Liebe Bauern

Seckeln im Kreis

Wieder eine Woche voller Hader. Die Themenwahl für meinen Blog scheint unendlich, und doch schleichen sich immer wieder die gleichen Themen ein. Das wäre langweilig. Deshalb mal was anderes: Ein Brief an die Bauern.

Aber weshalb, an die Bauern? Ganz einfach. Ich komme selber aus einer Kleinbauernfamilie und wohne Zeit meines Lebens in einer bäuerlich geprägten Umgebung. Ich masse mir also an, zu wissen, wovon ich schreibe. Und es gibt einiges zu sagen. Hier also mein „Brief an meine eigenen Leute“.

Liebe Bauern

Es steht wieder einmal ein Abstimmung vor er Türe. Wer es noch nicht gewusst haben sollte, fährt am besten durchs Zürcher Weinland, denn hier draussen auf dem Land, findet auf euren Rübenäckern und Stoppelfeldern, wieder einmal eine Schlacht um „unsere Zukunft“ statt. Dies ist zwar weder neu, noch besonders originell, dafür umso nerviger. Nein, nicht das mit Plakaten an den Strassenrändern Abstimmungspropaganda gemacht wird – das gehört zu einer Demokratie – wohl aber die Tatsache, dass ihr seit Jahrzehnten (fast) ausschliesslich Plakate und Parolen einer einzigen Partei in eure Wiesen pflockt. Nicht eingeweihte Zeitgenossen könnten beinahe auf den Gedanken kommen, sie reisten durch die alte DDR oder Weissrussland. Und es scheint euch auch egal zu sein, was da auf den Plakaten steht, wen ihr damit unterstützt, wen ihr damit beleidigt und welchen Interessen sie dienen. Einmal sind es Würmer, dann Insekten, Messerstecher, schwarze Schafe und aktuell sind es Ärsche. Wenn eure Lebensmittel, die ihr für uns produziert, auch so unappetitlich wären, hättet ihr schon lange keine Kundschaft mehr und eure Kartoffeln würden auf den Feldern verfaulen. Also oder trotzdem muss ich davon ausgehen, dass ihr das gut findet. Den Tatbeweis erbringt ihr ja auch bei den Wahlen und die Zusammensetzung der Gemeinderäte hier draussen ist Beleg genug dafür – ihr stellt die Plakate nicht nur auf, ihr glaubt auch dem Geschmiere!

Ich weiss – Bauern sind „konservativ„. Müssen sie auch sein, denn Landwirtschaft heisst auch bewahren (den Boden z.B.), heisst langfristig planen (alles braucht Zeit zum wachsen), heisst Tradition (vieles hängt von Jahreszyklen ab) und bedeutet Abhängigkeit (von den Launen der Natur und der, der Obrigkeit). Bauern waren jene, die den modernen Staat erst ermöglichten – auf eurem Rücken entstanden die ersten Staaten (Babylon, Ägypten, China usw.) – und der Adel lebte Jahrtausende von eurem Schweiss auf den Äckern. Und auch heute gibt es (noch) kein Essen, ohne Landwirtschaft. Ihr dürft also stolz sein auf eure Rolle und euer Tun. Ihr dürft vom Rest der Bevölkerung (das heisst die übrigen 98% *zwinker) sogar etwas Unterstützung und Sympathie erwarten. Diese misst sich zum Beispiel an den Subventionen, den Zöllen und den billigen Erntehelfern aus Osteuropa. Das wars dann aber auch! Denn zu eurem „Pech“ marginalisiert euch die Industrielle Revoultion seit 250 Jahren systematisch. Erst wurdet ihr von euen Äcker in die Fabriken oder nach Amerika getrieben (500’000 im 19ten Jahrhundert), dann in die Büros und in Zukunft möglicherweise in die Bedeutungslosigkeit. Und trotzdem rennt ihr jenen hinterher, die euch nach Strich und Faden belügen, missbrauchen und im Namen von „Heimat, Selbstbestimmung und Tradition“, bescheissen. Warum tut ihr das?

Ihr seid doch keine ungebildeten Hillbillys aus den Appalachen, die jedem zujubeln, der ihnen ein „grossartiges Land“ und eine „Vergangenheit als Zukunft“ verspricht. Ihr müsstet eigentlich am besten wissen, dass das nicht funktioniert. Geerntet wird morgen, nicht gestern! Was ich nicht verstehen will und kann: Warum setzt ihr eure und unsere Zukunft, für solche leeren Versprechen aufs Spiel? Denn leer, das sind sie!

Seht ihr die verdorrten Wälder nicht? Kämpft ihr nicht Jahr für Jahr mit mehr Wetterkapriolen? Was ist mit den Bienen und Insekten los, die wegsterben? Wer sitzt in den Gemeinderäten und forciert die Zubetonierung unserer Dörfer? Wer lobbyiert für noch mehr Strassen, noch billiges Benzin, noch mehr Autos und wer will Busbetriebe und Bahn zu Tode privatisieren? Wer spart Postfilialen, unter dem Vorwand mangelnder Rentabilität, weg ? Wer hofiert Internationalen Konzernen und lockt diese mit einem ruinösen Tiefststeuerwettbewerb ins Land (und mit ihnen ein Tross „Expats“)? Wer senkt die Steuern für jene, die schon im Geld schwimmen? … Ihr kennt die Antwort!

Hat diese Politik eine Zukunft? Löst sie irgendein Problem – z.B. die Klimaerwärmung, von der ihr, liebe Bauern ja ganz direkt betroffen seid? Das Referendum gegen das neue CO2-Gesetzt beweist das Gegenteil. Ebenso der neuste Streich – den (geplanten) Erlass der Mehrwertsteuer auf Benzin und Diesel. Oder eine moderne, den heutigen Verhältnissen angepasste Sozialgesetzgebung – z.B. einem Vaterschaftsurlaub? Auch da unterstützt „ihr“ ein Referendum dagegen. Ein Viertelprozent auf die Löhne wäre angeblich der endgültige Ruin eurer KMUs. Oder das leidige Thema EU. Wir liegen (dummerweise) mitten im grössten Wirtschaftsraum der Welt. Wir importieren über 70% unserer Waren aus dieser und exportieren 55% unserer Produkte dorthin. 1,5 Millionen EU-Bürger leben und arbeiten hier, fast 500’000 Schweizer leben und arbeiten dort. Und doch tut ihr so, als könnten wir auf diese 27 Staaten verzichten. Man pfeifft auf Abkommen und Verträge und will sie sogar kündigen. Vorgegaukelt wird uns eine (Schein-)selbständigkeit – in Wirklichkeit geht es um „billige“ Arbeitskräfte (die man nach Bedarf holen und heimschicken kann, wie einst die Saisonniers aus Italien) und um den Abbau des Lohnschutzes (Flankierdende Massnahmen). Denn, das schleckt keine Geiss weg – ohne Ausländer gäbe es weder genügend Ärzte, Pflegepersonal, Informatiker, Erntehelfer noch Gleisearbeiter und Reinigungspersonal. Und es wird nicht besser. Jahr für Jahr gehen mehr in Pension, als wir Kinder zeugen. Wir sind also dazu „verdammt“ neue Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen. Da ist die sog. „Begrenzungsinitiative“ bestenfalls ein Trugschluss, in Wahrheit aber eine brandschwarze Lüge. Mit ihr, gäbe es keinen einzigen Ausländer und keine Ausländerin weniger in der Schweiz, die (angeblich) unsere Strassen verstopfen.

Zu viel ist zu viel, steht auf „euren“ Plakaten. Dem stimme ich voll und ganz zu!

Zu viel CO2 in der Luft, zu wenig Windkraft und Photovoltaik. Zu viel Konsum, zu viel Müll und zu wenig Nachhaltigkeit. Zu viel Reichtum in zu wenig Händen. Zu viel Autos, zu wenig Radwege. Zu viel Pestizide, zu wenig Bio. Zu viel Profit, zu wenig Gerechtigkeit. Zu viel Egoismus, zu wenig Solidarität. Zu viel Lügen und zu wenig Ehrlichkeit.

Denn seien wir ehrlich, liebe Bauern (und jene die hinter obiger Politik stehen), wenn ihr und wir eine lebenswerte Zukunft haben wollen, müssen wir weg vom zu viel. Bevor wir es aber mit unseren Nachbarn verscherzen, sollten wir bei uns selber anfangen. Lügen helfen uns dabei nicht – schon gar keine Selbstlüge.

Ich freue mich in Zukunft deshalb auf viele bunte und vielfältige Plakate in euren Äckern. Solche ohne uns zu beleidigen und zu belügen. Und solche die uns den Weg in die Zukunft weisen!

Es grüsst freundlich – einer aus eurem Stamm

PS: Mit „man“ und „ihr“ sind nie Alle gemeint. Die Betroffenen wissen Bescheid.

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