12.03.2021: Eine subversive Waschmaschine

Symbolbild

Wer kennt das nicht? 3 Wochen nach Ablauf der Garantiefrist brennt der Toaster durch. Alle 2 bis 3 Jahre schwächelt die Handybatterie und wenn man eine neue App installieren will,heisst es: Nur mit der aktuellsten Version möglich. Der ganze Ärger hat sogar einen Namen: Obsoleszenz (auch als künstliche Alterung bekannt). Wo die Sollbruchstelle nicht schon im Werk eingebaut wurde, wird mit technischen Erneuerungen nachgeholfen. Dafür sind Laptop, Handys und Ladekabel die besten Beispiele. So hält man den Umsatz in Schwung. Der Müll landet bestenfalls im Recycling, schlimmstenfalls auf einer Müllkippe in Afrika. Dass es nicht immer so war, hat unsere Waschmaschine Jahrgang 1978 bewiesen. Eine Bauknecht WA 700. Diese läuft nun sage und schreibe schon seit 43 Jahren. Trotzdem mussten wir uns diese Woche von ihr trennen. Ein Nachruf.

Waschen ist nicht meine Domäne. Würde man mir das Waschen ohne“Anleitung“ überlassen, wären unsere Bettlaken rosa oder hellblau und die Pullover alle 3 Nummern zu klein. Wasche ich alles bei nur 40 Grad, hält sich der Schaden in Grenzen. Auch dies beherrschte unsere WA 700. Den simplen analogen Drehschalter für die Programmwahl, habe sogar ich verstanden. Keine überflüssige Optionen, kryptischen Einstellungen und seltsamen Fehlermeldungen. Wäsche rein, Drehschalter auf 40 und los. Alles ohne Studium der Pflegeetiketten und einem Master in Textilkunde. Wie schön einfach war die Welt doch 1978. Und trotzdem mussten wir uns diese Woche von ihr verabschieden. Nicht weil sie den Dienst eingestellt hätte, sondern weil wir unser Walliser Chalet für die Nachfolger geräumt haben.

Ob die 7-jährige digitalisierte Novomatic hier im Keller auch so lange Dienst tut? Zweifel sind leider angebracht. Die leidvolle Erfahrung mit Haushaltgeräten der neueren Generation sind mir nur zu gut in Erinnerung. Geschirrspühler: kaputt nach 8 Jahren. Microwelle nach 12 Jahren, Kühlschrank 9 Jahre. Tiefkühler 7 Jahre. Der Heizkessel stieg nach 17 Jahren aus. Von den obsoleten Handys will ich hier gar nicht reden. Spätestens als ich die Covid-App des BAG installieren wollte, wurde mir unmissverständlich klar gemacht, dass es Zeit für ein Neues ist. Und als dieses kam, mussten selbstverständlich neue (überteuerte!) Ladekabel besorgt werden. Diese Liste liesse sich endlos fortsetzen. Was bleibt ist ein Früstchen. Nicht nur weil jede Neuanschaffung kostet. Mehr noch, weil noch funktionierende Geräte auf dem Müll landen, denn repariert wird kaum mehr. Oder es ist so teuer, dass man es „freiwillig“ unterlässt.

Oft wird über unsere sog. Wegwerfmentalität lamentiert. Meist mit einem Stirnrunzeln und einem moralischen Unterton. Wer umweltbewusst ist, wirft nichts weg und wenn er es doch tut, ist er/sie ein/e Frevler:in. Bleibt die Frage: Wer ist hier der eigentliche Sünder? Der Konsument (der es wagt ein Gerät kostengünstig zu entsorgen) oder der Produzent, der ihm dies „leicht“ macht, weil eine Reparatur unmöglich oder abartig teuer ist? Dazu ist Amazon nur gerade einen Klick entfernt und die Ware wird schon Morgen frei Haus geliefert. Ein Umstand der den einstigen Werbeslogen von Media Markt verblüffend lebensecht macht: „Ich bin doch nicht blöd!“ Das gleiche passiert mit Klamotten. Bestellt – einmal getragen (oder gar nicht) – in den Sack damit oder gleich retourniert. Die Ware ist spottbillig. Produktion und Entsorgung weit weg. Produziert um (möglichst schnell) zerstört zu werden. Einziger Zweck: Profit!

Das Konzept „(billig) produziertverramscht (auf allen Kanälen) – (schnell) entsorgt, (egal wo)“ ist der Motor unserer Wirtschaft. Ohne diesen müssten wir kaum noch 20 Std pro Woche arbeiten, hätten weniger Schulden, die Umwelt wäre intakt, das Wasser sauber, die Klimaerwärmung (vermutlich) kein Thema und die Kinder in Ghana müssten keine giftigen Dämpfe einatmen. Nicht umsonst heisst es: Weniger ist mehr. Weshalb ändern wir es nicht?

Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht genug für jedermanns Gier, meinte einst Gandhi. Und diese wird gefüttert. Nicht (nur) durch die Erweckung neuer Bedürfnisse durch die Werbung, sondern mehr durch die Gier nach Profit um jeden Preis, der sich in immer weniger Händen konzentriert. Da macht es eben einen grossen Unterschied, ob ich in meinem Leben 2 oder 6 Waschmaschinen, 3 oder 7 Kühlschränke oder 8 oder 20 Handys „verbrauche“. Da steht eine Waschmaschine, die 43 Jahre klaglos ihren Dienst tut, ziemlich quer in der Landschaft und untergräbt die (Profit)Gier aufs schändlichste. Ja, sie ist geradezu subversiv. Deshalb wünschen wir unserer WA 700 noch viele weitere glückliche Jahre im Dienste der sauberen Wäsche.

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