09.04.2021: Resilienz

Ein sperriges Wort und den meisten wohl nicht bekannt. Verwandt mit robust oder resistent, beschreibt es unsere Fähigkeit, mit Ungemach umzugehen. Es gilt: Je höher die Resilienz, desto „geschmeidiger“ sind wir. Wer eine hohe Resilienz besitzt, ist also nicht einfach nur ein „zäher Hund“ und hart im nehmen – er oder sie ist auch anpassungsfähig. Also quasi die Paradedisziplin in dieser Pandemie. Besser gesagt: Sollte es sein. Aus mehrfach, auch hier schon beklagten Gründen, spielen wir aber nicht in der Championsleague, sondern bestenfalls in der Regionalliga. Vielen bleibt sogar das Grümpelturnier verwehrt, da sie niemand in der Mannschaft haben will.

Wer befürchtet, es ginge einmal mehr um das Corona-Impf-Test-Dauergedöns liegt falsch und auch nicht. Mehr Gejammer braucht niemand. Es genügt, wenn es die Profis tun. Was es dagegen braucht, sind: Verstand auf der einen und Ausdauer auf der anderen Seite. Wie WC-Papier in der ersten Welle, sind diese zur Zeit aber Mangelwahre. Im Sonderangebot wird uns dagegen „mütend“ serviert – ein Mischwort aus müde und wütend. Ob sich die brasilianische P.1-Mutation davon beeindrucken lässt, ist aber leider nicht bekannt. Bekannt hingegen ist das Virus, welches uns „mütend“ macht: Das Treten an Ort, auch als Dauerschleife oder Sedativum bekannt. Dass mein LG-Bildschirm nach der hundertnenundneunzigtausendsten Oberarminjektion, allerspätestens aber mit dem neunhundertneunundneunzigsten Lieferversprechen für Impfstoffe in den nächsten Wochen, noch nicht in die Brüche ging, grenzt deshalb an ein Wunder. Ich kann es weder hören noch länger sehen. Selbst bei längerem Nachdenken erschliesst sich mir Sinn und Absicht hinter diesem Dauerbombardement nicht. Es ist, als gäbe es seit Monaten drei mal täglich Haferbrei und sonst nichts. Auf jeden Fall wird meine Resilienz arg strapaziert.

Wenn Krisenkommunikation die tausendfache Wiederholung der Wiederholung auf allen Kanälen, das endlos gleiche Palaver auf endlosen Pressekonferenzen, mit den immer gleichen Fragen, und ein Wirrwarr an widersprüchlichen Informationen bedeutet, ist unser Krisenmanagement top. Aber nur dann. Im realen Leben aber hört man weg, schaltet auf Durchzug oder schüttelt ungläubig den Kopf. Die Gefahr dabei einmal wirklich wichtige Informationen zu verpassen, ist gross. Wenn die Devise „weniger ist mehr“ Gültigkeit hat, dann in einer Krise, die kein Ende hat. Als genügte uns die Kakophonie der Lobbyisten und Politiker nicht, werden wir auch noch zu Tode gelangweilt. Gepikste Oberarme lösen bei mir schon heftige Traumatas aus. Diagnose: Meine Resilienz ist futsch.

Was also tun? Den Fernseher verschrotten? Das Handy in die Schublade und alle Zeitungsabos kündigen? Oder gleich die einsame Insel ohne Empfang? Das mag für Puritaner und Asketen die Lösung sein, ändert aber nichts an der miserablen Kommunikation durch Behörden und Presse, die uns Normalos nervt. Es liegt also einmal mehr an uns selbst. Also zu lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und den Restmüll zu entsorgen. Dabei hilft uns der alte Sokrates aus dem antiken Griechenland, mit seinen drei Sieben.

Einst wandelte Sokrates durch die Strassen von Athen. Plötzlich kam ein Mann aufgeregt auf ihn zu. „Sokrates, ich muss dir etwas über deinen Freund erzählen, der…“ „Warte einmal, „unterbrach ihn Sokrates. „Bevor du weitererzählst – hast du die Geschichte, die du mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe gesiebt?“ „Die drei Siebe? Welche drei Siebe?“ fragte der Mann überrascht. „Lass es uns ausprobieren,“ schlug Sokrates vor. „Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Bist du dir sicher, dass das, was du mir erzählen möchtest, wahr ist?“ „Nein, ich habe gehört, wie es jemand erzählt hat.“ „Aha. Aber dann ist es doch sicher durch das zweite Sieb gegangen, das Sieb des Guten? Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund erzählen möchtest?“ Zögernd antwortete der Mann: „Nein, das nicht. Im Gegenteil….“ „Hm,“ sagte Sokrates, „jetzt bleibt uns nur noch das dritte Sieb. Ist es notwendig, dass du mir erzählst, was dich so aufregt?“ „Nein, nicht wirklich notwendig,“ antwortete der Mann. „Nun,“ sagte Sokrates lächelnd, „wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, nicht wahr ist, nicht gut ist und nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit (Stangl, 2021).

Verwendete Literatur
Stangl, W. (2021). Die drei Siebe des Sokrates – Wahrheit – Güte – Notwendigkeit – arbeitsblätter news. Werner Stangls Arbeitsblätter-News.
WWW: https://arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/die-drei-siebe-des-sokrates-wahrheit-gute-notwendigkeit/ (2021-04-09).

Da dieses Sieb weder den Behörden noch der Presse bekannt zu sein scheint, tun wir gut daran, die auf uns einprasselnden News durch die drei Siebe – Wahrheit, Güte und Notwendigkeit – zu prüfen. Bleibt eine Nachricht in einem der Siebe hängen, ist es wichtig – die anderen dürfen wir getrost im Restmüll entsorgen. Das entlastet uns nicht nur von 99% Medienlärm, es stärkt auch unsere Resilienz. Ich z. B. lese einfach ein Buch. Aktuell Decameron von Giovanni Boccaccio. 100 Geschichten von zehn jungen Menschen zur Zeit der Pestepidemie in Florenz des 14ten Jahrhunderts. Der Lerneffekt in Bezug auf menschliches Verhalten in einer Pandemie, könnte kaum grösser sein.

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