23.04.2021: Sonderfail

Ob Siegfried der Drachentöter oder Achill im trojanischen Krieg, beide waren sie unverwundbar und starben doch. Und so wie das Römische Reich und das Empire zerfielen, wird es auch allen anderen Unbezwingbaren ergehen. Das lehrt uns die Geschichte. Ausser uns natürlich. Denn die Schweiz ist ein Sonderfall. Seit Morgarten haben wir jeden Fremdling in die Flucht geschlagen (den peinlichen „Unfall“ mit Napoleon lassen wir mal beiseite) – mal mit Hellebarden, mal mit Bunkern und Tresoren, heute mit „Steuergesetzen“ und „guten Diensten aller Art“. Unser Abschreckungsdispositiv ist effektiv und macht uns unangreifbar – meinen wir. Wenn also jemand auserwählt ist, dann wir. Und dann kam eine chinesische Fledermaus.

Im ersten Schreck darüber, hiess es vernünftigerweise noch: „Bleiben sie zu Hause“. Für einen kurzen lichten Moment schien es, als stünde das Leben über dem Profit und Wissenschaft vor Mauschelei. Doch schon bald klaffte in Uelis Kässeli ein gar schröcklich Loch und die ausbleibenden Profite gefährdeten Dividenden wie Boni. Ein unhaltbarer Zustand. Und so besann man sich des alten guteidgenössischen Sonderfalls. Was also kümmern uns Wissenschaft und Expertise? Wir stehen doch über so profanen Dingen, wie Lockdown und geschlossenen Gaststätten. Erst noch verhalten, zwischenzeitlich aber offen obszön, werden Erkenntnisse in den Wind geschlagen. So kam die zweite Welle und so nimmt die dritte gerade Anlauf. 10’000 Tote und ungezählte Long-Covid-Opfer subsumieren sich zur Quantité négligeable. Allen voran fordern die Statthalter der Wüsten und Reichen, mit im Schlepptau, die der ganz schön Reichen, das Ende aller Einschränkungen, welche die Profitmaximierung stören könnten. Die Drecksarbeit auf der Strasse erledigt währenddessen ein unappetitlicher Haufen Ver(w)irrter – angeführt von edelweissbehemdeten Treichlern, aufgehetzt von faschistoiden Hipstern, verstärkt durch Jünger Christi, anthroposophische Impfgegner und betagter Anhänger jenseitiger Heilslehren. Resultat: Wir sind schlauer als sämtliche Virologen und Epidemiologen, schlauer als alle unsere Nachbarn und scheren uns einen Teufel um Mutationen und überfüllte Intensivpflegebetten. Wir sind die Ausnahme der Ausnahmen. Wir können Corona – Hauptsache der Rubel (sorry der Franken natürlich) rollt. Offen und zynisch wird das Leben und die Gesundheit ganzer Generationen in die Waagschale geworfen. Notabene, kaum drei Monate vor dem selbst deklarierten Ziel einer Herdenimmunität dank Impfens. Dafür schreddert man die eigenen Richtwerte und foutiert sich einen Deut um das was gerade passiert. Sei es in den Schulen, den Spitälern und schon gar nicht im Rest der Welt. Denn wir können es besser. Wir sind ein Sonderfall!

Wirklich? Was können wir denn besser? Schneller impfen vielleicht? Bessere Impfstoffe entwickeln? Haben wir wirkungsvollere Teststrategien? Ein lückenloses Tracing? Haben wir mehr Intensivstationen, bessere Ärzte und Pflegepersonal? Setzen wir verordnete Massnahmen besser um und durch? Die Antwort ist schnell gegeben. Nichts von alledem!Bestenfalls sind wir Mittelmass, schlimmstenfalls sind wir gescheitert. Wie begründet sich unser Sonderweg, über den das gesamte Ausland (ausser Bolsonaro vielleicht) den Kopf schüttelt, dann? Wissen unsere Politiker vielleicht mehr als die Wissenschaft? Mehr als alle übrigen Regierungen dieser Welt und mehr als wir alle? Wenn ja, dann sollten sie es uns sagen. Bisher scheint es aber eher als beugten sich unsere Verantwortungsträger dem Druck des Geldes und dem populistischen Geschrei der Sozialdarwinisten von $VP, Gastrosuisse und Arbeitgebern. Saubannerzüge werden wohlwollend geduldet und Krawalle herbeigeschrieben. Die Kapitulationsurkunde des Bundesrates hängt schon eingerahmt im Sekretariat der $VP-Parteizentrale – Kopien davon bei economiesuisse, Gastrosuisse und FDP. Vor lauter Kopfschütteln droht mir schon ein Schleudertrauma. Zurück bleiben Fragen. Wieso verschärft Deutschland (welches in etwa in der gleichen Lage ist, wie wir) seine Massnahmen im gleichen Augenblick, wo wir öffnen? Sind die Deutschen vielleicht krankheitsanfälliger, gar Mimosen? Impfen sie (noch) langsamer? Die vorliegenden Zahlen sagen etwas anderes. Das gleiche in Frankreich. Wieso meint Macron, Ausgangssperren würden etwas bringen, während wir es mit offenen Terrassen versuchen? Das gleiche Bild in einigen Bundesländern Österreichs und Italiens. Sind die alle blöd?

Oder sind wir vielleicht die Dummen? Die Vermutung liegt nahe, dass wir es am Ende sind. Ohne irgendwelche Horrorszenarien bemühen zu wollen – das erledigen die wissenschaftlich fundierten Prognosen der Epidemiologen von alleine – ist jetzt schon klar wer die Rechnung für diese Politik bezahlt. Wir alle! Vor allem aber alle unter 65, die man seit Wochen hängen lässt. Fehlt nur noch eine Lotterie für Impftermine. Denn sie zahlen es mit ihrer Gesundheit, dem Leben und Existenznöten. Über den zu erwartenden Reputationsschaden im Ausland, sei hier vornehm geschwiegen. Ein Tourist wird sich künftig zwei mal überlegen, wo er seinen Urlaub verbringt. So wie wir uns zieren mit der EU in einer vernünftigen Beziehung zu leben (Rahmenabkommen), so meinen wir auch bei Corona Rosinen picken zu können. Will heissen, wir tun das Minimum und erwarten das Maximum – die DNA unserer Politik seit Menschengedenken. Blöderweise ist das Virus aber kein Politiker, mit dem man dealen kann, sondern ein fieser Mistkäfer, der nur nach dem Gesetz des Überlebens funktioniert. Schlussfolgerung: Wir sind die Laborratten der Politik, die eine Wette auf unsere Zukunft abgeschlossen hat. Für einmal hoffe ich, sie gewinnen sie und ich habe unrecht. In solchen Zeiten sind solche Hoffnungen, wie Glühwürmchen in einer mondlosen Nacht.

Angeblich soll bei Angst in der Nacht, lautes Singen helfen. So betrachtet sind die Lockerungen für Chöre weitsichtig. Vielleicht hilft uns ja lautes Singen über die nächsten Monate hinweg. Besser allerdings wäre Turbo-Impfen, vorsichtig bleiben, Menschenansammlungen meiden, geschlossene Räume sowieso und draussen viel frische Luft tanken. Eigenverantwortlich, wie es so schön heisst. Support von Wirtschaft und Politik können wir dabei nicht erwarten. Es bleibt nur der Selbstschutz und die baldige Abwahl jener, die uns das einbrocken. Wer sich aber zufälligerweise oder weil er muss, an einen Hotspot oder in die Stadt verirrt, kann nur noch beten, singen oder flüchten. Als wollten wir der Welt beweisen, wie sonderlich wir sind, tun wir alles für unseren Sonderfail.

16.04.2021: Erstweltprobleme

Wer kennt es nicht? Man ist auf dem Bahnsteig und der Zug kommt und kommt nicht. Der Zeiger der Bahnhofsuhr quält sich im Rund. Die Anzeige vermeldet Verspätung. Die kalte Bise kriecht unter die viel zu dünne Jacke. Verdammt, wann endlich kommt mein Zug? Genau so fühlt sich das Pandemiedesaster an. Es will und will nicht. Und statt ein Ende, sind höhere Fallzahlen in Sicht. Kurz gesagt: Es ermüdet und zerrt an den Nerven. Zumindest an den meinen oder denen von uns Verwöhnten, die sich gewöhnt sind, dass alles wunschgemäss und wie am Schnürchen klappt. Also schmollen die einen, harren die andern und nölen die dritten. Alle wurden in diesem Blog schon durch den Kakao gezogen. Heute bin ich an der Reihe, oder meinetwegen Meinesgleichen.

Was habe ich Wohlstands-Rentner in dieser Pandemie eigentlich zu klagen? Meine Rente kommt pünktlich und reicht zum Leben, ich bin gesund und wohne sicher im eigenen Häuschen, draussen in der grünen Pampa. Und trotzdem müffel ich seit Tagen vor mich hin, bin lust- und antriebslos. Irgendwas fehlt. Etwas nagt. Aber was? Abwechslung? Inputs? Aufgaben? Sind es die geschlossenen Restaurants? Das geschlossene Hallenbad oder ist es einfach das tägliche Einerlei, welches zermürbt? Fehlt das Unbeschwerte? Das Easy Life? Das heute hier und morgen in Spanien? Im Ernst, ist es das? Gehöre ich auch schon zu den notorischen Nölern?

So oder so, allein der Gedanke ist ein erschreckender Befund. Schwingt auch hier der Bauch das Zepter und hinkt der Verstand hinterher? Urteil: Bedenklich! Wieso gelingt es nicht einmal einem Verstandesmenschen (Selbstdeklaration) wie mir, mit kühlem Kopf und ohne emotionale Blessuren, durch diese Krise zu kommen? Sind es wirklich die oben genannten Einschränkungen und Entbehrungen, welche mein Nervenkostüm strapazieren? Oder ist es doch etwas anderes? Aber was? Liegt es daran, dass wir verwöhnt sind? Dass wir meinen alles tun und lassen zu können? Wir Einschränkungen als Zumutung empfinden? Ist unser Narzissmus gekränkt, weil uns ein unsichtbares kleines Ding den Meister zeigt oder weil unser notorisches Jammern auf taube Ohren stösst? Wie oder was auch immer, wirkliche Probleme sind es nicht – wir reden von Befindlichkeiten. Wirkliche Probleme haben die täglich 4000 Toten in Brasilien, die 200‘000 Infizierten in Indien und die Millionen Brot- und Arbeitslosen rund um den Globus. Wir dagegen haben Erstweltprobleme. Peanuts also.

Probleme, für die andere, aus verständlichen Gründen, wenig Verständnis haben. Ja, selbst ich verstehe es nicht (ganz). Aber als „Kind“ dieser Gesellschaft ist ein Entrinnen leichter gesagt, als getan. Der Peinlichkeit geschuldet, versuche ich es trotzdem. Denn, wenn das diffuse Bauchgefühl auch den „luxuriösen“ Lebensumständen geschuldet ist, so ist der Verstand noch intakt. Und dieser kommt zu einem gänzlich anderen Befund. Einem der auf zwei Erkenntnissen ruht. Müde macht nicht das Virus, müde macht das stümperhafte Krisenmanagement und nervig sind nicht die verordneten Massnahmen, sondern deren lausige Umsetzung. Und beide Befunde werden uns noch lange über Corona hinaus beschäftigen. Die miserable Vorstellung der involvierten Behörden grenzt dabei schon an Dienstverweigerung. Eine Armeeapotheke die 700‘000 Tests vermodern lässt, nicht oder zu spät bestellte Impfstoffe, das politische Schmierentheater gegen den Bundesrat, Massnahmen und Wissenschaft und die leeren Impfversprechen seit Monaten, sind ein blanker Hohn. Das ermüdet und untergräbt das Vertrauen in Politik und Staat. Die Duldung von immer aggressiven Massnahmengegnern, das Vertrauen in Polizei und Justiz. Und während ich das hier schreibe, verlängert der Bundesrat die Pandemie gerade um Monate mit einer waghalsigen Öffnungsstrategie. Die wahren Herren in diesem Land sind offensichtlich weder Vouch noch Stimmbürger:in, sondern $VP und Wirtschaftslobby. Frei nach dem Gesetz der ungeschönten Marktwirtschaft werden die Risiken ausgelagert (ans Vouch) und der Gewinn privatisiert. Wenn es dann um die Verantwortung geht, wird es niemand gewesen sein. So weit, so bekannt. Mein angeknackstes Nervenkostüm und meine Lustlosigkeit gewinnen dafür Konturen. Irgendwie beruhigend. Denn es ist weder mein wohlstandsverwöhntes Bauchgefühl, noch die Pandemiemassnahmen, die mich ärgern. Ich ärgere mich nur grün und blau über unsere Politik und Politiker, welche ihr Fähnchen in den Wind halten. Einmal mehr bleibt das laue Lüftchen der gebotenen Vernunft ungehört. Auch das ist nicht neu und allein bin ich damit auch nicht. Der Frust über das Risiko, dem uns der Bundesrat damit aussetzt, macht sich in den Sozialen Medien gerade Luft. Dafür sind Twitter und Co. gemacht. Eine Lärmkulisse für Frustrierte. Fakten schaffen andere. Am Samstag werde ich geimpft – immerhin.

02.04.2021: Der Bauchnabel

Es ist ein Affront. Nein – eine bodenlose Frechheit. Ein Komplott gar. Da zieht wer an einem Freitagnachmittag in eine neue Wohnung, schliesse den Fernseher an und nichts! Schwarz! Die Dose tot. Also Anruf bei UPC. Und nun folgt der Hammer! Die schicken ihren Techniker erst am Montag. Am Moooontag! Und „ich“ guck am Wochenende in die Röhre. Was ist das für ein Saftladen? Und dann meine Ferien. Gestrichen! Die wollen dass ich nach meinem Strandurlaub zwei Wochen in Quarantäne gehe. Die können mich mal! Und impfen soll ich mich auch noch. Ich lass mich doch nicht chipen! Ich wandere aus.

Das erste Beispiel (Fernseher) ist authentisch, alle anderen den Medien entnommen. Alle bringen sie aber eine Haltung zum Ausdruck, die zwar nicht neu ist, sich aber in dieser Pandemie, wie ein aggressives Virus verbreitet. Die Bauchnabelitis. Jener Charakterzug, genährt aus Egoismus und Anspruchshaltung, der unsere Zeit prägt. Dazu gesellt sich eine Ignoranz für die simpelsten Zusammenhänge, eine jämmerliche Opferhaltung und eine Arroganz des Nicht- oder Halbwissens. Und über all dem prangt das Lebensmotto: „Das steht mir zu!

Gründe und Erklärungsversuche für diesen „Zeitgeist“ gibt es viele. Sie reichen von der neoliberalen Elbogengesellschaft (jede:r gegen jede:n), dem Populismus, bis zu den Algorithmen der Sozialen Medien. Vermutlich ist es von allem etwas. In jedem Fall ist er aber toxisch. Toxisch, weil Egoist:innen meinen, auf andere keine Rücksicht nehmen zu müssen. Toxisch, weil Ignorant:innen (ihre) Meinung über Fakten stellen und weil das Gejammer der (angeblich) Zukurzgekommenen ein Affront gegenüber allen wirklichen Opfern ist. Stilikone dieser Jammergestalten ist der Judenstern, als Symbol für die angebliche Coronadiktatur, der ohne Scham, am Revers, durch die Strassen getragen wird. Eine grössere Verhöhnung der Opfer des Holocaust ist kaum denkbar. Wer aber sein Bauchgefühl zum Nabel der Welt erkürt, für den/die gibt es kein grösseres Opfer, als sich selbst. Da mutieren schon mal zwei fernsehfreie Tage zur Zumutung und sind Anlass für Wut, Protest und tief empfundene Kränkung.

Das Phänomen hat viele Namen. Wohlstandsverwahrlosung, fehlende Frustrationstoleranz bis hin zum Schneeflöckchen (für Jammeris und Weicheier). Doch wie man es auch nennen mag, es ist Ausdruck eines Gefühls des „zu kurz gekommen seins“, des „beschissen worden seins“ und des „das steht mir doch zu“. Und Gefühle täuschen sich angeblich nie – ich spüre sie ja in meinem Bauch. Die Wut, die alles verkrampft und die Ohnmacht, die mir den Appetit verdirbt. Das persönliche Wohlbefinden als Massstab der Welt, welche die Vernunft zu FakeNews erklärt. Jeder nur noch mit sich selbst beschäftigt.

Wie einfach es doch wäre, jetzt mit dem Finger auf „die Andern“ zu zeigen (denn es sind immer „die Andern“) – die Verschwörungsgläubigen, Impfgegner, die Ferienhungrigen, partysüchtigen Jugendlichen und Maskenverweigerer. Doch verbirgt sich hinter dem Gejammer um fehlende Impfstoffe und Termine nicht eine ähnliche Anspruchshaltung? Wieso steht „mir“ eine Impfung zu, dem Slumbewohner in Bogota aber nicht? Ist es weil wir hier ein funktionierendes Gesundheitssystem haben und in Kolumbien nicht? Oder ist es, weil wir reich (ergo „besser“) sind und die Slumbewohner arm? Die Antwort gibt sich selber. Dabei mutiert das Virus in den Elendsvierteln Macaos unter den Ungeimpften munter weiter und trifft uns wahrscheinlich früher oder später mit voller Wucht. Boris Johnson meinte kürzlich, das hohe Impftempo in Grossbritannien wäre das Resultat von Gier und Kapitalismus. Vermutlich war er noch nie so ehrlich. Nur – diese Impfdosen fehlen jetzt andernorts, wo sie vielleicht noch Schlimmeres verhütet hätten. Dummerweise hat der Bauch keine Augen – er ist blind. Das (momentan) gute Gefühl in der Magengrube aber ist trügerisch. Wie die Auswirkungen von Völlerei und ungesunden Essen – diese machen sich auch erst hinterher bemerkbar. Wenn es schon zu spät, oder teuer wird.

26.03.2021: (Sch)Impfen

Eigentlich habe ich die Schnauze von diesem Coronagedöns gestrichen voll. Man verzeihe mir die Tirade. Trotzdem dreht es sich heute ein weiteres Mal um das nervtötende Thema Pestilenz und ihre Folgen. Diesmal geht es ums Schimpfen und ums Impfen.

Wie viele Reiche, Staaten und Imperien seit der Antike, von den Sumerern bis zum Römischen Reich durch Seuchen ausgelöscht wurden, werden wir wohl nie genau wissen. Es waren viele. Allein das Römische Reich wurde mehrfach, von den Pocken (Antoninische Pest 165-180 n Chr.) und am Ende von der Pest selbst (Justianische Pest 541-770 n. Chr.) heimgesucht. Mit Millionen von Toten. Im 14. Jahrhundert raffte dieselbe die Hälfte Europas Bevölkerung dahin. Seuchen hiessen bis zur Erfindung von Antibiotika und des Impfens: Tot, Elend und oft das Ende von Imperien und Kulturen (die Ureinwohner Amerikas wurden zu 90% von eingeschleppten Krankheiten, wie Pocken, Masern und der Diphtherie ausgelöscht). Und noch im letzten Jahrhundert tötete die Spanische Grippe, weltweit geschätzte 100 Millionen Menschen – zehn mal mehr, als der gesamte Erste Weltkrieg in den Schützengräben. Grund genug also, sich vor der Pest (als Sammelbegriff für Krankheit und Seuchen) zu fürchten. Diese Angst steckte auch noch in meiner Grossmutter, die 1918 ihren Bruder an die Spanische Grippe verlor, und sogar in meiner Mutter, die jeden Schnupfen ihrer Kinder, für einen Abgesandten des Sensenmanns hielt. Ihre Hauptlektüre war deshalb ein dickes „Doktorbuch“ – ein schwerer, anthrazit-grauer Wälzer, in dem sämtliche Seuchen, von der blutigen Ruhr bis zur Schwindsucht, mit allen Symptomen, verzeichnet waren. Krank sein hiess eben: Angst, Hilflosigkeit, Elend und (oft genug) Tod. In vielen Entwicklungsländern ist es auch heute noch so.

Und dann kam die Wissenschaft und machte diesen Geisseln der Menschheit ein Ende – oder zumindest fast. 1796 „impfte“ Dr. Eduard Jenner in England einen Jungen mit dem Sekret einer Rinderpockenpustel, gegen die Pocken. Es wirkte – der Jung war immun und wurde von den Blattern, dem möglichen Siechtum und Tod verschont. Kaum 20 Jahre später wurde die Pockenimpfung in vielen Ländern zur Pflicht erklärt. Man sah in einer Sterberate von (nur) 3% durch das Impfen, gegenüber den 30% durch die Pocken, einen grossen Fortschritt. 1978 verstarb Janet Parker als Letzte von hunderten Millionen, an dieser Seuche. Impfpflicht sei Dank. Die Pocken waren besiegt. Es folgten weltweite Impfkampagnen gegen Masern, Polio, Diphtherie, Mumps, Röteln usw. Ausgerottet sind diese bis heute nicht ganz, aber sie verloren ihren Schrecken. Statt Millionen töten sie „nur“ noch Tausende. Den Heulsusen hier scheint das aber egal zu sein. Ihr Geheul, wenn unter einer Million Covid-Geimpfter, sechs allergisch reagieren, ist ohrenbetäubend. Die bisher 2,8 Millionen Toten durch Covid sind ebenfalls kein Thema. Die wären ja sowieso an „Altersschwäche“ gestorben….(*ironieoff). Und statt sich über den raschen Erfolg der Wissenschaft in der Entwicklung eines Covid-Impfstoffes zu freuen, schimpfen die einen, weil es zu langsam geht und demonstrieren andere gegen eine angebliche Impfpflicht – Todesdrohungen inklusive.

Wohl keine Entwicklung der Wissenschaft hat mehr zum Wohle der Menschheit beigetragen, wie Antibiotika und das Impfen. Keine Technik mehr Leben gerettet und Leid vermieden. Und doch „fürchten“ sich immer mehr vor diesem Piks. Für viele Naturheilkundler:innen Homöopathe:innen und esoterischen Kreise ist Impfen gar des Teufels. Horrorgeschichten von Autismus (auf Grund einer nachweislich gefälschten Studie) bis zu Gen-Manipulation, impfen von Chips (angeblich von Bill Gates um uns fernzusteuern) und gar die Ausrottung der Menscheit, machen die Runde. Den Vogel schiessen jene ab, die ihre Kinder an Masernpartys schicken, um sie zu immunisieren. Dank solchen Impfskeptikern starben 2019 weltweit wieder über 200‘000 Kinder an dieser „harmlosen“ Kinderkrankheit. Und nun folgt Covid.

Während Regierungen, Wirtschaft und Millionen pandemiemüder Bürger um mehr Impfstoff von Pfizer bis Sputnik betteln, weigert sich 1/3 standhaft sich piksen zu lassen. In auffälliger Personalunion mit den sog. Coronaskeptikern tragen sie ihre Wut in die Stadtzentren von Rapperswil bis Liestal, um uns systemgläubigen Impflinge vor dem drohenden Untergang zu warnen. Fast könnte man meinen die Zeugen Jehovas verkündeten den nahenden Weltuntergang. Das Virus freut sich und klatscht Beifall. Um vor diesem halbwegs sicher zu sein, wären aber laut Epidemiologen mind. 70, besser wohl über 80% Geimpfte nötig. Gewinnen die Impfverweigerer, dürfen wir uns auf sich ewig wiederholende Seuchenherde, Reisebeschränkungen und lästiges Maskentragen freuen. Danke!

Selbstverständlich gibt es viele Gründe für Fragen und Skepsis rund ums Impfen. Das beginnt mit der Profitgier der Pharmaindustrie. (Wobei, auch das sei angemerkt: Auch mit Globuli, Ayuverda und Hokuspokus werden Millionen verdient.) Dann die Erinnerungen an geheime Menschenversuche in psychiatrischen Kliniken im letzten Jahrhundert und die Medikamentenskandale (Contergan etc)., mit Toten und scheusslichen Missbildungen. Das Misstrauen in die Moderne Medizin hat Gründe. Man braucht sich also nicht zu wundern. Trotzdem ist die jetzt vorgebrachte Kritik irrational und kaum zu verstehen. Denn es werden nicht (aktuelle) Missstände kritisiert, sondern das Impfen generell in Frage gestellt. Statt z. B. darauf zu pochen, dass die Firmen ihre (staatlich finanzierten) Patente frei geben um das Vakzin schneller und billiger produzieren zu können, wird das Tempo der Impfstoffentwicklung (Pfusch wird impliziert) kritisiert. Selbst der unsägliche Impfnationalismus ist kein Thema – im Gegenteil, man macht fröhlich mit. Dass sich die Heilmittelbehörden und die Wissenschaft den Arsch aufreissen, scheint nicht von Belang. Das eigene Bauchgefühl erklären wir zum Massstab aller Dinge. Auf der Strecke bleibt nicht nur unsere Gesundheit, wir riskieren auch irreparable Schäden an Institutionen und dem friedlichen Zusammenleben. Und statt sich über das baldige Ende der Pandemie zu freuen, verbreiten wir das Virus fröhlich weiter. Man gewinnt den Eindruck, als wünschten sich viele ein Zurück zu Schamanen, Quacksalbern und Gesundbetern. Es fehlen nur noch die Scheiterhaufen für die Hexen.

Wenn wir einigermassen heil aus diesem Schlamassel herauskommen wollen, bleibt uns, bei allen Fehlern der Vergangenheit und der berechtigten Kritik an Pharma und Schulmedizin, nur der Weg über das Impfen möglichst vieler Menschen. Die Alternativen sind schlicht zu teuer – ethisch, politisch und wirtschaftlich. Das setzt eine Portion Geduld und Vertrauen voraus. Die zur Zeit zwei kostbarsten Güter. Also lassen wir das Schimpfen – und impfen.

19.03.2021: Psychodiagnostik

Im Film „Und täglich grüsst das Murmeltier“ gerät der leicht missmutige Wetterfrosch Phil Connors in eine Zeitschleife und muss den gleichen Tag wieder und wieder durchleben. Fast so grausam wie die Strafe für Sisyphos, der auf ewig einen Felsblock auf eine Bergspitze hinaufwälzen muss, worauf dieser gleich wieder ins Tal rollt. Endlos, grausam und sinnlos.

Wer es dieser Tage wagen sollte den Fernseher einzuschalten oder in der Zeitung zu blättern, wird ahnen, wovon ich rede. Nein, ich spreche nicht von Fischers Bettwarenfabrik und seinem 90%igen Gänsedaunenduvet – es ist aber genauso nervig. Die Rede ist auch nicht von diesem alles beherrschenden Virus, der uns seit einem Jahr an den Eiern hat. Sich über Dinge zu ärgern, die man nicht ändern kann, macht nur krank. Die Rede ist vom Dauergenöl, welches diesen begleitet. Ob damit unsere Resilienz (also unsere Belastbarkeit) getestet werden soll oder ob es sich einfach nur um eine Überdosis Kupfersulfat (ein bewährtes Brechmittel) handelt, ist noch nicht entschieden. Auf jedem Fall werden wir auf die Probe gestellt. Fast so, als wären wir Probanden in einem Psychodiagnostik-Labor. Verloren hat, wer zuerst mit dem Kopf auf die Tischplatte knallt.

Wenn es stimmt, dass jede Generation ihre eigene Prüfung zu bestehen hat, so sind wir drauf und dran, bereits im Vorkurs zu scheitern. Denn statt uns um den Schulstoff (die Folgen der Pandemie) zu kümmern, lümmeln wir auf dem Pausenhof herum, dröhnen uns mit psychogenen Substanzen zu und prügeln uns um die Rangordnung im Rudel. Derweilen mutiert das Virus und freut sich über jede unbedeckte Nase im Getümmel.

Hiess es zu Beginn der Pandemie noch: Bleiben sie zu Hause (bei gerade mal der Hälfte der aktuellen Fallzahlen), so schreien heute alle: Wir wollen raus! Raus in die Restaurants, raus in die Fitnesszentren, in die Ferien, ins Hallenbad. Raus aus der Pandemie und raus aus der Diktatur! Ja – eine solche wurde still und heimlich, hinter unserem Rücken errichtet – sagt eine die es wissen muss – die Alleinherrscherin von Ems. Wie Dreijährige in der Quengelzone, denen Mami den Schokoriegel verwehrt, schreien die Entmachteten ihren Frust aus dem Leib. Die Vollpfostendichte erreicht sowohl im Parlament, wie auf den Leerdenkerdemos der Realitätsverweigerer, Höchstwerte. Dabei wissen wir spätestens seit den Psychotests mit den Marshmellows, dass Kinder die warten können, im Leben deutlich erfolgreicher sind, als jene die ihrem Impuls folgen und von den Süssigkeiten naschen. Aber was kümmert uns die schnöde Wissenschaft, wenn uns Mammons leuchtender Stern, den Weg weist?

Und so verplempert das Parlament seine wertvolle Zeit mit sinnlosen Debatten über eine angebliche Diktatur und ein gesetzlich verankertes Ende der Pandemie. Fordert Kreti und Pleti – bzw. all jene mit einer gut geölten Lobby – das sofortige Ende aller Einschränkungen und Massnahmen, während die Presse das Leid und den Schmerzen von uns Coronamüden beklagt. Wohin man auch schaut: Opfer! Und wo Opfer sind, sind die Schuldigen nicht weit. Wenn dieser gar einen Hut trägt, umso besser.

Eigentlich könnte ich über die miese Vorstellung von $VP bis Mitte, frohlocken. Niemand schaufelt so behände am eigenen Grab. Statt Wege aus der grössten Krise seit bald einhundert Jahren zu suchen, jammern sie über offene Terrassen und geschlossene Fitnesszentren. Statt schnelle und effektive Hilfe für die lahmgelegten Branchen, werden bürokratische Hürden errichtet, und über Schuldenberge lamentiert. Anstatt das Krisenmanagement (den Bundesrat) zu stärken, wird dieses torpediert. Statt über bessere Massnahmen zur Verhinderung einer 3. Welle (wie effizientes impfen, testen oder Contact-Tracing) wird das Ende der Pandemie beschworen. Und statt auf Wissenschaft und Fakten zu bauen, setzt man auf Maulkörbe und das Prinzip Hoffnung. Auf der Strecke bleibt: Eine lebenswerte Zukunft für uns alle. Nicht nur wegen des unseligen Gejammers über den Miniatur-Lockdown, vielmehr noch wegen der konsequenten Weigerung unsere Zukunft zu gestalten. 25 Jahre AHV-Gebastel ohne Aussicht auf Erfolg, ein Kuhandel anstelle einer zukunftsfähigen Landwirtschaftspolitik (nur ja den allmächtigen Bauernpräsidenten nicht verärgern), dafür viel Lobbying für sterbende Branchen (Tabakindustrie). Mein Frohlocken könnte nicht bitterer sein, denn wenn die Mehrheit versagt, tragen wir alle die Konsequenzen. Vor allem aber unsere Kinder. Selbst dann, wenn diese den Marshmallow-Test bestanden haben.

05.03.2021: Entfesselt

ACHTUNG: Der nachfolgende Text basiert auf Hörensagen und kann Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten. Lesen auf eigene Verantwortung und Gefahr. Der Verfasser lehnt jede Verantwortung ab. Sonst fragen sie ihren Arzt oder ihre:n Apotheker:in.

Vergangene Woche fand – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – die G19 statt. Die Konferenz der Gruppe der 19 grössten Autophilen. Einer unter diesem Namen kaum bekannten Zusammenrottung fundamentalistischer Sekten, profitgeiler Egomanen. Wie die ebenso öffentlichkeitsscheue Bilderberg-Konferenz der Reichen und noch Reicheren (in Insiderkreisen auch als Lenkungsausschuss der G7 bekannt) versteht sich die G19 als selbstermächtigte Elite mit missionarischem Auftrag. Überlappungen mit den Bilderbergern wären daher weder überraschend noch zufällig. Gerüchten zufolge fand die Tagung in einem geheimen Bunker, unweit des Pfannenstiels, statt. In einem mit Anker- und Hodler-Bildern (der Holzfäller) dekorierten Konferenzraum, bei einem Glas Räuschling der Kellerei Lindentröpfli aus Laufen-Uhwiesen, sowie Häppchen aus dem „Haus der Freiheit“ , wurde – immer laut unseres anonymen Informanten – der mörderischen Diktatur den Krieg erklärt. Diese soll angeblich von einen coronasozialistischen Diktator, unter dem Vorwand einer angeblichen Pandemie, in der Schweiz errichtet worden sein. In einem detaillierten Aktionsplan soll diesem Sozialismus allgemein, dem Bundesrat im besonderen und der Wissenschaft im speziellen, der Garaus gemacht werden. Allfällige Kollateralschäden, wie das Ende der Aufklärung, der Meinungsfreiheit oder der Demokratie, werden nicht nur in Kauf genommen, sie sind gewollt. So lasst uns also hören, was die erlauchte Runde verhandelt und beschlossen hat. Aus Gründen der Diskretion und um unseren Informanten nicht zu gefährden, haben wir Personen und Orte anonymisiert – sind der Redaktion aber bekannt.

Die diesjährige Tagung stand ganz im Zeichen der Befreiung. Frei von allem quasi, dass der freien Entfaltung des profitstrebenden Individuums im Wege steht. Namentlich wird (Corona)Sozialisten, faulen (Corona)Sozialhilfeschmarotzern, der Wissenschaft und sämtlichen staatlichen Institutionen, die ausser Geld auch noch Geld kosten, der Kampf angesagt. Auch der zu bekämpfende Sündenbock war schnell gefunden. Es ist, wie könnte es anders sein, ein Roter aus dem Fribourgerland. Dieser ist – immer gemäss den weisen Worten des grossen G19-Vorsitzenden – an allem schuld. Am Virus, der Pandemie, den geschlossenen Terrassen und dem Wählerschwund der eigenen Sekte. Unhaltbare Zustände also. Taten sind gefragt und wurden beschlossen.

Leider sind die einzelnen Voten der Tagungsteilnehmer nicht bekannt. Unser Informant verlor den Zutrittsbatch. Immerhin aber liegt ihm der (streng geheime) Aktionsplan vor, den ihm die serbische Putzfrau aus dem Mülleimer fischte. Überschrieben ist dieser mit „Entfesselung“. Genannt werden darin 3 Ziele. Die Rückkehr zur Aristokratie mit einem Sünnelikönig als Alleinherrscher – Alchemie, Wünschelruten und Kristallkugeln anstelle kritischer Wissenschaftler – und drittens die Huldigung, bzw. Heiligsprechung des Profitstrebens. Um die Öffentlichkeit nicht allzu sehr zu erschrecken, läuft der Plan unter dem Label „Schluss mit dem Lockdown – öffnet die Spunten am 22. März – Nieder mit der Diktatur!“ Verantwortlich zeichnet niemand. Genannt werden aber verschiedene Akteure und ein Netzwerk von Verbündeten.

Als erstes soll der Heilige Zorn der lockdown-gebeutelten Wirte entfesselt werden. Steuerstreiks, offene Terrassen und eine kalte Suppe löffelnde Büezer werden darin ausdrücklich erwähnt. Ebenso Online-Petitionen und dümmliche 20-Minuten Artikel. Die Speerspitze im Kampf gegen Diktatur und Diktator aber übernimmt das Politbüro der Sekte persönlich, sekundiert von rückgratlosen Trittbrettfahrern, ohne eigenes Profil (namentlich genannt werden Politiker:innen wirtschaftsnaher Strippenzieher). Dem Propaganda-Ministerium obliegt die Dämonisierung der Diktatur, den Verbündeten die Entmachtung der Wissenschaft und dem Fussvolk das Auskotzen in den Sozialen Medien. Wobei Letztere angehalten sind, die Verlautbarungen ihrer Sektenführer mit Dreck aller Art zu bereichern. Der Sturm aufs Capitol (aka Bundeshaus) ist vorerst den Parteisoldaten und ihren Rucksackträgern vorbehalten.

Wer’s nicht glaubt, der lese die Zeitung und schaue fern. Eben stimmten 97 Nationalräte einem Aufruf für die Entmachtung des Bundesrates zu. Die Pandemie soll per Gesetz am 22. März für beendet erklärt werden. Das „Volk“ ist angeblich lockdownmüde. Die wissenschaftliche Taskforce soll vorsorglich stumm geschaltet werden. Ein Wurstfachmann EFZ aus dem Rheintal möchte den Gesundheitsminister auch gleich impeachen und Schuld an allem hat sowieso die Ratslinke. Diese möchte die gebeutelten Pandemieopfer nämlich nicht nur finanziell unterstützen, sondern präsentiert dummerweise auch noch praktikable Lösungen und übernimmt sogar Verantwortung. Es riecht nach Sozialismus und Staatsterror! Die G19 (Parallelen zur Geheimarmee P26 sind rein zufällig) ruft DEFCON 1 (Alarmstufe Rot) aus!

Die „Volksherrschaft“ liegt nach eigenen Worten, zum greifen nah und der Sünnelikönig fühlt sich berufen die schwere Last des Amtes zu schultern. Auch die Nachfolge ist schon geregelt – es ist ein Prinz. Er kommt aus dem Hause Ems und ist als Prinzessin gewandet. Universitäten und ETH werden geschlossen. An ihre Stelle tritt Harry Potters Zauberschule und Trudi Gerster. Einfalt ersetzt Vielfalt und die Weltwoche wird Pflichtlektüre, die, wohl ihrem Vorbild nacheifernd, in „Stürmer“ umbenannt wird. Das Parlament erhält einen Schnellkurs im Klatschen (gem. handschriftlicher Randnotiz dient ein Video des nationalen chinesischen Volkskongresses zu Schulungszwecken) Ausserdem erhalten die Delegierten das Handbuch „The Seven Thinking Steps“. Frauen wird eine Karriere als Cheerleader nahegelegt oder aber der Küchendienst. Mit der endgültigen Entfesselung des neoliberal-nationalistischen Traums, steht dem unendlichen Profit der G19-Mitglieder nichts mehr im Wege. Ein Sieg wird vorausgesetzt, da weitere Krisen (wie z. B. die Klimakatastrophe) zu befürchten sind. Ein Scheitern wird ausgeschossen – auch Trump hat die Wahlen schliesslich gewonnen.

Deshalb: Lang lebe der Sünnelikönig – hoch lebe der Profit – nieder mit der Aufklärung – Tod der Corona-Diktatur! Freie Sicht aufs Mittelmeer!

PS: Der 3. März wird zum Feiertag erklärt und als „Bullshitday“ gefeiert werden.

12.02.2021: Leichte Kost

Nach der schwer verdaulichen Trilogie der letzten drei Wochen, etwas leichtere Kost. Wir haben an der Pandemie schon genug zu kauen. Freuen wir uns also über all die kleinen Dinge, die unser Leben leichter machen. In Vor-Coronan-Zeiten wären solche leicht zu finden (gewesen): Konzerte. Theaterbesuche, Grillabende mit Freunden, Reisen und so weiter. Verstimmt und von Medien und Dauernörgelern auf Missmut gestimmt, fällt dies aber immer schwerer. Doch nichts ist unmöglich! Denn seien wir ehrlich, den Meisten von uns, geht es gut. zumindest hier in der Schweiz und Europa. Dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet, dass viele auf Gratislebensmittel und Mahlzeiten angewiesen sind, viele um ihre Zukunft oder Gesundheit bangen müssen und so weiter, ist damit nicht vom Tisch. Darüber nur zu lamentieren, ändert es aber auch nicht. Ein kleiner Stimmungsaufheller zwischendurch kann deshalb nicht schaden. Trübsal blasen tun genug andere für uns.

Nun aber zum Thema. Leichte Kost und die kleinen Dinge des Alltags. Zum Beispiel unser spontener Ausflug an den Rheinspitz in Altenrhein. Ein mir bisher völlig unbekanntes kleines Naturparadies am Alten Rhein an der Grenze zu Österreich. Achtlos fuhr ich bisher an diesem kleinen Zipfel Schweiz vorbei, wenn ich von meinen Kundenbesuchen im Rheintal zurück ins Büro fuhr. Dank Pandemie, frühlingshaftem Wetter und Lockdown lernten wir so ein Fleckchen kennen, den wahrscheinlich nur die Einheimischen und ein paar Jachtbesitzer (es gibt eine Marina mit Jachthafen, dort wo der Rhein in den Bodesee mündet) kennen. Gefunden haben wir diese Ecke aus reinem Zufall. Geplant war die Fortsetzung unserer Thurwanderung, von Alt St. Johann an die Thurfälle. Als wir dann die vollen Parplätze an der Talstation Selamatt und die Schlangen vor dem Sessellift sahen, verging uns der Appetit auf Touristenhotspots und fuhren weiter ins Rheintal. Dort hatte der Föhn den Winter bereits vertrieben und sie Sonne liess den nahen Frühling erahnen. In der grossen Kurve bei Rheineck verliessen wir die A13 und bogen in eine Seitenstrasse. Ein paar Autos am Strassenrand verrieten, dass es hier offenbar um ein Naherholungsgebiet handelt. So montierten wir die Wanderschuhe und steuert als erstes eine sonnige Bank an, um uns mit unserem Picknick zu stärken. Bei Sandwich, Ei und Gemüsedipp tankten wir Vitamin D und wähnten uns im Tessin. Die nachfolgende Wanderung entlang des Alten Rheins an den Bodensee war dann unsere Sahnehaube der Woche. Eine versteckte Idylle, direkt hinter dem Flughafen Altenrhein. Ein Vogelparadies, Auenwälder mit schönen Wanderwegen. Einzig die Motorsägen auf der österreichichschen Seite, verrieten dass wir hier mitten in der Zivilisation sind. Die Wasservögel schien diese nicht zu stören. Sie übten bereits für die Balz. Wer kann, dem seien solche kleine Auszeiten ans Herz gelegt. Es braucht wenig um der Tristesse der Pandemie zu entkommen.

Wenn uns dieser Lockdown eines gelehrt hat, dann dies: Wohlbefinden und Zufriedenheit hat wenig bis gar nichts mit Jubel – Trubel – Heiterkeit zu tun. Sehr viel aber mit der eigenen Einstellung, bzw. woraus man seine „Energie“ bezieht. Dass wir dazu auch andere Menschen, Gruppen, Ablenkung, Inspiration und Zerstreuung brauchen, ist unbestritten. Und das fehlt zur Zeit. Manchen fällt das schwerer, andern leichter. Aber wir alle können das Virus nicht wegreden. Selbst verdammen nützt nichts. Es gilt: Der Käfer mag uns. Je grösser die Gruppe umso lebendiger fühlt er sich. Wir tun also gut daran, ihm dies Plattform zu entziehen. Will heissen, wir müssen unsere Energie woanders suchen. Solange bis ihm der Schnauf ausgeht und wir immun sind. Und es wäre ja gelacht, wenn wir das nicht schaffen, denn einer der grössten evolutionären Vorteile, den wir besitzen, ist unsere Anpassungsfähigkeit. Nutzen wir diese Fähigkeit und schlagen der Seuche ein Schnippchen.

Das Gute liegt ja meistens näher, als uns bewusst ist. Man sagt auch vor der Haustür. Wer dieser Tage, trotz Kälte und Schnee nach draussen geht, ist erstaunt, wie viele andere es auch so sehen. In alle den Jahren sah ich nie so viele Spaziergänger, rund ums Dorf, wie in den letzten Wochen und Monaten. Und draussen liegt ein kleiner Schwatz immer mal drin. Tut gut, lenkt ab und gibt Kraft zum weiter ausharren. Oder der gute Nachbarschaftsklatsch über die Gartenhecke (falls vorhanden), oder im Hausgang. Er kann das gemütliche Beisammensein zwar nicht ganz ersetzen, aber er hilft über das Alleinsein hinweg, zumal das rettende Ufer (die Impfung) in Sichtweite ist. (Ich weiss es gibt noch viele offene Fragen und vieles läuft schief – es ist trotzdem ein Hoffnungsschimmer). Denn dass ist gewiss: Die Natur verhandelt nicht, wir können uns in ihr nur einrichten.

Und vergessen wir nicht – auch wenn es gerade nicht danach aussieht – der Frühling steht vor der Tür. Die Tage werden schon merklich länger und wenn die Sonne scheint, spürt man ihre Kraft. Die Schneeglöckchen täuschen sich nicht – sie strecken bereits ihre Köpfchen aus dem Schnee, als wollten sie uns auf bessere Zeiten aufmerksam machen. Wir müssen es nur sehen. Wer den ganzen Tag nur jammert, Schuldige sucht und nichts zur Lösung beiträgt, als miese Laune und idiotische Forderungen, braucht sich nicht zu wundern, wenn er (oder sie) als Miesepeter gemieden wird. Wir Menschen brauchen die Hoffnung (bzw. das Wissen, dass wir es besser können), wie die Luft zum Atmen. Statt drinnen im Lärm, finden wir diese derzeit halt draussen und in der Stille. Der Lärm kommt früh genug zurück.

29.01.2021: Trilogie der Entfremdung Teil II – Selbstbetrug

Teil I meiner Trilogie endet mit der Feststellung, dass wir uns oft selbst betrügen. Nicht weil wir „dumm“ sind, sondern weil wir uns durch einfache „Lösungen“ in die Irre führen lassen. Leider unterstützt uns dabei auch noch die „menschliche Natur“, welche zu Kurzschlüssen neigt. Im Fachjargon auch als „Heuristiken“ bekannt. Was heisst das?

In der Regel wird ja unsere Vernunft und Rationalität beschworen. Stolz tragen wir diese vor uns her und meinen, uns könne niemand etwas, weil wir ja so schlau sind – die „Mutter aller Irrtümer“, quasi. Denn, was wir schlau nennen, ist nichts anderes als die vorherrschende Meinung des sozialen Milieus, (Mehrheitsmeinung) in dem wir leben. Das sagt jedoch nichts darüber aus ob diese gut oder vernünftig ist. Sie ist bestenfalls akzeptiert, meistens manipuliert und schlimmstenfalls diktiert (z. B. in Diktaturen). Beispiele dazu folgen weiter unten im Text. Der zweite Irrtum dem wir unterliegen, ist die Überzeugung, unsere Entscheidungen und Handlungen wären unserem Verstand geschuldet. Doch da ist unser „Bauch“, der das Rennen meist gewinnt und am Ziel ist, bevor der Verstand überhaupt startet. (Parallelen zur Fabel vom Igel und dem Hasen, sind rein zufällig). Um Energie zu sparen ruft unser „Bauchhirn“ nämlich Muster ab. Es greift auf „Bekanntes“ (oder eben Heuristiken) zurück und reagiert blitzschnell, bevor wir den Denkapparat überhaupt einschalten – dieser darf das Resultat dann bestenfalls noch rechtfertigen, bzw. begründen. Dank diesem Reflex, hat ein Geräusch im Gebüsch, viele Steinzeitjäger vor dem Säbelzahntiger gerettet. Seit diese ausgestorben sind, wendet sich diese Überlebensstrategie jedoch gegen uns. Denn genauer hinschauen, wäre in einer komplexen Welt von Vorteil, und eine weitaus bessere Überlebensstrategie. Diese Ausgangslage spricht also schon mal gegen die Überlegenheit der menschlichen „Vernunft„. Erst recht nicht in einer sozialen Gemeinschaft, auf deren Wohlwollen wir angewiesen sind. Das Resultat kennen wir – es nennte sich Schwarmdummheit und führt mehr und mehr zu Krisen.

Aus dem bisher Gesagten könnte man jetzt schliessen, das die ganze Misere den Defiziten der menschlichen Natur geschuldet ist. Und da diese sozusagen „gottgegeben“ (oder eben evolutionär) auch nicht zu ändern ist. Was sich also abmühen? Der Mensch ist, wie er ist. Beschränkt, gierig und träge. Oder wie anders erklärt es sich, dass wir konsequent gegen unsere eigenen Interessen handeln und uns selbst belügen?

Schauen wir dazu ein paar Beispiele an. „Wir“ (die meisten Landwirte) spritzen unser Gemüse mit Pestiziden, im Wissen darum, dass wir damit unser eigenes Trinkwasser vergiften – die möglichen Ertragseinbussen wiegen schwerer. „Wir“ (die es sich leisten können) fliegen um die halbe Welt, im Wissen darum, dass wir damit das Klima belasten – der Wunsch nach Sonne, Meer und Party ist eben grösser. „Wir“ (die überwiegende Mehrheit) isst Fleisch in rauen Mengen, im Wissen darum, wie stark die Fleischproduktion Umwelt, Tierwohl und Klima belastet – Genuss und Gewohnheit sind stärker. Wir nutzen Google, WhatsApp, Amazon, weil es bequem und günstig ist und ärgern uns wenn wir mit Werbung zugemüllt und Läden geschlossen werden. Wir kaufen Kleider die unter widrigsten Bedingungen in Bangladesch zusammen genäht werde, gehen auf Kreuzfahrt, schliessen Freihandelsverträge mit Diktatoren und wählen Politiker, die uns verarschen – die Liste ist endlos. Auch ich bin von dieser nicht ausgenommen. Selbstbetrug ist Alltag und Teil unseres Systems. Wie ist das möglich?

Das Erkennen unserer „Natur“ ist das Eine („Erkenne dich selbst!“ riet schon das Orakel von Delphi vor 2500 Jahren), das Andere ist das Durchschauen des Systems, in dem wir leben. Kurz gefasst könnte man sagen: Das System baut auf unsere Schwächen und macht es uns einfach „dumm“ zu sein – also sich selbst und sich betrügen lassen. Man kann sogar sagen, es belohnt den (Selbst)Betrug und bestraft jene, welche der Wahrheit verpflichtet sind. Dieser Pakt mit dem Teufel (Belohnung durch Selbstbetrug), hält unser System im Gange. Ein System, das in Wirklichkeit wenigen dient und allen Schaden zufügt. Und hier kommt wieder die Entfremdung ins Spiel. Denn es ist diese, die uns in die Irre führt. Aber wie?

Je grösser die zeitliche und geografische Distanz zwischen unserem Handeln und den daraus folgenden Konsequenzen, desto einfacher fällt der (Selbst)Betrug. Und je fremder uns jemand oder etwas (also Menschen oder ihre Religion/Kultur z. B.) ist, umso leichter fällt es uns, diese abzulehnen oder auszugrenzen. So fällt es dann leicht, das Flüchtlingselend am Rande Europas auszublenden. Denn dieses ist a) weit weg und b) betrifft es Fremde. Ein fataler Trugschluss, denn es ist „unsere“ Politik, die zu diesem Elend führt und es ist unsere Glaubwürdigkeit die zerstört wird. Es ist stets das gleiche Muster. Solange andere, möglichst weit weg oder viel später, die Folgen unseres Tuns zu tragen haben, umso leichter fällt es uns nicht über unser Handeln nachzudenken. Dazu gesellt sich, angesichts der Problemberge, eine „Ohnmacht“, die viele passiv werden lässt. Fast wie im Mikado geht es darum: Wer (was) sich zuerst bewegt, hat verloren. Bestes Beispiel dafür ist wahrscheinlich die Klimakrise, die alles oben Beschriebene in sich vereint. Trifft es uns dagegen direkt, wie z. B. die aktuelle Pandemie, ist Widerstand programmiert. Zu diesem gehört das Leugnen des Unabänderlichen genauso, wie die Schuldzuweisungen. (es sind immer die Andern). Wie kommen wir da raus, ist die grosse Frage. Denn dass wir da raus kommen müssen, steht ausser Frage. Selbstbetrug mag bequem sein, endet in der Regel aber in einem Fiasko.

Wie wir da rausfinden können ist Thema im 3. Teil, nächste Woche. Titel: Wirklichkeit . Dazu schon mal ein Zitat von Greta Thunberg vorab (aus ihrer Rede vom 25.1.2021 am virtuellen WEF):

Hoffnung ist für mich das Gefühl, welches dich am Laufen hält, auch wenn alle Chancen gegen dich stehen. Hoffnung kommt für mich nicht aus Worten, sondern aus Taten. Für mich sagt die Hoffnung, wie es ist, egal wie schwierig oder unangenehm das sein mag.“

15.01.2021: Zäh

Wer kennt das Gefühl nicht? Man erwartet etwas ungeduldig und es wird und wird nicht. Den 18ten Geburtstag, die geplante Weltreise oder das Trump und die Pandemie endlich verschwinden. Es tut beinahe körperlich weh. Und ist es dann endlich soweit, muss man feststellen, dass die Vorfreude oft grösser war, als die Freude selbst. Denn, ist eine Hürde genommen, lauert bereits die nächste um die Ecke.

Trumps Abgang ist uns gewiss, der 20. Januar rückt näher. Wie dieser aussieht, darüber wird gerade heftig spekuliert. Vorsichtshalber vernageln Bauarbeiter schon mal die Fenster von Regierungsgebäuden und das FBI warnt vor bewaffneten rechtsextremen Horden. 15‘000 Nationalgardisten sind in Washington eingerückt. Vorausgesetzt die Nationalgarde ist nicht korrumpiert (in diesen Tagen weiss man nie), dürfe Jo Biden der 46igste Präsident der Vereinigten Staaten sein und Trump auf einem Golfplatz, im Gefängnis oder bei seinem Zwilling in Brasilien. Auch wenn sein Abgang zäh ist, er ist in Sichtweite. Aufatmen wird nicht nur halb Amerika und die Welt, auch dem Klima wird es nicht schaden. Wir dürfen uns also erst mal freuen.

Wie lange diese Freude anhält, steht allerdings in den Sternen. Ernst zu nehmende Stimmen warnen bereits vor Terroranschlägen durch die unzähligen, bewaffneten Milizen und 15 Millionen christliche Fanatiker beschwören das Armageddon. Ob hier der Teufel an die Wand gemalt wird, wissen wir vielleicht in einem Jahr. Bis dahin hoffen wir das Beste und machen uns auf das Schlimmste gefasst. Hoffnung ist ein zäher Bursche, ermüdend ist diese wahr zu machen.

Weit ermüdender als der Abgang des Verlierers im Weissen Haus auf der anderen Seite des Atlantiks, ist das Aussitzen der Pandemie hier. Ich wähle „aussitzen“ ganz bewusst, denn anders lassen sich die zögerlichen Massnahmen kaum umschreiben. Gouverner c’est prévoir heisst es so schön – also „Regieren heisst Vorausschauen“. In den letzten Wochen und Monaten glich dies aber eher einen ReAgieren und einen ZUschauen. „Die Lage ist ernst, wir beobachten mit Sorge“ des Bundesrates und sein meist spätes Zaudern und Zögern, lässt nicht nur mich ratlos zurück. Fakt ist: „Wer zu spät kommt, bestraft das Leben“ – das wusste schon Gorbatschow und behielt Recht. Denn leider greift das „Prinzip Hoffnung“ bei einem Virus nicht. Der hält sich zäh und kümmert sich nicht um unsere Befindlichkeiten.

Zäh halten sich nicht nur Viren, egal ob sie Trump oder Covid heissen. Noch zäher erweist sich der Irrsinn in Gesellschaft und Politikbetrieb. Da sammelt eine unheilige Allianz ominöser „Freunden der Verfassung“ (aka Coronarebellen), zusammen mit JGLP und Jungen Grünen 140‘000 Unterschriften gegen ein Gesetz, das bereits in Kraft ist (Covid-Gesetz) welches uns vor den Folgen der Seuche schützen soll. Ebenso unheilig das Referendum von $VP/swissoil und Teilen von Fridays4Future gegen das dringend notwendige CO2 Gesetz, das den Klimawandel endlich ausbremsen soll (nicht perfekt – aber besser den Spatz in der Hand, als gar nichts). Gleich verlogen die Allianz der Bauern-Agrochemie-Lobby gegen sauberes Trinkwasser, die mit ihren Plakaten bereits die ersten Bauernhöfe verunzieren. Machiavellisch die $VP, welche Alain Berset entmachten möchte um von ihrem eigenen Versagen abzulenken. Da sind die Störmanövern der gleichen Partei gegen jegliche Pandemiemassnahmen und ihre Weigerung betroffene Branchen und Betriebe angemessen zu unterstützen, fast schon eine Randnotiz. Ideologische Scheuklappen (Schulden sind böse) und naive Träumereien (entweder alles oder nichts) sind zäh. In Krisen sind sie nicht nur lächerlich, sie sind ausgesprochen gefährlich. So endet der verbohrte Sparreflex für viele Menschen und Firmen im wahrsten Sinne des Wortes tödlich. Egal ob Covid, Trinkwasser oder Klima – Hauptsache ich Rette meine Pfründe oder Überzeugungen. Verhaltensmuster sind so zäh, wie Viren und kaum auszurotten.

Wie fast alles im Leben hat aber auch das Zähe eine gute und eine schlechte Seite. Schützt uns eine feste (zähe) Schuhsohle vor rostigen Nägeln, so beissen wir uns bei zähem Fleisch die Zähne aus. Und hilft sie uns beim Dranbleiben und Durchhalten in schwierigen Situationen (wie z. B. das Durchstehen dieser Pandemie), so steht sie uns beim zähen Festhalten an alten Verhaltensmustern im Wege. Fällt uns die Unterscheidung zwischen Schuhsohle und Fleisch leicht, ist diese dafür zwischen vernünftigem Dranbleiben und sturem Festhalten umso schwieriger. Das „cui bono“ (also wer hat einen Vorteil davon) hilft uns auch hier.

08.01.2021: Privilegiert

Oft hört man klagen, wir wären verwöhnt. Eine Wohlstandsgesellschaft. Ein moralinsaure Unterton meist nicht zu überhören. Ob es Diagnose, Vorwurf oder einfach nur Selbstverortung ist, ist selten klar. Klar ist nur, dass es lamentabel ist. Lamentabel und schlecht für uns selber (Weicheier sind Loser) und schlecht für die Gesellschaft sowieso (den Starken gehört die Welt). Interessanterweise sitzen die Lamentierer*innen immer auf einem bequemen Bürostuhl oder einem bequemen Sofa, in einer geheizten Stube. Besser gesagt: Es sind Privilegierte. Man könnte auch sagen, es ist Ausdruck einer Geisteshaltung, eines Lebensstils oder Weltanschauung. Denn wieso soll „Wohlstand“ – also die Tatsache, dass es uns materiell gut geht – plötzlich schlecht sein? Haben nicht Generationen genau dafür gekämpft und gelitten und tun es nicht weiterhin Millionen und Milliarden weltweit? Was daran ist also schlecht und wieso dieses Stirnerunzeln?

Wer in den Slums von Mumbai oder Nairobi lebt, (so vermute ich, denn ich lebe ja nicht dort) wird unter Wohlstand vermutlich etwas anderes verstehen, als ein Bewohner der Goldküste (auch das eine Vermutung, da ich auch dort nicht wohne). Armut und Wohlstand definiert sich naturgemäss aus dem Vergleich. In der Regel zum Nachbarn oder dem nahen Umfeld. Wissen ob es morgen noch etwas zu essen gibt, ist im Slum von Dahravi etwas anderes, als in Herrliberg. Dort ist es eher der schnellere Porsche des Nachbarn, der ärgert. Was also ist Wohlstand und was heisst verwöhnt?

Sozusagen die ultima ratio des Wohlstand-Lamentos gipfelt im Vorwurf der Wohlstandsverwahrlosung. Darunter wird alles subsumiert, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Von den verwöhnten Kids, den laschen Erziehungsmethoden, den Ansprüchen der Generation Boomer, bis hin zu zugemüllten Stadtparks und Schulabbrechern – kein Thema, dass nicht dem angeblich zu grossen Wohlstand zugeschrieben werden könnte. Verwahrlost durch Wohlstand. Kategorien die per se nicht zusammenpassen. Verwahrlost sind in der Regel die Habenichtse, die Faulen und Obdachlosen. Also muss wohl mit diesem Wohlstand etwas nicht stimmen.

Implizit oder explizit mit dieser Diagnose wird auch gleich die Therapie mitgeliefert. Mehr Härte, mehr Disziplin, mehr Entbehrung sollen es richten. Auf den Punkt gesagt: Weg mit dem Wohlstand für alle. Bis man über Sozialschmarotzer schwadroniert und bei jedem Sozialwerk die soziale Hängematte wittert, ist es dann ein kleiner Schritt. Und man selbst hatte es ja auch nicht leicht… Steine klopfen hat noch niemandem geschadet…“eis an Grind und gut ist“. Ist es das, was damit gemeint und gewollt ist? Zurück zu den „guten alten Zeiten“, als die Welt noch heile war?

Selbstverständlich war sie auch früher nicht in Ordnung. Und selbstverständlich sind immer die Anderen gemeint, wenn es um blamable Zustände geht. Wir können dieses Wohlstandsgedöns also ruhigen Gewissens dorthin entsorgen, woher es kommt: Zurück an den Absender!

Ist damit alles geklärt? Mitnichten! Denn selbstverständlich sind die Diagnosen nicht telquel falsch und aus der Luft gegriffen. Es gibt in der Tat vieles zu beklagen, was auf unseren Wohlstand – also der Tatsache, dass wir materiell gut abgesichert sind – zurückgeführt werden kann. Dabei geht es aber nicht darum, dass der angebliche Wohlstand zur Verwahrlosung führt, sondern um die Ignoranz und Arroganz, die mit diesem einher geht. Gerade jene, denen es materiell besser geht, als dem Durchschnitt, pflegen oft eine Mentalität des „das steht mir zu“ und der Entsolidarisierung. Sein und Haben wird zum Synonym und zur Selbstverständlichkeit. Das Leben findet in einer Art Filterblase statt. Diese ist wahlweise ein gemachtes Bett oder aber wird bedroht. Wohin das führt, erleben wir täglich und verschärft in diesen Tagen.

Was wir gerade erleben ist eine tiefe Spaltung der Gesellschaft. Sowohl materiell, kulturell wie politisch. Materiell öffnet sich die Schere zwischen oben und unten seit Jahrzehnten. So sehr, dass es sogar dem ehemaligen Nationalbankchef , Philipp Hildebrand, Sorgen bereitet. Nicht nur bei den Vermögen, welche für die reichsten 0,1% ins astronomische steigen, sondern auch bei den Einkommen der privilegierten Berufsgruppen (Top 10% mit einem Einkommen > 125’000 p. a). Dagegen steht die grosse Mehrheit, deren Realeinkommen seit Jahren stagniert oder gar sinkt. Die kulturellen Verwerfungen sind fast noch schmerzhafter. Auf der einen Seite Heimatlose, welche unter dem rasanten Wandel leiden, auf der anderen die Globalisierungsgewinner, welche den Wandel begrüssen. Besonders sichtbar werden die Abgründe im gesellschaftlichen und politischen Alltag. Dieser Tage besonders deutlich im Capitol, wo offensichtlich zwei Welten aufeinanderprallen. Bei uns z. B. in den verhärteten Fronten rund um die Pandemie. Auffallend – hier wie dort – die fast vollständige Entsolidarisierung. Im Vordergrund steht das „ich“, ein „wir“ existiert kaum noch. Und wenn ein „wir“ – ist es ein diffuses „Wir sind das Volk“, das sich in einer Parallelwelt verschanzt hat. Die eigentliche Verwahrlosung ist der Verlust der Orientierung und der Bodenhaftung. Offensichtlich gilt: Je höher ich mich in der maslowschen Pyramide befinde, desto weniger kümmern mich andere. Und je weniger mich andere kümmern, umso weniger kümmert mich auch, woher mein Wohlstand kommt. Ein möglicher Verlust ist umso schmerzhafter.

Maslowsche Bedürfnispyramide

Wo man – wie hier in der Schweiz – auf die Sonnenseite des Planeten geboren wurde, löst ein möglicher Wohlstandsverlust besonders viel Ängste und Aggressionen aus. Wenn das vermeintlich Selbstverständliche zur Disposition steht, sind Tugenden fern. Der Besitzstand wird mit Zähnen und Klauen verteidigt – was kümmern mich andere. Gemeinsinn „verwahrlost“, das Privileg mutiert zum Spaltpilz. Deutlich sichtbar z. B. an der Covid-Impferei. In der Schweiz diskutieren wir darüber wer jetzt als erste/r an die Reihe kommt, während die Länder in Afrika froh sein können, wenn sie bis 2024 überhaupt Impfstoffe erhalten. Was wundert es, wenn die Welt auseinander fällt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns wenigstens unserer Privilegien bewusst sind. Privilegien funktionieren nämlich nur, solange sie verdient sind. Leider ist dieses Bewusstsein bei vielen Privilegierten verkümmert. Denn sind sie es nicht, ist Ärger vorprogrammiert.

Silvester 2020: Sapere aude

Damals als – so wird erinnert. Damals also, als alle, oder wenigstens fast alle, Masken trugen…. zu Beginn der 20iger Jahre. Ein denkwürdiges Jahr. Was wird davon bleiben? War es der Beginn eines Umdenkens? Das Ende einer Epoche? Die Wende zum Guten oder Schlechten? Vielleicht sogar eine Zäsur? Da uns der Blick in die Zukunft durch die Vergangenheit verstellt ist, müssen wir raten. Selbst Indizien – Erfahrungen genannt – sind nur bedingt hilfreich, denn sie klammern zukünftige Ereignisse naturgemäss aus. Fazit: Die Zukunft findet in der Zukunft statt. Trotzdem sind wir den Ereignissen nicht ganz hilflos ausgeliefert, denn wir können aus vergangenen Ereignissen lernen, unser Verhalten anpassen und Fehler zu vermeiden versuchen. Dies setzt allerdings voraus, dass wir erkennen. Erkennen, woran es liegt, dass wir sind, wo wir sind. Es braucht dazu nicht zwingend das „sapere aude“ Immanuel Kants, es genügt ein ungetrübter Blick zurück. Ein Blick der (ein)ordnet, erhellt und erkennt. Ein Jahresrückblick bietet dazu Gelegenheit. 2020 ganz besonders.

Wo warst du am 16. März 2020 oder was machtest du am 11. September 2001? New York, World Trade Center, Twin Towers, Terror und Osama Bin Laden – 9/11 – ist vermutlich bei uns allen fest verankert. Deshalb wissen wir meist auch nach 20 Jahren noch, wo wir damals waren und was wir gerade taten, als die brennenden Türme, vor den Augen der Welt, in sich zusammen brachen. Aber der 16. März 2020? Am 16. März hiess es: „Bleiben sie zu Hause“ – Lockdown. Seither gibt es ein davor und ein danach. Mich traf es vor Tasmanien. Statt Port Arthur, Tasmanischer Teufel und spektakuläre Strände, hiess es: Zutritt verboten – Hobart ist verseucht. Unverständnis – Frust – und was jetzt?

Was jetzt – auch noch neun Monate später. Statt einer kurzen heftigen Grippe, die, wie es sich gehört, im Frühjahr Leine zieht, entpuppte sich der Krankmacher als fiese Seuche von beinahe alttestamentarischem Ausmass. Ungläubig verfolgen wir seither die steil ansteigenden Kurven der Infizierten und Toten, reiben uns die Augen und stellten erstaunt fest: Alles ist anders. Zwar geht die Sonne weiterhin im Osten auf und im Westen unter – alles Übrige aber ist in Frage gestellt – Gewissheiten inklusive. Und um die Gefühlslage zusätzlich zu verkomplizieren, reiht sich seit Oktober Lockdown an Lockdown, während der neue Impfstoff Normalisierung verspricht und das Virus mutiert. In etwa gleich verrückt, Trumps Abgang als groteske Inszenierung eines Irren. Abgang gewiss, Ausgang ungewiss. Auf dem Rost geröstet werden, ist dagegen Wellness im Jaccusi. Dazu eine Regierung, welche die wirtschaftlichen Sonderinteressen einflussreicher Lobbies offensichtlich höher gewichtet, als unsere Gesundheit. Über die Spätfolgen lässt sich bestenfalls spekulieren. Schaden genommen hat aber mit Bestimmtheit unser Vertrauen. Unser Vertrauen in die Politik und Institutionen – und noch tiefgreifender, unsere Verletzlichkeit. Die Erkenntnis, dass wir nicht die Herren der Schöpfung, sondern in unserem Habitat bestenfalls geduldet sind, grenzt an eine Beleidigung. Der Grat zwischen einem unbeschwerten Leben in Sicherheit, Saus und Braus und einem in Angst um Existenz und Zukunft, entpuppte sich als schmal und brüchig.

Und wo es bricht, öffnen sich Klüfte. Die Kluft zwischen armen und reichen Ländern, zum Beispiel, wenn es um Impfstoffe geht. Zwischen jenen mit Job und jenen ohne. Den Profiteuren des Online-Handels und den zwangsbeurlaubten Wirten, den unterbeschäftigten Selbständigen und jenen, die einsam in ihren Wohnungen sitzen und nicht wissen, wie die nächste Miete zahlen. Getoppt nur noch durch die tiefen Gräben zwischen Vernunft und Aberglaube, Wissenschaft und Scharlatanerie, sowie Dogma und Notwendigkeit. Die bittere Erkenntnis: Das Eis ist dünner, als wir denken. Ob es hält ist mehr Glück als Verstand. Die Aufarbeitung dieser Zäsur, wird Jahre oder Jahrzehnte dauern. Ein erster Test steht quasi Ante Portas. Er lautet: Haben genügend Menschen Vertrauen in die Wissenschaft und lassen sich impfen? Falls nicht, dürfte 2020 nicht das letzte Annus Horribilis gewesen sein.

Doch, auch wenn Corona omnipräsent und Trump nervtötend ist, dürfen wir uns nicht von den Scheinwerfern der Medien blenden lassen. Die Neigung dort zu suchen, wo Licht ist, ist natürlich, selten aber zielführend. Das Böse kommt nicht umsonst aus dem Dunkeln. Was also offensichtlich und in aller Munde ist, ist nicht zwingend dass, was uns Angst machen sollte. So wie Trump nicht Ursache, sondern Folge des Rassismus und des Niedergangs der Mittelschicht war, so ist Corona nicht verantwortlich für das Versagen unserer Politiker. So wie diese auf diese Pandemie reagieren, tun sie es auch beim Klima oder dem Pestizid im Trinkwasser. Erst der Profit, dann der Wähler. Angst sollte uns deshalb nicht das Offensichtliche, wie z. B. ein irrer oder korrupter Politiker, der ein schlechtes Gesetz voran treibt oder halbherzige Massnahmen verordnet, sondern die Mechanismen, die dazu führen. Wenn also der Amazonas oder halb Sibirien brennt, wie auch dieses Jahr, in Bosnien und Griechenland Flüchtlinge wie Dreck behandelt werden (wie gerade in diesen Tagen) und Menschen in Yemen verhungern, sind das tragische Ereignisse, nicht aber der Grund zur Sorge. Sorgen machen sollten wir uns über die Mechanismen, die dazu führen.

Aber welche sind das? Gerade in akuten Krisen und mitten in den turbulenten Ereignissen, sind Muster schwer zu erkennen. Trotzdem sollten wir ab und an etwas beiseite treten und einen nüchternen Blick, aus der Distanz, auf das vermeintliche Chaos werfen. Was also sehen wir? Eine Pyramide. Oben sitzen wenige Profiteure, denen die Politik mit Steuererleichterungen, laschen Gesetzen und billigem Geld dient. Unten all jene, die für sich selber schauen dürfen und hängen gelassen werden. Das Fatale: Die Pandemie verstärkt dieses Gefälle zusätzlich. Wo kleine Firmen ihre Existenz verlieren, treten Konzerne, welche die Konkursmasse zum Schnäppchenpreis an sich reissen. Befördert noch mit dem billigen Geld der Zentralbanken. Aus Vielfalt entsteht Einöde. Der konkurse Wirt darf in Zukunft Burger für einen Amerikanischen Multi braten. Die überschuldete Coiffeuse, Haare für eine hype Haarfabrik schneiden. Gross schluckt klein. Nicht neu – dank Corona nun aber mit Turbobooster. Solange niemand dagegen hält, gewinnt der Starke. 2020 waren das z. B. die 300 Reichsten Schweizer (+ 15 Milliarden) welche durch Steuergeschenke (Streichung der Emisionsabgaben) noch reicher werden. Dafür verloren die Ärmsten 19% ihres Einkommens. Wer genau hinschaut merkt rasch: Die „grosszügige“ Coronahilfe hilft nicht den Bedürftigen sondern den Banken, Immobilienbesitzern und sog. systemrelevanten Betrieben, wie der Swiss. Auf der Strecke bleiben all jene ohne Lobby in Bern, jene auf welchen die Pyramide steht.

Fast hätte ich noch den Brexit vergessen, der uns seit nunmehr fünf Jahren langweilt. Er findet am 31.12.2020 um 23:00 ein betrübliches Ende. Einen Vorgeschmack auf deren Vollzug durften die Briten kurz vor Weihnachten erleben, als Frankreich wegen des mutierten Sars-Virus ihre Grenzen schloss. LKW-Staus durchs halbe Land. Ob die Wähler damals wohl wussten, was sie erwartet? Gute Aussichten sehen anders aus. 2020 kann aber auch eine Chance sein. Viele haben gemerkt, dass es auch mit weniger geht. An vielen Orten konnte sich die Natur erholen. Die neu gewonnene Ruhe, lernten viele zu schätzen. Nicht zuletzt zeigt die Krise, wie wichtig ein funktionierender Staat, ein gut ausgebautes soziales Netzwerk und Solidarität ist. Es liegt an uns, dies einzufordern. Sapere aude – oder wie Horaz 20 vor unserer Zeit schrieb: Dimidium facti, qui coepit, habet: sapere aude, / incipe. Zu Deutsch: „Einmal begonnen ist halb schon getan. Entschließ dich zur Einsicht. Fange nur an!“

31.10.2020: Trotzphase

Eigentlich wissen wir es alle: Wir haben es vergeigt und jetzt erhalten wir die Quittung dafür. Wie könnte es diese Woche auch anders sein – es geht einmal mehr um diese Pandemie, die unser Leben seit nunmehr 9 Monaten dominiert. Es gäbe zwar tausende andere Themen – aber diese interessieren uns gerade nicht: Wir haben jetzt mit uns selbst zu tun.

Und genau da scheint mir auch das Problem zu liegen. Tag für Tag, Abend für Abend verfolgen wir in News und TV, wer sich gerade wieder etwas mehr beschissen oder übergangen fühlt, wer die noch grösseren Sorgen hat und wer alles sowieso besser weiss. Vom Tourisums, zur Gastrobranche bis hin zum Sportverein und der Eventbranche – nur Verlierer. Das Gezeter ist ohrenbetäubend. Die Tagesschau ist voll von jammervollen Gesichtern – mal mit, mal ohne Maske. Der Einzige der sich nicht um unsere (oder deren) Befindlichkeit schert, ist das Virus. Dieses verbreitet sich munter und unbeeindruckt weiter. Wer es übrigens noch nicht wissen sollte: Auch in unserer Familie.

Es gilt also nur noch „uns“. Jede*r ist sich selbst der Nächste. Schnell ist vergessen, dass weder Leichenberge unsere Strassen säumen, hier kaum jemand hungert (auch wenn die Kolonnen vor den Caritas-Essensausgaben bedrohlich länger werden), niemand einfach so auf der Strasse landet und wir in einem noch halbwegs funktionierenden Staat leben. Im Gegensatz zu hunderten Millionen andrernorts, die nicht auf die Sonnenseite des Planten geboren wurden. Statt über das Verlorene zu jammern, wäre es an der Zeit, sich über das was man hat zu freuen – es ist immer noch zehn mal mehr, als andere je haben werden. Ich weiss, es klingt moralisch – soll es aber auch!

Damit man mich aber richtig versteht: Ich bin der Ansicht, das jenen unbedingt geholfen werden soll, die unter den angeordneten Massnahmen leiden. Wer anordnet, trägt auch die Verantwortung, sollte man meinen und sagt uns unser Gerechtigkeitsempfinden. Instrumente und Geld hätte der Staat genug (mit nur 40% Staatsverschuldung gehören wir zu den Überprivilegierten). Vom Notkredit (von mir auch auch à fond perdu), zur Kurzarbeitsentschädigung (so lange wie nötig) oder gar einem bedingungsloses Grundeinkommen (wäre sowieso an der Zeit – dazu aber mehr in einem anderen Blog), ist vieles denkbar. Einiges wird auch gemacht – was jedoch fehlt, sind Perspektiven, welche Sicherheit vermitteln und die nahe Zukunft planbar machen. Gift für Wirtschaft und Gesellschaft. Schlimmer jedenfalls, als ein befristeter Lockdown, weil ohne Ende. Unser oberster Säckelmeister meint dazu allerding, uns fehlten weitere 30 Milliarden und hofiert Coronaleugnern, die sich polizeilichen Anordnungen wiedersetzen und deswegen festgehalten werden (https://www.watson.ch/schweiz/svp/716031429-ueli-maurer-setzt-sich-fuer-corona-leugner-ein). Erstaunt reibt man sich die Augen und wähnt sich im falschen Film. Ist ihm und seiner $VP die Gesundheit der Bürger wirklich scheissegal und die drohenden Steuererhöhungen für ihre Financiers wichtiger? Es scheint so! Was eine Durchseuchung bedeuten würde, sagen diese Hasardeure allerdings nicht – wir sprechen hier von 100’000 Toten. Wer das verantworten will, soll hervortreten – Danke.

Oder ist es einfach Trotz, die viele davon abhält zu begreifen, was da gerade passiert und was notwendig wäre – so quasi eine „persönliche Beleidigung“? Fehlt es an Krisenresilienz – daran, dass wir seit Jahrzehnten von solchen verschont wurden und verlernt haben uns in unsicheren Situationen zurecht zu finden – wir sind schliesslich kein Drittweltland? Versagt die Politik und seine Institutionen – oder gar das ganze System? Sind die Spitäler deshalb so schnell am Anschlag, weil man sie in den letzen Jahrzehnten „gesund“ gespart hat? Macht uns die Wissenschaft irre, die uns täglich mit neuen Erkenntnissen konfrontiert – oder doch nur einzelne Schwachköpfe die aus reinem Kalkül, Profitgier oder Besserwisserei die Verantwortung von sich schieben? Vermutlich von allem etwas!

Von Elisabeth Kübler-Ross, der berühmten Psychiaterin stammen die 5 Phasen der Trauerbewältigung (oder unsere Reaktion auf Verlust und Bedrohung). Diese sind der Reihe nach: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und die Akzeptanz. Genau gleich scheint es in dieser Pandemie abzulaufen, nur das alles gleichzeitig passiert. Die Leugner kennen wir von den unsäglichen Aufmärschen und dem Geschwurbel in den Sozialen Medien und Youtube. Für sie ist Corona bestenfalls Mittel zum Zweck, um uns alle zu versklaven. Zornig sind alle jene, welchen die Massnahmen den Boden unter den Füssen weg zieht. Die Politik verhandelt- zwischen den Empfehlungen der Experten und den Lobbyisten der Wirtschaft. Die Ängstlichen verkriechen sich zu Hause und werden depressiv. Nur akzeptieren will den Zustand (noch) niemand so richtig – bestenfalls hofft man auf einen baldigen Impfstoff. Nicht auszudenken, was passiert, wenn dieser auf sich warten lässt.

Im preisgekröhnten Film „Bridges of Spies“ von Steven Spielberg meint der Russische Spion, der nach Russland abgeschoben wird auf die Frage, ob er denn keine Angst hätte: „Würde etwas ändern, wenn ich Angst hätte?„. Ganz ähnlich Angela Merkel, die meinte „Wenn Aufregung helfen würde, würde ich mich aufregen!“ Besser kann man „Gelassenheit“ oder eben die Erkenntnis, dass man unveränderliche Dinge weder wegwünschen noch bekämpfen, sondern nur akzepteren und sich damit arrangieren kann, nicht zum Ausdruck bringen. Ich frage mich, ob wir diese Stufe in der Pandemie je erklimmen werden? Ich fürchte nicht – zumindest nicht als Gesellschaft.

So liegt es wohl an jedem*r Einzelnen sich mit dem „neuen Normal“ unter Pandemiebedingungen zu arrangieren. Auf Rettung durch Politik oder Wissenschaft zu hoffen endet in einer Sackgasse. Warten endet für gewöhnlich im Abseits (auch hier gilt: wer stehen bleibt, bleibt zurück). Bleibt die Hoffnung – auf einen Impfstoff, Hilfe oder das Danach – bis dahin tun wir aber gut daran zu akzeptieren und uns zu arrangieren. Um aber die Politik(er) nicht aus ihrer Verantwortung zu entlassen, heisst das auch, sie an ihre Verantwortung zu mahnen – also Überbrückungshilfen, Schutz und Vorsorge. „Gouverner c’est prévoir“ (regieren heisst vorausschauen), heisst es im Französischen. Davon ist momentan leider wenig zu spüren. Die Politik ist offensichtlich noch in der Phase des „Verhandelns“, bzw. laviert zwischen den Interessensgruppen. Darüber freut sich dar Virus und durchseucht munter Städte, Dörfer und Gemeinden.

Wer meint mit Trotz (und allem was dazu gehört) diese Krise meistern zu können, macht sich nicht nur lächerlich, sondern verhindert auch Lösungen. Lösungen die uns helfen diese Krise zu bewältigen – sei es wirtschaftlich oder sozial. Ich plädiere deshalb für mehr Gelassenheit und nehme mich gleich selber an der Nase. Auch ich (wir) habe*n überreagiert und uns fast gänzlich aus dem sozialen Leben zurück gezogen. Das tut nicht gut – weder uns, noch Familie und Freunden. Wir lernen gerade, wie wir es besser machen können. Behandeln wir den Käfer einfach wie einen ungebetenen Gast. Also bitten wir ihn nicht mehr an den Tisch, meiden seine Gesllschaft, und geben wir ihm keine Gelegenheit sich breit zu machen. Treffen wir uns einfach nur noch in kleinem Kreis, geniessen gutes Essen, ein Glas Wein, gute Gespräche und meiden grosse Ansammlungen. Der Widerling vwird auch dann nicht über Nacht verschwinden, aber er wird uns nach und nach meiden. Und so hoffen wir alle, dass wir bald ein Kraut gegen den Fiesling gefunden haben. Bis dahin heisst es aber durchbeissen – mit Gelassenheit und der Freude auf alles was wir haben. Das wäre vielleicht ein Ansatz, der uns mehr bringt als trötzeln, motzen und jammern – das überlassen wir den 3-jährigen vor der Ladenkasse.

16.10.2020: Heureka!

Heureka!

Nackt lief er vor über 2000 Jahren durch die Stadt Syrakus und rief Heureka! Die Erkenntnis kam ihm beim Besteigen seiner Badewanne. Endlich wusste er, weshalb Schiffe schwimmen und Steine absaufen. Archimedes entdeckte den Auftrieb bzw. die Verdrängung. Auch heute gilt dieser Ausruf noch als Zeichen grosser Freude, wenn man zu einer Erkenntnis gelangt. Heureka! Schau mal her, wie schlau ich bin! Ganz im Gegensatz zu seinem griechischen Verwandten und Philophen Sokrates, der meinte: „Ich weiss, dass ich nichts weiss“ oder noch deutlicher Albert Einstein mit: „Je mehr ich weiss, desto mehr erkenne ich, dass ich nichts weiss„. Ein Bescheidenheit und Demut, die wir zur Zeit alle ziemlich vermissen. Viel lieber schreien wir Heureka! Aber was haben wir eigentlich entdeckt?

Jede*r ist heutzutage ein Experte. Schliesslich gibt es ja Google, Youtube und Wikipedia. Alles Wissen dieser Welt „frei Haus„. Dumm nur, dass das geballte „Wissen“ der digitalen Welt nicht nach Wahrheitsgehalt kategorisiert und gekennzeichnet ist. Dummheit, Falschheit, Lügen und Schwachsinn stehen gleichberechtigt mit Wissenschaft, Wahrheit, Fakten und seriöser Berichterstattung – nein – dank der allmächtigen Algorithmen der Techgiganten sogar noch vor diesen. Aufreger und Skandale waren ja schon immer spannender als der normale Alltag. Und schon sind wir mitten im heutigen Thema: Wieder einmal Corona – das musste ja sein.

Und ich schreibe einmal nicht über jene, die das Virus leugnen und meinen, Masken wäre nur was für Weicheier oder schlimmstfalls ein Zeichen einer allmächtigen Diktatur. Angesichts der explodierenden Fallzahlen verstummen diese sowieso und geben sich der Lächerlichkeit preis. Viel bedeutsamer und wichtiger scheint mir die Frage, wie es eigentlich zu dieser 2ten Welle kommen konnte. Wobei ehrlicherweise auch diese Frage müssig ist – wer die Augen offen hielt, hat es kommen sehen. Seit dem Ende des eigentlichen Lockdowns (oder was als solcher bezeichnet wurde), lavieren die Politiker zwischen der einen Branchenlobby und er andern. Gegenüber dem Bürger gilt das Prinzip Hoffnung (auch bekannt als Eigenverantwortung). Begleitet wird der Zirkus von einer „Debatte“ um Masken oder nicht, bzw. darf man der Wissenschaft (noch) glauben oder sind alle von Bill Gates geschmiert.

An epidemologischen und historischem Wissen mangelt es wahrlich nicht. Auch Zeit hatten wir genug – neun Monate, um genau zu sein – seit das Virus in Wuhan wütete. Die spanische Grippe (50+ Millionen Tote) ist gerade mal 100 Jahre alt. Die Quarantäne kennt man seit der Antike als Massnahme zur Eindämmung von Seuchen und die Wissenschaft warnt nicht umsonst seit Jahrzehnten vor Epidemien und Zoonosen (von Tieren verursachte Krankheiten). Die Pandemie trifft uns also nicht ganz „unvorbereitet„, wohl aber „unerwartet„. Unerwartet, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass es für alles eine Instant-Lösung gibt (die Antwort liegt immer nur einen Klick weit weg) oder es eh nur die Ärmsten – weit weg in Afrika (Ebola) – trifft. Umso härter und tiefer der Fall. Denn, was ist schlimmer in einer „Rundumsorglosgesellschaft„, als Verunsicherung, die Infragestellung von „Gewissheiten“ und des eigenen Lebensstils? Nichts!

Dabei sind wir, global betrachtet, noch in einer äusserst komfortablen Lage. Hier hungert niemand wegen Corona – weltweit schätzt man die Corona-Hungernden auf mittlerweile 270 Millionen, Tendenz stark steigend. Wir haben ein (noch) funktionierendes Gesundheitssystem, einen Sozialstaat, volle Kassen (40% Staatsverschuldung ist im Vergleich ein Klacks) und viele Freiheiten. Dinge, die an den meisten Orten dieser Welt – selbst im reichen Amerika – längst nicht mehr selbstverständlich sind. Dazu eine Politikerkaste, die sich wahlweises als ignorant, verantwortungslos, bösartig und dumm gebärdet. Spitzenreiter einmal mehr der Auferstandene im Oval Office, sekundiert von den üblich Verdächtigen im brennenden, brasilianischen Pantanal, der geldgierigen City of London und dem südlichen Afrika mit ihren bigotten Despoten. Wer solchen Vorbildern nacheifert (Roger Köppels Weltwoche sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt) braucht sich um den Schaden nicht wundern.

3105 Infizierte meldet das BAG heute. Ich fürchte nächste Woche sind es dann 4500, dann 6000, 12‘000 … – falls wir so weiter wursten, wie diesen Sommer. Viel zu spät reagieren die kantonalen Gesundheitsdirektoren und auch dass nur halbherzig. Das Contact-Tracing hat (bei allem Wohlwollen) vermutlich schon längst das Handtuch geworfen. Niemand wagt sich an einen zweiten Lockdown – auch wenn die Zahlen längst dafür sprechen (die Ansteckungszahlen sind doppelt so hoch, wie im März). Die Angst vor politischem Gesichtsverlust und Ärger mit den Branchen, Wirtschaftsverbänden und ihren Lobbyisten im Parlament, verhinderen griffige Massnahmen. Dazu kommt die Angst vor den nächste Wahl – schliesslich will man ja wiedergewählt werden. Das Virus wütet also praktisch ungebremst. Mit Positivitätsraten von deutlich über 10% (als0, 1 Infizierter auf 10 Getestete) ist die Dunkelziffer bei mind. Faktor 5. Wir reden also nicht von 3000, sondern von 15’000 tatsächlich Infizierten (das wäre also 1 auf 100 pro Tag und jeder steckt momentan bis zu 1,5 weitere an). Zum Glück waren es bisher eher Junge, die sich ansteckten, sonst wären die Spitäler schon längst kollabiert. Zustände wie im überfüllen Kantonsspital Schwyz dürften wir schweizweit dann ab mitte/ende November haben – sagt uns die Erfahrung und die Statistiker. Aber noch herrscht das Prinzip Hoffnung.

Jetzt, wo die 2te Welle abhebt und sich auch von hartnäckigsten Ignoranten nicht mehr leugenen lässt, kriechen die 26 Gesundheitsdirektoren aus ihren Löchern und verkünden Massahmen – für nächste Woche und so. Mit ernstem Gesicht, völlig perplex hinken sie dem Empfehlungen der Experten hinterher – viel zu spät und mit vielen unverständlichen Ausnahmen selbstverständlich. Am besten noch von Dorfplatz zu Dorfplatz verschieden – man ist ja so stolz auf den Föderalismus. Appelle statt griffige Massnahmen – Fussball und Hokey mit über 1000 Besuchern sind ja sooooo systemrelavant – Eigenverantwortung (die beste Ausrede um die Verantwortung von sich zu schieben) soll es richten. Besser der Bürger hat ein schlechtes Gewissen, als der Fussballclub eine leere Kasse. Ich kann es echt nicht mehr hören!

Damit man mich richtig versteht: Eine Pademie bekämpft man entweder gemeinsam (und da zählt auch das Verhalten jedes Einzelnen) oder man lässt es! Was fehlt, sind einheitliche, verständliche Regeln und deren Durchsetzung – auch als FÜHRUNG bekannt. Es fehlt an der Demut, sich Unwissen und Unvermögen einzugestehen. Es fehlt an der Erkenntnis (Heureka!), dass wir nicht alles per Mausklick vom Tisch wischen können, dass uns hier die Natur den Meister zeigt und wir uns entweder anpassen oder aber scheitern. Wenn wir das erkannt haben, wäre Jubel und ein herzhaftes Heureka! angebracht.

Eine Überdosis Globuli

Ich „leide“ unter einem „Overload“ (zu Deutsch: zu schwer beladen). Nein – ich bin nicht mit Arbeit oder Terminen überladen, auch nicht mit schweren Problemen, Streit oder anderen Belastungen, die das Leben schwer machen. Es gibt schlicht zu viele Themen, die mir unter den Nägeln brennen. Dazu mein Anspruch, nicht immer in den gleichen Wunden zu bohren, von etwas zu berichten, was uns nahe liegt und nicht langweilig zu werden. Was also liegt diese Woche nahe und erfüllt meine Ansprüche? Die Gewaltausbrüche in Amerika, nach erneuter Polizeigewalt gegen einen Schwarzen? Betrifft uns das hier? Trumps Twitterkanonaden über seinen Herausforderer Joe Biden? Nicht wirklich aufregend, er twittert sich seit Jahren die Finger wund – es hat sich totgelaufen. Vielleicht Weissrussland und die getürkten „Wahlen“? Da müssten wir erst mal nachschauen, wo dieses Belarus eigentlich liegt. Doch über den Parteitag und die Wahl des neuen Präsidenten der $VP berichten? Ich befürchte, dass sich auch mit italienischem Akzent nicht viel ändert in dieser Partei. Oder doch etwas über Greta Thunberg, die seit Montag wieder zur Schule geht? Da wären wir wieder beim Klima – zwar wichtig, aber nicht besonders originell. Ich könnte auch über die Maskentragpflicht in den Läden von Genf bis Zürich berichten? Oder doch über Berlin und die angedrohten Demonstrationen der versammelten Neonazis gegen Staat und Masken? Da wären wir dann wieder bei Corona. Auch mehrfach kommentiert. Und wie sagte Alt-$VP-Präsident Rösti letzte Woche: „Wenn wir nicht mehr über Corona reden, verschwindet es von selbst“. Etwa so intelligent, wie sich darüber zu freuen, dass Greta nicht mehr die Schlagzeilen beherrscht und meint damit wäre das leidige Thema „Klimakrise“ erledigt.

Ein sehr guter Freund von mir liest seit Jahren weder Zeitungen, noch hat er eine Newsapp auf seinem Handy installiert. Ebenso meidet er Tagesschau, Reportagen und Newssendungen am Fernseher. Er schützt sich damit vor dem Infomüll, der uns täglich vor die Haustür, den Bildschirm, und ins Handy gekippt wird. Seine Ruhe sei ihm wichtiger, als die Welt – wie er meint. Die „Welt“, Corona, Unruhen, Gewalt und das Klima bleibt draussen vor der Tür – Thema also erledigt? Wenn es nur so einfach wäre!

Dummerweise hält sich „die Welt“ nicht an unsere Befindlichkeiten. Diese dreht sich unverdrossen weiter und konfrontiert uns täglich mit Ereignissen, die wir weder geplant, erhofft noch erwartet haben. Und selbstverständlich ist es für uns hier kaum von Bedeutung, wenn ein Hühnerstall auf Kiribati abbrennt, ein Bach in Kleinlützel über die Ufer tritt oder die Grossmutter einer deutschen Schlagersängerin stirbt. Anders ist es mit News aus Politik und Wirtschaft. Auch wenn wir diese für korrupt, verdorben und wenig glaubwürdig halten – früher oder später trifft es uns. Sei es, dass wir dafür die Rechnung erhalten oder auf die Strasse gestellt werden. Darüber Bescheid zu wissen, kann also nicht schaden.

Eine „Alles-oder-nichts-Strategie“ (ich verweigere mich ganz oder ich lasse mich zumüllen) ist keine befriedigende Lösung. Bleiben also noch Filter und/oder die Selbstdisziplin. Doch beide stehen auf wackeligen Füssen. Filter sind willkürlich und Selbstdizipin meist von kurzer Dauer. Die Alternative zwischen Globuli und einer Überdosis gleicht daher eher einem Dilemma, als einer Wahl. Bleiben noch die Kapitulation oder die Flucht in die Dunkelkammern der „Erleuchteten“ und selbsternannten „Weltenretter“. Alternativen, die sich momentan einer gewissen Beliebtheit erfreuen – zumindest wenn man die Sozialen Medien (wie z.B. Facebook und Zwitter) zum Massstab nimmt. Wie ein Seismograph registrieren diese Themen, Debatten und Befindlichkeiten, verstärken diese und werfen ein grelles Licht auf den Zustand der Gesellschaft. Aktuelle Diagnose: „Psychotischer Schub mit unspeziefisch somatischen Schmerzen“. Zu Deutsch: Realitätsverlust, Ich-Störung, Heulen und Zähneklappern“.

Ob die Ursache wirklungslose Globuli, die Irrungen und Windungen der Labyrinthe und Dunkelkammern oder eine Überdosis Müll ist, lässt sich nicht feststellen. Festellen lässt sich einzige der blamable Zustand. Da rotten sich Impfgegner gegen nicht existierende Impfungen zusammen, leugenen selbsternannte Virologen und Youtube-Akademiker die Existenz von Viren, „wissen“ andere von gefangenen und gefolterten Kinder in Tunnels, deren Blut von den Mächtigen dieser Welt zur Verjüngung getrunken wird und andere fürchten sich vor Sommarugas (oder Merkels etc.) Diktatur. „Denk mal selber nach“ – Fakten belanglos – Diskussion beendet. Wären es ein paar Spinner, könnte man zur Tagesordnung übergehen. Die Zahl der Verrückten aber steigt von Tag zu Tag. Dazu zählen selbst $VP-Delegierte, die sich einen Deut um Schutzkonzepte scheren und sich zu Hunderten ungeschützt in einen Saal zwängen. Und in Deutschland sind es Zehntausende, die den Aufstand proben. Die „Befreiung“ findet angeblich am nächsten Samstag in Berlin statt – zusammen mit AfD, Neonazis und dem Freundeskreis „Globuli gegen Aids“. Im Gegensatz dazu jene, die sich noch immer kaum aus dem Haus wagen, täglich die Infizierten zählen und Unmaskierte am liebsten wegsperren würden. Vergleichbar mit dem 30-jährigen Krieg, als sich Protestanten und Katholiken meuchelten, trennt Covid-19 Gläubig und Ungläubige in zwei Lager. Die Eingangstüren werden gerade zugemauert.

Ähnlich bei anderne Themen. Hier und weltweit. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden zur Glaubensfrage. Glaube ersetzt Fakten. Auch wenn die Gletscher schmelzen, die Wälder brennen und das Meer steigt – Mumpiz – die Klimalobby (wer ist das eigentlich?), an deren Spitze ein 17 jähriges Mädchen aus Schweden steht, will uns nur das Auto vemiesen und unser sauer verdientes Geld aus der Tasche ziehen. Flüchtlinge? War da nicht mal was im Mittelmeer? Rassismus? Bei uns doch nicht und überhaupt, die Schwarzen sind entweder kriminell, gewalttätig oder beides. Demokratie? Ist was für Politiker, ich habe besseres zu tun. Wann endlich öffnet der Ballermann wieder – ich will hier raus!

Überdosis oder Globuli. Das Eine macht krank, das andere nicht gesund. Zu viel Informationen überfordern und treiben uns in den Wahnsinn. Sie zu ignorieren, führt uns in die Isolation und macht uns zu Egoisten. Sie durch FakeNews zu ersetzen, wiegt uns in falscher Sicherheit und treibt uns in die Fänge selbsternannter Gurus, Führer und Scharlatane. Was bleibt uns noch?

Ich kenne nur eine wirksame Therapie. Miteinander reden. Zuhören. Von einander lernen. Sich einfühlen. Andere Standpunkte verstehen lernen. Aber sich auch abgrenzen. Abgrenzen von jenen, die meinen sie hätten die alleinige Wahrheit gepachtet. Kritik an jenen, die in die Irre laufen und Kampf gegen jene, die uns ihr Weltbild aufzwingen wollen. Ein Überdosis Globuli ist genau so schädlich, wie eine Überdosis Schlaftabletten. Beide bringen uns um.

31.07.2020: Die nicht gehaltenen 1. August-Rede 2020

Vor einem Jahr hatte ich die Ehre und das Vergnügen in Berg am Irchel mein Debüt als 1. August-Redner zu geben. Das Thema war vorgegeben: 80 Jahre Landihaus – über die Odyssee eines Hauses, von der Landi 1939 bis an den heutigen Standort, im Dorfkern von Berg am Irchel. Eigentlich ein unverfängliches Thema. In einer Gemeinde mit über 50% SVP-Wähleranteil, für einen „Linken und Netten“ wie mich, trotzdem eine Herausforderung – schliesslich erwartet man ja am 1. August ein Lob auf unsere Heimat, etwas Pathos, Selbstlob und die Ermahnung das Alte und Bewährte zu bewahren. Standpauken über Krisen, Misstände und Versäumnisse könnten die Festlaune verderben. Ich bemühte mich deshalb umso mehr um den „richtigen Ton“. Ich denke, es gelang mir ganz ordentlich – die faulen Eier blieben in der Tüte.

2020 ist anders. Erstmals seit 120 Jahren (der 1. August wird erst seit 1899 in der ganzen Schweiz gefeiert) finden dieses Jahr kaum 1. Augustfeiern statt. Zum grossen Leidwesen aller Patrioten hat ein fremder unbekannter Feind das Zepter übernommen. Im annus horribilis 2020, macht Corona selbst das Unmögliche möglich und so bleibt ausgerechnet in einem Jahr, wo es wahrhaft viel zu sagen gäbe, vieles ungesagt. Darum sage ich hier, was ich zu sagen hätte.

Liebe Festgemeinde

Was gibt es dieses Jahr am 1. August zu feiern, mögen sich viele fragen. Gut – Geburtstage feiert man auch wenn man im Krankenbett liegt – trotzdem ist die Feierlaune getrübt und im schlimmsten Fall hat der Arzt auch noch Bier und Bratwurst verboten. Ich brauche den Übeltäter kaum zu benennen – er ist allgegenwärtig. Blöd ist, er will und will einfach nicht verschwinden – da helfen weder laute Parolen, Forderungen noch Parteitagsbeschlüsse. Das Zepter schwingt ein unsichtbares Nichts – ein Virus weist uns in unsere Schranken. Ein Umstand der offensichtlich vielen zu schaffen macht. Rücksicht auf Befindlichkeiten, Verordnungen oder politische Augenwischereien, sind dem Käfer aber in etwa so fremd, wie mir Chinesisch.

Wir können natürlich ins Lamento der Bedenkenträger, der Weltuntergangspropheten oder dem der Sozialdarwinisten einstimmen. Wir können die Chinesen, 5G, die WHO oder Bill Gates verantwortlich machen. Ja selbst die Existenz von Covid-19 und der Pandemie, mit all ihren Toten, lässt sich leugnen. Der Seuche ist es egal – sie gedeiht prächtig und hat heute die 17-Millionengrenze, unbeeindruckt von jeglicher Verharmlosung und „zurück zur Normalisierung Rufen“ geknackt. Bevorzugt grassiert sie an Orten, in denen sie am lautesten ignorieret und geleugnet wird – bei Nachtclubbesuchern, in Deutschen Fleischfabriken, in Bolsonaros Brasilien und Trumps Amerika. Noch selten wurden Leugner und Idioten so gnadenlos vorgeführt. Man könnte also meinen, es wäre uns allen eine Lehre und schliesslich halten wir uns für einen „Sonderfall“ und wähnen uns als weit gescheiter als der Rest der Welt. Doch weit gefehlt. Auch hierzulande greift die Faktenresistenz um sich und es wird eifrig im Chor einer Allianz aus Aluhüte, Narzissten und rechtsextremen Pack, mitgesungen. Dass es immer welche gibt, die hinterher alles besser wissen, ist nicht neu. Neu ist jedoch der massenhafte Rückfall ins tiefste Mittelalter, als Wissenschaft noch Alchemie und Heilkunde noch Hexenwerk war. Erklärungsversuche für ein derart irrationales Verhalten gibt es viele – für mich sind es Zeichen einer Überforderung. Was nicht sein darf – ist nicht – also wird es geleugnet oder mit abstrusen Theorien ins eigene Weltbild integriert.

Auffallend sind die Parallelen zur Leugnung die Klimakrise. Bereits vermelden Exponenten der SVP euphorisch, diese fände nun definitiv nicht statt – der Sommer 2020 sei so kalt wie anno 1984. Für jene deren Welt am Hochrhein endet, eine durchaus plausible Meinung, schliesslich macht mich der heutige Salat auch nicht dick und die Pasta der letzten Monate ist längst verdaut. Leider aber kümmert sich auch das Klima nicht um Meinungen und hält sich stur an die Physik. Unbekümmert lassen Rekordtemperaturen den Permafrost in Sibirien schmelzen, droht der Drei-Schluchten-Damm im Jangtse nach Rekorniederschlägen zu brechen, sind Millionen der Flut ausgeliefert und der Amazones brennt einmal mehr, wie nie zuvor. Das solche Ereignisse von den Klimawissenschaftlern seit Jahren prognostiziert werden, ist selbstverständlich Zufall. Nur gut hält sich Greta und die Klimajugend an die Pandemiemassnahmen, sonst wäre es aus mit der Beschaulichkeit und Ruhe.

Wer kann den Wunsch danach nicht verstehen? Es läuft oder lief ja alles so schön in geordneten Bahnen. Zu klagen gab es höchstens etwas über die lärmige Nachbarschaft, die ungebetenen Asylbewerber, die uns auf der Tasche liegen, der Schliessung der Postfiliale und die hohen Krankenkassenprämien. Man will bewahren und wählt jene, die uns am glaubhaftesten versichern, sie wären jene, die dafür sorgen, dass alles bleibt wie es ist. Nicht umsonst gilt die Schweiz mit einer seit Jahrzehnten, soliden, stabilen bürgerlichen Mehrheit als konservativ. Dieser Konservatismus konnte uns allerdings weder vor Corona, dem Klimawandel, der Digitalisierung, der Zuwanderung noch der Zubetonierung der Landschaft bewahren. Im Gegenteil – es ist genau diese Geisteshaltung und ihre politischen Exponenten, welche uns dies beschert haben. Nicht nur hier in der Schweiz – weltweit. Würden die sog. Konservativen wirklich bewahren, so wie sie behaupten und sich aus dem Wortsinn ergibt, würde wie Welt anders aussehen. Die Vermutung, dass konservativ ein Etikettenschwindel ist, liegt nahe. Die wirklichen Bewahrer (und damit Konservativen) müssen wir heute bei den Linken und Grünen suchen. Diese wollen Klima und Umwelt schützen, Arbeitsplätze vor Digitalisierung und Abwanderung in Billiglohnländer bewahren und sind die vehementesten Befürworter des bewährten Service Public. Ihnen die Absicht die Schweiz mit unnötigen Gesetzen und Vorschriften oder gar einem EU-Beitritt in den Ruin zu treiben, ist also ein ziemlich billiges Ablenkungsmanöver.

Weltweit sieht es auch nicht besser aus – im Gegenteil. Im Vergleich zu den Hochburgen des Internationalen Wahnsinns, ist die Schweiz tatsächlich eine Idylle. Immerhin das könnten wir feiern. Aber eben – unter den Blinden ist der Einäugige bekanntlich der König. Eines aber haben wir vielen Ländern voraus – wir können ungehindert unsere Meinung sagen. Ein Privileg das wir nutzen und schützen sollten. Wir werden es garantiert noch brauchen.

10.07.2020: Realitätsverweigerung

Realitätsverweigerer

Wir leben in komischen Zeiten. Wir geben Milliarden für Universitäten, Wissenschaft und Forschung aus. Dank dieser haben wir Handy, Internet, Impfstoffe, Flugzeuge, Antibiotika und Kläranlagen. Keine Woche vergeht, ohne neue Erkenntnisse. Der technische Fortschritt hat unsere Lebenserwartung in nur 100 Jahren verdoppelt. Genug Grund also sich zu freuen – würde man meinen. Das grosse ABER aber folgt sogleich.

Wie mit allem was da ist, so ist es auch mit oben beschriebenen Errungenschaften – sie sind selbstverständlich. Erst wenn etwas fehlt, erkennen wir ihren Wert. Insofern ist die Corona-Pandemie eine gute Lehrmeisterin – oder sollte und könnte es sein. Denn was wir zur Zeit erleben ist nicht die Hochblüte der Erkenntnis und der Besinnung, sondern eher das Gegenteil. Wohin man schaut, dominiert eine schon fast schizophrene Realitätsverweigerung. Damit meine ich nicht nur den krankhaften Lügner im Oval Office, der sich seine eigene Welt schafft und in seinem Wahn ein ganzes Land in den Abgrund reisst – ich meine auch nicht die kruden Verschwörungstheoretiker, die die mir ziemlich auf den „Sack“ gehen. Wilde Geschichten und Sündenböcke gab es schon im Mittelalter – da waren es je nach Geschmacksrichtung die Juden oder Hexen. Sind wir 2020 wirklich noch nicht weiter ? Hat die Aufklärung so krass versagt? Finanzieren wir dafür Schulen und Universitäten? Antworten habe ich keine – ins Grübeln bringt es mich aber auf jeden Fall. Was mich aber noch weit mehr irritiert, ist der naive Glaube, wir könnten diesen Albtraum wegzaubern, als wäre nichts geschehen.

Ich verstehe natürliche die behagliche Beharrlichkeit, am alten Bekannten festhalten zu wollen. Die Bequemlichkeit, die mit dem Gewohnten verbunden ist ein starkes Argument. In dieser Hinsicht, leben wir aber in miesen Zeiten. Kaum je in der Geschichte hat sich so vieles auf einmal, so schnell verändert wie in den letzten Jahrzehnten und es ist zu befürchten, dass es nicht langsamer wird. Die Pandemie wirkt dabei noch als Brandbeschleuniger. Das zeigt sich tagtäglich – auch im beschaulichen Dorfleben am Rande der Schweiz. Wie immer unangekündigt, ungewollt und verwirrend.

Ich habe mich in den letzten Wochen mehrfach zur Digitalisierung des Alltags geäussert, die ungefragt über Viele „hereinbricht“ und viele ratlos zurück lässt. An der Migros-Kasse, im Hoflädeli, am Parkautomaten – überall wird man aufgefordert, bargeldlos zu zahlen – aber was ist Twint? Sogar die Abschaffung des Bargeldes wird prognostiziert. Namhafte Ökonomen meinen schon 2030… Die viel gerühmte Marktwirtschaft hat dafür allerdings keine Volksabstimmung vorgesehen – „technische Revolutionen“ fanden oder finden in der Regel ohne die Stimmbürger statt. Die Abstimmung findet später, über das Portemonaie, statt. Nix also mit Behaglichkeit und weiter so – es heisst sich anpassen oder „untergehen“.

Und dann wäre da noch die Sache mit der eMobility – sprich Elektroautos. Da meine alte Karre letzte Woche den Geist aufgab, erkundigte ich mich beim Garagisten wegen eines Elektroautos. Nicht nur des Klima wegens (das aber hauptsächlich), sondern weil Benzin garantiert immer teurer werden wird (CO2-Abgabe) und es bereits zahlreiche Länder gibt, die schon bald weder Diesel noch Benziner zulassen werden (Norwegen z.B. schon 2025). Es ist also eine Frage der Zeit, bis es auch hier soweit sein wird, schliesslich hat die Schweiz das Pariser-Abkommen ebenfalls unterzeichnet. Doch weit gefehlt. „Bevor ich ein e-Auto verkaufe, schliesse ich die Garage“ bekam ich zur Antwort. e-Autos sind unser Tod (der Garagisten), eigentlich müssten wir alle auf die Barikaden gehen….. Ich war daraufhin einigermassen sprachlos, verstand dafür, warum ich kaum je Inserate für solche Fahrzeuge im lokalen Gratisanzeiger finde – umso mehr dafür, für übermotorisierte Boliden aus München und Stuttgart. Auch hier also behagliche Beharrlichkeit. Dazu fällt mir nur ein Zitat des letzten Deutschen Kaisers ein, der irgendwann um 1900 gesagt haben soll: „Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.“ Heute lebt Deutschland von der Autoindustrie.

Wir alle wissen: Leben heisst Veränderung – sind dann aber einigermassen überrascht, wenn es uns selber trifft. Auch wenn vieles voraussehbar ist, so trifft es uns meist ungefragt. Unsere Reaktionen sind dementsprechend. Je nach „Typ“ sind wir irritiert, verängstigt, ratos oder wütend. Gerade in turbulenten Zeiten, wo alles zusammenzubrechen scheint, wo Gewohntes verschwindet und sich das Neue fremd anfühlt, ist Realitätsverweigerung ebenso weit verbreitet. Ja, ich würde sogar behaupten, das gängige Verhaltensmuster der Mehrheit. Der Strauss ist bekannt dafür, dass er bei Gefahr den Kopf in den Sand steckt (ich vermute mal es ist ein Märchen – aber egal), wird den Angriff der Hyänen aber trotzdem nicht überleben. Wie schnell diese von der Realität eingeholt werden, zeigt einmal mehr Covid-19. Wer das Virus leugnet oder negiert wird von diesem schneller eingeholt, als er/sie bis drei zählen kann. Das muss gerade Bolsonaro lernen, aber auch all jene, die meinen sie könnten dem Käfer in den Zürcher Clubs ein Schnippchen schlagen. Realitätsverweigerung hat einen hohen Preis.

24.06.2020: Weit weg!

Auch bekannt als „Sankt Florians-Prinzip“, ist das Leitmotiv der Stunde. Besser gesagt, es ist bei vielen Verantwortungsträgern ein weit verbreitetes Prinzip. Aber nicht nur dort. Auch wir wünschen uns oft in Ruhe gelassen zu werden und wünschen uns lästige Probleme weit weg. Sei es Corona, die Klimakrise oder den lästigen Chef – es gibt nichts, was wir uns nicht weg wünschen könnten. Solange es andere betrifft (dafür soll eben Sankt Florian sorgen) – nicht mein Problem. Der (fromme) Wunsch ist menschlich und verständlich – leider aber vergebens. Lästige Probleme haben die Eigenschaft uns zu verfolgen. Wenn nicht jetzt, so später. Und gerade dieser Tage scheint es, als würde sich ein ganzer Kübel sorgsam entsorgter Probleme über uns ergiessen. Corona – weit weg – mitnichten, noch nie gab es weltweit mehr Ansteckungen als diese Woche. Klimakrise – weit weg – Greta Thunberg ist verstummt und trotzdem erlebt Sibirien den heissesten Sommer seit Menschengedenken, der den Permafrost tauen lässt. Rassismus – weit weg – Black Lives Matter holt uns auf den Boden der Realität zurück. Und dann gibt es auch noch Firmen, die sich Kunden möglichst weit weg wünschen – eine Geschichte über den Versuch, eFinance der Schweizer Post einzurichten.

Weit weg

Weit weg ist Corona. Irgendwo in einer Fleischfabrik im Norden Deutschlands, im Amazonas bei den Indigenen und den Slums von Lima. Noch viel weiter weg die drohende Klimakatastrophe. Selbst wenn die dürren Fichten mahnend in den Wäldern stehen, so findet diese bestenfalls weit weg, irgendwo hinter dem Ural statt, wo der Permafrost taut und tausende Tonnen Diesel die Taiga vergiften, weil der Boden taut, oder wo wieder einmal halb Sibirien brennt . Weit weg – betrifft uns nicht! Dank Corona ist sogar die „nervige Göre“ aus Schweden verstummt und FridaysForFuture bleibt zu Hause.

Was nicht in den Schlagzeilen steht, findet nicht statt. Weit weg auch Politiker aus nah und fern. Und selbst im Mikrokosmos des drögen Alltags ist die „Weit-weg-Philosophie (auch als Sankt Florians-Prinzip bekannt)“ eine feste Grösse. Wer’s nicht glaubt, der soll doch bitte mal den Kundendienst der Schweizer Post Finance anrufen. Spätestens nach der 7ten Entschuldigung durch den sprechenden Computer, wird er merken, wie weit weg die Post von ihren Kunden ist. Wenn er dann noch e-Banking aktivieren will, hat er diesbezüglich keine Fragen mehr.

Wer wünschte sich nicht auch manchmal „weit weg“ zu sein? Weit weg vom Stress, dem Ärger, der nervigen Arbeit oder dem langweiligen Alltagstrott. Weit weg – in den Ferien, auf einem Kreuzfahrtschiff, einem Sandstrand oder einfach nur zu Hause in den eigenen vier Wänden. Was im privaten Alltag Ausdruck von Überdruss oder (im positiven Sinne) Veränderungswille ist, ist gesellschaftlich ein Gen-Defekt. Wer als Firmenchef, Manager, Politiker oder sonstige/r Verantwortungsträger/in meint, mit verdrängen, verleugnen und „weit wegwünschen“, liessen sich Probleme aus der Welt schaffen, hat in solchen Positionen nichts verloren. Führung und Verantwortung sind nicht umsonst Zwillinge.

Kopfschütteln und Stirnrunzeln bereiteten mir im Moment aber nicht nur die Rekordzahlen neu infizierter Covidfälle (weltweit über 180’000 an einem Tag). Diese können mir persönlich egal sein – sie sind ja „weit weg„. Auch Flüchtlinge in Elendslagern auf griechischen Inseln – „weit weg„. Und was kümmern mich 20’000 Tonnen Diesel in den sibirischen Flüssen und die 6000 Waldbrände hinter dem Ural – „weit weg„, es sind ja nur Schlagzeilen. Kaum gelesen, schon vergessen.

Oft höre ich, ich würde mir zuviel Sorgen machen – weil eben, was kümmert dich das – es ist ja weit weg. Dummerweise ist die Erde rund und alles kommt irgendwann zurück. Sei es das Pestizied auf den Gemüsefeldern ins Trinkwasser, das verfütterte Antibiotika ins Schweinsschnizel auf meinem Teller oder das CO2 in der Luft, als Jahrhundertsommer. Wie alles miteinander verbunden ist, sollte uns eigentlich Corona gezeigt haben. Wir tun gute daran, daraus zu lernen.

Es braucht aber nicht immer Katastrophen und Pandemien um Sankt Florian zu begegenen. Wohin wegschauen und weg wünschen führt, erleben wir auch in den kleinen Dingen des Alltags. Wie eingangs erwähnt, bieten sog. Kundendienste und Digitalangebote von grossen Serviceanbietern (im obigen Beispiel die Schweizer Post Finance) abschreckende Beispiele. Offensichtlich nach dem Motto: „Was kümmern mich meine Kunden, diese sind ja weit weg„, werden Lösungen angepriesen (in obigen Fall eFinance der Post), welche den Durchschnittskunden in den Wahnsinn treiben. Ich behaupte mal von mir selber, ich wäre mit 35 Jahren Erfahrung in der Informatik, kein digitaler Volltrottel – kam mir beim Versuch dies für eine Freundin einzurichten, aber genau so vor! Jeder Versuch ist gescheitert. Erst Fehlermeldungen die einer Verarschung gleichen, (Motto: Du bist ein Depp), Supportseiten die ein ETH-Informatikstudium voraussetzen (ich stelle mir dabei immer ein 0815-Kunde vor) und einen Kundendienst, der genau so viel weiss wie ich – nämlich nichts! Angefangen bei den „Programmierern“, die solche Lösungen bauen (einen Kunden haben diese vermutlich weder je gesehen, noch mit ihm gesprochen), noch den Managern, die sich das lästige Problem „Kunde“ so weit weg wie nur möglich wünschen (man schalte einen sprechenden Computer vor die Kundendienstzentrale und nerve den Kunden mit wiederholten Aufforderungen zu warten). Die Lösung? Man wechselt am besten den Anbieter. Dumm nur, auch diese wünschen sich die Kunden nur herbei, bis sie sein Geld haben – danach aber rasch wieder weit weg!

03.06.2020: Hoffen

Corona verschwindet aus den Schlagzeilen. Schlechtestenfalls sieht und hört man noch Horrorzahlen und Bilder aus Brasilien oder den USA. Das Leben hier beginnt sich zu normalisieren. Am 15. Juni öffnen sich sogar die Grenzen zu unseren Nachbarn. Dazu scheint (oder schien zumindest bis gestern) die Sonne vom Himmel und die Menschen machten Ausflüge in die Natur und verstopften die Zufahrtsstrassen zu den touristischen Hotspots. Beinah altvertrauter Alltag also. Und dann knipst man die Flimmerkiste an, meint die neuste Folge von „Tatort“ zu sehen und blebt fassloslos auf dem Sofa sitzen – man hat eben (quasi) life einem Mord an einem Menschen zugeschaut – verübt an einem schwarzen Amerikaner durch einen weissen Polizisten. Die Reaktionen darauf altbekannt. Demonstrationen, Plünderungen, Gewalt. Im Westen nichts Neues, also – könnte man denken. Doch da hockt eine tickende Zeitbombe im Oval Office und alles ist anders. Dazu mein heutiger Blog: Hoffen

Schattenspiele

Ein Tag, schöner wie die andere. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang blauer Himmel. Corona (zumindest gefühlt) weit weg – in Brasilien oder den USA. Der Alltag kehrt zurück. Nur die kalte Bise konnte die Laune noch etwas trüben. Doch wie so oft, wenn man denkt jetzt werde alles gut, wird man eines Besseren belehrt. Es beginnt im Alltag. In Diskussionen mit Freunden und der Familie, beim Blick aus dem Fenster und endet mit den Schlagzeilen und Bildern der Tagesschau. Man könnte natürlich zur Tagesordnung übergehen und die Normalisierung des Alltags einfach geniessen. Das taten wir auch. Erstmals seit unserer Rückkehr besuchten wir ein Gartenrestaurant und genossen Spargel mit einem Glas Weissen. Wir waren auf dem Randen, an der Thur und erkundeten die Hügel um unser Dorf. Eitel Sonnenschein also – so könnte man meinen. Und dann…

…schaut man aus dem Fenster und sieht wie die Fichten im gegenüberliegenden Wald gleich hektarweise verdorren – die letzten beiden Dürresommer lassen grüssen, die Klimakrise ebenfalls. Dann schleicht sich die Dummheit auch noch in den engsten Bekanntenkreis – in Gestalt eines bekennenden „Eidgenossen“ (mit italienischen Pass) und SVP-Wählers – der meint, weil er eine Uniform trage hätte er Sonderrechte und können nun wieder auf Schnäppchenjagd ennet der Grenze. (er wurde übrigens gestoppt!). Von den Horrorbildern im Fernsehen und dem Wahnsinn eines gewissen Herrn Trump bräuchte ich gar nicht zu schreiben. Es macht nur fassungs-, sprach- und hoffnungslos.

Mit den Worte meines betagten Vaters im Ohr: „Hat Amerika den Schnuppen, so hat der Rest der Welt eine Lungenentzündung„, sitzt man ungläubig vor der Flimmerkiste und sieht dem langsamen qualvollen Mord eines Menschen zu. Der Mord an einem unbescholtenen schwarzen Amerikaner, vor laufender Kamera, ist das Eine – was daraus folgt das Andere. Erschütternd sind nicht die Demonstrationen in über 140 amerikanischen Städten oder die Plünderungen und Brandstiftungen. Solche Reaktionen gabe es auch schon früher, in vielen ähnlich gelagerten Fällen. Rassismus und Gewalt gegen Schwarze ist auch nicht erst seit dem 25. Mai 2020 gelebter Alltag in den USA (und selbstverständlich auch anderswo). Erschütterrnd ist das sich seit Jahrzehenten nichts ändert, erschütternd sind aber auch die 1,9 Millionen Covid-Infizierten und 108’000 Toten in diesem so hochentwickelten Land, die 40 Millionen Arbeitslosen, die Autoschlangen vor den Essensausgaben, die abgrundtiefe Kluft zwischen Arm und Reich – und immer trifft es die Nicht-weisse Bevölkerungsgruppen überproportional.

Das wahre Drama, welches auch uns hier im fernen Europa trifft, spielt sich jedoch in der politischen „Elite“ ab. Dass der derzeit amtierende Präsident nicht alle Tassen im Schrank ist, ist vermutllich hinreichend bekannt. Dass er mit komplexen Situationen seine liebe Mühe und ausser Erpressung, Drohungen und Gewalt keine Antworten hat, hat er schon mehrfach bewiesen. Weltmeisterlich ist er nur in einer einzigen Disziplin. Er findet instinktsicher Schuldige. Alle ausser ihm, sind Idioten. (das denkt übrigens der Geisterfahrer auf der Autobahn auch). Bei Corona ist es die WHO und China, bei den Unruhen die ominöse „Antifa“ (ausgedeutscht die sog. Antifaschisten – eine Organisation, die es so gar nicht gibt – meinen tut er damit vermutlich die Demokraten) und für den Niedergang der Amerikanischen Wirtschaft die Chinesen, Huawei und die Linken. All das ist den Amerikanern, wie dem Rest der Welt seit Beginn seiner Amatszeit vor 3 1/2 Jahren sattsam bekannt – soweit, im Westen nichts Neues.

Soweit, so bersorgniserregend. Die Hoffnung konzentriert sich darum einzig noch auf Dienstag den 3. November – dem Tag wo in den USA gewählt wird. Ein anderes Rezept gegen den Despoten ist weit und breit nicht in Sicht. Doch bereits werden ernstzunehmende Stimmen laut, die vor einem „Staatsstreich“ warnen. Also der Möglichkeit, dass Mister Twitter eine sich abzeichnende Niederlage nicht akzeptieren würde. https://www.spiegel.de/netzwelt/web/donald-trump-seine-strategien-fuer-den-staatsstreich-kolumne-a-ab1efdca-874c-4af9-9a02-2241be3467c1?fbclid=IwAR3DLA4rP2pvOFlI3j8h8wvnP0H7O6YnZdzkSBRaegDkmwkN7kp_nZ4Zhfc. Ein Bürgerkrieg wäre so sicher, wie das Amen in der Kirche. Als Profi-Twitterer braucht er einen einzigenTweet und seine bewaffenten Rednecks marschieren los. Dass er dieses Szenario in Erwägung zieht, ist offensichtlich.

Auf die Parteien zu setzen ist ziemlich verwegen. Die Demokraten treten mit einer blassen Figur (Joe Biden) zu den Präsidentschaftswahlen an – Aufbruchstimmung, sieht anders aus – und die Republikaner ducken sich weg. Ein/e jede/r hat Schiss sich mit dem allmächtigen Trumpeltier anzulegen – es wäre ihr/sein politisches Ende. Auf die Gerichte ist ebso wenig Verlass – das Oberste Gericht wurde schon beizeiten mit trumptreuen Speichelleckern besetzt. Bleibt noch die „Strasse“ (also die Zivilgesellschaft) und (vielleicht) das Militär, welches sich weigern könnte, auf das eigene Volk zu schiessen. Immerhin gehen ranghohe Militärs auf Distanz zum Wahnsinnigen im Oval Office. https://www.saechsische.de/trump-bringt-sogar-militaers-gegen-sich-auf-5211084.html. Auf jeden Fall darf man sich gar nicht ausmalen, was es bedeuten würde, wenn das Land in einem Bürgerkrieg versinkt und das Atomwaffenarsenal in die Hände wahnsinniger Milizen fällt. Spätestens dann, sind auch wir ganz direkt betroffen. Bleibt uns also nur die Hoffnung, dass es nie soweit kommt.

26.05.2020: Alles ganz normal

Der Wunsch nach „Normlität“ ist bei den Meisten übermächtig. Verständlich, nach 11 Wochen Lockdown mit zahlreichen Einschränkungen, Regeln und Verboten. Aber was ist normal? Alles so, wie es vor dem 16. März war? Für manche ja. Andere möchten gleich alles anders. Es gibt das Wehgeschrei der Warner und Bedenkenträger, die überall Niedergang und Schuldenwirtschaft wittern. Es gibt jene, die von einer grünen Wirtschaft träumen und jene, die einfach ihr sicheres Leben zurück haben wollen. Normal ist also vieles. Die Chance aus der Krise etwas zu lernen oder gar etwas zu verändern, wird aber momentan gerade verspielt. Alles ganz normal!

Wie Heuschrecken naht die Normalität

Da sitzen wir also, warten auf das Ende des Lockdowns und hoffen auf Normalität. Einzelinteressen – von den Wirten über den Profisport bis zum SAC – dominieren die Diskussion und fordern ihren Anteil am Honigtopf des Staates. Noch lauter sind nur die Bessserwisser, welche auf Normalität pochen, wo es keine (mehr) gibt. Denn was heisst denn „normal„? Alles wie „vorher“ oder doch lieber noch ein bisschen mehr davon? Also noch tiefere Steuern, noch weniger Sozialleistungen, Löhne kürzen, kippen aller Vorlagen und Vorstösse, die „Geld kosten“ (CO2-Gesetz, Vaterschaftsurlaub, etc.)? Das Wunschkonzert jener, welche am meisten von den Covid-Notkrediten und den Geldtöpfen des Staates profitieren, gleicht einer unendlichen Selbst-Bereicherung. Da sind die notkreditfinanzierten Ferraris nur die hässliche Spitze eines übermächtigen Eisbergs. Keine Panik also, die Normalität ist also schon da. Wir sind die Glücklichen, wir können es uns leisten – current normal also.

Seit meiner Rückkehr in die Schweiz, vor fünf Wochen, beschäftige ich mich mit der alles dominierenden Pandemie. Anderes hat im Alltag und den Gesprächen kaum mehr Platz. Es scheint fast so, als gäbe es keine anderen Themen mehr. Bei näherem Hinsehen wird aber rasch klar, dass wir eigentlich von „alten“ Themen sprechen, die durch diese Krise nur verstärkt – und leider auch verschleiert – werden. Nehmen wir zum Beispiel die USA mit 1,7 Millionen Infizieren und 100’000 Toten (ein Ende ist nicht abzusehen). Trotz Billlionen an staatlichen Nothilfen stehen die Leute vor Gassenküchen an, 40 Millionen haben innert Wochen ihren Job verloren und statt dass das Geld die Bedürftigen erreicht, werden die Konzerne gefüttert (Quelle: Interview mit Josph Stiglitz, ZEIT, vom 26.5.2020; https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-05/joseph-stiglitz-corona-donald-trump-usa). Es manifestiert sich also das Dauerthema „Ungleichheit“ – also die Kluft zwischen Arm und Reich und den Rassen – in seiner ganzen Wucht. Dann nehmen wir noch die Heuschreckenplage in Ostafrika. Dort fressen aktuell Heuschreckenschwärme in der Grösse des Bodensees die Felder leer. Aus heiterem Himmel? Nein – es ist die Folge der sich verschärfenden Klimakrise (Nein – diese ist nicht in Quarantäne!). Die veränderten Meereströmungen haben das Wetter verändert und begünstigen das Entstehen solcher Plagen. Dazu kommen Kriege in Jemen, Warlords in Somaliland und blockierte Hilfe wegen Corona. Der perfekte Sturm um 25 Millionen Menschen in den Hunger zu treiben. (Quelle: TA, 26.5.2020). Masernepidemie im Kongo – nie gehört? – wird begünstigt durch die Pandemie, da nicht mehr geimpft wird, Helfer fehlen oder wegen den Ausgangssperren nicht mehr helfen können (Quelle: medcine sans frontiere, 25.5.2020: https://www.msf.ch/de/neueste-beitraege/artikel/dr-kongo-bekaempfung-von-masern-zeiten-von-covid-19). Aber wir brauchen nicht einmal so weit zu gehen. Deutschland und Frankreich denkt wieder einmal über Kaufprämie für Autos nach, um ihre darniederliegende Autoindustrie zu „retten“, es werden Milliarden für die gegroundeten Fluggesellschaften gesprochen und darüber nachgedacht, wem man alles Steuergeschenke machen kann (keine Angst weder dir noch mir). Ach ja – während ich hier schreibe wurde Jeff Bezos von Amazon wahrscheinlich um ca. 10 Millionen reicher….

Wer geglaubt hat diese Krise wäre ein Denkzettel und würde uns zum Innehalten oder gar Umdenken zwingen, irrt. Ich fürchte es gehen genau jene als Gewinner aus der Krise hervor, die schon vorher von diesem System profitiert haben – jetzt einfach noch schneller und unverschämter. Die Armut auf der Welt wird rasant zunehmen – Hunger und Kriege ebenso. Die Schere zwischen Unten und Oben wird sich weiter öffnen (die Presse fabuliert ja schon darüber, ob Jeff Bezos der erste Billionär sein werde – sie prognostizieren 2026: https://www.amazon-watchblog.de/jeff-bezos/2161-jeff-bezos-erste-billionaer-der-welt.html). Die Probleme haben wir mit verödeten Innenstädten und ausbleibenden Steuereinnahmen. Auch das – einfach noch etwas schneller, als befürchtet.

Bin ich zu pessimistisch? Vielleicht. Es bringt aber auch nichts, die Augen vor der Realität zu verschliessen. Egal ob es um eine Pandemie, das Klima, die Ungleichheit oder die Folgen des ungebremsten Wachstums geht – früher oder später holen uns diese Probleme ein. Ob wir wegsehen, es ignorieren oder nicht wahr haben wollen, ist egal. Ab einem bestimmten Punkt sind wir gezwungen, uns damit zu beschäftigen. Es sind nicht nur die „Schwarzen Schwäne“ (Katastrophen, Unfälle etc.), die uns zusetzen – es sind oft die alltäglichen DInge, vor unseren Augen, die zu Krisen führen. Diese sollten wir im Auge behalten! Die Corona-Pandemie wäre so eine Möglichkeit. Sie hat die unangenehme Eigenschaft, vorhandene Probleme zu verstärken. Genau wie oben beschrieben. Lösen können wir diese aber nur durch Hinsehen. Der Wunsch nach Normailtät ist verständlich. Dieser führt aber oft in eine neue Katastrophe. Es wäre an der Zeit, sich den Problemen anzunehmen.

19.05.2020: Jämmerlich

Wer dieser Tage das Weltgeschehen verfolgt könnte leicht den Glauben an die Zukunft verlieren. Als Erfolgsrezept steht „Jammern“ unangefochten an der Spitze, gegen Krise und drohende Rezession. Sei es auf der Strasse, in den Sozialen Medien oder der grossen Politik – gehört werden jene, die am lautesten schreien und/oder apokalytische Horrorszenarien an die Wand malen. Da ist es wohltuend mitten in der Kakophonie positive Beispiele zu finden. Beispiele von Menschen die Handeln. Mehr dazu in meinem Wochenblog „Jämmerlich“

Ein jämmerliches Bild

In Basel feieren sie schon Party, in Bern geben sich die Erweckten und Hobby-Virologen mit den Braunsocken ein Stelldichein, die Coiffeure schneiden seit zwei Wochen wieder Haare, Musiker und Schauspieler nagen am Hungertuch, der Tourismus erlebt sein Armageddon, während die Menschen in Manaus wie die Fliegen sterben, in Indien Hundertausende hungern und Verzweifelte in Santiago de Chile den Aufstand proben. Wir schreiben das Jahr 2020 und POTUS Trump schluckt prophylaktisch ein Malaria-Medikament gegen ein Virus, das es gemäss Bolsonaro gar nicht gibt.

Während also die privilegierte Minderheit jammert und sich verraten und beschissen fühlt, kämpft die Mehrheit ums Überleben und verantwortungslose Politiker veranstalten ein tötliches Trauerspiel vor unserer aller Augen. Einmal sind die Chinesen schuld, dann die WHO und das Geschachere um einen inexistenten Impfstoff schreit zum Himmel. Hiess es einmal „Vertrauen ist unser grösstes Kapital„, so wird dieses gerade schlagzeilenträchtig auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ersetzt wird dieses durch Drohungen, Erpressung, Lügen und die Macht des Stärkeren. Wohin das führt, lehrt uns die Geschichte.

Es ist erschreckend zu realisieren, dass zwei Monate Pandemie – bzw. gedrosselter Wirtschaft – genügen, um unser System ins Wanken zu bringen. Zwei Monate eingeschränkter Konsum, zwei Monate gebremste Mobilität, zwei Monate gesperrte Grenzen und wir stehen vor einer Pleitewelle und einer nie gekannten Rezession. Wo bleiben eigentlich die Reserven? Wo nur noch Gewinne für anonyme Aktionäre, Hedgefonds, Investoren und Pensionskassen zählen, ist das eine rethorische Frage. Sie wurden offensichtlich im Börsencasino verspielt oder in Betonburgen gegossen. Von unternehmerischer Verantwortung, Innovationsgeist und „Chance in der Krise“ ist derzeit wenig zu spüren. Lieber jammert man die Medienkanäle voll und pumpt den Staat um Kredite an. Auch die Wirtschaftselite: ein einziges Trauerspiel.

Das Schlimmste: Wir wüssten (eigentlich) alle was zu tun ist. In seinem Buch „Alles könnte anders sein“ bringt es Harals Welzer auf den Punkt. Machen statt Jammern. Jammern ist die Rechtfertigung für das Nichts-Tun. Egal ob jetzt in (bzw. nach) der Coronakrise, im Klimaschutz oder dem Umbau der wachstumsbesoffenen Wirtschaft. Thomas Piketty bringt uns das Dilemma in seinem neusten Buch „Kapital und Ideologie“ auf den Punkt. Wir stehen uns selbst im Weg. Wahrlich ein Jammertal.

Um nicht auch noch in Trübsal zu verfallen, habe ich mich auf die Suche nach positiven Beispielen gemacht. Frei nach Jeremias Gotthelfs Motto: „Im Hause muss beginnen, was leuchtesoll im Vaterland“ wurde ich auch schnell fündig. Es sind nicht die grossen Welterrettungsprogramme, die uns vorwärts bringen, es sind die kleine Dinge, die wir (auch tatsächlich) tun.

Da gibt es einen Surfer und Snowborder namens David Hablützel aus Zumikon. Beim Surfen auf dem Atlanik war nicht nur Wasser unter seinem Surfbrett, sondern immer mehr Platikmüll. Darüber kann (und soll) man sich aufregen. Er aber handelt(e). Kurzerhand gründete er zusammen mit zwei Kollegen eine Firma, die aus diesem Abfall Socken fertigen soll. Zwei Jahre haben sie getüftelt – nun soll es losgehen. Socken aus Plastik. Gesammelt von spanischen Fischern, gesponnen und verarbeitet in Europa (Portugal). Da ist alles drin, was zu einem innovativen, nachhaltigen Projekt gehört. Wer die Firma unterstützen will, hier der Link: www.oceanplastic.fnd.to/tealproject

Oder ein anderes Beispiel – in Brüssel, aber auch anderen Städet (Paris, Barcelona, Rom etc.) wird gerade der innerstädtische Verkehr umgebaut. Aus Angst vor einer Ansteckung meiden viele Bewohner den öffentlichen Verkehr und steigen aufs Velo um. Diese „Chance“ nutzt jetzt z.B Brüssel und macht ihre Stadt verlofreundlich. SRF berichtete darüber:

Brüssel – Immer «Grün» für Radfahrer und Fussgänger: Neue Verkehrsschilder, neue Farben am Boden und neue Regeln im Strassenverkehr. In der belgischen Hauptstadt Brüssel haben in der Innenstadt Fussgänger und Velofahrer neu Vortritt vor den Autos. Seit dem 11. Mai sind die Ampeln in der Innenstadt ausgeschaltet, Vorfahrt haben nur noch die Trams. Nicht ganz ohne Gegenwind haben der Brüsseler Bürgermeister Philippe Close und sein Kabinett die Corona-Krise für diese zurzeit noch temporäre Verkehrswende genutzt. Was sich aber auch mit diesen neuen Regeln in der Stadt nicht geändert hat: Für die wackligen Kopfsteinpflaster braucht man nach wie vor eine gute Federung, wenn man die Velofahrt unbeschadet überstehen will.

Wo machen eigentlich die Schweizer Städte?

12.05.2020: Ominipräsenz

Wieder ist mein Versuch, das Virus zu verdrängen gescheitert. Zu omnipräsent ist diese Seuche, bzw die Reaktionen darauf. Trotzdem versuche ich diese Woche den Blick etwas in eine andere Richtung zu richten. Das omnipräsente Gejammere und die Nabelschau der #Covidioten gehen mir ziemlich auf den Geist. Es gibt wahrhaft ernstere Themen und Herausforderungen, als das Verbot von Open Aires, Abstandsregeln oder geschlossene Läden. Schluss mit der Omnipräsenz dieser jämmerlichen Egoisten.

2020 – ein Virus

Woche für Woche nehme ich mir vor, mich von diesem omnipräsenten Virus zu verabschieden und über andere, ebenso wichtige Vorkommnisse und Denkwürdigkeiten zu schreiben. Und wie letzte Woche, scheitere ich damit auch diese Woche grandios. Das Virus lässt nicht locker.

Nicht weil dieser plötzlich noch ansteckender oder gefährlicher wäre als bisher gedacht, umso mehr aber geben mir die Reaktionen darauf Grund zur Sorge. Dominierte am Anfang noch die Angst vor einer möglichen Ansteckung oder Fragen zum Lockdown und dem eigenen Verhalten, so beherrschen seit ein paar Wochen Irrsinn, bis hin zu pathologischem Wahnsinn die Szene. In Presse, Feuilletons, Youtube und der Strasse manifestiert sich ein Gebräu, dass noch vor ein paar Wochen unvorstellbar war. Vom Impfgegner bis zum gröhlenden Wutbürger mit Hakenkreuz rotten sich Menschen zusammen, die ihrem Frust über die Einschränkungen freien Lauf lassen. Auch wenn es nur eine Minderheit ist, – so ist diese laut und findet Eingang in die Berichterstattung – und somit in unsere Wohnstuben. Das Virus schleicht sich langsam in unsere Köpfe.

Es liegt mir fern ins allgemeine Gejammere über diese Krise und ihe Folgen einzustimmen. Dafür haben wir die $VP und den Gewerbeverband. Ebenso wenig über das Gejohle dieser selbsternannten Epidemie-Experten und Hobby-Virologen. Irrationales Verhalten gehört wohl zu einer solchen Krise und lässt sich nicht ganz vermeiden. Bedenklich ist vielmehr, dass wir ob diesem Geschrei und Gejammer vergessen, was uns wirklich Sorgen machen sollte. Seien wir mal ehrlich – hier in der Schweiz muss sich niemand wirklich ernsthafte existentielle Sorgen machen. (mag jetzt arrogant klingen, ist aber so). Vielleicht ist der eine oder andere Zukunftsplan Makulatur – das ist gemein, aber kein Weltuntergang, man macht einfach etwas anderes. Vielleicht verlier ich meinen Job – ebenfalls hart und ungerecht, aber ich bin über Kurzabrbeitsentschädigung und RAV abgesichert. Vielleicht gerät mein Geschäft in finanzielle Schieflage – das ist unschön, aber ich bekomme Notkredite und falls ich pleite gehe, suche ich mir einen Job. Ich muss Ferien umbuchen, kann nicht nach Thailand, die Hochzeit fällt ins Wasser und Open Airs gibt es auch keine diesen Sommer – blöd, aber es lässt sich alles nacholen. Was „wir“ treiben ist also eine Nabelschau – auf allerhöchstem Niveau.

Was ist mit den Millionen indischer Wanderarbeiter, die hungern, weil sie ihre Arbeit wegen des Lockdowns, verloren? Was mit den südafrikanischen Slumbewohnern, die lieber an Covid sterben, als an Hunger? Den Bewohnern der brasilianischen Favelas, die täglich um ihr Überleben kämpfen müssen, den Flüchtlingen in Moria (Griechenland) und und? Im Gegensatz zu diesen Menschen können wir uns diese Krise leisten – sie sterben daran. Diese Menschen hätten tatsächlich Grund gegen die Massnahmen ihrer Regierungen zu protestieren. Wir Mitteleuropäer beweisen damit einzig unsere Lächerlichkeit und unseren grenzenlosen Egoismus.

Noch mehr Sorgen sollten wir uns allerding über all das machen, was aus den Schlagzeilen verschwunden oder nach hinten gerutscht ist. Covid ist eine Krankheit gegen die wir irgendwann immun sind, ein Medikament oder einen Impfstoff haben werden. Also ein temporäres Problem (wenn wir auch noch nicht genau wissen wie lange und was es uns am Ende kostet). Die wirtschaftlichen Schäden sind enorm, zumindest für uns in Europa aber zahlbar (durch wen, muss noch ausgefochten werden). Wer in den Nachrichten aber nicht nur die fetten Schlagzeilen verfolgt, wird schnell fündig, über unsere wirklichen Probleme und Herausforderungen. Drohender Wassermangel in den Alpen (ETH Hydrologe), Riesige Waldbrände in Sibirien und im Amazonas (ja, schon wieder!), Wärmster Winter seit Messbeginn, CO2-Gehalt nahe 420 ppm, Grundwasser in 12 Kantonen mit Pestiziedrückständen belastet.– Krebsgefahr vermutet…usw. Stattdessen suhlen wir in „unserem Elend“, suche imaginäre Schuldige und schwafeln von Dingen, von denen wir keine Ahnung haben (Diktatur). Um es mit den Worten Loriots zusagen: In der Krise suchen die Intelligenten nach Lösungen, die Idioten nach Schuldigen. Covid-19 trennt die Spreu vom Weizen.

Seit erst drei Wochen haben wir festen Boden unter den Füssen aber es scheint als wanke dieser mehr als die Magnifica im Sturm der Tasmanischen See. Gegen diesen gab es Reisetabletten. Gegen die Omnipräsenz der egoistischen Wutbürger ist sowenig ein Kraut, wie gegen Covid-19 gewachsen.

06.05.2020: Grenzerfahrungen

Wie könnte es anders sein – einmal mehr die Corona-Pandemie. Ja – das politische Theater, welches zur Zeit darum veranstaltet wird auch. Es geht aber um unseren Alltag und unser Zusammenleben im Corona-Zeitalter. Grenzerfahrungen aus denen wir lernen (.sollten)

An der Grenze zu Deutschland, Mai 2020

Wie wahrscheinlich alle, habe auch ich die Nase voll von Corona und deshalb wollte ich diese Woche einmal über etwas anderes schreiben. Themen hier und auf der Welt gäbe es wohl genug. Klimakrise, Arm und Reich, Gift im Wasser, Bienensterben oder das Verhältnis der Schweiz zu Europa lassen sich vom Corona-Virus kaum beeindrucken. Und nur weil etwas nicht als Schlagzeile in der Presse steht, heisst es nicht, dass es nicht existiert. Im Gegenteil – im „Verborgenen“ entwickeln sich oft die Probleme, die uns morgen beschäftigen.

Leider nimmt das Virus keine Rücksicht auf unsere Befindlichkeiten und Absichten und belastet auch unseren Alltag. Dabei stressen uns weniger die empfohlenen Massnahmen oder die geschlossenen Beizen – deren Sinn wir ja einsehen – Sorgen machen uns die politischen Begleiterscheinungen, sowie der Umgang mit den unterschiedlichen Ansprüchen und Verhaltensweisen.

Über die zahlreichen kruden Verschwörungstheorien, die in den Sozialen Medien und auf der Strasse herumgereicht werden, brauche ich mich nicht mehr auszulassen. Diese werden (zum Glück) auch von der „seriösen“ Presse thematisiert und zur Diskussion gestellt. Heikel wird es jedoch dann, wenn sich aus einer abstrusen Behauptung und FakeNews Handlungsmaximen entwickeln und z.B auf Abstandsregeln gepfiffen und Versammlungsverbote ignoriert werden.

Doch nicht genug, dass es welche gibt, die sich um solche Regeln futtieren, sie werden auch noch durch politische Parteien gestärkt, die das Virus wie einen lästigen politischen Gegner behandelt und meinen man könne diesen mit Mehrheiten im Parlament, abstrusen Forderungen oder dem Druck der Strasse besiegen. Was in der Klimakrise zu funktionieren scheint – Experten negieren, beschimpfen und Feindbilder (Greta, Grüne und Linke) basteln – soll es auch in der Pandemie richten. Ein gefährlicher, wenn nicht gar tötlicher Trugschluss. Der Unterschied: Die Klimakrise lässt sich „verdrängen“, da sie sich schleichend entwickelt – ein Virus entwickelt sein Potenzial deutlich schneller. Das die Sorgen der Wirtschaft ernst zu nehmen sind, ist unbestritten. Diese über das Leben von Tausenden zu stellen, halte ich für inakzeptabel.

Stress

Letzten Sonntag haben wir unseren Enkeln (im Teeniealter) zeigen wollen, was geschlossene Grenzen konkret bedeuten. Hier an der Grenze zu Deutschland materialisiert sich der ganze Spuk besonders deutlich und begleitet uns tagtäglich. Nicht nur, dass die Armee ständig über unser Dorf fliegt und Ausschau nach „illegalen“ Grenzübertritten hält – auch die unterbrochenen Buslinien, die geschlossenen Tankstellen und die Betonblöcke mitten in den Strassen zeugen von der Ausnahmesituation. Wer von geschlossenen Grenzen träumt, wie zum Beispiel die $VP, soll doch bitte mal einen Blick auf die Grenze werfen – es ist ein trauriges Bild. Schon fast rührend war es dann am Sonntag, als sich Verwandte, Bekannte und Freunde an den Betonblöcken und Absperrgittern besuchten um einen Schwatz zu halten oder um sich einfach wieder einmal zu sehen. Es war nicht nur für unsere Enkel beklemmend und beeindruckend zugleich.

Wirklichen Stress aber machen uns all die unterschiedlichen Meinungen, Ansprüche und Haltungen, mit denen wir konfrontiert werden. Die Verhaltenspalette reicht von locker-legere, über vorsichtig-zurückhaltend bis penibel-übertrieben. Welche Haltung ist nun die Richtige? Stösst man Freunde und Familie vor den Kopf, wenn man ein anderes Verhalten einfordert? Wo liegt die Toleranzschwelle. Welche Haltung nehme ich (wir) ein und wie kommunizieren wir das? Wir geben es zu, wir haben den goldenen Mittelweg noch nicht gefunden und ringen jeden Tag mit neuen Ansprüchen und Verhaltensweisen. Wir wissen instinktiv, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist – wie aber auf jemanden reagieren, der sich genau davon leiten lässt? Genau so gefährlich das Gegenteil – wie reagiere ich auf Menschen die mir zu nahe kommen und auf Abstandregeln pfeiffen? Ängste ernst nehmen und respektieren – ja, den Lockdown-Überdruss – auch. Sich dazwischen zurecht zu finden, ohne sich selbst zu verleugnen, Freunde zu bruskieren oder gar Freundschaften zu riskieren, ist der eigentliche Stress. Manchmal wünschten wir, wir können zurück auf unser Schiff und weit draussen im Ozean die Krise aussitzen. Traümen ist zum Glück noch erlaubt.