21.01.2021: Trilogie der Entfremdung Teil I

Schon seit Jahre grüble ich an der Frage herum, die mich manchmal fast zur Verzweiflung bringt. „Wieso handeln so viele Menschen gegen ihre eigenen Interessen?“ Anders gefragt: Warum wählen so viele Menschen einen Trump, Bolsonaro, die AfD oder $VP? Zumindest wer die $VP wählt ist mir als Sohn einer Kleinbauernfamilie aus dem Zürcher Weinland bekannt. Teile der Familie, viele Nachbarn und ehemalige Schulfreunde. 58,1% sind es aktuell in meiner Wohngemeinde, dort wo ich aufwuchs sind es 60%+. Was also bringt so viele Menschen dazu eine Politik zu wählen, die gegen Andersdenkende hetzt (die Linke und Nette mit Würmern vergleicht), Ausländer für jedes Problem verantwortlich macht (selbst wenn diese vor ihren Augen die dreckigsten und schwersten Arbeiten zu lächerlichen Löhnen verrichten), gegen jede Vernunft Fakten leugnet (z. B. den Klimawandel) und ausser Steuersenkungen für die Reichen kaum mit Zukunftsvisionen glänzet? Bauern, Handwerker, Garagisten und Bürogummis. Mitglieder der Feuerwehr, der Landfrauen und des Turnvereins. Zumindest in den Landgemeinden gehören sie mit zu den engagiertesten Mitbürgern. Die $VP sitzt in den Gemeinderäten, Schulbehörden und Kommissionen. Sie schauen im Winter für die Schneeräumung, kümmern sich ums Wasser und flicken Strassen. Kein Grund also, sie nicht zu wählen – wenn da nicht die politische Agenda einer zynischen Clique von Milliardären und Opportunisten wäre, die eine komplett andere Agenda verfolgen. Eine der Ausgrenzung und der Selbstbereicherung. Das gleiche Programm wie Trump, Bolsonaro oder Orban, die es mit ihren Lügen und ihrer Menschenverachtung schaff(t)en, von Millionen angehimmelt zu werden. Eine Politik des Hasses und des Selbstbetrugs. Sind die alle gaga?

Nein, SIND sie nicht, und ja, ES IST gaga. Wenn die einzig verbleibende „Alternative“ zu konstruktiven Lösungen, die Wahl von Lügnern, Rassisten, Opportunisten oder gar Kriminellen ist, läuft etwas gewaltig schief. Ebenso bedenklich ist, dass die Lösung dringend anstehender Probleme, in deren Leugnung, der Verunglimpfung der Mahner, der Ablehnung der Wissenschaft und dem Glauben an abstruse Verschwörungsmärchen gesehen wird. Und irrwitzig zu meinen mit Abschottung, Grenzschliessung und Isolation liessen sich globale Probleme lösen. Nicht nur aus der Sicht des politischen Gegners, auch rein objektiv und gestützt auf Fakten und Geschichte, ist eine solche Politik ein Desaster. Auch hier dient der eben in die Wüste geschickte Trump, als abschreckenderes Beispiel. Sein Nachfolger erbt ausser einem Scherbenhaufen auch noch Hass und Gewalt. Soweit, so gaga – Problem erkannt – nur Deppen wählen solche Politiker – egal wen, egal wo. Wenn es denn so einfach wäre.

Ist es natürlich nicht! Nicht die Menschen, die sich irrational verhalten sind gaga, sondern die Umstände, die sie soweit bringen. Gaga, im Sinne von bedenklich. Und um das besser zu verstehen, habe ich kürzlich zwei Bücher Amerikanischer Autoren gelesen. „Hillbilly Elegie“ von J. D. Vance und „Homeland Elegien“ von Akhtar Ayad. Beides Familiengeschichten aus den Trumplands – jenen Gegenden Amerikas, wo Trump auch heute noch die grössten und fanatischsten Unterstützer hat. Also über die „Deporablen“ (zu Deutsch: die Bedauernswerten, wie sie einst Hillary Clinton nannte) des Amerikanischen Rostbelt – den Opfern der Globalisierung und des gnadenlosen Neoliberalismus, der letzten 40 Jahre. Ich will und wollte verstehen. Verstehen, warum diese Menschen einem notorischen Lügner mehr glauben, als den offensichtlichen Tatsachen. FakeNews mehr vertrauen als Fakten. Die Wissenschaft verteufeln und Scharlatane bejubeln. Was es braucht, dass Menschen ihr Heil bei Kleptomanen, Rassisten und Lügnern suchen. Und ich wurde fündig. Nicht nur Amerika und Trump betreffend – es öffnete mir auch die Augen für viele andere Themen hier, direkt vor unserer Haustüre.

Das Eine sind die der Profitmaximierung der Konzerne geopferten Arbeitsplätze, die zu Millionen in „Billiglohnländer“ verlagert wurden (in Amerika vor allem nach Mexiko und China) – das Andere, was darauf folgte. Während in Amerika ganze Städte und Landstriche dem Profit „geopfert“ und die Menschen ihrem Schicksal überlassen wurden – also Food Stamps (Essensmarken), Schulden, Drogen und der Hoffnungslosigkeit – so griff bei uns das Bildungssystem und das Soziale Auffangnetz. Auf den ersten Blick also kein Vergleich mit den deporablen Zuständen in Wisconsin, Virginia oder Luisiana. Und trotzdem gibt es auffällige Parallelen. Hier, wie dort hat es mit „Entfremdung“ und „Entwurzelung“ zu tun. Was meine ich damit?

Das Sein bestimmt das Bewusstsein„, wussten schon Feuerbach, Hegel und natürlich Karl Marx – d.h. es sind die Lebensumstände (oder auch das Milieu bzw. die Kultur), welche unser Denken und Handeln bestimmen. Umgekehrt verändert unser Denken und Handeln natürlich auch unsere Umwelt. Unser ganzer Fortschritt, sei er technischer oder gesellschaftlicher Natur, beruht auf dieser „Naturkonstante„. Und somit wären wir mitten im Thema. Wem der Boden unter den Füssen entzogen wird, weil er z.B. den Job und die Krankenversicherung verliert, an der Kasse einer Fastfoode-Kette zum Mindestlohn von 7.25$ landet, aus dem Haus geworfen wird und kriminelle Gangs die Strasse terrorisieren, hat verständlicherweise wenig Bock auf das hochtrabende Geschwätz wohlmeindender Politiker, Soziologen und Wissenschaftler der Teppichetagen in Washington. Erstens hat er dafür keine Zeit, zweitens keinen Bock und drittens versteht er nicht einmal, was die meinen. Da haben es einfache Parolen, dumme Sprüche und leere Versprechungen leicht, wenn diese mit Zukunftsversprechen verwoben sind – gelogen oder nicht, spielt dabei kaum eine Rolle. Die Entfremdung ist beinahe total. Der Unterschied der Lebenswirklichkeit der Einen und dem privilegierten Leben der Andern, könnte kaum grösser sein. Der ideale Nährboden für Verschwöhrungsgeschichten, Misstrauen und Hass. Das perfekte Rekrutierungsfeld für Rassisten, Heilsversprecher und Hassprediger aller Schattierungen. Wer vom Staat allein gelassen (also entfremdet) wird, erwartet von diesem irgendwann nichts mehr und greift nach jedem Strohalm der vorbei schwimmt – selbst wenn dieser der Teufel selbst ist. Und was hat das mit der friedlichen Schweiz zu tun?

Was die Lebensumstände betrifft, wenig. Hier funktioniert meist noch der Sozialstaat. Bis unter die Brücke oder den Trailerpark am Stadtrand (gibt es bei uns nicht), ist es ein vergleichsweise weiter Weg. Was die Entfremdung von den politischen und gesellschaftlichen Eliten betrifft, gibt es jedoch viele Gemeinsamkeiten. Während in den USA Schulen vergammeln, Strassen verlottern und medizinische Hilfe unerschwinglich wird, beschleicht hier manche das Gefühl, wir würden von Firmen, Politik und Behörden nur noch gegängelt. Ist man über 50, wird entlassen, und tritt an meine Stelle noch ein junger, „günstiger“ Ausländer, ist der Fremdenhass nicht weit. Auch wenn der Ausländer dafür nichts kann. Wenn die Dorfbeiz schliesst, die Post ins Nachbardorf zügelt, der Nachbar plötzlich Kroatisch spricht und vor mir an der Ladenkasse eine Frau mit Kopftuch ihren Einkaufskorb leert, ist das Gefühl der Entfremdung nicht weit. Und wo Entfremdung um sich greift, liegt es nah, das Fremde zu entfernen. Problem gelöst. Währenddessen verändert sich das Leben immer schneller. An der Ladenkasse soll ich mit Twint, ApplePay oder sonstwas zahlen, für die Covid-Impfung muss ich mich online anmelden oder stundenlang in einer Warteschlaufe auf eine menschliche Stimme warten, währenddessen die Bank ihren Schalter für immer schliesst. Der Staat meldet sich bestenfalls mit neuen Vorschriften und Verboten. Bald will er noch Ölheizungen verbieten und das Benzin verteuern. Es gibt also „gute Gründe“ frustriert zu sein. Da liegt der Wunsch nach Idylle nah und der Ruf nach Durchgreifen und alter Ordnung wird lauter. Der Selbstbetrug nimmt seinen Lauf.

Trilogie Teil 2 am 27.01.2021: Selbstbetrug

15.01.2021: Zäh

Wer kennt das Gefühl nicht? Man erwartet etwas ungeduldig und es wird und wird nicht. Den 18ten Geburtstag, die geplante Weltreise oder das Trump und die Pandemie endlich verschwinden. Es tut beinahe körperlich weh. Und ist es dann endlich soweit, muss man feststellen, dass die Vorfreude oft grösser war, als die Freude selbst. Denn, ist eine Hürde genommen, lauert bereits die nächste um die Ecke.

Trumps Abgang ist uns gewiss, der 20. Januar rückt näher. Wie dieser aussieht, darüber wird gerade heftig spekuliert. Vorsichtshalber vernageln Bauarbeiter schon mal die Fenster von Regierungsgebäuden und das FBI warnt vor bewaffneten rechtsextremen Horden. 15‘000 Nationalgardisten sind in Washington eingerückt. Vorausgesetzt die Nationalgarde ist nicht korrumpiert (in diesen Tagen weiss man nie), dürfe Jo Biden der 46igste Präsident der Vereinigten Staaten sein und Trump auf einem Golfplatz, im Gefängnis oder bei seinem Zwilling in Brasilien. Auch wenn sein Abgang zäh ist, er ist in Sichtweite. Aufatmen wird nicht nur halb Amerika und die Welt, auch dem Klima wird es nicht schaden. Wir dürfen uns also erst mal freuen.

Wie lange diese Freude anhält, steht allerdings in den Sternen. Ernst zu nehmende Stimmen warnen bereits vor Terroranschlägen durch die unzähligen, bewaffneten Milizen und 15 Millionen christliche Fanatiker beschwören das Armageddon. Ob hier der Teufel an die Wand gemalt wird, wissen wir vielleicht in einem Jahr. Bis dahin hoffen wir das Beste und machen uns auf das Schlimmste gefasst. Hoffnung ist ein zäher Bursche, ermüdend ist diese wahr zu machen.

Weit ermüdender als der Abgang des Verlierers im Weissen Haus auf der anderen Seite des Atlantiks, ist das Aussitzen der Pandemie hier. Ich wähle „aussitzen“ ganz bewusst, denn anders lassen sich die zögerlichen Massnahmen kaum umschreiben. Gouverner c’est prévoir heisst es so schön – also „Regieren heisst Vorausschauen“. In den letzten Wochen und Monaten glich dies aber eher einen ReAgieren und einen ZUschauen. „Die Lage ist ernst, wir beobachten mit Sorge“ des Bundesrates und sein meist spätes Zaudern und Zögern, lässt nicht nur mich ratlos zurück. Fakt ist: „Wer zu spät kommt, bestraft das Leben“ – das wusste schon Gorbatschow und behielt Recht. Denn leider greift das „Prinzip Hoffnung“ bei einem Virus nicht. Der hält sich zäh und kümmert sich nicht um unsere Befindlichkeiten.

Zäh halten sich nicht nur Viren, egal ob sie Trump oder Covid heissen. Noch zäher erweist sich der Irrsinn in Gesellschaft und Politikbetrieb. Da sammelt eine unheilige Allianz ominöser „Freunden der Verfassung“ (aka Coronarebellen), zusammen mit JGLP und Jungen Grünen 140‘000 Unterschriften gegen ein Gesetz, das bereits in Kraft ist (Covid-Gesetz) welches uns vor den Folgen der Seuche schützen soll. Ebenso unheilig das Referendum von $VP/swissoil und Teilen von Fridays4Future gegen das dringend notwendige CO2 Gesetz, das den Klimawandel endlich ausbremsen soll (nicht perfekt – aber besser den Spatz in der Hand, als gar nichts). Gleich verlogen die Allianz der Bauern-Agrochemie-Lobby gegen sauberes Trinkwasser, die mit ihren Plakaten bereits die ersten Bauernhöfe verunzieren. Machiavellisch die $VP, welche Alain Berset entmachten möchte um von ihrem eigenen Versagen abzulenken. Da sind die Störmanövern der gleichen Partei gegen jegliche Pandemiemassnahmen und ihre Weigerung betroffene Branchen und Betriebe angemessen zu unterstützen, fast schon eine Randnotiz. Ideologische Scheuklappen (Schulden sind böse) und naive Träumereien (entweder alles oder nichts) sind zäh. In Krisen sind sie nicht nur lächerlich, sie sind ausgesprochen gefährlich. So endet der verbohrte Sparreflex für viele Menschen und Firmen im wahrsten Sinne des Wortes tödlich. Egal ob Covid, Trinkwasser oder Klima – Hauptsache ich Rette meine Pfründe oder Überzeugungen. Verhaltensmuster sind so zäh, wie Viren und kaum auszurotten.

Wie fast alles im Leben hat aber auch das Zähe eine gute und eine schlechte Seite. Schützt uns eine feste (zähe) Schuhsohle vor rostigen Nägeln, so beissen wir uns bei zähem Fleisch die Zähne aus. Und hilft sie uns beim Dranbleiben und Durchhalten in schwierigen Situationen (wie z. B. das Durchstehen dieser Pandemie), so steht sie uns beim zähen Festhalten an alten Verhaltensmustern im Wege. Fällt uns die Unterscheidung zwischen Schuhsohle und Fleisch leicht, ist diese dafür zwischen vernünftigem Dranbleiben und sturem Festhalten umso schwieriger. Das „cui bono“ (also wer hat einen Vorteil davon) hilft uns auch hier.

08.01.2021: Privilegiert

Oft hört man klagen, wir wären verwöhnt. Eine Wohlstandsgesellschaft. Ein moralinsaure Unterton meist nicht zu überhören. Ob es Diagnose, Vorwurf oder einfach nur Selbstverortung ist, ist selten klar. Klar ist nur, dass es lamentabel ist. Lamentabel und schlecht für uns selber (Weicheier sind Loser) und schlecht für die Gesellschaft sowieso (den Starken gehört die Welt). Interessanterweise sitzen die Lamentierer*innen immer auf einem bequemen Bürostuhl oder einem bequemen Sofa, in einer geheizten Stube. Besser gesagt: Es sind Privilegierte. Man könnte auch sagen, es ist Ausdruck einer Geisteshaltung, eines Lebensstils oder Weltanschauung. Denn wieso soll „Wohlstand“ – also die Tatsache, dass es uns materiell gut geht – plötzlich schlecht sein? Haben nicht Generationen genau dafür gekämpft und gelitten und tun es nicht weiterhin Millionen und Milliarden weltweit? Was daran ist also schlecht und wieso dieses Stirnerunzeln?

Wer in den Slums von Mumbai oder Nairobi lebt, (so vermute ich, denn ich lebe ja nicht dort) wird unter Wohlstand vermutlich etwas anderes verstehen, als ein Bewohner der Goldküste (auch das eine Vermutung, da ich auch dort nicht wohne). Armut und Wohlstand definiert sich naturgemäss aus dem Vergleich. In der Regel zum Nachbarn oder dem nahen Umfeld. Wissen ob es morgen noch etwas zu essen gibt, ist im Slum von Dahravi etwas anderes, als in Herrliberg. Dort ist es eher der schnellere Porsche des Nachbarn, der ärgert. Was also ist Wohlstand und was heisst verwöhnt?

Sozusagen die ultima ratio des Wohlstand-Lamentos gipfelt im Vorwurf der Wohlstandsverwahrlosung. Darunter wird alles subsumiert, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Von den verwöhnten Kids, den laschen Erziehungsmethoden, den Ansprüchen der Generation Boomer, bis hin zu zugemüllten Stadtparks und Schulabbrechern – kein Thema, dass nicht dem angeblich zu grossen Wohlstand zugeschrieben werden könnte. Verwahrlost durch Wohlstand. Kategorien die per se nicht zusammenpassen. Verwahrlost sind in der Regel die Habenichtse, die Faulen und Obdachlosen. Also muss wohl mit diesem Wohlstand etwas nicht stimmen.

Implizit oder explizit mit dieser Diagnose wird auch gleich die Therapie mitgeliefert. Mehr Härte, mehr Disziplin, mehr Entbehrung sollen es richten. Auf den Punkt gesagt: Weg mit dem Wohlstand für alle. Bis man über Sozialschmarotzer schwadroniert und bei jedem Sozialwerk die soziale Hängematte wittert, ist es dann ein kleiner Schritt. Und man selbst hatte es ja auch nicht leicht… Steine klopfen hat noch niemandem geschadet…“eis an Grind und gut ist“. Ist es das, was damit gemeint und gewollt ist? Zurück zu den „guten alten Zeiten“, als die Welt noch heile war?

Selbstverständlich war sie auch früher nicht in Ordnung. Und selbstverständlich sind immer die Anderen gemeint, wenn es um blamable Zustände geht. Wir können dieses Wohlstandsgedöns also ruhigen Gewissens dorthin entsorgen, woher es kommt: Zurück an den Absender!

Ist damit alles geklärt? Mitnichten! Denn selbstverständlich sind die Diagnosen nicht telquel falsch und aus der Luft gegriffen. Es gibt in der Tat vieles zu beklagen, was auf unseren Wohlstand – also der Tatsache, dass wir materiell gut abgesichert sind – zurückgeführt werden kann. Dabei geht es aber nicht darum, dass der angebliche Wohlstand zur Verwahrlosung führt, sondern um die Ignoranz und Arroganz, die mit diesem einher geht. Gerade jene, denen es materiell besser geht, als dem Durchschnitt, pflegen oft eine Mentalität des „das steht mir zu“ und der Entsolidarisierung. Sein und Haben wird zum Synonym und zur Selbstverständlichkeit. Das Leben findet in einer Art Filterblase statt. Diese ist wahlweise ein gemachtes Bett oder aber wird bedroht. Wohin das führt, erleben wir täglich und verschärft in diesen Tagen.

Was wir gerade erleben ist eine tiefe Spaltung der Gesellschaft. Sowohl materiell, kulturell wie politisch. Materiell öffnet sich die Schere zwischen oben und unten seit Jahrzehnten. So sehr, dass es sogar dem ehemaligen Nationalbankchef , Philipp Hildebrand, Sorgen bereitet. Nicht nur bei den Vermögen, welche für die reichsten 0,1% ins astronomische steigen, sondern auch bei den Einkommen der privilegierten Berufsgruppen (Top 10% mit einem Einkommen > 125’000 p. a). Dagegen steht die grosse Mehrheit, deren Realeinkommen seit Jahren stagniert oder gar sinkt. Die kulturellen Verwerfungen sind fast noch schmerzhafter. Auf der einen Seite Heimatlose, welche unter dem rasanten Wandel leiden, auf der anderen die Globalisierungsgewinner, welche den Wandel begrüssen. Besonders sichtbar werden die Abgründe im gesellschaftlichen und politischen Alltag. Dieser Tage besonders deutlich im Capitol, wo offensichtlich zwei Welten aufeinanderprallen. Bei uns z. B. in den verhärteten Fronten rund um die Pandemie. Auffallend – hier wie dort – die fast vollständige Entsolidarisierung. Im Vordergrund steht das „ich“, ein „wir“ existiert kaum noch. Und wenn ein „wir“ – ist es ein diffuses „Wir sind das Volk“, das sich in einer Parallelwelt verschanzt hat. Die eigentliche Verwahrlosung ist der Verlust der Orientierung und der Bodenhaftung. Offensichtlich gilt: Je höher ich mich in der maslowschen Pyramide befinde, desto weniger kümmern mich andere. Und je weniger mich andere kümmern, umso weniger kümmert mich auch, woher mein Wohlstand kommt. Ein möglicher Verlust ist umso schmerzhafter.

Maslowsche Bedürfnispyramide

Wo man – wie hier in der Schweiz – auf die Sonnenseite des Planeten geboren wurde, löst ein möglicher Wohlstandsverlust besonders viel Ängste und Aggressionen aus. Wenn das vermeintlich Selbstverständliche zur Disposition steht, sind Tugenden fern. Der Besitzstand wird mit Zähnen und Klauen verteidigt – was kümmern mich andere. Gemeinsinn „verwahrlost“, das Privileg mutiert zum Spaltpilz. Deutlich sichtbar z. B. an der Covid-Impferei. In der Schweiz diskutieren wir darüber wer jetzt als erste/r an die Reihe kommt, während die Länder in Afrika froh sein können, wenn sie bis 2024 überhaupt Impfstoffe erhalten. Was wundert es, wenn die Welt auseinander fällt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns wenigstens unserer Privilegien bewusst sind. Privilegien funktionieren nämlich nur, solange sie verdient sind. Leider ist dieses Bewusstsein bei vielen Privilegierten verkümmert. Denn sind sie es nicht, ist Ärger vorprogrammiert.

Silvester 2020: Sapere aude

Damals als – so wird erinnert. Damals also, als alle, oder wenigstens fast alle, Masken trugen…. zu Beginn der 20iger Jahre. Ein denkwürdiges Jahr. Was wird davon bleiben? War es der Beginn eines Umdenkens? Das Ende einer Epoche? Die Wende zum Guten oder Schlechten? Vielleicht sogar eine Zäsur? Da uns der Blick in die Zukunft durch die Vergangenheit verstellt ist, müssen wir raten. Selbst Indizien – Erfahrungen genannt – sind nur bedingt hilfreich, denn sie klammern zukünftige Ereignisse naturgemäss aus. Fazit: Die Zukunft findet in der Zukunft statt. Trotzdem sind wir den Ereignissen nicht ganz hilflos ausgeliefert, denn wir können aus vergangenen Ereignissen lernen, unser Verhalten anpassen und Fehler zu vermeiden versuchen. Dies setzt allerdings voraus, dass wir erkennen. Erkennen, woran es liegt, dass wir sind, wo wir sind. Es braucht dazu nicht zwingend das „sapere aude“ Immanuel Kants, es genügt ein ungetrübter Blick zurück. Ein Blick der (ein)ordnet, erhellt und erkennt. Ein Jahresrückblick bietet dazu Gelegenheit. 2020 ganz besonders.

Wo warst du am 16. März 2020 oder was machtest du am 11. September 2001? New York, World Trade Center, Twin Towers, Terror und Osama Bin Laden – 9/11 – ist vermutlich bei uns allen fest verankert. Deshalb wissen wir meist auch nach 20 Jahren noch, wo wir damals waren und was wir gerade taten, als die brennenden Türme, vor den Augen der Welt, in sich zusammen brachen. Aber der 16. März 2020? Am 16. März hiess es: „Bleiben sie zu Hause“ – Lockdown. Seither gibt es ein davor und ein danach. Mich traf es vor Tasmanien. Statt Port Arthur, Tasmanischer Teufel und spektakuläre Strände, hiess es: Zutritt verboten – Hobart ist verseucht. Unverständnis – Frust – und was jetzt?

Was jetzt – auch noch neun Monate später. Statt einer kurzen heftigen Grippe, die, wie es sich gehört, im Frühjahr Leine zieht, entpuppte sich der Krankmacher als fiese Seuche von beinahe alttestamentarischem Ausmass. Ungläubig verfolgen wir seither die steil ansteigenden Kurven der Infizierten und Toten, reiben uns die Augen und stellten erstaunt fest: Alles ist anders. Zwar geht die Sonne weiterhin im Osten auf und im Westen unter – alles Übrige aber ist in Frage gestellt – Gewissheiten inklusive. Und um die Gefühlslage zusätzlich zu verkomplizieren, reiht sich seit Oktober Lockdown an Lockdown, während der neue Impfstoff Normalisierung verspricht und das Virus mutiert. In etwa gleich verrückt, Trumps Abgang als groteske Inszenierung eines Irren. Abgang gewiss, Ausgang ungewiss. Auf dem Rost geröstet werden, ist dagegen Wellness im Jaccusi. Dazu eine Regierung, welche die wirtschaftlichen Sonderinteressen einflussreicher Lobbies offensichtlich höher gewichtet, als unsere Gesundheit. Über die Spätfolgen lässt sich bestenfalls spekulieren. Schaden genommen hat aber mit Bestimmtheit unser Vertrauen. Unser Vertrauen in die Politik und Institutionen – und noch tiefgreifender, unsere Verletzlichkeit. Die Erkenntnis, dass wir nicht die Herren der Schöpfung, sondern in unserem Habitat bestenfalls geduldet sind, grenzt an eine Beleidigung. Der Grat zwischen einem unbeschwerten Leben in Sicherheit, Saus und Braus und einem in Angst um Existenz und Zukunft, entpuppte sich als schmal und brüchig.

Und wo es bricht, öffnen sich Klüfte. Die Kluft zwischen armen und reichen Ländern, zum Beispiel, wenn es um Impfstoffe geht. Zwischen jenen mit Job und jenen ohne. Den Profiteuren des Online-Handels und den zwangsbeurlaubten Wirten, den unterbeschäftigten Selbständigen und jenen, die einsam in ihren Wohnungen sitzen und nicht wissen, wie die nächste Miete zahlen. Getoppt nur noch durch die tiefen Gräben zwischen Vernunft und Aberglaube, Wissenschaft und Scharlatanerie, sowie Dogma und Notwendigkeit. Die bittere Erkenntnis: Das Eis ist dünner, als wir denken. Ob es hält ist mehr Glück als Verstand. Die Aufarbeitung dieser Zäsur, wird Jahre oder Jahrzehnte dauern. Ein erster Test steht quasi Ante Portas. Er lautet: Haben genügend Menschen Vertrauen in die Wissenschaft und lassen sich impfen? Falls nicht, dürfte 2020 nicht das letzte Annus Horribilis gewesen sein.

Doch, auch wenn Corona omnipräsent und Trump nervtötend ist, dürfen wir uns nicht von den Scheinwerfern der Medien blenden lassen. Die Neigung dort zu suchen, wo Licht ist, ist natürlich, selten aber zielführend. Das Böse kommt nicht umsonst aus dem Dunkeln. Was also offensichtlich und in aller Munde ist, ist nicht zwingend dass, was uns Angst machen sollte. So wie Trump nicht Ursache, sondern Folge des Rassismus und des Niedergangs der Mittelschicht war, so ist Corona nicht verantwortlich für das Versagen unserer Politiker. So wie diese auf diese Pandemie reagieren, tun sie es auch beim Klima oder dem Pestizid im Trinkwasser. Erst der Profit, dann der Wähler. Angst sollte uns deshalb nicht das Offensichtliche, wie z. B. ein irrer oder korrupter Politiker, der ein schlechtes Gesetz voran treibt oder halbherzige Massnahmen verordnet, sondern die Mechanismen, die dazu führen. Wenn also der Amazonas oder halb Sibirien brennt, wie auch dieses Jahr, in Bosnien und Griechenland Flüchtlinge wie Dreck behandelt werden (wie gerade in diesen Tagen) und Menschen in Yemen verhungern, sind das tragische Ereignisse, nicht aber der Grund zur Sorge. Sorgen machen sollten wir uns über die Mechanismen, die dazu führen.

Aber welche sind das? Gerade in akuten Krisen und mitten in den turbulenten Ereignissen, sind Muster schwer zu erkennen. Trotzdem sollten wir ab und an etwas beiseite treten und einen nüchternen Blick, aus der Distanz, auf das vermeintliche Chaos werfen. Was also sehen wir? Eine Pyramide. Oben sitzen wenige Profiteure, denen die Politik mit Steuererleichterungen, laschen Gesetzen und billigem Geld dient. Unten all jene, die für sich selber schauen dürfen und hängen gelassen werden. Das Fatale: Die Pandemie verstärkt dieses Gefälle zusätzlich. Wo kleine Firmen ihre Existenz verlieren, treten Konzerne, welche die Konkursmasse zum Schnäppchenpreis an sich reissen. Befördert noch mit dem billigen Geld der Zentralbanken. Aus Vielfalt entsteht Einöde. Der konkurse Wirt darf in Zukunft Burger für einen Amerikanischen Multi braten. Die überschuldete Coiffeuse, Haare für eine hype Haarfabrik schneiden. Gross schluckt klein. Nicht neu – dank Corona nun aber mit Turbobooster. Solange niemand dagegen hält, gewinnt der Starke. 2020 waren das z. B. die 300 Reichsten Schweizer (+ 15 Milliarden) welche durch Steuergeschenke (Streichung der Emisionsabgaben) noch reicher werden. Dafür verloren die Ärmsten 19% ihres Einkommens. Wer genau hinschaut merkt rasch: Die „grosszügige“ Coronahilfe hilft nicht den Bedürftigen sondern den Banken, Immobilienbesitzern und sog. systemrelevanten Betrieben, wie der Swiss. Auf der Strecke bleiben all jene ohne Lobby in Bern, jene auf welchen die Pyramide steht.

Fast hätte ich noch den Brexit vergessen, der uns seit nunmehr fünf Jahren langweilt. Er findet am 31.12.2020 um 23:00 ein betrübliches Ende. Einen Vorgeschmack auf deren Vollzug durften die Briten kurz vor Weihnachten erleben, als Frankreich wegen des mutierten Sars-Virus ihre Grenzen schloss. LKW-Staus durchs halbe Land. Ob die Wähler damals wohl wussten, was sie erwartet? Gute Aussichten sehen anders aus. 2020 kann aber auch eine Chance sein. Viele haben gemerkt, dass es auch mit weniger geht. An vielen Orten konnte sich die Natur erholen. Die neu gewonnene Ruhe, lernten viele zu schätzen. Nicht zuletzt zeigt die Krise, wie wichtig ein funktionierender Staat, ein gut ausgebautes soziales Netzwerk und Solidarität ist. Es liegt an uns, dies einzufordern. Sapere aude – oder wie Horaz 20 vor unserer Zeit schrieb: Dimidium facti, qui coepit, habet: sapere aude, / incipe. Zu Deutsch: „Einmal begonnen ist halb schon getan. Entschließ dich zur Einsicht. Fange nur an!“

25.12.2020: Warum wir Märchen lieben.

Wer kennt sie nicht, die traurigen-schönen Weihnachtsgeschichten des Pfarrers am Weihnachtsabend. Immer mit Tränen, Ungerechtigkeit und unverhofftem Glück zum freudigen Happy-End. Ja, was wäre Weihnachten ohne Hoffnung auf Gerechtigkeit, Frieden und Glück? Nichts! Und getreu der christlichen Lehre, erfolgt die Wende zum Guten, fast immer durch die Läuterung, Umkehr und Reue eines Bösewichts. Wie wohltuend sich Weihnachten doch vom Alltag unterscheidet. Das Gute triumphiert, das Böse geht unter. Eine Welt, wie wir sie uns wünschen.

Aus bitterer Erfahrung nennen wir solche Geschichten Märchen. Erfundene, unwahre Geschichten. Eng mit dem Märchen verwandt ist die Lüge, denn auch diese ist frei erfunden. Gemeinsam wollen sie uns einen Bären aufbinden und uns etwas Glauben machen, was nicht wirklich ist. Sie manipulieren uns. Und trotzdem gibt es einen grossen Unterschied. Während uns Märchen in der Regel Hoffnung machen (das Gute besiegt das Böse) oder belehren (wenn du Böses tust, wirst du büssen), will uns die Lüge ausschliesslich in die Irre führen. So lieben wir in der Regel Märchen und hassen die Lüge.

Leider sind die Beiden nicht immer klar zu unterscheiden. Wenn uns Hoffnung verkauft wird, wo es keine gibt, ist es zwar ein schönes Märchen aber eine Lüge. Es zählt also die Absicht, mit der uns etwas erzählt wird. Sprich: Wem nützt die Geschichte? Mir oder dem Erzähler? Dies herauszufinden ist nicht immer leicht. Umso grösser unsere Enttäuschung, wenn wir dahinter kommen.

Weihnachten sind voll von solchen Geschichten. Die wohl bekannteste und schönste, die Weihnachtsgeschichte selbst, die damit endet, dass uns der Heiland geboren wird. Sie ist sozusagen die Vorlage für alle schönen Märchen – Hoffnung. Hoffnung auf Besserung, Erlösung (von was auch immer), Frieden und ein gutes Leben. Alte uneingelöste Menschheitsträume. Wer könnte da dagegen sein?

In Krisenzeiten sind wir in besonderem Masse auf Besserung abonniert. Im Gegensatz zu den Märchen, wo die Rettung sozusagen per Zufall vom Himmel fällt, sind wir für das Heilen aber selber zuständig. Sei es die Solidarität mit den Schwächsten, das tragen von Masken oder sich impfen lassen – es liegt allein an uns, ob sich etwas zum Guten wendet. Das ist anstrengend. Und deshalb mögen wir Märchen. Dort retten uns irgendwelche Engel und Prinzen. Eintauchen in solche Märchen ist Weihnachten. An Weihnachten haben wir Zeit um uns zu besinnen und Kraft zu tanken. Märchen gehören dazu – sie geben uns „Hoffnung“. Die Hoffnung, dass wir die Kraft haben, das zu ändern, was wir ändern können und müssen.

Ich danke allen, die meinen Blog lesen und mich immer wieder ermuntern weiter zu machen. Ich wünsche allen schöne Festtage und ein besseres neues Jahr. Wer will, liest mich.

Erich

18.12.2020: Offenbarung

Keine Angst, die Offenbarung des Johannes, gemeinhin als Apokalypse bekannt, steht heute nicht zur Debatte. Auch wenn der apokalyptische Reiter mit der Sense, der zur Zeit im Galopp durch Dörfer und Städte zieht, dies nahe legen würde. Die Exegese (Auslegung) der Bibel überlasse ich lieber der theologischen Zunft und konzentriere mich stattdessen auf weltliche Belange, die zur Zeit mehr offenbaren, als die düstersten Prophezeiungen der Bibel. Wer die Augen offen hält und sich nicht nur mit dem Kleinklein des politischen Gezänks um Lockdown oder Nicht-Lockdown beschäftigt, dem zeigt sich ein Bild, dass einer Offenbarung gleicht. Nachstehend meine „Heurekas“ der Woche.

Was sich wie ein Erfolg anfühlt, entpuppt sich nur allzuoft als Pyrrussieg. So zum Beispiel der grüne Erdrutschsieg bei den Nationalratswahlen vom letzten Herbst. Bilanz nach zwölf Monaten: Ernüchterung. Im Siegestaumel wurden die wirklichen Machtverhältnisse, wie so oft, wieder einmal übersehen. Die Wirtschaftslobby regiert unbeeindruckt und ungehindert weiter. Das Resultat erleben wir ganz konkret – tagtäglich. Profit vor Gesundheit, Wirtschaft vor Umwelt und Reich vor Arm. Statt Lockdown und ernsthafter Pandemiebekämfung werden Brancheninteressen bedient. Statt CO2 zu reduzieren, ergreift die $VP im Namen von swissoil und Ölscheichs, das Referendum und der Bauernverband sorgt dafür, dass Pestizide weiterhin unser Grundwasser vergiften dürfen. Einzig die Väter dürfen nun, dank einem Volksja zum Vaterschaftsurlaub, zwei Wochen zu Hause bleiben. Das Polittheater dient ganz offensichtlich mehr der Ablenkung, als uns Wählern. So können die Interessen der Wirtschaftslobby ungestört bedient werden. Das ist zwar nicht neu, war aber selten so deutlich.

Wir wähnten uns in der besten aller Welten. Reich, zivilisiert, demokratisch, mit einem Hang zum Perfektionismus. Wir waren/sind ein Sonderfall – immer von der Sonne beschienen. Niemand kann und konnte uns das Wasser reichen. Arrogant blickten wir auf die Unzulänglichkeiten unserer Nachbarn. Und seltsamerweise wurden wir für diese Arroganz auch noch bewundert. Jetzt offenbart aber ein fieses Virus, auf welch wackligem Füssen unser Sonderfall ruht. Das teuerste Gesundheitssystems Europas steht vor dem Kollaps. Überfüllte Spitäler (IPS), überlastetes Personal, Patienten auf Wartelisten und Hilferufe von verzweifelten Spitaldirektoren. Nichts scheint mehr zu funktionieren. Weder das Contact-Tracing noch die verfügten Massnahmen. Das föderalistische System der geteilten Zuständigkeiten und Verantwortung, entpuppt sich als Schönwetterkonzept. In der Krise versagt es kläglich. Besonders peinlich: Mitreden wollen alle, um die Verantwortung aber drücken sie sich. Beispiel gefällig? Natalie Rickli (Gesundheitsdirektorin des Kanton Zürich) fordert lautstark die Schließung von Restaurants und rügt dafür den Bundesrat. Wieso verfügt sie selber keine Schliessungen? Eine peinliche Show! Fakten schafft in der Zwischenzeit nur das WEF. Es flieht nach Singapur. Wenn aber selbst die Weltelite das Vertrauen in unser System verliert, sollten wir uns wirklich ernsthaft Sorgen machen.

Wie sind und waren wir doch stolz auf unsere Bildung, die Aufklärung und die Wissenschaft. Und hier spreche ich nicht nur von der Schweiz Eng verbunden damit: Unser Wohlstand. Aberglaube, Quaksalberei und religiöse Dogmen überliess man einigen Spinnern – Logik und Vernunft triumphierten. Dachten wir – und dann kamen Trump, die Klimakrise und Corona und aus den Löchern krochen all die Totgeglaubten. Plötzlich ist die Lüge wieder salonfähig, Behauptungen Fakten und Betrug Wahrheit. Wissenschaft ist des Teufels und bisher gesichertes Wissen in Frage gestellt. Scharlatane und Wirrköpfe feiern ein Comeback ungeahnten Ausmasses. Impfgegner*innen, Esoteriker*innen, Hakenkreuzträger und Jünger der absonderlichsten Verschwörungsmärchen proben Samstag für Samstag den Aufstand in den Innenstädten Europas und fluten die Sozialen Medien mit dem unglaublichsten Mist, den sich ein menschliches Hirn ausdenken kann. Man könnte weinen, wäre es nicht so ernst. Uralte Verhaltensmuster sind in der Krise offensichtlich stärker, als erworbenes Wissen. Wer bis anhin glaubte, uns schütze Logik und Vernunft, steht fassungslos vor den Abgründen, welche diese Krise öffnet. Unter Stress, greift der Mensch offensichtlich jeden Strohalm, wenn dieser Rettung verspricht. Bereitliegende Rettungsringe werden über Bord geworfen und gar als Teufelszeug verschrien. Besonders bitter: Diese Parallelwelt ist für Vernunft und Argumente kaum mehr zugänglich. Erschreckendes Beispiel: In den USA glauben 70% der Republikaner, Trump hätte die Wahlen haushoh gewonnen und Biden sei nur durch Betrug gewählt worden. 16% der Schweizer*innen glaubt, Corona existiere nicht oder ein Mittel um uns zu versklaven. Bildung ist pfui, Aufklärung ein Fehler und die Wissenschaft lügt. Es lebe das dunkle Mittelalter.

Der Mensch ist ein Egoist, heisst es. Allerdings wäre er ohne Kooperation längst ausgestorben. Das Mammut erlegen erfordert(e) Zusammenarbeit – ein Staat oder eine Firma ebenfalls. Und doch geniesst der ICHling (aka rücksichtsloser Egoist) allerorten allerhöchste Bewunderung. Ja, er dient sogar als Vorlage für unsere Ökonomen und ihre Theorien. Es gilt: Wenn jeder an sich selber denkt, ist an jede/n gedacht. Was das in der Krise bedeutet, sehen wir dieser Tage überdeutlich. Jede/r und jede Gruppe, jede Branche und jeder Club ist sich selbst der/die Nächste. Der Gewerbeverband und ihre Sockentruppe im Parlament, laufen Sturm gegen weitere Massnahen, während er ihre Mitglieder im Regen stehen lässt, wenn es um finanzielle Unterstützung geht. Weiss Geistes Kind sich hier Bahn bricht, kann man überall nachlesen. Ohne Scham heisst es: Lasst die Alten sterben, sie wären sowieso bald gestorben – lass uns dafür feiern, shoppen. skifahren und Profite machen. Wer jung ist und arbeitet, darf leben – unwertes Leben ist zu kostspielig. Profit vor Leben – Euthanasie 2.0 Ausgabe 2020 – dem Starken gehört die Welt.

Krisen klären auf. Krisen erfordern Entscheidungen. In Krisen offenbart sich der wahre Charakter von Menschen und Systemen. Ob wir daraus lernen, steht auf einem anderen Blatt Papier. Immerhin scheint es, als würden die demokratischen Institutionen die Trump-Krise überstehen. Welche Parteien und Politiker hier, die Pandemie überleben, muss sich noch zeigen. Ganz deutlich aber wird, dass Schönwetterkonzepte in der Krise nichts taugen. Genau so wenig wie Schönwetterpolitiker und Schönwetterreden. Von ewigem Sonnenschein mag der Bündner Tourismusdirektor träumen – wir tun trotzdem gut daran Dächer auf unsere Häuser zu bauen. Die nächsten Schlechtwetterfronten zeigen sich bereits am Horizont. Pleiten, Klima und eine gespaltene Gesellschaft verheissen Sturm. Wenn wir Corona als Lektion begreifen, wären wir gut beraten. Denn eine Prophezeiung kann ich wagen: Wenn wir diesen „Stresstest“ nicht bestehen, werden kommende Krisen zur Hölle.

11.12.2020: Schrödingers Katze

Woche für Woche beschäftigt mich die Frage: Gibt es noch irgendetwas anderes als Corona oder etwas, dass sich gut anfühlt oder sich gar verbessert hat. Doch fast jede Woche scheitere ich. Diesmal habe ich sogar meine Bubble auf Facebook um Vorschläge gebeten. Von Fussball (vom Klöppeln hätte ich wahrscheinlich mehr Ahnung), bis zu Marias unbeflekter Empfängnis (nicht zu verwechseln mit ihrer ewigen Jungfräulichkeit) war alles dabei. So entschied ich mich für „Schrödingers Katze“ – will heissen jenes Paradox, bei welchem je nach Sicht, etwas tot oder lebendig ist. Ein Zustand, der unsere aktuelle Lage perfekt beschreibt.

Mit besagter „Katze“ lässt sich die gegenwärtig Pandemiebekämpfung, als auch der bunte Strauss an mehr oder weniger verwirrenden, kantonal verordneten Massnahmen, perfekt beschreiben. Sie existiert und tut es doch nicht! (Ja, ich weiss, ich wollte nichts über Corona schreiben – Corona hat es anders gewollt). Ebenso passt es zur fehlenden Verantwortung für den sich anbahnenden Schlamassel und dessen Folgen. Ist es nur ungeschickte Kommunikation, nicht geregelte Zuständigkeiten oder aber eine Hidden Agenda (geheimer Plan), die zu diesem offensichtlichen Systemversagen führen? Böse gesagt (und schon beinahe verschwörungstheoretisch): Will da jemand die AHV sanieren, indem er die Alten sterben lässt (bisher geschätzte 100’000’000 CHF.pro Jahr) oder geht es „nur“ darum das Portemonee der Begüterten, vor drohenden Steuererhöhungen, zu schonen? Wir wissen es nicht! Es ist ein klassisches Dilemma. Was wir auch annehmen, es löst sich vor unseren Augen auf und verkehrt sich ins Gegenteil.

Was wir aber seit Wochen wissen: Was da verordnet oder eben nicht verordnet ist, genügt nicht. Für einmal versagt der freundeidgenössische Kompromiss aufs Kläglichste. Das Virus will und will ums Verrecken nicht verhandeln und zieht ungestört seine zerstörerische Bahn durch Kantone, Gemeinden und Heime. Unbeeindruckt von allen halbherzigen Massnahmen, verharren Infizierte, Hospitalisierte und Tote auf beängstigend hohem Niveau. Wir beobachten life und in Farbe, wie ein System vor unser aller Augen kollabiert.

Um zu verdeutlichen was ich mit Systemversagen meine – ein aktuelles Beispiel aus meiner engsten Familie: Seit Dienstag ist meine Enkelin in Quarantäre. Mehrere Schüler ihrer Klasse haben sich offenbar mit dem Virus angesteckt und sind positiv getestet. Angeblich gilt aber einer der Schüler bereits wieder als genesen, da er bereits vor 10 Tagen Symptome hatte, um die sich aber niemanden kümmerte. D.h. niemand wurde informiert und die Schule unternahm nichts. Getestet werden die Schüler auch jetzt nicht – zu Hause bleiben soll genügen. Lehrer*in und Schulleitung sind sich, auf Nachfrage, nicht einig ob nun getestet werden soll oder nicht. Auch Geschwister und Eltern hängen in der Luft. Ein Telefon beim kantonsärztlichen Dienst war ebenso erhellend. Kann man – kann man auch nicht – soll man – weiss man nicht – sinnvoll ja oder auch nicht – keine Ahnung – bleiben sie zu Hause….schreiben sie dem Kantonsarzt eine eMail. Fazit: Zuständig fühlt sich niemand – es ist zu vermuten, weil niemand die Verantwortung übernehmen will. Übrigens die gleiche Erfahrung, welche meine betagten Eltern vor über einem Monat, in einem anderen Kanton, machen mussten. Hätte mein 96-jähriger Vater (mit Symptomen und Hochrisikopatient) nicht geflucht und getobt im Ärztezentrum, wäre er nicht (übrigens positiv) getestet worden. Selbst dieses Ergebnis ging sowohl Arzt wie Gesundheitsbehörden so ziemlich am A**** vorbei. Es hat schlicht niemanden gekümmert. Meine betagten Eltern blieben allein gelassen – ohne ärztlichen Beistand. Zum Glück blieb es bei leichten Symptomen. Kurz gesagt: Was uns erzählt wird und was in der Praxis abgeht, findet in zwei verschiedene Welten statt. Etwas existiert und existiert doch nicht. Und jetzt soll mir jemand sagen, wie man das Vertrauen in ein solches System nicht verlieren soll. Alle Betroffenen sind ausser frustriert, noch frustriert.

Einfach mal all den gewählten Politikern, Beamten und wer sich auch immer angesprochen fühlt, ins Stammbuch geschrieben: Wundert euch nicht, wenn ihr auch noch den letzten Rest an Vertrauen verliert, wenn ihr abgewählt werdet und wenn sich kein Mensch mehr für eure Verlautbarungen interessiert. Was ihr hier bietet ist schlicht eine SCHANDE! Man könnte es sogar als Arbeitsverweigerung bezeichnen. Langsam verstehe ich sogar die Querdenker und Covidioten. Nicht weil diese Recht hätten – im Gegenteil – sondern wegen ihres Misstrauens. Denn dieses ist mehr als berechtigt. Nicht weil es eine Verschwörung gibt, das Virus angeblich nicht existiert oder die verhängten Massnahmen überflüssig wären, sondern weil zuwenig gemacht und zu spät gehandelt wird! Wenn man seine Legitimität dermassen verspielt, muss man sich um den Schaden nicht wundern. Und dieser ist bereits in grossem Umfang angerichtet. Wenn sich nur noch 50% der Bevölkerung gegen dieses Virus impfen lassen will, weil sie weder Pharma, Ärtzen noch der Politik vertraut, haben wir alle ein Problem. Freuen tut sich einzig der stille Profiteur im Verborgenen – das Virus.

Das Tragische: Statt die Erfahrungen in immer wirksamere Massnahmen umzusetzen, wird die Situation von Woche zu Woche schlimmer und die Sorgenfalten des Gesundheitsministers tiefer. La situation est grave! Offensichtlich ist dieser aber entweder Gefangener einer geheimen Lobby – wer weiss es schon – der bürgerlichen Konkordanz oder der Kantone, denn wie anders lässt sich sonst erklären, dass ausser: „Wir sind besorgt, wir beobachten und schauen dann nächste Woche„, seit 2 Monaten kaum mehr Substanzielles aus seinem Munde kommt? Und wenn was kommt, ist es bestenfalls Kosmetik. Effekt: Alle sind verärgert und die Spitäler füllen sich. Ist er nun Gesundheitsminister – und damit per Definition und Jobdescription, für unsere Gesundheit zuständig – oder trägt er diesen Titel nur zum Schein? Konsequenterweise müsste er zurücktreten, wenn er seinen Auftrag nicht mehr erfüllen kann. Ist er eventuell sogar „Schrödingers Katze“? Gibt es ihn oder gibt es ihn doch nicht? Das gleiche gilt auch für zahlreiche kantonalen Gesundheitsdirektoren, die sich bestenfalls dann bewegen, wenn ihnen der Gewerbeverband grünes Licht gibt (sinngemässes Zitat des unsrigen: …in enger Güterabwägung mit dem Gewerbeverband…). Die Vermeidung von Kosten zu Lasten der Staatskasse hat unter allen Umständen Priorität, ist die nicht erklärte, aber praktizierte Leitlinie – anders lässt ich diese Politik nicht interpretieren. Überhaupt stellt sich die Frage, weshalb man den Kantonen die Verantwortung übertrug. Wahrnehmen tut sie die wenigsten. Auch sie warten lieber ab.

Was auffält sind die Brüche, welche diese Krise offenbart. Man wähnt sich im falschen Film und reibt sich die Augen. Da lassen die selbsternannten (und bisher anerkannten) „Wirtschaftsvertreter“ (von $VP bis GLP) ihre Kundschaft (speziell die KMU) im Regen stehen, während sich die angeblich wirtschaftsfeindliche SP und die Grünen mit Vehemenz für deren Rettung und Unterstützung einsetzen (Erlass der Geschäftsmieten, Unterstützungsprogramm etc.) – werden aber regelmässig überstimmt. Auch die Brüche zwischen Bundesrat und den Kantonen wirft ein fahles Licht auf unseren hochgelobten Föderalismus – ein Schönwetterkonzept, welches in der Krise schlicht versagt. Und zu guter Letzt, die Konkordanz im Bundesrat, die immer mehr Risse offenbart. Die Kakaphonie der bürgerlichen Parteien muss nicht einmal mehr speziell erwähnt werden – sie ist einfach nur noch peinlich. Die Nachwirkungen dieser Krise dürften tiefgreifender sein, als bisher geahnt. Der Vertrauensverlust ist das eine, das Versagen des Systems und seiner Institutionen das andere. Der Schaden ist auf jeden Fall angerichtet – aber vielleicht – so ist zu hoffen – ist es auch eine Chance.

Weihnachten steht vor Tür. Wie jedes Jahr überladen mit Erwartungen und Sentimentalitäten. Diesmal aber nicht unter dem Stern von Bethlehem, sondern unter Corona. Distanz ersetzt Nähe, Angst und Vorsicht die Freude. Selbst die Hoffnung auf eine baldige Impfung ist angesichts der verbreiteten Impfskepsis getrübt. Die „Katze“ schlägt auch hier unbarmherzig zu: Es gibt eine Impfung, deren Zulassung steht noch aus, deren Wirkung steht noch in den Sternen, wann wer geimpft werden soll ebenfalls und wenn es soweit ist, verweigert die Hälfte den Pieks – das Virus freut‘s. Wir haben also eine Impfung und doch keine – eine Pandemie und doch keine, Massnahmen und doch keine und Weihnachten und doch keine. Willkommen in Schrödingers Welt.

04.12.2020: Advent, Advent der …

Christbaum brennt – heisst es in einem doppeldeutig gemeinten Reim. Ist es das Leuchten der Lichter in der dunklen Jahreszeit oder aber die sich anbahnende Katastrophe, die uns bewegen? Es ist Anfang Dezember und die Lichterketten an Häusern, in Gärten und den Strassen strahlen um die Wette. So weit also, alles wie gehabt – das Jahr neigt sich dem Ende zu, die Kinder freuen sich auf die Geschenke, die Geschäfte auf Umsatz und die Skigebiete auf Gäste. Doch der Schein trügt – wir schreiben 2020 und es ist alles anders. Wirklich alles?

Gerade macht die Schweiz im Ausland eine ziemlich miese Falle. Das ZDF berichtet davon in ihrem Auslandjournal und reibt sich verwundert die Augen. Und im Tagesanzeiger schreibt ein Deutscher enttäuscht, von der Schweiz als Drittweltland, dass Profit über Menschenleben stellt. Die halbherzigen Massnahmen, trotz rekordhoher Toten und Infizierten, und das offensichtliche Primat der Wirtschaft vor Menschenleben, irritiert zutiefst. Die Schweiz – einst leuchtendes Vorbild und Hort von Freiheit, Stabilität und Demokratie (Selbstwahrnehmung) verspielt gerade ihr grösstes Kapital – ihren guten Ruf. Unter dem Lichterglanz erscheint die dunkle Seite eines privilegierten, verwöhnten und egoistischen Landes, welches an ihrem Sonderfall mit Zähnen und Klauen festhält – egal was es den einfachen Bürger kostet.

5000 Tote, volle Spitäler, überlastetes Gesundheitspersonal – egal. Ein Gejammer und Gemotze wenn nur schon Einschränkungen diskutiert werden – was kümmern uns die Alten? Die $VP probt den Aufstand gegen die Forderung der Nachbarländer die Skibetriebe erst im Januar zu öffnen, während sie die eigenen Restaurants im Regen stehen lässt – der teilweise Erlass der Geschäftsmieten wurde vom Parlament eben gebodigt. KMU sind nur dann von Interesse, wenn man sie gegen Menschenrechtsverletzungen und Umweltsünden der Grosskonzerne im Ausland missbrauchen kann (Konzernverantwortungs-Initiative). Wahrlich – nicht nur das Wetter ist grau und trübe – auch meine und die Stimmung im Lande. Selbst die unzähligen Girlanden und Glühbirnen leuchten vergebens gegen diese Dunkelheit an.

Male ich wieder einmal zu schwarz? Bin auch ich ein Opfer des weitverbreiteten Pandemietrübsinns? Ist es am Ende nur der Nebel? Ober bin ich einfach frustriert über die verlorene Abstimmung, in die so viele engagierte Schweizerinnen und Schweizer Hoffnungen gesetzt haben. Die Hoffnung, dass Anstand, Moral und Verantwortung endlich über die Profitgier siegt. Ja – ich bin frustriert, wenn auch nicht überrascht. Denn, was sowohl unsere Pandemie-Politik, wie das Abstimmungsresultat zeigen, hat schon Berthold Brecht vor 80 Jahren gewusst: „Das Fressen kommt vor der Moral„. Ein Prinzip, dass wir in der Schweiz zur Perfektion getrieben haben. Nicht erst seit heute. Wer den kürzlich ausgestrahlten Film „Frieden„, im Schweizer Fernsehen, gesehen hat, weiss wie es um die „Moral“ der politischen und wirtschaftlichen Schweiz bestellt war und (immer noch) ist. Brutal gesagt: Inexistent!

Während wir also unseren letzten Kredit im nahen Ausland verspielen und sogar das WEF, wegen unseres Corona-Sonderzugs, nach Singapur auswandern will, jammern die Lobbyisten aller Branchen über ihren nahenden Untergang und das Parlament übt sich in unterlassener Hilfeleistung (kein Mieterlass, Bürokratie statt Hilfe, der Kanton Zürich zahlt frühestens im März – die Liste der Versäumnisse ist unendlich lang). Man fragt sich unweigerlich: Für wen wird hier gesorgt? Welche Interessen werden hier bedient? Was reitet unsere Wirtschafts- und Politelite? Ist es Unvernuft, Unwissen, Unwillen oder einfach nur Bosheit? Ich weiss es nicht – vermutlich ist es einfach „Ideologie“, also ein unverrückbares Weltbild, dem man stur folgt. Auf jeden Fall verspielen sie alle gerade ihren letzten Kredit – nicht nur bei mir, bei vielen.

Was ich auf jeden Fall konstatiere: Was in ruhigen, normalen Zeiten als Erfolgsmodel gilt (das föderalistische System, die Kompromissfähigkeit und die direkte Demokratie), versagt in der Krise grandios. Im In-, wie im Ausland. Der Reputationsschaden ist kaum zu beziffern und die Legitimation nimmt immensen Schaden. Nicht nur wegen der Gleichgültigkeit gegenüber den täglich 100 Toten – das Hängenlassen ganzer Branchen wird sich noch auf Jahre hinaus auswirken. Die Pleitewelle zeichnet sich am Horizont bereits ab. Und um der Verlogenheit noch die Corona aufzusetzen, verweigern die Bürgerlichen nicht nur eine angemessene Unterstützung, sie protestieren auch gegen längst fällige Massnahmen (Restaurants, Schulen, Läden schliessen z. B.) um Tote und Infektionen auf ein erträgliches Mass zu senken und jammern gleichzeitig, wenn sich das Ausland abwendet und über Grenzschliessungen nachdenkt. Mehr Schizophrenie ist kaum mehr möglich.

In 3 Wochen ist also Weihnachten und in 4 rückt der Zähler um eine Eins vor. Wer freut sich nicht darüber, dieses Kriesenjahr endlich abhaken zu können. Allerdings sind wir drauf und dran mit einer dritten Welle ins neue Jahr zu starten – zwei sind wohl nicht genug. Ja, wir „können Corona“ *ironieoff. Eine Impfung ist bis dahin noch in weiter Ferne. Denn während die Nachbarländer Impfzentren aufbauen, schauen und warten wir zu. Immerhin das beherrschen wir in absoluter Vollendung.

Um aber doch noch einen versöhnlichen Schluss zu finden, sei an dieser Stelle erwähnt, dass sich die grosse Mehrheit der Krise bewusst ist und sich „eigenverantwortlich“ zurück hält. Die wenigen Querköpfe sind Quantité négligable, welche wir gestrost ignorieren können. Ohne die Vernunft der Mehrheit wären wir nicht nur knietief, sondern bis Unterkannt Oberlippe im Seich. Wer an dieser Mehrheit vorbei-politisiert muss sich dann über zukünftige Wahlergebnisse einfach nicht wundern – vorausgesetzt, das Gedächtnis leidet nicht unter Langzeit-Covid.

27.11.2020: Black Friday

Kaum ist der Verpackungsmüll des Singles Day (11.11.) entsorgt, rollt der Black Friday – oder gleich eine ganze schwarze Woche auf uns zu. Da das Christmas-Shopping in New York dieses Jahr pandemiebedingt ausfallen muss, konzentriert sich das Weihnachtsgeschäft dieses Jahr wohl auf das Online-Shopping. Zumindest in jenen Ländern, wo die Geschäfte wegen des Lockdowns geschlossen sind. In Frankreich ruft deswegen sogar die Politik zum Boykott von Amazon – dem grössten Profiteur der gegenwärtigen Krise – auf. Hierzulande natürlich auch, wobei auch die Einkaufszentren und Warenhäuser zur Konsum- und Rabattschlacht rufen. Wer dieser Tage ein solches besucht, weiss was ich meine.

Nichts neues also. Der Konsumrausch vor Weihnachten wird ja schon seit Jahrzehnten mit Glitzer, Glamour und bunten Faltprospekten angekurbelt. Mit Erfolg – die Umsätze steigen Jahr für Jahr und dies obwohl diese Konsumorgie mindestens ebenso lange in der Kritik steht – erfolglos. An Weihnachten verhallen Warn- und Mahnrufe offensichtlich ungehört. In Zeiten des Online-Handels umso mehr – die 85 Milliarden Vermögenszuwachs des Amazon-Besitzers Jeff Bezos (allein in diesem Jahr), liefern dafür einen eindrücklichen Beleg. Doch – was ist den eigentlich so verwerflich an dieser Schnäppchenjagd, dem Online-Shopping oder Black Friday? Vor allem – wieso sollten wir uns schlecht fühlen, wenn wir uns über ein günstiges Schnäppchen freuen?

Müssen wir natürlich nicht. Wer freut sich nicht über ein günstiges Schnäppchen, vor allem dann nicht, wenn er/sie sich dieses mit seinem Lohn, sonst nicht leisten könnte oder nur auf Kredit. Im Idealfall natürlich doppelt gemoppelt – noch mehr Schnäppchen gibt es natürlich auf Kredit. Wer die Angebote zum Black Friday studiert, bekommt auch gleich die „Finanzierung“ mitgeliefert. Kauf jetzt – bezahle später (in bequemen Raten). Ein Idiot wer da nicht zugreift. (wer erinnert sich nicht an die unsägliche Media-Markt Werbung „Ich bin doch nicht blöd?“). Heute braucht es diese Slogans nicht mehr – die „Geiz ist geil Mentalität“ ist zwischenzeitlich Teil unserer DNA. Nur Blöde kaufen zu teuer. Die Online-Riesen Amazon und Alibaba haben sie sogar zum Geschäftsmodell gemacht. Ihr Weihnachten feiern diese nicht nur an Black Friday, sie feiern diese 365 Tage im Jahr – insbesondere in Zeiten von Lockdown und Pandemie. Soll man sich deshalb daran stören oder gar mit-boykottieren? Soll man sich in Verzicht üben? Nur noch die lokalen Kleinstprozenten aus der Region berücksichtigen? Ausschlieslich Qualitätsprodukte vertrauenswürdiger Hersteller kaufen? Wo liegt den eigentlich das Problem – falls es überhaupt eines ist?

Nein – es ist nicht ein Problem, es ist DAS Problem schlechthin. Und nein – es ist nicht das Problem des sparsamen Konsumenten, der sich mit günstigen Produkten eindecken will – es ist weil unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem nur durch ewiges Wachstum am Leben erhalten werden kann. „Ewiges Wachstum“ in einem endlichen System, ist wie unaufhörlich Luft in einen Ballon zu pumpen – irgendwann platzt er. Denn es gilt: Je mehr von allem, desto mehr Jobs, mehr Umsatz, Gewinn, Steuern usw. Ohne „mehr“ droht der Kollaps. So gesehen, folgen wir nur der Logik des Systems. Also alles in bester Ordnung?

John Maynard Keynes, der wohl bedeutenste Oekonom des 20igsten Jahrhundert (1883-1946) progonostizierte bereits in den 30iger Jahren eine 15-Stunden Arbeitswoche, da er davon ausging, dass der technologische Fortschritt viel menschliche Arbeit überflüssig machen würde. Der (technologische) Fortschritt fand unbestrittenermassen statt – sogar schneller und umfassender als je geahnt. Aber weshalb arbeiten wir dann immer noch 40 und mehr Stunden in der Woche? Und weshalb sah er die gegenwärtige Entwicklung nicht voraus?

Dazu drei (mögliche) Antworten.

Früher (also noch bis vor ca. 75 Jahren) produzierten wir vorwiegend Produkte die wir wirklich brauchten. Also Möbel (die ein Leben lang benutzt wurden z.B.), Lebensmittel die wir täglich brauchen oder Geräte, die wir täglich nutzten (Sensen, Sägen, Körbe etc.). Die Produkte waren wertvoll und teuer – man hielt ihnen entsprechend Sorge und reparierte sie, wenn sie kaputt gingen. Mit der industriellen Massenproduktion änderte sich dies nachhaltig. Es wurde, trotz Bevölkerungswachstum, immer mehr und mehr produziert, als wir zum Leben wirklich brauchten. So entstand die Konsumgesellschaft, das „Marketing“ (Bedarf ankurbeln) und die Müllberge. D.h heisst: Die Produkte sind billig, von mässiger Qualität (das Kaputtgehen ist sozusagen eingebaut) und der Lebensszyklus wird (künstlich) verkürzt – schon nach wenigen Jahren ist es überholt und man erhält kaum mehr Ersatzteile oder es lässt sich überhaupt nicht mehr reparieren. Die Müllberge wachsen und die Umwelt (also wir!) leidet.

Wo bis vor wenigen Jahrzehnten in grossen Fabriken eifrig produziert wurde, werden diese Fabrikhallen heute als Einkaufszentren, Eventhallen, sowie Freizeit und Sport genutzt (man denke nur an Sulzer in Winterthur). Die Waren welche wir kaufen, werden längsten in Asien produziert. Kleider in Bangladesh, Schuhe in Kambodia, Handys in China usw. Die Rohstoffe liefert Afrika und wir kaufen billig ein. Am günstigsten bei den grossen Online-Händlern wie Amazon oder Alibaba natürlich. Der Black Friday (der nicht ohne Grund von diesen Firmen nach Europa gebracht wurde), dient im Prinzip nur dem Abverkauf der weltweiten Überproduktion. Wir kaufen, weil es ein Schnäppchen ist, freuen uns und die Müllberge wachsen weiter.

Wir sind also in einer doppelten Abhängigkeit, aus der es kaum ein Entrinnen gibt. Ewiges Wachstum, weil sonst das ganze System kippt und die Abhängigkeit von ausländischen Zulieferern und günstigen Transporten – also billigem Erdöl. Das Klima dankt.

Sind wir also alle schuldig, wenn wir auf Schnäppchenjagd gehen?

Schuldgefühle kann man dann haben, wenn man etwas mit-verantwortet und es besser machen könnte. Aber haben wir wirklich Einfluss auf die weltweite Produktionsweise und den Vertrieb? Haben wir natülich nicht. Das liegt ausschliesslich in den Händen jener, die diese Woche einmal mehr gefeiert werden (die 300 Reichsten….) – anders gesagt, bei jenen, die das Geld haben und bestimmen wo sie am (billigesten) produzieren lassen. Und vergessen wir nicht: Für viele sind die sog. Schnäppchen auch überlebensnotwendig. Fehlt ein gutes und gesichertes Einkommen (und in der Pandemie wird der Graben zwischen Arm und Reich noch tiefer), ist günstig Einkaufen eine Überlebensstrategie. Moral kann sich (leider) nur leisten, wer das Geld dazu hat. Dummerweise fehlt diese oft aber gerade bei jenen, die am meisten davon haben. Der schmutzige Abstimmungskampf der Gegener der Konzernverantwortungsinitiative lassen nur diesen Schluss zu.

Bleibt die Erkenntnis: Es ist verzwickt und wir sollten uns vor vorschnellen Urteilen hüten. Es bleibt aber auch die Erkenntnis, das wir etwas daran ändern müssen – sonst platzt der Ballon, auf dem wir sitzen. Über das was und wie, können und dürfen wir streiten – das ob und wann ist keine Option mehr – dieser Zug ist abgefahren. Pandemie und Klimakrise sollten uns Warnung sein. Machen wir also Druck auf all jene, die etwas zu bewegen haben . Die Reichen, die Politik und die Konzerne. Immerhin haben wir hier in der Schweiz noch die Möglichkeit dazu. Nutzen wir sie!

20.11.2020: Rückwärts im Vorwärtsgang

Es gibt Dinge, die werde ich wohl nie ganz verstehen – auch wenn ich mir noch so viel Mühe gebe. Da lese ich zum Beispiel in watson, dass in Amerika Coronaleugner selbst auf dem Sterbebett und nach Atem ringend, Covid leugnen und meinen sie stürben an Lungenkrebs. Bis in den Tod gilt: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Das gleiche Verhalten wie Trump, der immer noch einen Erdrutschsieg für sich reklamiert, obwohl sämtliche Resultate das Gegenteil beweisen. Diese krassen Beispiele stehen stellvertretend für ein Verhalten, welche ich schon seit längerem beobachte. Die (fast) vollständige Negation der Realität und das Festhalten an einmal gewonnen Überzeugungen. Die Lüge besiegt die Wahrheit. Ein Thema, was mich seit meiner NLP-Ausbildung vor 14 Jahren begleitet. Dort spricht man sinnigerweise von Glaubenssätzen. Damals dachte ich noch, mit der „richtigen“ Methode liessen sich diese ändern, in der Zwischenzeit habe ich meine Zweifel. Zumindest nicht, wenn es um grundlegende Überzeugungen geht. Wenn es 250 Jahre Aufklärung nicht geschafft haben, der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen, wie soll es da etwas gutes Zureden und ein bisschen Psychologie? Das Problem liegt offensichtlich tiefer. Aber wo?

Liegt vielleicht ein Konstruktionsfehler vor, für den wir gar nichts können? Welcher Mechanismus verhindert, dass so viele Menschen lieber irgendwelchen wohlklingenden Geschichten glauben, als die offensichtlichen Tatsachen zu akzeptieren? Wieso lassen sich Millionen von Lügengeschichten und leeren Versprechungen täuschen? Was bringt Menschen dazu gegen ihre eigenen Interessen zu handeln? Sind es einfach Ängste, wie viele behaupten oder steckt doch mehr hinter diesem irrationalen Verhalten?

Wären es nur Ängste, müsste sich das Verhalten mit ihrem Verschwinden ändern. Was es aber oft nicht tut. Wer Angst vor Spinnen hat, verliert diese selbst dann nicht, wenn man diese auf der Hand rumkrabbeln lässt, ohne dass diese beisst. Und eher gibt man „dem“ Ausländer die Schuld für die Kündigung, als dem raffgierigen Chef, der seine Produktion ins Ausland verlagert. Ja selbst billig gemachte YouTube-Videos geniessen bei Vielen mehr Vertrauen, als Professoren mit langjährigem Studium – solange sie das eigene Weltbild bestätigen. Womit wir uns des Pudels Kern nähern. Wir sehen was wir sehen möchten und glauben was wir glauben wollen.

Ist uns also die eigene Komfortzone, also das wohlige Gefühl im selbst gemachten Nest, wichtiger als nackte Tatsachen? Ganz offensichtlich. Doch welchen Nutzen und Vorteil haben wir dadurch? Ist es, weil es bequem ist, weil ausgetretene Pfade einfacher zu gehen sind oder es uns einfach an Fantasie mangelt? Der Fantasie, wie es anders sein könnte. Doch bleiben wir vorerst bei der oft zitierten Komfortzone, die zu verlassen so mancher Coach, Berater oder Psychologe rät. Nicht zu vergessen die Einpeitscher der Effizienz und Effektivität in den Teppichetagen. Dort heisst es: Arsch hoch, Finger aus dem A***, vorwärts zu neuen Höhenflügen. Und jede/r weiss instinktiv, was das heisst – Anstrengung, Unsicherheit, Schweiss und Tränen. Da lockt die eigene Komfortzone mit Fanfaren und Wimpeln. Wer sich angegriffen fühlt, sucht Schutz – soweit normal. Also den Rückwärtsgang einlegen und bekannten Mustern folgen – ein Hoch dem Altbekannten und Bewährten. Wenn es uns hierher gebracht hat, warum nicht auch weiter?

Womit wir beim nächsten Punkt – der fehlenden Fantasie wären. Nicht jene, von einem Haus am See oder Ferien im Südseeparadies zu träumen. Auch nicht jene, sich den neuen Tisch im Wohnzimmer oder das neue Haus auf der grünen Wiese, mit dem neuen BMW davor, vorzustellt. Diese entspringen fast ausschliesslich einem Mangel, den wir beheben möchten. Ob einem echten oder eingebildeten, ist dabei egal. Was zählt ist einzig die Hoffnung, dass uns die Beseitigung dessen, glücklicher oder zufriedener macht. Also füttern wir unsere Komfortzone. Ärger, Stress und Kummer bereitet uns alles, was diese stört. Und so schauen wir fast immer nur auf dass, was uns (vermeintlich) fehlt. Und selbst dann, wenn wir schon hundert mal enttäuscht wurden und eigentlich wissen müssten, dass das immer Gleiche zu immer gleichen Resultaten führt, halten wir daran fest. Fast immer. Was uns fehlt, ist die Fantasie, uns vorzustellen, wie es anders, ausserhalb der bekannten Komfortzone, sein könnte. Also machen wir weiter.

Ich lese dieser Tage oft, uns (damit sind „wir“ als Gesellschaft gemeint) würden Visionen fehlen. Wir wüssten zwar, was schlecht ist, nicht aber wie es anders sein könnte. Oder aber das Andere macht so viel Angst, dass wir den Schritt dahin nicht einmal wagen. Umso leichter fällt es jenen, die Pläne haben (in der Regel eigene, egoistische) uns dafür einzuspannen. Dazu braucht es nur zwei Dinge: Angst (du könntest etwas verlieren) und die Aussicht, dass alles so wird, wie es war. Vorwärts im Rückwärtsgang. Wo es an eigenen Plänen fehlt, es an Fantasie mangelt und Visionen mit George Orwell oder Dantes Hölle (wahlweise: Anarchie, Kommunismus, Gewalt und Niedergang) gleichgesetzt werden, hat es der Fortschritt schwer. Natürlich nicht jener, den wir täglich in Form neuer technischer Spielzeuge, dem Verschwinden lieb gewonnener Einrichtungen (Läden, Arztpraxen, Poststellen etc.) oder den digitalen Errungenschaften (Online-Shopping, Soziale Medien, Gaming etc,) erfahren. Hinter diesen steckt die Fantasie und Macht des Geldes. Dieses ist die wahre Kraft, welche uns aus unseren Komfortzonen holt. Nicht umsonst wird Macht mit Geld gleichgesetzt. Und ebenso wundert es nicht, dass viele gegenüber Veränderungen skeptisch sind und sich in rückwärtsgewandte Fantasiewelten flüchten. Oder anders gesagt: Solange wir die Gestaltung unseres Lebens dem Geld (aka Profitgier) überlassen, ist die Flucht in eine verklärte Vergangenheit attraktiv.

Dummerweise ist vorwärts fahren mit Blick in den Rückspiegel, kein Rezept auf lange Zeit. Und je kurviger die Strecke, desto wahrscheinlicher der baldige Crash. Wie anders lässt sich sonst ein Wahlresultat wie in den USA erklären, wo 50% einen offensichtlich Irren wählen, weil er ihnen den Himmel auf Erden verspricht und die Hölle liefert? Woran könnte es sonst liegen, dass fast überall auf der Welt, Despoten, Lügner und Kriminelle an die Macht drängen? Immer mit dem Versprechen, dass alles wird, wie es war – nur schöner. Dabei brauchen wir nicht einmal über die Grenze zu schauen. Vorwärts im Rückwärtsgang beherrscht unsere $VP schon seit 30 Jahren – nur besser.

Aber warum? Warum ist der Blick in den Rückspiegel so viel attraktiver als ein Blick vorwärts? Was machen diese Heilsversprecher besser als jene die vorwärts schauen und vor den Gefahren warnen? Die Antwort liegt auf der Hand. Sie bedienen unsere Komfortzone, während die lästigen Warner, Veränderungen einfordern. Im schimmsten Fall gar Verbote verlangen, uns aus der Komfortzone bugsieren und uns ein schlechtes Gewissen bereiten. Das ist anstrengend, kostspielig und stört unseren Tagesablauf. Derweilen gestalten die Macher mit den angehäuften Profiten die Welt nach ihren Plänen. Fantasien unerwünscht. Was bleibt ist der Blick in den Rückspiegel. Dort finden wir ein vertrautes Bild – bis zum Crash! Und sollten es doch mal neue Ideen in die Öffentlichkeit schaffen – wie z.B. ein Bedingungsloses Grundeinkommen, eine Finanztransaktionssteuer oder die Abschaffung der Armee – wird die Angst so lange geschürt, bis wir den Rückwärtsgang einlegen. Die aktuell anstehende Konzernverwantwortungsinitiative zeigt wie es geht. Über die ABgründe, welche sich hinter diesen Konzernen verbergen (Kinderarbeit, Umweltzerstörung, miserable Löhne etc.) wird nicht gesprochen – der Blick in den Rückspiegel zeigt das Bild blühender Landschaften und gut bezahlter Jobs.