Besserwisser

Man spührt es. Irgendwo in der Magengrube. Man kann es nicht richtig zuordnen. Nein, übergeben muss man sich (noch) nicht, aber es fühlt sich auch nicht gut an. Woran mag es liegen? Habe ich schlecht gegessen? Ist es der Vollmond oder liegt es doch an der Weltlage? Soll ich aufhören mit Zeitunglesen, soll ich Nachrichten boykottieren oder einfach den schönen Sommer geniessen? Am besten wohl von allem etwas. 2020 macht es uns wirklich nicht leicht. Uns bleibt nur, uns vorzusehen, uns anzupassen, gesund zu bleiben und den Verstand nicht zu verlieren. Gerade dieser scheint aber im moment Ferien zu machen oder befindet sich in Quarantäne. Anders kann ich mir die Ereignisse dieser Woche nicht erklären.

Aber wo beginnen? Welche von all den verwirrenden Nachrichten und Ereignisse betrifft uns wirklich? Was können wir ignorieren, gleich wieder vergessen, schmunzelnd zur Kenntnis nehmen? Sich im Wirrwar der Widersprüche und stündlich wechselnder Newslage zurecht zu finden, gleicht dem ausmisten des Augias-Stalls. Man findet weder Anfang noch Ende. Um es nicht noch komplizierter zu machen, als es ohnehin schon ist, picken wir ein Beispiel heraus. Corona (was denn sonst)!

Corona. Nicht dass darüber nicht schon genug gesagt und geschrieben würde. Seit Tagen sind die Zeitungen wieder voll davon und die Tageschau meint auch sie müsste sich der Befindlichkeit jeder betroffenen Berufsgruppe widmen. Was sich allerding abzeichnet: Wir haben es versemmelt! Nach einer kurzen Phase des Aufschnaufens im Mai/Juni mit zum Teil einstelligen Fallzahlen, schiessen diese wieder in die Höhe. Je 1000 in Deutschland und Frankreich, 200 hier und Spanien wird erneut zum Quarantänefall. Wir streiten uns über Maske oder Nicht-Maske, darüber wo „wir“ uns mehr anstecken – daheim in den vier Wänden, in den Ferien oder doch im Club. Und in Berlin feiern die Narren den „Tag der Freiheit“. Fragt sich nur noch: Frei von was? Vermutlich frei von jeder Vernunft!

Aber was wundert es, dass man den Überblick verliert, wenn selbst das BAG mit Zahlen zaubert. Angeheizt durch Journalisten, die mehr an den Klickraten, als an der Sache interessiert sind, (die „depperten“ Fragen an den Pressekonferenzen des BAG sprechen Bände) werden Schuldige gesucht, wo es (vermutlich) keine gibt. Desgleichen die Irrungen und Wirrungen um die Maske, das Geschacher um einen möglichen Impfstoff, das öffnen und schliessen von Clubs und so weiter. Von den Leugnern der Seuche und den Untergangspropheten des Abendlandes mal abgesehen, helfen solche „Debatten“ kaum aus der Krise. Im Gegenteil.

Seien wir ehrlich. Dieser Virus hat uns alle auf dem falschen Fuss erwischt. Und mit „alle“, meine ich mich, dich, inklusive Regierung und Gesundheitswesen. Wer, wie der „Narrenumzug“ in Berlin, behauptet, es gäbe einen Geheimplan oder eine weltweite Verschwörung (egal von wem auch immer), hat zwar seine eigenen Ängste und Zweifel im Griff, nicht aber das Problem erkannt. Und schon gar nicht löst er/sie das Problem, sondern ist Teil davon. Statt Freiheit, droht Lockdown. Ebenso „hilfreich“ ist die „Never Ending Story“ rund um die Maske. Seit heute tut es nun auch eine aus Stoff, wie man vernimmt (übrigens eine Falschmeldung). Das Kompetenzgeschacher zwischen Bund und Kantonen ist schon fast eine Randnotiz – deckt aber schonungslos die Schwächen unseres Förderalismus auf. In der Krise sind „Debatten“ sinnlos! Punkt.

Lernen tun wir aus Fehlern – wie oft habe ich diesen Hohlsatz an irgendwelchen Seminaren gehört? Ich habe nicht mitgezählt. In der Praxis habe ich ihn allerdings nie erlebt. Weder im Beruf, der Politik noch gar nicht in einer Krise. Stürzt ein Flugzeug ab, explodiert eine Bombe, geht ein Auftrag verloren oder zwingt uns ein Virus in die Knie – der Reflex ist immer der gleiche: Wer ist schuld? Es gibt für „uns“ wohl kaum etwas Unerträglicheres, als nicht zu wissen, wem wir die Schuld zuschieben können – Hauptsache, wir sind es nicht.

Kein Wunder machen Märchen und Geschichten die Runde, die uns glauben lassen, das Ei des Kolumbus sei jetzt endgültig gefunden – wir könnten uns also in Ruhe aufregen, mit dem Finger auf die Schuldigen zeigen und unseren Egoismus geniessen. Dass dabei das Vertrauen in die Institutionen, die Wissenschaft, Politik und Presse flöten geht, nimmt man als Kollateralschaden hin. Man glaubt also „nichts“ mehr, futiert sich um Regeln und feiert sich selber (man ist ja so schlau). Hinterher darf dann gejammert werden. Der nahende Tsunami (genannt 2. Welle), ist am Horizont schon auszumachen.

Dabei wäre es so einfach. Weil wir (alle, inkl. Verantwortungsträger und Wissenschaft) noch zu wenige wissen, sollten wir wenigstens das tun, was wir können. Und momentan können wir – Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen und grosse Menschenansammlungen meiden (vielleicht hat wer schon mal was von der „Macht der grossen Zahl gehört). Bis ein Medikament oder ein Impfstoff verfügbar ist, ist dies das Einzige, was jede/r von uns dazu beitragen kann. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die sich nicht delegieren lässt. Weder an die Virologen, das BAG, die WHO noch Bill Gates. Diese (ich spreche jetzt von der Politik) sollen sich um die angerichteten Schäden kümmern und die Wissenschaft um Forschung und Entwicklung von Gegenmitteln. Mehr braucht es nicht – aber das scheint schon viele zu überfordern. Was wir hätten besser machen können, sehen wir im Rückblick (das nennt sich übrigens „aus Fehlern lernen“). Es jetzt schon besser wissen zu wollen, ist billig.

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