03.06.2020: Hoffen

Corona verschwindet aus den Schlagzeilen. Schlechtestenfalls sieht und hört man noch Horrorzahlen und Bilder aus Brasilien oder den USA. Das Leben hier beginnt sich zu normalisieren. Am 15. Juni öffnen sich sogar die Grenzen zu unseren Nachbarn. Dazu scheint (oder schien zumindest bis gestern) die Sonne vom Himmel und die Menschen machten Ausflüge in die Natur und verstopften die Zufahrtsstrassen zu den touristischen Hotspots. Beinah altvertrauter Alltag also. Und dann knipst man die Flimmerkiste an, meint die neuste Folge von „Tatort“ zu sehen und blebt fassloslos auf dem Sofa sitzen – man hat eben (quasi) life einem Mord an einem Menschen zugeschaut – verübt an einem schwarzen Amerikaner durch einen weissen Polizisten. Die Reaktionen darauf altbekannt. Demonstrationen, Plünderungen, Gewalt. Im Westen nichts Neues, also – könnte man denken. Doch da hockt eine tickende Zeitbombe im Oval Office und alles ist anders. Dazu mein heutiger Blog: Hoffen

Schattenspiele

Ein Tag, schöner wie die andere. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang blauer Himmel. Corona (zumindest gefühlt) weit weg – in Brasilien oder den USA. Der Alltag kehrt zurück. Nur die kalte Bise konnte die Laune noch etwas trüben. Doch wie so oft, wenn man denkt jetzt werde alles gut, wird man eines Besseren belehrt. Es beginnt im Alltag. In Diskussionen mit Freunden und der Familie, beim Blick aus dem Fenster und endet mit den Schlagzeilen und Bildern der Tagesschau. Man könnte natürlich zur Tagesordnung übergehen und die Normalisierung des Alltags einfach geniessen. Das taten wir auch. Erstmals seit unserer Rückkehr besuchten wir ein Gartenrestaurant und genossen Spargel mit einem Glas Weissen. Wir waren auf dem Randen, an der Thur und erkundeten die Hügel um unser Dorf. Eitel Sonnenschein also – so könnte man meinen. Und dann…

…schaut man aus dem Fenster und sieht wie die Fichten im gegenüberliegenden Wald gleich hektarweise verdorren – die letzten beiden Dürresommer lassen grüssen, die Klimakrise ebenfalls. Dann schleicht sich die Dummheit auch noch in den engsten Bekanntenkreis – in Gestalt eines bekennenden „Eidgenossen“ (mit italienischen Pass) und SVP-Wählers – der meint, weil er eine Uniform trage hätte er Sonderrechte und können nun wieder auf Schnäppchenjagd ennet der Grenze. (er wurde übrigens gestoppt!). Von den Horrorbildern im Fernsehen und dem Wahnsinn eines gewissen Herrn Trump bräuchte ich gar nicht zu schreiben. Es macht nur fassungs-, sprach- und hoffnungslos.

Mit den Worte meines betagten Vaters im Ohr: „Hat Amerika den Schnuppen, so hat der Rest der Welt eine Lungenentzündung„, sitzt man ungläubig vor der Flimmerkiste und sieht dem langsamen qualvollen Mord eines Menschen zu. Der Mord an einem unbescholtenen schwarzen Amerikaner, vor laufender Kamera, ist das Eine – was daraus folgt das Andere. Erschütternd sind nicht die Demonstrationen in über 140 amerikanischen Städten oder die Plünderungen und Brandstiftungen. Solche Reaktionen gabe es auch schon früher, in vielen ähnlich gelagerten Fällen. Rassismus und Gewalt gegen Schwarze ist auch nicht erst seit dem 25. Mai 2020 gelebter Alltag in den USA (und selbstverständlich auch anderswo). Erschütterrnd ist das sich seit Jahrzehenten nichts ändert, erschütternd sind aber auch die 1,9 Millionen Covid-Infizierten und 108’000 Toten in diesem so hochentwickelten Land, die 40 Millionen Arbeitslosen, die Autoschlangen vor den Essensausgaben, die abgrundtiefe Kluft zwischen Arm und Reich – und immer trifft es die Nicht-weisse Bevölkerungsgruppen überproportional.

Das wahre Drama, welches auch uns hier im fernen Europa trifft, spielt sich jedoch in der politischen „Elite“ ab. Dass der derzeit amtierende Präsident nicht alle Tassen im Schrank ist, ist vermutllich hinreichend bekannt. Dass er mit komplexen Situationen seine liebe Mühe und ausser Erpressung, Drohungen und Gewalt keine Antworten hat, hat er schon mehrfach bewiesen. Weltmeisterlich ist er nur in einer einzigen Disziplin. Er findet instinktsicher Schuldige. Alle ausser ihm, sind Idioten. (das denkt übrigens der Geisterfahrer auf der Autobahn auch). Bei Corona ist es die WHO und China, bei den Unruhen die ominöse „Antifa“ (ausgedeutscht die sog. Antifaschisten – eine Organisation, die es so gar nicht gibt – meinen tut er damit vermutlich die Demokraten) und für den Niedergang der Amerikanischen Wirtschaft die Chinesen, Huawei und die Linken. All das ist den Amerikanern, wie dem Rest der Welt seit Beginn seiner Amatszeit vor 3 1/2 Jahren sattsam bekannt – soweit, im Westen nichts Neues.

Soweit, so bersorgniserregend. Die Hoffnung konzentriert sich darum einzig noch auf Dienstag den 3. November – dem Tag wo in den USA gewählt wird. Ein anderes Rezept gegen den Despoten ist weit und breit nicht in Sicht. Doch bereits werden ernstzunehmende Stimmen laut, die vor einem „Staatsstreich“ warnen. Also der Möglichkeit, dass Mister Twitter eine sich abzeichnende Niederlage nicht akzeptieren würde. https://www.spiegel.de/netzwelt/web/donald-trump-seine-strategien-fuer-den-staatsstreich-kolumne-a-ab1efdca-874c-4af9-9a02-2241be3467c1?fbclid=IwAR3DLA4rP2pvOFlI3j8h8wvnP0H7O6YnZdzkSBRaegDkmwkN7kp_nZ4Zhfc. Ein Bürgerkrieg wäre so sicher, wie das Amen in der Kirche. Als Profi-Twitterer braucht er einen einzigenTweet und seine bewaffenten Rednecks marschieren los. Dass er dieses Szenario in Erwägung zieht, ist offensichtlich.

Auf die Parteien zu setzen ist ziemlich verwegen. Die Demokraten treten mit einer blassen Figur (Joe Biden) zu den Präsidentschaftswahlen an – Aufbruchstimmung, sieht anders aus – und die Republikaner ducken sich weg. Ein/e jede/r hat Schiss sich mit dem allmächtigen Trumpeltier anzulegen – es wäre ihr/sein politisches Ende. Auf die Gerichte ist ebso wenig Verlass – das Oberste Gericht wurde schon beizeiten mit trumptreuen Speichelleckern besetzt. Bleibt noch die „Strasse“ (also die Zivilgesellschaft) und (vielleicht) das Militär, welches sich weigern könnte, auf das eigene Volk zu schiessen. Immerhin gehen ranghohe Militärs auf Distanz zum Wahnsinnigen im Oval Office. https://www.saechsische.de/trump-bringt-sogar-militaers-gegen-sich-auf-5211084.html. Auf jeden Fall darf man sich gar nicht ausmalen, was es bedeuten würde, wenn das Land in einem Bürgerkrieg versinkt und das Atomwaffenarsenal in die Hände wahnsinniger Milizen fällt. Spätestens dann, sind auch wir ganz direkt betroffen. Bleibt uns also nur die Hoffnung, dass es nie soweit kommt.

19.05.2020: Jämmerlich

Wer dieser Tage das Weltgeschehen verfolgt könnte leicht den Glauben an die Zukunft verlieren. Als Erfolgsrezept steht „Jammern“ unangefochten an der Spitze, gegen Krise und drohende Rezession. Sei es auf der Strasse, in den Sozialen Medien oder der grossen Politik – gehört werden jene, die am lautesten schreien und/oder apokalytische Horrorszenarien an die Wand malen. Da ist es wohltuend mitten in der Kakophonie positive Beispiele zu finden. Beispiele von Menschen die Handeln. Mehr dazu in meinem Wochenblog „Jämmerlich“

Ein jämmerliches Bild

In Basel feieren sie schon Party, in Bern geben sich die Erweckten und Hobby-Virologen mit den Braunsocken ein Stelldichein, die Coiffeure schneiden seit zwei Wochen wieder Haare, Musiker und Schauspieler nagen am Hungertuch, der Tourismus erlebt sein Armageddon, während die Menschen in Manaus wie die Fliegen sterben, in Indien Hundertausende hungern und Verzweifelte in Santiago de Chile den Aufstand proben. Wir schreiben das Jahr 2020 und POTUS Trump schluckt prophylaktisch ein Malaria-Medikament gegen ein Virus, das es gemäss Bolsonaro gar nicht gibt.

Während also die privilegierte Minderheit jammert und sich verraten und beschissen fühlt, kämpft die Mehrheit ums Überleben und verantwortungslose Politiker veranstalten ein tötliches Trauerspiel vor unserer aller Augen. Einmal sind die Chinesen schuld, dann die WHO und das Geschachere um einen inexistenten Impfstoff schreit zum Himmel. Hiess es einmal „Vertrauen ist unser grösstes Kapital„, so wird dieses gerade schlagzeilenträchtig auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ersetzt wird dieses durch Drohungen, Erpressung, Lügen und die Macht des Stärkeren. Wohin das führt, lehrt uns die Geschichte.

Es ist erschreckend zu realisieren, dass zwei Monate Pandemie – bzw. gedrosselter Wirtschaft – genügen, um unser System ins Wanken zu bringen. Zwei Monate eingeschränkter Konsum, zwei Monate gebremste Mobilität, zwei Monate gesperrte Grenzen und wir stehen vor einer Pleitewelle und einer nie gekannten Rezession. Wo bleiben eigentlich die Reserven? Wo nur noch Gewinne für anonyme Aktionäre, Hedgefonds, Investoren und Pensionskassen zählen, ist das eine rethorische Frage. Sie wurden offensichtlich im Börsencasino verspielt oder in Betonburgen gegossen. Von unternehmerischer Verantwortung, Innovationsgeist und „Chance in der Krise“ ist derzeit wenig zu spüren. Lieber jammert man die Medienkanäle voll und pumpt den Staat um Kredite an. Auch die Wirtschaftselite: ein einziges Trauerspiel.

Das Schlimmste: Wir wüssten (eigentlich) alle was zu tun ist. In seinem Buch „Alles könnte anders sein“ bringt es Harals Welzer auf den Punkt. Machen statt Jammern. Jammern ist die Rechtfertigung für das Nichts-Tun. Egal ob jetzt in (bzw. nach) der Coronakrise, im Klimaschutz oder dem Umbau der wachstumsbesoffenen Wirtschaft. Thomas Piketty bringt uns das Dilemma in seinem neusten Buch „Kapital und Ideologie“ auf den Punkt. Wir stehen uns selbst im Weg. Wahrlich ein Jammertal.

Um nicht auch noch in Trübsal zu verfallen, habe ich mich auf die Suche nach positiven Beispielen gemacht. Frei nach Jeremias Gotthelfs Motto: „Im Hause muss beginnen, was leuchtesoll im Vaterland“ wurde ich auch schnell fündig. Es sind nicht die grossen Welterrettungsprogramme, die uns vorwärts bringen, es sind die kleine Dinge, die wir (auch tatsächlich) tun.

Da gibt es einen Surfer und Snowborder namens David Hablützel aus Zumikon. Beim Surfen auf dem Atlanik war nicht nur Wasser unter seinem Surfbrett, sondern immer mehr Platikmüll. Darüber kann (und soll) man sich aufregen. Er aber handelt(e). Kurzerhand gründete er zusammen mit zwei Kollegen eine Firma, die aus diesem Abfall Socken fertigen soll. Zwei Jahre haben sie getüftelt – nun soll es losgehen. Socken aus Plastik. Gesammelt von spanischen Fischern, gesponnen und verarbeitet in Europa (Portugal). Da ist alles drin, was zu einem innovativen, nachhaltigen Projekt gehört. Wer die Firma unterstützen will, hier der Link: www.oceanplastic.fnd.to/tealproject

Oder ein anderes Beispiel – in Brüssel, aber auch anderen Städet (Paris, Barcelona, Rom etc.) wird gerade der innerstädtische Verkehr umgebaut. Aus Angst vor einer Ansteckung meiden viele Bewohner den öffentlichen Verkehr und steigen aufs Velo um. Diese „Chance“ nutzt jetzt z.B Brüssel und macht ihre Stadt verlofreundlich. SRF berichtete darüber:

Brüssel – Immer «Grün» für Radfahrer und Fussgänger: Neue Verkehrsschilder, neue Farben am Boden und neue Regeln im Strassenverkehr. In der belgischen Hauptstadt Brüssel haben in der Innenstadt Fussgänger und Velofahrer neu Vortritt vor den Autos. Seit dem 11. Mai sind die Ampeln in der Innenstadt ausgeschaltet, Vorfahrt haben nur noch die Trams. Nicht ganz ohne Gegenwind haben der Brüsseler Bürgermeister Philippe Close und sein Kabinett die Corona-Krise für diese zurzeit noch temporäre Verkehrswende genutzt. Was sich aber auch mit diesen neuen Regeln in der Stadt nicht geändert hat: Für die wackligen Kopfsteinpflaster braucht man nach wie vor eine gute Federung, wenn man die Velofahrt unbeschadet überstehen will.

Wo machen eigentlich die Schweizer Städte?

06.05.2020: Grenzerfahrungen

Wie könnte es anders sein – einmal mehr die Corona-Pandemie. Ja – das politische Theater, welches zur Zeit darum veranstaltet wird auch. Es geht aber um unseren Alltag und unser Zusammenleben im Corona-Zeitalter. Grenzerfahrungen aus denen wir lernen (.sollten)

An der Grenze zu Deutschland, Mai 2020

Wie wahrscheinlich alle, habe auch ich die Nase voll von Corona und deshalb wollte ich diese Woche einmal über etwas anderes schreiben. Themen hier und auf der Welt gäbe es wohl genug. Klimakrise, Arm und Reich, Gift im Wasser, Bienensterben oder das Verhältnis der Schweiz zu Europa lassen sich vom Corona-Virus kaum beeindrucken. Und nur weil etwas nicht als Schlagzeile in der Presse steht, heisst es nicht, dass es nicht existiert. Im Gegenteil – im „Verborgenen“ entwickeln sich oft die Probleme, die uns morgen beschäftigen.

Leider nimmt das Virus keine Rücksicht auf unsere Befindlichkeiten und Absichten und belastet auch unseren Alltag. Dabei stressen uns weniger die empfohlenen Massnahmen oder die geschlossenen Beizen – deren Sinn wir ja einsehen – Sorgen machen uns die politischen Begleiterscheinungen, sowie der Umgang mit den unterschiedlichen Ansprüchen und Verhaltensweisen.

Über die zahlreichen kruden Verschwörungstheorien, die in den Sozialen Medien und auf der Strasse herumgereicht werden, brauche ich mich nicht mehr auszulassen. Diese werden (zum Glück) auch von der „seriösen“ Presse thematisiert und zur Diskussion gestellt. Heikel wird es jedoch dann, wenn sich aus einer abstrusen Behauptung und FakeNews Handlungsmaximen entwickeln und z.B auf Abstandsregeln gepfiffen und Versammlungsverbote ignoriert werden.

Doch nicht genug, dass es welche gibt, die sich um solche Regeln futtieren, sie werden auch noch durch politische Parteien gestärkt, die das Virus wie einen lästigen politischen Gegner behandelt und meinen man könne diesen mit Mehrheiten im Parlament, abstrusen Forderungen oder dem Druck der Strasse besiegen. Was in der Klimakrise zu funktionieren scheint – Experten negieren, beschimpfen und Feindbilder (Greta, Grüne und Linke) basteln – soll es auch in der Pandemie richten. Ein gefährlicher, wenn nicht gar tötlicher Trugschluss. Der Unterschied: Die Klimakrise lässt sich „verdrängen“, da sie sich schleichend entwickelt – ein Virus entwickelt sein Potenzial deutlich schneller. Das die Sorgen der Wirtschaft ernst zu nehmen sind, ist unbestritten. Diese über das Leben von Tausenden zu stellen, halte ich für inakzeptabel.

Stress

Letzten Sonntag haben wir unseren Enkeln (im Teeniealter) zeigen wollen, was geschlossene Grenzen konkret bedeuten. Hier an der Grenze zu Deutschland materialisiert sich der ganze Spuk besonders deutlich und begleitet uns tagtäglich. Nicht nur, dass die Armee ständig über unser Dorf fliegt und Ausschau nach „illegalen“ Grenzübertritten hält – auch die unterbrochenen Buslinien, die geschlossenen Tankstellen und die Betonblöcke mitten in den Strassen zeugen von der Ausnahmesituation. Wer von geschlossenen Grenzen träumt, wie zum Beispiel die $VP, soll doch bitte mal einen Blick auf die Grenze werfen – es ist ein trauriges Bild. Schon fast rührend war es dann am Sonntag, als sich Verwandte, Bekannte und Freunde an den Betonblöcken und Absperrgittern besuchten um einen Schwatz zu halten oder um sich einfach wieder einmal zu sehen. Es war nicht nur für unsere Enkel beklemmend und beeindruckend zugleich.

Wirklichen Stress aber machen uns all die unterschiedlichen Meinungen, Ansprüche und Haltungen, mit denen wir konfrontiert werden. Die Verhaltenspalette reicht von locker-legere, über vorsichtig-zurückhaltend bis penibel-übertrieben. Welche Haltung ist nun die Richtige? Stösst man Freunde und Familie vor den Kopf, wenn man ein anderes Verhalten einfordert? Wo liegt die Toleranzschwelle. Welche Haltung nehme ich (wir) ein und wie kommunizieren wir das? Wir geben es zu, wir haben den goldenen Mittelweg noch nicht gefunden und ringen jeden Tag mit neuen Ansprüchen und Verhaltensweisen. Wir wissen instinktiv, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist – wie aber auf jemanden reagieren, der sich genau davon leiten lässt? Genau so gefährlich das Gegenteil – wie reagiere ich auf Menschen die mir zu nahe kommen und auf Abstandregeln pfeiffen? Ängste ernst nehmen und respektieren – ja, den Lockdown-Überdruss – auch. Sich dazwischen zurecht zu finden, ohne sich selbst zu verleugnen, Freunde zu bruskieren oder gar Freundschaften zu riskieren, ist der eigentliche Stress. Manchmal wünschten wir, wir können zurück auf unser Schiff und weit draussen im Ozean die Krise aussitzen. Traümen ist zum Glück noch erlaubt.

30.04.2020: Landkrank

Seit einer Woche sind wir zurück von unserer langen Seereise und sind „landkrank“. Nein, nicht weil der Boden wankt, sondern die Welt, wie wir sie kannten. Wir wussten zwar aus den Schlagzeilen um den Lockdown – ihn zu erleben, ist aber eine andere Sache. Als Coronagreenhorns tappen wir von Fettnapf zu Fettnapf. Aber lest selber – Landkrank.

Rarotonga

Früher sprach man vom Matrosengang, wenn diese nach langen Wochen und Monaten endlich Land betraten. Breitbeinig suchten sie Halt auf dem schwankenden Boden – auch wenn dieser nun fest war – für sie schien er immer noch zu schwanken. Landratten ergeht es so, wenn sie auf einem Schiff sind – nur ist dort das Schwanken real. Seekrankheit ist nicht umsonst gefürchtet. Landkrankheit kennt dagegen kaum jemand. Übelkeit auslösen können aber nicht nur schwankende Böden – egal ob real oder eingebildet.

Wir wussten, dass wir in eine andere Welt zurückkommen, als die, die wir im Januar verlassen haben. Selbst in den fernen Weltmeeren blieb uns Covid-19 und der Lockdown nicht verborgen. Wir hatten auch genügend Zeit uns mental darauf vorzubereiten. Zu meiner grossen Überraschung war die Realität – also das Alltagsleben – zumindest hier auf dem Dorf, nicht so gespenstisch wie befürchtet. Die neuen Regeln des Zusammenlebens sind einfach und schnell gelernt. Abstand halten ist zwar komisch, aber auch kein Beinbruch. Ein Schwatz über die Gartenhecke und ein gemeinsamer Spaziergang ums Dorf können wir immer noch geniessen. Und das Desinfizieren vor dem Betreten eines öffentlichen Raums haben wir ja gelernt. Jetzt nicht mehr vor dem Buffet, dafür vor der Migros.

Man könnte also denken: Alles ok – alles halb so schlimm. Leider habe ich mich einmal mehr getäuscht. Nein, nicht dass jede/r anders mit der Situation umgeht – das liegt in der Natur der Sache – sondern der Rückfall ins tiefste Mittelalter. Man könnte fast meinen man wäre im Venedig des 14ten Jahrhunderts und die Pest in der Stadt. Es ist als wären sieben Jahrhunderte einfach so verschwunden – ausgelöscht – getilt! Der einzige Unterschied – die Pest hat einen anderen Namen, sie heisst jetzt Corona.

Corona ist ja bestenfalls eine leichte Grippe – gibt es gar nicht- ist eine Erfindung von (wahlweise WHO, Chinesen, Bill Gates) – eine Strafe Gottes – bis zu – die Alten sterben so oder so – das hilft die AHV zu sanieren – sperrt die Alten weg – oder – zeig mir mal einen der an Corona verstarbder Staat schafft die Demokratie ab, will uns alle nur überwachen und errichtet eine Diktatur, ist alles zu finden. In den Sozialen Medien, erschreckenderweise aber auch bei Bekannten. Selbst Anti-Corona-Lockdown Demonstrationen fehlen nicht – in Amerika sogar bewaffnet – unterstützt vom Gejaule der wirtschafts-liberalen Parteien. Derweilen warnen die Experten vor einer zweiten Welle. Fehlen eigentlich nur noch jene die sich selber geisseln oder „Judenviertel“ stürmen ….. Aber Halt! Auch das gibt es. Statt sich zu geisseln, futtiert man sich um Abstandsregeln und anstelle der Juden sind wahlweise „die“ Ausländer, Chinesen oder die „Experten“ schuld. Mittelalter im 21ten Jahrhundert. 700 Hundert Jahre weg, aus und vergessen.

Ich reibe mir die Augen und wähne mich im falschen Film. Anfangs hatte ich noch den naiven Glauben, aufklären und diskutieren würde etwa ändern – musste aber schnell die Segel streichen. Im Gegenteil! Resistent gegen jegliche Vernunft und wissenschaftliche Erkenntnisse und überzeugt es besser als alle Virologen und Epidemologen dieser Welt zu wissen, werden Fakten uminterpretiert, als Fake-News verschrien oder jegliche Massnahme der Regierung als persönlichen Angriff auf die individuelle Freiheit, mit dunklen Absichten, interpretiert. Onkel Donalds Krieg gegen die Zivilisation trägt auch bei uns Früchte. Es ist zum Fürchten!

Der Boden unter unseren Füssen schwankt. Es ist Zeit für einen Landgang.