19.07.2020: Sauregurkenzeit

Weder das beruhigende Gebimmel der Kuhglocken unten auf der blühenden Bergwiese, noch das Rauschen des Wassers in der Suone vor dem Chalet, liessen mich letzte Nacht richtig schlafen. Unruhig wälzte ich mich im Bett, las zwischendurch im neusten Buch von Yuval Harari und starrte dann wieder an die dunkle Decke. Hätte ich irgend ein Problem gewälzt, hätte ich dafür eine Erklärung – also muss es wohl an Neowise – dem Kometen, den ich seit Tagen vergeblich am Himmel suche – liegen. Oder aber ich bin einfach ausgeschlafen…. Punkt halbfünf dann, riss mich mein iPhone aus der Zwischenwelt – Zeit zum aufstehen! Heute möchten wir unseren „Kraftort“ oben am Augstbordhorn besuchen und den Sonnenaufgang bestaunen.

Bereits um 5 nach 5 – noch im Halbdunkel – stehen wir oben auf dem Parkplatz der Moosalp. Weit im Westen, links der Furka, ein dunkelgelber Streifen über dem Gallenstock. Die übrigen Drei- und Viertausender der Walliseralpen zeichneten sich wie ein Scherenschnitt am bläulich schimmernden Himmel ab. Das Goms liegt unter einem Dunstschleier. Schon wenigen Schritten geht es steil bergauf – Ziel, das Kapelli am Aufstieg zum Augstbordhorn – unserem Hausberg. Auf seinen 2971 Metern stand ich schon früher – inklusive Rega, zerschlagener Visage, Schürfungen und Verstauchungen. Kein Grund dem Berg zu grollen – Eis ist nun mal glatt und wer träumt, statt zu laufen, braucht sich nicht zu wundern.

Heute aber geht es nur auf die halbe Höhe. Im Vordergrund steht der Genuss. Und wir werden nicht enttäuscht. Die kühle klare Luft ist durchdrungen mit einem Duftgemisch aus Kiefern, Kräutern und Alpenblumen – intensiver (und vor allem 1000 mal besser!) als die Räucherstäbchen in meiner ersten WG. Mit jedem Höhenmeter wird es heller. Über dem dunklen Tal liegen Lichtbündel, wie die Scheinwerfer einer Autokolonne. Der gelbe Streifen über dem Goms leuchtet nun in hellem Gelb und füllt den Horizont von der Grimsel bis zum Griesspass. Schon nach einer halben Stunde sind wir über der Baumgrenze, die hier auf rund 2300 Metern liegt. Vor uns die Ober-Arb – ein Aussichtspunkt mit Sicht auf das Goms, Mittelwallis, Saaser-Tal und die ganze Mischabelgruppe. Den Sonnenaufgang hier zu erleben, gehört zu jenen magischen Momenten, die sich tief in die „Seele“ graben.

Als hätten wir es persönlich orchestriert, knipst die Sonne ihr Licht, beim Betreten der Ober-Arb, an und bringt die Gletscher und Schneefelder des Doms zum glühen. Atemlos und staunend geniessen wir die Minuten wo die Nacht dem Tag weicht. Unten im Tal noch dunkle Nacht – oben leuchtende Schneefelder, welche die scharfen Grate und die im Schatten liegenden Wände aus dem Antrazitblau der Nacht meisselt. Wir können uns kaum sattsehen.

Nach einer weiteren halben Stunde dann unser Tagesziel. Ein Felsvorsprung, mit einer geschützen Sitzbank, einem plätschernden Brunnen und einer in den Fels gelassenen Andachtsstätte. Ein echter Kraftort. Hier packen wir unseren Rucksack aus und genehmigen uns einen Kaffee aus der Thermosflasche. Mausseelenallein, das Gurgeln des kleinen Brunnens im Ohr und das Zwielicht der schwindenen Nacht vor Augen, saugen wir die Kraft dieses Ortes in uns auf. Das Tal erwacht aus seinem Schlaf und die Dörfer nehmen Gestalt an. Tief unten bimmelt die Kirche von Törbel. Zeit zum Aufstehen. In der Nische der Heiligen Werdasauchimmerseinmag brennt eine Kerze, für all unsere Lieben….

Keine Panik und nein ich werde weder zum Pilger noch konvertiere ich zum Katholizismus. Ich verschliesse mich aber auch nicht der mythischen Stimmung eines Sonnenaufgangs in den Bergen. Spiritualität ist auch keine Exklusivität von Gläubigen. Das Gefühl des Aufgehobenseins, des Einsseins und die Kraft der Schönheit kennt weder Religion noch kann sie jemand besitzen. Es sind jedoch diese Momente, die uns die Kraft geben, die wir für die Bewältigung des Alltags brauchen. Erst recht in Zeiten, wie diesen.

Trotz Saurergurkenzeit (wieso die Sommerzeit auch immer so heissen mag) hätte ich für heute dutzende Themen gehabt, die ich hätte kommentieren können. Seit Mittwoch habe ich sicher schon an vier Entwürfen gegrübelt und alle wieder gelöscht. Ich entschied mich aber für den magischen Moment eines Sonnenaufgangs in den Bergen des Wallis. Kraft und Duchhaltevermögen können wir vermutlich alle brauchen, denn statt Erholung und Ruhe hält uns dieser Sommer ziemlich auf Trab. Angefangen mit den Horrorzahlen der Corona-Pandemie aus den USA, Brasilien, Indien und anderswo, dem Damoklesschwert über unseren eigenen Köpfen, dem Dosenbohnen-Werber im Oval-Office, dessen Ego eine ganze Nation niederreisst, der zerstrittenen EU, der Hitzewelle in Sibirien, den Unruhen von Thailand bis Israel – es würde eine ganze Bibliothek füllen. Da ich aber davon ausgehe, dass uns diese Themen diesen Herbst noch bis zum Erbrechen (allein die Wahlen in Amerika lassen daran keinen Zweifel) begleiten werden, nutzen wir den Sommer um Kraft zu tanken. Solange dies nicht in Sauforgien im Ballermann endet, kann ich das jeder und jedem nur empfehlen.

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