26.07.2020: Quer durch eine Dekade

Manche Projekte dauern etwas länger als geplant. Etwa die Autobahn A9 durchs Wallis (seit 40 Jahren im Bau und immer noch keine Ende in Sicht) oder unser Projekt, die Schweiz von unserem (inzwischen alten) Zuhause in Buchberg (SH) zu unserem Ferienhaus in Bürchen (VS), zu durchwandern. Immerhin darf ich heute stolz verkünden: Ziel erreicht! Doch fangen wir von vorne an.

An einem Sonntag morgen, im April 2010, hatten wir genug von langweiligen Wochenenden und marschierten los. Ziel: Unser Chalet in Bürchen, im Wallis. Ohne klaren Plan oder Vorstellung von der Route, hielten wir Richtung Süden. Der Plan: Jedes Weekend eine Tagesetappe.

Und wir kamen flott voran. Am ersten Sonntag erreichten wir den Fuss der Lägern (Dielsdorf), am nächsten Sonntag überquerten wir diese und machten in Baden Halt. Zwei Wochen später standen wir an der Reuss und massierten unsere wunden Füsse auf dem Zeltplatz in Künten (AG), wo uns mein Bruder mit einem kühlen Bier empfing. Und dann kam erst mal einiges dazwischen. Die Temperaturen stiegen, die Lust schwand und ich musste an einen Kongress nach San Francisco. Zusammen mit Ursi und Freunden durchquerten wir anschliessen den Westen Amerikas. Grand Canyon, Bryce Canion, Zion, Death Valley, Yoshemite, Tenton, Yellowstone, bis nach Seattle an der Kanadischen Grenze. Unser Wanderprojekt verblasste. Und weil das noch nicht genug war und mir der neue Chef schon ziemlich auf den Senkel gab, ging ich im Dezember des gleichen Jahres, zusammen mit einem guten Freund, auf ein Trekking ins Khumbu-Valley (Everest) in Nepal, um meine Grenzen auszutesten.

Und da ich beruflich mindestens zwei mal jährlich über den Atlantik fliegen musste, besuchten wir im nächsten Jahr, zusammen mit unseren Freunden, New York. Immerhin schafften wir in weiteren Etappen, entlang der Reuss, noch Luzern. Was wir dabei lernten: Autobahnen im Schweizer Mittelland, sind die weitaus grösseren Hindernisse als Flüsse. Und dann machten wir ein Jahr Pause. Weiter Richtung Brünig – in der Zwischenzeit stand die Überquerung des Grimsels auf unserem Plan – ging es 2013. Und dann war erst mal für lange Zeit Schluss. 2014 stand das Dach der Welt (China/Tibet) auf dem Reiseplan. 2015 war Schluss mit lustig – die Fusion mit einem Amerikanischen Megakonzern war zu viel für meine Nerven und ich schmiss den Bettel hin. Die Lust auf Abenteuer war erst mal besänftigt. Immerhin machte ich noch Bekanntschaft mit der Rega, die mich am 29. September vom Grat des Augstbordhorns leinte und ins Spital Visp flog. Wer mit dem Kopf nicht bei der Sache ist, sollte eisige Grate tunlichst meiden.

2016 wollte dann mein Bruder seinen Bubentraum verwirklichen und den Kilimandscharo besteigen. Da mussten wir natürlich mit. Unser Alibi-Training bestand in der Überquerung des Brünig nach Innertkirchen, Der Traum meines Bruders ging (trotzdem) in Erfüllung – am 30. Oktober 2016 stand er auf dem Dach Afrikas, während wir das afrikanische Dorfleben erkundeten. Unser Guide ging uns so auf die Nerven, dass wir es vorzogen die Besteigung auf 3000 Metern abzubrechen. Dafür verliebten wir uns in Afrika. Wir müssten ihm dafür eigentlich dankbar sein.

Unser Umzug von Buchberg nach Ramsen 2015, bremste unsere Wanderlust für die nächsten zwei Jahre. Wir beschränkten uns auf die Erkundigung unserer neuen Umgebung am Bodensee und das neue Rentnerdasein musste erst eingeübt werden – das Wallis war fern. Letztes Jahr dann aber ein neuer Anlauf. Es ging ans pièce de résistance – die Grimsel. Unterstützt und motiviert von unserer alten Freundin und Wanderniere Käti, erreichten wir das Obergoms im Sommer 2019. Es ging besser als befürchtet. Geholfen hat uns dabei sicher auch unser Abspeckprojekt. Ohne Zusatzballast läuft sich einfach leichter. Dann ging es erst mal auf eine Weltreise. Im Januar 2020 enterten wir ein Schiff in Genua. Die Überquerung des Atlantiks, die Umrundung Lateinamerikas und der Besuch der Trauminseln in der Südsee und Neuseelands verlief wie geplant und lässt uns auch jetzt noch träumen. Als ab Australien Corona die Reiseleitung übernahm, hiess es aber: Häfen suchen, statt besuchen und Wasser bestaunen statt darin plantschen. Am 21. April – mitten im Corona-Lockdown – hatte Marseille dann ein Einsehen und liess uns von Bord. Ab sofort freuten wir uns auf unsere letzte Wander-Etappe – durch das Goms ins Mittelwallis. Gestern Samstag, den 25. Juli 2020, punkt 12:00 Uhr war es geschafft. Nach 10 Jahren, 20 Etappen, 2 Paar Schuhen, rund 300 Kilometern und einer Dekade, ist unser Projekt Buchberg-Bürchen Geschichte. Neue Projekte stehen bereits am Horizont. Manche dauern etwas länger – solange man aber dran glaubt, werden sie auch wahr. Ich hoffe das gilt auch für die A9 im Wallis ;.)

PS. Auf rundumdiewelt.ch findet ihr in Kürze eine „Wanderbericht“ über unser Dekaden-Projekt, inklusive vieler Fotos und vielen Eindrücken.

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