02.07.2020: Rund um den Irchel

Heute mache ich einen Ausflug in die Familiengeschichte und wie das 20igste Jahrhundert in diese hineinwirkt. Bis am letzten Sonntag war mir kaum bewusst, wie einschneidend die Weltgeschichte, bis hinein in die eigene Familie und ins persönliche Leben hineinspielt. Bis meine Eltern erzählten. Mach mit bei einem Ausflug ins 20igste Jahrhundert und in eine Familie, wie sie es wohl zu Tausenden gibt. Das Leben rund um den Irchel lütet den Schleier der Vergangenheit.

Blick vom Irchelturm

Heute verklemme ich mir für einmal Tagesaktualitäten, auch wenn es davon mehr als genug gäbe. Über Maskenphobiker, Superspreader, Clubbesucher und 2. Welle wird aber zur Zeit so viel geschrieben, dass ich für einmal besser schweige. Mein Sarkasmus änderte auch nichts daran.

Letzten Sonntag hatten wir meine betagten Eltern zu Besuch und viel Zeit und Musse über ihr Leben und unsere Familiengeschichte zu plaudern. Etwas, was bisher eher zu kurz kam. Warum sich unsere Elterngeneration eher bedeckt hält, was ihre Vergangenheit betrifft, ist mir – vor allem hier in der Schweiz, ohne Nazigräuel und Bombennächte – schleierhaft. Umso neugieriger bin ich, wenn sich der Schleier über der Vergangenheit etwas lüftet. Wir sind schliesslich Teil davon und diese prägt uns mehr, als uns wahrscheinlich bewusst ist. Hier also ein paar Erinnerungen „Rund um den Irchel“ – von dort, wo unsere Familie herkommt.

Der Irchel – ein bewaldeter Höhenzug zwischen Winterthur und Rhein, die südliche Grenze des Zürcher Weinlands, zwischen Töss- und Thurmündung, ist quasi die Pampa des Kantons Zürich. Ländlich, idyllisch, ruhig und auch heute noch zu 90% landwirtschaftlich geprägt. Sozusagen der Gegenentwurf zu Zürich. Rund um diesen weithin sichtbaren Höhenzug, hat meine Familie ihre Wurzeln. Selbstredend, dass alle mit der Landwirtschaft verbunden sind oder waren. Von ihnen – von den Urgrosseltern bis heute – handelt dieser Blog. Es ist nicht nur ein Blick in eine Familie, es ist vor allem einer in die Geschichte. Der Geschichte des 20igsten Jahrhunderts.

Neu und überraschend für mich war, dass zwei meiner Ur-Grossonkel (Brüder meiner Urgrossmutter mütterlicherseits) in den 90iger Jahren des 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert sind – so wie 300‘000 andere Schweizer zwischen 1870 und 1914. Mitten in der industriellen Revolution, gab es einfach kein Auskommen mehr für die wachsende Bevölkerung. So schrumpfte z. B. in Buchberg – dem Heimatort meiner Vorfahren – die Bevölkerung zwischen 1850 und 1920 um mehr als die Hälfte. Die Armut war ein ständiger Gast – und so blieb als Ausweg oft nur noch das Schiff über den Atlantik. Leider ging der Kontakt zu den beiden Auswanderern schon mit dem Tod meiner Urgrossmutter, 1947 verloren – und seitdem warten wir vergeblich auf den reichen Onkel aus Amerika. Vielleicht hilft uns aber dieses Wissen zu verstehen, warum heute Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Armut und die Hoffnung auf ein besseres Leben, ist und war zu allen Zeiten ein Grund das Weite zu suchen.

Die Urgrosseltern vaterseits hatten nicht weniger als 11 Kinder. Mit den wenigen Reben und den kleinen Äckern und Wiesen kannten auch sie „Reichtum“ nur vom Hörensagen. So blieben meinem Grossvater nur noch zwei kleine Rebberge und ein paar Äcker. Seine Familie mit drei Kindern, ernärte er als Störmetzger in den umliegenden Gemeinden. Immerhin garantierte dass der ganzen Familie, auch in Krisenzeiten, viel Fleisch auf dem Teller. Mit Jahrgang 1891 trafen ihn die Wirren das 20igste Jahrhundert mit voller Wucht. Kaum aus der Rekrutenschule brach 1914 der 1. Weltkrieg aus und er musste für 4 Jahre an die Grenze. 1918 wurde er sogar nach Zürich, zur Niederschlagung des landesweiten Generalstreiks, beordert. Bauern gegen Arbeiter – eine Erinnerung, die ihn Zeit seines Lebens plagte. Und weil er den „falschen“ Jahrgang hatte, traf es ihn auch im 2ten Weltkrieg. Statt Familie hiess es wieder Militär – diesmal für 5 Jahre. Seinen Lebensmut verlor er aber nie. Ich erinnere mich gerne an seine Geschichten, die er uns beim Runkelrüben putzen erzählte und noch mehr an seine legendären Blutwürste. Im Dorf war er nicht umsonst als „Pfefferschaggi“ (er heiss Jakob) bekannt. Die Liebe zum Pfeffer habe ich wohl von ihm geerbt.

Zu Höherem berufen war einzig mein Urgrossvater mütterlicherseits. Er war Staaatsförster auf dem Irchel und bewohnte mit seiner Familie einen einsamen, in einer Waldlichtung gelegenen Hof am Irchelsüdhang. Müsste man sich einen Ort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen ausdenken, man würde diesen Talhof im Junkerental (er)finden. Drei Seiten Wald und vor dem Haus eine Wiese mit grasenden Rehen. Leider meinte es das Schicksal mit dem Talhof nicht so gut. Sohn wie Enkel begingen beide, in der Blüte des Lebens, Selbstmord. Einer der Enkel landete in der Fremdenlegion und letztendlich als Alkoholiker unter der Brücke. Eine Enkelin verbrachte ihr Leben in der Psychiatrie. Verstreut in der Nordwestschweiz lebt noch rund ein Dutzend Nachkommen, von denen niemand genaueres weiss – es gibt weder Namen noch Adressen.. Eine seiner Töchter (meine Grossmutter) schaffte es auf die andere Irchelseite, wo sie unter ihrem Stand (wie sie selber meinte), einen Kleinbauern in Gräslikon heiratete. Obwohl ständig am Rande des Existenzminimus, wollte sie nie auf eine Magd verzichten. Als Staatsförsterstochter stand ihr das (angeblich) zu. Otto – ihr Mann – sparte sich das Geld vom Mund ab.

Auch ihn (mein Grossvater mütterlicherseits also) ereilte das Schicksal des 20igsten Jahrhunderts. Mit Jahrgang 1893 durfte er nach der Rekrutenschule gleich bis 1918 im Militärdienst bleiben. Da er vor meiner Geburt verstarb, beschränkt sich meine Erinnerung an ihn auf ein Foto in der Stube meiner Grossmutter. Stolz, in der Uniform der Schweizer Armee, mit Schweizerkreuz und Eichenlaub umkranzt, zur Erinnerung an die Grenzwache zwischen 1914 und 18. Im 2ten Weltkrieg stand er dann nochmals 5 Jahre an der Rheinbrücke in Rheinau und musst seinen Hof Frau, Kindern und Landverschickten überlassen. Angeblich traf ihn sein Lebensmotto: „Wer auf den Scheisshafen geboren wird, bleibt ein Leben lang darauf sitzen“ in besonderem Masse.. Zwei Weltkriege, die Spanische Grippe überlebt und kaum war der Krieg zu Ende, erkrankte er und starb noch vor dem sechzigsten Altersjahr, an Nierenversagen. Diese kollabierte unter den Bergen von R12-Schmerztabletten, die er gegen die Höllenschmerzen seiner Hüftarthrose schluckte. Heute eine Standardoperation mit künstlichem Gelenk – damals ein Schicksal mit unerträglichen Schmerzen.

Mit Ausnahme meiner Eltern fand in der nächsten Generation niemand mehr ein Auskommen in der Landwirtschaft. Dazu waren die zu erbenden Flächen zu klein und die Mechanisierung zu fortgeschritten. Die Familientradition fortgesetzt haben nur ein Onkel,, der wie mein Ur-Grossvater, Förster wurde und eben mein Vater, der den Hof in Gräslikon übernahm. Alle andern verheirateten sich in alle Winde. Aus ihnen wurden Unternehmersgattinen, Hausfrauen, Verkäuferinnen und Fabrikarbeiterinnen.

Exemplarisch für ein Frauenschicksal dieser Generation ist auch der Lebenslauf meiner Mutter. Für Mädchen war damals eine Berufslehre nicht vorgesehen – diese blieb dem männlichen Nachwuchs vorbehalten – und so musste sie schon mit 16 „dienen“, wie es damals hiess. D.h. als Dienstmädchen zu Familen Kinder hüten und im Haushalt helfen. Erst ins Appenzellerland, dann in eine Metzgerei in Zürich und zuletzt ins Pfarrhaus zu Buchberg, wo sie meinen Vater kennenlernte. Ihr Herzenswunsch – Handarbeitslehrerin – blieb ein Leben lang unerfüllt. Mein Vater war als einziger Sohn zwar für den elterlichen Hof in Buchberg vorgesehen. Dieser war jedoch für die Existenz einer Familie im Vollerwerb zu klein und so arbeitete er als Baumwart bei einer Fabrikantenfamilie in der Nachbarsgemeinde, bis er den Landwirtschaftsbetrieb meiner Mutter übernehmen konnte.

1955 war es soweit und meine Eltern zogen von Buchberg nach Gräslikon. Mit viel Fleiss und dem Direktvertrieb von Beeren, Kischen und Obst, schufen sie zusammen einen bescheidenen Wohlstand für sich und ihre drei Kinder. Diesen können sie auch heute noch, im hohen Alter, im eigenen Häuschen geniessen. Die knapp 6 Hektaren Land haben für unsere Generation für eine Existenz nicht mehr gereicht. Das Land wurde verpachtet. Auf ihm wird jetzt Biogemüse angebaut. Einzig meine Schwester folgt noch einer Familientradition. Sie fährt immer noch mit Beeren, Obst und Gemüse auf den Wochenmarkt nach Winterthur. Ihre Produkte kauft sie zu.

Weltgeschichte wird oft abstrakt begriffen und in der Schule meist auf grosse Männer, herausragende Taten, Kriegsereignisse und Daten reduziert. Weltgeschichte spielt sich aber ganz direkt bei uns selber, mitten in den Familien ab und bestimmt das Schicksal jedes Einzelnen. Wie sehr auch meine eigene Familie, ist mir erst seit letztem Sonntag bewusst. Wie sich aber die heutigen Ereignisse – egal ob die aktuelle Pandemie, die Klimakrise oder die technologische Revolution (Digitalisierung, Gentechnik) usw. – auf unsere Kinder und Enkel auswirken, wissen diese frühestens in 50 Jahren. Sicher ist nur, dass sich der Irchel dann immer noch zwischen Thur und Töss erhebt.

24.06.2020: Weit weg!

Auch bekannt als „Sankt Florians-Prinzip“, ist das Leitmotiv der Stunde. Besser gesagt, es ist bei vielen Verantwortungsträgern ein weit verbreitetes Prinzip. Aber nicht nur dort. Auch wir wünschen uns oft in Ruhe gelassen zu werden und wünschen uns lästige Probleme weit weg. Sei es Corona, die Klimakrise oder den lästigen Chef – es gibt nichts, was wir uns nicht weg wünschen könnten. Solange es andere betrifft (dafür soll eben Sankt Florian sorgen) – nicht mein Problem. Der (fromme) Wunsch ist menschlich und verständlich – leider aber vergebens. Lästige Probleme haben die Eigenschaft uns zu verfolgen. Wenn nicht jetzt, so später. Und gerade dieser Tage scheint es, als würde sich ein ganzer Kübel sorgsam entsorgter Probleme über uns ergiessen. Corona – weit weg – mitnichten, noch nie gab es weltweit mehr Ansteckungen als diese Woche. Klimakrise – weit weg – Greta Thunberg ist verstummt und trotzdem erlebt Sibirien den heissesten Sommer seit Menschengedenken, der den Permafrost tauen lässt. Rassismus – weit weg – Black Lives Matter holt uns auf den Boden der Realität zurück. Und dann gibt es auch noch Firmen, die sich Kunden möglichst weit weg wünschen – eine Geschichte über den Versuch, eFinance der Schweizer Post einzurichten.

Weit weg

Weit weg ist Corona. Irgendwo in einer Fleischfabrik im Norden Deutschlands, im Amazonas bei den Indigenen und den Slums von Lima. Noch viel weiter weg die drohende Klimakatastrophe. Selbst wenn die dürren Fichten mahnend in den Wäldern stehen, so findet diese bestenfalls weit weg, irgendwo hinter dem Ural statt, wo der Permafrost taut und tausende Tonnen Diesel die Taiga vergiften, weil der Boden taut, oder wo wieder einmal halb Sibirien brennt . Weit weg – betrifft uns nicht! Dank Corona ist sogar die „nervige Göre“ aus Schweden verstummt und FridaysForFuture bleibt zu Hause.

Was nicht in den Schlagzeilen steht, findet nicht statt. Weit weg auch Politiker aus nah und fern. Und selbst im Mikrokosmos des drögen Alltags ist die „Weit-weg-Philosophie (auch als Sankt Florians-Prinzip bekannt)“ eine feste Grösse. Wer’s nicht glaubt, der soll doch bitte mal den Kundendienst der Schweizer Post Finance anrufen. Spätestens nach der 7ten Entschuldigung durch den sprechenden Computer, wird er merken, wie weit weg die Post von ihren Kunden ist. Wenn er dann noch e-Banking aktivieren will, hat er diesbezüglich keine Fragen mehr.

Wer wünschte sich nicht auch manchmal „weit weg“ zu sein? Weit weg vom Stress, dem Ärger, der nervigen Arbeit oder dem langweiligen Alltagstrott. Weit weg – in den Ferien, auf einem Kreuzfahrtschiff, einem Sandstrand oder einfach nur zu Hause in den eigenen vier Wänden. Was im privaten Alltag Ausdruck von Überdruss oder (im positiven Sinne) Veränderungswille ist, ist gesellschaftlich ein Gen-Defekt. Wer als Firmenchef, Manager, Politiker oder sonstige/r Verantwortungsträger/in meint, mit verdrängen, verleugnen und „weit wegwünschen“, liessen sich Probleme aus der Welt schaffen, hat in solchen Positionen nichts verloren. Führung und Verantwortung sind nicht umsonst Zwillinge.

Kopfschütteln und Stirnrunzeln bereiteten mir im Moment aber nicht nur die Rekordzahlen neu infizierter Covidfälle (weltweit über 180’000 an einem Tag). Diese können mir persönlich egal sein – sie sind ja „weit weg„. Auch Flüchtlinge in Elendslagern auf griechischen Inseln – „weit weg„. Und was kümmern mich 20’000 Tonnen Diesel in den sibirischen Flüssen und die 6000 Waldbrände hinter dem Ural – „weit weg„, es sind ja nur Schlagzeilen. Kaum gelesen, schon vergessen.

Oft höre ich, ich würde mir zuviel Sorgen machen – weil eben, was kümmert dich das – es ist ja weit weg. Dummerweise ist die Erde rund und alles kommt irgendwann zurück. Sei es das Pestizied auf den Gemüsefeldern ins Trinkwasser, das verfütterte Antibiotika ins Schweinsschnizel auf meinem Teller oder das CO2 in der Luft, als Jahrhundertsommer. Wie alles miteinander verbunden ist, sollte uns eigentlich Corona gezeigt haben. Wir tun gute daran, daraus zu lernen.

Es braucht aber nicht immer Katastrophen und Pandemien um Sankt Florian zu begegenen. Wohin wegschauen und weg wünschen führt, erleben wir auch in den kleinen Dingen des Alltags. Wie eingangs erwähnt, bieten sog. Kundendienste und Digitalangebote von grossen Serviceanbietern (im obigen Beispiel die Schweizer Post Finance) abschreckende Beispiele. Offensichtlich nach dem Motto: „Was kümmern mich meine Kunden, diese sind ja weit weg„, werden Lösungen angepriesen (in obigen Fall eFinance der Post), welche den Durchschnittskunden in den Wahnsinn treiben. Ich behaupte mal von mir selber, ich wäre mit 35 Jahren Erfahrung in der Informatik, kein digitaler Volltrottel – kam mir beim Versuch dies für eine Freundin einzurichten, aber genau so vor! Jeder Versuch ist gescheitert. Erst Fehlermeldungen die einer Verarschung gleichen, (Motto: Du bist ein Depp), Supportseiten die ein ETH-Informatikstudium voraussetzen (ich stelle mir dabei immer ein 0815-Kunde vor) und einen Kundendienst, der genau so viel weiss wie ich – nämlich nichts! Angefangen bei den „Programmierern“, die solche Lösungen bauen (einen Kunden haben diese vermutlich weder je gesehen, noch mit ihm gesprochen), noch den Managern, die sich das lästige Problem „Kunde“ so weit weg wie nur möglich wünschen (man schalte einen sprechenden Computer vor die Kundendienstzentrale und nerve den Kunden mit wiederholten Aufforderungen zu warten). Die Lösung? Man wechselt am besten den Anbieter. Dumm nur, auch diese wünschen sich die Kunden nur herbei, bis sie sein Geld haben – danach aber rasch wieder weit weg!

12.06.2020: QR – Tsunami

Still und leise hat sich ein schwarz gesprenkeltes Quadrat in unseren Alltag geschlichen und droht diesen zu verändern. Mit Panik in den Augen wurde ich diese Woche mehrfach gefragt: Wie mache ich denn in Zukunft die Zahlungen, wenn die im Sommer die Einzahlungsschiene mit diesem QR-Code bringen? Der QR-Code (er wurde übrigens schon 1949, in der Automobilindustrie entwickelt und ab 1994 in der IT verwendet) wird so zum Symbol für Veränderungen, die Angst machen und viele dazu zwingt, liebgewordene Gewohnheiten aufzugeben. (z.B. das gelbe Postbüchlein). Die angedohten Gebüren für „manuelle“ (oder eben analoge) Prozesse drängen die Menschen diese neuen Dienste zu nutzen. Wie Corona dem Online-Shopping wahrscheinlich zum endgültigen Durchbruch verholfen hat, so wird dieser Code wahrscheinlich auch noch die letzten Mohikaner ins Online-Banking und in den bargeldlosen Zahlungsverkehr zwingen. Der heutige Blog handelt von den Veränderungen durch die Digitalisierung und unseren Umgang damit. Der QR-Tsunami steht drohend am Ufer.

QR – Symbol der Digitalisierung

Panik in den Augen. Wie mache ich in Zukunft meine Einzahlungen? Ab diesem Sommer gibt es neue Einzahlungsscheine mit QR-Code! In den Bio-Hofläden soll man mit Twint bezahlen und überhaut: „Ich fühle mich ausgeschlossen, abgehängt und verstehe die Welt nicht mehr“. Diskussionen, die ich dieser Tage mehrere führte. Auch dieses Thema schlummert seit Jahren vor unseren Augen und drängt nun in unser Leben – ob wir das wollen oder nicht. Das Thema nennt sich Digitalisierung.

35 Jahre lang habe ich diese in den Unternehmen vorangetrieben. Nicht als nerdiger Programmierer, sondern meist als „Visionär“, der von den Unternehmensleitungen geholt wurde, wenn sie mit ihrer Zettelwirtschaft den Anschluss verpassten. Und das Resultat war fast immer das Gleiche: Die „Alten“ wehrten sich mit Händen und Füssen gegen Veränderung und blieben dann auf der Strecke und die „Jungen“ waren begeistert, motzten über fehlende Funktionen und tricksten das System aus. Um mich richtig zu verstehen: Unter vielen „Alten“ gab es auch Jüngere – der Umgang mit Veränderungen hat nichts mit dem Jahrgang zu tun.

Das Dumme ist – wir leben in einer Zeit der radikalen Umbrüche, ja sogar der Disruption (Disruption ist ein Prozess, bei dem ein bestehendes Geschäftsmodell oder ein gesamter Markt durch eine stark wachsende Innovation abgelöst beziehungsweise „zerschlagen“ wird.). Noch dümmer – wir haben dazu kaum etwas zu sagen. Die „Visionäre“ hocken weit weg in Kalifornien, im Silicon Valley oder in Zhongguancun (die chinesische Variante) und basteln an unserer Zukunft – ungefragt und meist auch unkontrolliert. Dazu ist anzumerken: Auch die Dampfmaschine, die Eisenbahn und das Auto waren keine demokratischen Projekte – sie wurden, ähnlich wie Apple oder HP – in Hinterhöfen und Garagen entwickelt. Mit den Folgen kämpfen wir heute noch, bzw. je länger je heftiger. Und so wie das Auto und das Flugzeug unsere Städte und Dörfer, unseren Lebensstil und das Klima verändert hat, so tut dies der Digitalisierungs-Tsunami. Der „neue“ Einzahlungsschein mit dem QR-Code ist nur gerade die „Briefmarke“ auf dem Brief, mit dem uns der angekündigt wird.

Viel gravierender und einschneidener als QR-Codes auf Einzahlungsscheinen oder Twint zum bargedlosen zahlen, sind die Veränderungen welche kaum je mit der Digitalisierung – die ja schon seit mindestens drei Jahrzehnten im Gange ist – in Verbindung gebracht werden. So wie kaum jemand das Loch in der Quartierstrasse oder seine schrumpfenden Rentenansprüche im BVG, mit den tiefen Unternehmenssteuern in Verbindung bringt, so wenig bringt er das Lädelisterben und die Schliessung der Post im Dorf, mit der Digitalisierung in Verbindung. In den Medien werden dafür selbstfahrende Autos gehypt, von den ominösen Algorithmen und künstlicher Intelligenz geschwafelt und die Verschwörungstheoretiker warnen davor, dass uns die neuen 5G-Antennen grillieren (oder gar Corona auslösen). Es geht also um die Frage: Wie gehen wir (jeder Einzelne, wie auch die Gesellschaft), mit Veränderungen um.

Bleiben wir nochmals beim QR-Code, Einzahlungsscheinen, Twint und Co. Was für die Einen eine einschneidende Veränderung bedeutet – im schlimmsten Fall viel kostet (Gebüren) oder gar das Ende bisher genutzter Dienste heisst – ist für die Andern schon seit langem Alltag. Der stärkste und sichtbarste Ausdruck dieser digitalen Kluft ist vielleicht der Umgang mit dem Handy. Grosseltern, ja sogar Eltern müssen heute ihre Jungmannschaft um Rat bitten, wenn es um unverständliche oder neue Funktionen auf ihrem Smartphone geht. Die Kinder erklären den Erwachsenen die Welt. Ein neues Phänomen, welches auch eine Machtumkehr bedeutet.

Auch wenn ich ein Digital-Junkie bin, habe ich für die Sorgen und Nöte der digitalen Newbies (Neuling oder Anfänger) ein gewisses Verständnis. Was uns disruptive Technologien bescheren gleicht oft mehr einer Zumutung, als einem Fortschritt. (Ich möchte z.B. nicht wissen, wieviele Stunden ich schon mit fehlenden Passwörtern oder der Registrierung meiner Daten auf irgendwelchen Portalen verplempert habe). Was uns als Innovation und Fortschritt verkauft wird, entpuppt sich nur allzuoft als Falle und dient einzig dem Profit einiger grosser Techgiganten. Oder wer möchte z.B. eine Alexa (ein Sprachassistent von Amazon, mit dem ich ständig mit Amzon verbunden bin) im Wohnzimmer, die mir 24 Stunden im Tag zuhört? Das gleiche gilt für Siri auf dem iPhone und andere tollen Dinge, die unseren Alltag „erleichtern“. Eine kritische Distanz zu solchen Innovationen ist also nicht nur vorgestrig und den „Alten“ vorbehalten.

Wir tun – im eigenen Interesse – aber gut daran, uns mit diesen Themen und Technologien auseinanderzusetzen und sie dort zu nutzen, wo wir sonst ausgeschlossen werden. Bestes Beispiel dafür ist meine Mutter (90). Weil sie sich „weigerte“ ein Billet an einem Automaten zu lösen, kann sie auch nicht mehr Zug fahren (ohne ein Kind oder Enkel zu bemühen). Das gleiche Schicksal droht auch vielen unserer Generation, wenn wir uns nicht bemühen zu verstehen, was da gerade passiert und was es für unseren Alltag bedeutet. Gerade lebensnotwendige Dinge, wie Rechnungen zahlen, Bargeld oder nicht, die Auslagerung von bisher analogen Diensten in die digitale Welt (Online-Shopping, Postdienste, Versicherungsabschlüsse, Online-Steuererklärungen usw. usw) haben einen unmittelbaren Einfluss darauf, ob wir noch Teil dieser Gesellschaft sind oder an den Rand gedrängt werden.

Auf meiner Visitenkarte, die ich nach meiner Pensionierung vor 2 Jahren habe drucken lassen, steht als Beruf, Digital Coach. Ich verrmute ein „Job“, der in den nächsten Jahren noch deutlich an Bedeutung gewinnen wird.

03.06.2020: Hoffen

Corona verschwindet aus den Schlagzeilen. Schlechtestenfalls sieht und hört man noch Horrorzahlen und Bilder aus Brasilien oder den USA. Das Leben hier beginnt sich zu normalisieren. Am 15. Juni öffnen sich sogar die Grenzen zu unseren Nachbarn. Dazu scheint (oder schien zumindest bis gestern) die Sonne vom Himmel und die Menschen machten Ausflüge in die Natur und verstopften die Zufahrtsstrassen zu den touristischen Hotspots. Beinah altvertrauter Alltag also. Und dann knipst man die Flimmerkiste an, meint die neuste Folge von „Tatort“ zu sehen und blebt fassloslos auf dem Sofa sitzen – man hat eben (quasi) life einem Mord an einem Menschen zugeschaut – verübt an einem schwarzen Amerikaner durch einen weissen Polizisten. Die Reaktionen darauf altbekannt. Demonstrationen, Plünderungen, Gewalt. Im Westen nichts Neues, also – könnte man denken. Doch da hockt eine tickende Zeitbombe im Oval Office und alles ist anders. Dazu mein heutiger Blog: Hoffen

Schattenspiele

Ein Tag, schöner wie die andere. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang blauer Himmel. Corona (zumindest gefühlt) weit weg – in Brasilien oder den USA. Der Alltag kehrt zurück. Nur die kalte Bise konnte die Laune noch etwas trüben. Doch wie so oft, wenn man denkt jetzt werde alles gut, wird man eines Besseren belehrt. Es beginnt im Alltag. In Diskussionen mit Freunden und der Familie, beim Blick aus dem Fenster und endet mit den Schlagzeilen und Bildern der Tagesschau. Man könnte natürlich zur Tagesordnung übergehen und die Normalisierung des Alltags einfach geniessen. Das taten wir auch. Erstmals seit unserer Rückkehr besuchten wir ein Gartenrestaurant und genossen Spargel mit einem Glas Weissen. Wir waren auf dem Randen, an der Thur und erkundeten die Hügel um unser Dorf. Eitel Sonnenschein also – so könnte man meinen. Und dann…

…schaut man aus dem Fenster und sieht wie die Fichten im gegenüberliegenden Wald gleich hektarweise verdorren – die letzten beiden Dürresommer lassen grüssen, die Klimakrise ebenfalls. Dann schleicht sich die Dummheit auch noch in den engsten Bekanntenkreis – in Gestalt eines bekennenden „Eidgenossen“ (mit italienischen Pass) und SVP-Wählers – der meint, weil er eine Uniform trage hätte er Sonderrechte und können nun wieder auf Schnäppchenjagd ennet der Grenze. (er wurde übrigens gestoppt!). Von den Horrorbildern im Fernsehen und dem Wahnsinn eines gewissen Herrn Trump bräuchte ich gar nicht zu schreiben. Es macht nur fassungs-, sprach- und hoffnungslos.

Mit den Worte meines betagten Vaters im Ohr: „Hat Amerika den Schnuppen, so hat der Rest der Welt eine Lungenentzündung„, sitzt man ungläubig vor der Flimmerkiste und sieht dem langsamen qualvollen Mord eines Menschen zu. Der Mord an einem unbescholtenen schwarzen Amerikaner, vor laufender Kamera, ist das Eine – was daraus folgt das Andere. Erschütternd sind nicht die Demonstrationen in über 140 amerikanischen Städten oder die Plünderungen und Brandstiftungen. Solche Reaktionen gabe es auch schon früher, in vielen ähnlich gelagerten Fällen. Rassismus und Gewalt gegen Schwarze ist auch nicht erst seit dem 25. Mai 2020 gelebter Alltag in den USA (und selbstverständlich auch anderswo). Erschütterrnd ist das sich seit Jahrzehenten nichts ändert, erschütternd sind aber auch die 1,9 Millionen Covid-Infizierten und 108’000 Toten in diesem so hochentwickelten Land, die 40 Millionen Arbeitslosen, die Autoschlangen vor den Essensausgaben, die abgrundtiefe Kluft zwischen Arm und Reich – und immer trifft es die Nicht-weisse Bevölkerungsgruppen überproportional.

Das wahre Drama, welches auch uns hier im fernen Europa trifft, spielt sich jedoch in der politischen „Elite“ ab. Dass der derzeit amtierende Präsident nicht alle Tassen im Schrank ist, ist vermutllich hinreichend bekannt. Dass er mit komplexen Situationen seine liebe Mühe und ausser Erpressung, Drohungen und Gewalt keine Antworten hat, hat er schon mehrfach bewiesen. Weltmeisterlich ist er nur in einer einzigen Disziplin. Er findet instinktsicher Schuldige. Alle ausser ihm, sind Idioten. (das denkt übrigens der Geisterfahrer auf der Autobahn auch). Bei Corona ist es die WHO und China, bei den Unruhen die ominöse „Antifa“ (ausgedeutscht die sog. Antifaschisten – eine Organisation, die es so gar nicht gibt – meinen tut er damit vermutlich die Demokraten) und für den Niedergang der Amerikanischen Wirtschaft die Chinesen, Huawei und die Linken. All das ist den Amerikanern, wie dem Rest der Welt seit Beginn seiner Amatszeit vor 3 1/2 Jahren sattsam bekannt – soweit, im Westen nichts Neues.

Soweit, so bersorgniserregend. Die Hoffnung konzentriert sich darum einzig noch auf Dienstag den 3. November – dem Tag wo in den USA gewählt wird. Ein anderes Rezept gegen den Despoten ist weit und breit nicht in Sicht. Doch bereits werden ernstzunehmende Stimmen laut, die vor einem „Staatsstreich“ warnen. Also der Möglichkeit, dass Mister Twitter eine sich abzeichnende Niederlage nicht akzeptieren würde. https://www.spiegel.de/netzwelt/web/donald-trump-seine-strategien-fuer-den-staatsstreich-kolumne-a-ab1efdca-874c-4af9-9a02-2241be3467c1?fbclid=IwAR3DLA4rP2pvOFlI3j8h8wvnP0H7O6YnZdzkSBRaegDkmwkN7kp_nZ4Zhfc. Ein Bürgerkrieg wäre so sicher, wie das Amen in der Kirche. Als Profi-Twitterer braucht er einen einzigenTweet und seine bewaffenten Rednecks marschieren los. Dass er dieses Szenario in Erwägung zieht, ist offensichtlich.

Auf die Parteien zu setzen ist ziemlich verwegen. Die Demokraten treten mit einer blassen Figur (Joe Biden) zu den Präsidentschaftswahlen an – Aufbruchstimmung, sieht anders aus – und die Republikaner ducken sich weg. Ein/e jede/r hat Schiss sich mit dem allmächtigen Trumpeltier anzulegen – es wäre ihr/sein politisches Ende. Auf die Gerichte ist ebso wenig Verlass – das Oberste Gericht wurde schon beizeiten mit trumptreuen Speichelleckern besetzt. Bleibt noch die „Strasse“ (also die Zivilgesellschaft) und (vielleicht) das Militär, welches sich weigern könnte, auf das eigene Volk zu schiessen. Immerhin gehen ranghohe Militärs auf Distanz zum Wahnsinnigen im Oval Office. https://www.saechsische.de/trump-bringt-sogar-militaers-gegen-sich-auf-5211084.html. Auf jeden Fall darf man sich gar nicht ausmalen, was es bedeuten würde, wenn das Land in einem Bürgerkrieg versinkt und das Atomwaffenarsenal in die Hände wahnsinniger Milizen fällt. Spätestens dann, sind auch wir ganz direkt betroffen. Bleibt uns also nur die Hoffnung, dass es nie soweit kommt.

26.05.2020: Alles ganz normal

Der Wunsch nach „Normlität“ ist bei den Meisten übermächtig. Verständlich, nach 11 Wochen Lockdown mit zahlreichen Einschränkungen, Regeln und Verboten. Aber was ist normal? Alles so, wie es vor dem 16. März war? Für manche ja. Andere möchten gleich alles anders. Es gibt das Wehgeschrei der Warner und Bedenkenträger, die überall Niedergang und Schuldenwirtschaft wittern. Es gibt jene, die von einer grünen Wirtschaft träumen und jene, die einfach ihr sicheres Leben zurück haben wollen. Normal ist also vieles. Die Chance aus der Krise etwas zu lernen oder gar etwas zu verändern, wird aber momentan gerade verspielt. Alles ganz normal!

Wie Heuschrecken naht die Normalität

Da sitzen wir also, warten auf das Ende des Lockdowns und hoffen auf Normalität. Einzelinteressen – von den Wirten über den Profisport bis zum SAC – dominieren die Diskussion und fordern ihren Anteil am Honigtopf des Staates. Noch lauter sind nur die Bessserwisser, welche auf Normalität pochen, wo es keine (mehr) gibt. Denn was heisst denn „normal„? Alles wie „vorher“ oder doch lieber noch ein bisschen mehr davon? Also noch tiefere Steuern, noch weniger Sozialleistungen, Löhne kürzen, kippen aller Vorlagen und Vorstösse, die „Geld kosten“ (CO2-Gesetz, Vaterschaftsurlaub, etc.)? Das Wunschkonzert jener, welche am meisten von den Covid-Notkrediten und den Geldtöpfen des Staates profitieren, gleicht einer unendlichen Selbst-Bereicherung. Da sind die notkreditfinanzierten Ferraris nur die hässliche Spitze eines übermächtigen Eisbergs. Keine Panik also, die Normalität ist also schon da. Wir sind die Glücklichen, wir können es uns leisten – current normal also.

Seit meiner Rückkehr in die Schweiz, vor fünf Wochen, beschäftige ich mich mit der alles dominierenden Pandemie. Anderes hat im Alltag und den Gesprächen kaum mehr Platz. Es scheint fast so, als gäbe es keine anderen Themen mehr. Bei näherem Hinsehen wird aber rasch klar, dass wir eigentlich von „alten“ Themen sprechen, die durch diese Krise nur verstärkt – und leider auch verschleiert – werden. Nehmen wir zum Beispiel die USA mit 1,7 Millionen Infizieren und 100’000 Toten (ein Ende ist nicht abzusehen). Trotz Billlionen an staatlichen Nothilfen stehen die Leute vor Gassenküchen an, 40 Millionen haben innert Wochen ihren Job verloren und statt dass das Geld die Bedürftigen erreicht, werden die Konzerne gefüttert (Quelle: Interview mit Josph Stiglitz, ZEIT, vom 26.5.2020; https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-05/joseph-stiglitz-corona-donald-trump-usa). Es manifestiert sich also das Dauerthema „Ungleichheit“ – also die Kluft zwischen Arm und Reich und den Rassen – in seiner ganzen Wucht. Dann nehmen wir noch die Heuschreckenplage in Ostafrika. Dort fressen aktuell Heuschreckenschwärme in der Grösse des Bodensees die Felder leer. Aus heiterem Himmel? Nein – es ist die Folge der sich verschärfenden Klimakrise (Nein – diese ist nicht in Quarantäne!). Die veränderten Meereströmungen haben das Wetter verändert und begünstigen das Entstehen solcher Plagen. Dazu kommen Kriege in Jemen, Warlords in Somaliland und blockierte Hilfe wegen Corona. Der perfekte Sturm um 25 Millionen Menschen in den Hunger zu treiben. (Quelle: TA, 26.5.2020). Masernepidemie im Kongo – nie gehört? – wird begünstigt durch die Pandemie, da nicht mehr geimpft wird, Helfer fehlen oder wegen den Ausgangssperren nicht mehr helfen können (Quelle: medcine sans frontiere, 25.5.2020: https://www.msf.ch/de/neueste-beitraege/artikel/dr-kongo-bekaempfung-von-masern-zeiten-von-covid-19). Aber wir brauchen nicht einmal so weit zu gehen. Deutschland und Frankreich denkt wieder einmal über Kaufprämie für Autos nach, um ihre darniederliegende Autoindustrie zu „retten“, es werden Milliarden für die gegroundeten Fluggesellschaften gesprochen und darüber nachgedacht, wem man alles Steuergeschenke machen kann (keine Angst weder dir noch mir). Ach ja – während ich hier schreibe wurde Jeff Bezos von Amazon wahrscheinlich um ca. 10 Millionen reicher….

Wer geglaubt hat diese Krise wäre ein Denkzettel und würde uns zum Innehalten oder gar Umdenken zwingen, irrt. Ich fürchte es gehen genau jene als Gewinner aus der Krise hervor, die schon vorher von diesem System profitiert haben – jetzt einfach noch schneller und unverschämter. Die Armut auf der Welt wird rasant zunehmen – Hunger und Kriege ebenso. Die Schere zwischen Unten und Oben wird sich weiter öffnen (die Presse fabuliert ja schon darüber, ob Jeff Bezos der erste Billionär sein werde – sie prognostizieren 2026: https://www.amazon-watchblog.de/jeff-bezos/2161-jeff-bezos-erste-billionaer-der-welt.html). Die Probleme haben wir mit verödeten Innenstädten und ausbleibenden Steuereinnahmen. Auch das – einfach noch etwas schneller, als befürchtet.

Bin ich zu pessimistisch? Vielleicht. Es bringt aber auch nichts, die Augen vor der Realität zu verschliessen. Egal ob es um eine Pandemie, das Klima, die Ungleichheit oder die Folgen des ungebremsten Wachstums geht – früher oder später holen uns diese Probleme ein. Ob wir wegsehen, es ignorieren oder nicht wahr haben wollen, ist egal. Ab einem bestimmten Punkt sind wir gezwungen, uns damit zu beschäftigen. Es sind nicht nur die „Schwarzen Schwäne“ (Katastrophen, Unfälle etc.), die uns zusetzen – es sind oft die alltäglichen DInge, vor unseren Augen, die zu Krisen führen. Diese sollten wir im Auge behalten! Die Corona-Pandemie wäre so eine Möglichkeit. Sie hat die unangenehme Eigenschaft, vorhandene Probleme zu verstärken. Genau wie oben beschrieben. Lösen können wir diese aber nur durch Hinsehen. Der Wunsch nach Normailtät ist verständlich. Dieser führt aber oft in eine neue Katastrophe. Es wäre an der Zeit, sich den Problemen anzunehmen.

26.11.2019: Die Klimakatastrophe findet statt – hier und jetzt (ein paar Links)

Über die Klimakrise wird viel geschrieben. So viel, dass man kaum mehr nachkommt mit lesen. Hier ein paar Beiträge. Lesen lohnt sich.

Das Klima kippet – Tageschau.de 24.11.2019

Das grosse Ziel – Heise

Sind wir noch zu retten? Interview mit Reto Knuti, Klimfaorscher ETH, Rebublik

Die verschwiegene Wahrheit – Generalanzeiger Bonn

06.09.2019: Oh Herr, ich habe gesündigt…

Wir alle sind „Sünder“ und kommen in die Hölle. Ohne die Gnade des „Herrn“ sind wir verloren.

So oder ähnlich tönt es allzu oft, wenn über die Klimabewegung berichtet wird. Natürlich wird das so nicht explizit gesagt. Aber was anderes bedeuten Schlagzeilen und Berichte wie: „Flugscham – dürfen wir noch nach Mallorca in die Ferien fliegen?“, „Mein Fleischkonsum lässt den Amazonas brennen“ oder „Das Bevölkerungswachstum ist schuld an der Klimakrise“. Die Liste kann beliebig verlängert werden.

Der Grundtenor in den Medien ist fast einheitlich: Wir ALLE sind schuld am Klimawandel. Verzichte aufs Fliegen, dein Auto, Fleisch und all die schönen Dinge im Leben – am besten auch gleich auf eigene Kinder.

Wenn man („man“ will ich noch genauer definieren) will, dass garantiert nichts passiert, wenn man nichts verändern will und alles so bleiben soll, wie es ist, muss man genau so argumentieren! Frei nach dem Motto: ALLE sind NIEMAND!

ALLE sind nie verantwortlich, denn ALLE weder einen Absender noch eine Adresse. ALLE haben kein Telefon und keine eMail, kein Whatsup und kein Twitter. ALLE versteckt sich hinter jedem und ALLE hat kein Gesicht.

Wer aber entscheidet wo Kleider genäht werden. Was dort für Löhne bezahlt werden? Wer entscheidet darüber, welchen Treibstoff die Containerschiffe tanken (Schweröl)? Wer bestimmt über die Arte der Energieproduktion, über den Abbau von Braunkohle, den Einbau von Filtern in Kohlekraftwerken? Wer entscheidet wo, was, wieviel investiert wird? Wer entscheidet über den Preis des Fleisches, mit was die Tiere gefüttert werden, wie sie gehalten werden, der Boden bearbeitet wird und was darauf angebaut wird? Wer verkauft den Bauern Petizide, Herbizide, Fungizide? Wer erlässt Vorschriften zum Hausbau, Heizungen, Lüftungen etc.? Auch hier ist die Liste endlos…

Nein, nicht du und ich. Es sind sog. Entscheidungsträger die das alles tun. Männer und Frauen mit Geld und Einfluss. Männer und Frauen in Politik und Wirtschaft. Menschen und Institutionen mit Macht und (vor allem) Geld! An ihnen liegt es die notwendigen Änderungen anzustossen und umzusetzen. Sie haben Namen, Adressen, ein Gesicht und eine Telefonnummer. Sie gilt es in die Verantwortung zu nehmen.

Wir als Bürger*innen, Konsument*innen und Wähler*innen können zwar Einfluss nehmen; z.B. indem wir Politiker*innen wählen, die Missstände zu beheben versuchen, oder Firmen meiden, die bekannt sind für ihr asoziales und umweltschädigendes Verhalten – aber wir sind nicht diejenigen, die entscheiden.

Also stellen wir FORDERUNGEN an Politik, Wirtschaft und Investoren und machen solange Druck, bis die Verentwortungsträger*innen handeln!

Ein guter Anfang wäre z.B. die Unterstützung des Klimablatts der Klimajungend. Das Klimablatt soll vor den National- und Ständeratswahlen am 20.10.19, an alle Schweizer Haushalte verschickt werden und sie über den aktuellen Stand der Klimaforschung informieren und Politiker*innen empfehlen, die sich für die Ziele der Klimastreikbewegung einsetzen. Jeder Rappen zählt! Klimablatt

01.09.2019: Solange wir „es“ alle sind, ist garantiert, dass nichts passiert

Unser Lebensstil gibt zu Kritik Anlass. Wir essen Fleich (zumindest zu viel), wir nutzen fossile Energie (Öl, Gas, Kohle), wir verpacken alles in Plastik, fliegen zu viel um die Welt, schmieren Nutella aufs Brot, holzen die letzten Wälder ab und kaufen hirn- und sinnlos Billigramsch aus Billiglohnländern. Ja, wir leben verschwenderisch, verantwortungslos, ungesund und denken keinen Moment an die Zukunft unserer Kinder.

Liest man dieser Tage die Zeitungen (bzw. Newsportale und tummelt sich in den Sozialen Medien) so fällt einem nicht nur die Gehässigkeit auf, mit der die Überbringer der schlechten Nachricht(en) (Greta, streikende Schüler etc.) eingdeckt werden, es geistern auch allerlei Vorschläge, Forderungen und Anleitungen durchs Netz, was man als vorbildlicher Mensch alles zu beachten hat, auf was man verzichten sollte (oder muss) und wie übel unser Lebensstil für die Zukunft unserer Kinder sei und ist. Der Gipfel des Vorwurfes endet dann bei Forderungen für Antibabypillen für afrikanische Frauen, da das Grundübel ja wir alle und vor allem die grosse Zahl von Menschen sind.

Wir sind also ALLE schuld! Am Klimawandel, weil wir fliegen. An den Bränden im Amazonas, weil wir Fleisch essen. An der Rodung des Regenwaldes, weil wir Nutella aufs Frühstücksbrot schmieren (Palmöl) und am Plastik im Meer, weil wir verpacktes Gemüse in der Migros kaufen! Nun haben wir den Schuldigen! Wir ALLE sind es!

Wer einmal in einer WG gewohnt hat, kennt die Geschichte. Ende Woche türmt sich das Geschirr in der Spühle. Die Abfallsäcke müffeln prall gefüllt im Gang vor sich hin und der Kühlschrank ist permanent leer. Diese Zustände dauern mindest so lange, wie die Verantwortlichkeiten verbindlich geregelt sind. Fazit: Ohne verbindliche Regeln (und Sanktionen) passiert nichts!

Genau dies passiert aktuell auf der Welt (nicht nur rund um die Klimakrise). Um keine Verantwortung übernehmen zu müssen, schieben alle die Verantwortung auf die andern. Die Wirtschaft auf die Politik(er), die Konsumenten auf die Wirtschaft, der Einzelne auf den Andern. Gemeinsam garatieren wir, dass garantiert nichts passiert!

Also brauchen wir Regeln – denn solange ich freiwillig (aus EInsicht oder sozialem Druck) auf etwas verzichte (z.B. Fliegen) und es der Nachbar nicht tut, fühle ich mich rasch beschissen. Ich werde ihm Vorwürfe machen und unsere Nachbarschaft wird darunter leiden. So fühlt sich der Frutarier über dem Veganer, dieser über dem Vegetarier und alle über den Cornivatoren. Darüber freuen sich alle andern. Die Politiker*innen weil sie uns gegenseitig ausspielen können Die Wirtschaft weil sie ihre Produkte noch zielgruppengenauer und noch teurer verkaufen kann (man braucht einfach ein neues Label und etwas Marketing) und wir, weil wir uns nicht ändern müssen. Die 5% „Gutmenschen“ aber ändern nichts. Weder an der Gesamtbilanz (des CO2 Ausstosses) noch am Verbrauch fossiler Energien und schon gar nichts an der Art wie wir wirtschaften und der herrschenden Politik.

Wer entscheidet über die Art der Produktion, den Produktionsstandort, die Bezahlung der Arbeiter*innen, die Einhaltung von Vorschriften? Wer tankt Schweröl in ihre Schifftanks, wer propagiert Dieselmotoren und betrügt bei den Abgaswerten? Wer verhindert griffige Massnahmen gegen den CO2-Ausstoss. Wer subventioniert Kohlekraftwerke? Wer verzögert seit Jahrzehnten die Umstellung von fossiler auf nicht-fossile Energie? Die Liste ist unendlich. Nein, nicht du und ich. Es ist das Diktat der „Wirtschaftlichkeit“, welche die Agenda diktiert. Sowohl im einzelnen Unternehmen, wie in der Politik. Als Bürger und Konsument wird man vor vollendete Tatsachen gestellt. Ihnen bleiben: ein schlechtes Gewissen, höhere Kosten und eine zerstörte Umwelt!

Die eigentlichen Verantwortlichen bleiben ungeschoren. Dies sind die eigentlichen Profiteure dieses Systems. Es sind die Prediger der neoliberalen Wirtwschaftsordnung und in ihrem Schlepptau die Bezahlknechte der Politik Sie haben es bisher abgelehnt Verantwortung zu übernehmen. Es wird also Zeit, diese von ihnen einzufordern. Jetzt, laut und unmissverständlich. Am 20. Oktober an der Wahlurne, mit der Wahl von Politiker, die Verantwortung übernehmen und der Abwahl der verantwortungslosen Lobbyisten der bürgerlichen Parteien.