21.01.2021: Trilogie der Entfremdung Teil I

Schon seit Jahre grüble ich an der Frage herum, die mich manchmal fast zur Verzweiflung bringt. „Wieso handeln so viele Menschen gegen ihre eigenen Interessen?“ Anders gefragt: Warum wählen so viele Menschen einen Trump, Bolsonaro, die AfD oder $VP? Zumindest wer die $VP wählt ist mir als Sohn einer Kleinbauernfamilie aus dem Zürcher Weinland bekannt. Teile der Familie, viele Nachbarn und ehemalige Schulfreunde. 58,1% sind es aktuell in meiner Wohngemeinde, dort wo ich aufwuchs sind es 60%+. Was also bringt so viele Menschen dazu eine Politik zu wählen, die gegen Andersdenkende hetzt (die Linke und Nette mit Würmern vergleicht), Ausländer für jedes Problem verantwortlich macht (selbst wenn diese vor ihren Augen die dreckigsten und schwersten Arbeiten zu lächerlichen Löhnen verrichten), gegen jede Vernunft Fakten leugnet (z. B. den Klimawandel) und ausser Steuersenkungen für die Reichen kaum mit Zukunftsvisionen glänzet? Bauern, Handwerker, Garagisten und Bürogummis. Mitglieder der Feuerwehr, der Landfrauen und des Turnvereins. Zumindest in den Landgemeinden gehören sie mit zu den engagiertesten Mitbürgern. Die $VP sitzt in den Gemeinderäten, Schulbehörden und Kommissionen. Sie schauen im Winter für die Schneeräumung, kümmern sich ums Wasser und flicken Strassen. Kein Grund also, sie nicht zu wählen – wenn da nicht die politische Agenda einer zynischen Clique von Milliardären und Opportunisten wäre, die eine komplett andere Agenda verfolgen. Eine der Ausgrenzung und der Selbstbereicherung. Das gleiche Programm wie Trump, Bolsonaro oder Orban, die es mit ihren Lügen und ihrer Menschenverachtung schaff(t)en, von Millionen angehimmelt zu werden. Eine Politik des Hasses und des Selbstbetrugs. Sind die alle gaga?

Nein, SIND sie nicht, und ja, ES IST gaga. Wenn die einzig verbleibende „Alternative“ zu konstruktiven Lösungen, die Wahl von Lügnern, Rassisten, Opportunisten oder gar Kriminellen ist, läuft etwas gewaltig schief. Ebenso bedenklich ist, dass die Lösung dringend anstehender Probleme, in deren Leugnung, der Verunglimpfung der Mahner, der Ablehnung der Wissenschaft und dem Glauben an abstruse Verschwörungsmärchen gesehen wird. Und irrwitzig zu meinen mit Abschottung, Grenzschliessung und Isolation liessen sich globale Probleme lösen. Nicht nur aus der Sicht des politischen Gegners, auch rein objektiv und gestützt auf Fakten und Geschichte, ist eine solche Politik ein Desaster. Auch hier dient der eben in die Wüste geschickte Trump, als abschreckenderes Beispiel. Sein Nachfolger erbt ausser einem Scherbenhaufen auch noch Hass und Gewalt. Soweit, so gaga – Problem erkannt – nur Deppen wählen solche Politiker – egal wen, egal wo. Wenn es denn so einfach wäre.

Ist es natürlich nicht! Nicht die Menschen, die sich irrational verhalten sind gaga, sondern die Umstände, die sie soweit bringen. Gaga, im Sinne von bedenklich. Und um das besser zu verstehen, habe ich kürzlich zwei Bücher Amerikanischer Autoren gelesen. „Hillbilly Elegie“ von J. D. Vance und „Homeland Elegien“ von Akhtar Ayad. Beides Familiengeschichten aus den Trumplands – jenen Gegenden Amerikas, wo Trump auch heute noch die grössten und fanatischsten Unterstützer hat. Also über die „Deporablen“ (zu Deutsch: die Bedauernswerten, wie sie einst Hillary Clinton nannte) des Amerikanischen Rostbelt – den Opfern der Globalisierung und des gnadenlosen Neoliberalismus, der letzten 40 Jahre. Ich will und wollte verstehen. Verstehen, warum diese Menschen einem notorischen Lügner mehr glauben, als den offensichtlichen Tatsachen. FakeNews mehr vertrauen als Fakten. Die Wissenschaft verteufeln und Scharlatane bejubeln. Was es braucht, dass Menschen ihr Heil bei Kleptomanen, Rassisten und Lügnern suchen. Und ich wurde fündig. Nicht nur Amerika und Trump betreffend – es öffnete mir auch die Augen für viele andere Themen hier, direkt vor unserer Haustüre.

Das Eine sind die der Profitmaximierung der Konzerne geopferten Arbeitsplätze, die zu Millionen in „Billiglohnländer“ verlagert wurden (in Amerika vor allem nach Mexiko und China) – das Andere, was darauf folgte. Während in Amerika ganze Städte und Landstriche dem Profit „geopfert“ und die Menschen ihrem Schicksal überlassen wurden – also Food Stamps (Essensmarken), Schulden, Drogen und der Hoffnungslosigkeit – so griff bei uns das Bildungssystem und das Soziale Auffangnetz. Auf den ersten Blick also kein Vergleich mit den deporablen Zuständen in Wisconsin, Virginia oder Luisiana. Und trotzdem gibt es auffällige Parallelen. Hier, wie dort hat es mit „Entfremdung“ und „Entwurzelung“ zu tun. Was meine ich damit?

Das Sein bestimmt das Bewusstsein„, wussten schon Feuerbach, Hegel und natürlich Karl Marx – d.h. es sind die Lebensumstände (oder auch das Milieu bzw. die Kultur), welche unser Denken und Handeln bestimmen. Umgekehrt verändert unser Denken und Handeln natürlich auch unsere Umwelt. Unser ganzer Fortschritt, sei er technischer oder gesellschaftlicher Natur, beruht auf dieser „Naturkonstante„. Und somit wären wir mitten im Thema. Wem der Boden unter den Füssen entzogen wird, weil er z.B. den Job und die Krankenversicherung verliert, an der Kasse einer Fastfoode-Kette zum Mindestlohn von 7.25$ landet, aus dem Haus geworfen wird und kriminelle Gangs die Strasse terrorisieren, hat verständlicherweise wenig Bock auf das hochtrabende Geschwätz wohlmeindender Politiker, Soziologen und Wissenschaftler der Teppichetagen in Washington. Erstens hat er dafür keine Zeit, zweitens keinen Bock und drittens versteht er nicht einmal, was die meinen. Da haben es einfache Parolen, dumme Sprüche und leere Versprechungen leicht, wenn diese mit Zukunftsversprechen verwoben sind – gelogen oder nicht, spielt dabei kaum eine Rolle. Die Entfremdung ist beinahe total. Der Unterschied der Lebenswirklichkeit der Einen und dem privilegierten Leben der Andern, könnte kaum grösser sein. Der ideale Nährboden für Verschwöhrungsgeschichten, Misstrauen und Hass. Das perfekte Rekrutierungsfeld für Rassisten, Heilsversprecher und Hassprediger aller Schattierungen. Wer vom Staat allein gelassen (also entfremdet) wird, erwartet von diesem irgendwann nichts mehr und greift nach jedem Strohalm der vorbei schwimmt – selbst wenn dieser der Teufel selbst ist. Und was hat das mit der friedlichen Schweiz zu tun?

Was die Lebensumstände betrifft, wenig. Hier funktioniert meist noch der Sozialstaat. Bis unter die Brücke oder den Trailerpark am Stadtrand (gibt es bei uns nicht), ist es ein vergleichsweise weiter Weg. Was die Entfremdung von den politischen und gesellschaftlichen Eliten betrifft, gibt es jedoch viele Gemeinsamkeiten. Während in den USA Schulen vergammeln, Strassen verlottern und medizinische Hilfe unerschwinglich wird, beschleicht hier manche das Gefühl, wir würden von Firmen, Politik und Behörden nur noch gegängelt. Ist man über 50, wird entlassen, und tritt an meine Stelle noch ein junger, „günstiger“ Ausländer, ist der Fremdenhass nicht weit. Auch wenn der Ausländer dafür nichts kann. Wenn die Dorfbeiz schliesst, die Post ins Nachbardorf zügelt, der Nachbar plötzlich Kroatisch spricht und vor mir an der Ladenkasse eine Frau mit Kopftuch ihren Einkaufskorb leert, ist das Gefühl der Entfremdung nicht weit. Und wo Entfremdung um sich greift, liegt es nah, das Fremde zu entfernen. Problem gelöst. Währenddessen verändert sich das Leben immer schneller. An der Ladenkasse soll ich mit Twint, ApplePay oder sonstwas zahlen, für die Covid-Impfung muss ich mich online anmelden oder stundenlang in einer Warteschlaufe auf eine menschliche Stimme warten, währenddessen die Bank ihren Schalter für immer schliesst. Der Staat meldet sich bestenfalls mit neuen Vorschriften und Verboten. Bald will er noch Ölheizungen verbieten und das Benzin verteuern. Es gibt also „gute Gründe“ frustriert zu sein. Da liegt der Wunsch nach Idylle nah und der Ruf nach Durchgreifen und alter Ordnung wird lauter. Der Selbstbetrug nimmt seinen Lauf.

Trilogie Teil 2 am 27.01.2021: Selbstbetrug

06.11.2020: 96

Heute feiert mein Vater den 96igsten Geburtstag. Anlass zur doppelten Freude gibt aber das glimpfliche Ende seiner Corona-Erkrankung – seit vorgestern, darf er sogar wieder aus dem Haus. Und da sich bisher auch bei Bruder, Onkel und Tante keine lebensbedrohlichen Symptome zeigen und meine Mutter verschont wurde, ist es eine Woche der Freude und der Dankbarkeit – zumindest in der Familie. Alles übrige ist Thema dieses Blogs.

Zum Zeitpunkt, wo ich diesen Blog schreibe schweben wir und die Welt zwischen Hoffen und Bangen. Wer glaubte, der 3. November würde uns vom Irrsinn und Wahnsinnigen im Oval Office befreien, wurde jäh in die Realität katapultiert. Und wie es aussieht, dürfte dieses Chaos noch einige Zeit die Schlagzeilen beherrschen. Was im Detail auch immer die Gründe für dieses knappe Resutat waren: Es zeigt vor allem eins – wie verzweifelt Menschen sein müssen, dass sie dermassen gegen ihre eigenen Interessen wählen. Oder tun sie das am Ende gar nicht? Von Bill Clinton stammt ja das berühmte Zitat: „It’s the economic stupid“ (sinngemäss: Es dreht sich alles um die Wirtschaft) und wenn man den ersten Analysten glaubt und die Börsenkurse verfolgt, könnte man meinen, dem wäre tatsächlich so. Dabei haben doch „dank“ der präsidialen Corona-Verharmlosung, Millionen ihren Job und Hundertausende ihr Leben verloren – warum zählt das nicht? Warum wählen Latinos, die Trump wahlweise als Vergewaltiger oder Kriminelle verunglimpft, und derentwegen er eine Mauer zu Mexiko baut, diesen Mann? Weshalb legt ein Rassist, der die Black Lives Matter Bewegung als Terroristen beschimpft, sogar bei Schwarzen Wählern zu? Ist es Dummheit, Hoffnung oder Kalkül. Also Kopf oder Bauch?

Ich leben nicht in Amerika und deshalb bin ich auch nicht in der Lage diese Fragen schlüssig zu beantworten. Und auch wenn ich über ein Dutzend mal durch das Land gereist bin und der augenfällige Graben zwischen Arm und Reich als erstes ins Auge sticht, so ist die Realität wohl komplexer, als wir hier in Mitteleuropa ahnen oder wissen. Vielen geht es dreckig, vielen fehlt eine Zukunftsperspektive, haben Schulden und keine Krankenversicherung. Wählt man deshalb jemanden, der mit Garantie nichts für mich tut, ausser mich mit billigen Sprüchen abzuspeisen? Oder reicht es, dass der Typ meiner Wahl „Law and Order“ schreit, den Kommunismus an die Wand malt und Steuern für die reichsten 10% senkt? Reicht das Versprechen Umwelt und Menschenrechte für Jobs zu opfern? Es scheint fast so. Doch Halt! Wer wählt denn hier in der Schweiz die $VP oder in Deutschland die AfD? Zwei Parteien welche konsequent auf dem Buckel des „sogenannt“ kleinen Mannes sparen, gegen jede soziale Absicherung Sturm laufen und ausser Steuern optimieren für Konzerne und reiche Geldsäcke nichts für ihre Wähler tun? Der Unterschied zwischen den Amerikanischen Republikanern und der Sünnelipartei ist in Wahrheit klein. Beide schüren sie Ängste (hier Europa, Ausländer und Sozialschmarotzer – dort China, Schwarze und kriminelle Latinos) und bedienen die Interessen einer reichen Oberschicht. Der einzige Unterschied ist der offensichtlich Wahnsinnige am Ruder.

Gerade lese ich den x-ten Bereicht und das x-te Interview eines politischen Kommentatoren in einer hiesigen Zeitung. Um mich auf die Wahlen einzustimmen, las ich x Bücher amerikanischer Autoren (sogar von Republikanern). Alle beklagen die tiefe Spaltung Amerikas und keiner macht wirklich Hoffnung. Manche sprechen gar von einem möglichen Bürgerkrieg. Aber wenn man es genau nimmt gleicht das Land eher Ozeanien. Es besteht aus vielen, kleinen, weit voneinander entfernten Inseln. Ob es wirklich zu Gewalt kommt, steht in den Sternen – die Angst ist aber berechtigt. Solange ein Irrer auf dem Atomkoffer sitzt, kann diese nicht gross genug sein. Sich davon aber lähmen zu lassen, wäre fatal. Ich merke persönlich, wie mir dieses Affentheater namens Wahlen 2020 an die Psyche geht. So sehr, dass ich mich aus aus den hysterischen Schlagzeilen über die wechselnden Mehrheiten in den einzelnen Gliedstaaten ausgeklinkt habe und nur noch auf ein Schlussresultat warte. Dabei schwingt die stille Hoffnung mit, das Getöse möge ein baldiges Ende finden. Eigentlich ist mir schon fast egal wer am Ende „gewinnt“. Noch schlimmer aber – meine Hoffnung ist vergebens, weil schon alle verloren haben:

Die Demokratie: Wenn nicht mehr jede Stimme zählt, oder zählen soll, wie Trump ununterbrochen twittert,(STOP COUNT VOTE) oder seine Behauptung seine (mögliche) Abwahl wäre Betrug etc. etc., der untergräbt direkt die Glaubwürdigkeit der Demokratie.

Die Legimität des Gewählten: Egal wer am Schluss im Weissen Haus sitzt, dessen Legimität ist in Zweifel gezogen. Was er auch immer tut, sein Handeln ist illegitim. Die Fronten verhärten sich.

Das Vorbild: Bzw. deren Diskreditierung in der ganzen Welt. Wenn es die Vorbilddemokratie Nummer 1 in der Welt nicht mehr schafft Vorbild zu sein, wer dann? Es stärkt genau jene Kräfte die Demokratie und Menschenrechte schon jetzt zumTeufel wünschen. Putin, Erdogan, Orban, Bolsonaro usw. reiben sich die Hände. Das Credo des „Ich zuerst“, wird sanktioniert und salonfähig. Jeder gegen jeden.

Selbst wenn am Ende der demokratische Kompromisskandidat gewählt wird, der Scherbenhaufen ist angerichtet und die Reparatur auf lange Jahre unmöglich. Und auch er wird die Gräben in 4 Jahren nicht zuschütten können. Statt echte Herausforderungen, wie Klimawandel, Digitale Revolution, Biodiversität, Migration, Armut und Migration, werden Energie und Ressourcen für sinnlose Gefechte um Position, Einfluss und Macht im Zentrum stehen – Gewalt, bis hin zu Kriegen nicht ausgeschlossen. Verschärft wird das Gemenge noch durch die Müdigkeit, die sich breit macht. Ja, ich denke viele sind müde. Müde von den Lügen, dem Getwitter , der Aussichtslosigkeit, der Pandemie und der Perspektivlosigkeit. Eine Verschnaufpause täte Not – leider ist sie nicht in Sicht. Bleibt nur noch das Stummschalten der Kanäle. Die dadurch gewonnene Ruhe hätten wir dann – allerdings eine trügerische. So geh ich dann den Geburtstag meines Vaters feiern. Prost!