13.11.2020: Unter dem Radar

Keine Angst – es geht heute nicht um die Weigerung des abgewählten Trumpeltiers sein Büro zu räumen. Auch nicht um Corona und Klima. Darüber habe ich schon oft genug geschrieben und Überdruss haben wir wohl alle mehr als genug. Im heutigen Blog wende ich mich deshalb Themen, die sozusagen unter dem Radar fliegen oder am Rande stehen – zu Unrecht, wie ich meine.

Ich weigere mich also, die alles dominierenden Themen erneut zu thematisieren. Sie sind so omnipräsent, dass sie alles andere – und sei es noch so wichtig – überdecken und lahm legen. Ein gefährlicher Trend, denn wir wissen alle, dass sich Unheil meist im Verborgenen entwickelt. Sie gären quasi unbemerkt vor sich hin. Bemerkt werden sie erst wenn es schon stinkt oder gar explodiert. Richten wir den Radar also mal in die Tiefe, wo es brodelt und gärt.

Wer z.B. hat in den letzten Wochen etwas über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich gelesen – abgesehen vielleicht vom gelegentlichen Achselzucken im Feuilleton eines Wochenmagazins?Die Kluft aber wächst Tag für Tag, (Jeff Bezos Vermögen allein um 73 Milliarden dieses Jahr) die Spannungen wachsen mit und wir nehmen es hin, wie ein Naturereignis. Kann man halt nix machen. Dass deswegen weltweit Menschen fliehen, hungern und sogar Kriege ausbrechen, wird selten in Zusammenhang gebracht. Das hat es schon immer gegeben – kein Newswert – reich wird sich unter dem Radar eben leichter. Das (kaum versteuerte) Geld fehlt ja nur für Spitäler und Intensivbetten oder die Altersvorsorge.

Ein weiteres Beispiel gefällig? Eines direkt vor unserer Haustüre? Hat noch jemand die Meldung vom 20. August dieses Jahres in Erinnerung, als ein deutlich erhötes Krebsrisiko bei Kinder im Flaachtal festgestellt wurde – immerhin um 20% über der Norm – mehrere Kinder starben oder sind an Krebs erkrankt. Kein Handlungsbedarf, hiess es damals, seitens der Kantonsregierung. Wirklich? Wie ist es denn mit den Pestizidrückständen im Grundwasser, von dem wir auch immer wieder mal lesen? Auch kein Handlungsbedarf oder reicht es, wenn man das kontaminierte mit dem sauberen Wasser der Nachbarsgemeinde mischt (solange dieses noch sauber ist)? Zwei willkürliche Beispiele – ich weiss – aber exemplarisch.

Elementare Informationen tauchen auf und gleich wieder ab. Das tägliche Schlagzeilengewitter fordert Klicks und diese holt man sich nicht mit schwierigen Themen. Dazu eignen sich Mainstreamthemen besser. Was alle schreiben, muss wichtig sein. Wichtiges und Unwichtiges steht gleichberechtigt auf der Frontseite – Hauptsache es generiert Aufmerksamkeit. Mit echter Wissensvermittlung hat das wenig zu tun, wohl aber mit Hysterie.

Jetzt könnte man natürlich sagen, dass war früher schon so. Als die Menschen weder Lesen noch schreiben konnten, war das Wissen auf Kirche und Adel beschränkt. Für den einfachen Landsknecht und Leibeigenen endete die Welt an den Grenzen seines Dorfes oder Städtchens und die Erde war flach. Mehr von der Welt brauchte man auch nicht zu wissen. Die Arbeit war jahrein, jahraus die gleiche – den Buckel auf den Feldern krumm machen. Wichtig hingegen waren Rituale, die Jahreszeiten und das Wissen um die „natürliche Ordnung der Welt“ – das half zu überleben. Das hat sich mit der Industriellen Revolution und erst recht mit der Dienstleistungsgesellschaft gründlich geändert. Ohne Information, Bildung und Ausbildung wäre unser Leben schlicht unmöglich. Und je komplexer die Welt, umso wichtiger wird Bildung und Verstehen. Die Frage ist allerdings, welche Informationen braucht es, um zu verstehen und welche Bildung setzt das voraus. Betrachtet man die aktuelle Entwicklung, so scheint es als würde Prozess- und Methodewissen (also Fachwissen) völlig ausreichen. Was darüber hinaus geht, ist Luxus. Ein gefährlicher Trugschluss.

Böse gesagt: wir werden zugemüllt. Zugemüllt mit unnützem Wissen, Belanglosigkeiten und unverdauten Informationen. Wer den Überblick behalten will, das Wichtige vom Unwichtigen trennen und die Lüge von der Wahrheit unterscheiden möchte, hat einen Fulltimejob – ohne Garantie auf Erfolg. Und leider sind uns die Medien, deren Aufgabe es mal war uns auf dem Laufenden zu halten und Zusammenhänge zu erklären, keine grosse Hilfe mehr. Entweder produzieren sie nur noch reisserische Schlagzeilen (Trigger) um Klicks zu generieren (online) oder gut recherchierte Beiträge „verschwinden“ in reichweitenschwachen Nischen, die kaum gelesen werden. Während der Fast-Food Online-Medienkonsum boomt kämpft der Qualitätsjournalismus mit ihren Hintergrundberichten, Analysen und Reportagen ums Überleben. Die traurigen Reste von Tages Anzeiger und NZZ sind dafür Beleg genug. Ohne fundierte Analysen und Zusammenhänge aber verkommen Debatten, welche sich zunehmend in den Sozialen Medien abspielen, zu Schlammschlachten. FakeNews und Verschwörungstheorien sind die Folge – das Gemeinsame verkommt.

Und damit wären wir bei einem weiteren Thema, dass ebenfalls unter unserem Radar läuft: Die Digitalisierung. Zwar wird diese immer mal wieder erwähnt – so wie das drohende Gewitter am Horizont – aber niemand kann sich wirklich vorstellen, was dies konkret bedeutet. Oft genug meint man damit einfach das Handy oder der Computer. Schlimmstenfalls wird noch mit dem Verlust von Arbeitsplätzen gedroht – bestanfalls mit der Aussicht auf neue unaussprechliche Berufe, die sich noch niemand vorstellen kann. Unerwähnt und unvorstellbar bleibt meist der Zusammenhang zwischen der Mcdonaldisierung von Arbeitsprozessen (Tütensuppe, statt kochen können) und der Digitalisierung dieser Prozesse. Mit anderen Worten: Die Intelligenz wird zuersten vom Mensch in den Prozess (Checkliste, Rezept…) und von dort zur Maschine (Computer) verschoben. Die Konsequenz ist eine schleichende Dequalifizierung für viele. Es entsteht eine 2-Klassen-Arbeits-Gesellschaft. Die eine welche den Maschinen zudient und die andere welche diese konzipieren und programmieren. Über diesen thronen die wenigen steinreichen Tech-Milliardäre im Silicon Valley und Shenzen. Die USA machen bereits vor wohin das führt: Auf der einen Seite eine grosse Masse abgehängter, schlecht ausgebildeter, mies bezahlter und verschuldeter Menschen, ohne soziale Absicherung und Perspektiven und auf der anderen eine kleine gebildete Elite hoch bezahlter Spezialisten. Zu sagen haben sie sich nichts mehr. Die Kluft ist zu gross. Das Resultat lässt sich an den Wahlergebnissen ablesen (sorry, das war jetzt trotzdem noch ein wenig Trump).

Die genannten Beispiele habe ich natürlich nicht zufällig gewählt. Alle drei (Arm/Reich, Presse und Digitalisierung) begleiten uns Jahrzehnte und verändern unsere Gesellschaft schleichend. Ein Grund, weshalb sie sich unter unserer Wahrnehmungsschwelle abspielen. Umso nachhaltiger und gefährlicher ist ihr Potential. Fatalerweise verstärken Krisen solche Trends und leiten oft eine neue Ära ein. An einer solchen Schwelle stehen wir und wir tun gut daran, uns auf Turbulenzen einzurichten. Daraus entstehen wieder neue Chancen. Das ging unseren Eltern und Grosseltern auch nicht anders – nur anders.

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