05.06.2021: Das Unglück der Glücklichen

Was sind wir doch für ein armes gebeuteltes Volk. Wahlweise durch eine despotische Regierung geknechtet – immer dann, wenn uns etwas nicht in den Kram passt – oder bevormundet durch linksgrün versiffte Heuchler und Weltverbesserer, die uns unseren Male-Urlaub vermiesen, uns in die Hungersnot treiben und den Subaru 4×4 verbieten wollen. Wir leben in wahrhaft miesen Zeiten. Und doch flattert an jeder Ecke die Fahne des glücklichsten Landes der Welt. Das Schweizer Kreuz. Garantiert EU-frei und reich das es stinkt. Zumindest statistisch. Denn davon merkt man im Alltag nicht allzu viel. Die Dukaten sind schlecht verteilt, verstecken sich und so denkt jede:r, der oder die hätte mehr davon und beäugt neidisch das neue Auto in der Garage des Nachbarn. Bliebe es dabei, könnte man über die kleine menschliche Schwäche hinwegsehen und schmunzelnd seines Weges ziehen. Leider bleibt es nicht dabei.

Die so Zukurzgekommenen suchen alsbald Schuldige. Mangel an diesen gibt es wahrhaft nicht, und sie werden erst noch frei Haus geliefert. Ungefragt, wie Werbewurfsendungen werden sie uns dieser Tage wieder an den Strassenrändern und Heuschobern um die Ohren gehauen. Quartalsweise, fein abgestimmt auf das aktuell konstruierte Feindbild, sind es mal Messerstecher, schwarze Schafe, rotes Gewürm und aktuell all jene, die dem steuergeplagten Bürger das Autofahren, Fliegen und Heizen vergällen wollen. Die gleichen Extremisten, die Gülle und Chlorotanonyl in ihrem Trinkwasser hassen. Wie kann man da noch glücklich sein?

Lästig wie Greta und ihre Schulschwänzer. Lästig wie die grünen Spinner, die sich von bio-veganem Gemüse und Quinoa ernähren. Lästig wie die EU, Flüchtlinge und bald wohl Joe Biden. Wie ein Mahnfinger lauern sie hinter jeder Hecke. Das mögen wir gar nicht. Man soll uns bitte in Ruhe lassen. In Ruhe Geld scheffeln, in Ruhe Geschäfte machen, in Ruhe tun und lassen, was das Herz begehrt. Was kümmert uns Morgen? Eben.

Hauptsache schön bequem. Hauptsache rentabel. Hauptsache weiter wie bisher. Also weg mit allem das stört. Weg mit (neuen) Verträgen, Vorschriften und Gesetzen. Weg mit Ausländern. Weg mit all den linken und grünen Stänkerern. Die Sonne winkt am Horizont. Nur ob sie auf oder unter geht, ist noch nicht entschieden. So bedeutet sie den einen Glück und ist den andern Drohung. Zwischenzeitlich ängstigt sie mich. Nicht so sehr wegen der drohenden Klimakatastrophe, viel mehr wegen dem was uns hinter dem Horizont erwartet. Es gibt aktuell genug Beispiele, von Polen, Weissrussland, der Türkei bis zu den Putschfantasien amerikanischer Politiker, die uns Angst machen sollten. Und wer nun glaubt, uns könnte sowas nie passieren, hat in Geschichte gepennt. Spätestens wenn die Aussichten auf eine bessere Zukunft schwinden und ein paar Geldsäcke sich um ihren Reichtum fürchten, steht auch bei uns die Demokratie zur Disposition. Es beginnt damit, dass sich die Presse in immer weniger Händen konzentriert, Angriffen aufs Fernsehen und Gesetzen, wie dem neuen Antiterrorgesetz, dass zur Abstimmung steht. Wir sind gewarnt.

Wie weit es mit dem Demokratieverständnis vieler Mitbürger ist, zeigen aktuell die haufenweise zerstörten Abstimmungsplakate. Noch deutlicher wird die Gemütslage, wenn man die Kommentare in den Online und Sozialen Medien verfolgt. Lügen scheint das neue Normal. Angst schüren tägliches Handwerk und Ressentiments an der Tagesordnung. Nur um die Inhalte geht es nie. Weder bei den Agrarinitiativen noch dem CO2-, dem Covid- oder dem Antiterrorgesetz. Es geht einzig um die Erhaltung von Pfründen. Stillstand ist Programm. Rückwärts das neue Vorwärts. Auf den festgefahrenen Karren folgt das Herz. Exitus.

Es ist offensichtlich. Das Glück der Glücklichen ist in Gefahr. Selbstverständliches ist in Frage gestellt. Alte Gewohnheiten stehen am Pranger. Das mag niemand. So viel ist klar. Wie bei Jeremia (15.10 15-21) soll oder wird der Überbringer der schlechten Nachricht geköpft. Also prüglet man auf alle ein, die mahnend den Finger heben, ein inne halten oder gar eine Umkehr fordern. So lässt es sich die gute alte Zeit noch für eine Weile in Ruhe und Frieden geniessen – was danach folgt, egal. Um es mit Ghandi zu sagen: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie sich und dann gewinnst du.“ Hat er Recht, können wir beruhigt sein.

21.05.2021: Keinen Pfifferling wert

Ist etwas wertlos, so ist es keinen Pfifferling wert. So will es der Volksmund. Und wie es gerade scheint, herrscht gerade eine Pfifferlingsschwemme. Sie sind noch weniger Wert als sonst – sie werden einem regelrecht nachgeschossen. Aber der Reihe nach.

Letzte Woche kündigte ich für heute den Start einer Trilogie unter dem Titel „Was tun?“ an. Statt immerzu mit den Fingern in Wunden zu stochern und auf böse Buben zu zeigen, sollte für einmal das Positive im Mittelpunkt stehen. Eine Skizze über das Wünschenswerte – ein möglicher Fahrplan für eine lebenswerte Zukunft. Und wie so oft, muss das Wünschenswerte zurückstehen. Die Aktualität fordert ihren Tribut. Denn es droht gerade die Gefahr, dass wir unsere Zukunft, vor allem aber diejenige unserer Kinder und Enkel, für ein paar läppische Rappen verzocken. Wie das?

Liessen die Umfragen vor zwei Wochen, mit einem Ja-Anteil von 64%, noch auf die Annahme des CO2-Gesetzes hoffen, so ist dieser Anteil diese Woche auf magere 50% zusammengeschmolzen. Wie die Gletscher unter der Sommerhitze, schmilzt die Aussicht auf ein Ja dahin. Einmal mehr sieht es so aus, als dass eine millionenschwere Angstkampagne ihr Ziel erreicht. Vergessen das ratifizierte Pariser Klimaabkommen, mit seinen verbindlichen CO2-Zielen, vergessen die Dürresommer, die Klimabewegung und erst recht die Klimaflüchtlinge in Asien und Afrika. Eine drohende Benzinpreiserhöhung von läppischen 12 Rappen (innert 10 Jahren) und netto 100 Franken mehr pro Jahr, genügen um unsere Zukunft aufs Spiel zu setzen. Wer dabei an apokalyptische Wetterkapriolen denkt, liegt nicht ganz falsch, aber davon rede ich nicht. Nein, ich meine damit nicht das Abschmelzen unserer Gletscher, das Verdorren unserer Wälder und Versiegen des Grundwassers – dazu ist der Einfluss dieses Gesetzes aufs Weltklima tatsächlich zu gering. Erstens weil es in vielen Punkten zu lasch ist (Beispiel Flugticketabgabe) und weil es die Kompensation im Ausland zulässt, und zweitens, weil wir das Klima nur gemeinsam (international) „retten“ können. Wir verpassen aber einmal mehr die Ausfahrt in eine lebenswerte Zukunft, nur damit wir weiter mit vollem Tank, Richtung Wand rasen können. Wie dumm muss man dafür sein?

Wäre ich ein Prophet würde ich diese hier noch so gerne präsentieren. Vielleicht ist es ein Glück, dass ich es nicht bin, denn viel Positives käme dabei wohl nicht heraus. Noch weit düsterer als die befürchteten Wetterkapriolen, dürften jedoch die ökonomischen und gesellschaftlichen Konsequenzen sein, wenn wir uns jetzt weigern die richtigen Schritte einzuleiten. Denn eines ist so sicher, wie das Amen in der Kirche – was wir heute nicht tun, kostet morgen das x-fache. Sei es um (vermeidbare) Schäden zu reparieren oder unter Zwang Anpassungen finanzieren zu müssen. Von den erwarteten sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen rede ich nicht mal. Kurz gesagt: Jedes vertane Jahr kostet Milliarden, die wir heute in eine CO2-neutrale Technologie und zukunftsfähige Jobs investieren könnten. Wenn, wie in den letzten Tagen publiziert, selbst die Internationale Energie Agentur den Ausstieg aus dem Erdöl fordert, muss der Wecker wohl schon über der Schmerzgrenze klingeln. Nur Taub-Blinde, wie die $VP, Teile der FDP, Ölscheichs und belogene Stimmbürger:innen haben den Schuss noch nicht gehört. Sie schicken darum lieber weiterhin Milliarden nach Saudi Arabien und Aserbaidschan und meinen wohl e-Cars und Solarstrom wäre nur etwas für grüne Spinner mit schlechtem Gewissen und dickem Portemonnaie. Der „Verzicht“ auf drei Kaffee crème pro Monat (bei 150 lt Benzinverbrauch) sind ihnen für eine lebenswerte Zukunft offensichtlich zu viel und 30 Franken mehr für ein Flugticket nach London lassen den Ruin befürchten. Dass die Rückvergütung via Krankenkasse und der Fördertopf für Innovationen und energetische Massnahmen (z. B. für den Ersatz alter Ölheizungen) nicht erwähnt werden, grenzt schon beinahe an Betrug. Noch bedenklicher ist nur die Tatsache, dass überhaupt nur über Kosten (Geld) gesprochen wird und weder die Zukunft unserer Kinder noch ein intakter Lebensraum eine Rolle zu spielen scheint. Anders gesagt: Die Zukunft ist vielen keinen Pfifferling wert.

Wie die Jugend bei einem allfälligen Nein reagieren wird, weiss ich nicht. Viel hält die Klimajugend – wahrscheinlich zu Recht – nicht von diesem Gesetz. Eine Ablehnung wäre trotzdem ein fatales Signal. Der Vertrauensverlust in Politik und die „Alten“ dürfte noch schwerer zu reparieren sein. Bei harmlosen Schulstreiks am Freitag Nachmittag dürfte es nicht bleiben. Wenn die „Mehrheit“ glaubt ihr gesamtes Versagen auf die zukünftigen Generationen abwälzen zu können, dürfte sie schnell eines Besseren belehrt werden. Sich selber und andere bescheissen, war noch nie wirklich klug.

Und there is one more thing…..https://tagesanzeiger.ch/unglaubliche-30-grad-in-der-arktis-548421991879

14.05.2021: Überdruss

Im Moment wirkt alles ausgelutscht, abgenagt und ausgeweidet. Zu jedem Thema scheint alles gesagt. Selbst die Empörung ziert sich und will nicht mehr zünden. Es ist wie tagein tagaus Haferbrei. Irgendwann hat man es satt. Tote Hose – nix geht mehr. Egal ob Corona, seine Leugner, die Plakatorgie der Agrar- und Erdöllobby und erst recht die Raketen in Gaza und Tel Aviv, es langweilt – selbst dann, wenn Wut und Protest angesagt wäre. Zermürbung als Taktik um den Gegner weichzuklopfen. Denn irgendwann hört und sieht man weg, zuckt mit den Schultern und überlässt das Spielfeld den Nölern und Kriegstreibern. Forfait! Der Gegner jubelt, die Probleme schiessen ins Kraut und kehren doppelt so gross zurück. Genau dieses Tote-Hose-Gefühl begleitet mich seit Tagen. Grund: Ohnmacht.

Nichts mag mich richtig zu begeistern. Nichts aber auch wirklich zu ärgern. Selbst Herzensthemen, über welche ich sonst stundenlang debattieren kann, lassen mich kalt. Das Irritierenste aber, ich fühle mich weder depressiv noch traurig. Es reisst mich einfach nichts aus den Socken. Es ist als wäre plötzlich nichts mehr wichtig. Ich habe mir sogar überlegt meine News-Apps auf dem Handy zu löschen und Facebook und Co. tschüss zu sagen. Denn – und das ergab meine Kurzanalyse – es wiederholt sich gerade alles – bis zum Überdruss. Den Ausschlag gab für mich der erneute Gewaltausbruch in Israel. Die selben Bilder, die gleichen Drohungen, die selben Feindbilder und die alten Konflikte, wie vor 7, 12, 20, 30 und 50 Jahren. Der einzig messbare Fortschritt: Mehr und noch effektivere Waffen. Und ob ich dazu nun eine Meinung habe (habe ich natürlich), ist seit ebenso vielen Jahren völlig egal. Es kümmert niemand und nix. Ohnmächtig muss man zuschauen, wie zynische Akteure ihre Agenda auf Kosten und dem Buckel des Normalbürgers durchziehen. Die Motive: An der Macht bleiben. Die Methoden: Angst und Hass. Die Mittel: Mord und Terror. Das Ende: Voraussehbar.

Genau so voraussehbar wie die Politik der $VP, welche sich wieder einmal mehr der Angst bedient, um dringende Veränderungen anzustossen. Die Propagandaschlacht um die Trinkwasser- und Pestizidinitiative habe ich schon thematisiert. Sie operiert nach dem immer gleichen Muster: Angst, Untergang und Ruin. Den Gipfel der Unverschämtheit aber liefert diese Partei rund um das CO2-Gesetz. Da es – ausser der Kritik, dass das Gesetz zu wenig weit geht – kein vernünftiges Argument gegen griffige Massnahmen gegen die Klimaerwärmung gibt, müssen es einmal mehr Lügen richten. Lügen über angeblich horrende Kosten, geschröpfte Autofahrer, angeblich technische Lösungen, die keine sind usw. Was wirklich im Gesetz steht, ist egal. Hauptsache man bedient die Profitinteressen der Fossilen Lobby. Dafür wird auch die Zukunft Aller aufs Spiel gesetzt. Kurz gesagt: Der Sättigungspunkt ist erreicht – ich kann mich nur noch angewidert wegdrehen. Auch hier Überdruss und Ohnmacht.

Bleibt die Frage: Wie reagieren wir auf solches Gebaren? Reicht es sich weg zu drehen oder muss man Widerstand leisten? Wenn ja, aber wie? Richten es die besseren Argumente oder braucht es mehr? Wo aber eine gemeinsame Basis fehlt, ist eine Diskussion sinnlos. Wer die Existenz von Viren leugnet, kann mit allen Fakten dieser Welt nicht vom Nutzen einer Impfung überzeugt werden. Wer den Frieden nur in der Vernichtung des Gegners sieht, wird jede Verhandlung boykottieren und wer nur nach persönlichem Reichtum und Macht strebt, interessiert das Gemeinwohl nicht. Wohin solches führt, lehrt uns die Geschichte. Ich kann auf eine Wiederholung verzichten. Bleibt mein Überdruss.

Nutzen wir diesen produktiv und schreien ihn gemeinsam hinaus. Machen wir den Despoten, Nölern und Leugnern klar, dass wir ihr Spiel durchschaut haben. Weigern wir uns auf ihre Lügen und Winkelzüge einzugehen. Nennen wir Lügen Lügen und Betrug Betrug. Sagen wir ihnen, dass wir es überdrüssig sind, ihren Lügen zuzuhören. Ignorieren wir ihr Ränkespiel. Entweder man sucht gemeinsam, faktenbasiert nach Lösungen oder man darf zu Hause bleiben.Wir haben Besseres zu tun als über eure haarsträubenden Lügenkonstrukte zu debattieren – wir haben Probleme zu lösen. Und wenn ich Überdruss konstatiere, so richtet sich dieser allein gegen eure Spielchen, die wir durchschaut haben. Redet also was ihr wollt, ich höre einfach nicht mehr zu. Wer die Spielregeln nicht akzeptiert, darf am Spielrand stehen. Vielleicht liegt darin ein Teil der Lösung. Überdruss schützt uns vom „zu viel“ und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Neues. Denn es ist eine Binsenweisheit: Die Zukunft liegt vor, das Alte hinter uns.

Vorankündigung: Was tun? Eine Trilogie über die Frage was uns wirklich kümmern sollte, ist in der Pipeline. Start: Teil 1 am 21.5.2021 – Überschrift: Utopie oder Dystopie?

07.05.2021: Bauernfängerei

In der Schule lernen wir, wie die freiheitsdurstigen Bauern und Hirten aus dem Schächen-, Muota- und Melchtal die arroganten Habsburger aus ihren Tälern vertrieben. Und wenn wir diesen Mythos auch einem Deutschen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts verdanken, so hält sich dieser auch noch in den Köpfen der globalisierten Vorstadtbewohner des 21. Jahrhunderts. Abzulesen auch an den Trychler-Aufmärschen der Frei-und Leerdenker dieser Tage. Der Bauer im Hirtenhemd, als heilige Ikone einer unbezwingbaren Schweiz. Eine Groteske, die man erst einmal verdauen muss. Durchaus aber Sinnbild für den Zustand von so Vielem in diesem Land. Wagen wir den Realitätscheck.

Ich könnte jetzt, wie der neoliberale Think-Tank „avenir suisse“, mit einer eindrücklichen Exceltabelle und bunten Grafiken belegen, wie marginal, unrentabel und kostspielig unsere Landwirtschaft ist. Die daraus folgende Schlussfolgerung wäre schnell gezogen: Macht euren Laden dicht – ihr rentiert nicht – hoch lebe der freie Markt! Euer lächerlicher Beitrag zum Bruttosozialprodukt verschleudert die Credit Suisse weit besser an einem verregneten Vormittag. Da ich aber weder ein Vertreter der Rollkoffer-Brigade McKinseys, noch Säckelmeister des Steuersparvereins bin, überlasse ich die Buchhaltung diesen Erbsenzählern und widme mich den kulturellen und politischen Aspekten unseres Bauernstandes. Denn es gibt durchaus ein paar Auffälligkeiten die ins Auge stechen. Da wäre z. B. das überproportionale Gewicht des Bauernverbandes in der Politik (29 in Bern, also 12% bei einem Bevölkerungsanteil von 1,4%). Das gleiche Bild in den Gemeinden, quer durchs Mittelland. Wir sind eine Bauernrepublik. Abzulesen auch an den üppig sprudelnden Subventionen und den zahlreichen Sonderregelungen und Extrawürsten, wie den steuerbefreiten Diesel für ihre Monster-Trucks, die Mehrwertsteuerbefreiung für Hofläden, die Zollschranken zum Schutz vor Billigimporten, freie Familienzulagen, usw. (hier eine Auflistung). Eine heilige Kuh in den Strassen Neu-Dehlis muss sich dagegen diskriminiert fühlen. Was aber weit schwerer wiegt als diese monetäre Vorzugsbehandlung ist die Beinahe-Heiligsprechung eines ganzen Berufsstandes. Besser gesagt, die Überhöhung und Idealisierung der bäuerlichen Lebensweise. Der hart arbeitende Bauersmann mit den schwieligen Händen, gebückt auf den Feldern. Die Bäuerin im Hofladen mit Biogemüse und Freilandeiern umringt von glücklich gackernden Hühnern. Und wenn wir auch unser Geld im Export, am Paradeplatz und in den Giftküchen der Basler Pharma verdienen, so tun wir so, als wären wir alle (noch) Bauern und Hirten. Werbung mit Gans und Barry, Puurezmorge mit Züpfe und selbstgemachter Konfi tun den Rest. Und mit diesem Bild im Kopf lassen wir uns jeden Mist aufschwatzen – sei es im Laden oder in der Politik. Ok, nicht alle. Aber genug, um damit Mehrheiten zu gewinnen.

Erklärungen für dieses Paradox gibt es viele und hat tiefe Wurzeln. Historisch, durch die Überhöhung der Bauernscholle durch die Sieger des Sonderbundkrieges (Geburtsstunde der modernen Schweiz), als Heilungsprozess für die tief gespaltene junge Nation (Motto: Die Schweiz ein Volk von Bauern und Hirten). Dann das politische Zweckbündnis der Liberalen mit den Konservativen gegen die erstarkende Arbeiterschaft um die Jahrhundertwende. Im 2. Weltkrieg die Blut- und Bodenpropaganda um Réduit und Anbauschlacht und schliesslich heute, die Pflege des Mythos einer heilen autarken Schweiz, als Modernisierungsplacebo. Grüne satte Wiesen, weidende Kühe und Landfrauenküche als Globuli gegen die Zumutungen des modernen Lebens. Treichelnde Mechatroniker, KV-Lehrlinge und Web-Designer in Hirtenhemd und Ochsen-Joch, stehen dafür so verlogen wie symbolisch – dieser Tage vorzugsweise an Aufmärschen der Freunde Coronas zu finden. Seit dem heroischen Kampf der $VP gegen alles Ausländische und Europäische, sind sie das Symbol des Widerstandes und gegen das Fremde schlechthin. Wo getreichelt wird, ist das „Vouch“ und die $VP nicht weit. Als gälte es die bösen Geister der Moderne zu vertreiben, wird gescheppert, bis das Trommelfell platzt. Auf der Strecke bleibt alles, was uns weiter bringen könnte und Zukunft verspricht.

Soweit die Symbolik einer längst abgedankten Kultur und Lebensweise. Diese wird nun aber nicht nur für zahlreiche Privilegien benutzt, vermehrt noch, dient sie der politischen Bauernfängerei. Seien es die verlogenen Auftritte der $VP-Milliardärsprominenz in Hirtenhemd und Trychel, oder deren Schlacht gegen sauberes Trinkwasser und den Klimaschutz, immer wird die gleiche Symbolik bemüht und der Landmann in die Schlacht geschickt. Aber warum auch etwas Neues erfinden, wenn es schon im Mittelalter half, als die eidgenössischen Lokalfürsten das rebellische Bauernvolk als Reisläufer auf Europas Schlachtfeldern verschickte, um im eigenen Land Ruhe zu haben. Heute hängen die Gleichen am Subventions-Nasenring und dienen gierigen und skrupellosen Machtpolitikern als willfähriges Werkzeug. Ihre „Rebellion“ (auch als Frust bekannt) richtet sich gegen ihre eigene Zukunft. Das Traurigste dabei: Trotz allen den Privilegien geht es den Landwirten immer schlechter. Die Kontroll- und Regelungsdichte wächst ins uferlose, die Preise sinken ins bodenlose, die Böden werden ausgelaugt, die Biodiversität verarmt, das Wasser wird vergiftet und das Klima spielt verrückt. Egal ob es um Wasser, Böden, gesunde Lebensmittel, Preise oder CO2 geht: Der Bauer badet es aus, der Konsument bezahlt die Zeche, und Handel, Agrochemie und die Sünnelipartei reiben sich die Hände. Alternativen werden erst gar nicht in Erwägung gezogen – ein Extrawürstchen mehr, wird es schon richten. Selbst einfachste Einsichten, wie die Tatsache, dass sich biologische Wachstumsprozesse nicht beliebig beschleunigen lassen und fruchtbarer Boden endlich ist, werden negiert. Wer also auf gleichem Boden immer mehr, mit immer höherem Mitteleinsatz, zu immer tieferen Preisen, produzieren soll, wird früher oder später scheitern. Vermutlich eher früher… Ich frage mich nur, wie lange sich die Bauern dieser Einsicht noch verschliessen wollen.

Aktuell zum Beispiel die sog. Agrarinitiativen, gegen die schon seit Monaten an den Scheunentoren von Sankt Gallen bis Genf plakatiert wird. Genauso das CO2-Gesetz welches mit Lügengeschichten, gefälschten Zahlen und Studien, von Swissoil, Autolobby und $VP, gebodigt werden soll. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen wo der Schilderwald mit den Nein-Parolen aufgepflanzt wird – in den Kartoffeläckern von Rheineck bis Chancy. Dass dafür hier im Dorf, nachts, die Plakate der Befürworter von den Hauswänden „verschwinden“ spielt kaum mehr eine Rolle. Es zeugt nur von einer zweifelhaften demokratischen Gesinnung und ist vermutlich Ausdruck von Ohnmacht und Verzweiflung. Denn instinktiv wissen sie vermutlich, dass sie damit am Ast sägen, auf dem sie sitzen. Das für diese Themen kaum ein Bauer eintritt, grenzt schon beinahe an Schizophrenie, denn kaum jemand dürfte so abhängig von der Natur sein, wie sie. Wessen Ernten verdorren, wer erntet weniger Obst, wenn die Bienen sterben, welche Böden werden vergiftet? Aber der Bauernfänger heissen nicht umsonst so. Er fängt Bauern. Aber solange sich diese am Nasenring in der Manege vorführen lassen und wir dazu Beifall klatschen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir alle an der Nase herumgeführt werden.

29.01.2021: Trilogie der Entfremdung Teil II – Selbstbetrug

Teil I meiner Trilogie endet mit der Feststellung, dass wir uns oft selbst betrügen. Nicht weil wir „dumm“ sind, sondern weil wir uns durch einfache „Lösungen“ in die Irre führen lassen. Leider unterstützt uns dabei auch noch die „menschliche Natur“, welche zu Kurzschlüssen neigt. Im Fachjargon auch als „Heuristiken“ bekannt. Was heisst das?

In der Regel wird ja unsere Vernunft und Rationalität beschworen. Stolz tragen wir diese vor uns her und meinen, uns könne niemand etwas, weil wir ja so schlau sind – die „Mutter aller Irrtümer“, quasi. Denn, was wir schlau nennen, ist nichts anderes als die vorherrschende Meinung des sozialen Milieus, (Mehrheitsmeinung) in dem wir leben. Das sagt jedoch nichts darüber aus ob diese gut oder vernünftig ist. Sie ist bestenfalls akzeptiert, meistens manipuliert und schlimmstenfalls diktiert (z. B. in Diktaturen). Beispiele dazu folgen weiter unten im Text. Der zweite Irrtum dem wir unterliegen, ist die Überzeugung, unsere Entscheidungen und Handlungen wären unserem Verstand geschuldet. Doch da ist unser „Bauch“, der das Rennen meist gewinnt und am Ziel ist, bevor der Verstand überhaupt startet. (Parallelen zur Fabel vom Igel und dem Hasen, sind rein zufällig). Um Energie zu sparen ruft unser „Bauchhirn“ nämlich Muster ab. Es greift auf „Bekanntes“ (oder eben Heuristiken) zurück und reagiert blitzschnell, bevor wir den Denkapparat überhaupt einschalten – dieser darf das Resultat dann bestenfalls noch rechtfertigen, bzw. begründen. Dank diesem Reflex, hat ein Geräusch im Gebüsch, viele Steinzeitjäger vor dem Säbelzahntiger gerettet. Seit diese ausgestorben sind, wendet sich diese Überlebensstrategie jedoch gegen uns. Denn genauer hinschauen, wäre in einer komplexen Welt von Vorteil, und eine weitaus bessere Überlebensstrategie. Diese Ausgangslage spricht also schon mal gegen die Überlegenheit der menschlichen „Vernunft„. Erst recht nicht in einer sozialen Gemeinschaft, auf deren Wohlwollen wir angewiesen sind. Das Resultat kennen wir – es nennte sich Schwarmdummheit und führt mehr und mehr zu Krisen.

Aus dem bisher Gesagten könnte man jetzt schliessen, das die ganze Misere den Defiziten der menschlichen Natur geschuldet ist. Und da diese sozusagen „gottgegeben“ (oder eben evolutionär) auch nicht zu ändern ist. Was sich also abmühen? Der Mensch ist, wie er ist. Beschränkt, gierig und träge. Oder wie anders erklärt es sich, dass wir konsequent gegen unsere eigenen Interessen handeln und uns selbst belügen?

Schauen wir dazu ein paar Beispiele an. „Wir“ (die meisten Landwirte) spritzen unser Gemüse mit Pestiziden, im Wissen darum, dass wir damit unser eigenes Trinkwasser vergiften – die möglichen Ertragseinbussen wiegen schwerer. „Wir“ (die es sich leisten können) fliegen um die halbe Welt, im Wissen darum, dass wir damit das Klima belasten – der Wunsch nach Sonne, Meer und Party ist eben grösser. „Wir“ (die überwiegende Mehrheit) isst Fleisch in rauen Mengen, im Wissen darum, wie stark die Fleischproduktion Umwelt, Tierwohl und Klima belastet – Genuss und Gewohnheit sind stärker. Wir nutzen Google, WhatsApp, Amazon, weil es bequem und günstig ist und ärgern uns wenn wir mit Werbung zugemüllt und Läden geschlossen werden. Wir kaufen Kleider die unter widrigsten Bedingungen in Bangladesch zusammen genäht werde, gehen auf Kreuzfahrt, schliessen Freihandelsverträge mit Diktatoren und wählen Politiker, die uns verarschen – die Liste ist endlos. Auch ich bin von dieser nicht ausgenommen. Selbstbetrug ist Alltag und Teil unseres Systems. Wie ist das möglich?

Das Erkennen unserer „Natur“ ist das Eine („Erkenne dich selbst!“ riet schon das Orakel von Delphi vor 2500 Jahren), das Andere ist das Durchschauen des Systems, in dem wir leben. Kurz gefasst könnte man sagen: Das System baut auf unsere Schwächen und macht es uns einfach „dumm“ zu sein – also sich selbst und sich betrügen lassen. Man kann sogar sagen, es belohnt den (Selbst)Betrug und bestraft jene, welche der Wahrheit verpflichtet sind. Dieser Pakt mit dem Teufel (Belohnung durch Selbstbetrug), hält unser System im Gange. Ein System, das in Wirklichkeit wenigen dient und allen Schaden zufügt. Und hier kommt wieder die Entfremdung ins Spiel. Denn es ist diese, die uns in die Irre führt. Aber wie?

Je grösser die zeitliche und geografische Distanz zwischen unserem Handeln und den daraus folgenden Konsequenzen, desto einfacher fällt der (Selbst)Betrug. Und je fremder uns jemand oder etwas (also Menschen oder ihre Religion/Kultur z. B.) ist, umso leichter fällt es uns, diese abzulehnen oder auszugrenzen. So fällt es dann leicht, das Flüchtlingselend am Rande Europas auszublenden. Denn dieses ist a) weit weg und b) betrifft es Fremde. Ein fataler Trugschluss, denn es ist „unsere“ Politik, die zu diesem Elend führt und es ist unsere Glaubwürdigkeit die zerstört wird. Es ist stets das gleiche Muster. Solange andere, möglichst weit weg oder viel später, die Folgen unseres Tuns zu tragen haben, umso leichter fällt es uns nicht über unser Handeln nachzudenken. Dazu gesellt sich, angesichts der Problemberge, eine „Ohnmacht“, die viele passiv werden lässt. Fast wie im Mikado geht es darum: Wer (was) sich zuerst bewegt, hat verloren. Bestes Beispiel dafür ist wahrscheinlich die Klimakrise, die alles oben Beschriebene in sich vereint. Trifft es uns dagegen direkt, wie z. B. die aktuelle Pandemie, ist Widerstand programmiert. Zu diesem gehört das Leugnen des Unabänderlichen genauso, wie die Schuldzuweisungen. (es sind immer die Andern). Wie kommen wir da raus, ist die grosse Frage. Denn dass wir da raus kommen müssen, steht ausser Frage. Selbstbetrug mag bequem sein, endet in der Regel aber in einem Fiasko.

Wie wir da rausfinden können ist Thema im 3. Teil, nächste Woche. Titel: Wirklichkeit . Dazu schon mal ein Zitat von Greta Thunberg vorab (aus ihrer Rede vom 25.1.2021 am virtuellen WEF):

Hoffnung ist für mich das Gefühl, welches dich am Laufen hält, auch wenn alle Chancen gegen dich stehen. Hoffnung kommt für mich nicht aus Worten, sondern aus Taten. Für mich sagt die Hoffnung, wie es ist, egal wie schwierig oder unangenehm das sein mag.“

15.01.2021: Zäh

Wer kennt das Gefühl nicht? Man erwartet etwas ungeduldig und es wird und wird nicht. Den 18ten Geburtstag, die geplante Weltreise oder das Trump und die Pandemie endlich verschwinden. Es tut beinahe körperlich weh. Und ist es dann endlich soweit, muss man feststellen, dass die Vorfreude oft grösser war, als die Freude selbst. Denn, ist eine Hürde genommen, lauert bereits die nächste um die Ecke.

Trumps Abgang ist uns gewiss, der 20. Januar rückt näher. Wie dieser aussieht, darüber wird gerade heftig spekuliert. Vorsichtshalber vernageln Bauarbeiter schon mal die Fenster von Regierungsgebäuden und das FBI warnt vor bewaffneten rechtsextremen Horden. 15‘000 Nationalgardisten sind in Washington eingerückt. Vorausgesetzt die Nationalgarde ist nicht korrumpiert (in diesen Tagen weiss man nie), dürfe Jo Biden der 46igste Präsident der Vereinigten Staaten sein und Trump auf einem Golfplatz, im Gefängnis oder bei seinem Zwilling in Brasilien. Auch wenn sein Abgang zäh ist, er ist in Sichtweite. Aufatmen wird nicht nur halb Amerika und die Welt, auch dem Klima wird es nicht schaden. Wir dürfen uns also erst mal freuen.

Wie lange diese Freude anhält, steht allerdings in den Sternen. Ernst zu nehmende Stimmen warnen bereits vor Terroranschlägen durch die unzähligen, bewaffneten Milizen und 15 Millionen christliche Fanatiker beschwören das Armageddon. Ob hier der Teufel an die Wand gemalt wird, wissen wir vielleicht in einem Jahr. Bis dahin hoffen wir das Beste und machen uns auf das Schlimmste gefasst. Hoffnung ist ein zäher Bursche, ermüdend ist diese wahr zu machen.

Weit ermüdender als der Abgang des Verlierers im Weissen Haus auf der anderen Seite des Atlantiks, ist das Aussitzen der Pandemie hier. Ich wähle „aussitzen“ ganz bewusst, denn anders lassen sich die zögerlichen Massnahmen kaum umschreiben. Gouverner c’est prévoir heisst es so schön – also „Regieren heisst Vorausschauen“. In den letzten Wochen und Monaten glich dies aber eher einen ReAgieren und einen ZUschauen. „Die Lage ist ernst, wir beobachten mit Sorge“ des Bundesrates und sein meist spätes Zaudern und Zögern, lässt nicht nur mich ratlos zurück. Fakt ist: „Wer zu spät kommt, bestraft das Leben“ – das wusste schon Gorbatschow und behielt Recht. Denn leider greift das „Prinzip Hoffnung“ bei einem Virus nicht. Der hält sich zäh und kümmert sich nicht um unsere Befindlichkeiten.

Zäh halten sich nicht nur Viren, egal ob sie Trump oder Covid heissen. Noch zäher erweist sich der Irrsinn in Gesellschaft und Politikbetrieb. Da sammelt eine unheilige Allianz ominöser „Freunden der Verfassung“ (aka Coronarebellen), zusammen mit JGLP und Jungen Grünen 140‘000 Unterschriften gegen ein Gesetz, das bereits in Kraft ist (Covid-Gesetz) welches uns vor den Folgen der Seuche schützen soll. Ebenso unheilig das Referendum von $VP/swissoil und Teilen von Fridays4Future gegen das dringend notwendige CO2 Gesetz, das den Klimawandel endlich ausbremsen soll (nicht perfekt – aber besser den Spatz in der Hand, als gar nichts). Gleich verlogen die Allianz der Bauern-Agrochemie-Lobby gegen sauberes Trinkwasser, die mit ihren Plakaten bereits die ersten Bauernhöfe verunzieren. Machiavellisch die $VP, welche Alain Berset entmachten möchte um von ihrem eigenen Versagen abzulenken. Da sind die Störmanövern der gleichen Partei gegen jegliche Pandemiemassnahmen und ihre Weigerung betroffene Branchen und Betriebe angemessen zu unterstützen, fast schon eine Randnotiz. Ideologische Scheuklappen (Schulden sind böse) und naive Träumereien (entweder alles oder nichts) sind zäh. In Krisen sind sie nicht nur lächerlich, sie sind ausgesprochen gefährlich. So endet der verbohrte Sparreflex für viele Menschen und Firmen im wahrsten Sinne des Wortes tödlich. Egal ob Covid, Trinkwasser oder Klima – Hauptsache ich Rette meine Pfründe oder Überzeugungen. Verhaltensmuster sind so zäh, wie Viren und kaum auszurotten.

Wie fast alles im Leben hat aber auch das Zähe eine gute und eine schlechte Seite. Schützt uns eine feste (zähe) Schuhsohle vor rostigen Nägeln, so beissen wir uns bei zähem Fleisch die Zähne aus. Und hilft sie uns beim Dranbleiben und Durchhalten in schwierigen Situationen (wie z. B. das Durchstehen dieser Pandemie), so steht sie uns beim zähen Festhalten an alten Verhaltensmustern im Wege. Fällt uns die Unterscheidung zwischen Schuhsohle und Fleisch leicht, ist diese dafür zwischen vernünftigem Dranbleiben und sturem Festhalten umso schwieriger. Das „cui bono“ (also wer hat einen Vorteil davon) hilft uns auch hier.

Silvester 2020: Sapere aude

Damals als – so wird erinnert. Damals also, als alle, oder wenigstens fast alle, Masken trugen…. zu Beginn der 20iger Jahre. Ein denkwürdiges Jahr. Was wird davon bleiben? War es der Beginn eines Umdenkens? Das Ende einer Epoche? Die Wende zum Guten oder Schlechten? Vielleicht sogar eine Zäsur? Da uns der Blick in die Zukunft durch die Vergangenheit verstellt ist, müssen wir raten. Selbst Indizien – Erfahrungen genannt – sind nur bedingt hilfreich, denn sie klammern zukünftige Ereignisse naturgemäss aus. Fazit: Die Zukunft findet in der Zukunft statt. Trotzdem sind wir den Ereignissen nicht ganz hilflos ausgeliefert, denn wir können aus vergangenen Ereignissen lernen, unser Verhalten anpassen und Fehler zu vermeiden versuchen. Dies setzt allerdings voraus, dass wir erkennen. Erkennen, woran es liegt, dass wir sind, wo wir sind. Es braucht dazu nicht zwingend das „sapere aude“ Immanuel Kants, es genügt ein ungetrübter Blick zurück. Ein Blick der (ein)ordnet, erhellt und erkennt. Ein Jahresrückblick bietet dazu Gelegenheit. 2020 ganz besonders.

Wo warst du am 16. März 2020 oder was machtest du am 11. September 2001? New York, World Trade Center, Twin Towers, Terror und Osama Bin Laden – 9/11 – ist vermutlich bei uns allen fest verankert. Deshalb wissen wir meist auch nach 20 Jahren noch, wo wir damals waren und was wir gerade taten, als die brennenden Türme, vor den Augen der Welt, in sich zusammen brachen. Aber der 16. März 2020? Am 16. März hiess es: „Bleiben sie zu Hause“ – Lockdown. Seither gibt es ein davor und ein danach. Mich traf es vor Tasmanien. Statt Port Arthur, Tasmanischer Teufel und spektakuläre Strände, hiess es: Zutritt verboten – Hobart ist verseucht. Unverständnis – Frust – und was jetzt?

Was jetzt – auch noch neun Monate später. Statt einer kurzen heftigen Grippe, die, wie es sich gehört, im Frühjahr Leine zieht, entpuppte sich der Krankmacher als fiese Seuche von beinahe alttestamentarischem Ausmass. Ungläubig verfolgen wir seither die steil ansteigenden Kurven der Infizierten und Toten, reiben uns die Augen und stellten erstaunt fest: Alles ist anders. Zwar geht die Sonne weiterhin im Osten auf und im Westen unter – alles Übrige aber ist in Frage gestellt – Gewissheiten inklusive. Und um die Gefühlslage zusätzlich zu verkomplizieren, reiht sich seit Oktober Lockdown an Lockdown, während der neue Impfstoff Normalisierung verspricht und das Virus mutiert. In etwa gleich verrückt, Trumps Abgang als groteske Inszenierung eines Irren. Abgang gewiss, Ausgang ungewiss. Auf dem Rost geröstet werden, ist dagegen Wellness im Jaccusi. Dazu eine Regierung, welche die wirtschaftlichen Sonderinteressen einflussreicher Lobbies offensichtlich höher gewichtet, als unsere Gesundheit. Über die Spätfolgen lässt sich bestenfalls spekulieren. Schaden genommen hat aber mit Bestimmtheit unser Vertrauen. Unser Vertrauen in die Politik und Institutionen – und noch tiefgreifender, unsere Verletzlichkeit. Die Erkenntnis, dass wir nicht die Herren der Schöpfung, sondern in unserem Habitat bestenfalls geduldet sind, grenzt an eine Beleidigung. Der Grat zwischen einem unbeschwerten Leben in Sicherheit, Saus und Braus und einem in Angst um Existenz und Zukunft, entpuppte sich als schmal und brüchig.

Und wo es bricht, öffnen sich Klüfte. Die Kluft zwischen armen und reichen Ländern, zum Beispiel, wenn es um Impfstoffe geht. Zwischen jenen mit Job und jenen ohne. Den Profiteuren des Online-Handels und den zwangsbeurlaubten Wirten, den unterbeschäftigten Selbständigen und jenen, die einsam in ihren Wohnungen sitzen und nicht wissen, wie die nächste Miete zahlen. Getoppt nur noch durch die tiefen Gräben zwischen Vernunft und Aberglaube, Wissenschaft und Scharlatanerie, sowie Dogma und Notwendigkeit. Die bittere Erkenntnis: Das Eis ist dünner, als wir denken. Ob es hält ist mehr Glück als Verstand. Die Aufarbeitung dieser Zäsur, wird Jahre oder Jahrzehnte dauern. Ein erster Test steht quasi Ante Portas. Er lautet: Haben genügend Menschen Vertrauen in die Wissenschaft und lassen sich impfen? Falls nicht, dürfte 2020 nicht das letzte Annus Horribilis gewesen sein.

Doch, auch wenn Corona omnipräsent und Trump nervtötend ist, dürfen wir uns nicht von den Scheinwerfern der Medien blenden lassen. Die Neigung dort zu suchen, wo Licht ist, ist natürlich, selten aber zielführend. Das Böse kommt nicht umsonst aus dem Dunkeln. Was also offensichtlich und in aller Munde ist, ist nicht zwingend dass, was uns Angst machen sollte. So wie Trump nicht Ursache, sondern Folge des Rassismus und des Niedergangs der Mittelschicht war, so ist Corona nicht verantwortlich für das Versagen unserer Politiker. So wie diese auf diese Pandemie reagieren, tun sie es auch beim Klima oder dem Pestizid im Trinkwasser. Erst der Profit, dann der Wähler. Angst sollte uns deshalb nicht das Offensichtliche, wie z. B. ein irrer oder korrupter Politiker, der ein schlechtes Gesetz voran treibt oder halbherzige Massnahmen verordnet, sondern die Mechanismen, die dazu führen. Wenn also der Amazonas oder halb Sibirien brennt, wie auch dieses Jahr, in Bosnien und Griechenland Flüchtlinge wie Dreck behandelt werden (wie gerade in diesen Tagen) und Menschen in Yemen verhungern, sind das tragische Ereignisse, nicht aber der Grund zur Sorge. Sorgen machen sollten wir uns über die Mechanismen, die dazu führen.

Aber welche sind das? Gerade in akuten Krisen und mitten in den turbulenten Ereignissen, sind Muster schwer zu erkennen. Trotzdem sollten wir ab und an etwas beiseite treten und einen nüchternen Blick, aus der Distanz, auf das vermeintliche Chaos werfen. Was also sehen wir? Eine Pyramide. Oben sitzen wenige Profiteure, denen die Politik mit Steuererleichterungen, laschen Gesetzen und billigem Geld dient. Unten all jene, die für sich selber schauen dürfen und hängen gelassen werden. Das Fatale: Die Pandemie verstärkt dieses Gefälle zusätzlich. Wo kleine Firmen ihre Existenz verlieren, treten Konzerne, welche die Konkursmasse zum Schnäppchenpreis an sich reissen. Befördert noch mit dem billigen Geld der Zentralbanken. Aus Vielfalt entsteht Einöde. Der konkurse Wirt darf in Zukunft Burger für einen Amerikanischen Multi braten. Die überschuldete Coiffeuse, Haare für eine hype Haarfabrik schneiden. Gross schluckt klein. Nicht neu – dank Corona nun aber mit Turbobooster. Solange niemand dagegen hält, gewinnt der Starke. 2020 waren das z. B. die 300 Reichsten Schweizer (+ 15 Milliarden) welche durch Steuergeschenke (Streichung der Emisionsabgaben) noch reicher werden. Dafür verloren die Ärmsten 19% ihres Einkommens. Wer genau hinschaut merkt rasch: Die „grosszügige“ Coronahilfe hilft nicht den Bedürftigen sondern den Banken, Immobilienbesitzern und sog. systemrelevanten Betrieben, wie der Swiss. Auf der Strecke bleiben all jene ohne Lobby in Bern, jene auf welchen die Pyramide steht.

Fast hätte ich noch den Brexit vergessen, der uns seit nunmehr fünf Jahren langweilt. Er findet am 31.12.2020 um 23:00 ein betrübliches Ende. Einen Vorgeschmack auf deren Vollzug durften die Briten kurz vor Weihnachten erleben, als Frankreich wegen des mutierten Sars-Virus ihre Grenzen schloss. LKW-Staus durchs halbe Land. Ob die Wähler damals wohl wussten, was sie erwartet? Gute Aussichten sehen anders aus. 2020 kann aber auch eine Chance sein. Viele haben gemerkt, dass es auch mit weniger geht. An vielen Orten konnte sich die Natur erholen. Die neu gewonnene Ruhe, lernten viele zu schätzen. Nicht zuletzt zeigt die Krise, wie wichtig ein funktionierender Staat, ein gut ausgebautes soziales Netzwerk und Solidarität ist. Es liegt an uns, dies einzufordern. Sapere aude – oder wie Horaz 20 vor unserer Zeit schrieb: Dimidium facti, qui coepit, habet: sapere aude, / incipe. Zu Deutsch: „Einmal begonnen ist halb schon getan. Entschließ dich zur Einsicht. Fange nur an!“

02.10.2020: Herbst

Kürzlich antwortete unser Enkel (15), auf die Frage, was er denn werden möchte, wenn es keinerlei Einschränkungen gäbe: „Rentner, wie Nani und Öpi„. Das Lachen hatte er auf seiner Seite, aber auch das Nachdenken darüber, wie er es wohl gemeint haben könnte. Vermutlich hat er einfach instinktiv begriffen, was ihn die nächsten 50 Jahre erwartet -kaum Zeit für die schönen Dinge im Leben. Genau das, was wir in unserem jungen Rentnerleben – quasi im Herbst des Lebens – seit kurzem haben: Zeit und die Freiheit zu tun, was uns gefällt.

Man kann jetzt natürlich einwenden, der Junge hätte keinen Biss, game und chille lieber als zu arbeiten und hätte den Ernst der Lebens (noch) nicht begriffen. Wobei – Hand aufs Herz – wer hat das schon mit 15? Ich auf jeden Fall, hatte es damals nicht und tat mehrheitlich das, was man von mir erwartet hat. Und auch wenn ich mein Leben, nach den geltenden gesellschaftlichen Massstäben, erfolgreich gemeistert habe, so blieben doch tausende Ideen und Pläne auf der Strecke. Nicht weil sie nicht machbar gewesen wären, sondern weil das Leben andere Prioritäten setzte. Das (Über)leben der Familie hatte Vorrang. Die „Selbstverwirklichung“ musste warten und ist in unserer Welt Lebenskünstlern, Egoisten und reichen Pinkeln vorbehalten. Uns „Normalsterblichen“ bleibt dafür die Zeit nach der Pensionierung.

Es ist der sog. „Herbst des Lebens“, den zu geniessen uns vergönnt ist und den unser Enkel offensichtlich als Lebensentwurf attraktiv findet. Mit 15 noch nicht genau zu wissen, was aus einem werden soll, ist soweit normal. Und selbstverständlich hat man in diesem Alter auch wenig Bock auf acht Stunden Maloche, nörgelnde Chefs, die Aussicht auf Konkurrenzkampf und Rechnungen vom Vermieter, der Krankenkasse und dem Steueramt. Rentner sein, ist da schon um einiges attraktiver. Dafür muss man nicht mal zwingend 50 Jahre warten und den Rücken krumm machen – es genügt reich geboren zu sein. Rentier (nicht zu verwechseln mit den Viechern im hohen Norden) gab und gibt es schon immer. Jene privilegierte Klasse also die von einer „Rente“ (sprich Vermögen) leben, ihre Zeit frei nutzen und eigene Projekte verwirklichen können. Fast scheint es, als hätte das Leben der grossen Mehrheit einen Konstruktionsfehler – oder wieso müssen wir erst 50 Jahre Dinge tun, die uns (allzu oft) keinen Spass machen, uns langweilen, ärgern, krank machen und stressen, bevor wir das Leben richtig geniessen und Dinge tun können, die uns wirklich am Herzen liegen? Immer vorausgesetzt natürlich, dass wir gesund sind, eine anständige Rente und/oder genug Vermögen haben. Voraussetzungen, die längst nicht für alle gegeben sind. Umso mehr schätzen wir es, dass wir zu diesen Privilegierten gehören, denn selbstverständlich ist das nicht, wenn man nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde.

Wer nicht ins gemachte Nest geboren wird, für den ist Zeit sein einziges und kostbarstes Gut. Mit dem Verkauf dieser, bestreiten die meisten von uns ihren Lebensunterhalt. Kostbar und rar ist die Zeit, weil sie weder angespart, gelagert noch vermehrt werden kann. Umso wertvoller erscheint einem darum die Zeit, in der man die Fesseln der Fremdbestimmung – denn genau das ist es – hinter sich lassen kann. Feierabend, Freizeit und Ferien geniessen nicht umsonst einen so hohen Stellenwert. Manche arbeiten sogar nur dafür. Dabei ist es nicht nur das Bedürfnis nach Erholung, man will sich auch von Zwängen, Entfremdung und Fremdbestimmung „befreien„. Noch wertvoller ist nur noch die Zeit nach der Pensionierung, auf die so viele hinarbeiten, denn mit dieser gewinnt man endlich die Kontrolle über „sich selbst“ zurück. Denn Zeit ist nicht nur Geld, Zeit ist in erster Linie Leben!

Im Herbst wird geerntet. Und vor der Ernte steht die Saat. So lernt man uns und so „erleben“ wir die Natur bzw. die moderne Landwirtschaft. Dem wiedersprechend meinte einst Jesus in Matthäus 6:26, aber: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?“ Ein schlauer Bursche – leider in die Sonntagspredigten verbannt. Aus gutem Grund – zu Ende gedacht, ist die Aussage eine Kampfansage an unser ganzes Leben. Aktuell wird diese Aussage auch noch von modernen Historikern, wie Yuval Harari in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ geteilt. In diesem legt er eindrücklich dar, was wir mit der Sesshaftwerdung (als der landwirtschaftlichen Revolution vor 11 bis 7 tausend Jahren) alles verloren haben – die Herrschaft über unsere Zeit, ist nur eines davon. Eingehandelt dafür haben wir dafür Städte, geheizte Wohnungen und den Komfort der Technik – aber auch Umweltzerstörung und verheerende Pandemien. Die neusten Forschungen legen sogar nahe, dass selbst das Römische Reich an diesen „Errungenschaften der Zivilisation“ zu Grunde ging. Es war ein Klimawandel (Vulkanausbrüche, etc.) und verheerende Pandemien (Pocken, Ebola und die Pest), welche dem Imperium den Garaus machten. Die sog. römische Dekadenz, die Völkerwanderung und die halbverrückten Cäsaren, waren dabei nur die Begleitmusik. Dass diese Erkenntnisse ausgerechnet jetzt ans Tageslicht kommen, braucht uns nicht zu wundern – unsere Welt stösst ebenfalls an ihre Grenzen. Wir hätten die Chance daraus zu lernen.

Es stellt sich also die Frage, was es zu ernten gibt. Die süssen Äpfel, unter deren Last sich die Bäume biegen, die Zeit, welche wir durch Rationalisierung, Digitalisierung und Technologie gewinnen (könnten) oder Armut, Krankheit und Gewalt, weil wir immer mehr wollen, als die Welt uns zu geben vermag? Dass wir an einem Scheideweg stehen, dämmert dem einen oder andern. Welche Richtung wir einschlagen ist aber noch ungewiss. Zur Wahl stehen „rette sich wer kann“ (ich/wir zuerst) und „System change, not climate change“ (Fridaysforfuture). Treffen wir die Wahl, solange wir noch können! Ich fürchte allerdings das moralische Appelle verpuffen und im Lärm der Geschäftigkeit untergehen. Und so bleibt es dem Einzelnen überlassen, das Beste aus seinem Leben zu machen. Ob das reicht mag man bezweifeln. Mangels besserer Alternativen aber der einzig gangbare Weg.

Der Herbst ist die Zeit der Ernte. Sowohl in der Natur, wie im Leben. Damit meine ich aber nicht einfach lang ersparte Kreuzfahrten um die Welt oder Camperreisen quer durch Europa – die sollen und dürfen selbstverständlich auch sein – sondern das Verwirklichen von Herzensprojekten, das Engagement für Benachteiligte, das weitergeben von Erfahrung, Wissen und Zeit für Ideen und Projekte, für welche andern die Zeit fehlt. Denn diese haben wir jetzt im Überfluss und es wäre schade, sie zu verplempern.

Eine Überdosis Globuli

Ich „leide“ unter einem „Overload“ (zu Deutsch: zu schwer beladen). Nein – ich bin nicht mit Arbeit oder Terminen überladen, auch nicht mit schweren Problemen, Streit oder anderen Belastungen, die das Leben schwer machen. Es gibt schlicht zu viele Themen, die mir unter den Nägeln brennen. Dazu mein Anspruch, nicht immer in den gleichen Wunden zu bohren, von etwas zu berichten, was uns nahe liegt und nicht langweilig zu werden. Was also liegt diese Woche nahe und erfüllt meine Ansprüche? Die Gewaltausbrüche in Amerika, nach erneuter Polizeigewalt gegen einen Schwarzen? Betrifft uns das hier? Trumps Twitterkanonaden über seinen Herausforderer Joe Biden? Nicht wirklich aufregend, er twittert sich seit Jahren die Finger wund – es hat sich totgelaufen. Vielleicht Weissrussland und die getürkten „Wahlen“? Da müssten wir erst mal nachschauen, wo dieses Belarus eigentlich liegt. Doch über den Parteitag und die Wahl des neuen Präsidenten der $VP berichten? Ich befürchte, dass sich auch mit italienischem Akzent nicht viel ändert in dieser Partei. Oder doch etwas über Greta Thunberg, die seit Montag wieder zur Schule geht? Da wären wir wieder beim Klima – zwar wichtig, aber nicht besonders originell. Ich könnte auch über die Maskentragpflicht in den Läden von Genf bis Zürich berichten? Oder doch über Berlin und die angedrohten Demonstrationen der versammelten Neonazis gegen Staat und Masken? Da wären wir dann wieder bei Corona. Auch mehrfach kommentiert. Und wie sagte Alt-$VP-Präsident Rösti letzte Woche: „Wenn wir nicht mehr über Corona reden, verschwindet es von selbst“. Etwa so intelligent, wie sich darüber zu freuen, dass Greta nicht mehr die Schlagzeilen beherrscht und meint damit wäre das leidige Thema „Klimakrise“ erledigt.

Ein sehr guter Freund von mir liest seit Jahren weder Zeitungen, noch hat er eine Newsapp auf seinem Handy installiert. Ebenso meidet er Tagesschau, Reportagen und Newssendungen am Fernseher. Er schützt sich damit vor dem Infomüll, der uns täglich vor die Haustür, den Bildschirm, und ins Handy gekippt wird. Seine Ruhe sei ihm wichtiger, als die Welt – wie er meint. Die „Welt“, Corona, Unruhen, Gewalt und das Klima bleibt draussen vor der Tür – Thema also erledigt? Wenn es nur so einfach wäre!

Dummerweise hält sich „die Welt“ nicht an unsere Befindlichkeiten. Diese dreht sich unverdrossen weiter und konfrontiert uns täglich mit Ereignissen, die wir weder geplant, erhofft noch erwartet haben. Und selbstverständlich ist es für uns hier kaum von Bedeutung, wenn ein Hühnerstall auf Kiribati abbrennt, ein Bach in Kleinlützel über die Ufer tritt oder die Grossmutter einer deutschen Schlagersängerin stirbt. Anders ist es mit News aus Politik und Wirtschaft. Auch wenn wir diese für korrupt, verdorben und wenig glaubwürdig halten – früher oder später trifft es uns. Sei es, dass wir dafür die Rechnung erhalten oder auf die Strasse gestellt werden. Darüber Bescheid zu wissen, kann also nicht schaden.

Eine „Alles-oder-nichts-Strategie“ (ich verweigere mich ganz oder ich lasse mich zumüllen) ist keine befriedigende Lösung. Bleiben also noch Filter und/oder die Selbstdisziplin. Doch beide stehen auf wackeligen Füssen. Filter sind willkürlich und Selbstdizipin meist von kurzer Dauer. Die Alternative zwischen Globuli und einer Überdosis gleicht daher eher einem Dilemma, als einer Wahl. Bleiben noch die Kapitulation oder die Flucht in die Dunkelkammern der „Erleuchteten“ und selbsternannten „Weltenretter“. Alternativen, die sich momentan einer gewissen Beliebtheit erfreuen – zumindest wenn man die Sozialen Medien (wie z.B. Facebook und Zwitter) zum Massstab nimmt. Wie ein Seismograph registrieren diese Themen, Debatten und Befindlichkeiten, verstärken diese und werfen ein grelles Licht auf den Zustand der Gesellschaft. Aktuelle Diagnose: „Psychotischer Schub mit unspeziefisch somatischen Schmerzen“. Zu Deutsch: Realitätsverlust, Ich-Störung, Heulen und Zähneklappern“.

Ob die Ursache wirklungslose Globuli, die Irrungen und Windungen der Labyrinthe und Dunkelkammern oder eine Überdosis Müll ist, lässt sich nicht feststellen. Festellen lässt sich einzige der blamable Zustand. Da rotten sich Impfgegner gegen nicht existierende Impfungen zusammen, leugenen selbsternannte Virologen und Youtube-Akademiker die Existenz von Viren, „wissen“ andere von gefangenen und gefolterten Kinder in Tunnels, deren Blut von den Mächtigen dieser Welt zur Verjüngung getrunken wird und andere fürchten sich vor Sommarugas (oder Merkels etc.) Diktatur. „Denk mal selber nach“ – Fakten belanglos – Diskussion beendet. Wären es ein paar Spinner, könnte man zur Tagesordnung übergehen. Die Zahl der Verrückten aber steigt von Tag zu Tag. Dazu zählen selbst $VP-Delegierte, die sich einen Deut um Schutzkonzepte scheren und sich zu Hunderten ungeschützt in einen Saal zwängen. Und in Deutschland sind es Zehntausende, die den Aufstand proben. Die „Befreiung“ findet angeblich am nächsten Samstag in Berlin statt – zusammen mit AfD, Neonazis und dem Freundeskreis „Globuli gegen Aids“. Im Gegensatz dazu jene, die sich noch immer kaum aus dem Haus wagen, täglich die Infizierten zählen und Unmaskierte am liebsten wegsperren würden. Vergleichbar mit dem 30-jährigen Krieg, als sich Protestanten und Katholiken meuchelten, trennt Covid-19 Gläubig und Ungläubige in zwei Lager. Die Eingangstüren werden gerade zugemauert.

Ähnlich bei anderne Themen. Hier und weltweit. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden zur Glaubensfrage. Glaube ersetzt Fakten. Auch wenn die Gletscher schmelzen, die Wälder brennen und das Meer steigt – Mumpiz – die Klimalobby (wer ist das eigentlich?), an deren Spitze ein 17 jähriges Mädchen aus Schweden steht, will uns nur das Auto vemiesen und unser sauer verdientes Geld aus der Tasche ziehen. Flüchtlinge? War da nicht mal was im Mittelmeer? Rassismus? Bei uns doch nicht und überhaupt, die Schwarzen sind entweder kriminell, gewalttätig oder beides. Demokratie? Ist was für Politiker, ich habe besseres zu tun. Wann endlich öffnet der Ballermann wieder – ich will hier raus!

Überdosis oder Globuli. Das Eine macht krank, das andere nicht gesund. Zu viel Informationen überfordern und treiben uns in den Wahnsinn. Sie zu ignorieren, führt uns in die Isolation und macht uns zu Egoisten. Sie durch FakeNews zu ersetzen, wiegt uns in falscher Sicherheit und treibt uns in die Fänge selbsternannter Gurus, Führer und Scharlatane. Was bleibt uns noch?

Ich kenne nur eine wirksame Therapie. Miteinander reden. Zuhören. Von einander lernen. Sich einfühlen. Andere Standpunkte verstehen lernen. Aber sich auch abgrenzen. Abgrenzen von jenen, die meinen sie hätten die alleinige Wahrheit gepachtet. Kritik an jenen, die in die Irre laufen und Kampf gegen jene, die uns ihr Weltbild aufzwingen wollen. Ein Überdosis Globuli ist genau so schädlich, wie eine Überdosis Schlaftabletten. Beide bringen uns um.

Liebe Bauern

Seckeln im Kreis

Wieder eine Woche voller Hader. Die Themenwahl für meinen Blog scheint unendlich, und doch schleichen sich immer wieder die gleichen Themen ein. Das wäre langweilig. Deshalb mal was anderes: Ein Brief an die Bauern.

Aber weshalb, an die Bauern? Ganz einfach. Ich komme selber aus einer Kleinbauernfamilie und wohne Zeit meines Lebens in einer bäuerlich geprägten Umgebung. Ich masse mir also an, zu wissen, wovon ich schreibe. Und es gibt einiges zu sagen. Hier also mein „Brief an meine eigenen Leute“.

Liebe Bauern

Es steht wieder einmal ein Abstimmung vor er Türe. Wer es noch nicht gewusst haben sollte, fährt am besten durchs Zürcher Weinland, denn hier draussen auf dem Land, findet auf euren Rübenäckern und Stoppelfeldern, wieder einmal eine Schlacht um „unsere Zukunft“ statt. Dies ist zwar weder neu, noch besonders originell, dafür umso nerviger. Nein, nicht das mit Plakaten an den Strassenrändern Abstimmungspropaganda gemacht wird – das gehört zu einer Demokratie – wohl aber die Tatsache, dass ihr seit Jahrzehnten (fast) ausschliesslich Plakate und Parolen einer einzigen Partei in eure Wiesen pflockt. Nicht eingeweihte Zeitgenossen könnten beinahe auf den Gedanken kommen, sie reisten durch die alte DDR oder Weissrussland. Und es scheint euch auch egal zu sein, was da auf den Plakaten steht, wen ihr damit unterstützt, wen ihr damit beleidigt und welchen Interessen sie dienen. Einmal sind es Würmer, dann Insekten, Messerstecher, schwarze Schafe und aktuell sind es Ärsche. Wenn eure Lebensmittel, die ihr für uns produziert, auch so unappetitlich wären, hättet ihr schon lange keine Kundschaft mehr und eure Kartoffeln würden auf den Feldern verfaulen. Also oder trotzdem muss ich davon ausgehen, dass ihr das gut findet. Den Tatbeweis erbringt ihr ja auch bei den Wahlen und die Zusammensetzung der Gemeinderäte hier draussen ist Beleg genug dafür – ihr stellt die Plakate nicht nur auf, ihr glaubt auch dem Geschmiere!

Ich weiss – Bauern sind „konservativ„. Müssen sie auch sein, denn Landwirtschaft heisst auch bewahren (den Boden z.B.), heisst langfristig planen (alles braucht Zeit zum wachsen), heisst Tradition (vieles hängt von Jahreszyklen ab) und bedeutet Abhängigkeit (von den Launen der Natur und der, der Obrigkeit). Bauern waren jene, die den modernen Staat erst ermöglichten – auf eurem Rücken entstanden die ersten Staaten (Babylon, Ägypten, China usw.) – und der Adel lebte Jahrtausende von eurem Schweiss auf den Äckern. Und auch heute gibt es (noch) kein Essen, ohne Landwirtschaft. Ihr dürft also stolz sein auf eure Rolle und euer Tun. Ihr dürft vom Rest der Bevölkerung (das heisst die übrigen 98% *zwinker) sogar etwas Unterstützung und Sympathie erwarten. Diese misst sich zum Beispiel an den Subventionen, den Zöllen und den billigen Erntehelfern aus Osteuropa. Das wars dann aber auch! Denn zu eurem „Pech“ marginalisiert euch die Industrielle Revoultion seit 250 Jahren systematisch. Erst wurdet ihr von euen Äcker in die Fabriken oder nach Amerika getrieben (500’000 im 19ten Jahrhundert), dann in die Büros und in Zukunft möglicherweise in die Bedeutungslosigkeit. Und trotzdem rennt ihr jenen hinterher, die euch nach Strich und Faden belügen, missbrauchen und im Namen von „Heimat, Selbstbestimmung und Tradition“, bescheissen. Warum tut ihr das?

Ihr seid doch keine ungebildeten Hillbillys aus den Appalachen, die jedem zujubeln, der ihnen ein „grossartiges Land“ und eine „Vergangenheit als Zukunft“ verspricht. Ihr müsstet eigentlich am besten wissen, dass das nicht funktioniert. Geerntet wird morgen, nicht gestern! Was ich nicht verstehen will und kann: Warum setzt ihr eure und unsere Zukunft, für solche leeren Versprechen aufs Spiel? Denn leer, das sind sie!

Seht ihr die verdorrten Wälder nicht? Kämpft ihr nicht Jahr für Jahr mit mehr Wetterkapriolen? Was ist mit den Bienen und Insekten los, die wegsterben? Wer sitzt in den Gemeinderäten und forciert die Zubetonierung unserer Dörfer? Wer lobbyiert für noch mehr Strassen, noch billiges Benzin, noch mehr Autos und wer will Busbetriebe und Bahn zu Tode privatisieren? Wer spart Postfilialen, unter dem Vorwand mangelnder Rentabilität, weg ? Wer hofiert Internationalen Konzernen und lockt diese mit einem ruinösen Tiefststeuerwettbewerb ins Land (und mit ihnen ein Tross „Expats“)? Wer senkt die Steuern für jene, die schon im Geld schwimmen? … Ihr kennt die Antwort!

Hat diese Politik eine Zukunft? Löst sie irgendein Problem – z.B. die Klimaerwärmung, von der ihr, liebe Bauern ja ganz direkt betroffen seid? Das Referendum gegen das neue CO2-Gesetzt beweist das Gegenteil. Ebenso der neuste Streich – den (geplanten) Erlass der Mehrwertsteuer auf Benzin und Diesel. Oder eine moderne, den heutigen Verhältnissen angepasste Sozialgesetzgebung – z.B. einem Vaterschaftsurlaub? Auch da unterstützt „ihr“ ein Referendum dagegen. Ein Viertelprozent auf die Löhne wäre angeblich der endgültige Ruin eurer KMUs. Oder das leidige Thema EU. Wir liegen (dummerweise) mitten im grössten Wirtschaftsraum der Welt. Wir importieren über 70% unserer Waren aus dieser und exportieren 55% unserer Produkte dorthin. 1,5 Millionen EU-Bürger leben und arbeiten hier, fast 500’000 Schweizer leben und arbeiten dort. Und doch tut ihr so, als könnten wir auf diese 27 Staaten verzichten. Man pfeifft auf Abkommen und Verträge und will sie sogar kündigen. Vorgegaukelt wird uns eine (Schein-)selbständigkeit – in Wirklichkeit geht es um „billige“ Arbeitskräfte (die man nach Bedarf holen und heimschicken kann, wie einst die Saisonniers aus Italien) und um den Abbau des Lohnschutzes (Flankierdende Massnahmen). Denn, das schleckt keine Geiss weg – ohne Ausländer gäbe es weder genügend Ärzte, Pflegepersonal, Informatiker, Erntehelfer noch Gleisearbeiter und Reinigungspersonal. Und es wird nicht besser. Jahr für Jahr gehen mehr in Pension, als wir Kinder zeugen. Wir sind also dazu „verdammt“ neue Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen. Da ist die sog. „Begrenzungsinitiative“ bestenfalls ein Trugschluss, in Wahrheit aber eine brandschwarze Lüge. Mit ihr, gäbe es keinen einzigen Ausländer und keine Ausländerin weniger in der Schweiz, die (angeblich) unsere Strassen verstopfen.

Zu viel ist zu viel, steht auf „euren“ Plakaten. Dem stimme ich voll und ganz zu!

Zu viel CO2 in der Luft, zu wenig Windkraft und Photovoltaik. Zu viel Konsum, zu viel Müll und zu wenig Nachhaltigkeit. Zu viel Reichtum in zu wenig Händen. Zu viel Autos, zu wenig Radwege. Zu viel Pestizide, zu wenig Bio. Zu viel Profit, zu wenig Gerechtigkeit. Zu viel Egoismus, zu wenig Solidarität. Zu viel Lügen und zu wenig Ehrlichkeit.

Denn seien wir ehrlich, liebe Bauern (und jene die hinter obiger Politik stehen), wenn ihr und wir eine lebenswerte Zukunft haben wollen, müssen wir weg vom zu viel. Bevor wir es aber mit unseren Nachbarn verscherzen, sollten wir bei uns selber anfangen. Lügen helfen uns dabei nicht – schon gar keine Selbstlüge.

Ich freue mich in Zukunft deshalb auf viele bunte und vielfältige Plakate in euren Äckern. Solche ohne uns zu beleidigen und zu belügen. Und solche die uns den Weg in die Zukunft weisen!

Es grüsst freundlich – einer aus eurem Stamm

PS: Mit „man“ und „ihr“ sind nie Alle gemeint. Die Betroffenen wissen Bescheid.

31.07.2020: Die nicht gehaltenen 1. August-Rede 2020

Vor einem Jahr hatte ich die Ehre und das Vergnügen in Berg am Irchel mein Debüt als 1. August-Redner zu geben. Das Thema war vorgegeben: 80 Jahre Landihaus – über die Odyssee eines Hauses, von der Landi 1939 bis an den heutigen Standort, im Dorfkern von Berg am Irchel. Eigentlich ein unverfängliches Thema. In einer Gemeinde mit über 50% SVP-Wähleranteil, für einen „Linken und Netten“ wie mich, trotzdem eine Herausforderung – schliesslich erwartet man ja am 1. August ein Lob auf unsere Heimat, etwas Pathos, Selbstlob und die Ermahnung das Alte und Bewährte zu bewahren. Standpauken über Krisen, Misstände und Versäumnisse könnten die Festlaune verderben. Ich bemühte mich deshalb umso mehr um den „richtigen Ton“. Ich denke, es gelang mir ganz ordentlich – die faulen Eier blieben in der Tüte.

2020 ist anders. Erstmals seit 120 Jahren (der 1. August wird erst seit 1899 in der ganzen Schweiz gefeiert) finden dieses Jahr kaum 1. Augustfeiern statt. Zum grossen Leidwesen aller Patrioten hat ein fremder unbekannter Feind das Zepter übernommen. Im annus horribilis 2020, macht Corona selbst das Unmögliche möglich und so bleibt ausgerechnet in einem Jahr, wo es wahrhaft viel zu sagen gäbe, vieles ungesagt. Darum sage ich hier, was ich zu sagen hätte.

Liebe Festgemeinde

Was gibt es dieses Jahr am 1. August zu feiern, mögen sich viele fragen. Gut – Geburtstage feiert man auch wenn man im Krankenbett liegt – trotzdem ist die Feierlaune getrübt und im schlimmsten Fall hat der Arzt auch noch Bier und Bratwurst verboten. Ich brauche den Übeltäter kaum zu benennen – er ist allgegenwärtig. Blöd ist, er will und will einfach nicht verschwinden – da helfen weder laute Parolen, Forderungen noch Parteitagsbeschlüsse. Das Zepter schwingt ein unsichtbares Nichts – ein Virus weist uns in unsere Schranken. Ein Umstand der offensichtlich vielen zu schaffen macht. Rücksicht auf Befindlichkeiten, Verordnungen oder politische Augenwischereien, sind dem Käfer aber in etwa so fremd, wie mir Chinesisch.

Wir können natürlich ins Lamento der Bedenkenträger, der Weltuntergangspropheten oder dem der Sozialdarwinisten einstimmen. Wir können die Chinesen, 5G, die WHO oder Bill Gates verantwortlich machen. Ja selbst die Existenz von Covid-19 und der Pandemie, mit all ihren Toten, lässt sich leugnen. Der Seuche ist es egal – sie gedeiht prächtig und hat heute die 17-Millionengrenze, unbeeindruckt von jeglicher Verharmlosung und „zurück zur Normalisierung Rufen“ geknackt. Bevorzugt grassiert sie an Orten, in denen sie am lautesten ignorieret und geleugnet wird – bei Nachtclubbesuchern, in Deutschen Fleischfabriken, in Bolsonaros Brasilien und Trumps Amerika. Noch selten wurden Leugner und Idioten so gnadenlos vorgeführt. Man könnte also meinen, es wäre uns allen eine Lehre und schliesslich halten wir uns für einen „Sonderfall“ und wähnen uns als weit gescheiter als der Rest der Welt. Doch weit gefehlt. Auch hierzulande greift die Faktenresistenz um sich und es wird eifrig im Chor einer Allianz aus Aluhüte, Narzissten und rechtsextremen Pack, mitgesungen. Dass es immer welche gibt, die hinterher alles besser wissen, ist nicht neu. Neu ist jedoch der massenhafte Rückfall ins tiefste Mittelalter, als Wissenschaft noch Alchemie und Heilkunde noch Hexenwerk war. Erklärungsversuche für ein derart irrationales Verhalten gibt es viele – für mich sind es Zeichen einer Überforderung. Was nicht sein darf – ist nicht – also wird es geleugnet oder mit abstrusen Theorien ins eigene Weltbild integriert.

Auffallend sind die Parallelen zur Leugnung die Klimakrise. Bereits vermelden Exponenten der SVP euphorisch, diese fände nun definitiv nicht statt – der Sommer 2020 sei so kalt wie anno 1984. Für jene deren Welt am Hochrhein endet, eine durchaus plausible Meinung, schliesslich macht mich der heutige Salat auch nicht dick und die Pasta der letzten Monate ist längst verdaut. Leider aber kümmert sich auch das Klima nicht um Meinungen und hält sich stur an die Physik. Unbekümmert lassen Rekordtemperaturen den Permafrost in Sibirien schmelzen, droht der Drei-Schluchten-Damm im Jangtse nach Rekorniederschlägen zu brechen, sind Millionen der Flut ausgeliefert und der Amazones brennt einmal mehr, wie nie zuvor. Das solche Ereignisse von den Klimawissenschaftlern seit Jahren prognostiziert werden, ist selbstverständlich Zufall. Nur gut hält sich Greta und die Klimajugend an die Pandemiemassnahmen, sonst wäre es aus mit der Beschaulichkeit und Ruhe.

Wer kann den Wunsch danach nicht verstehen? Es läuft oder lief ja alles so schön in geordneten Bahnen. Zu klagen gab es höchstens etwas über die lärmige Nachbarschaft, die ungebetenen Asylbewerber, die uns auf der Tasche liegen, der Schliessung der Postfiliale und die hohen Krankenkassenprämien. Man will bewahren und wählt jene, die uns am glaubhaftesten versichern, sie wären jene, die dafür sorgen, dass alles bleibt wie es ist. Nicht umsonst gilt die Schweiz mit einer seit Jahrzehnten, soliden, stabilen bürgerlichen Mehrheit als konservativ. Dieser Konservatismus konnte uns allerdings weder vor Corona, dem Klimawandel, der Digitalisierung, der Zuwanderung noch der Zubetonierung der Landschaft bewahren. Im Gegenteil – es ist genau diese Geisteshaltung und ihre politischen Exponenten, welche uns dies beschert haben. Nicht nur hier in der Schweiz – weltweit. Würden die sog. Konservativen wirklich bewahren, so wie sie behaupten und sich aus dem Wortsinn ergibt, würde wie Welt anders aussehen. Die Vermutung, dass konservativ ein Etikettenschwindel ist, liegt nahe. Die wirklichen Bewahrer (und damit Konservativen) müssen wir heute bei den Linken und Grünen suchen. Diese wollen Klima und Umwelt schützen, Arbeitsplätze vor Digitalisierung und Abwanderung in Billiglohnländer bewahren und sind die vehementesten Befürworter des bewährten Service Public. Ihnen die Absicht die Schweiz mit unnötigen Gesetzen und Vorschriften oder gar einem EU-Beitritt in den Ruin zu treiben, ist also ein ziemlich billiges Ablenkungsmanöver.

Weltweit sieht es auch nicht besser aus – im Gegenteil. Im Vergleich zu den Hochburgen des Internationalen Wahnsinns, ist die Schweiz tatsächlich eine Idylle. Immerhin das könnten wir feiern. Aber eben – unter den Blinden ist der Einäugige bekanntlich der König. Eines aber haben wir vielen Ländern voraus – wir können ungehindert unsere Meinung sagen. Ein Privileg das wir nutzen und schützen sollten. Wir werden es garantiert noch brauchen.

10.07.2020: Realitätsverweigerung

Realitätsverweigerer

Wir leben in komischen Zeiten. Wir geben Milliarden für Universitäten, Wissenschaft und Forschung aus. Dank dieser haben wir Handy, Internet, Impfstoffe, Flugzeuge, Antibiotika und Kläranlagen. Keine Woche vergeht, ohne neue Erkenntnisse. Der technische Fortschritt hat unsere Lebenserwartung in nur 100 Jahren verdoppelt. Genug Grund also sich zu freuen – würde man meinen. Das grosse ABER aber folgt sogleich.

Wie mit allem was da ist, so ist es auch mit oben beschriebenen Errungenschaften – sie sind selbstverständlich. Erst wenn etwas fehlt, erkennen wir ihren Wert. Insofern ist die Corona-Pandemie eine gute Lehrmeisterin – oder sollte und könnte es sein. Denn was wir zur Zeit erleben ist nicht die Hochblüte der Erkenntnis und der Besinnung, sondern eher das Gegenteil. Wohin man schaut, dominiert eine schon fast schizophrene Realitätsverweigerung. Damit meine ich nicht nur den krankhaften Lügner im Oval Office, der sich seine eigene Welt schafft und in seinem Wahn ein ganzes Land in den Abgrund reisst – ich meine auch nicht die kruden Verschwörungstheoretiker, die die mir ziemlich auf den „Sack“ gehen. Wilde Geschichten und Sündenböcke gab es schon im Mittelalter – da waren es je nach Geschmacksrichtung die Juden oder Hexen. Sind wir 2020 wirklich noch nicht weiter ? Hat die Aufklärung so krass versagt? Finanzieren wir dafür Schulen und Universitäten? Antworten habe ich keine – ins Grübeln bringt es mich aber auf jeden Fall. Was mich aber noch weit mehr irritiert, ist der naive Glaube, wir könnten diesen Albtraum wegzaubern, als wäre nichts geschehen.

Ich verstehe natürliche die behagliche Beharrlichkeit, am alten Bekannten festhalten zu wollen. Die Bequemlichkeit, die mit dem Gewohnten verbunden ist ein starkes Argument. In dieser Hinsicht, leben wir aber in miesen Zeiten. Kaum je in der Geschichte hat sich so vieles auf einmal, so schnell verändert wie in den letzten Jahrzehnten und es ist zu befürchten, dass es nicht langsamer wird. Die Pandemie wirkt dabei noch als Brandbeschleuniger. Das zeigt sich tagtäglich – auch im beschaulichen Dorfleben am Rande der Schweiz. Wie immer unangekündigt, ungewollt und verwirrend.

Ich habe mich in den letzten Wochen mehrfach zur Digitalisierung des Alltags geäussert, die ungefragt über Viele „hereinbricht“ und viele ratlos zurück lässt. An der Migros-Kasse, im Hoflädeli, am Parkautomaten – überall wird man aufgefordert, bargeldlos zu zahlen – aber was ist Twint? Sogar die Abschaffung des Bargeldes wird prognostiziert. Namhafte Ökonomen meinen schon 2030… Die viel gerühmte Marktwirtschaft hat dafür allerdings keine Volksabstimmung vorgesehen – „technische Revolutionen“ fanden oder finden in der Regel ohne die Stimmbürger statt. Die Abstimmung findet später, über das Portemonaie, statt. Nix also mit Behaglichkeit und weiter so – es heisst sich anpassen oder „untergehen“.

Und dann wäre da noch die Sache mit der eMobility – sprich Elektroautos. Da meine alte Karre letzte Woche den Geist aufgab, erkundigte ich mich beim Garagisten wegen eines Elektroautos. Nicht nur des Klima wegens (das aber hauptsächlich), sondern weil Benzin garantiert immer teurer werden wird (CO2-Abgabe) und es bereits zahlreiche Länder gibt, die schon bald weder Diesel noch Benziner zulassen werden (Norwegen z.B. schon 2025). Es ist also eine Frage der Zeit, bis es auch hier soweit sein wird, schliesslich hat die Schweiz das Pariser-Abkommen ebenfalls unterzeichnet. Doch weit gefehlt. „Bevor ich ein e-Auto verkaufe, schliesse ich die Garage“ bekam ich zur Antwort. e-Autos sind unser Tod (der Garagisten), eigentlich müssten wir alle auf die Barikaden gehen….. Ich war daraufhin einigermassen sprachlos, verstand dafür, warum ich kaum je Inserate für solche Fahrzeuge im lokalen Gratisanzeiger finde – umso mehr dafür, für übermotorisierte Boliden aus München und Stuttgart. Auch hier also behagliche Beharrlichkeit. Dazu fällt mir nur ein Zitat des letzten Deutschen Kaisers ein, der irgendwann um 1900 gesagt haben soll: „Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.“ Heute lebt Deutschland von der Autoindustrie.

Wir alle wissen: Leben heisst Veränderung – sind dann aber einigermassen überrascht, wenn es uns selber trifft. Auch wenn vieles voraussehbar ist, so trifft es uns meist ungefragt. Unsere Reaktionen sind dementsprechend. Je nach „Typ“ sind wir irritiert, verängstigt, ratos oder wütend. Gerade in turbulenten Zeiten, wo alles zusammenzubrechen scheint, wo Gewohntes verschwindet und sich das Neue fremd anfühlt, ist Realitätsverweigerung ebenso weit verbreitet. Ja, ich würde sogar behaupten, das gängige Verhaltensmuster der Mehrheit. Der Strauss ist bekannt dafür, dass er bei Gefahr den Kopf in den Sand steckt (ich vermute mal es ist ein Märchen – aber egal), wird den Angriff der Hyänen aber trotzdem nicht überleben. Wie schnell diese von der Realität eingeholt werden, zeigt einmal mehr Covid-19. Wer das Virus leugnet oder negiert wird von diesem schneller eingeholt, als er/sie bis drei zählen kann. Das muss gerade Bolsonaro lernen, aber auch all jene, die meinen sie könnten dem Käfer in den Zürcher Clubs ein Schnippchen schlagen. Realitätsverweigerung hat einen hohen Preis.

24.06.2020: Weit weg!

Auch bekannt als „Sankt Florians-Prinzip“, ist das Leitmotiv der Stunde. Besser gesagt, es ist bei vielen Verantwortungsträgern ein weit verbreitetes Prinzip. Aber nicht nur dort. Auch wir wünschen uns oft in Ruhe gelassen zu werden und wünschen uns lästige Probleme weit weg. Sei es Corona, die Klimakrise oder den lästigen Chef – es gibt nichts, was wir uns nicht weg wünschen könnten. Solange es andere betrifft (dafür soll eben Sankt Florian sorgen) – nicht mein Problem. Der (fromme) Wunsch ist menschlich und verständlich – leider aber vergebens. Lästige Probleme haben die Eigenschaft uns zu verfolgen. Wenn nicht jetzt, so später. Und gerade dieser Tage scheint es, als würde sich ein ganzer Kübel sorgsam entsorgter Probleme über uns ergiessen. Corona – weit weg – mitnichten, noch nie gab es weltweit mehr Ansteckungen als diese Woche. Klimakrise – weit weg – Greta Thunberg ist verstummt und trotzdem erlebt Sibirien den heissesten Sommer seit Menschengedenken, der den Permafrost tauen lässt. Rassismus – weit weg – Black Lives Matter holt uns auf den Boden der Realität zurück. Und dann gibt es auch noch Firmen, die sich Kunden möglichst weit weg wünschen – eine Geschichte über den Versuch, eFinance der Schweizer Post einzurichten.

Weit weg

Weit weg ist Corona. Irgendwo in einer Fleischfabrik im Norden Deutschlands, im Amazonas bei den Indigenen und den Slums von Lima. Noch viel weiter weg die drohende Klimakatastrophe. Selbst wenn die dürren Fichten mahnend in den Wäldern stehen, so findet diese bestenfalls weit weg, irgendwo hinter dem Ural statt, wo der Permafrost taut und tausende Tonnen Diesel die Taiga vergiften, weil der Boden taut, oder wo wieder einmal halb Sibirien brennt . Weit weg – betrifft uns nicht! Dank Corona ist sogar die „nervige Göre“ aus Schweden verstummt und FridaysForFuture bleibt zu Hause.

Was nicht in den Schlagzeilen steht, findet nicht statt. Weit weg auch Politiker aus nah und fern. Und selbst im Mikrokosmos des drögen Alltags ist die „Weit-weg-Philosophie (auch als Sankt Florians-Prinzip bekannt)“ eine feste Grösse. Wer’s nicht glaubt, der soll doch bitte mal den Kundendienst der Schweizer Post Finance anrufen. Spätestens nach der 7ten Entschuldigung durch den sprechenden Computer, wird er merken, wie weit weg die Post von ihren Kunden ist. Wenn er dann noch e-Banking aktivieren will, hat er diesbezüglich keine Fragen mehr.

Wer wünschte sich nicht auch manchmal „weit weg“ zu sein? Weit weg vom Stress, dem Ärger, der nervigen Arbeit oder dem langweiligen Alltagstrott. Weit weg – in den Ferien, auf einem Kreuzfahrtschiff, einem Sandstrand oder einfach nur zu Hause in den eigenen vier Wänden. Was im privaten Alltag Ausdruck von Überdruss oder (im positiven Sinne) Veränderungswille ist, ist gesellschaftlich ein Gen-Defekt. Wer als Firmenchef, Manager, Politiker oder sonstige/r Verantwortungsträger/in meint, mit verdrängen, verleugnen und „weit wegwünschen“, liessen sich Probleme aus der Welt schaffen, hat in solchen Positionen nichts verloren. Führung und Verantwortung sind nicht umsonst Zwillinge.

Kopfschütteln und Stirnrunzeln bereiteten mir im Moment aber nicht nur die Rekordzahlen neu infizierter Covidfälle (weltweit über 180’000 an einem Tag). Diese können mir persönlich egal sein – sie sind ja „weit weg„. Auch Flüchtlinge in Elendslagern auf griechischen Inseln – „weit weg„. Und was kümmern mich 20’000 Tonnen Diesel in den sibirischen Flüssen und die 6000 Waldbrände hinter dem Ural – „weit weg„, es sind ja nur Schlagzeilen. Kaum gelesen, schon vergessen.

Oft höre ich, ich würde mir zuviel Sorgen machen – weil eben, was kümmert dich das – es ist ja weit weg. Dummerweise ist die Erde rund und alles kommt irgendwann zurück. Sei es das Pestizied auf den Gemüsefeldern ins Trinkwasser, das verfütterte Antibiotika ins Schweinsschnizel auf meinem Teller oder das CO2 in der Luft, als Jahrhundertsommer. Wie alles miteinander verbunden ist, sollte uns eigentlich Corona gezeigt haben. Wir tun gute daran, daraus zu lernen.

Es braucht aber nicht immer Katastrophen und Pandemien um Sankt Florian zu begegenen. Wohin wegschauen und weg wünschen führt, erleben wir auch in den kleinen Dingen des Alltags. Wie eingangs erwähnt, bieten sog. Kundendienste und Digitalangebote von grossen Serviceanbietern (im obigen Beispiel die Schweizer Post Finance) abschreckende Beispiele. Offensichtlich nach dem Motto: „Was kümmern mich meine Kunden, diese sind ja weit weg„, werden Lösungen angepriesen (in obigen Fall eFinance der Post), welche den Durchschnittskunden in den Wahnsinn treiben. Ich behaupte mal von mir selber, ich wäre mit 35 Jahren Erfahrung in der Informatik, kein digitaler Volltrottel – kam mir beim Versuch dies für eine Freundin einzurichten, aber genau so vor! Jeder Versuch ist gescheitert. Erst Fehlermeldungen die einer Verarschung gleichen, (Motto: Du bist ein Depp), Supportseiten die ein ETH-Informatikstudium voraussetzen (ich stelle mir dabei immer ein 0815-Kunde vor) und einen Kundendienst, der genau so viel weiss wie ich – nämlich nichts! Angefangen bei den „Programmierern“, die solche Lösungen bauen (einen Kunden haben diese vermutlich weder je gesehen, noch mit ihm gesprochen), noch den Managern, die sich das lästige Problem „Kunde“ so weit weg wie nur möglich wünschen (man schalte einen sprechenden Computer vor die Kundendienstzentrale und nerve den Kunden mit wiederholten Aufforderungen zu warten). Die Lösung? Man wechselt am besten den Anbieter. Dumm nur, auch diese wünschen sich die Kunden nur herbei, bis sie sein Geld haben – danach aber rasch wieder weit weg!

26.05.2020: Alles ganz normal

Der Wunsch nach „Normlität“ ist bei den Meisten übermächtig. Verständlich, nach 11 Wochen Lockdown mit zahlreichen Einschränkungen, Regeln und Verboten. Aber was ist normal? Alles so, wie es vor dem 16. März war? Für manche ja. Andere möchten gleich alles anders. Es gibt das Wehgeschrei der Warner und Bedenkenträger, die überall Niedergang und Schuldenwirtschaft wittern. Es gibt jene, die von einer grünen Wirtschaft träumen und jene, die einfach ihr sicheres Leben zurück haben wollen. Normal ist also vieles. Die Chance aus der Krise etwas zu lernen oder gar etwas zu verändern, wird aber momentan gerade verspielt. Alles ganz normal!

Wie Heuschrecken naht die Normalität

Da sitzen wir also, warten auf das Ende des Lockdowns und hoffen auf Normalität. Einzelinteressen – von den Wirten über den Profisport bis zum SAC – dominieren die Diskussion und fordern ihren Anteil am Honigtopf des Staates. Noch lauter sind nur die Bessserwisser, welche auf Normalität pochen, wo es keine (mehr) gibt. Denn was heisst denn „normal„? Alles wie „vorher“ oder doch lieber noch ein bisschen mehr davon? Also noch tiefere Steuern, noch weniger Sozialleistungen, Löhne kürzen, kippen aller Vorlagen und Vorstösse, die „Geld kosten“ (CO2-Gesetz, Vaterschaftsurlaub, etc.)? Das Wunschkonzert jener, welche am meisten von den Covid-Notkrediten und den Geldtöpfen des Staates profitieren, gleicht einer unendlichen Selbst-Bereicherung. Da sind die notkreditfinanzierten Ferraris nur die hässliche Spitze eines übermächtigen Eisbergs. Keine Panik also, die Normalität ist also schon da. Wir sind die Glücklichen, wir können es uns leisten – current normal also.

Seit meiner Rückkehr in die Schweiz, vor fünf Wochen, beschäftige ich mich mit der alles dominierenden Pandemie. Anderes hat im Alltag und den Gesprächen kaum mehr Platz. Es scheint fast so, als gäbe es keine anderen Themen mehr. Bei näherem Hinsehen wird aber rasch klar, dass wir eigentlich von „alten“ Themen sprechen, die durch diese Krise nur verstärkt – und leider auch verschleiert – werden. Nehmen wir zum Beispiel die USA mit 1,7 Millionen Infizieren und 100’000 Toten (ein Ende ist nicht abzusehen). Trotz Billlionen an staatlichen Nothilfen stehen die Leute vor Gassenküchen an, 40 Millionen haben innert Wochen ihren Job verloren und statt dass das Geld die Bedürftigen erreicht, werden die Konzerne gefüttert (Quelle: Interview mit Josph Stiglitz, ZEIT, vom 26.5.2020; https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-05/joseph-stiglitz-corona-donald-trump-usa). Es manifestiert sich also das Dauerthema „Ungleichheit“ – also die Kluft zwischen Arm und Reich und den Rassen – in seiner ganzen Wucht. Dann nehmen wir noch die Heuschreckenplage in Ostafrika. Dort fressen aktuell Heuschreckenschwärme in der Grösse des Bodensees die Felder leer. Aus heiterem Himmel? Nein – es ist die Folge der sich verschärfenden Klimakrise (Nein – diese ist nicht in Quarantäne!). Die veränderten Meereströmungen haben das Wetter verändert und begünstigen das Entstehen solcher Plagen. Dazu kommen Kriege in Jemen, Warlords in Somaliland und blockierte Hilfe wegen Corona. Der perfekte Sturm um 25 Millionen Menschen in den Hunger zu treiben. (Quelle: TA, 26.5.2020). Masernepidemie im Kongo – nie gehört? – wird begünstigt durch die Pandemie, da nicht mehr geimpft wird, Helfer fehlen oder wegen den Ausgangssperren nicht mehr helfen können (Quelle: medcine sans frontiere, 25.5.2020: https://www.msf.ch/de/neueste-beitraege/artikel/dr-kongo-bekaempfung-von-masern-zeiten-von-covid-19). Aber wir brauchen nicht einmal so weit zu gehen. Deutschland und Frankreich denkt wieder einmal über Kaufprämie für Autos nach, um ihre darniederliegende Autoindustrie zu „retten“, es werden Milliarden für die gegroundeten Fluggesellschaften gesprochen und darüber nachgedacht, wem man alles Steuergeschenke machen kann (keine Angst weder dir noch mir). Ach ja – während ich hier schreibe wurde Jeff Bezos von Amazon wahrscheinlich um ca. 10 Millionen reicher….

Wer geglaubt hat diese Krise wäre ein Denkzettel und würde uns zum Innehalten oder gar Umdenken zwingen, irrt. Ich fürchte es gehen genau jene als Gewinner aus der Krise hervor, die schon vorher von diesem System profitiert haben – jetzt einfach noch schneller und unverschämter. Die Armut auf der Welt wird rasant zunehmen – Hunger und Kriege ebenso. Die Schere zwischen Unten und Oben wird sich weiter öffnen (die Presse fabuliert ja schon darüber, ob Jeff Bezos der erste Billionär sein werde – sie prognostizieren 2026: https://www.amazon-watchblog.de/jeff-bezos/2161-jeff-bezos-erste-billionaer-der-welt.html). Die Probleme haben wir mit verödeten Innenstädten und ausbleibenden Steuereinnahmen. Auch das – einfach noch etwas schneller, als befürchtet.

Bin ich zu pessimistisch? Vielleicht. Es bringt aber auch nichts, die Augen vor der Realität zu verschliessen. Egal ob es um eine Pandemie, das Klima, die Ungleichheit oder die Folgen des ungebremsten Wachstums geht – früher oder später holen uns diese Probleme ein. Ob wir wegsehen, es ignorieren oder nicht wahr haben wollen, ist egal. Ab einem bestimmten Punkt sind wir gezwungen, uns damit zu beschäftigen. Es sind nicht nur die „Schwarzen Schwäne“ (Katastrophen, Unfälle etc.), die uns zusetzen – es sind oft die alltäglichen DInge, vor unseren Augen, die zu Krisen führen. Diese sollten wir im Auge behalten! Die Corona-Pandemie wäre so eine Möglichkeit. Sie hat die unangenehme Eigenschaft, vorhandene Probleme zu verstärken. Genau wie oben beschrieben. Lösen können wir diese aber nur durch Hinsehen. Der Wunsch nach Normailtät ist verständlich. Dieser führt aber oft in eine neue Katastrophe. Es wäre an der Zeit, sich den Problemen anzunehmen.

26.11.2019: Die Klimakatastrophe findet statt – hier und jetzt (ein paar Links)

Über die Klimakrise wird viel geschrieben. So viel, dass man kaum mehr nachkommt mit lesen. Hier ein paar Beiträge. Lesen lohnt sich.

Das Klima kippet – Tageschau.de 24.11.2019

Das grosse Ziel – Heise

Sind wir noch zu retten? Interview mit Reto Knuti, Klimfaorscher ETH, Rebublik

Die verschwiegene Wahrheit – Generalanzeiger Bonn

06.09.2019: Oh Herr, ich habe gesündigt…

Wir alle sind „Sünder“ und kommen in die Hölle. Ohne die Gnade des „Herrn“ sind wir verloren.

So oder ähnlich tönt es allzu oft, wenn über die Klimabewegung berichtet wird. Natürlich wird das so nicht explizit gesagt. Aber was anderes bedeuten Schlagzeilen und Berichte wie: „Flugscham – dürfen wir noch nach Mallorca in die Ferien fliegen?“, „Mein Fleischkonsum lässt den Amazonas brennen“ oder „Das Bevölkerungswachstum ist schuld an der Klimakrise“. Die Liste kann beliebig verlängert werden.

Der Grundtenor in den Medien ist fast einheitlich: Wir ALLE sind schuld am Klimawandel. Verzichte aufs Fliegen, dein Auto, Fleisch und all die schönen Dinge im Leben – am besten auch gleich auf eigene Kinder.

Wenn man („man“ will ich noch genauer definieren) will, dass garantiert nichts passiert, wenn man nichts verändern will und alles so bleiben soll, wie es ist, muss man genau so argumentieren! Frei nach dem Motto: ALLE sind NIEMAND!

ALLE sind nie verantwortlich, denn ALLE weder einen Absender noch eine Adresse. ALLE haben kein Telefon und keine eMail, kein Whatsup und kein Twitter. ALLE versteckt sich hinter jedem und ALLE hat kein Gesicht.

Wer aber entscheidet wo Kleider genäht werden. Was dort für Löhne bezahlt werden? Wer entscheidet darüber, welchen Treibstoff die Containerschiffe tanken (Schweröl)? Wer bestimmt über die Arte der Energieproduktion, über den Abbau von Braunkohle, den Einbau von Filtern in Kohlekraftwerken? Wer entscheidet wo, was, wieviel investiert wird? Wer entscheidet über den Preis des Fleisches, mit was die Tiere gefüttert werden, wie sie gehalten werden, der Boden bearbeitet wird und was darauf angebaut wird? Wer verkauft den Bauern Petizide, Herbizide, Fungizide? Wer erlässt Vorschriften zum Hausbau, Heizungen, Lüftungen etc.? Auch hier ist die Liste endlos…

Nein, nicht du und ich. Es sind sog. Entscheidungsträger die das alles tun. Männer und Frauen mit Geld und Einfluss. Männer und Frauen in Politik und Wirtschaft. Menschen und Institutionen mit Macht und (vor allem) Geld! An ihnen liegt es die notwendigen Änderungen anzustossen und umzusetzen. Sie haben Namen, Adressen, ein Gesicht und eine Telefonnummer. Sie gilt es in die Verantwortung zu nehmen.

Wir als Bürger*innen, Konsument*innen und Wähler*innen können zwar Einfluss nehmen; z.B. indem wir Politiker*innen wählen, die Missstände zu beheben versuchen, oder Firmen meiden, die bekannt sind für ihr asoziales und umweltschädigendes Verhalten – aber wir sind nicht diejenigen, die entscheiden.

Also stellen wir FORDERUNGEN an Politik, Wirtschaft und Investoren und machen solange Druck, bis die Verentwortungsträger*innen handeln!

Ein guter Anfang wäre z.B. die Unterstützung des Klimablatts der Klimajungend. Das Klimablatt soll vor den National- und Ständeratswahlen am 20.10.19, an alle Schweizer Haushalte verschickt werden und sie über den aktuellen Stand der Klimaforschung informieren und Politiker*innen empfehlen, die sich für die Ziele der Klimastreikbewegung einsetzen. Jeder Rappen zählt! Klimablatt

01.09.2019: Solange wir „es“ alle sind, ist garantiert, dass nichts passiert

Unser Lebensstil gibt zu Kritik Anlass. Wir essen Fleich (zumindest zu viel), wir nutzen fossile Energie (Öl, Gas, Kohle), wir verpacken alles in Plastik, fliegen zu viel um die Welt, schmieren Nutella aufs Brot, holzen die letzten Wälder ab und kaufen hirn- und sinnlos Billigramsch aus Billiglohnländern. Ja, wir leben verschwenderisch, verantwortungslos, ungesund und denken keinen Moment an die Zukunft unserer Kinder.

Liest man dieser Tage die Zeitungen (bzw. Newsportale und tummelt sich in den Sozialen Medien) so fällt einem nicht nur die Gehässigkeit auf, mit der die Überbringer der schlechten Nachricht(en) (Greta, streikende Schüler etc.) eingdeckt werden, es geistern auch allerlei Vorschläge, Forderungen und Anleitungen durchs Netz, was man als vorbildlicher Mensch alles zu beachten hat, auf was man verzichten sollte (oder muss) und wie übel unser Lebensstil für die Zukunft unserer Kinder sei und ist. Der Gipfel des Vorwurfes endet dann bei Forderungen für Antibabypillen für afrikanische Frauen, da das Grundübel ja wir alle und vor allem die grosse Zahl von Menschen sind.

Wir sind also ALLE schuld! Am Klimawandel, weil wir fliegen. An den Bränden im Amazonas, weil wir Fleisch essen. An der Rodung des Regenwaldes, weil wir Nutella aufs Frühstücksbrot schmieren (Palmöl) und am Plastik im Meer, weil wir verpacktes Gemüse in der Migros kaufen! Nun haben wir den Schuldigen! Wir ALLE sind es!

Wer einmal in einer WG gewohnt hat, kennt die Geschichte. Ende Woche türmt sich das Geschirr in der Spühle. Die Abfallsäcke müffeln prall gefüllt im Gang vor sich hin und der Kühlschrank ist permanent leer. Diese Zustände dauern mindest so lange, wie die Verantwortlichkeiten verbindlich geregelt sind. Fazit: Ohne verbindliche Regeln (und Sanktionen) passiert nichts!

Genau dies passiert aktuell auf der Welt (nicht nur rund um die Klimakrise). Um keine Verantwortung übernehmen zu müssen, schieben alle die Verantwortung auf die andern. Die Wirtschaft auf die Politik(er), die Konsumenten auf die Wirtschaft, der Einzelne auf den Andern. Gemeinsam garatieren wir, dass garantiert nichts passiert!

Also brauchen wir Regeln – denn solange ich freiwillig (aus EInsicht oder sozialem Druck) auf etwas verzichte (z.B. Fliegen) und es der Nachbar nicht tut, fühle ich mich rasch beschissen. Ich werde ihm Vorwürfe machen und unsere Nachbarschaft wird darunter leiden. So fühlt sich der Frutarier über dem Veganer, dieser über dem Vegetarier und alle über den Cornivatoren. Darüber freuen sich alle andern. Die Politiker*innen weil sie uns gegenseitig ausspielen können Die Wirtschaft weil sie ihre Produkte noch zielgruppengenauer und noch teurer verkaufen kann (man braucht einfach ein neues Label und etwas Marketing) und wir, weil wir uns nicht ändern müssen. Die 5% „Gutmenschen“ aber ändern nichts. Weder an der Gesamtbilanz (des CO2 Ausstosses) noch am Verbrauch fossiler Energien und schon gar nichts an der Art wie wir wirtschaften und der herrschenden Politik.

Wer entscheidet über die Art der Produktion, den Produktionsstandort, die Bezahlung der Arbeiter*innen, die Einhaltung von Vorschriften? Wer tankt Schweröl in ihre Schifftanks, wer propagiert Dieselmotoren und betrügt bei den Abgaswerten? Wer verhindert griffige Massnahmen gegen den CO2-Ausstoss. Wer subventioniert Kohlekraftwerke? Wer verzögert seit Jahrzehnten die Umstellung von fossiler auf nicht-fossile Energie? Die Liste ist unendlich. Nein, nicht du und ich. Es ist das Diktat der „Wirtschaftlichkeit“, welche die Agenda diktiert. Sowohl im einzelnen Unternehmen, wie in der Politik. Als Bürger und Konsument wird man vor vollendete Tatsachen gestellt. Ihnen bleiben: ein schlechtes Gewissen, höhere Kosten und eine zerstörte Umwelt!

Die eigentlichen Verantwortlichen bleiben ungeschoren. Dies sind die eigentlichen Profiteure dieses Systems. Es sind die Prediger der neoliberalen Wirtwschaftsordnung und in ihrem Schlepptau die Bezahlknechte der Politik Sie haben es bisher abgelehnt Verantwortung zu übernehmen. Es wird also Zeit, diese von ihnen einzufordern. Jetzt, laut und unmissverständlich. Am 20. Oktober an der Wahlurne, mit der Wahl von Politiker, die Verantwortung übernehmen und der Abwahl der verantwortungslosen Lobbyisten der bürgerlichen Parteien.

25.08.2019: Das Eis schmilzt

Wälder brennen vom Amazonas bis Sibirien während Grönland schmilzt und der Permafrost taut. CO2 Senken (z.B. der Amazonas) verschwinden in atemberaubendem Tempo. CO2 und Metangas Emissionen erreichen Höchstwerte. Greta segelt nach New York und die G7 tagt in Frankreich. Wir befinden uns im Sommer 2019.

Die Presse lamentiert über den (vermuteten) CO2 Ausstoss Gretas Segeltörn. Die Sozialen Medien sind gefüllt mit Hasskommentaren, bis hin zu Todesdrohungen für Greta. Klimaschutz und die Rettung von Menschen aus dem Mittelmeer sind für viele ein rotes Tuch und lösen die widerlichsten Reaktionen aus. Die $VP verunglimpft die politischen Gegner als Würmer und Maden. Die Zivilisation scheint auf dünnem Eis gebaut, und es schmilzt so rasch, wie das Grönlandeis.

Jede Schlagzeile erhöht den Stresslevel. Gefühlt liegt dieser schon weit über normal. Panik liegt in der Luft. Die Reaktionen sind so vielfältig wie die Menschen. Von der Leugnung (sog. Klimaskeptiker), bis Zorn (Extinction Rebellion) findet sich alles. Viele ignorieren die News oder wollen sie nicht wahr haben. Andere reagieren mit Schuldgefühlen oder Schuldzuweisungen. Eine (noch) kleine Minderheit verlangt entschlossenes Handeln von Politik und Wirtschaft.

Wir befinden uns offensichtlich in einer veritablen Krise und so sind auch die Reaktionen zu verstehen – mit Ausnahme der wirklichen Klimaleugner und politischen Hasardeure, der Verantwortung ihrer Hintermännern (Interessensvertreter) ablenken. In der Schweiz namentlich die $VP und ihre Adlaten. Es ist die Aufgabe der Zornigen die Reihen zu schliessen und die Verantwortlichen zu benennen.

Der Klimawandel ist nicht komplex – er ist ganz einfach zu verstehen. Wenn wir nicht aufhören Energie mit fossilen Energieträgern (Öl, Gas, Kohle) zu gewinnen, war es das mit unserer Erde wie wir sie kennen. Das haben die Jungen von #FridayForFuture begriffen – ihrer Forderungen müssen wir unterstützen und jetzt handeln!