Tippingpoint

Foto: imago/Nature Picture Library

Heisst so viel wie Kipp-Punkt oder etwas plakativer: Ab hier geht‘s nur noch bergab. Die Ereignisse der vergangenen Woche haben uns diesem Punkt um einiges näher gebracht. Als Velofahrer könnte man sich darüber natürlich freuen, denn ab jetzt ist Schluss mit schnaufen und schwitzen, jetzt kann man den Fahrtwind geniessen. Blöderweise gibt es nebst Hügeln und Alpenpässen auch Klippen und Abgründe. Versagt die Bremse, ist der (Un)Fall garantiert – Ausgang ungewiss, denn einmal in Fahrt, gibt es kein Halten mehr.

Blöderweise ist nicht jeder Übergang so klar beschildert und nicht jede Klippe mit einer Warntafel versehen. Auch die Doomsday-Clock – jene (symbolische) Uhr, welche uns anzeigen soll, wieviel Zeit uns bis zum grossen Bumm noch bleibt, steht nicht auf dem Nachttisch und schrillt, wenn die Zeit abzulaufen droht. (aktuell steht der Zeiger übrigens bei 100 Sekunden vor Mitternacht!) Und so treten wir weiter kräftig in die Pedale, wo längst kräftiges Bremsen angezeigt wäre. Immerhin sind die Abgründe vor uns schon zu erahnen, auch wenn viele noch meinen, es wäre alles nur Panikmache.

Ohne gleich die apokalyptischen Reiter der biblischen Offenbarung bemühen zu wollen, so ist es doch unübersehbar, dass wir uns auf mehrere gefährliche Klippen zubewegen. Eine davon hat sich diese Woche direkt vor unseren Augen im und vor unserem Bundeshaus abgespielt. Nein, nicht das legitime aber „illegale“ Klimacamp auf dem Bundesplatz, umso mehr aber der Verlust jeder Contenance gewisser Politiker und der darauf folgende Shitstorm in den (Sozialen) Medien. Der Ruf gewählter Parlamentarier nach Güllenfässern, blutiger Gewalt, sowie rassistische Entgleisungen und die Beschimpfung der Demonstranten als Arschlöcher, Kommunisten, Anarchisten und Schnudderis, lässt nicht nur an deren Charakter, sondern auch an ihrem Demokratieverständnis zweifeln. Offensichtlich sind gewisse Kreise sehr schnell bereit diese zu opfern, wenn ihnen etwas nicht in den Kram passt. Wie solche Politiker in echten Krisensituationen handeln würden, will ich lieber nicht wissen. Erahnen lässt es wenig Gutes. Einen Vorgeschmack, was sie zu opfern bereit sind, gab uns die SVP ebenfalls diese Woche, als sie ihren „eigenen“ Bundesrichter abschiessen wollte, weil dieser ihnen nicht genehme Urteile fällte. Gewaltenteilung war gestern, die hohe Gerichtsbarkeit steht allein dem Landvogt zu. Apropos Vogt, Tyrann und Tyrannei: Wirklich gefährlich sind nicht oben genannte Gesellen, wirklich gefährlich ist, was sich zur Zeit in Amerika abspielt. Ob wir es dort im Januar 2021 noch mit einer Demokratie zu tun haben werden, ist mit dem derzeitigen Präsidenten, tatsächlich in Frage gestellt. Auf die Frage, ob er ein Wahlresultat gegen ihn akzeptieren würde, meinte Trump am Dienstag (sinngemäss) lapidar: „Mal sehen…. „. Was das für die USA und die Welt bedeutet, brauche ich wohl kaum zu betonen. Zur Disposition steht nicht weniger, als unser westliches Wertesystem – sprich unsere Demokratie. Die Riege der neuen Kaiser, Zaren und Kalifen dieser Welt, reibt sich schon mal die Hände. Jeder für sich und gegen alle. In Zeiten von Pandemie, Klimakrise und Migration, ein Horrorszenario, dass man lieber nicht zu Ende denkt. Die Doomsday-Clock rückt bedrohlich Richtung Mitternacht, die Klippe ist in Sichtweite.

Apropos Klima: Nicht nur das politische ist vergiftet. Jenes vor unserer Haustür entwickelt gerade heftige Fieberschübe. Es befindet sich schlicht in einer Krise. Brände, schmelzendes Eis, Dürren, Stürme, steigender Meeresspiegel und Überschwemmungen sollten eigentlich deutliche Signale sein. Dazu das weltweite Artensterben, das Verschwinden der Insekten, das Absterben der Korallenriffe. Die Wissenschaft warnt vor Tippingpoints – also Schwellen, ab denen es keine Umkehr mehr gibt. Dazu gehört das Abschmelzen des Grönlandeises, das Auftauen des Permafrostes oder die Abholzung des Amazonas. Werden bestimmte Schwellwerte überschritten, nützt auch eine drastische Reduktion unseres CO2-Ausstosses nichts mehr – das Klima kippt und es wird unkontrolliert wärmer.

Alles nur Panikmache? Schön, wenn es so wäre. Der steigende Meeresspiegel und die sterbenden Korallenriffe sprechen leider eine andere Sprache. Dass die junge Generation die Wissenschaft ernst nimmt und Angst vor der eigenen Zukunft hat, ist nachvollziehbar. Dass sie sich dagegen wehren und uns zum Marschhalt auffordern, ebenso. Traurig nur, dass sie von manchen wie lästige Fliegen behandelt werden. Bedenklich, dass uns der eigene Nachwuchs an unsere Verantwortung – ihnen eine lebensfähige und lebenswerte Zukunft zu hinterlassen – erinnern muss. Beschämend, dass es Schüler sind, die uns sagen müssen, was wir schon lange wissen (müssten): Ihr (also wir) steuert auf einen Abgrund zu und niemand bremst! Und im Gegensatz zum Fall von der Felsenklippe, kennen wir sogar den Ausgang. Auf den Plakaten der Klimajugend steht nicht ohne Grund: There is no Planet B.

Und nein, über den Ausgang dieser Entwicklung verhandelt das Klima (sprich die Naturgesetze) nicht. Das Einzige was wir tun können, ist es in Ruhe zu lassen. Sprich: Keine Treibhausgase mehr in die Atmosphäre pusten und zwar möglichst sofort. Besser noch, wir holen das raus, was schon zu viel drin ist. Die Wissenschaft (und darin sind sich diese zwischenzeitlich zu 100% einig) sagt uns auch ein Datum, wie lange wir dafür noch Zeit haben: 2030! (Ich hoffe sie haben sich nicht verrechnet). Auch das steht auf den Plakaten der Klimajugend.

Neu und deshalb besonders schwer zu akzeptieren, ist die Tatsache, dass es in dieser Sache keinen Verhandlungspartner gibt. Da nützen weder lügen, negieren, tricksen, schachern, bescheissen, fluchen, toben noch neue Kampfjets etwas. Je mehr CO2 in der Luft, desto wärmer. Punkt! Ein ziemlich lästiges Problem für Politiker, die auf faule und andere Kompromisse abonniert sind. Und welcher Politiker, der wiedergewählt werden will (Winston Churchill sei mal ausgenommen) sagt seinen Wählern schon, dass es ab jetzt nur noch Berg ab geht? Es also so, wie bis anhin nicht mehr geht. Also wird geleugnet, verharmlost und schlimmstenfalls auf die Überbringer der schlechten Nachricht „geschossen“ – im Fadenkreuz stehen Wissenschaft, „Greta“, die Klimabewegung und alle, welche den Mahnfinger erheben. Derweilen rückt der Zeiger vor und am Horizont erscheinen dunkle Wolken.

Selbstverständlich sind Prognosen, die Zukunft betreffend, immer falsch. Die Wolken könnten sich ja verziehen oder ein zweiter Toba (Vulkanausbruch auf Sumatra vor 75‘000 Jahren, der die Durchschnittstemperatur weltweit um 3 – 4 Grad über Jahrtausende auf Eiszeitniveau drückte) rettet uns den Arsch. Wer weiss…? Darauf zu hoffen, ist aber etwa so sinnvoll, wie die Pest mit Räucherstäbchen bekämpfen zu wollen.

Steve Jobs von Apple hat seine wichtigsten Ankündigungen immer so angekündigt: „Wait, there is one more thing…“ (da ist noch etwas) Mein „da ist noch was“ lautet: Es gibt Hoffnung auf Besserung! Dieser Tippingpoint heisst: Weltweit gehen die Menschen auf die Strasse und fordern Veränderungen. Das gefällt dem Machtkartell weder hüben noch drüben – sie sind ja auch die Profiteure des Ist-Zustandes. Misstöne, bis hin zur Gewalt, ist ihre Antwort. Uns gegeneinander hetzen, eine ihrer Methoden. Davon lassen sich aber immer weniger schrecken und lassen sich nicht beirren. Ein Sturz über die Klippen wäre tödlich, die Aussichten auf Erfolg verspricht dagegen Zukunft.

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