglos ihren Dienst tut, ziemlich quer in der Landschaft und untergräbt die (Profit)Gier aufs schändlichste. Ja, sie ist geradezu subversiv. Deshalb wünschen wir unserer WA 700 noch viele weitere glückliche Jahre im Dienste der sauberen Wäsche.

05.03.2021: Entfesselt

ACHTUNG: Der nachfolgende Text basiert auf Hörensagen und kann Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten. Lesen auf eigene Verantwortung und Gefahr. Der Verfasser lehnt jede Verantwortung ab. Sonst fragen sie ihren Arzt oder ihre:n Apotheker:in.

Vergangene Woche fand – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – die G19 statt. Die Konferenz der Gruppe der 19 grössten Autophilen. Einer unter diesem Namen kaum bekannten Zusammenrottung fundamentalistischer Sekten, profitgeiler Egomanen. Wie die ebenso öffentlichkeitsscheue Bilderberg-Konferenz der Reichen und noch Reicheren (in Insiderkreisen auch als Lenkungsausschuss der G7 bekannt) versteht sich die G19 als selbstermächtigte Elite mit missionarischem Auftrag. Überlappungen mit den Bilderbergern wären daher weder überraschend noch zufällig. Gerüchten zufolge fand die Tagung in einem geheimen Bunker, unweit des Pfannenstiels, statt. In einem mit Anker- und Hodler-Bildern (der Holzfäller) dekorierten Konferenzraum, bei einem Glas Räuschling der Kellerei Lindentröpfli aus Laufen-Uhwiesen, sowie Häppchen aus dem „Haus der Freiheit“ , wurde – immer laut unseres anonymen Informanten – der mörderischen Diktatur den Krieg erklärt. Diese soll angeblich von einen coronasozialistischen Diktator, unter dem Vorwand einer angeblichen Pandemie, in der Schweiz errichtet worden sein. In einem detaillierten Aktionsplan soll diesem Sozialismus allgemein, dem Bundesrat im besonderen und der Wissenschaft im speziellen, der Garaus gemacht werden. Allfällige Kollateralschäden, wie das Ende der Aufklärung, der Meinungsfreiheit oder der Demokratie, werden nicht nur in Kauf genommen, sie sind gewollt. So lasst uns also hören, was die erlauchte Runde verhandelt und beschlossen hat. Aus Gründen der Diskretion und um unseren Informanten nicht zu gefährden, haben wir Personen und Orte anonymisiert – sind der Redaktion aber bekannt.

Die diesjährige Tagung stand ganz im Zeichen der Befreiung. Frei von allem quasi, dass der freien Entfaltung des profitstrebenden Individuums im Wege steht. Namentlich wird (Corona)Sozialisten, faulen (Corona)Sozialhilfeschmarotzern, der Wissenschaft und sämtlichen staatlichen Institutionen, die ausser Geld auch noch Geld kosten, der Kampf angesagt. Auch der zu bekämpfende Sündenbock war schnell gefunden. Es ist, wie könnte es anders sein, ein Roter aus dem Fribourgerland. Dieser ist – immer gemäss den weisen Worten des grossen G19-Vorsitzenden – an allem schuld. Am Virus, der Pandemie, den geschlossenen Terrassen und dem Wählerschwund der eigenen Sekte. Unhaltbare Zustände also. Taten sind gefragt und wurden beschlossen.

Leider sind die einzelnen Voten der Tagungsteilnehmer nicht bekannt. Unser Informant verlor den Zutrittsbatch. Immerhin aber liegt ihm der (streng geheime) Aktionsplan vor, den ihm die serbische Putzfrau aus dem Mülleimer fischte. Überschrieben ist dieser mit „Entfesselung“. Genannt werden darin 3 Ziele. Die Rückkehr zur Aristokratie mit einem Sünnelikönig als Alleinherrscher – Alchemie, Wünschelruten und Kristallkugeln anstelle kritischer Wissenschaftler – und drittens die Huldigung, bzw. Heiligsprechung des Profitstrebens. Um die Öffentlichkeit nicht allzu sehr zu erschrecken, läuft der Plan unter dem Label „Schluss mit dem Lockdown – öffnet die Spunten am 22. März – Nieder mit der Diktatur!“ Verantwortlich zeichnet niemand. Genannt werden aber verschiedene Akteure und ein Netzwerk von Verbündeten.

Als erstes soll der Heilige Zorn der lockdown-gebeutelten Wirte entfesselt werden. Steuerstreiks, offene Terrassen und eine kalte Suppe löffelnde Büezer werden darin ausdrücklich erwähnt. Ebenso Online-Petitionen und dümmliche 20-Minuten Artikel. Die Speerspitze im Kampf gegen Diktatur und Diktator aber übernimmt das Politbüro der Sekte persönlich, sekundiert von rückgratlosen Trittbrettfahrern, ohne eigenes Profil (namentlich genannt werden Politiker:innen wirtschaftsnaher Strippenzieher). Dem Propaganda-Ministerium obliegt die Dämonisierung der Diktatur, den Verbündeten die Entmachtung der Wissenschaft und dem Fussvolk das Auskotzen in den Sozialen Medien. Wobei Letztere angehalten sind, die Verlautbarungen ihrer Sektenführer mit Dreck aller Art zu bereichern. Der Sturm aufs Capitol (aka Bundeshaus) ist vorerst den Parteisoldaten und ihren Rucksackträgern vorbehalten.

Wer’s nicht glaubt, der lese die Zeitung und schaue fern. Eben stimmten 97 Nationalräte einem Aufruf für die Entmachtung des Bundesrates zu. Die Pandemie soll per Gesetz am 22. März für beendet erklärt werden. Das „Volk“ ist angeblich lockdownmüde. Die wissenschaftliche Taskforce soll vorsorglich stumm geschaltet werden. Ein Wurstfachmann EFZ aus dem Rheintal möchte den Gesundheitsminister auch gleich impeachen und Schuld an allem hat sowieso die Ratslinke. Diese möchte die gebeutelten Pandemieopfer nämlich nicht nur finanziell unterstützen, sondern präsentiert dummerweise auch noch praktikable Lösungen und übernimmt sogar Verantwortung. Es riecht nach Sozialismus und Staatsterror! Die G19 (Parallelen zur Geheimarmee P26 sind rein zufällig) ruft DEFCON 1 (Alarmstufe Rot) aus!

Die „Volksherrschaft“ liegt nach eigenen Worten, zum greifen nah und der Sünnelikönig fühlt sich berufen die schwere Last des Amtes zu schultern. Auch die Nachfolge ist schon geregelt – es ist ein Prinz. Er kommt aus dem Hause Ems und ist als Prinzessin gewandet. Universitäten und ETH werden geschlossen. An ihre Stelle tritt Harry Potters Zauberschule und Trudi Gerster. Einfalt ersetzt Vielfalt und die Weltwoche wird Pflichtlektüre, die, wohl ihrem Vorbild nacheifernd, in „Stürmer“ umbenannt wird. Das Parlament erhält einen Schnellkurs im Klatschen (gem. handschriftlicher Randnotiz dient ein Video des nationalen chinesischen Volkskongresses zu Schulungszwecken) Ausserdem erhalten die Delegierten das Handbuch „The Seven Thinking Steps“. Frauen wird eine Karriere als Cheerleader nahegelegt oder aber der Küchendienst. Mit der endgültigen Entfesselung des neoliberal-nationalistischen Traums, steht dem unendlichen Profit der G19-Mitglieder nichts mehr im Wege. Ein Sieg wird vorausgesetzt, da weitere Krisen (wie z. B. die Klimakatastrophe) zu befürchten sind. Ein Scheitern wird ausgeschossen – auch Trump hat die Wahlen schliesslich gewonnen.

Deshalb: Lang lebe der Sünnelikönig – hoch lebe der Profit – nieder mit der Aufklärung – Tod der Corona-Diktatur! Freie Sicht aufs Mittelmeer!

PS: Der 3. März wird zum Feiertag erklärt und als „Bullshitday“ gefeiert werden.

26.02.2021: Entlarvt

Ich bin geladen! Man könnte auch sagen, so richtig angepisst. Und deshalb muss es jetzt raus. Andernfalls wächst mir trotz jodiertem Salz noch ein Kropf. Um was geht es? Ihr ahnt es vermutlich – um Politik. Konkret um die $VP und ihre rückgratlosen Helfershelfer von FDP und Mitte.

Was diese Gurkentruppe dieser Tage abzieht, wurde in Zürich einst niedergeknüppelt. 1980, als der Ruf „Macht aus dem Staat Gurkensalat“ der aufgebrachten Jugend durch die Langstrasse hallte. Die Geknüppelten landeten schliesslich an der Nadel auf dem Platzspitz, während Roger Köppel in den Redaktionsräumen des neuen Stürmers (auch bekannt als Weltwoche) ein warmes Plätzchen fand. Und während sich die „bösen“ Buben und Mädchen von der Langstrasse längst etabliert haben, führt eine kleine Clique von den Hügeln der Goldküste, mit machiavellinischer Raffinesse den Gurkenhobel gegen Staat und Gesellschaft. Was die brennenden Container 1980 nicht schafften, erledigt diese elitäre Truppe mit viel Geld und Demagogie. Dazu bedient sich ihr Sprachrohr von der Förrlibuckstrasse auch mal einer Rhetorik die mehr an Winkelried und die Dreissigerjahre erinnert, als ans 21. Jahrhundert. O-Ton: Wer der Obrigkeit folgt ist hörig und wer verbotenerweise Fastnacht feiert, gilt als Freiheitskämpfer, wie zu Zeiten der Innerschweizer Saubannerzüge. Rhetorik die mehr über den Absender verrät als über den angeblichen Diktatoren.

Entlarvend die Ereignisse der letzte Woche. Da schwadroniert Christof Blocher höchstselbst von einer angeblichen Diktatur Bersets, sekundiert von seiner Tochter, die aus dem fernen Bündnerland, ins gleiche Horn bläst. Dass der Bundesrat kollegial entscheidet, wird selbstverständlich ausgeblendet – es könnte ja die eignen Bundesräte treffen. Kaum aber verteidigt ihr eigener Bundespräsident Parmelin das Kollegialitätsprinzip, ist er in den Augen der eigenen Partei nur noch ein halber Bundesrat. Und da die $VP die Diktatur von allen Parteien am besten versteht – China wird nicht umsonst als grosses Vorbild gepriesen – verbreiten sowohl ihr Parteipräsident, ihr Fraktionschef als auch ihr Propagandaminister das gleiche Narrativ. Gleichschaltung wie im Reich der Mitte. Gleichzeitig fordert Albert Rösti in der bürgerlich dominierten Gesundheitskommission ein Gesetz zur sofortigen Beendigung des Lockdowns – faktenfrei und unbesehen der epidemiologischen Lage. Andere sammeln 250000 Unterschriften, in der gleichen Sache und $VP Nationalrat Egger will ein Impeachment (Absetzung) für Bundesrat Berset. Das I-Tüpfelchen aber liefern ein paar renitente Kantonsregierungen – allen voran Nidwalden, mit seiner $VP-Gesundheitsdirektorin – die sich weigern ihre Terrassen zu schliessen. Man wähnt sich beinahe im Sonderbundskrieg von anno 1847. Damit riskiert diese Partei eine Staatskrise, wie sie die Schweiz wohl seit damals nicht mehr hatte. Denn, welches Recht gilt nun? Dass des Bundes, der Kantone, der Gemeinden oder das eigene? Irritierender ist nur das laute Schweigen der anderen Parteien und der Betroffenen selber.

Ein Jahr Pandemie und Föderalismus, Direkte Demokratie und Konkordanz stehen zur Disposition. Die $VP macht’s möglich! Wir können nur hoffen, dass sie den Bogen diesmal überspannt hat und grandios scheitert. In der Terrassenposse bahnt sich zum Glück eines an. Dass nicht hinter jeder hübschen Larve ein hübsches Gesicht steckt, zeigt gerade das strahlende Sünneli der $VP. Was dahinter hervorlugt, lässt mich erschauern. Es ist die ungeschminkte Fratze einer verantwortungslosen egoistischen Kaste, die weder vor Lügen noch Rechtsbrüchen zurückschreckt, um ihre Ziele – den ominösen Vouchswillen aka Alleinherrschaft – zu erreichen. Vielleicht ist dieser Schock heilsam. Man möge mir die klaren Worte verzeihen. Um Hoffnung zu schöpfen, sind solche ab und zu nötig.

19.02.2021: Alt-68iger

Von David Wilson – https://www.flickr.com/photos/davidwilson1949/6056934707/in/photolist-5coszA-aeenEK-2CqzzK-8QZ5mo, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48476311

Letzten Sonntag war es endlich soweit. Amtlich bestätigt und somit hochoffiziell darf ich für ein Jahr den Ehrentitel Alt-68iger tragen. Ihr ahnt es – ich hatte Geburtstag. Um alle Zweifel an der Rechtmässigkeit dieses Titels auszuräumen, sei daran erinnert, dass ich in der Lage bin ein Wandtelefon mit Wählscheibe zu bedienen, mir bei „Bunker“ nicht der Gotthard, sondern prügelnde Polizisten und bei „Easy Rider“ keine Pferde, sondern Peter Fonda, in den Sinn kommt. Es lässt sich also nicht leugnen: Ich bin ein Alt-68iger. Was für die Einen ein Schimpfwort, ist für mich Tatsache. Lasst mich davon berichten.

Letzhin warf ich einen Blick auf unser Hochzeits-Fotoalbum (ja sowas gibt es noch) und stellte mit grossem Erschrecken fest, dass ich nicht einmal mehr alle Gäste kenne. Abgesehen von den wenigen Verwandten, die noch leben, sind es genau noch zwei Hochzeitsgäste, zu denen wir noch Kontakt haben. Der Rest verschwand unter dem Radar. Selbst Namen sind verblasst. Was hat uns damals eigentlich bewogen, genau diese Menschen an unsere Hochzeit einzuladen? Ich habe heute keine Antwort mehr darauf – es waren andere Zeiten und andere Umstände. Noch ferner sind mir nur jene Mitstreiter, mit denen ich zusammen Plakate klebte, vor der Sulzer Flugblätter verteilte und durch die Gassen Zürichs, Berns und Genf , Transparente trug. Es ist als hätte es sie nie gegeben. Aus ihnen wurden Professoren, Lehrer, Sozialarbeiter, Berufsberater, Politiker und Unternehmer. Tragende Säulen unserer Gesellschaft also – das rote Banner längst entsorgt und auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Von manchen liest man ab und zu in der Tageszeitung. Allzuoft Meinungen, gegen die wir damals auf die Strasse gingen. Was aber wurde aus den Idealen, für die wir damals mit Tränengas eingenebelt wurden?

Geburtstage sind immer auch Gelegenheit, Rückschau zu halten, und je älter man wird, desto mehr gibt es zurückzuschauen. Aber keine Angst, ich verfalle jetzt nicht in Nostalgie und verklemme mir das Fischerlatein über geschlagene Schlachten, geworfene Molotow-Cocktails oder eingeschlagene Fensterscheiben. Bemerkenswertes gibt es trotzdem zu berichten. So z. B. wie die Zeit und Umstände unser Leben prägen. Gerade für ein „Kind“ der 68iger eine besonders wiedersprüchliche Erfahrung. Gestartet mit dem Anspruch die Welt zu verändern, es besser als „die Väter“ zu machen, kritisch gegenüber autoritärem Staat und althergebrachten Konventionen und politisch aktiv auf der Strasse und in unzähligen Gruppen und Grüppchen, mussten wir die letzten 50 Jahre erleben, wie unser Aufbruch in ein neues Zeitalter, ins Gegenteil verkehrt wurde. Nicht nur allein durch „böse“ Mächte, auch durch uns selber.

Ob es nun der Alltag ist, der uns „zurecht“ schleift oder Verrat an den eigenen Idealen, ist nicht von Belang. Das Urteil darüber drückt bestenfalls aus, wie weit man sich von den einstigen Ideen entfernt hat. Und selbstverständlich gab es damals, wie heute Irrtümer, die man nicht ungeschehen machen kann. Diese sind Teil von uns und unserer (Lebens-)Geschichte. Genauso bedenklich wäre es, wenn sich in den letzten 50 Jahren nichts verändert hätte. Nicht umsonst wird Stillstand mit Rückschritt gleichgesetzt. Sich entwickeln, auch seine Meinungen zu ändern, gehört zum Leben und zeichnet dieses aus. Man nennt es auch Anpassung. Um mich richtig zu verstehen – dies ist weder ein Freipass, noch eine Rechtfertigung für das was sich die letzten fünf Jahrzehnte in Politik und Gesellschaft angespielt hat – es ist eher ein Plädoyer für Fortschritt und Entwicklung. Die Frage ist nur welchen Fortschritt und welche Entwicklung. Wertneutral ist weder das eine, noch das andere.

Kurz vorweg gesagt: Nicht in jene Richtung, welche von uns 68igern, angestrebt wurde. Zwar schafften wir es viele gesellschaftliche Zwänge und Konventionen aufzubrechen (Konkubinatsverbot, Gleichstellung, Homosexuelle Partnerschaften usw.), nicht aber das System zu verändern oder auch nur an ihm zu kratzen. Im Gegenteil: Ewiges Wachstum ist so sakrosankt, wie je (oder schon fast eine heilige Kuh) und die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich von Jahr zu Jahr schneller. Die Folgen davon spüren wir alle. Das System stösst an seine Grenzen. Unruhen in allen Teilen der Welt, Klimakrise, Verschwörungsmythen und die Rückkehr totgeglaubter Geister (Nationalismus), füllen die Schlagzeilen. Man reibt sich die Augen und denkt man sei im falschen Film. Ja man könnte schon fast zum Schluss kommen, wir hätten damals den Boden für diese Entwicklung bereitet. Denn wir waren es, die die Gesellschaft aus alten Zwängen befreiten. Allerdings nicht nur vom Mief der vergangenen Jahrhunderte (Kirche, Patriachat, Institutionen etc.), sondern auch vor von moralischen und ökonomischen Fesseln. Was mit einer Kulturrevolution begann, endete in einer Entfesselung der Wirtschaft. Deregulierung, Internetblase, Finanz- und Klimakrise sind das Resultat.

Was man heute Alt-68iger schimpft, prägte damals zwar eine Epoche (Pariser Unruhen, Anti-Vietnam-Demonstrationen, Zürcher Krawalle etc.) und gab ihr den Namen, nicht aber die darauf folgende Entwicklung. Denn Krawalle sind zwar laut und lösen Empörung aus, wurden aber nur von einer Minderheit getragen. Das war damals so und ist es heute. Die Mehrheit folgte ein Jahrzehnt später dem Ruf der Deregulierung (interessanterweise auch als Befreiung deklariert), deren „Früchte“ wir nun ernten. Die Ikonen dieser Zeit heissen Reagan und Thatcher und sie haben den folgenden Jahrzehnten – bis heute – den Stempel aufgedrückt. Die Sorbonne- und Berkleystudenten machten derweil Karrieren, andere flüchteten sich in kulturelle Nischen, stürzten ab oder gründeten Firmen und wurden Milliardäre. Wir bastelten an unsere Karriere, waren mit Geldverdienen beschäftigt und legten die einstigen Überzeugungen, wie alte Kleider ab. Wir genossen den Wohlstand und mutierten zu Stützen der Gesellschaft. Die Klimajugend nennt uns die „Boomer“. Etwas ungerecht zwar, weil, was können wir dafür, dass wir so zahlreich in den Nachkriegsjahren gezeugt wurden, aber eben auch Ausdruck davon, dass wir zu den Satten gehören, die sich im System eingerichtet haben.

Da wir in der Zwischenzeit fast alle pensioniert sind und über viel Zeit und Wissen verfügen, wäre es an der Zeit sich unserer Wurzeln zu besinnen und die Jugend in ihrem Kampf gegen die kommenden Krisen – die allesamt Systemkrisen sind – zu untersützen. Ein verwegener Anspruch, da sich viele von uns weit von den damaligen Idealen entfernt haben. Jene aber, die zwischen den damals falschen Vorbildern und dem Ideal einer gerechten Gesellschaft unterscheiden können, sollten es tun – das ist mein Appell. Zumindest das, sind wir unserer Nachfolgegeneration schuldig. Nicht weil wir Schuld auf uns geladen haben, sondern weil es die (logische) Fortsetzung unseres damaligen Aufbruchs ist. Alt 68iger ist man nicht, weil man damals auf den Strassen mitmarschierte, sondern weil man sich für ein Ideal einsetzt – damals wie heute.

12.02.2021: Leichte Kost

Nach der schwer verdaulichen Trilogie der letzten drei Wochen, etwas leichtere Kost. Wir haben an der Pandemie schon genug zu kauen. Freuen wir uns also über all die kleinen Dinge, die unser Leben leichter machen. In Vor-Coronan-Zeiten wären solche leicht zu finden (gewesen): Konzerte. Theaterbesuche, Grillabende mit Freunden, Reisen und so weiter. Verstimmt und von Medien und Dauernörgelern auf Missmut gestimmt, fällt dies aber immer schwerer. Doch nichts ist unmöglich! Denn seien wir ehrlich, den Meisten von uns, geht es gut. zumindest hier in der Schweiz und Europa. Dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet, dass viele auf Gratislebensmittel und Mahlzeiten angewiesen sind, viele um ihre Zukunft oder Gesundheit bangen müssen und so weiter, ist damit nicht vom Tisch. Darüber nur zu lamentieren, ändert es aber auch nicht. Ein kleiner Stimmungsaufheller zwischendurch kann deshalb nicht schaden. Trübsal blasen tun genug andere für uns.

Nun aber zum Thema. Leichte Kost und die kleinen Dinge des Alltags. Zum Beispiel unser spontener Ausflug an den Rheinspitz in Altenrhein. Ein mir bisher völlig unbekanntes kleines Naturparadies am Alten Rhein an der Grenze zu Österreich. Achtlos fuhr ich bisher an diesem kleinen Zipfel Schweiz vorbei, wenn ich von meinen Kundenbesuchen im Rheintal zurück ins Büro fuhr. Dank Pandemie, frühlingshaftem Wetter und Lockdown lernten wir so ein Fleckchen kennen, den wahrscheinlich nur die Einheimischen und ein paar Jachtbesitzer (es gibt eine Marina mit Jachthafen, dort wo der Rhein in den Bodesee mündet) kennen. Gefunden haben wir diese Ecke aus reinem Zufall. Geplant war die Fortsetzung unserer Thurwanderung, von Alt St. Johann an die Thurfälle. Als wir dann die vollen Parplätze an der Talstation Selamatt und die Schlangen vor dem Sessellift sahen, verging uns der Appetit auf Touristenhotspots und fuhren weiter ins Rheintal. Dort hatte der Föhn den Winter bereits vertrieben und sie Sonne liess den nahen Frühling erahnen. In der grossen Kurve bei Rheineck verliessen wir die A13 und bogen in eine Seitenstrasse. Ein paar Autos am Strassenrand verrieten, dass es hier offenbar um ein Naherholungsgebiet handelt. So montierten wir die Wanderschuhe und steuert als erstes eine sonnige Bank an, um uns mit unserem Picknick zu stärken. Bei Sandwich, Ei und Gemüsedipp tankten wir Vitamin D und wähnten uns im Tessin. Die nachfolgende Wanderung entlang des Alten Rheins an den Bodensee war dann unsere Sahnehaube der Woche. Eine versteckte Idylle, direkt hinter dem Flughafen Altenrhein. Ein Vogelparadies, Auenwälder mit schönen Wanderwegen. Einzig die Motorsägen auf der österreichichschen Seite, verrieten dass wir hier mitten in der Zivilisation sind. Die Wasservögel schien diese nicht zu stören. Sie übten bereits für die Balz. Wer kann, dem seien solche kleine Auszeiten ans Herz gelegt. Es braucht wenig um der Tristesse der Pandemie zu entkommen.

Wenn uns dieser Lockdown eines gelehrt hat, dann dies: Wohlbefinden und Zufriedenheit hat wenig bis gar nichts mit Jubel – Trubel – Heiterkeit zu tun. Sehr viel aber mit der eigenen Einstellung, bzw. woraus man seine „Energie“ bezieht. Dass wir dazu auch andere Menschen, Gruppen, Ablenkung, Inspiration und Zerstreuung brauchen, ist unbestritten. Und das fehlt zur Zeit. Manchen fällt das schwerer, andern leichter. Aber wir alle können das Virus nicht wegreden. Selbst verdammen nützt nichts. Es gilt: Der Käfer mag uns. Je grösser die Gruppe umso lebendiger fühlt er sich. Wir tun also gut daran, ihm dies Plattform zu entziehen. Will heissen, wir müssen unsere Energie woanders suchen. Solange bis ihm der Schnauf ausgeht und wir immun sind. Und es wäre ja gelacht, wenn wir das nicht schaffen, denn einer der grössten evolutionären Vorteile, den wir besitzen, ist unsere Anpassungsfähigkeit. Nutzen wir diese Fähigkeit und schlagen der Seuche ein Schnippchen.

Das Gute liegt ja meistens näher, als uns bewusst ist. Man sagt auch vor der Haustür. Wer dieser Tage, trotz Kälte und Schnee nach draussen geht, ist erstaunt, wie viele andere es auch so sehen. In alle den Jahren sah ich nie so viele Spaziergänger, rund ums Dorf, wie in den letzten Wochen und Monaten. Und draussen liegt ein kleiner Schwatz immer mal drin. Tut gut, lenkt ab und gibt Kraft zum weiter ausharren. Oder der gute Nachbarschaftsklatsch über die Gartenhecke (falls vorhanden), oder im Hausgang. Er kann das gemütliche Beisammensein zwar nicht ganz ersetzen, aber er hilft über das Alleinsein hinweg, zumal das rettende Ufer (die Impfung) in Sichtweite ist. (Ich weiss es gibt noch viele offene Fragen und vieles läuft schief – es ist trotzdem ein Hoffnungsschimmer). Denn dass ist gewiss: Die Natur verhandelt nicht, wir können uns in ihr nur einrichten.

Und vergessen wir nicht – auch wenn es gerade nicht danach aussieht – der Frühling steht vor der Tür. Die Tage werden schon merklich länger und wenn die Sonne scheint, spürt man ihre Kraft. Die Schneeglöckchen täuschen sich nicht – sie strecken bereits ihre Köpfchen aus dem Schnee, als wollten sie uns auf bessere Zeiten aufmerksam machen. Wir müssen es nur sehen. Wer den ganzen Tag nur jammert, Schuldige sucht und nichts zur Lösung beiträgt, als miese Laune und idiotische Forderungen, braucht sich nicht zu wundern, wenn er (oder sie) als Miesepeter gemieden wird. Wir Menschen brauchen die Hoffnung (bzw. das Wissen, dass wir es besser können), wie die Luft zum Atmen. Statt drinnen im Lärm, finden wir diese derzeit halt draussen und in der Stille. Der Lärm kommt früh genug zurück.

05.02.2021: Trilogie der Entfremdung Teil III – Wirklichkeit

Vermutlich habe ich mich mit der Beantwortung der Frage. weshalb wir so oft gegen unsere eigenen Interessen handeln, etwas überfordert. Egal wie oft ich sie drehe und wende, ich finde fast ausschliesslich Aspekte und Gründe, welche diese „Schizophrenie“ erklären oder gar rechtfertigen. So ist es mit der Entfremdung in Teil I und so mit dem Selbstbetrug in Teil II. Wahrscheinlich zu Recht, warf mir eine kritische Leserin vor, es drehe sich zu sehr um die Befindlichkeiten privilegierter Wohlstandsbürger. Und sie hat Recht.

Es beginnt schon mit der Frage. Diese stellt nur jemand, der sich überlegen fühlt und die Antwort zu kennen glaubt. Sie ist ichbezogen und nimmt die Antwort vorweg, die nur „unsere Dummheit“, lauten kann. Sie ist arrogant und elitär, und führt in die Irre. Denn wenn uns auch menschliche „Schwächen“ zu irrationalem Denken und Handeln verleiten, so finden die nie in einem luftleeren Raum statt. Entscheidend ist vielmehr das Setting oder der Rahmen, in. dem dieses erst zum tragen kommt und Wirkung entwickelt. Die Frage müsste also lauten: Wer oder was bringt uns dazu, gegen unsere eigenen Interessen zu handeln?

Nehmen wir den Fischer, der zusammen mit einhundert anderen Berufskollegen zum Fischen hinausfährt um möglichst viele Fische zu fangen, obwohl er weiss, dass so die Fanggründe bald leergefischt sind und er damit seine Lebensgrundlage verlieren wird. Fährt er aber nicht hinaus, weiss er, dass „seine“ Fische einfach von den 99 anderen Kollegen mitgefischt werden. Also, warum zu Hause bleiben – auch wenn es die Vernunft gebietet? Ein Dilemma – was ist wichtiger: Persönlicher Nutzen jetzt, oder Gewinn für Alle, in der Zukunft?

Wir können fast jedes aktuelle Thema nehmen – das Dilemma manifestiert sich immer gleich. Ich oder wir, jetzt oder später. Verzichte ich auf den Flug nach New York oder verzichte ich zu Gunsten des Klimas – der Flug findet trotzdem statt. Ist mir ein grosser Ertrag wichtiger, als das Trinkwasser der Gemeinde? Verzichte ich auf Chemie und schütze den Boden auch für meine Kinder? Ist mein Wohlbefinden wichtiger, als das Tragen einer Gesichtsmaske um damit das Leben anderer zu schützen?

Zum oben beschriebenen Dilemma gesellt sich noch ein weiteres. Das Einhalten von Regeln und der Verzicht auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung ist selten lustig. Im Gegenteil. Jeder der mal mit Rauchen aufhören wollte, kann davon ein Lied singen. Ob es gelingt oder nicht hängt von der Beantwortung einer einzigen Frage ab. Wer ist hier der Chef? Das Objekt der Begierde (z. B. die Zigarette) oder ich? Ebenso fallen Verbote schwer die uns einschränken. Egal ob schnelles Fahren, Party feiern in der Pandemie oder die Nutzung umweltschädlicher Gifte – der „Verzicht“ nervt. Wir wissen aber auch, dass alles Wissen über die Konsequenzen unseres Handelns nichts nützt, wenn ich keinen Mehrwert durch meine Verhaltensänderung zu erwarten habe – und sei es nur Lob und Anerkennung. Dass dies auch im Kollektiv funktioniert, beweisen z. B. die zum Teil seit Jahrhunderten funktionierenden Allmeinden oder Alpgenossenschaften. (Beispiel dafür sind die Suonen im Wallis) Diese bringen dank selbstbestimmten Satzungen Einzel- als auch Gesamtinteressen perfekt unter einen Hut. Das Geheimnis des Erfolgs: Die Regeln sind selbst gemacht – also selbst bestimmt.

Und damit nähern wir uns auch der Antwort auf die eingangs gestellte Frage. Sie lautet: Selbstbestimmung! Denn wer selbst bzw. mitbestimmt – also Teil von etwas ist, akzeptiert auch seine Regeln. Wer fremdbestimmt ist, lehnt sie (mehrheitlich) ab. Zumindest hier in der Schweiz hätten wir die Instrumente dazu. Sie heissen Demokratie, Föderalismus und Gemeindeautonomie. Nur werden sie immer weniger genutzt, bzw. jenen überlassen, die das System zu ihren eigenen Gunsten zu wissen nutzen. Den Lobbyisten, Egoisten und Demagogen.

Wie das aktuell funktioniert, sehen wir gerade an den drei Vorlagen, über die wir am 7. März abstimmen können. Die an sich sinnvolle Schaffung eine elektronischen Identität (E-ID) wird mit den Interessen der Privatwirtschaft verknüpft (denn diese, und nicht der Staat soll diese ausstellen können). Das Freihandelsabkommen mit Indonesien spült in erster Linie 25 Millionen zusätzliche Gewinne in die Kasse der Lebensmittelmultis (Palmöl) und rettet nicht einen Quadratmeter Regenwald – auch wenn das behauptet wird. Und zu guter letzt, die Burkainitiative. Hand aufs Herz – wer sah letztmals eine vollverschleierte Frau in der Schweiz (ausser man wohnt in Interlaken)? Und glaubt jemand ernsthaft, den Initianten (einem ominösen Altherrenclub um $VP und EDU) ginge es um die Befreiung der Frauen? Ihre Plakate sprechen eine andere Sprache (man beachte die Augenpartie). Es geht einzig um Angst. Angst vor Fremden. Darum, dass wir sie (die selbsternannten Retter der Schweiz) zukünftig wählen. Selbstbestimmt handeln heisst somit: Hinter die Kulissen schauen und die verborgenen Absichten aufdecken. Es beginnt mit dem Erkennen der Lüge. Daraus folgt das Erkennen der Wirklichkeit. Dies ist der beste Garant nicht betrogen zu werden.