18.12.2020: Offenbarung

Keine Angst, die Offenbarung des Johannes, gemeinhin als Apokalypse bekannt, steht heute nicht zur Debatte. Auch wenn der apokalyptische Reiter mit der Sense, der zur Zeit im Galopp durch Dörfer und Städte zieht, dies nahe legen würde. Die Exegese (Auslegung) der Bibel überlasse ich lieber der theologischen Zunft und konzentriere mich stattdessen auf weltliche Belange, die zur Zeit mehr offenbaren, als die düstersten Prophezeiungen der Bibel. Wer die Augen offen hält und sich nicht nur mit dem Kleinklein des politischen Gezänks um Lockdown oder Nicht-Lockdown beschäftigt, dem zeigt sich ein Bild, dass einer Offenbarung gleicht. Nachstehend meine „Heurekas“ der Woche.

Was sich wie ein Erfolg anfühlt, entpuppt sich nur allzuoft als Pyrrussieg. So zum Beispiel der grüne Erdrutschsieg bei den Nationalratswahlen vom letzten Herbst. Bilanz nach zwölf Monaten: Ernüchterung. Im Siegestaumel wurden die wirklichen Machtverhältnisse, wie so oft, wieder einmal übersehen. Die Wirtschaftslobby regiert unbeeindruckt und ungehindert weiter. Das Resultat erleben wir ganz konkret – tagtäglich. Profit vor Gesundheit, Wirtschaft vor Umwelt und Reich vor Arm. Statt Lockdown und ernsthafter Pandemiebekämfung werden Brancheninteressen bedient. Statt CO2 zu reduzieren, ergreift die $VP im Namen von swissoil und Ölscheichs, das Referendum und der Bauernverband sorgt dafür, dass Pestizide weiterhin unser Grundwasser vergiften dürfen. Einzig die Väter dürfen nun, dank einem Volksja zum Vaterschaftsurlaub, zwei Wochen zu Hause bleiben. Das Polittheater dient ganz offensichtlich mehr der Ablenkung, als uns Wählern. So können die Interessen der Wirtschaftslobby ungestört bedient werden. Das ist zwar nicht neu, war aber selten so deutlich.

Wir wähnten uns in der besten aller Welten. Reich, zivilisiert, demokratisch, mit einem Hang zum Perfektionismus. Wir waren/sind ein Sonderfall – immer von der Sonne beschienen. Niemand kann und konnte uns das Wasser reichen. Arrogant blickten wir auf die Unzulänglichkeiten unserer Nachbarn. Und seltsamerweise wurden wir für diese Arroganz auch noch bewundert. Jetzt offenbart aber ein fieses Virus, auf welch wackligem Füssen unser Sonderfall ruht. Das teuerste Gesundheitssystems Europas steht vor dem Kollaps. Überfüllte Spitäler (IPS), überlastetes Personal, Patienten auf Wartelisten und Hilferufe von verzweifelten Spitaldirektoren. Nichts scheint mehr zu funktionieren. Weder das Contact-Tracing noch die verfügten Massnahmen. Das föderalistische System der geteilten Zuständigkeiten und Verantwortung, entpuppt sich als Schönwetterkonzept. In der Krise versagt es kläglich. Besonders peinlich: Mitreden wollen alle, um die Verantwortung aber drücken sie sich. Beispiel gefällig? Natalie Rickli (Gesundheitsdirektorin des Kanton Zürich) fordert lautstark die Schließung von Restaurants und rügt dafür den Bundesrat. Wieso verfügt sie selber keine Schliessungen? Eine peinliche Show! Fakten schafft in der Zwischenzeit nur das WEF. Es flieht nach Singapur. Wenn aber selbst die Weltelite das Vertrauen in unser System verliert, sollten wir uns wirklich ernsthaft Sorgen machen.

Wie sind und waren wir doch stolz auf unsere Bildung, die Aufklärung und die Wissenschaft. Und hier spreche ich nicht nur von der Schweiz Eng verbunden damit: Unser Wohlstand. Aberglaube, Quaksalberei und religiöse Dogmen überliess man einigen Spinnern – Logik und Vernunft triumphierten. Dachten wir – und dann kamen Trump, die Klimakrise und Corona und aus den Löchern krochen all die Totgeglaubten. Plötzlich ist die Lüge wieder salonfähig, Behauptungen Fakten und Betrug Wahrheit. Wissenschaft ist des Teufels und bisher gesichertes Wissen in Frage gestellt. Scharlatane und Wirrköpfe feiern ein Comeback ungeahnten Ausmasses. Impfgegner*innen, Esoteriker*innen, Hakenkreuzträger und Jünger der absonderlichsten Verschwörungsmärchen proben Samstag für Samstag den Aufstand in den Innenstädten Europas und fluten die Sozialen Medien mit dem unglaublichsten Mist, den sich ein menschliches Hirn ausdenken kann. Man könnte weinen, wäre es nicht so ernst. Uralte Verhaltensmuster sind in der Krise offensichtlich stärker, als erworbenes Wissen. Wer bis anhin glaubte, uns schütze Logik und Vernunft, steht fassungslos vor den Abgründen, welche diese Krise öffnet. Unter Stress, greift der Mensch offensichtlich jeden Strohalm, wenn dieser Rettung verspricht. Bereitliegende Rettungsringe werden über Bord geworfen und gar als Teufelszeug verschrien. Besonders bitter: Diese Parallelwelt ist für Vernunft und Argumente kaum mehr zugänglich. Erschreckendes Beispiel: In den USA glauben 70% der Republikaner, Trump hätte die Wahlen haushoh gewonnen und Biden sei nur durch Betrug gewählt worden. 16% der Schweizer*innen glaubt, Corona existiere nicht oder ein Mittel um uns zu versklaven. Bildung ist pfui, Aufklärung ein Fehler und die Wissenschaft lügt. Es lebe das dunkle Mittelalter.

Der Mensch ist ein Egoist, heisst es. Allerdings wäre er ohne Kooperation längst ausgestorben. Das Mammut erlegen erfordert(e) Zusammenarbeit – ein Staat oder eine Firma ebenfalls. Und doch geniesst der ICHling (aka rücksichtsloser Egoist) allerorten allerhöchste Bewunderung. Ja, er dient sogar als Vorlage für unsere Ökonomen und ihre Theorien. Es gilt: Wenn jeder an sich selber denkt, ist an jede/n gedacht. Was das in der Krise bedeutet, sehen wir dieser Tage überdeutlich. Jede/r und jede Gruppe, jede Branche und jeder Club ist sich selbst der/die Nächste. Der Gewerbeverband und ihre Sockentruppe im Parlament, laufen Sturm gegen weitere Massnahen, während er ihre Mitglieder im Regen stehen lässt, wenn es um finanzielle Unterstützung geht. Weiss Geistes Kind sich hier Bahn bricht, kann man überall nachlesen. Ohne Scham heisst es: Lasst die Alten sterben, sie wären sowieso bald gestorben – lass uns dafür feiern, shoppen. skifahren und Profite machen. Wer jung ist und arbeitet, darf leben – unwertes Leben ist zu kostspielig. Profit vor Leben – Euthanasie 2.0 Ausgabe 2020 – dem Starken gehört die Welt.

Krisen klären auf. Krisen erfordern Entscheidungen. In Krisen offenbart sich der wahre Charakter von Menschen und Systemen. Ob wir daraus lernen, steht auf einem anderen Blatt Papier. Immerhin scheint es, als würden die demokratischen Institutionen die Trump-Krise überstehen. Welche Parteien und Politiker hier, die Pandemie überleben, muss sich noch zeigen. Ganz deutlich aber wird, dass Schönwetterkonzepte in der Krise nichts taugen. Genau so wenig wie Schönwetterpolitiker und Schönwetterreden. Von ewigem Sonnenschein mag der Bündner Tourismusdirektor träumen – wir tun trotzdem gut daran Dächer auf unsere Häuser zu bauen. Die nächsten Schlechtwetterfronten zeigen sich bereits am Horizont. Pleiten, Klima und eine gespaltene Gesellschaft verheissen Sturm. Wenn wir Corona als Lektion begreifen, wären wir gut beraten. Denn eine Prophezeiung kann ich wagen: Wenn wir diesen „Stresstest“ nicht bestehen, werden kommende Krisen zur Hölle.

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