14.05.2021: Überdruss

Im Moment wirkt alles ausgelutscht, abgenagt und ausgeweidet. Zu jedem Thema scheint alles gesagt. Selbst die Empörung ziert sich und will nicht mehr zünden. Es ist wie tagein tagaus Haferbrei. Irgendwann hat man es satt. Tote Hose – nix geht mehr. Egal ob Corona, seine Leugner, die Plakatorgie der Agrar- und Erdöllobby und erst recht die Raketen in Gaza und Tel Aviv, es langweilt – selbst dann, wenn Wut und Protest angesagt wäre. Zermürbung als Taktik um den Gegner weichzuklopfen. Denn irgendwann hört und sieht man weg, zuckt mit den Schultern und überlässt das Spielfeld den Nölern und Kriegstreibern. Forfait! Der Gegner jubelt, die Probleme schiessen ins Kraut und kehren doppelt so gross zurück. Genau dieses Tote-Hose-Gefühl begleitet mich seit Tagen. Grund: Ohnmacht.

Nichts mag mich richtig zu begeistern. Nichts aber auch wirklich zu ärgern. Selbst Herzensthemen, über welche ich sonst stundenlang debattieren kann, lassen mich kalt. Das Irritierenste aber, ich fühle mich weder depressiv noch traurig. Es reisst mich einfach nichts aus den Socken. Es ist als wäre plötzlich nichts mehr wichtig. Ich habe mir sogar überlegt meine News-Apps auf dem Handy zu löschen und Facebook und Co. tschüss zu sagen. Denn – und das ergab meine Kurzanalyse – es wiederholt sich gerade alles – bis zum Überdruss. Den Ausschlag gab für mich der erneute Gewaltausbruch in Israel. Die selben Bilder, die gleichen Drohungen, die selben Feindbilder und die alten Konflikte, wie vor 7, 12, 20, 30 und 50 Jahren. Der einzig messbare Fortschritt: Mehr und noch effektivere Waffen. Und ob ich dazu nun eine Meinung habe (habe ich natürlich), ist seit ebenso vielen Jahren völlig egal. Es kümmert niemand und nix. Ohnmächtig muss man zuschauen, wie zynische Akteure ihre Agenda auf Kosten und dem Buckel des Normalbürgers durchziehen. Die Motive: An der Macht bleiben. Die Methoden: Angst und Hass. Die Mittel: Mord und Terror. Das Ende: Voraussehbar.

Genau so voraussehbar wie die Politik der $VP, welche sich wieder einmal mehr der Angst bedient, um dringende Veränderungen anzustossen. Die Propagandaschlacht um die Trinkwasser- und Pestizidinitiative habe ich schon thematisiert. Sie operiert nach dem immer gleichen Muster: Angst, Untergang und Ruin. Den Gipfel der Unverschämtheit aber liefert diese Partei rund um das CO2-Gesetz. Da es – ausser der Kritik, dass das Gesetz zu wenig weit geht – kein vernünftiges Argument gegen griffige Massnahmen gegen die Klimaerwärmung gibt, müssen es einmal mehr Lügen richten. Lügen über angeblich horrende Kosten, geschröpfte Autofahrer, angeblich technische Lösungen, die keine sind usw. Was wirklich im Gesetz steht, ist egal. Hauptsache man bedient die Profitinteressen der Fossilen Lobby. Dafür wird auch die Zukunft Aller aufs Spiel gesetzt. Kurz gesagt: Der Sättigungspunkt ist erreicht – ich kann mich nur noch angewidert wegdrehen. Auch hier Überdruss und Ohnmacht.

Bleibt die Frage: Wie reagieren wir auf solches Gebaren? Reicht es sich weg zu drehen oder muss man Widerstand leisten? Wenn ja, aber wie? Richten es die besseren Argumente oder braucht es mehr? Wo aber eine gemeinsame Basis fehlt, ist eine Diskussion sinnlos. Wer die Existenz von Viren leugnet, kann mit allen Fakten dieser Welt nicht vom Nutzen einer Impfung überzeugt werden. Wer den Frieden nur in der Vernichtung des Gegners sieht, wird jede Verhandlung boykottieren und wer nur nach persönlichem Reichtum und Macht strebt, interessiert das Gemeinwohl nicht. Wohin solches führt, lehrt uns die Geschichte. Ich kann auf eine Wiederholung verzichten. Bleibt mein Überdruss.

Nutzen wir diesen produktiv und schreien ihn gemeinsam hinaus. Machen wir den Despoten, Nölern und Leugnern klar, dass wir ihr Spiel durchschaut haben. Weigern wir uns auf ihre Lügen und Winkelzüge einzugehen. Nennen wir Lügen Lügen und Betrug Betrug. Sagen wir ihnen, dass wir es überdrüssig sind, ihren Lügen zuzuhören. Ignorieren wir ihr Ränkespiel. Entweder man sucht gemeinsam, faktenbasiert nach Lösungen oder man darf zu Hause bleiben.Wir haben Besseres zu tun als über eure haarsträubenden Lügenkonstrukte zu debattieren – wir haben Probleme zu lösen. Und wenn ich Überdruss konstatiere, so richtet sich dieser allein gegen eure Spielchen, die wir durchschaut haben. Redet also was ihr wollt, ich höre einfach nicht mehr zu. Wer die Spielregeln nicht akzeptiert, darf am Spielrand stehen. Vielleicht liegt darin ein Teil der Lösung. Überdruss schützt uns vom „zu viel“ und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Neues. Denn es ist eine Binsenweisheit: Die Zukunft liegt vor, das Alte hinter uns.

Vorankündigung: Was tun? Eine Trilogie über die Frage was uns wirklich kümmern sollte, ist in der Pipeline. Start: Teil 1 am 21.5.2021 – Überschrift: Utopie oder Dystopie?

07.05.2021: Bauernfängerei

In der Schule lernen wir, wie die freiheitsdurstigen Bauern und Hirten aus dem Schächen-, Muota- und Melchtal die arroganten Habsburger aus ihren Tälern vertrieben. Und wenn wir diesen Mythos auch einem Deutschen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts verdanken, so hält sich dieser auch noch in den Köpfen der globalisierten Vorstadtbewohner des 21. Jahrhunderts. Abzulesen auch an den Trychler-Aufmärschen der Frei-und Leerdenker dieser Tage. Der Bauer im Hirtenhemd, als heilige Ikone einer unbezwingbaren Schweiz. Eine Groteske, die man erst einmal verdauen muss. Durchaus aber Sinnbild für den Zustand von so Vielem in diesem Land. Wagen wir den Realitätscheck.

Ich könnte jetzt, wie der neoliberale Think-Tank „avenir suisse“, mit einer eindrücklichen Exceltabelle und bunten Grafiken belegen, wie marginal, unrentabel und kostspielig unsere Landwirtschaft ist. Die daraus folgende Schlussfolgerung wäre schnell gezogen: Macht euren Laden dicht – ihr rentiert nicht – hoch lebe der freie Markt! Euer lächerlicher Beitrag zum Bruttosozialprodukt verschleudert die Credit Suisse weit besser an einem verregneten Vormittag. Da ich aber weder ein Vertreter der Rollkoffer-Brigade McKinseys, noch Säckelmeister des Steuersparvereins bin, überlasse ich die Buchhaltung diesen Erbsenzählern und widme mich den kulturellen und politischen Aspekten unseres Bauernstandes. Denn es gibt durchaus ein paar Auffälligkeiten die ins Auge stechen. Da wäre z. B. das überproportionale Gewicht des Bauernverbandes in der Politik (29 in Bern, also 12% bei einem Bevölkerungsanteil von 1,4%). Das gleiche Bild in den Gemeinden, quer durchs Mittelland. Wir sind eine Bauernrepublik. Abzulesen auch an den üppig sprudelnden Subventionen und den zahlreichen Sonderregelungen und Extrawürsten, wie den steuerbefreiten Diesel für ihre Monster-Trucks, die Mehrwertsteuerbefreiung für Hofläden, die Zollschranken zum Schutz vor Billigimporten, freie Familienzulagen, usw. (hier eine Auflistung). Eine heilige Kuh in den Strassen Neu-Dehlis muss sich dagegen diskriminiert fühlen. Was aber weit schwerer wiegt als diese monetäre Vorzugsbehandlung ist die Beinahe-Heiligsprechung eines ganzen Berufsstandes. Besser gesagt, die Überhöhung und Idealisierung der bäuerlichen Lebensweise. Der hart arbeitende Bauersmann mit den schwieligen Händen, gebückt auf den Feldern. Die Bäuerin im Hofladen mit Biogemüse und Freilandeiern umringt von glücklich gackernden Hühnern. Und wenn wir auch unser Geld im Export, am Paradeplatz und in den Giftküchen der Basler Pharma verdienen, so tun wir so, als wären wir alle (noch) Bauern und Hirten. Werbung mit Gans und Barry, Puurezmorge mit Züpfe und selbstgemachter Konfi tun den Rest. Und mit diesem Bild im Kopf lassen wir uns jeden Mist aufschwatzen – sei es im Laden oder in der Politik. Ok, nicht alle. Aber genug, um damit Mehrheiten zu gewinnen.

Erklärungen für dieses Paradox gibt es viele und hat tiefe Wurzeln. Historisch, durch die Überhöhung der Bauernscholle durch die Sieger des Sonderbundkrieges (Geburtsstunde der modernen Schweiz), als Heilungsprozess für die tief gespaltene junge Nation (Motto: Die Schweiz ein Volk von Bauern und Hirten). Dann das politische Zweckbündnis der Liberalen mit den Konservativen gegen die erstarkende Arbeiterschaft um die Jahrhundertwende. Im 2. Weltkrieg die Blut- und Bodenpropaganda um Réduit und Anbauschlacht und schliesslich heute, die Pflege des Mythos einer heilen autarken Schweiz, als Modernisierungsplacebo. Grüne satte Wiesen, weidende Kühe und Landfrauenküche als Globuli gegen die Zumutungen des modernen Lebens. Treichelnde Mechatroniker, KV-Lehrlinge und Web-Designer in Hirtenhemd und Ochsen-Joch, stehen dafür so verlogen wie symbolisch – dieser Tage vorzugsweise an Aufmärschen der Freunde Coronas zu finden. Seit dem heroischen Kampf der $VP gegen alles Ausländische und Europäische, sind sie das Symbol des Widerstandes und gegen das Fremde schlechthin. Wo getreichelt wird, ist das „Vouch“ und die $VP nicht weit. Als gälte es die bösen Geister der Moderne zu vertreiben, wird gescheppert, bis das Trommelfell platzt. Auf der Strecke bleibt alles, was uns weiter bringen könnte und Zukunft verspricht.

Soweit die Symbolik einer längst abgedankten Kultur und Lebensweise. Diese wird nun aber nicht nur für zahlreiche Privilegien benutzt, vermehrt noch, dient sie der politischen Bauernfängerei. Seien es die verlogenen Auftritte der $VP-Milliardärsprominenz in Hirtenhemd und Trychel, oder deren Schlacht gegen sauberes Trinkwasser und den Klimaschutz, immer wird die gleiche Symbolik bemüht und der Landmann in die Schlacht geschickt. Aber warum auch etwas Neues erfinden, wenn es schon im Mittelalter half, als die eidgenössischen Lokalfürsten das rebellische Bauernvolk als Reisläufer auf Europas Schlachtfeldern verschickte, um im eigenen Land Ruhe zu haben. Heute hängen die Gleichen am Subventions-Nasenring und dienen gierigen und skrupellosen Machtpolitikern als willfähriges Werkzeug. Ihre „Rebellion“ (auch als Frust bekannt) richtet sich gegen ihre eigene Zukunft. Das Traurigste dabei: Trotz allen den Privilegien geht es den Landwirten immer schlechter. Die Kontroll- und Regelungsdichte wächst ins uferlose, die Preise sinken ins bodenlose, die Böden werden ausgelaugt, die Biodiversität verarmt, das Wasser wird vergiftet und das Klima spielt verrückt. Egal ob es um Wasser, Böden, gesunde Lebensmittel, Preise oder CO2 geht: Der Bauer badet es aus, der Konsument bezahlt die Zeche, und Handel, Agrochemie und die Sünnelipartei reiben sich die Hände. Alternativen werden erst gar nicht in Erwägung gezogen – ein Extrawürstchen mehr, wird es schon richten. Selbst einfachste Einsichten, wie die Tatsache, dass sich biologische Wachstumsprozesse nicht beliebig beschleunigen lassen und fruchtbarer Boden endlich ist, werden negiert. Wer also auf gleichem Boden immer mehr, mit immer höherem Mitteleinsatz, zu immer tieferen Preisen, produzieren soll, wird früher oder später scheitern. Vermutlich eher früher… Ich frage mich nur, wie lange sich die Bauern dieser Einsicht noch verschliessen wollen.

Aktuell zum Beispiel die sog. Agrarinitiativen, gegen die schon seit Monaten an den Scheunentoren von Sankt Gallen bis Genf plakatiert wird. Genauso das CO2-Gesetz welches mit Lügengeschichten, gefälschten Zahlen und Studien, von Swissoil, Autolobby und $VP, gebodigt werden soll. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen wo der Schilderwald mit den Nein-Parolen aufgepflanzt wird – in den Kartoffeläckern von Rheineck bis Chancy. Dass dafür hier im Dorf, nachts, die Plakate der Befürworter von den Hauswänden „verschwinden“ spielt kaum mehr eine Rolle. Es zeugt nur von einer zweifelhaften demokratischen Gesinnung und ist vermutlich Ausdruck von Ohnmacht und Verzweiflung. Denn instinktiv wissen sie vermutlich, dass sie damit am Ast sägen, auf dem sie sitzen. Das für diese Themen kaum ein Bauer eintritt, grenzt schon beinahe an Schizophrenie, denn kaum jemand dürfte so abhängig von der Natur sein, wie sie. Wessen Ernten verdorren, wer erntet weniger Obst, wenn die Bienen sterben, welche Böden werden vergiftet? Aber der Bauernfänger heissen nicht umsonst so. Er fängt Bauern. Aber solange sich diese am Nasenring in der Manege vorführen lassen und wir dazu Beifall klatschen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir alle an der Nase herumgeführt werden.

23.04.2021: Sonderfail

Ob Siegfried der Drachentöter oder Achill im trojanischen Krieg, beide waren sie unverwundbar und starben doch. Und so wie das Römische Reich und das Empire zerfielen, wird es auch allen anderen Unbezwingbaren ergehen. Das lehrt uns die Geschichte. Ausser uns natürlich. Denn die Schweiz ist ein Sonderfall. Seit Morgarten haben wir jeden Fremdling in die Flucht geschlagen (den peinlichen „Unfall“ mit Napoleon lassen wir mal beiseite) – mal mit Hellebarden, mal mit Bunkern und Tresoren, heute mit „Steuergesetzen“ und „guten Diensten aller Art“. Unser Abschreckungsdispositiv ist effektiv und macht uns unangreifbar – meinen wir. Wenn also jemand auserwählt ist, dann wir. Und dann kam eine chinesische Fledermaus.

Im ersten Schreck darüber, hiess es vernünftigerweise noch: „Bleiben sie zu Hause“. Für einen kurzen lichten Moment schien es, als stünde das Leben über dem Profit und Wissenschaft vor Mauschelei. Doch schon bald klaffte in Uelis Kässeli ein gar schröcklich Loch und die ausbleibenden Profite gefährdeten Dividenden wie Boni. Ein unhaltbarer Zustand. Und so besann man sich des alten guteidgenössischen Sonderfalls. Was also kümmern uns Wissenschaft und Expertise? Wir stehen doch über so profanen Dingen, wie Lockdown und geschlossenen Gaststätten. Erst noch verhalten, zwischenzeitlich aber offen obszön, werden Erkenntnisse in den Wind geschlagen. So kam die zweite Welle und so nimmt die dritte gerade Anlauf. 10’000 Tote und ungezählte Long-Covid-Opfer subsumieren sich zur Quantité négligeable. Allen voran fordern die Statthalter der Wüsten und Reichen, mit im Schlepptau, die der ganz schön Reichen, das Ende aller Einschränkungen, welche die Profitmaximierung stören könnten. Die Drecksarbeit auf der Strasse erledigt währenddessen ein unappetitlicher Haufen Ver(w)irrter – angeführt von edelweissbehemdeten Treichlern, aufgehetzt von faschistoiden Hipstern, verstärkt durch Jünger Christi, anthroposophische Impfgegner und betagter Anhänger jenseitiger Heilslehren. Resultat: Wir sind schlauer als sämtliche Virologen und Epidemiologen, schlauer als alle unsere Nachbarn und scheren uns einen Teufel um Mutationen und überfüllte Intensivpflegebetten. Wir sind die Ausnahme der Ausnahmen. Wir können Corona – Hauptsache der Rubel (sorry der Franken natürlich) rollt. Offen und zynisch wird das Leben und die Gesundheit ganzer Generationen in die Waagschale geworfen. Notabene, kaum drei Monate vor dem selbst deklarierten Ziel einer Herdenimmunität dank Impfens. Dafür schreddert man die eigenen Richtwerte und foutiert sich einen Deut um das was gerade passiert. Sei es in den Schulen, den Spitälern und schon gar nicht im Rest der Welt. Denn wir können es besser. Wir sind ein Sonderfall!

Wirklich? Was können wir denn besser? Schneller impfen vielleicht? Bessere Impfstoffe entwickeln? Haben wir wirkungsvollere Teststrategien? Ein lückenloses Tracing? Haben wir mehr Intensivstationen, bessere Ärzte und Pflegepersonal? Setzen wir verordnete Massnahmen besser um und durch? Die Antwort ist schnell gegeben. Nichts von alledem!Bestenfalls sind wir Mittelmass, schlimmstenfalls sind wir gescheitert. Wie begründet sich unser Sonderweg, über den das gesamte Ausland (ausser Bolsonaro vielleicht) den Kopf schüttelt, dann? Wissen unsere Politiker vielleicht mehr als die Wissenschaft? Mehr als alle übrigen Regierungen dieser Welt und mehr als wir alle? Wenn ja, dann sollten sie es uns sagen. Bisher scheint es aber eher als beugten sich unsere Verantwortungsträger dem Druck des Geldes und dem populistischen Geschrei der Sozialdarwinisten von $VP, Gastrosuisse und Arbeitgebern. Saubannerzüge werden wohlwollend geduldet und Krawalle herbeigeschrieben. Die Kapitulationsurkunde des Bundesrates hängt schon eingerahmt im Sekretariat der $VP-Parteizentrale – Kopien davon bei economiesuisse, Gastrosuisse und FDP. Vor lauter Kopfschütteln droht mir schon ein Schleudertrauma. Zurück bleiben Fragen. Wieso verschärft Deutschland (welches in etwa in der gleichen Lage ist, wie wir) seine Massnahmen im gleichen Augenblick, wo wir öffnen? Sind die Deutschen vielleicht krankheitsanfälliger, gar Mimosen? Impfen sie (noch) langsamer? Die vorliegenden Zahlen sagen etwas anderes. Das gleiche in Frankreich. Wieso meint Macron, Ausgangssperren würden etwas bringen, während wir es mit offenen Terrassen versuchen? Das gleiche Bild in einigen Bundesländern Österreichs und Italiens. Sind die alle blöd?

Oder sind wir vielleicht die Dummen? Die Vermutung liegt nahe, dass wir es am Ende sind. Ohne irgendwelche Horrorszenarien bemühen zu wollen – das erledigen die wissenschaftlich fundierten Prognosen der Epidemiologen von alleine – ist jetzt schon klar wer die Rechnung für diese Politik bezahlt. Wir alle! Vor allem aber alle unter 65, die man seit Wochen hängen lässt. Fehlt nur noch eine Lotterie für Impftermine. Denn sie zahlen es mit ihrer Gesundheit, dem Leben und Existenznöten. Über den zu erwartenden Reputationsschaden im Ausland, sei hier vornehm geschwiegen. Ein Tourist wird sich künftig zwei mal überlegen, wo er seinen Urlaub verbringt. So wie wir uns zieren mit der EU in einer vernünftigen Beziehung zu leben (Rahmenabkommen), so meinen wir auch bei Corona Rosinen picken zu können. Will heissen, wir tun das Minimum und erwarten das Maximum – die DNA unserer Politik seit Menschengedenken. Blöderweise ist das Virus aber kein Politiker, mit dem man dealen kann, sondern ein fieser Mistkäfer, der nur nach dem Gesetz des Überlebens funktioniert. Schlussfolgerung: Wir sind die Laborratten der Politik, die eine Wette auf unsere Zukunft abgeschlossen hat. Für einmal hoffe ich, sie gewinnen sie und ich habe unrecht. In solchen Zeiten sind solche Hoffnungen, wie Glühwürmchen in einer mondlosen Nacht.

Angeblich soll bei Angst in der Nacht, lautes Singen helfen. So betrachtet sind die Lockerungen für Chöre weitsichtig. Vielleicht hilft uns ja lautes Singen über die nächsten Monate hinweg. Besser allerdings wäre Turbo-Impfen, vorsichtig bleiben, Menschenansammlungen meiden, geschlossene Räume sowieso und draussen viel frische Luft tanken. Eigenverantwortlich, wie es so schön heisst. Support von Wirtschaft und Politik können wir dabei nicht erwarten. Es bleibt nur der Selbstschutz und die baldige Abwahl jener, die uns das einbrocken. Wer sich aber zufälligerweise oder weil er muss, an einen Hotspot oder in die Stadt verirrt, kann nur noch beten, singen oder flüchten. Als wollten wir der Welt beweisen, wie sonderlich wir sind, tun wir alles für unseren Sonderfail.

26.03.2021: (Sch)Impfen

Eigentlich habe ich die Schnauze von diesem Coronagedöns gestrichen voll. Man verzeihe mir die Tirade. Trotzdem dreht es sich heute ein weiteres Mal um das nervtötende Thema Pestilenz und ihre Folgen. Diesmal geht es ums Schimpfen und ums Impfen.

Wie viele Reiche, Staaten und Imperien seit der Antike, von den Sumerern bis zum Römischen Reich durch Seuchen ausgelöscht wurden, werden wir wohl nie genau wissen. Es waren viele. Allein das Römische Reich wurde mehrfach, von den Pocken (Antoninische Pest 165-180 n Chr.) und am Ende von der Pest selbst (Justianische Pest 541-770 n. Chr.) heimgesucht. Mit Millionen von Toten. Im 14. Jahrhundert raffte dieselbe die Hälfte Europas Bevölkerung dahin. Seuchen hiessen bis zur Erfindung von Antibiotika und des Impfens: Tot, Elend und oft das Ende von Imperien und Kulturen (die Ureinwohner Amerikas wurden zu 90% von eingeschleppten Krankheiten, wie Pocken, Masern und der Diphtherie ausgelöscht). Und noch im letzten Jahrhundert tötete die Spanische Grippe, weltweit geschätzte 100 Millionen Menschen – zehn mal mehr, als der gesamte Erste Weltkrieg in den Schützengräben. Grund genug also, sich vor der Pest (als Sammelbegriff für Krankheit und Seuchen) zu fürchten. Diese Angst steckte auch noch in meiner Grossmutter, die 1918 ihren Bruder an die Spanische Grippe verlor, und sogar in meiner Mutter, die jeden Schnupfen ihrer Kinder, für einen Abgesandten des Sensenmanns hielt. Ihre Hauptlektüre war deshalb ein dickes „Doktorbuch“ – ein schwerer, anthrazit-grauer Wälzer, in dem sämtliche Seuchen, von der blutigen Ruhr bis zur Schwindsucht, mit allen Symptomen, verzeichnet waren. Krank sein hiess eben: Angst, Hilflosigkeit, Elend und (oft genug) Tod. In vielen Entwicklungsländern ist es auch heute noch so.

Und dann kam die Wissenschaft und machte diesen Geisseln der Menschheit ein Ende – oder zumindest fast. 1796 „impfte“ Dr. Eduard Jenner in England einen Jungen mit dem Sekret einer Rinderpockenpustel, gegen die Pocken. Es wirkte – der Jung war immun und wurde von den Blattern, dem möglichen Siechtum und Tod verschont. Kaum 20 Jahre später wurde die Pockenimpfung in vielen Ländern zur Pflicht erklärt. Man sah in einer Sterberate von (nur) 3% durch das Impfen, gegenüber den 30% durch die Pocken, einen grossen Fortschritt. 1978 verstarb Janet Parker als Letzte von hunderten Millionen, an dieser Seuche. Impfpflicht sei Dank. Die Pocken waren besiegt. Es folgten weltweite Impfkampagnen gegen Masern, Polio, Diphtherie, Mumps, Röteln usw. Ausgerottet sind diese bis heute nicht ganz, aber sie verloren ihren Schrecken. Statt Millionen töten sie „nur“ noch Tausende. Den Heulsusen hier scheint das aber egal zu sein. Ihr Geheul, wenn unter einer Million Covid-Geimpfter, sechs allergisch reagieren, ist ohrenbetäubend. Die bisher 2,8 Millionen Toten durch Covid sind ebenfalls kein Thema. Die wären ja sowieso an „Altersschwäche“ gestorben….(*ironieoff). Und statt sich über den raschen Erfolg der Wissenschaft in der Entwicklung eines Covid-Impfstoffes zu freuen, schimpfen die einen, weil es zu langsam geht und demonstrieren andere gegen eine angebliche Impfpflicht – Todesdrohungen inklusive.

Wohl keine Entwicklung der Wissenschaft hat mehr zum Wohle der Menschheit beigetragen, wie Antibiotika und das Impfen. Keine Technik mehr Leben gerettet und Leid vermieden. Und doch „fürchten“ sich immer mehr vor diesem Piks. Für viele Naturheilkundler:innen Homöopathe:innen und esoterischen Kreise ist Impfen gar des Teufels. Horrorgeschichten von Autismus (auf Grund einer nachweislich gefälschten Studie) bis zu Gen-Manipulation, impfen von Chips (angeblich von Bill Gates um uns fernzusteuern) und gar die Ausrottung der Menscheit, machen die Runde. Den Vogel schiessen jene ab, die ihre Kinder an Masernpartys schicken, um sie zu immunisieren. Dank solchen Impfskeptikern starben 2019 weltweit wieder über 200‘000 Kinder an dieser „harmlosen“ Kinderkrankheit. Und nun folgt Covid.

Während Regierungen, Wirtschaft und Millionen pandemiemüder Bürger um mehr Impfstoff von Pfizer bis Sputnik betteln, weigert sich 1/3 standhaft sich piksen zu lassen. In auffälliger Personalunion mit den sog. Coronaskeptikern tragen sie ihre Wut in die Stadtzentren von Rapperswil bis Liestal, um uns systemgläubigen Impflinge vor dem drohenden Untergang zu warnen. Fast könnte man meinen die Zeugen Jehovas verkündeten den nahenden Weltuntergang. Das Virus freut sich und klatscht Beifall. Um vor diesem halbwegs sicher zu sein, wären aber laut Epidemiologen mind. 70, besser wohl über 80% Geimpfte nötig. Gewinnen die Impfverweigerer, dürfen wir uns auf sich ewig wiederholende Seuchenherde, Reisebeschränkungen und lästiges Maskentragen freuen. Danke!

Selbstverständlich gibt es viele Gründe für Fragen und Skepsis rund ums Impfen. Das beginnt mit der Profitgier der Pharmaindustrie. (Wobei, auch das sei angemerkt: Auch mit Globuli, Ayuverda und Hokuspokus werden Millionen verdient.) Dann die Erinnerungen an geheime Menschenversuche in psychiatrischen Kliniken im letzten Jahrhundert und die Medikamentenskandale (Contergan etc)., mit Toten und scheusslichen Missbildungen. Das Misstrauen in die Moderne Medizin hat Gründe. Man braucht sich also nicht zu wundern. Trotzdem ist die jetzt vorgebrachte Kritik irrational und kaum zu verstehen. Denn es werden nicht (aktuelle) Missstände kritisiert, sondern das Impfen generell in Frage gestellt. Statt z. B. darauf zu pochen, dass die Firmen ihre (staatlich finanzierten) Patente frei geben um das Vakzin schneller und billiger produzieren zu können, wird das Tempo der Impfstoffentwicklung (Pfusch wird impliziert) kritisiert. Selbst der unsägliche Impfnationalismus ist kein Thema – im Gegenteil, man macht fröhlich mit. Dass sich die Heilmittelbehörden und die Wissenschaft den Arsch aufreissen, scheint nicht von Belang. Das eigene Bauchgefühl erklären wir zum Massstab aller Dinge. Auf der Strecke bleibt nicht nur unsere Gesundheit, wir riskieren auch irreparable Schäden an Institutionen und dem friedlichen Zusammenleben. Und statt sich über das baldige Ende der Pandemie zu freuen, verbreiten wir das Virus fröhlich weiter. Man gewinnt den Eindruck, als wünschten sich viele ein Zurück zu Schamanen, Quacksalbern und Gesundbetern. Es fehlen nur noch die Scheiterhaufen für die Hexen.

Wenn wir einigermassen heil aus diesem Schlamassel herauskommen wollen, bleibt uns, bei allen Fehlern der Vergangenheit und der berechtigten Kritik an Pharma und Schulmedizin, nur der Weg über das Impfen möglichst vieler Menschen. Die Alternativen sind schlicht zu teuer – ethisch, politisch und wirtschaftlich. Das setzt eine Portion Geduld und Vertrauen voraus. Die zur Zeit zwei kostbarsten Güter. Also lassen wir das Schimpfen – und impfen.

19.03.2021: Psychodiagnostik

Im Film „Und täglich grüsst das Murmeltier“ gerät der leicht missmutige Wetterfrosch Phil Connors in eine Zeitschleife und muss den gleichen Tag wieder und wieder durchleben. Fast so grausam wie die Strafe für Sisyphos, der auf ewig einen Felsblock auf eine Bergspitze hinaufwälzen muss, worauf dieser gleich wieder ins Tal rollt. Endlos, grausam und sinnlos.

Wer es dieser Tage wagen sollte den Fernseher einzuschalten oder in der Zeitung zu blättern, wird ahnen, wovon ich rede. Nein, ich spreche nicht von Fischers Bettwarenfabrik und seinem 90%igen Gänsedaunenduvet – es ist aber genauso nervig. Die Rede ist auch nicht von diesem alles beherrschenden Virus, der uns seit einem Jahr an den Eiern hat. Sich über Dinge zu ärgern, die man nicht ändern kann, macht nur krank. Die Rede ist vom Dauergenöl, welches diesen begleitet. Ob damit unsere Resilienz (also unsere Belastbarkeit) getestet werden soll oder ob es sich einfach nur um eine Überdosis Kupfersulfat (ein bewährtes Brechmittel) handelt, ist noch nicht entschieden. Auf jedem Fall werden wir auf die Probe gestellt. Fast so, als wären wir Probanden in einem Psychodiagnostik-Labor. Verloren hat, wer zuerst mit dem Kopf auf die Tischplatte knallt.

Wenn es stimmt, dass jede Generation ihre eigene Prüfung zu bestehen hat, so sind wir drauf und dran, bereits im Vorkurs zu scheitern. Denn statt uns um den Schulstoff (die Folgen der Pandemie) zu kümmern, lümmeln wir auf dem Pausenhof herum, dröhnen uns mit psychogenen Substanzen zu und prügeln uns um die Rangordnung im Rudel. Derweilen mutiert das Virus und freut sich über jede unbedeckte Nase im Getümmel.

Hiess es zu Beginn der Pandemie noch: Bleiben sie zu Hause (bei gerade mal der Hälfte der aktuellen Fallzahlen), so schreien heute alle: Wir wollen raus! Raus in die Restaurants, raus in die Fitnesszentren, in die Ferien, ins Hallenbad. Raus aus der Pandemie und raus aus der Diktatur! Ja – eine solche wurde still und heimlich, hinter unserem Rücken errichtet – sagt eine die es wissen muss – die Alleinherrscherin von Ems. Wie Dreijährige in der Quengelzone, denen Mami den Schokoriegel verwehrt, schreien die Entmachteten ihren Frust aus dem Leib. Die Vollpfostendichte erreicht sowohl im Parlament, wie auf den Leerdenkerdemos der Realitätsverweigerer, Höchstwerte. Dabei wissen wir spätestens seit den Psychotests mit den Marshmellows, dass Kinder die warten können, im Leben deutlich erfolgreicher sind, als jene die ihrem Impuls folgen und von den Süssigkeiten naschen. Aber was kümmert uns die schnöde Wissenschaft, wenn uns Mammons leuchtender Stern, den Weg weist?

Und so verplempert das Parlament seine wertvolle Zeit mit sinnlosen Debatten über eine angebliche Diktatur und ein gesetzlich verankertes Ende der Pandemie. Fordert Kreti und Pleti – bzw. all jene mit einer gut geölten Lobby – das sofortige Ende aller Einschränkungen und Massnahmen, während die Presse das Leid und den Schmerzen von uns Coronamüden beklagt. Wohin man auch schaut: Opfer! Und wo Opfer sind, sind die Schuldigen nicht weit. Wenn dieser gar einen Hut trägt, umso besser.

Eigentlich könnte ich über die miese Vorstellung von $VP bis Mitte, frohlocken. Niemand schaufelt so behände am eigenen Grab. Statt Wege aus der grössten Krise seit bald einhundert Jahren zu suchen, jammern sie über offene Terrassen und geschlossene Fitnesszentren. Statt schnelle und effektive Hilfe für die lahmgelegten Branchen, werden bürokratische Hürden errichtet, und über Schuldenberge lamentiert. Anstatt das Krisenmanagement (den Bundesrat) zu stärken, wird dieses torpediert. Statt über bessere Massnahmen zur Verhinderung einer 3. Welle (wie effizientes impfen, testen oder Contact-Tracing) wird das Ende der Pandemie beschworen. Und statt auf Wissenschaft und Fakten zu bauen, setzt man auf Maulkörbe und das Prinzip Hoffnung. Auf der Strecke bleibt: Eine lebenswerte Zukunft für uns alle. Nicht nur wegen des unseligen Gejammers über den Miniatur-Lockdown, vielmehr noch wegen der konsequenten Weigerung unsere Zukunft zu gestalten. 25 Jahre AHV-Gebastel ohne Aussicht auf Erfolg, ein Kuhandel anstelle einer zukunftsfähigen Landwirtschaftspolitik (nur ja den allmächtigen Bauernpräsidenten nicht verärgern), dafür viel Lobbying für sterbende Branchen (Tabakindustrie). Mein Frohlocken könnte nicht bitterer sein, denn wenn die Mehrheit versagt, tragen wir alle die Konsequenzen. Vor allem aber unsere Kinder. Selbst dann, wenn diese den Marshmallow-Test bestanden haben.

05.03.2021: Entfesselt

ACHTUNG: Der nachfolgende Text basiert auf Hörensagen und kann Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten. Lesen auf eigene Verantwortung und Gefahr. Der Verfasser lehnt jede Verantwortung ab. Sonst fragen sie ihren Arzt oder ihre:n Apotheker:in.

Vergangene Woche fand – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – die G19 statt. Die Konferenz der Gruppe der 19 grössten Autophilen. Einer unter diesem Namen kaum bekannten Zusammenrottung fundamentalistischer Sekten, profitgeiler Egomanen. Wie die ebenso öffentlichkeitsscheue Bilderberg-Konferenz der Reichen und noch Reicheren (in Insiderkreisen auch als Lenkungsausschuss der G7 bekannt) versteht sich die G19 als selbstermächtigte Elite mit missionarischem Auftrag. Überlappungen mit den Bilderbergern wären daher weder überraschend noch zufällig. Gerüchten zufolge fand die Tagung in einem geheimen Bunker, unweit des Pfannenstiels, statt. In einem mit Anker- und Hodler-Bildern (der Holzfäller) dekorierten Konferenzraum, bei einem Glas Räuschling der Kellerei Lindentröpfli aus Laufen-Uhwiesen, sowie Häppchen aus dem „Haus der Freiheit“ , wurde – immer laut unseres anonymen Informanten – der mörderischen Diktatur den Krieg erklärt. Diese soll angeblich von einen coronasozialistischen Diktator, unter dem Vorwand einer angeblichen Pandemie, in der Schweiz errichtet worden sein. In einem detaillierten Aktionsplan soll diesem Sozialismus allgemein, dem Bundesrat im besonderen und der Wissenschaft im speziellen, der Garaus gemacht werden. Allfällige Kollateralschäden, wie das Ende der Aufklärung, der Meinungsfreiheit oder der Demokratie, werden nicht nur in Kauf genommen, sie sind gewollt. So lasst uns also hören, was die erlauchte Runde verhandelt und beschlossen hat. Aus Gründen der Diskretion und um unseren Informanten nicht zu gefährden, haben wir Personen und Orte anonymisiert – sind der Redaktion aber bekannt.

Die diesjährige Tagung stand ganz im Zeichen der Befreiung. Frei von allem quasi, dass der freien Entfaltung des profitstrebenden Individuums im Wege steht. Namentlich wird (Corona)Sozialisten, faulen (Corona)Sozialhilfeschmarotzern, der Wissenschaft und sämtlichen staatlichen Institutionen, die ausser Geld auch noch Geld kosten, der Kampf angesagt. Auch der zu bekämpfende Sündenbock war schnell gefunden. Es ist, wie könnte es anders sein, ein Roter aus dem Fribourgerland. Dieser ist – immer gemäss den weisen Worten des grossen G19-Vorsitzenden – an allem schuld. Am Virus, der Pandemie, den geschlossenen Terrassen und dem Wählerschwund der eigenen Sekte. Unhaltbare Zustände also. Taten sind gefragt und wurden beschlossen.

Leider sind die einzelnen Voten der Tagungsteilnehmer nicht bekannt. Unser Informant verlor den Zutrittsbatch. Immerhin aber liegt ihm der (streng geheime) Aktionsplan vor, den ihm die serbische Putzfrau aus dem Mülleimer fischte. Überschrieben ist dieser mit „Entfesselung“. Genannt werden darin 3 Ziele. Die Rückkehr zur Aristokratie mit einem Sünnelikönig als Alleinherrscher – Alchemie, Wünschelruten und Kristallkugeln anstelle kritischer Wissenschaftler – und drittens die Huldigung, bzw. Heiligsprechung des Profitstrebens. Um die Öffentlichkeit nicht allzu sehr zu erschrecken, läuft der Plan unter dem Label „Schluss mit dem Lockdown – öffnet die Spunten am 22. März – Nieder mit der Diktatur!“ Verantwortlich zeichnet niemand. Genannt werden aber verschiedene Akteure und ein Netzwerk von Verbündeten.

Als erstes soll der Heilige Zorn der lockdown-gebeutelten Wirte entfesselt werden. Steuerstreiks, offene Terrassen und eine kalte Suppe löffelnde Büezer werden darin ausdrücklich erwähnt. Ebenso Online-Petitionen und dümmliche 20-Minuten Artikel. Die Speerspitze im Kampf gegen Diktatur und Diktator aber übernimmt das Politbüro der Sekte persönlich, sekundiert von rückgratlosen Trittbrettfahrern, ohne eigenes Profil (namentlich genannt werden Politiker:innen wirtschaftsnaher Strippenzieher). Dem Propaganda-Ministerium obliegt die Dämonisierung der Diktatur, den Verbündeten die Entmachtung der Wissenschaft und dem Fussvolk das Auskotzen in den Sozialen Medien. Wobei Letztere angehalten sind, die Verlautbarungen ihrer Sektenführer mit Dreck aller Art zu bereichern. Der Sturm aufs Capitol (aka Bundeshaus) ist vorerst den Parteisoldaten und ihren Rucksackträgern vorbehalten.

Wer’s nicht glaubt, der lese die Zeitung und schaue fern. Eben stimmten 97 Nationalräte einem Aufruf für die Entmachtung des Bundesrates zu. Die Pandemie soll per Gesetz am 22. März für beendet erklärt werden. Das „Volk“ ist angeblich lockdownmüde. Die wissenschaftliche Taskforce soll vorsorglich stumm geschaltet werden. Ein Wurstfachmann EFZ aus dem Rheintal möchte den Gesundheitsminister auch gleich impeachen und Schuld an allem hat sowieso die Ratslinke. Diese möchte die gebeutelten Pandemieopfer nämlich nicht nur finanziell unterstützen, sondern präsentiert dummerweise auch noch praktikable Lösungen und übernimmt sogar Verantwortung. Es riecht nach Sozialismus und Staatsterror! Die G19 (Parallelen zur Geheimarmee P26 sind rein zufällig) ruft DEFCON 1 (Alarmstufe Rot) aus!

Die „Volksherrschaft“ liegt nach eigenen Worten, zum greifen nah und der Sünnelikönig fühlt sich berufen die schwere Last des Amtes zu schultern. Auch die Nachfolge ist schon geregelt – es ist ein Prinz. Er kommt aus dem Hause Ems und ist als Prinzessin gewandet. Universitäten und ETH werden geschlossen. An ihre Stelle tritt Harry Potters Zauberschule und Trudi Gerster. Einfalt ersetzt Vielfalt und die Weltwoche wird Pflichtlektüre, die, wohl ihrem Vorbild nacheifernd, in „Stürmer“ umbenannt wird. Das Parlament erhält einen Schnellkurs im Klatschen (gem. handschriftlicher Randnotiz dient ein Video des nationalen chinesischen Volkskongresses zu Schulungszwecken) Ausserdem erhalten die Delegierten das Handbuch „The Seven Thinking Steps“. Frauen wird eine Karriere als Cheerleader nahegelegt oder aber der Küchendienst. Mit der endgültigen Entfesselung des neoliberal-nationalistischen Traums, steht dem unendlichen Profit der G19-Mitglieder nichts mehr im Wege. Ein Sieg wird vorausgesetzt, da weitere Krisen (wie z. B. die Klimakatastrophe) zu befürchten sind. Ein Scheitern wird ausgeschossen – auch Trump hat die Wahlen schliesslich gewonnen.

Deshalb: Lang lebe der Sünnelikönig – hoch lebe der Profit – nieder mit der Aufklärung – Tod der Corona-Diktatur! Freie Sicht aufs Mittelmeer!

PS: Der 3. März wird zum Feiertag erklärt und als „Bullshitday“ gefeiert werden.

26.02.2021: Entlarvt

Ich bin geladen! Man könnte auch sagen, so richtig angepisst. Und deshalb muss es jetzt raus. Andernfalls wächst mir trotz jodiertem Salz noch ein Kropf. Um was geht es? Ihr ahnt es vermutlich – um Politik. Konkret um die $VP und ihre rückgratlosen Helfershelfer von FDP und Mitte.

Was diese Gurkentruppe dieser Tage abzieht, wurde in Zürich einst niedergeknüppelt. 1980, als der Ruf „Macht aus dem Staat Gurkensalat“ der aufgebrachten Jugend durch die Langstrasse hallte. Die Geknüppelten landeten schliesslich an der Nadel auf dem Platzspitz, während Roger Köppel in den Redaktionsräumen des neuen Stürmers (auch bekannt als Weltwoche) ein warmes Plätzchen fand. Und während sich die „bösen“ Buben und Mädchen von der Langstrasse längst etabliert haben, führt eine kleine Clique von den Hügeln der Goldküste, mit machiavellinischer Raffinesse den Gurkenhobel gegen Staat und Gesellschaft. Was die brennenden Container 1980 nicht schafften, erledigt diese elitäre Truppe mit viel Geld und Demagogie. Dazu bedient sich ihr Sprachrohr von der Förrlibuckstrasse auch mal einer Rhetorik die mehr an Winkelried und die Dreissigerjahre erinnert, als ans 21. Jahrhundert. O-Ton: Wer der Obrigkeit folgt ist hörig und wer verbotenerweise Fastnacht feiert, gilt als Freiheitskämpfer, wie zu Zeiten der Innerschweizer Saubannerzüge. Rhetorik die mehr über den Absender verrät als über den angeblichen Diktatoren.

Entlarvend die Ereignisse der letzte Woche. Da schwadroniert Christof Blocher höchstselbst von einer angeblichen Diktatur Bersets, sekundiert von seiner Tochter, die aus dem fernen Bündnerland, ins gleiche Horn bläst. Dass der Bundesrat kollegial entscheidet, wird selbstverständlich ausgeblendet – es könnte ja die eignen Bundesräte treffen. Kaum aber verteidigt ihr eigener Bundespräsident Parmelin das Kollegialitätsprinzip, ist er in den Augen der eigenen Partei nur noch ein halber Bundesrat. Und da die $VP die Diktatur von allen Parteien am besten versteht – China wird nicht umsonst als grosses Vorbild gepriesen – verbreiten sowohl ihr Parteipräsident, ihr Fraktionschef als auch ihr Propagandaminister das gleiche Narrativ. Gleichschaltung wie im Reich der Mitte. Gleichzeitig fordert Albert Rösti in der bürgerlich dominierten Gesundheitskommission ein Gesetz zur sofortigen Beendigung des Lockdowns – faktenfrei und unbesehen der epidemiologischen Lage. Andere sammeln 250000 Unterschriften, in der gleichen Sache und $VP Nationalrat Egger will ein Impeachment (Absetzung) für Bundesrat Berset. Das I-Tüpfelchen aber liefern ein paar renitente Kantonsregierungen – allen voran Nidwalden, mit seiner $VP-Gesundheitsdirektorin – die sich weigern ihre Terrassen zu schliessen. Man wähnt sich beinahe im Sonderbundskrieg von anno 1847. Damit riskiert diese Partei eine Staatskrise, wie sie die Schweiz wohl seit damals nicht mehr hatte. Denn, welches Recht gilt nun? Dass des Bundes, der Kantone, der Gemeinden oder das eigene? Irritierender ist nur das laute Schweigen der anderen Parteien und der Betroffenen selber.

Ein Jahr Pandemie und Föderalismus, Direkte Demokratie und Konkordanz stehen zur Disposition. Die $VP macht’s möglich! Wir können nur hoffen, dass sie den Bogen diesmal überspannt hat und grandios scheitert. In der Terrassenposse bahnt sich zum Glück eines an. Dass nicht hinter jeder hübschen Larve ein hübsches Gesicht steckt, zeigt gerade das strahlende Sünneli der $VP. Was dahinter hervorlugt, lässt mich erschauern. Es ist die ungeschminkte Fratze einer verantwortungslosen egoistischen Kaste, die weder vor Lügen noch Rechtsbrüchen zurückschreckt, um ihre Ziele – den ominösen Vouchswillen aka Alleinherrschaft – zu erreichen. Vielleicht ist dieser Schock heilsam. Man möge mir die klaren Worte verzeihen. Um Hoffnung zu schöpfen, sind solche ab und zu nötig.

19.02.2021: Alt-68iger

Von David Wilson – https://www.flickr.com/photos/davidwilson1949/6056934707/in/photolist-5coszA-aeenEK-2CqzzK-8QZ5mo, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48476311

Letzten Sonntag war es endlich soweit. Amtlich bestätigt und somit hochoffiziell darf ich für ein Jahr den Ehrentitel Alt-68iger tragen. Ihr ahnt es – ich hatte Geburtstag. Um alle Zweifel an der Rechtmässigkeit dieses Titels auszuräumen, sei daran erinnert, dass ich in der Lage bin ein Wandtelefon mit Wählscheibe zu bedienen, mir bei „Bunker“ nicht der Gotthard, sondern prügelnde Polizisten und bei „Easy Rider“ keine Pferde, sondern Peter Fonda, in den Sinn kommt. Es lässt sich also nicht leugnen: Ich bin ein Alt-68iger. Was für die Einen ein Schimpfwort, ist für mich Tatsache. Lasst mich davon berichten.

Letzhin warf ich einen Blick auf unser Hochzeits-Fotoalbum (ja sowas gibt es noch) und stellte mit grossem Erschrecken fest, dass ich nicht einmal mehr alle Gäste kenne. Abgesehen von den wenigen Verwandten, die noch leben, sind es genau noch zwei Hochzeitsgäste, zu denen wir noch Kontakt haben. Der Rest verschwand unter dem Radar. Selbst Namen sind verblasst. Was hat uns damals eigentlich bewogen, genau diese Menschen an unsere Hochzeit einzuladen? Ich habe heute keine Antwort mehr darauf – es waren andere Zeiten und andere Umstände. Noch ferner sind mir nur jene Mitstreiter, mit denen ich zusammen Plakate klebte, vor der Sulzer Flugblätter verteilte und durch die Gassen Zürichs, Berns und Genf , Transparente trug. Es ist als hätte es sie nie gegeben. Aus ihnen wurden Professoren, Lehrer, Sozialarbeiter, Berufsberater, Politiker und Unternehmer. Tragende Säulen unserer Gesellschaft also – das rote Banner längst entsorgt und auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Von manchen liest man ab und zu in der Tageszeitung. Allzuoft Meinungen, gegen die wir damals auf die Strasse gingen. Was aber wurde aus den Idealen, für die wir damals mit Tränengas eingenebelt wurden?

Geburtstage sind immer auch Gelegenheit, Rückschau zu halten, und je älter man wird, desto mehr gibt es zurückzuschauen. Aber keine Angst, ich verfalle jetzt nicht in Nostalgie und verklemme mir das Fischerlatein über geschlagene Schlachten, geworfene Molotow-Cocktails oder eingeschlagene Fensterscheiben. Bemerkenswertes gibt es trotzdem zu berichten. So z. B. wie die Zeit und Umstände unser Leben prägen. Gerade für ein „Kind“ der 68iger eine besonders wiedersprüchliche Erfahrung. Gestartet mit dem Anspruch die Welt zu verändern, es besser als „die Väter“ zu machen, kritisch gegenüber autoritärem Staat und althergebrachten Konventionen und politisch aktiv auf der Strasse und in unzähligen Gruppen und Grüppchen, mussten wir die letzten 50 Jahre erleben, wie unser Aufbruch in ein neues Zeitalter, ins Gegenteil verkehrt wurde. Nicht nur allein durch „böse“ Mächte, auch durch uns selber.

Ob es nun der Alltag ist, der uns „zurecht“ schleift oder Verrat an den eigenen Idealen, ist nicht von Belang. Das Urteil darüber drückt bestenfalls aus, wie weit man sich von den einstigen Ideen entfernt hat. Und selbstverständlich gab es damals, wie heute Irrtümer, die man nicht ungeschehen machen kann. Diese sind Teil von uns und unserer (Lebens-)Geschichte. Genauso bedenklich wäre es, wenn sich in den letzten 50 Jahren nichts verändert hätte. Nicht umsonst wird Stillstand mit Rückschritt gleichgesetzt. Sich entwickeln, auch seine Meinungen zu ändern, gehört zum Leben und zeichnet dieses aus. Man nennt es auch Anpassung. Um mich richtig zu verstehen – dies ist weder ein Freipass, noch eine Rechtfertigung für das was sich die letzten fünf Jahrzehnte in Politik und Gesellschaft angespielt hat – es ist eher ein Plädoyer für Fortschritt und Entwicklung. Die Frage ist nur welchen Fortschritt und welche Entwicklung. Wertneutral ist weder das eine, noch das andere.

Kurz vorweg gesagt: Nicht in jene Richtung, welche von uns 68igern, angestrebt wurde. Zwar schafften wir es viele gesellschaftliche Zwänge und Konventionen aufzubrechen (Konkubinatsverbot, Gleichstellung, Homosexuelle Partnerschaften usw.), nicht aber das System zu verändern oder auch nur an ihm zu kratzen. Im Gegenteil: Ewiges Wachstum ist so sakrosankt, wie je (oder schon fast eine heilige Kuh) und die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich von Jahr zu Jahr schneller. Die Folgen davon spüren wir alle. Das System stösst an seine Grenzen. Unruhen in allen Teilen der Welt, Klimakrise, Verschwörungsmythen und die Rückkehr totgeglaubter Geister (Nationalismus), füllen die Schlagzeilen. Man reibt sich die Augen und denkt man sei im falschen Film. Ja man könnte schon fast zum Schluss kommen, wir hätten damals den Boden für diese Entwicklung bereitet. Denn wir waren es, die die Gesellschaft aus alten Zwängen befreiten. Allerdings nicht nur vom Mief der vergangenen Jahrhunderte (Kirche, Patriachat, Institutionen etc.), sondern auch vor von moralischen und ökonomischen Fesseln. Was mit einer Kulturrevolution begann, endete in einer Entfesselung der Wirtschaft. Deregulierung, Internetblase, Finanz- und Klimakrise sind das Resultat.

Was man heute Alt-68iger schimpft, prägte damals zwar eine Epoche (Pariser Unruhen, Anti-Vietnam-Demonstrationen, Zürcher Krawalle etc.) und gab ihr den Namen, nicht aber die darauf folgende Entwicklung. Denn Krawalle sind zwar laut und lösen Empörung aus, wurden aber nur von einer Minderheit getragen. Das war damals so und ist es heute. Die Mehrheit folgte ein Jahrzehnt später dem Ruf der Deregulierung (interessanterweise auch als Befreiung deklariert), deren „Früchte“ wir nun ernten. Die Ikonen dieser Zeit heissen Reagan und Thatcher und sie haben den folgenden Jahrzehnten – bis heute – den Stempel aufgedrückt. Die Sorbonne- und Berkleystudenten machten derweil Karrieren, andere flüchteten sich in kulturelle Nischen, stürzten ab oder gründeten Firmen und wurden Milliardäre. Wir bastelten an unsere Karriere, waren mit Geldverdienen beschäftigt und legten die einstigen Überzeugungen, wie alte Kleider ab. Wir genossen den Wohlstand und mutierten zu Stützen der Gesellschaft. Die Klimajugend nennt uns die „Boomer“. Etwas ungerecht zwar, weil, was können wir dafür, dass wir so zahlreich in den Nachkriegsjahren gezeugt wurden, aber eben auch Ausdruck davon, dass wir zu den Satten gehören, die sich im System eingerichtet haben.

Da wir in der Zwischenzeit fast alle pensioniert sind und über viel Zeit und Wissen verfügen, wäre es an der Zeit sich unserer Wurzeln zu besinnen und die Jugend in ihrem Kampf gegen die kommenden Krisen – die allesamt Systemkrisen sind – zu untersützen. Ein verwegener Anspruch, da sich viele von uns weit von den damaligen Idealen entfernt haben. Jene aber, die zwischen den damals falschen Vorbildern und dem Ideal einer gerechten Gesellschaft unterscheiden können, sollten es tun – das ist mein Appell. Zumindest das, sind wir unserer Nachfolgegeneration schuldig. Nicht weil wir Schuld auf uns geladen haben, sondern weil es die (logische) Fortsetzung unseres damaligen Aufbruchs ist. Alt 68iger ist man nicht, weil man damals auf den Strassen mitmarschierte, sondern weil man sich für ein Ideal einsetzt – damals wie heute.

05.02.2021: Trilogie der Entfremdung Teil III – Wirklichkeit

Vermutlich habe ich mich mit der Beantwortung der Frage. weshalb wir so oft gegen unsere eigenen Interessen handeln, etwas überfordert. Egal wie oft ich sie drehe und wende, ich finde fast ausschliesslich Aspekte und Gründe, welche diese „Schizophrenie“ erklären oder gar rechtfertigen. So ist es mit der Entfremdung in Teil I und so mit dem Selbstbetrug in Teil II. Wahrscheinlich zu Recht, warf mir eine kritische Leserin vor, es drehe sich zu sehr um die Befindlichkeiten privilegierter Wohlstandsbürger. Und sie hat Recht.

Es beginnt schon mit der Frage. Diese stellt nur jemand, der sich überlegen fühlt und die Antwort zu kennen glaubt. Sie ist ichbezogen und nimmt die Antwort vorweg, die nur „unsere Dummheit“, lauten kann. Sie ist arrogant und elitär, und führt in die Irre. Denn wenn uns auch menschliche „Schwächen“ zu irrationalem Denken und Handeln verleiten, so finden die nie in einem luftleeren Raum statt. Entscheidend ist vielmehr das Setting oder der Rahmen, in. dem dieses erst zum tragen kommt und Wirkung entwickelt. Die Frage müsste also lauten: Wer oder was bringt uns dazu, gegen unsere eigenen Interessen zu handeln?

Nehmen wir den Fischer, der zusammen mit einhundert anderen Berufskollegen zum Fischen hinausfährt um möglichst viele Fische zu fangen, obwohl er weiss, dass so die Fanggründe bald leergefischt sind und er damit seine Lebensgrundlage verlieren wird. Fährt er aber nicht hinaus, weiss er, dass „seine“ Fische einfach von den 99 anderen Kollegen mitgefischt werden. Also, warum zu Hause bleiben – auch wenn es die Vernunft gebietet? Ein Dilemma – was ist wichtiger: Persönlicher Nutzen jetzt, oder Gewinn für Alle, in der Zukunft?

Wir können fast jedes aktuelle Thema nehmen – das Dilemma manifestiert sich immer gleich. Ich oder wir, jetzt oder später. Verzichte ich auf den Flug nach New York oder verzichte ich zu Gunsten des Klimas – der Flug findet trotzdem statt. Ist mir ein grosser Ertrag wichtiger, als das Trinkwasser der Gemeinde? Verzichte ich auf Chemie und schütze den Boden auch für meine Kinder? Ist mein Wohlbefinden wichtiger, als das Tragen einer Gesichtsmaske um damit das Leben anderer zu schützen?

Zum oben beschriebenen Dilemma gesellt sich noch ein weiteres. Das Einhalten von Regeln und der Verzicht auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung ist selten lustig. Im Gegenteil. Jeder der mal mit Rauchen aufhören wollte, kann davon ein Lied singen. Ob es gelingt oder nicht hängt von der Beantwortung einer einzigen Frage ab. Wer ist hier der Chef? Das Objekt der Begierde (z. B. die Zigarette) oder ich? Ebenso fallen Verbote schwer die uns einschränken. Egal ob schnelles Fahren, Party feiern in der Pandemie oder die Nutzung umweltschädlicher Gifte – der „Verzicht“ nervt. Wir wissen aber auch, dass alles Wissen über die Konsequenzen unseres Handelns nichts nützt, wenn ich keinen Mehrwert durch meine Verhaltensänderung zu erwarten habe – und sei es nur Lob und Anerkennung. Dass dies auch im Kollektiv funktioniert, beweisen z. B. die zum Teil seit Jahrhunderten funktionierenden Allmeinden oder Alpgenossenschaften. (Beispiel dafür sind die Suonen im Wallis) Diese bringen dank selbstbestimmten Satzungen Einzel- als auch Gesamtinteressen perfekt unter einen Hut. Das Geheimnis des Erfolgs: Die Regeln sind selbst gemacht – also selbst bestimmt.

Und damit nähern wir uns auch der Antwort auf die eingangs gestellte Frage. Sie lautet: Selbstbestimmung! Denn wer selbst bzw. mitbestimmt – also Teil von etwas ist, akzeptiert auch seine Regeln. Wer fremdbestimmt ist, lehnt sie (mehrheitlich) ab. Zumindest hier in der Schweiz hätten wir die Instrumente dazu. Sie heissen Demokratie, Föderalismus und Gemeindeautonomie. Nur werden sie immer weniger genutzt, bzw. jenen überlassen, die das System zu ihren eigenen Gunsten zu wissen nutzen. Den Lobbyisten, Egoisten und Demagogen.

Wie das aktuell funktioniert, sehen wir gerade an den drei Vorlagen, über die wir am 7. März abstimmen können. Die an sich sinnvolle Schaffung eine elektronischen Identität (E-ID) wird mit den Interessen der Privatwirtschaft verknüpft (denn diese, und nicht der Staat soll diese ausstellen können). Das Freihandelsabkommen mit Indonesien spült in erster Linie 25 Millionen zusätzliche Gewinne in die Kasse der Lebensmittelmultis (Palmöl) und rettet nicht einen Quadratmeter Regenwald – auch wenn das behauptet wird. Und zu guter letzt, die Burkainitiative. Hand aufs Herz – wer sah letztmals eine vollverschleierte Frau in der Schweiz (ausser man wohnt in Interlaken)? Und glaubt jemand ernsthaft, den Initianten (einem ominösen Altherrenclub um $VP und EDU) ginge es um die Befreiung der Frauen? Ihre Plakate sprechen eine andere Sprache (man beachte die Augenpartie). Es geht einzig um Angst. Angst vor Fremden. Darum, dass wir sie (die selbsternannten Retter der Schweiz) zukünftig wählen. Selbstbestimmt handeln heisst somit: Hinter die Kulissen schauen und die verborgenen Absichten aufdecken. Es beginnt mit dem Erkennen der Lüge. Daraus folgt das Erkennen der Wirklichkeit. Dies ist der beste Garant nicht betrogen zu werden.

29.01.2021: Trilogie der Entfremdung Teil II – Selbstbetrug

Teil I meiner Trilogie endet mit der Feststellung, dass wir uns oft selbst betrügen. Nicht weil wir „dumm“ sind, sondern weil wir uns durch einfache „Lösungen“ in die Irre führen lassen. Leider unterstützt uns dabei auch noch die „menschliche Natur“, welche zu Kurzschlüssen neigt. Im Fachjargon auch als „Heuristiken“ bekannt. Was heisst das?

In der Regel wird ja unsere Vernunft und Rationalität beschworen. Stolz tragen wir diese vor uns her und meinen, uns könne niemand etwas, weil wir ja so schlau sind – die „Mutter aller Irrtümer“, quasi. Denn, was wir schlau nennen, ist nichts anderes als die vorherrschende Meinung des sozialen Milieus, (Mehrheitsmeinung) in dem wir leben. Das sagt jedoch nichts darüber aus ob diese gut oder vernünftig ist. Sie ist bestenfalls akzeptiert, meistens manipuliert und schlimmstenfalls diktiert (z. B. in Diktaturen). Beispiele dazu folgen weiter unten im Text. Der zweite Irrtum dem wir unterliegen, ist die Überzeugung, unsere Entscheidungen und Handlungen wären unserem Verstand geschuldet. Doch da ist unser „Bauch“, der das Rennen meist gewinnt und am Ziel ist, bevor der Verstand überhaupt startet. (Parallelen zur Fabel vom Igel und dem Hasen, sind rein zufällig). Um Energie zu sparen ruft unser „Bauchhirn“ nämlich Muster ab. Es greift auf „Bekanntes“ (oder eben Heuristiken) zurück und reagiert blitzschnell, bevor wir den Denkapparat überhaupt einschalten – dieser darf das Resultat dann bestenfalls noch rechtfertigen, bzw. begründen. Dank diesem Reflex, hat ein Geräusch im Gebüsch, viele Steinzeitjäger vor dem Säbelzahntiger gerettet. Seit diese ausgestorben sind, wendet sich diese Überlebensstrategie jedoch gegen uns. Denn genauer hinschauen, wäre in einer komplexen Welt von Vorteil, und eine weitaus bessere Überlebensstrategie. Diese Ausgangslage spricht also schon mal gegen die Überlegenheit der menschlichen „Vernunft„. Erst recht nicht in einer sozialen Gemeinschaft, auf deren Wohlwollen wir angewiesen sind. Das Resultat kennen wir – es nennte sich Schwarmdummheit und führt mehr und mehr zu Krisen.

Aus dem bisher Gesagten könnte man jetzt schliessen, das die ganze Misere den Defiziten der menschlichen Natur geschuldet ist. Und da diese sozusagen „gottgegeben“ (oder eben evolutionär) auch nicht zu ändern ist. Was sich also abmühen? Der Mensch ist, wie er ist. Beschränkt, gierig und träge. Oder wie anders erklärt es sich, dass wir konsequent gegen unsere eigenen Interessen handeln und uns selbst belügen?

Schauen wir dazu ein paar Beispiele an. „Wir“ (die meisten Landwirte) spritzen unser Gemüse mit Pestiziden, im Wissen darum, dass wir damit unser eigenes Trinkwasser vergiften – die möglichen Ertragseinbussen wiegen schwerer. „Wir“ (die es sich leisten können) fliegen um die halbe Welt, im Wissen darum, dass wir damit das Klima belasten – der Wunsch nach Sonne, Meer und Party ist eben grösser. „Wir“ (die überwiegende Mehrheit) isst Fleisch in rauen Mengen, im Wissen darum, wie stark die Fleischproduktion Umwelt, Tierwohl und Klima belastet – Genuss und Gewohnheit sind stärker. Wir nutzen Google, WhatsApp, Amazon, weil es bequem und günstig ist und ärgern uns wenn wir mit Werbung zugemüllt und Läden geschlossen werden. Wir kaufen Kleider die unter widrigsten Bedingungen in Bangladesch zusammen genäht werde, gehen auf Kreuzfahrt, schliessen Freihandelsverträge mit Diktatoren und wählen Politiker, die uns verarschen – die Liste ist endlos. Auch ich bin von dieser nicht ausgenommen. Selbstbetrug ist Alltag und Teil unseres Systems. Wie ist das möglich?

Das Erkennen unserer „Natur“ ist das Eine („Erkenne dich selbst!“ riet schon das Orakel von Delphi vor 2500 Jahren), das Andere ist das Durchschauen des Systems, in dem wir leben. Kurz gefasst könnte man sagen: Das System baut auf unsere Schwächen und macht es uns einfach „dumm“ zu sein – also sich selbst und sich betrügen lassen. Man kann sogar sagen, es belohnt den (Selbst)Betrug und bestraft jene, welche der Wahrheit verpflichtet sind. Dieser Pakt mit dem Teufel (Belohnung durch Selbstbetrug), hält unser System im Gange. Ein System, das in Wirklichkeit wenigen dient und allen Schaden zufügt. Und hier kommt wieder die Entfremdung ins Spiel. Denn es ist diese, die uns in die Irre führt. Aber wie?

Je grösser die zeitliche und geografische Distanz zwischen unserem Handeln und den daraus folgenden Konsequenzen, desto einfacher fällt der (Selbst)Betrug. Und je fremder uns jemand oder etwas (also Menschen oder ihre Religion/Kultur z. B.) ist, umso leichter fällt es uns, diese abzulehnen oder auszugrenzen. So fällt es dann leicht, das Flüchtlingselend am Rande Europas auszublenden. Denn dieses ist a) weit weg und b) betrifft es Fremde. Ein fataler Trugschluss, denn es ist „unsere“ Politik, die zu diesem Elend führt und es ist unsere Glaubwürdigkeit die zerstört wird. Es ist stets das gleiche Muster. Solange andere, möglichst weit weg oder viel später, die Folgen unseres Tuns zu tragen haben, umso leichter fällt es uns nicht über unser Handeln nachzudenken. Dazu gesellt sich, angesichts der Problemberge, eine „Ohnmacht“, die viele passiv werden lässt. Fast wie im Mikado geht es darum: Wer (was) sich zuerst bewegt, hat verloren. Bestes Beispiel dafür ist wahrscheinlich die Klimakrise, die alles oben Beschriebene in sich vereint. Trifft es uns dagegen direkt, wie z. B. die aktuelle Pandemie, ist Widerstand programmiert. Zu diesem gehört das Leugnen des Unabänderlichen genauso, wie die Schuldzuweisungen. (es sind immer die Andern). Wie kommen wir da raus, ist die grosse Frage. Denn dass wir da raus kommen müssen, steht ausser Frage. Selbstbetrug mag bequem sein, endet in der Regel aber in einem Fiasko.

Wie wir da rausfinden können ist Thema im 3. Teil, nächste Woche. Titel: Wirklichkeit . Dazu schon mal ein Zitat von Greta Thunberg vorab (aus ihrer Rede vom 25.1.2021 am virtuellen WEF):

Hoffnung ist für mich das Gefühl, welches dich am Laufen hält, auch wenn alle Chancen gegen dich stehen. Hoffnung kommt für mich nicht aus Worten, sondern aus Taten. Für mich sagt die Hoffnung, wie es ist, egal wie schwierig oder unangenehm das sein mag.“