02.04.2021: Der Bauchnabel

Es ist ein Affront. Nein – eine bodenlose Frechheit. Ein Komplott gar. Da zieht wer an einem Freitagnachmittag in eine neue Wohnung, schliesse den Fernseher an und nichts! Schwarz! Die Dose tot. Also Anruf bei UPC. Und nun folgt der Hammer! Die schicken ihren Techniker erst am Montag. Am Moooontag! Und „ich“ guck am Wochenende in die Röhre. Was ist das für ein Saftladen? Und dann meine Ferien. Gestrichen! Die wollen dass ich nach meinem Strandurlaub zwei Wochen in Quarantäne gehe. Die können mich mal! Und impfen soll ich mich auch noch. Ich lass mich doch nicht chipen! Ich wandere aus.

Das erste Beispiel (Fernseher) ist authentisch, alle anderen den Medien entnommen. Alle bringen sie aber eine Haltung zum Ausdruck, die zwar nicht neu ist, sich aber in dieser Pandemie, wie ein aggressives Virus verbreitet. Die Bauchnabelitis. Jener Charakterzug, genährt aus Egoismus und Anspruchshaltung, der unsere Zeit prägt. Dazu gesellt sich eine Ignoranz für die simpelsten Zusammenhänge, eine jämmerliche Opferhaltung und eine Arroganz des Nicht- oder Halbwissens. Und über all dem prangt das Lebensmotto: „Das steht mir zu!

Gründe und Erklärungsversuche für diesen „Zeitgeist“ gibt es viele. Sie reichen von der neoliberalen Elbogengesellschaft (jede:r gegen jede:n), dem Populismus, bis zu den Algorithmen der Sozialen Medien. Vermutlich ist es von allem etwas. In jedem Fall ist er aber toxisch. Toxisch, weil Egoist:innen meinen, auf andere keine Rücksicht nehmen zu müssen. Toxisch, weil Ignorant:innen (ihre) Meinung über Fakten stellen und weil das Gejammer der (angeblich) Zukurzgekommenen ein Affront gegenüber allen wirklichen Opfern ist. Stilikone dieser Jammergestalten ist der Judenstern, als Symbol für die angebliche Coronadiktatur, der ohne Scham, am Revers, durch die Strassen getragen wird. Eine grössere Verhöhnung der Opfer des Holocaust ist kaum denkbar. Wer aber sein Bauchgefühl zum Nabel der Welt erkürt, für den/die gibt es kein grösseres Opfer, als sich selbst. Da mutieren schon mal zwei fernsehfreie Tage zur Zumutung und sind Anlass für Wut, Protest und tief empfundene Kränkung.

Das Phänomen hat viele Namen. Wohlstandsverwahrlosung, fehlende Frustrationstoleranz bis hin zum Schneeflöckchen (für Jammeris und Weicheier). Doch wie man es auch nennen mag, es ist Ausdruck eines Gefühls des „zu kurz gekommen seins“, des „beschissen worden seins“ und des „das steht mir doch zu“. Und Gefühle täuschen sich angeblich nie – ich spüre sie ja in meinem Bauch. Die Wut, die alles verkrampft und die Ohnmacht, die mir den Appetit verdirbt. Das persönliche Wohlbefinden als Massstab der Welt, welche die Vernunft zu FakeNews erklärt. Jeder nur noch mit sich selbst beschäftigt.

Wie einfach es doch wäre, jetzt mit dem Finger auf „die Andern“ zu zeigen (denn es sind immer „die Andern“) – die Verschwörungsgläubigen, Impfgegner, die Ferienhungrigen, partysüchtigen Jugendlichen und Maskenverweigerer. Doch verbirgt sich hinter dem Gejammer um fehlende Impfstoffe und Termine nicht eine ähnliche Anspruchshaltung? Wieso steht „mir“ eine Impfung zu, dem Slumbewohner in Bogota aber nicht? Ist es weil wir hier ein funktionierendes Gesundheitssystem haben und in Kolumbien nicht? Oder ist es, weil wir reich (ergo „besser“) sind und die Slumbewohner arm? Die Antwort gibt sich selber. Dabei mutiert das Virus in den Elendsvierteln Macaos unter den Ungeimpften munter weiter und trifft uns wahrscheinlich früher oder später mit voller Wucht. Boris Johnson meinte kürzlich, das hohe Impftempo in Grossbritannien wäre das Resultat von Gier und Kapitalismus. Vermutlich war er noch nie so ehrlich. Nur – diese Impfdosen fehlen jetzt andernorts, wo sie vielleicht noch Schlimmeres verhütet hätten. Dummerweise hat der Bauch keine Augen – er ist blind. Das (momentan) gute Gefühl in der Magengrube aber ist trügerisch. Wie die Auswirkungen von Völlerei und ungesunden Essen – diese machen sich auch erst hinterher bemerkbar. Wenn es schon zu spät, oder teuer wird.