23.10.2020: Auf Sand gebaut

Man sollte Häuser nicht auf Sand bauen. Das wusste schon Jesus in seiner Bergpredigt. Denn wer „weiss“, der wird sein Haus auf dem Felsen bauen und wenn die Wasserflut kommt, so ist dieses standhaftim Gegensatz zu jenem, welches auf Sand gebaut ist und von der Flut weggespült wird. Eigentlich eine Binsenwahrheit. Sandburgen sind was für Kinder und die Ferien am Strand. Unsere Häuser bauen wir auf feste Fundamente – wenigstens in unseren Breitengraden. Was aber für unsere Häuser gilt, fehlt an anderen Orten fast gänzlich. Schmerzlich wird einem das aktuell in dieser Pandemie bewusst, wo viele Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden und fest geglaubte Fundamente weg brechen. Und so beobachte ich mit Sorge, wie auch bei manchen Freunden und Bekannten die Fundamente errodieren und die Gebäude wanken.

Wer sich etwas für Geschichte interessiert, weiss von den verheerenden Pestpandemien des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Wer etwas weiter gräbt vielleicht sogar etwas von der Justinianischen Pest, welche dem Römischen Imperium den Rest gab und noch weiter zurück, die Seuchen, welche die ersten Hochkulturen (Sumerer, Assyrer etc,) ausradierten. Stehts war die „Pestilenz“ (meist im Verbund mit Klimakapriolen) der Totengräber für manch grosse menschliche Errungenschaft: wie Imperien, Kulturen und Religionen. Nicht umsonst gehört „die Seuche“ (das fahle Pferd) zu den vier apokalyptischen Reitern der biblischen Offenbarung. Sie ist das Schreckgespenst der menschlichen Zivilisation, das wir glaubten überwunden zu haben. Für was haben wir denn sonst Ärzte, Antibiotika und Spitäler? So dachten und so lebten wir – in der „Gewissheit, dass uns solch archaische Seuchen nichts mehr anhaben könnten. Doch falsch gedacht, wie uns Sars-COV-2 zeigt. Wie anno dazumal untergräbt diese Seuche Selbstverständlichkeiten, stellt Überzeugungen in Frage und wirft uns zurück auf die wesentlichen Fragen des Seins. Und genau da beginnen die Probleme. Auf was greifen wir zurück, wenn wir Gewissheiten und Vertrauen verlieren. Greifen wir ins Leere oder hält unser Fundament, auf welches wir gebaut haben – also unseren Überzeugungen?

Vertrauen ist die Grundlage unseres Zusammenlebens. Es ist das Fundament auf denen unsere Existenz, der Staat, die Regierung, unser Handel(n), Wirtschaften und Zusammenleben ruht. Vertrauen setzt Gewissheiten voraus. Die Gewissheit, das der morgige Tag dem heutigen gleicht, ich meinen Job, meinen Eheparter*in, meine Wohnung und was auch immer noch haben werde. Vertrauen (bzw, wie dieses wieder hergestellt werden kann) ist in Gesetzen codiert und macht menschliche Planung erst möglich. Denn wer würde in die Zukunft investieren (Häuser bauen, Geschäfte eröffnen, Kinder zeugen etc.), wenn er nicht an diese glaubt? Doch unser Vertrauen wird oft auf harte Proben gestellt. Regierungen lügen, Wissenschaftler tricksen, Konzerne betrügen. Sind am Ende alle korrupt? Kann man noch jemandem, irgendwas glauben? Misstrauen ist der Boden jeder Verschwörungstheorie und der Griff ins Leere. Den wer hinter Allem Betrug wittert, verliert den Blick auf die wahren Ursachen der Dinge und wird tatsächlich Opfer einer Verschwörung. Einer die ihn in die Irre führt. Den einmal belogen, immer betrogen. Wir glauben Muster zu erkennen, wo keine sind (wer hat nicht schon Gesichter in Wolken entdeckt). Die Zauberformel heisst somit: Misstrauen ist der Weg zur Erkenntnis (Wissenschaft) oder aber dient der Angst und der Spaltung. Und Angst macht Menschen gefügig und sind eine unerschöpfliche Geldquelle.

Aus den Geschichtsbüchern kennen wir die tragischen und oft auch skurrilen Reaktionen unserer Vorfahren auf solche Ängste. Im alten Rom fegte die Seuche nicht nur die alten Götter, sondern gleich das ganze Imperium hinweg. Im Mittelalter wurden Hexen verbrannt, Juden ermordet und Endzeitsekten prophezeiten den nahen Weltuntergang. Und vor 100 Jahren war die Spanische Grippe die Sternstunde der Verschwörungsgeschichten vom Weltjudentum. Den Ausgang kennen wir. Oder anders gesagt: Elend erzeugt Sündenböcke – und diese müssen weg! Damals wie heute.

Ob Corona das gleiche Zerstörungspotential besitzt, ist (noch) offen. Auffallend aber ist, wie wackelig manch Fundament in dieser Krise ist. Auffallend, weil selbst nach 250 Jahren Aufklärung, Bildung, Wissenschaft und modernster Technologie, die kollektiven Verhaltensmuster verdächtig jenen der Geschichtsbücher gleichen. Fälschlicherweise dachte ich, wir hätten in diesen 250 Jahren gelernt, dass wir es sind, die für den Mist, den wir bauen, selbst verantwortlich sind. Stattdessen gilt immer noch: Wo Gewissheiten weg brechen und an ihre Stelle wilde Geschichten treten hat abstruse Irrationalität Hochkonjunktur. Man wähnt sich im Mittelalter. Es fehlen nur noch die Scheiterhaufen.

Male ich zu schwarz? Bin ich (zu) pessimistisch? Eigentlich nicht. Ich erwarte weder morgen noch übermorgen den Weltuntergang – auch nicht das Ende unserer Zivilisation. Ich befürchte weder Progrome noch Leichenhaufen in der Quartierstrasse – zumindest nicht zu meinen Lebzeiten. Was ich aber duchaus befürchte ist das Wegbrechen „unserer“ Fundamente: das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen, die Wissenschaft und zivilisatorischen Errungenschaften – mit langfristig verheerenden Folgen. Selbstverständlich sind und waren die Genannten nie perfekt und es gibt und gab vieles daran zu kritisieren und zu ändern. Bedenklich ist jedoch der Rückfall in alte Muster. Die Suche nach Schuldigen und Sündenböcken und die Heilssuche bei dubiosen Figuren und Märchenonkeln. Es ist als hätte es die Aufklärung nie gegeben. Wissen(schaft) wird verteufelt, das Heil bei Scharlatanen gesucht. Am schlimmsten: Es sind nicht die ewig-dummen Plodderis an den Stammtischen oder die sog. Bildungsfernen, die sich verirren; es sind erschreckenderweise Bildungsbürger die sich haufenweise verrennen – zu beobachten auch in meinem Bekanntenkreis. Es ist gerade als hätten wir es mit zwei Pandemien zu tun: Der Corona-Pandemie und der der Abstrusitäten.

Bildung gilt oder galt zumindest als Schlüssel für vieles: Persönlichkeit, Wissen, Erfolg, Teilhabe, Fortschritt etc. Galt der Fokus des bürgerlichen Bildungsideals bis vor wenigen Jahrzehnten der Persönlichkeitsbildung, so mutiert dieses seit der neoliberalen Wende der 80-igerjahre zur Ressource für den persönlichen (wirtschaftlichen) Erfolg. An die Stelle der Herzensbildung traten Bologna-Punkte, Faktenwissen anstelle von Erkenntnissen. Bilden „Erkenntnisse“ das Fundament, ist Faktenwissen das Gebälk. Fehlt das Fundament, ist das Haus auf Sand gebaut und fällt beim ersten Sturm.

In früheren Zeiten wechselte man in der Not die Götter, vertrieb den Imperator oder schlug auf die Schwächsten ein. Hauptsache man fand eine*n Schuldige*n. Mit der Aufklärung dachen wir, wir hätten diese primitiven Muster hinter uns gelassen – den „Wissen“ ist Erkenntniss und diese hat uns den Fortschritt beschert, auf den wir so stolz sind. Der „Glaube“ hatte ausgedient. Doch weit gefehlt, wie wir gerade bitter erkennen müssen. Wieder sind es böse Mächte, die uns angeblich ausrotten und/oder versklaven wollen. Wieder glaubt man Irren, die uns Angst machen, Heilsbringern und Märchenerzählern. Auf der Strecke bleibt die Vernunft. Und es ist nicht allein das Corona. Sei es die Klimakrise, die wachsende Ungleichheit, der grassierende Rassismus oder das Artensterben: Die Verhaltensmuster gleichen sich. Es zählt nicht die Erkenntniss, dass es an uns liegt etwas zu tun, sondern der Wunsch es möge an uns vorbeiziehen. Notfalls findet man ja einen Sündenbock, dem man alles in die Schuhe schieben kann. Hier sei angemerkt, dass die Justitianische Pest trotz neuem Gott 200 Jahre wütete (541 bis 770 nChr.) und die Pest im 14ten Jahrhundert trotz Judenprognomen 50% der Europäer das Leben kostete. Es wäre vielleicht an der Zeit, wenn wir an unseren Fundamenten bauen und zur Erkenntnis gelangen, dass es niemanden gibt der uns erlöst und wir für den angerichteten Schlamassel ganz allein verantwortlich sind.

Ganz konkret und heute: Corona verdirbt uns die Laune und ich verstehe jede/n der die Schnauze davon voll hat. Doch wir haben es selbst in der Hand – Bleibt zu Hause! Das Virus tut was es seiner Natur gemäss tun muss – sich vermehren (Erkenntnis). Heute sind es 6600, bis in vier Wochen 500’000. Da helfen weder krumme Deals noch Demonstrationen gegen Masken und imaginäre Diktaturen. Was aber hilft, ist dem Virus den Weg in den Rachen meiner Mitmenschen zu versperren – dann verschwindet er, wie er kam. Aber nur dann oder wir haben irgendwann mal einen funktionierenden Impfstoff. Irgendwann… Bis dahin gilt: Nutzen wir die Zeit um an unseren Fundamenten zu bauen Wissen zu gewinnen), wir werden es noch brauchen. Feiern tun wir hinterher – maskenfrei. Versprochen!

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