31.07.2020: Die nicht gehaltenen 1. August-Rede 2020

Vor einem Jahr hatte ich die Ehre und das Vergnügen in Berg am Irchel mein Debüt als 1. August-Redner zu geben. Das Thema war vorgegeben: 80 Jahre Landihaus – über die Odyssee eines Hauses, von der Landi 1939 bis an den heutigen Standort, im Dorfkern von Berg am Irchel. Eigentlich ein unverfängliches Thema. In einer Gemeinde mit über 50% SVP-Wähleranteil, für einen „Linken und Netten“ wie mich, trotzdem eine Herausforderung – schliesslich erwartet man ja am 1. August ein Lob auf unsere Heimat, etwas Pathos, Selbstlob und die Ermahnung das Alte und Bewährte zu bewahren. Standpauken über Krisen, Misstände und Versäumnisse könnten die Festlaune verderben. Ich bemühte mich deshalb umso mehr um den „richtigen Ton“. Ich denke, es gelang mir ganz ordentlich – die faulen Eier blieben in der Tüte.

2020 ist anders. Erstmals seit 120 Jahren (der 1. August wird erst seit 1899 in der ganzen Schweiz gefeiert) finden dieses Jahr kaum 1. Augustfeiern statt. Zum grossen Leidwesen aller Patrioten hat ein fremder unbekannter Feind das Zepter übernommen. Im annus horribilis 2020, macht Corona selbst das Unmögliche möglich und so bleibt ausgerechnet in einem Jahr, wo es wahrhaft viel zu sagen gäbe, vieles ungesagt. Darum sage ich hier, was ich zu sagen hätte.

Liebe Festgemeinde

Was gibt es dieses Jahr am 1. August zu feiern, mögen sich viele fragen. Gut – Geburtstage feiert man auch wenn man im Krankenbett liegt – trotzdem ist die Feierlaune getrübt und im schlimmsten Fall hat der Arzt auch noch Bier und Bratwurst verboten. Ich brauche den Übeltäter kaum zu benennen – er ist allgegenwärtig. Blöd ist, er will und will einfach nicht verschwinden – da helfen weder laute Parolen, Forderungen noch Parteitagsbeschlüsse. Das Zepter schwingt ein unsichtbares Nichts – ein Virus weist uns in unsere Schranken. Ein Umstand der offensichtlich vielen zu schaffen macht. Rücksicht auf Befindlichkeiten, Verordnungen oder politische Augenwischereien, sind dem Käfer aber in etwa so fremd, wie mir Chinesisch.

Wir können natürlich ins Lamento der Bedenkenträger, der Weltuntergangspropheten oder dem der Sozialdarwinisten einstimmen. Wir können die Chinesen, 5G, die WHO oder Bill Gates verantwortlich machen. Ja selbst die Existenz von Covid-19 und der Pandemie, mit all ihren Toten, lässt sich leugnen. Der Seuche ist es egal – sie gedeiht prächtig und hat heute die 17-Millionengrenze, unbeeindruckt von jeglicher Verharmlosung und „zurück zur Normalisierung Rufen“ geknackt. Bevorzugt grassiert sie an Orten, in denen sie am lautesten ignorieret und geleugnet wird – bei Nachtclubbesuchern, in Deutschen Fleischfabriken, in Bolsonaros Brasilien und Trumps Amerika. Noch selten wurden Leugner und Idioten so gnadenlos vorgeführt. Man könnte also meinen, es wäre uns allen eine Lehre und schliesslich halten wir uns für einen „Sonderfall“ und wähnen uns als weit gescheiter als der Rest der Welt. Doch weit gefehlt. Auch hierzulande greift die Faktenresistenz um sich und es wird eifrig im Chor einer Allianz aus Aluhüte, Narzissten und rechtsextremen Pack, mitgesungen. Dass es immer welche gibt, die hinterher alles besser wissen, ist nicht neu. Neu ist jedoch der massenhafte Rückfall ins tiefste Mittelalter, als Wissenschaft noch Alchemie und Heilkunde noch Hexenwerk war. Erklärungsversuche für ein derart irrationales Verhalten gibt es viele – für mich sind es Zeichen einer Überforderung. Was nicht sein darf – ist nicht – also wird es geleugnet oder mit abstrusen Theorien ins eigene Weltbild integriert.

Auffallend sind die Parallelen zur Leugnung die Klimakrise. Bereits vermelden Exponenten der SVP euphorisch, diese fände nun definitiv nicht statt – der Sommer 2020 sei so kalt wie anno 1984. Für jene deren Welt am Hochrhein endet, eine durchaus plausible Meinung, schliesslich macht mich der heutige Salat auch nicht dick und die Pasta der letzten Monate ist längst verdaut. Leider aber kümmert sich auch das Klima nicht um Meinungen und hält sich stur an die Physik. Unbekümmert lassen Rekordtemperaturen den Permafrost in Sibirien schmelzen, droht der Drei-Schluchten-Damm im Jangtse nach Rekorniederschlägen zu brechen, sind Millionen der Flut ausgeliefert und der Amazones brennt einmal mehr, wie nie zuvor. Das solche Ereignisse von den Klimawissenschaftlern seit Jahren prognostiziert werden, ist selbstverständlich Zufall. Nur gut hält sich Greta und die Klimajugend an die Pandemiemassnahmen, sonst wäre es aus mit der Beschaulichkeit und Ruhe.

Wer kann den Wunsch danach nicht verstehen? Es läuft oder lief ja alles so schön in geordneten Bahnen. Zu klagen gab es höchstens etwas über die lärmige Nachbarschaft, die ungebetenen Asylbewerber, die uns auf der Tasche liegen, der Schliessung der Postfiliale und die hohen Krankenkassenprämien. Man will bewahren und wählt jene, die uns am glaubhaftesten versichern, sie wären jene, die dafür sorgen, dass alles bleibt wie es ist. Nicht umsonst gilt die Schweiz mit einer seit Jahrzehnten, soliden, stabilen bürgerlichen Mehrheit als konservativ. Dieser Konservatismus konnte uns allerdings weder vor Corona, dem Klimawandel, der Digitalisierung, der Zuwanderung noch der Zubetonierung der Landschaft bewahren. Im Gegenteil – es ist genau diese Geisteshaltung und ihre politischen Exponenten, welche uns dies beschert haben. Nicht nur hier in der Schweiz – weltweit. Würden die sog. Konservativen wirklich bewahren, so wie sie behaupten und sich aus dem Wortsinn ergibt, würde wie Welt anders aussehen. Die Vermutung, dass konservativ ein Etikettenschwindel ist, liegt nahe. Die wirklichen Bewahrer (und damit Konservativen) müssen wir heute bei den Linken und Grünen suchen. Diese wollen Klima und Umwelt schützen, Arbeitsplätze vor Digitalisierung und Abwanderung in Billiglohnländer bewahren und sind die vehementesten Befürworter des bewährten Service Public. Ihnen die Absicht die Schweiz mit unnötigen Gesetzen und Vorschriften oder gar einem EU-Beitritt in den Ruin zu treiben, ist also ein ziemlich billiges Ablenkungsmanöver.

Weltweit sieht es auch nicht besser aus – im Gegenteil. Im Vergleich zu den Hochburgen des Internationalen Wahnsinns, ist die Schweiz tatsächlich eine Idylle. Immerhin das könnten wir feiern. Aber eben – unter den Blinden ist der Einäugige bekanntlich der König. Eines aber haben wir vielen Ländern voraus – wir können ungehindert unsere Meinung sagen. Ein Privileg das wir nutzen und schützen sollten. Wir werden es garantiert noch brauchen.

17.06.2020: Auf den Mohrenkopf gekommen

Wir leben in einem wirklich glücklichen Land. Hier kümmert sich die hohe Politik noch um die wahrhaft ernsten Sorgen des einfachen Bürgers – dem leeren Mohrenkopf-Regal beim Grossverteiler. Vergessen ist Corona, vergessen die Existenzsorgen der KMU und Selbständigen, der Arbeitslosen und prekär Beschäftigten – der hinterhältige Anschlag auf die ur-eidgenössischen Traditionen durch einen übereifrigen Marketingverantwortlichen eines Lebensmittelverteilers lässt die Alarmglocken läuten. Der Untergang des Abendlandes ist gewiss! Aber vielleicht ist das zuckersüsse klebrige Schoggidings auch nur das Symptom einer Zeit. Einer Ära der Verantwortungslosigkeit, wo es wichtiger ist sich über einen „Furz“ zu empören, als Verantwortung zu übernehmen, für die ernsten Dinge des Lebens. Auf den Mohrenkopf gekommen – ein süsser Blog, stinkt zum Himmel.

Duberone

Wir leben in einem wirklich glücklichen Land. Unser derzeit grösstes Problem ist ein ungesundes Süssgebäck mit zuviel Zucker, Fett und Schockoguss, welches von einem Grossverteiler wegen seines antiquierten und anrüchigen Namens aus dem Sortiment gekippt wird. Soweit, so normal – könnte man meinen. D.h. unter „normalen“ Umständen nähme davon kein Mensch Notiz. Aber was ist in der heutigen Zeit schon „normal“? Ist es auf jeden Fall nicht, im glücklichsten Land dieser Welt – der Schweiz. Ein solch ungeheuerlicher Angriff auf das „gesunde“ Volksempfinden muss zwangsläufig zu politischen Verwerfungen, ja gar zu Volksaufständen führen. Nachzulesen in den News und der Tagespresse: Massenandrang bei Dubler in Waltenschwil und Mohrenkopfdebatte im Zürcher Kantonsrat, lassen erahnen wie tief das Selbstverständnis der Mohrenkopffraktion erschüttert ist. Analysieren wir das Geschehen.

Ohne ins Gejammer der einzelnen Lobbyisten einzustimmen, welche wahlweise den Untergang ihrer Branche, ihres Unternehmens oder des ganzen Landes befürchten, sei doch angemerkt, dass es nebst den katastrophalen Fehlentscheiden eines Grossverteilers, auch noch zwei drei Dinge zu diskutieren gäbe, die vielleicht auch noch erwähnenswert wären. Also zum Beispiel die Unterstützung von kleineren Betrieben und Selbständigerwerbenden, denen wegen der Pandemie die Aufträge weggebrochen sind oder vielleicht auch nur ein möglicher Mieterlass für Geschäftsräume, die aus denselben Gründen keinen Ertrag mehr abwerfen. Aufgaben, für welche wir zum Beispiel Politiker wählen und fürstlich entlöhnen. Obwohl – ein gewisses Verständnis habe ich ja für die Arbeitsverweigerung unserer Parlamentarier – sie sind schwer mit dem Verdauen einer klebrigen Süssspeise beschäftigt. Unverständlich bleibt mir nur, weshalb ausgerechnet die erklärten Vertreter der Wirtschaft – also die bürgerlichen Parteien – ihre Klientel so sträflich im Stich lässt. Ein Rätsel, das ich erst noch lösen muss.

Was bei uns für rote Köpfe sorgt, stinkt andernorts bereits zum Himmel – der Angriff auf Anstand und Sitten. In Wien wurde gerade ein renitenter Bürger, für eine Furzattacke auf die Polizei, mit 500 Euro gebüsst. Im Herzen Europas weiss man noch, was sich gehört und greift zum Zweihänder. So oder so, der Verhältnisblödsinn stinkt zum Himmel. Ob gebannter Mohren- oder flatulierender Querkopf – es hinterlässt nur Kopfschütteln..

Dabei hätten wir Grund, uns zu freuen. Zumindest hier in Mitteleuropa sinkt die Zahl der Infizierten von Woche zu Woche und ist in der Schweiz, mit rund 20 Neuerkrankungen pro Tag kaum mehr erwähnenswert. Die Grenzen sind wieder offen, die Strassen wieder belebt und die Gartenrestaurants gut besucht. Der ideale Zeitpunkt also, sich ans Aufräumen und Reparieren zu machen. Also: Wie geht es weiter mit dem Tourismus – wie verhindern wir eine Pleitewelle der KMU – wie finanzieren wir all die Folgekosten des Lockdowns – wie bekämpfen wir die drohende Armut grosser Bevölkerungsgruppen? Fragen die jede/n von uns ganz direkt betreffen, Nur dumm, dass uns die Mohrenköpfe die Sicht darauf versperren. Aber vielleicht kommen diese ja gerade im richtigen Zeitpunkt. Sie lenken davon ab, wer die Kosten zu schultern hat – wir. Nur sagen will uns das niemand – schliesslich will man wieder gewählt werden.

Ob all diese Politiker bei einem gewissen Herrn Trump in die Schule sind, weiss ich nicht. Die Weigerung irgendeine Verantwortung zu übernehmen, zeigt aber auffällige Parallelen zu Onkel Donalds Gebaren. Für diesen sind für die Verlagerung der Industriearbeitsplätze in Billiglohnländer ja auch die Mexikaner und Chinesen schuld, für das Coronavirus selbstverständlich auch diese und wenn nicht dann die WHO, für den Rassismus natürlich die Antifa (wer das auch immer sein möge) und selbstverständlich die Schwarzen selbst, die Göre aus Schweden für den Klimawandel und überhaupt alle für alles ausser er für irgendwas. Falls unser Zeitalter mal als Ära der Verantwortungslosen in die Geschichte eingeht, würde es mich nicht wundern.

Ich solle nicht so negativ schreiben. sagen mir meine Nachbarin und meine Frau. Das stimmt, denn das Leben auf dem Dorfe, als Rentner und priviliegierter Bürger eines reichen Landes, bietet genug Gründe, dieses zu geniessen und die Schönheiten des Alltags zu loben. Sei es die Wanderung auf den Wolkenstaa, die Fischchnusperli am Hafen von Stein am Rhein oder der langersehnte erste Besuch im Me Kong (dem Chinesen meiner Wahl) nach der Grenzschliessung, in Rielasingen – der Alltag ist voll davon. Richtig ist, dass es solche Momente sind, die uns die Kraft geben, den Irrsinn zu ertragen. Es ist diese Kraft, die notwendig ist, Verantwortung zu tragen und Herausforderungen zu meistern. Sei es in der Nachbarschaftshilfe, in einem Verein, einer politischen Partei, an der Urne oder auf der Strasse. Mohrenköpfe werden uns nicht daran hindern!