31.07.2020: Die nicht gehaltenen 1. August-Rede 2020

Vor einem Jahr hatte ich die Ehre und das Vergnügen in Berg am Irchel mein Debüt als 1. August-Redner zu geben. Das Thema war vorgegeben: 80 Jahre Landihaus – über die Odyssee eines Hauses, von der Landi 1939 bis an den heutigen Standort, im Dorfkern von Berg am Irchel. Eigentlich ein unverfängliches Thema. In einer Gemeinde mit über 50% SVP-Wähleranteil, für einen „Linken und Netten“ wie mich, trotzdem eine Herausforderung – schliesslich erwartet man ja am 1. August ein Lob auf unsere Heimat, etwas Pathos, Selbstlob und die Ermahnung das Alte und Bewährte zu bewahren. Standpauken über Krisen, Misstände und Versäumnisse könnten die Festlaune verderben. Ich bemühte mich deshalb umso mehr um den „richtigen Ton“. Ich denke, es gelang mir ganz ordentlich – die faulen Eier blieben in der Tüte.

2020 ist anders. Erstmals seit 120 Jahren (der 1. August wird erst seit 1899 in der ganzen Schweiz gefeiert) finden dieses Jahr kaum 1. Augustfeiern statt. Zum grossen Leidwesen aller Patrioten hat ein fremder unbekannter Feind das Zepter übernommen. Im annus horribilis 2020, macht Corona selbst das Unmögliche möglich und so bleibt ausgerechnet in einem Jahr, wo es wahrhaft viel zu sagen gäbe, vieles ungesagt. Darum sage ich hier, was ich zu sagen hätte.

Liebe Festgemeinde

Was gibt es dieses Jahr am 1. August zu feiern, mögen sich viele fragen. Gut – Geburtstage feiert man auch wenn man im Krankenbett liegt – trotzdem ist die Feierlaune getrübt und im schlimmsten Fall hat der Arzt auch noch Bier und Bratwurst verboten. Ich brauche den Übeltäter kaum zu benennen – er ist allgegenwärtig. Blöd ist, er will und will einfach nicht verschwinden – da helfen weder laute Parolen, Forderungen noch Parteitagsbeschlüsse. Das Zepter schwingt ein unsichtbares Nichts – ein Virus weist uns in unsere Schranken. Ein Umstand der offensichtlich vielen zu schaffen macht. Rücksicht auf Befindlichkeiten, Verordnungen oder politische Augenwischereien, sind dem Käfer aber in etwa so fremd, wie mir Chinesisch.

Wir können natürlich ins Lamento der Bedenkenträger, der Weltuntergangspropheten oder dem der Sozialdarwinisten einstimmen. Wir können die Chinesen, 5G, die WHO oder Bill Gates verantwortlich machen. Ja selbst die Existenz von Covid-19 und der Pandemie, mit all ihren Toten, lässt sich leugnen. Der Seuche ist es egal – sie gedeiht prächtig und hat heute die 17-Millionengrenze, unbeeindruckt von jeglicher Verharmlosung und „zurück zur Normalisierung Rufen“ geknackt. Bevorzugt grassiert sie an Orten, in denen sie am lautesten ignorieret und geleugnet wird – bei Nachtclubbesuchern, in Deutschen Fleischfabriken, in Bolsonaros Brasilien und Trumps Amerika. Noch selten wurden Leugner und Idioten so gnadenlos vorgeführt. Man könnte also meinen, es wäre uns allen eine Lehre und schliesslich halten wir uns für einen „Sonderfall“ und wähnen uns als weit gescheiter als der Rest der Welt. Doch weit gefehlt. Auch hierzulande greift die Faktenresistenz um sich und es wird eifrig im Chor einer Allianz aus Aluhüte, Narzissten und rechtsextremen Pack, mitgesungen. Dass es immer welche gibt, die hinterher alles besser wissen, ist nicht neu. Neu ist jedoch der massenhafte Rückfall ins tiefste Mittelalter, als Wissenschaft noch Alchemie und Heilkunde noch Hexenwerk war. Erklärungsversuche für ein derart irrationales Verhalten gibt es viele – für mich sind es Zeichen einer Überforderung. Was nicht sein darf – ist nicht – also wird es geleugnet oder mit abstrusen Theorien ins eigene Weltbild integriert.

Auffallend sind die Parallelen zur Leugnung die Klimakrise. Bereits vermelden Exponenten der SVP euphorisch, diese fände nun definitiv nicht statt – der Sommer 2020 sei so kalt wie anno 1984. Für jene deren Welt am Hochrhein endet, eine durchaus plausible Meinung, schliesslich macht mich der heutige Salat auch nicht dick und die Pasta der letzten Monate ist längst verdaut. Leider aber kümmert sich auch das Klima nicht um Meinungen und hält sich stur an die Physik. Unbekümmert lassen Rekordtemperaturen den Permafrost in Sibirien schmelzen, droht der Drei-Schluchten-Damm im Jangtse nach Rekorniederschlägen zu brechen, sind Millionen der Flut ausgeliefert und der Amazones brennt einmal mehr, wie nie zuvor. Das solche Ereignisse von den Klimawissenschaftlern seit Jahren prognostiziert werden, ist selbstverständlich Zufall. Nur gut hält sich Greta und die Klimajugend an die Pandemiemassnahmen, sonst wäre es aus mit der Beschaulichkeit und Ruhe.

Wer kann den Wunsch danach nicht verstehen? Es läuft oder lief ja alles so schön in geordneten Bahnen. Zu klagen gab es höchstens etwas über die lärmige Nachbarschaft, die ungebetenen Asylbewerber, die uns auf der Tasche liegen, der Schliessung der Postfiliale und die hohen Krankenkassenprämien. Man will bewahren und wählt jene, die uns am glaubhaftesten versichern, sie wären jene, die dafür sorgen, dass alles bleibt wie es ist. Nicht umsonst gilt die Schweiz mit einer seit Jahrzehnten, soliden, stabilen bürgerlichen Mehrheit als konservativ. Dieser Konservatismus konnte uns allerdings weder vor Corona, dem Klimawandel, der Digitalisierung, der Zuwanderung noch der Zubetonierung der Landschaft bewahren. Im Gegenteil – es ist genau diese Geisteshaltung und ihre politischen Exponenten, welche uns dies beschert haben. Nicht nur hier in der Schweiz – weltweit. Würden die sog. Konservativen wirklich bewahren, so wie sie behaupten und sich aus dem Wortsinn ergibt, würde wie Welt anders aussehen. Die Vermutung, dass konservativ ein Etikettenschwindel ist, liegt nahe. Die wirklichen Bewahrer (und damit Konservativen) müssen wir heute bei den Linken und Grünen suchen. Diese wollen Klima und Umwelt schützen, Arbeitsplätze vor Digitalisierung und Abwanderung in Billiglohnländer bewahren und sind die vehementesten Befürworter des bewährten Service Public. Ihnen die Absicht die Schweiz mit unnötigen Gesetzen und Vorschriften oder gar einem EU-Beitritt in den Ruin zu treiben, ist also ein ziemlich billiges Ablenkungsmanöver.

Weltweit sieht es auch nicht besser aus – im Gegenteil. Im Vergleich zu den Hochburgen des Internationalen Wahnsinns, ist die Schweiz tatsächlich eine Idylle. Immerhin das könnten wir feiern. Aber eben – unter den Blinden ist der Einäugige bekanntlich der König. Eines aber haben wir vielen Ländern voraus – wir können ungehindert unsere Meinung sagen. Ein Privileg das wir nutzen und schützen sollten. Wir werden es garantiert noch brauchen.

10.07.2020: Realitätsverweigerung

Realitätsverweigerer

Wir leben in komischen Zeiten. Wir geben Milliarden für Universitäten, Wissenschaft und Forschung aus. Dank dieser haben wir Handy, Internet, Impfstoffe, Flugzeuge, Antibiotika und Kläranlagen. Keine Woche vergeht, ohne neue Erkenntnisse. Der technische Fortschritt hat unsere Lebenserwartung in nur 100 Jahren verdoppelt. Genug Grund also sich zu freuen – würde man meinen. Das grosse ABER aber folgt sogleich.

Wie mit allem was da ist, so ist es auch mit oben beschriebenen Errungenschaften – sie sind selbstverständlich. Erst wenn etwas fehlt, erkennen wir ihren Wert. Insofern ist die Corona-Pandemie eine gute Lehrmeisterin – oder sollte und könnte es sein. Denn was wir zur Zeit erleben ist nicht die Hochblüte der Erkenntnis und der Besinnung, sondern eher das Gegenteil. Wohin man schaut, dominiert eine schon fast schizophrene Realitätsverweigerung. Damit meine ich nicht nur den krankhaften Lügner im Oval Office, der sich seine eigene Welt schafft und in seinem Wahn ein ganzes Land in den Abgrund reisst – ich meine auch nicht die kruden Verschwörungstheoretiker, die die mir ziemlich auf den „Sack“ gehen. Wilde Geschichten und Sündenböcke gab es schon im Mittelalter – da waren es je nach Geschmacksrichtung die Juden oder Hexen. Sind wir 2020 wirklich noch nicht weiter ? Hat die Aufklärung so krass versagt? Finanzieren wir dafür Schulen und Universitäten? Antworten habe ich keine – ins Grübeln bringt es mich aber auf jeden Fall. Was mich aber noch weit mehr irritiert, ist der naive Glaube, wir könnten diesen Albtraum wegzaubern, als wäre nichts geschehen.

Ich verstehe natürliche die behagliche Beharrlichkeit, am alten Bekannten festhalten zu wollen. Die Bequemlichkeit, die mit dem Gewohnten verbunden ist ein starkes Argument. In dieser Hinsicht, leben wir aber in miesen Zeiten. Kaum je in der Geschichte hat sich so vieles auf einmal, so schnell verändert wie in den letzten Jahrzehnten und es ist zu befürchten, dass es nicht langsamer wird. Die Pandemie wirkt dabei noch als Brandbeschleuniger. Das zeigt sich tagtäglich – auch im beschaulichen Dorfleben am Rande der Schweiz. Wie immer unangekündigt, ungewollt und verwirrend.

Ich habe mich in den letzten Wochen mehrfach zur Digitalisierung des Alltags geäussert, die ungefragt über Viele „hereinbricht“ und viele ratlos zurück lässt. An der Migros-Kasse, im Hoflädeli, am Parkautomaten – überall wird man aufgefordert, bargeldlos zu zahlen – aber was ist Twint? Sogar die Abschaffung des Bargeldes wird prognostiziert. Namhafte Ökonomen meinen schon 2030… Die viel gerühmte Marktwirtschaft hat dafür allerdings keine Volksabstimmung vorgesehen – „technische Revolutionen“ fanden oder finden in der Regel ohne die Stimmbürger statt. Die Abstimmung findet später, über das Portemonaie, statt. Nix also mit Behaglichkeit und weiter so – es heisst sich anpassen oder „untergehen“.

Und dann wäre da noch die Sache mit der eMobility – sprich Elektroautos. Da meine alte Karre letzte Woche den Geist aufgab, erkundigte ich mich beim Garagisten wegen eines Elektroautos. Nicht nur des Klima wegens (das aber hauptsächlich), sondern weil Benzin garantiert immer teurer werden wird (CO2-Abgabe) und es bereits zahlreiche Länder gibt, die schon bald weder Diesel noch Benziner zulassen werden (Norwegen z.B. schon 2025). Es ist also eine Frage der Zeit, bis es auch hier soweit sein wird, schliesslich hat die Schweiz das Pariser-Abkommen ebenfalls unterzeichnet. Doch weit gefehlt. „Bevor ich ein e-Auto verkaufe, schliesse ich die Garage“ bekam ich zur Antwort. e-Autos sind unser Tod (der Garagisten), eigentlich müssten wir alle auf die Barikaden gehen….. Ich war daraufhin einigermassen sprachlos, verstand dafür, warum ich kaum je Inserate für solche Fahrzeuge im lokalen Gratisanzeiger finde – umso mehr dafür, für übermotorisierte Boliden aus München und Stuttgart. Auch hier also behagliche Beharrlichkeit. Dazu fällt mir nur ein Zitat des letzten Deutschen Kaisers ein, der irgendwann um 1900 gesagt haben soll: „Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.“ Heute lebt Deutschland von der Autoindustrie.

Wir alle wissen: Leben heisst Veränderung – sind dann aber einigermassen überrascht, wenn es uns selber trifft. Auch wenn vieles voraussehbar ist, so trifft es uns meist ungefragt. Unsere Reaktionen sind dementsprechend. Je nach „Typ“ sind wir irritiert, verängstigt, ratos oder wütend. Gerade in turbulenten Zeiten, wo alles zusammenzubrechen scheint, wo Gewohntes verschwindet und sich das Neue fremd anfühlt, ist Realitätsverweigerung ebenso weit verbreitet. Ja, ich würde sogar behaupten, das gängige Verhaltensmuster der Mehrheit. Der Strauss ist bekannt dafür, dass er bei Gefahr den Kopf in den Sand steckt (ich vermute mal es ist ein Märchen – aber egal), wird den Angriff der Hyänen aber trotzdem nicht überleben. Wie schnell diese von der Realität eingeholt werden, zeigt einmal mehr Covid-19. Wer das Virus leugnet oder negiert wird von diesem schneller eingeholt, als er/sie bis drei zählen kann. Das muss gerade Bolsonaro lernen, aber auch all jene, die meinen sie könnten dem Käfer in den Zürcher Clubs ein Schnippchen schlagen. Realitätsverweigerung hat einen hohen Preis.

24.06.2020: Weit weg!

Auch bekannt als „Sankt Florians-Prinzip“, ist das Leitmotiv der Stunde. Besser gesagt, es ist bei vielen Verantwortungsträgern ein weit verbreitetes Prinzip. Aber nicht nur dort. Auch wir wünschen uns oft in Ruhe gelassen zu werden und wünschen uns lästige Probleme weit weg. Sei es Corona, die Klimakrise oder den lästigen Chef – es gibt nichts, was wir uns nicht weg wünschen könnten. Solange es andere betrifft (dafür soll eben Sankt Florian sorgen) – nicht mein Problem. Der (fromme) Wunsch ist menschlich und verständlich – leider aber vergebens. Lästige Probleme haben die Eigenschaft uns zu verfolgen. Wenn nicht jetzt, so später. Und gerade dieser Tage scheint es, als würde sich ein ganzer Kübel sorgsam entsorgter Probleme über uns ergiessen. Corona – weit weg – mitnichten, noch nie gab es weltweit mehr Ansteckungen als diese Woche. Klimakrise – weit weg – Greta Thunberg ist verstummt und trotzdem erlebt Sibirien den heissesten Sommer seit Menschengedenken, der den Permafrost tauen lässt. Rassismus – weit weg – Black Lives Matter holt uns auf den Boden der Realität zurück. Und dann gibt es auch noch Firmen, die sich Kunden möglichst weit weg wünschen – eine Geschichte über den Versuch, eFinance der Schweizer Post einzurichten.

Weit weg

Weit weg ist Corona. Irgendwo in einer Fleischfabrik im Norden Deutschlands, im Amazonas bei den Indigenen und den Slums von Lima. Noch viel weiter weg die drohende Klimakatastrophe. Selbst wenn die dürren Fichten mahnend in den Wäldern stehen, so findet diese bestenfalls weit weg, irgendwo hinter dem Ural statt, wo der Permafrost taut und tausende Tonnen Diesel die Taiga vergiften, weil der Boden taut, oder wo wieder einmal halb Sibirien brennt . Weit weg – betrifft uns nicht! Dank Corona ist sogar die „nervige Göre“ aus Schweden verstummt und FridaysForFuture bleibt zu Hause.

Was nicht in den Schlagzeilen steht, findet nicht statt. Weit weg auch Politiker aus nah und fern. Und selbst im Mikrokosmos des drögen Alltags ist die „Weit-weg-Philosophie (auch als Sankt Florians-Prinzip bekannt)“ eine feste Grösse. Wer’s nicht glaubt, der soll doch bitte mal den Kundendienst der Schweizer Post Finance anrufen. Spätestens nach der 7ten Entschuldigung durch den sprechenden Computer, wird er merken, wie weit weg die Post von ihren Kunden ist. Wenn er dann noch e-Banking aktivieren will, hat er diesbezüglich keine Fragen mehr.

Wer wünschte sich nicht auch manchmal „weit weg“ zu sein? Weit weg vom Stress, dem Ärger, der nervigen Arbeit oder dem langweiligen Alltagstrott. Weit weg – in den Ferien, auf einem Kreuzfahrtschiff, einem Sandstrand oder einfach nur zu Hause in den eigenen vier Wänden. Was im privaten Alltag Ausdruck von Überdruss oder (im positiven Sinne) Veränderungswille ist, ist gesellschaftlich ein Gen-Defekt. Wer als Firmenchef, Manager, Politiker oder sonstige/r Verantwortungsträger/in meint, mit verdrängen, verleugnen und „weit wegwünschen“, liessen sich Probleme aus der Welt schaffen, hat in solchen Positionen nichts verloren. Führung und Verantwortung sind nicht umsonst Zwillinge.

Kopfschütteln und Stirnrunzeln bereiteten mir im Moment aber nicht nur die Rekordzahlen neu infizierter Covidfälle (weltweit über 180’000 an einem Tag). Diese können mir persönlich egal sein – sie sind ja „weit weg„. Auch Flüchtlinge in Elendslagern auf griechischen Inseln – „weit weg„. Und was kümmern mich 20’000 Tonnen Diesel in den sibirischen Flüssen und die 6000 Waldbrände hinter dem Ural – „weit weg„, es sind ja nur Schlagzeilen. Kaum gelesen, schon vergessen.

Oft höre ich, ich würde mir zuviel Sorgen machen – weil eben, was kümmert dich das – es ist ja weit weg. Dummerweise ist die Erde rund und alles kommt irgendwann zurück. Sei es das Pestizied auf den Gemüsefeldern ins Trinkwasser, das verfütterte Antibiotika ins Schweinsschnizel auf meinem Teller oder das CO2 in der Luft, als Jahrhundertsommer. Wie alles miteinander verbunden ist, sollte uns eigentlich Corona gezeigt haben. Wir tun gute daran, daraus zu lernen.

Es braucht aber nicht immer Katastrophen und Pandemien um Sankt Florian zu begegenen. Wohin wegschauen und weg wünschen führt, erleben wir auch in den kleinen Dingen des Alltags. Wie eingangs erwähnt, bieten sog. Kundendienste und Digitalangebote von grossen Serviceanbietern (im obigen Beispiel die Schweizer Post Finance) abschreckende Beispiele. Offensichtlich nach dem Motto: „Was kümmern mich meine Kunden, diese sind ja weit weg„, werden Lösungen angepriesen (in obigen Fall eFinance der Post), welche den Durchschnittskunden in den Wahnsinn treiben. Ich behaupte mal von mir selber, ich wäre mit 35 Jahren Erfahrung in der Informatik, kein digitaler Volltrottel – kam mir beim Versuch dies für eine Freundin einzurichten, aber genau so vor! Jeder Versuch ist gescheitert. Erst Fehlermeldungen die einer Verarschung gleichen, (Motto: Du bist ein Depp), Supportseiten die ein ETH-Informatikstudium voraussetzen (ich stelle mir dabei immer ein 0815-Kunde vor) und einen Kundendienst, der genau so viel weiss wie ich – nämlich nichts! Angefangen bei den „Programmierern“, die solche Lösungen bauen (einen Kunden haben diese vermutlich weder je gesehen, noch mit ihm gesprochen), noch den Managern, die sich das lästige Problem „Kunde“ so weit weg wie nur möglich wünschen (man schalte einen sprechenden Computer vor die Kundendienstzentrale und nerve den Kunden mit wiederholten Aufforderungen zu warten). Die Lösung? Man wechselt am besten den Anbieter. Dumm nur, auch diese wünschen sich die Kunden nur herbei, bis sie sein Geld haben – danach aber rasch wieder weit weg!

03.06.2020: Hoffen

Corona verschwindet aus den Schlagzeilen. Schlechtestenfalls sieht und hört man noch Horrorzahlen und Bilder aus Brasilien oder den USA. Das Leben hier beginnt sich zu normalisieren. Am 15. Juni öffnen sich sogar die Grenzen zu unseren Nachbarn. Dazu scheint (oder schien zumindest bis gestern) die Sonne vom Himmel und die Menschen machten Ausflüge in die Natur und verstopften die Zufahrtsstrassen zu den touristischen Hotspots. Beinah altvertrauter Alltag also. Und dann knipst man die Flimmerkiste an, meint die neuste Folge von „Tatort“ zu sehen und blebt fassloslos auf dem Sofa sitzen – man hat eben (quasi) life einem Mord an einem Menschen zugeschaut – verübt an einem schwarzen Amerikaner durch einen weissen Polizisten. Die Reaktionen darauf altbekannt. Demonstrationen, Plünderungen, Gewalt. Im Westen nichts Neues, also – könnte man denken. Doch da hockt eine tickende Zeitbombe im Oval Office und alles ist anders. Dazu mein heutiger Blog: Hoffen

Schattenspiele

Ein Tag, schöner wie die andere. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang blauer Himmel. Corona (zumindest gefühlt) weit weg – in Brasilien oder den USA. Der Alltag kehrt zurück. Nur die kalte Bise konnte die Laune noch etwas trüben. Doch wie so oft, wenn man denkt jetzt werde alles gut, wird man eines Besseren belehrt. Es beginnt im Alltag. In Diskussionen mit Freunden und der Familie, beim Blick aus dem Fenster und endet mit den Schlagzeilen und Bildern der Tagesschau. Man könnte natürlich zur Tagesordnung übergehen und die Normalisierung des Alltags einfach geniessen. Das taten wir auch. Erstmals seit unserer Rückkehr besuchten wir ein Gartenrestaurant und genossen Spargel mit einem Glas Weissen. Wir waren auf dem Randen, an der Thur und erkundeten die Hügel um unser Dorf. Eitel Sonnenschein also – so könnte man meinen. Und dann…

…schaut man aus dem Fenster und sieht wie die Fichten im gegenüberliegenden Wald gleich hektarweise verdorren – die letzten beiden Dürresommer lassen grüssen, die Klimakrise ebenfalls. Dann schleicht sich die Dummheit auch noch in den engsten Bekanntenkreis – in Gestalt eines bekennenden „Eidgenossen“ (mit italienischen Pass) und SVP-Wählers – der meint, weil er eine Uniform trage hätte er Sonderrechte und können nun wieder auf Schnäppchenjagd ennet der Grenze. (er wurde übrigens gestoppt!). Von den Horrorbildern im Fernsehen und dem Wahnsinn eines gewissen Herrn Trump bräuchte ich gar nicht zu schreiben. Es macht nur fassungs-, sprach- und hoffnungslos.

Mit den Worte meines betagten Vaters im Ohr: „Hat Amerika den Schnuppen, so hat der Rest der Welt eine Lungenentzündung„, sitzt man ungläubig vor der Flimmerkiste und sieht dem langsamen qualvollen Mord eines Menschen zu. Der Mord an einem unbescholtenen schwarzen Amerikaner, vor laufender Kamera, ist das Eine – was daraus folgt das Andere. Erschütternd sind nicht die Demonstrationen in über 140 amerikanischen Städten oder die Plünderungen und Brandstiftungen. Solche Reaktionen gabe es auch schon früher, in vielen ähnlich gelagerten Fällen. Rassismus und Gewalt gegen Schwarze ist auch nicht erst seit dem 25. Mai 2020 gelebter Alltag in den USA (und selbstverständlich auch anderswo). Erschütterrnd ist das sich seit Jahrzehenten nichts ändert, erschütternd sind aber auch die 1,9 Millionen Covid-Infizierten und 108’000 Toten in diesem so hochentwickelten Land, die 40 Millionen Arbeitslosen, die Autoschlangen vor den Essensausgaben, die abgrundtiefe Kluft zwischen Arm und Reich – und immer trifft es die Nicht-weisse Bevölkerungsgruppen überproportional.

Das wahre Drama, welches auch uns hier im fernen Europa trifft, spielt sich jedoch in der politischen „Elite“ ab. Dass der derzeit amtierende Präsident nicht alle Tassen im Schrank ist, ist vermutllich hinreichend bekannt. Dass er mit komplexen Situationen seine liebe Mühe und ausser Erpressung, Drohungen und Gewalt keine Antworten hat, hat er schon mehrfach bewiesen. Weltmeisterlich ist er nur in einer einzigen Disziplin. Er findet instinktsicher Schuldige. Alle ausser ihm, sind Idioten. (das denkt übrigens der Geisterfahrer auf der Autobahn auch). Bei Corona ist es die WHO und China, bei den Unruhen die ominöse „Antifa“ (ausgedeutscht die sog. Antifaschisten – eine Organisation, die es so gar nicht gibt – meinen tut er damit vermutlich die Demokraten) und für den Niedergang der Amerikanischen Wirtschaft die Chinesen, Huawei und die Linken. All das ist den Amerikanern, wie dem Rest der Welt seit Beginn seiner Amatszeit vor 3 1/2 Jahren sattsam bekannt – soweit, im Westen nichts Neues.

Soweit, so bersorgniserregend. Die Hoffnung konzentriert sich darum einzig noch auf Dienstag den 3. November – dem Tag wo in den USA gewählt wird. Ein anderes Rezept gegen den Despoten ist weit und breit nicht in Sicht. Doch bereits werden ernstzunehmende Stimmen laut, die vor einem „Staatsstreich“ warnen. Also der Möglichkeit, dass Mister Twitter eine sich abzeichnende Niederlage nicht akzeptieren würde. https://www.spiegel.de/netzwelt/web/donald-trump-seine-strategien-fuer-den-staatsstreich-kolumne-a-ab1efdca-874c-4af9-9a02-2241be3467c1?fbclid=IwAR3DLA4rP2pvOFlI3j8h8wvnP0H7O6YnZdzkSBRaegDkmwkN7kp_nZ4Zhfc. Ein Bürgerkrieg wäre so sicher, wie das Amen in der Kirche. Als Profi-Twitterer braucht er einen einzigenTweet und seine bewaffenten Rednecks marschieren los. Dass er dieses Szenario in Erwägung zieht, ist offensichtlich.

Auf die Parteien zu setzen ist ziemlich verwegen. Die Demokraten treten mit einer blassen Figur (Joe Biden) zu den Präsidentschaftswahlen an – Aufbruchstimmung, sieht anders aus – und die Republikaner ducken sich weg. Ein/e jede/r hat Schiss sich mit dem allmächtigen Trumpeltier anzulegen – es wäre ihr/sein politisches Ende. Auf die Gerichte ist ebso wenig Verlass – das Oberste Gericht wurde schon beizeiten mit trumptreuen Speichelleckern besetzt. Bleibt noch die „Strasse“ (also die Zivilgesellschaft) und (vielleicht) das Militär, welches sich weigern könnte, auf das eigene Volk zu schiessen. Immerhin gehen ranghohe Militärs auf Distanz zum Wahnsinnigen im Oval Office. https://www.saechsische.de/trump-bringt-sogar-militaers-gegen-sich-auf-5211084.html. Auf jeden Fall darf man sich gar nicht ausmalen, was es bedeuten würde, wenn das Land in einem Bürgerkrieg versinkt und das Atomwaffenarsenal in die Hände wahnsinniger Milizen fällt. Spätestens dann, sind auch wir ganz direkt betroffen. Bleibt uns also nur die Hoffnung, dass es nie soweit kommt.

26.05.2020: Alles ganz normal

Der Wunsch nach „Normlität“ ist bei den Meisten übermächtig. Verständlich, nach 11 Wochen Lockdown mit zahlreichen Einschränkungen, Regeln und Verboten. Aber was ist normal? Alles so, wie es vor dem 16. März war? Für manche ja. Andere möchten gleich alles anders. Es gibt das Wehgeschrei der Warner und Bedenkenträger, die überall Niedergang und Schuldenwirtschaft wittern. Es gibt jene, die von einer grünen Wirtschaft träumen und jene, die einfach ihr sicheres Leben zurück haben wollen. Normal ist also vieles. Die Chance aus der Krise etwas zu lernen oder gar etwas zu verändern, wird aber momentan gerade verspielt. Alles ganz normal!

Wie Heuschrecken naht die Normalität

Da sitzen wir also, warten auf das Ende des Lockdowns und hoffen auf Normalität. Einzelinteressen – von den Wirten über den Profisport bis zum SAC – dominieren die Diskussion und fordern ihren Anteil am Honigtopf des Staates. Noch lauter sind nur die Bessserwisser, welche auf Normalität pochen, wo es keine (mehr) gibt. Denn was heisst denn „normal„? Alles wie „vorher“ oder doch lieber noch ein bisschen mehr davon? Also noch tiefere Steuern, noch weniger Sozialleistungen, Löhne kürzen, kippen aller Vorlagen und Vorstösse, die „Geld kosten“ (CO2-Gesetz, Vaterschaftsurlaub, etc.)? Das Wunschkonzert jener, welche am meisten von den Covid-Notkrediten und den Geldtöpfen des Staates profitieren, gleicht einer unendlichen Selbst-Bereicherung. Da sind die notkreditfinanzierten Ferraris nur die hässliche Spitze eines übermächtigen Eisbergs. Keine Panik also, die Normalität ist also schon da. Wir sind die Glücklichen, wir können es uns leisten – current normal also.

Seit meiner Rückkehr in die Schweiz, vor fünf Wochen, beschäftige ich mich mit der alles dominierenden Pandemie. Anderes hat im Alltag und den Gesprächen kaum mehr Platz. Es scheint fast so, als gäbe es keine anderen Themen mehr. Bei näherem Hinsehen wird aber rasch klar, dass wir eigentlich von „alten“ Themen sprechen, die durch diese Krise nur verstärkt – und leider auch verschleiert – werden. Nehmen wir zum Beispiel die USA mit 1,7 Millionen Infizieren und 100’000 Toten (ein Ende ist nicht abzusehen). Trotz Billlionen an staatlichen Nothilfen stehen die Leute vor Gassenküchen an, 40 Millionen haben innert Wochen ihren Job verloren und statt dass das Geld die Bedürftigen erreicht, werden die Konzerne gefüttert (Quelle: Interview mit Josph Stiglitz, ZEIT, vom 26.5.2020; https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-05/joseph-stiglitz-corona-donald-trump-usa). Es manifestiert sich also das Dauerthema „Ungleichheit“ – also die Kluft zwischen Arm und Reich und den Rassen – in seiner ganzen Wucht. Dann nehmen wir noch die Heuschreckenplage in Ostafrika. Dort fressen aktuell Heuschreckenschwärme in der Grösse des Bodensees die Felder leer. Aus heiterem Himmel? Nein – es ist die Folge der sich verschärfenden Klimakrise (Nein – diese ist nicht in Quarantäne!). Die veränderten Meereströmungen haben das Wetter verändert und begünstigen das Entstehen solcher Plagen. Dazu kommen Kriege in Jemen, Warlords in Somaliland und blockierte Hilfe wegen Corona. Der perfekte Sturm um 25 Millionen Menschen in den Hunger zu treiben. (Quelle: TA, 26.5.2020). Masernepidemie im Kongo – nie gehört? – wird begünstigt durch die Pandemie, da nicht mehr geimpft wird, Helfer fehlen oder wegen den Ausgangssperren nicht mehr helfen können (Quelle: medcine sans frontiere, 25.5.2020: https://www.msf.ch/de/neueste-beitraege/artikel/dr-kongo-bekaempfung-von-masern-zeiten-von-covid-19). Aber wir brauchen nicht einmal so weit zu gehen. Deutschland und Frankreich denkt wieder einmal über Kaufprämie für Autos nach, um ihre darniederliegende Autoindustrie zu „retten“, es werden Milliarden für die gegroundeten Fluggesellschaften gesprochen und darüber nachgedacht, wem man alles Steuergeschenke machen kann (keine Angst weder dir noch mir). Ach ja – während ich hier schreibe wurde Jeff Bezos von Amazon wahrscheinlich um ca. 10 Millionen reicher….

Wer geglaubt hat diese Krise wäre ein Denkzettel und würde uns zum Innehalten oder gar Umdenken zwingen, irrt. Ich fürchte es gehen genau jene als Gewinner aus der Krise hervor, die schon vorher von diesem System profitiert haben – jetzt einfach noch schneller und unverschämter. Die Armut auf der Welt wird rasant zunehmen – Hunger und Kriege ebenso. Die Schere zwischen Unten und Oben wird sich weiter öffnen (die Presse fabuliert ja schon darüber, ob Jeff Bezos der erste Billionär sein werde – sie prognostizieren 2026: https://www.amazon-watchblog.de/jeff-bezos/2161-jeff-bezos-erste-billionaer-der-welt.html). Die Probleme haben wir mit verödeten Innenstädten und ausbleibenden Steuereinnahmen. Auch das – einfach noch etwas schneller, als befürchtet.

Bin ich zu pessimistisch? Vielleicht. Es bringt aber auch nichts, die Augen vor der Realität zu verschliessen. Egal ob es um eine Pandemie, das Klima, die Ungleichheit oder die Folgen des ungebremsten Wachstums geht – früher oder später holen uns diese Probleme ein. Ob wir wegsehen, es ignorieren oder nicht wahr haben wollen, ist egal. Ab einem bestimmten Punkt sind wir gezwungen, uns damit zu beschäftigen. Es sind nicht nur die „Schwarzen Schwäne“ (Katastrophen, Unfälle etc.), die uns zusetzen – es sind oft die alltäglichen DInge, vor unseren Augen, die zu Krisen führen. Diese sollten wir im Auge behalten! Die Corona-Pandemie wäre so eine Möglichkeit. Sie hat die unangenehme Eigenschaft, vorhandene Probleme zu verstärken. Genau wie oben beschrieben. Lösen können wir diese aber nur durch Hinsehen. Der Wunsch nach Normailtät ist verständlich. Dieser führt aber oft in eine neue Katastrophe. Es wäre an der Zeit, sich den Problemen anzunehmen.

19.05.2020: Jämmerlich

Wer dieser Tage das Weltgeschehen verfolgt könnte leicht den Glauben an die Zukunft verlieren. Als Erfolgsrezept steht „Jammern“ unangefochten an der Spitze, gegen Krise und drohende Rezession. Sei es auf der Strasse, in den Sozialen Medien oder der grossen Politik – gehört werden jene, die am lautesten schreien und/oder apokalytische Horrorszenarien an die Wand malen. Da ist es wohltuend mitten in der Kakophonie positive Beispiele zu finden. Beispiele von Menschen die Handeln. Mehr dazu in meinem Wochenblog „Jämmerlich“

Ein jämmerliches Bild

In Basel feieren sie schon Party, in Bern geben sich die Erweckten und Hobby-Virologen mit den Braunsocken ein Stelldichein, die Coiffeure schneiden seit zwei Wochen wieder Haare, Musiker und Schauspieler nagen am Hungertuch, der Tourismus erlebt sein Armageddon, während die Menschen in Manaus wie die Fliegen sterben, in Indien Hundertausende hungern und Verzweifelte in Santiago de Chile den Aufstand proben. Wir schreiben das Jahr 2020 und POTUS Trump schluckt prophylaktisch ein Malaria-Medikament gegen ein Virus, das es gemäss Bolsonaro gar nicht gibt.

Während also die privilegierte Minderheit jammert und sich verraten und beschissen fühlt, kämpft die Mehrheit ums Überleben und verantwortungslose Politiker veranstalten ein tötliches Trauerspiel vor unserer aller Augen. Einmal sind die Chinesen schuld, dann die WHO und das Geschachere um einen inexistenten Impfstoff schreit zum Himmel. Hiess es einmal „Vertrauen ist unser grösstes Kapital„, so wird dieses gerade schlagzeilenträchtig auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ersetzt wird dieses durch Drohungen, Erpressung, Lügen und die Macht des Stärkeren. Wohin das führt, lehrt uns die Geschichte.

Es ist erschreckend zu realisieren, dass zwei Monate Pandemie – bzw. gedrosselter Wirtschaft – genügen, um unser System ins Wanken zu bringen. Zwei Monate eingeschränkter Konsum, zwei Monate gebremste Mobilität, zwei Monate gesperrte Grenzen und wir stehen vor einer Pleitewelle und einer nie gekannten Rezession. Wo bleiben eigentlich die Reserven? Wo nur noch Gewinne für anonyme Aktionäre, Hedgefonds, Investoren und Pensionskassen zählen, ist das eine rethorische Frage. Sie wurden offensichtlich im Börsencasino verspielt oder in Betonburgen gegossen. Von unternehmerischer Verantwortung, Innovationsgeist und „Chance in der Krise“ ist derzeit wenig zu spüren. Lieber jammert man die Medienkanäle voll und pumpt den Staat um Kredite an. Auch die Wirtschaftselite: ein einziges Trauerspiel.

Das Schlimmste: Wir wüssten (eigentlich) alle was zu tun ist. In seinem Buch „Alles könnte anders sein“ bringt es Harals Welzer auf den Punkt. Machen statt Jammern. Jammern ist die Rechtfertigung für das Nichts-Tun. Egal ob jetzt in (bzw. nach) der Coronakrise, im Klimaschutz oder dem Umbau der wachstumsbesoffenen Wirtschaft. Thomas Piketty bringt uns das Dilemma in seinem neusten Buch „Kapital und Ideologie“ auf den Punkt. Wir stehen uns selbst im Weg. Wahrlich ein Jammertal.

Um nicht auch noch in Trübsal zu verfallen, habe ich mich auf die Suche nach positiven Beispielen gemacht. Frei nach Jeremias Gotthelfs Motto: „Im Hause muss beginnen, was leuchtesoll im Vaterland“ wurde ich auch schnell fündig. Es sind nicht die grossen Welterrettungsprogramme, die uns vorwärts bringen, es sind die kleine Dinge, die wir (auch tatsächlich) tun.

Da gibt es einen Surfer und Snowborder namens David Hablützel aus Zumikon. Beim Surfen auf dem Atlanik war nicht nur Wasser unter seinem Surfbrett, sondern immer mehr Platikmüll. Darüber kann (und soll) man sich aufregen. Er aber handelt(e). Kurzerhand gründete er zusammen mit zwei Kollegen eine Firma, die aus diesem Abfall Socken fertigen soll. Zwei Jahre haben sie getüftelt – nun soll es losgehen. Socken aus Plastik. Gesammelt von spanischen Fischern, gesponnen und verarbeitet in Europa (Portugal). Da ist alles drin, was zu einem innovativen, nachhaltigen Projekt gehört. Wer die Firma unterstützen will, hier der Link: www.oceanplastic.fnd.to/tealproject

Oder ein anderes Beispiel – in Brüssel, aber auch anderen Städet (Paris, Barcelona, Rom etc.) wird gerade der innerstädtische Verkehr umgebaut. Aus Angst vor einer Ansteckung meiden viele Bewohner den öffentlichen Verkehr und steigen aufs Velo um. Diese „Chance“ nutzt jetzt z.B Brüssel und macht ihre Stadt verlofreundlich. SRF berichtete darüber:

Brüssel – Immer «Grün» für Radfahrer und Fussgänger: Neue Verkehrsschilder, neue Farben am Boden und neue Regeln im Strassenverkehr. In der belgischen Hauptstadt Brüssel haben in der Innenstadt Fussgänger und Velofahrer neu Vortritt vor den Autos. Seit dem 11. Mai sind die Ampeln in der Innenstadt ausgeschaltet, Vorfahrt haben nur noch die Trams. Nicht ganz ohne Gegenwind haben der Brüsseler Bürgermeister Philippe Close und sein Kabinett die Corona-Krise für diese zurzeit noch temporäre Verkehrswende genutzt. Was sich aber auch mit diesen neuen Regeln in der Stadt nicht geändert hat: Für die wackligen Kopfsteinpflaster braucht man nach wie vor eine gute Federung, wenn man die Velofahrt unbeschadet überstehen will.

Wo machen eigentlich die Schweizer Städte?

12.05.2020: Ominipräsenz

Wieder ist mein Versuch, das Virus zu verdrängen gescheitert. Zu omnipräsent ist diese Seuche, bzw die Reaktionen darauf. Trotzdem versuche ich diese Woche den Blick etwas in eine andere Richtung zu richten. Das omnipräsente Gejammere und die Nabelschau der #Covidioten gehen mir ziemlich auf den Geist. Es gibt wahrhaft ernstere Themen und Herausforderungen, als das Verbot von Open Aires, Abstandsregeln oder geschlossene Läden. Schluss mit der Omnipräsenz dieser jämmerlichen Egoisten.

2020 – ein Virus

Woche für Woche nehme ich mir vor, mich von diesem omnipräsenten Virus zu verabschieden und über andere, ebenso wichtige Vorkommnisse und Denkwürdigkeiten zu schreiben. Und wie letzte Woche, scheitere ich damit auch diese Woche grandios. Das Virus lässt nicht locker.

Nicht weil dieser plötzlich noch ansteckender oder gefährlicher wäre als bisher gedacht, umso mehr aber geben mir die Reaktionen darauf Grund zur Sorge. Dominierte am Anfang noch die Angst vor einer möglichen Ansteckung oder Fragen zum Lockdown und dem eigenen Verhalten, so beherrschen seit ein paar Wochen Irrsinn, bis hin zu pathologischem Wahnsinn die Szene. In Presse, Feuilletons, Youtube und der Strasse manifestiert sich ein Gebräu, dass noch vor ein paar Wochen unvorstellbar war. Vom Impfgegner bis zum gröhlenden Wutbürger mit Hakenkreuz rotten sich Menschen zusammen, die ihrem Frust über die Einschränkungen freien Lauf lassen. Auch wenn es nur eine Minderheit ist, – so ist diese laut und findet Eingang in die Berichterstattung – und somit in unsere Wohnstuben. Das Virus schleicht sich langsam in unsere Köpfe.

Es liegt mir fern ins allgemeine Gejammere über diese Krise und ihe Folgen einzustimmen. Dafür haben wir die $VP und den Gewerbeverband. Ebenso wenig über das Gejohle dieser selbsternannten Epidemie-Experten und Hobby-Virologen. Irrationales Verhalten gehört wohl zu einer solchen Krise und lässt sich nicht ganz vermeiden. Bedenklich ist vielmehr, dass wir ob diesem Geschrei und Gejammer vergessen, was uns wirklich Sorgen machen sollte. Seien wir mal ehrlich – hier in der Schweiz muss sich niemand wirklich ernsthafte existentielle Sorgen machen. (mag jetzt arrogant klingen, ist aber so). Vielleicht ist der eine oder andere Zukunftsplan Makulatur – das ist gemein, aber kein Weltuntergang, man macht einfach etwas anderes. Vielleicht verlier ich meinen Job – ebenfalls hart und ungerecht, aber ich bin über Kurzabrbeitsentschädigung und RAV abgesichert. Vielleicht gerät mein Geschäft in finanzielle Schieflage – das ist unschön, aber ich bekomme Notkredite und falls ich pleite gehe, suche ich mir einen Job. Ich muss Ferien umbuchen, kann nicht nach Thailand, die Hochzeit fällt ins Wasser und Open Airs gibt es auch keine diesen Sommer – blöd, aber es lässt sich alles nacholen. Was „wir“ treiben ist also eine Nabelschau – auf allerhöchstem Niveau.

Was ist mit den Millionen indischer Wanderarbeiter, die hungern, weil sie ihre Arbeit wegen des Lockdowns, verloren? Was mit den südafrikanischen Slumbewohnern, die lieber an Covid sterben, als an Hunger? Den Bewohnern der brasilianischen Favelas, die täglich um ihr Überleben kämpfen müssen, den Flüchtlingen in Moria (Griechenland) und und? Im Gegensatz zu diesen Menschen können wir uns diese Krise leisten – sie sterben daran. Diese Menschen hätten tatsächlich Grund gegen die Massnahmen ihrer Regierungen zu protestieren. Wir Mitteleuropäer beweisen damit einzig unsere Lächerlichkeit und unseren grenzenlosen Egoismus.

Noch mehr Sorgen sollten wir uns allerding über all das machen, was aus den Schlagzeilen verschwunden oder nach hinten gerutscht ist. Covid ist eine Krankheit gegen die wir irgendwann immun sind, ein Medikament oder einen Impfstoff haben werden. Also ein temporäres Problem (wenn wir auch noch nicht genau wissen wie lange und was es uns am Ende kostet). Die wirtschaftlichen Schäden sind enorm, zumindest für uns in Europa aber zahlbar (durch wen, muss noch ausgefochten werden). Wer in den Nachrichten aber nicht nur die fetten Schlagzeilen verfolgt, wird schnell fündig, über unsere wirklichen Probleme und Herausforderungen. Drohender Wassermangel in den Alpen (ETH Hydrologe), Riesige Waldbrände in Sibirien und im Amazonas (ja, schon wieder!), Wärmster Winter seit Messbeginn, CO2-Gehalt nahe 420 ppm, Grundwasser in 12 Kantonen mit Pestiziedrückständen belastet.– Krebsgefahr vermutet…usw. Stattdessen suhlen wir in „unserem Elend“, suche imaginäre Schuldige und schwafeln von Dingen, von denen wir keine Ahnung haben (Diktatur). Um es mit den Worten Loriots zusagen: In der Krise suchen die Intelligenten nach Lösungen, die Idioten nach Schuldigen. Covid-19 trennt die Spreu vom Weizen.

Seit erst drei Wochen haben wir festen Boden unter den Füssen aber es scheint als wanke dieser mehr als die Magnifica im Sturm der Tasmanischen See. Gegen diesen gab es Reisetabletten. Gegen die Omnipräsenz der egoistischen Wutbürger ist sowenig ein Kraut, wie gegen Covid-19 gewachsen.

06.05.2020: Grenzerfahrungen

Wie könnte es anders sein – einmal mehr die Corona-Pandemie. Ja – das politische Theater, welches zur Zeit darum veranstaltet wird auch. Es geht aber um unseren Alltag und unser Zusammenleben im Corona-Zeitalter. Grenzerfahrungen aus denen wir lernen (.sollten)

An der Grenze zu Deutschland, Mai 2020

Wie wahrscheinlich alle, habe auch ich die Nase voll von Corona und deshalb wollte ich diese Woche einmal über etwas anderes schreiben. Themen hier und auf der Welt gäbe es wohl genug. Klimakrise, Arm und Reich, Gift im Wasser, Bienensterben oder das Verhältnis der Schweiz zu Europa lassen sich vom Corona-Virus kaum beeindrucken. Und nur weil etwas nicht als Schlagzeile in der Presse steht, heisst es nicht, dass es nicht existiert. Im Gegenteil – im „Verborgenen“ entwickeln sich oft die Probleme, die uns morgen beschäftigen.

Leider nimmt das Virus keine Rücksicht auf unsere Befindlichkeiten und Absichten und belastet auch unseren Alltag. Dabei stressen uns weniger die empfohlenen Massnahmen oder die geschlossenen Beizen – deren Sinn wir ja einsehen – Sorgen machen uns die politischen Begleiterscheinungen, sowie der Umgang mit den unterschiedlichen Ansprüchen und Verhaltensweisen.

Über die zahlreichen kruden Verschwörungstheorien, die in den Sozialen Medien und auf der Strasse herumgereicht werden, brauche ich mich nicht mehr auszulassen. Diese werden (zum Glück) auch von der „seriösen“ Presse thematisiert und zur Diskussion gestellt. Heikel wird es jedoch dann, wenn sich aus einer abstrusen Behauptung und FakeNews Handlungsmaximen entwickeln und z.B auf Abstandsregeln gepfiffen und Versammlungsverbote ignoriert werden.

Doch nicht genug, dass es welche gibt, die sich um solche Regeln futtieren, sie werden auch noch durch politische Parteien gestärkt, die das Virus wie einen lästigen politischen Gegner behandelt und meinen man könne diesen mit Mehrheiten im Parlament, abstrusen Forderungen oder dem Druck der Strasse besiegen. Was in der Klimakrise zu funktionieren scheint – Experten negieren, beschimpfen und Feindbilder (Greta, Grüne und Linke) basteln – soll es auch in der Pandemie richten. Ein gefährlicher, wenn nicht gar tötlicher Trugschluss. Der Unterschied: Die Klimakrise lässt sich „verdrängen“, da sie sich schleichend entwickelt – ein Virus entwickelt sein Potenzial deutlich schneller. Das die Sorgen der Wirtschaft ernst zu nehmen sind, ist unbestritten. Diese über das Leben von Tausenden zu stellen, halte ich für inakzeptabel.

Stress

Letzten Sonntag haben wir unseren Enkeln (im Teeniealter) zeigen wollen, was geschlossene Grenzen konkret bedeuten. Hier an der Grenze zu Deutschland materialisiert sich der ganze Spuk besonders deutlich und begleitet uns tagtäglich. Nicht nur, dass die Armee ständig über unser Dorf fliegt und Ausschau nach „illegalen“ Grenzübertritten hält – auch die unterbrochenen Buslinien, die geschlossenen Tankstellen und die Betonblöcke mitten in den Strassen zeugen von der Ausnahmesituation. Wer von geschlossenen Grenzen träumt, wie zum Beispiel die $VP, soll doch bitte mal einen Blick auf die Grenze werfen – es ist ein trauriges Bild. Schon fast rührend war es dann am Sonntag, als sich Verwandte, Bekannte und Freunde an den Betonblöcken und Absperrgittern besuchten um einen Schwatz zu halten oder um sich einfach wieder einmal zu sehen. Es war nicht nur für unsere Enkel beklemmend und beeindruckend zugleich.

Wirklichen Stress aber machen uns all die unterschiedlichen Meinungen, Ansprüche und Haltungen, mit denen wir konfrontiert werden. Die Verhaltenspalette reicht von locker-legere, über vorsichtig-zurückhaltend bis penibel-übertrieben. Welche Haltung ist nun die Richtige? Stösst man Freunde und Familie vor den Kopf, wenn man ein anderes Verhalten einfordert? Wo liegt die Toleranzschwelle. Welche Haltung nehme ich (wir) ein und wie kommunizieren wir das? Wir geben es zu, wir haben den goldenen Mittelweg noch nicht gefunden und ringen jeden Tag mit neuen Ansprüchen und Verhaltensweisen. Wir wissen instinktiv, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist – wie aber auf jemanden reagieren, der sich genau davon leiten lässt? Genau so gefährlich das Gegenteil – wie reagiere ich auf Menschen die mir zu nahe kommen und auf Abstandregeln pfeiffen? Ängste ernst nehmen und respektieren – ja, den Lockdown-Überdruss – auch. Sich dazwischen zurecht zu finden, ohne sich selbst zu verleugnen, Freunde zu bruskieren oder gar Freundschaften zu riskieren, ist der eigentliche Stress. Manchmal wünschten wir, wir können zurück auf unser Schiff und weit draussen im Ozean die Krise aussitzen. Traümen ist zum Glück noch erlaubt.