11.12.2020: Schrödingers Katze

Woche für Woche beschäftigt mich die Frage: Gibt es noch irgendetwas anderes als Corona oder etwas, dass sich gut anfühlt oder sich gar verbessert hat. Doch fast jede Woche scheitere ich. Diesmal habe ich sogar meine Bubble auf Facebook um Vorschläge gebeten. Von Fussball (vom Klöppeln hätte ich wahrscheinlich mehr Ahnung), bis zu Marias unbeflekter Empfängnis (nicht zu verwechseln mit ihrer ewigen Jungfräulichkeit) war alles dabei. So entschied ich mich für „Schrödingers Katze“ – will heissen jenes Paradox, bei welchem je nach Sicht, etwas tot oder lebendig ist. Ein Zustand, der unsere aktuelle Lage perfekt beschreibt.

Mit besagter „Katze“ lässt sich die gegenwärtig Pandemiebekämpfung, als auch der bunte Strauss an mehr oder weniger verwirrenden, kantonal verordneten Massnahmen, perfekt beschreiben. Sie existiert und tut es doch nicht! (Ja, ich weiss, ich wollte nichts über Corona schreiben – Corona hat es anders gewollt). Ebenso passt es zur fehlenden Verantwortung für den sich anbahnenden Schlamassel und dessen Folgen. Ist es nur ungeschickte Kommunikation, nicht geregelte Zuständigkeiten oder aber eine Hidden Agenda (geheimer Plan), die zu diesem offensichtlichen Systemversagen führen? Böse gesagt (und schon beinahe verschwörungstheoretisch): Will da jemand die AHV sanieren, indem er die Alten sterben lässt (bisher geschätzte 100’000’000 CHF.pro Jahr) oder geht es „nur“ darum das Portemonee der Begüterten, vor drohenden Steuererhöhungen, zu schonen? Wir wissen es nicht! Es ist ein klassisches Dilemma. Was wir auch annehmen, es löst sich vor unseren Augen auf und verkehrt sich ins Gegenteil.

Was wir aber seit Wochen wissen: Was da verordnet oder eben nicht verordnet ist, genügt nicht. Für einmal versagt der freundeidgenössische Kompromiss aufs Kläglichste. Das Virus will und will ums Verrecken nicht verhandeln und zieht ungestört seine zerstörerische Bahn durch Kantone, Gemeinden und Heime. Unbeeindruckt von allen halbherzigen Massnahmen, verharren Infizierte, Hospitalisierte und Tote auf beängstigend hohem Niveau. Wir beobachten life und in Farbe, wie ein System vor unser aller Augen kollabiert.

Um zu verdeutlichen was ich mit Systemversagen meine – ein aktuelles Beispiel aus meiner engsten Familie: Seit Dienstag ist meine Enkelin in Quarantäre. Mehrere Schüler ihrer Klasse haben sich offenbar mit dem Virus angesteckt und sind positiv getestet. Angeblich gilt aber einer der Schüler bereits wieder als genesen, da er bereits vor 10 Tagen Symptome hatte, um die sich aber niemanden kümmerte. D.h. niemand wurde informiert und die Schule unternahm nichts. Getestet werden die Schüler auch jetzt nicht – zu Hause bleiben soll genügen. Lehrer*in und Schulleitung sind sich, auf Nachfrage, nicht einig ob nun getestet werden soll oder nicht. Auch Geschwister und Eltern hängen in der Luft. Ein Telefon beim kantonsärztlichen Dienst war ebenso erhellend. Kann man – kann man auch nicht – soll man – weiss man nicht – sinnvoll ja oder auch nicht – keine Ahnung – bleiben sie zu Hause….schreiben sie dem Kantonsarzt eine eMail. Fazit: Zuständig fühlt sich niemand – es ist zu vermuten, weil niemand die Verantwortung übernehmen will. Übrigens die gleiche Erfahrung, welche meine betagten Eltern vor über einem Monat, in einem anderen Kanton, machen mussten. Hätte mein 96-jähriger Vater (mit Symptomen und Hochrisikopatient) nicht geflucht und getobt im Ärztezentrum, wäre er nicht (übrigens positiv) getestet worden. Selbst dieses Ergebnis ging sowohl Arzt wie Gesundheitsbehörden so ziemlich am A**** vorbei. Es hat schlicht niemanden gekümmert. Meine betagten Eltern blieben allein gelassen – ohne ärztlichen Beistand. Zum Glück blieb es bei leichten Symptomen. Kurz gesagt: Was uns erzählt wird und was in der Praxis abgeht, findet in zwei verschiedene Welten statt. Etwas existiert und existiert doch nicht. Und jetzt soll mir jemand sagen, wie man das Vertrauen in ein solches System nicht verlieren soll. Alle Betroffenen sind ausser frustriert, noch frustriert.

Einfach mal all den gewählten Politikern, Beamten und wer sich auch immer angesprochen fühlt, ins Stammbuch geschrieben: Wundert euch nicht, wenn ihr auch noch den letzten Rest an Vertrauen verliert, wenn ihr abgewählt werdet und wenn sich kein Mensch mehr für eure Verlautbarungen interessiert. Was ihr hier bietet ist schlicht eine SCHANDE! Man könnte es sogar als Arbeitsverweigerung bezeichnen. Langsam verstehe ich sogar die Querdenker und Covidioten. Nicht weil diese Recht hätten – im Gegenteil – sondern wegen ihres Misstrauens. Denn dieses ist mehr als berechtigt. Nicht weil es eine Verschwörung gibt, das Virus angeblich nicht existiert oder die verhängten Massnahmen überflüssig wären, sondern weil zuwenig gemacht und zu spät gehandelt wird! Wenn man seine Legitimität dermassen verspielt, muss man sich um den Schaden nicht wundern. Und dieser ist bereits in grossem Umfang angerichtet. Wenn sich nur noch 50% der Bevölkerung gegen dieses Virus impfen lassen will, weil sie weder Pharma, Ärtzen noch der Politik vertraut, haben wir alle ein Problem. Freuen tut sich einzig der stille Profiteur im Verborgenen – das Virus.

Das Tragische: Statt die Erfahrungen in immer wirksamere Massnahmen umzusetzen, wird die Situation von Woche zu Woche schlimmer und die Sorgenfalten des Gesundheitsministers tiefer. La situation est grave! Offensichtlich ist dieser aber entweder Gefangener einer geheimen Lobby – wer weiss es schon – der bürgerlichen Konkordanz oder der Kantone, denn wie anders lässt sich sonst erklären, dass ausser: „Wir sind besorgt, wir beobachten und schauen dann nächste Woche„, seit 2 Monaten kaum mehr Substanzielles aus seinem Munde kommt? Und wenn was kommt, ist es bestenfalls Kosmetik. Effekt: Alle sind verärgert und die Spitäler füllen sich. Ist er nun Gesundheitsminister – und damit per Definition und Jobdescription, für unsere Gesundheit zuständig – oder trägt er diesen Titel nur zum Schein? Konsequenterweise müsste er zurücktreten, wenn er seinen Auftrag nicht mehr erfüllen kann. Ist er eventuell sogar „Schrödingers Katze“? Gibt es ihn oder gibt es ihn doch nicht? Das gleiche gilt auch für zahlreiche kantonalen Gesundheitsdirektoren, die sich bestenfalls dann bewegen, wenn ihnen der Gewerbeverband grünes Licht gibt (sinngemässes Zitat des unsrigen: …in enger Güterabwägung mit dem Gewerbeverband…). Die Vermeidung von Kosten zu Lasten der Staatskasse hat unter allen Umständen Priorität, ist die nicht erklärte, aber praktizierte Leitlinie – anders lässt ich diese Politik nicht interpretieren. Überhaupt stellt sich die Frage, weshalb man den Kantonen die Verantwortung übertrug. Wahrnehmen tut sie die wenigsten. Auch sie warten lieber ab.

Was auffält sind die Brüche, welche diese Krise offenbart. Man wähnt sich im falschen Film und reibt sich die Augen. Da lassen die selbsternannten (und bisher anerkannten) „Wirtschaftsvertreter“ (von $VP bis GLP) ihre Kundschaft (speziell die KMU) im Regen stehen, während sich die angeblich wirtschaftsfeindliche SP und die Grünen mit Vehemenz für deren Rettung und Unterstützung einsetzen (Erlass der Geschäftsmieten, Unterstützungsprogramm etc.) – werden aber regelmässig überstimmt. Auch die Brüche zwischen Bundesrat und den Kantonen wirft ein fahles Licht auf unseren hochgelobten Föderalismus – ein Schönwetterkonzept, welches in der Krise schlicht versagt. Und zu guter Letzt, die Konkordanz im Bundesrat, die immer mehr Risse offenbart. Die Kakaphonie der bürgerlichen Parteien muss nicht einmal mehr speziell erwähnt werden – sie ist einfach nur noch peinlich. Die Nachwirkungen dieser Krise dürften tiefgreifender sein, als bisher geahnt. Der Vertrauensverlust ist das eine, das Versagen des Systems und seiner Institutionen das andere. Der Schaden ist auf jeden Fall angerichtet – aber vielleicht – so ist zu hoffen – ist es auch eine Chance.

Weihnachten steht vor Tür. Wie jedes Jahr überladen mit Erwartungen und Sentimentalitäten. Diesmal aber nicht unter dem Stern von Bethlehem, sondern unter Corona. Distanz ersetzt Nähe, Angst und Vorsicht die Freude. Selbst die Hoffnung auf eine baldige Impfung ist angesichts der verbreiteten Impfskepsis getrübt. Die „Katze“ schlägt auch hier unbarmherzig zu: Es gibt eine Impfung, deren Zulassung steht noch aus, deren Wirkung steht noch in den Sternen, wann wer geimpft werden soll ebenfalls und wenn es soweit ist, verweigert die Hälfte den Pieks – das Virus freut‘s. Wir haben also eine Impfung und doch keine – eine Pandemie und doch keine, Massnahmen und doch keine und Weihnachten und doch keine. Willkommen in Schrödingers Welt.

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