16.04.2021: Erstweltprobleme

Wer kennt es nicht? Man ist auf dem Bahnsteig und der Zug kommt und kommt nicht. Der Zeiger der Bahnhofsuhr quält sich im Rund. Die Anzeige vermeldet Verspätung. Die kalte Bise kriecht unter die viel zu dünne Jacke. Verdammt, wann endlich kommt mein Zug? Genau so fühlt sich das Pandemiedesaster an. Es will und will nicht. Und statt ein Ende, sind höhere Fallzahlen in Sicht. Kurz gesagt: Es ermüdet und zerrt an den Nerven. Zumindest an den meinen oder denen von uns Verwöhnten, die sich gewöhnt sind, dass alles wunschgemäss und wie am Schnürchen klappt. Also schmollen die einen, harren die andern und nölen die dritten. Alle wurden in diesem Blog schon durch den Kakao gezogen. Heute bin ich an der Reihe, oder meinetwegen Meinesgleichen.

Was habe ich Wohlstands-Rentner in dieser Pandemie eigentlich zu klagen? Meine Rente kommt pünktlich und reicht zum Leben, ich bin gesund und wohne sicher im eigenen Häuschen, draussen in der grünen Pampa. Und trotzdem müffel ich seit Tagen vor mich hin, bin lust- und antriebslos. Irgendwas fehlt. Etwas nagt. Aber was? Abwechslung? Inputs? Aufgaben? Sind es die geschlossenen Restaurants? Das geschlossene Hallenbad oder ist es einfach das tägliche Einerlei, welches zermürbt? Fehlt das Unbeschwerte? Das Easy Life? Das heute hier und morgen in Spanien? Im Ernst, ist es das? Gehöre ich auch schon zu den notorischen Nölern?

So oder so, allein der Gedanke ist ein erschreckender Befund. Schwingt auch hier der Bauch das Zepter und hinkt der Verstand hinterher? Urteil: Bedenklich! Wieso gelingt es nicht einmal einem Verstandesmenschen (Selbstdeklaration) wie mir, mit kühlem Kopf und ohne emotionale Blessuren, durch diese Krise zu kommen? Sind es wirklich die oben genannten Einschränkungen und Entbehrungen, welche mein Nervenkostüm strapazieren? Oder ist es doch etwas anderes? Aber was? Liegt es daran, dass wir verwöhnt sind? Dass wir meinen alles tun und lassen zu können? Wir Einschränkungen als Zumutung empfinden? Ist unser Narzissmus gekränkt, weil uns ein unsichtbares kleines Ding den Meister zeigt oder weil unser notorisches Jammern auf taube Ohren stösst? Wie oder was auch immer, wirkliche Probleme sind es nicht – wir reden von Befindlichkeiten. Wirkliche Probleme haben die täglich 4000 Toten in Brasilien, die 200‘000 Infizierten in Indien und die Millionen Brot- und Arbeitslosen rund um den Globus. Wir dagegen haben Erstweltprobleme. Peanuts also.

Probleme, für die andere, aus verständlichen Gründen, wenig Verständnis haben. Ja, selbst ich verstehe es nicht (ganz). Aber als „Kind“ dieser Gesellschaft ist ein Entrinnen leichter gesagt, als getan. Der Peinlichkeit geschuldet, versuche ich es trotzdem. Denn, wenn das diffuse Bauchgefühl auch den „luxuriösen“ Lebensumständen geschuldet ist, so ist der Verstand noch intakt. Und dieser kommt zu einem gänzlich anderen Befund. Einem der auf zwei Erkenntnissen ruht. Müde macht nicht das Virus, müde macht das stümperhafte Krisenmanagement und nervig sind nicht die verordneten Massnahmen, sondern deren lausige Umsetzung. Und beide Befunde werden uns noch lange über Corona hinaus beschäftigen. Die miserable Vorstellung der involvierten Behörden grenzt dabei schon an Dienstverweigerung. Eine Armeeapotheke die 700‘000 Tests vermodern lässt, nicht oder zu spät bestellte Impfstoffe, das politische Schmierentheater gegen den Bundesrat, Massnahmen und Wissenschaft und die leeren Impfversprechen seit Monaten, sind ein blanker Hohn. Das ermüdet und untergräbt das Vertrauen in Politik und Staat. Die Duldung von immer aggressiven Massnahmengegnern, das Vertrauen in Polizei und Justiz. Und während ich das hier schreibe, verlängert der Bundesrat die Pandemie gerade um Monate mit einer waghalsigen Öffnungsstrategie. Die wahren Herren in diesem Land sind offensichtlich weder Vouch noch Stimmbürger:in, sondern $VP und Wirtschaftslobby. Frei nach dem Gesetz der ungeschönten Marktwirtschaft werden die Risiken ausgelagert (ans Vouch) und der Gewinn privatisiert. Wenn es dann um die Verantwortung geht, wird es niemand gewesen sein. So weit, so bekannt. Mein angeknackstes Nervenkostüm und meine Lustlosigkeit gewinnen dafür Konturen. Irgendwie beruhigend. Denn es ist weder mein wohlstandsverwöhntes Bauchgefühl, noch die Pandemiemassnahmen, die mich ärgern. Ich ärgere mich nur grün und blau über unsere Politik und Politiker, welche ihr Fähnchen in den Wind halten. Einmal mehr bleibt das laue Lüftchen der gebotenen Vernunft ungehört. Auch das ist nicht neu und allein bin ich damit auch nicht. Der Frust über das Risiko, dem uns der Bundesrat damit aussetzt, macht sich in den Sozialen Medien gerade Luft. Dafür sind Twitter und Co. gemacht. Eine Lärmkulisse für Frustrierte. Fakten schaffen andere. Am Samstag werde ich geimpft – immerhin.

19.02.2021: Alt-68iger

Von David Wilson – https://www.flickr.com/photos/davidwilson1949/6056934707/in/photolist-5coszA-aeenEK-2CqzzK-8QZ5mo, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48476311

Letzten Sonntag war es endlich soweit. Amtlich bestätigt und somit hochoffiziell darf ich für ein Jahr den Ehrentitel Alt-68iger tragen. Ihr ahnt es – ich hatte Geburtstag. Um alle Zweifel an der Rechtmässigkeit dieses Titels auszuräumen, sei daran erinnert, dass ich in der Lage bin ein Wandtelefon mit Wählscheibe zu bedienen, mir bei „Bunker“ nicht der Gotthard, sondern prügelnde Polizisten und bei „Easy Rider“ keine Pferde, sondern Peter Fonda, in den Sinn kommt. Es lässt sich also nicht leugnen: Ich bin ein Alt-68iger. Was für die Einen ein Schimpfwort, ist für mich Tatsache. Lasst mich davon berichten.

Letzhin warf ich einen Blick auf unser Hochzeits-Fotoalbum (ja sowas gibt es noch) und stellte mit grossem Erschrecken fest, dass ich nicht einmal mehr alle Gäste kenne. Abgesehen von den wenigen Verwandten, die noch leben, sind es genau noch zwei Hochzeitsgäste, zu denen wir noch Kontakt haben. Der Rest verschwand unter dem Radar. Selbst Namen sind verblasst. Was hat uns damals eigentlich bewogen, genau diese Menschen an unsere Hochzeit einzuladen? Ich habe heute keine Antwort mehr darauf – es waren andere Zeiten und andere Umstände. Noch ferner sind mir nur jene Mitstreiter, mit denen ich zusammen Plakate klebte, vor der Sulzer Flugblätter verteilte und durch die Gassen Zürichs, Berns und Genf , Transparente trug. Es ist als hätte es sie nie gegeben. Aus ihnen wurden Professoren, Lehrer, Sozialarbeiter, Berufsberater, Politiker und Unternehmer. Tragende Säulen unserer Gesellschaft also – das rote Banner längst entsorgt und auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Von manchen liest man ab und zu in der Tageszeitung. Allzuoft Meinungen, gegen die wir damals auf die Strasse gingen. Was aber wurde aus den Idealen, für die wir damals mit Tränengas eingenebelt wurden?

Geburtstage sind immer auch Gelegenheit, Rückschau zu halten, und je älter man wird, desto mehr gibt es zurückzuschauen. Aber keine Angst, ich verfalle jetzt nicht in Nostalgie und verklemme mir das Fischerlatein über geschlagene Schlachten, geworfene Molotow-Cocktails oder eingeschlagene Fensterscheiben. Bemerkenswertes gibt es trotzdem zu berichten. So z. B. wie die Zeit und Umstände unser Leben prägen. Gerade für ein „Kind“ der 68iger eine besonders wiedersprüchliche Erfahrung. Gestartet mit dem Anspruch die Welt zu verändern, es besser als „die Väter“ zu machen, kritisch gegenüber autoritärem Staat und althergebrachten Konventionen und politisch aktiv auf der Strasse und in unzähligen Gruppen und Grüppchen, mussten wir die letzten 50 Jahre erleben, wie unser Aufbruch in ein neues Zeitalter, ins Gegenteil verkehrt wurde. Nicht nur allein durch „böse“ Mächte, auch durch uns selber.

Ob es nun der Alltag ist, der uns „zurecht“ schleift oder Verrat an den eigenen Idealen, ist nicht von Belang. Das Urteil darüber drückt bestenfalls aus, wie weit man sich von den einstigen Ideen entfernt hat. Und selbstverständlich gab es damals, wie heute Irrtümer, die man nicht ungeschehen machen kann. Diese sind Teil von uns und unserer (Lebens-)Geschichte. Genauso bedenklich wäre es, wenn sich in den letzten 50 Jahren nichts verändert hätte. Nicht umsonst wird Stillstand mit Rückschritt gleichgesetzt. Sich entwickeln, auch seine Meinungen zu ändern, gehört zum Leben und zeichnet dieses aus. Man nennt es auch Anpassung. Um mich richtig zu verstehen – dies ist weder ein Freipass, noch eine Rechtfertigung für das was sich die letzten fünf Jahrzehnte in Politik und Gesellschaft angespielt hat – es ist eher ein Plädoyer für Fortschritt und Entwicklung. Die Frage ist nur welchen Fortschritt und welche Entwicklung. Wertneutral ist weder das eine, noch das andere.

Kurz vorweg gesagt: Nicht in jene Richtung, welche von uns 68igern, angestrebt wurde. Zwar schafften wir es viele gesellschaftliche Zwänge und Konventionen aufzubrechen (Konkubinatsverbot, Gleichstellung, Homosexuelle Partnerschaften usw.), nicht aber das System zu verändern oder auch nur an ihm zu kratzen. Im Gegenteil: Ewiges Wachstum ist so sakrosankt, wie je (oder schon fast eine heilige Kuh) und die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich von Jahr zu Jahr schneller. Die Folgen davon spüren wir alle. Das System stösst an seine Grenzen. Unruhen in allen Teilen der Welt, Klimakrise, Verschwörungsmythen und die Rückkehr totgeglaubter Geister (Nationalismus), füllen die Schlagzeilen. Man reibt sich die Augen und denkt man sei im falschen Film. Ja man könnte schon fast zum Schluss kommen, wir hätten damals den Boden für diese Entwicklung bereitet. Denn wir waren es, die die Gesellschaft aus alten Zwängen befreiten. Allerdings nicht nur vom Mief der vergangenen Jahrhunderte (Kirche, Patriachat, Institutionen etc.), sondern auch vor von moralischen und ökonomischen Fesseln. Was mit einer Kulturrevolution begann, endete in einer Entfesselung der Wirtschaft. Deregulierung, Internetblase, Finanz- und Klimakrise sind das Resultat.

Was man heute Alt-68iger schimpft, prägte damals zwar eine Epoche (Pariser Unruhen, Anti-Vietnam-Demonstrationen, Zürcher Krawalle etc.) und gab ihr den Namen, nicht aber die darauf folgende Entwicklung. Denn Krawalle sind zwar laut und lösen Empörung aus, wurden aber nur von einer Minderheit getragen. Das war damals so und ist es heute. Die Mehrheit folgte ein Jahrzehnt später dem Ruf der Deregulierung (interessanterweise auch als Befreiung deklariert), deren „Früchte“ wir nun ernten. Die Ikonen dieser Zeit heissen Reagan und Thatcher und sie haben den folgenden Jahrzehnten – bis heute – den Stempel aufgedrückt. Die Sorbonne- und Berkleystudenten machten derweil Karrieren, andere flüchteten sich in kulturelle Nischen, stürzten ab oder gründeten Firmen und wurden Milliardäre. Wir bastelten an unsere Karriere, waren mit Geldverdienen beschäftigt und legten die einstigen Überzeugungen, wie alte Kleider ab. Wir genossen den Wohlstand und mutierten zu Stützen der Gesellschaft. Die Klimajugend nennt uns die „Boomer“. Etwas ungerecht zwar, weil, was können wir dafür, dass wir so zahlreich in den Nachkriegsjahren gezeugt wurden, aber eben auch Ausdruck davon, dass wir zu den Satten gehören, die sich im System eingerichtet haben.

Da wir in der Zwischenzeit fast alle pensioniert sind und über viel Zeit und Wissen verfügen, wäre es an der Zeit sich unserer Wurzeln zu besinnen und die Jugend in ihrem Kampf gegen die kommenden Krisen – die allesamt Systemkrisen sind – zu untersützen. Ein verwegener Anspruch, da sich viele von uns weit von den damaligen Idealen entfernt haben. Jene aber, die zwischen den damals falschen Vorbildern und dem Ideal einer gerechten Gesellschaft unterscheiden können, sollten es tun – das ist mein Appell. Zumindest das, sind wir unserer Nachfolgegeneration schuldig. Nicht weil wir Schuld auf uns geladen haben, sondern weil es die (logische) Fortsetzung unseres damaligen Aufbruchs ist. Alt 68iger ist man nicht, weil man damals auf den Strassen mitmarschierte, sondern weil man sich für ein Ideal einsetzt – damals wie heute.