20.11.2020: Rückwärts im Vorwärtsgang

Es gibt Dinge, die werde ich wohl nie ganz verstehen – auch wenn ich mir noch so viel Mühe gebe. Da lese ich zum Beispiel in watson, dass in Amerika Coronaleugner selbst auf dem Sterbebett und nach Atem ringend, Covid leugnen und meinen sie stürben an Lungenkrebs. Bis in den Tod gilt: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Das gleiche Verhalten wie Trump, der immer noch einen Erdrutschsieg für sich reklamiert, obwohl sämtliche Resultate das Gegenteil beweisen. Diese krassen Beispiele stehen stellvertretend für ein Verhalten, welche ich schon seit längerem beobachte. Die (fast) vollständige Negation der Realität und das Festhalten an einmal gewonnen Überzeugungen. Die Lüge besiegt die Wahrheit. Ein Thema, was mich seit meiner NLP-Ausbildung vor 14 Jahren begleitet. Dort spricht man sinnigerweise von Glaubenssätzen. Damals dachte ich noch, mit der „richtigen“ Methode liessen sich diese ändern, in der Zwischenzeit habe ich meine Zweifel. Zumindest nicht, wenn es um grundlegende Überzeugungen geht. Wenn es 250 Jahre Aufklärung nicht geschafft haben, der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen, wie soll es da etwas gutes Zureden und ein bisschen Psychologie? Das Problem liegt offensichtlich tiefer. Aber wo?

Liegt vielleicht ein Konstruktionsfehler vor, für den wir gar nichts können? Welcher Mechanismus verhindert, dass so viele Menschen lieber irgendwelchen wohlklingenden Geschichten glauben, als die offensichtlichen Tatsachen zu akzeptieren? Wieso lassen sich Millionen von Lügengeschichten und leeren Versprechungen täuschen? Was bringt Menschen dazu gegen ihre eigenen Interessen zu handeln? Sind es einfach Ängste, wie viele behaupten oder steckt doch mehr hinter diesem irrationalen Verhalten?

Wären es nur Ängste, müsste sich das Verhalten mit ihrem Verschwinden ändern. Was es aber oft nicht tut. Wer Angst vor Spinnen hat, verliert diese selbst dann nicht, wenn man diese auf der Hand rumkrabbeln lässt, ohne dass diese beisst. Und eher gibt man „dem“ Ausländer die Schuld für die Kündigung, als dem raffgierigen Chef, der seine Produktion ins Ausland verlagert. Ja selbst billig gemachte YouTube-Videos geniessen bei Vielen mehr Vertrauen, als Professoren mit langjährigem Studium – solange sie das eigene Weltbild bestätigen. Womit wir uns des Pudels Kern nähern. Wir sehen was wir sehen möchten und glauben was wir glauben wollen.

Ist uns also die eigene Komfortzone, also das wohlige Gefühl im selbst gemachten Nest, wichtiger als nackte Tatsachen? Ganz offensichtlich. Doch welchen Nutzen und Vorteil haben wir dadurch? Ist es, weil es bequem ist, weil ausgetretene Pfade einfacher zu gehen sind oder es uns einfach an Fantasie mangelt? Der Fantasie, wie es anders sein könnte. Doch bleiben wir vorerst bei der oft zitierten Komfortzone, die zu verlassen so mancher Coach, Berater oder Psychologe rät. Nicht zu vergessen die Einpeitscher der Effizienz und Effektivität in den Teppichetagen. Dort heisst es: Arsch hoch, Finger aus dem A***, vorwärts zu neuen Höhenflügen. Und jede/r weiss instinktiv, was das heisst – Anstrengung, Unsicherheit, Schweiss und Tränen. Da lockt die eigene Komfortzone mit Fanfaren und Wimpeln. Wer sich angegriffen fühlt, sucht Schutz – soweit normal. Also den Rückwärtsgang einlegen und bekannten Mustern folgen – ein Hoch dem Altbekannten und Bewährten. Wenn es uns hierher gebracht hat, warum nicht auch weiter?

Womit wir beim nächsten Punkt – der fehlenden Fantasie wären. Nicht jene, von einem Haus am See oder Ferien im Südseeparadies zu träumen. Auch nicht jene, sich den neuen Tisch im Wohnzimmer oder das neue Haus auf der grünen Wiese, mit dem neuen BMW davor, vorzustellt. Diese entspringen fast ausschliesslich einem Mangel, den wir beheben möchten. Ob einem echten oder eingebildeten, ist dabei egal. Was zählt ist einzig die Hoffnung, dass uns die Beseitigung dessen, glücklicher oder zufriedener macht. Also füttern wir unsere Komfortzone. Ärger, Stress und Kummer bereitet uns alles, was diese stört. Und so schauen wir fast immer nur auf dass, was uns (vermeintlich) fehlt. Und selbst dann, wenn wir schon hundert mal enttäuscht wurden und eigentlich wissen müssten, dass das immer Gleiche zu immer gleichen Resultaten führt, halten wir daran fest. Fast immer. Was uns fehlt, ist die Fantasie, uns vorzustellen, wie es anders, ausserhalb der bekannten Komfortzone, sein könnte. Also machen wir weiter.

Ich lese dieser Tage oft, uns (damit sind „wir“ als Gesellschaft gemeint) würden Visionen fehlen. Wir wüssten zwar, was schlecht ist, nicht aber wie es anders sein könnte. Oder aber das Andere macht so viel Angst, dass wir den Schritt dahin nicht einmal wagen. Umso leichter fällt es jenen, die Pläne haben (in der Regel eigene, egoistische) uns dafür einzuspannen. Dazu braucht es nur zwei Dinge: Angst (du könntest etwas verlieren) und die Aussicht, dass alles so wird, wie es war. Vorwärts im Rückwärtsgang. Wo es an eigenen Plänen fehlt, es an Fantasie mangelt und Visionen mit George Orwell oder Dantes Hölle (wahlweise: Anarchie, Kommunismus, Gewalt und Niedergang) gleichgesetzt werden, hat es der Fortschritt schwer. Natürlich nicht jener, den wir täglich in Form neuer technischer Spielzeuge, dem Verschwinden lieb gewonnener Einrichtungen (Läden, Arztpraxen, Poststellen etc.) oder den digitalen Errungenschaften (Online-Shopping, Soziale Medien, Gaming etc,) erfahren. Hinter diesen steckt die Fantasie und Macht des Geldes. Dieses ist die wahre Kraft, welche uns aus unseren Komfortzonen holt. Nicht umsonst wird Macht mit Geld gleichgesetzt. Und ebenso wundert es nicht, dass viele gegenüber Veränderungen skeptisch sind und sich in rückwärtsgewandte Fantasiewelten flüchten. Oder anders gesagt: Solange wir die Gestaltung unseres Lebens dem Geld (aka Profitgier) überlassen, ist die Flucht in eine verklärte Vergangenheit attraktiv.

Dummerweise ist vorwärts fahren mit Blick in den Rückspiegel, kein Rezept auf lange Zeit. Und je kurviger die Strecke, desto wahrscheinlicher der baldige Crash. Wie anders lässt sich sonst ein Wahlresultat wie in den USA erklären, wo 50% einen offensichtlich Irren wählen, weil er ihnen den Himmel auf Erden verspricht und die Hölle liefert? Woran könnte es sonst liegen, dass fast überall auf der Welt, Despoten, Lügner und Kriminelle an die Macht drängen? Immer mit dem Versprechen, dass alles wird, wie es war – nur schöner. Dabei brauchen wir nicht einmal über die Grenze zu schauen. Vorwärts im Rückwärtsgang beherrscht unsere $VP schon seit 30 Jahren – nur besser.

Aber warum? Warum ist der Blick in den Rückspiegel so viel attraktiver als ein Blick vorwärts? Was machen diese Heilsversprecher besser als jene die vorwärts schauen und vor den Gefahren warnen? Die Antwort liegt auf der Hand. Sie bedienen unsere Komfortzone, während die lästigen Warner, Veränderungen einfordern. Im schimmsten Fall gar Verbote verlangen, uns aus der Komfortzone bugsieren und uns ein schlechtes Gewissen bereiten. Das ist anstrengend, kostspielig und stört unseren Tagesablauf. Derweilen gestalten die Macher mit den angehäuften Profiten die Welt nach ihren Plänen. Fantasien unerwünscht. Was bleibt ist der Blick in den Rückspiegel. Dort finden wir ein vertrautes Bild – bis zum Crash! Und sollten es doch mal neue Ideen in die Öffentlichkeit schaffen – wie z.B. ein Bedingungsloses Grundeinkommen, eine Finanztransaktionssteuer oder die Abschaffung der Armee – wird die Angst so lange geschürt, bis wir den Rückwärtsgang einlegen. Die aktuell anstehende Konzernverwantwortungsinitiative zeigt wie es geht. Über die ABgründe, welche sich hinter diesen Konzernen verbergen (Kinderarbeit, Umweltzerstörung, miserable Löhne etc.) wird nicht gesprochen – der Blick in den Rückspiegel zeigt das Bild blühender Landschaften und gut bezahlter Jobs.

06.11.2020: 96

Heute feiert mein Vater den 96igsten Geburtstag. Anlass zur doppelten Freude gibt aber das glimpfliche Ende seiner Corona-Erkrankung – seit vorgestern, darf er sogar wieder aus dem Haus. Und da sich bisher auch bei Bruder, Onkel und Tante keine lebensbedrohlichen Symptome zeigen und meine Mutter verschont wurde, ist es eine Woche der Freude und der Dankbarkeit – zumindest in der Familie. Alles übrige ist Thema dieses Blogs.

Zum Zeitpunkt, wo ich diesen Blog schreibe schweben wir und die Welt zwischen Hoffen und Bangen. Wer glaubte, der 3. November würde uns vom Irrsinn und Wahnsinnigen im Oval Office befreien, wurde jäh in die Realität katapultiert. Und wie es aussieht, dürfte dieses Chaos noch einige Zeit die Schlagzeilen beherrschen. Was im Detail auch immer die Gründe für dieses knappe Resutat waren: Es zeigt vor allem eins – wie verzweifelt Menschen sein müssen, dass sie dermassen gegen ihre eigenen Interessen wählen. Oder tun sie das am Ende gar nicht? Von Bill Clinton stammt ja das berühmte Zitat: „It’s the economic stupid“ (sinngemäss: Es dreht sich alles um die Wirtschaft) und wenn man den ersten Analysten glaubt und die Börsenkurse verfolgt, könnte man meinen, dem wäre tatsächlich so. Dabei haben doch „dank“ der präsidialen Corona-Verharmlosung, Millionen ihren Job und Hundertausende ihr Leben verloren – warum zählt das nicht? Warum wählen Latinos, die Trump wahlweise als Vergewaltiger oder Kriminelle verunglimpft, und derentwegen er eine Mauer zu Mexiko baut, diesen Mann? Weshalb legt ein Rassist, der die Black Lives Matter Bewegung als Terroristen beschimpft, sogar bei Schwarzen Wählern zu? Ist es Dummheit, Hoffnung oder Kalkül. Also Kopf oder Bauch?

Ich leben nicht in Amerika und deshalb bin ich auch nicht in der Lage diese Fragen schlüssig zu beantworten. Und auch wenn ich über ein Dutzend mal durch das Land gereist bin und der augenfällige Graben zwischen Arm und Reich als erstes ins Auge sticht, so ist die Realität wohl komplexer, als wir hier in Mitteleuropa ahnen oder wissen. Vielen geht es dreckig, vielen fehlt eine Zukunftsperspektive, haben Schulden und keine Krankenversicherung. Wählt man deshalb jemanden, der mit Garantie nichts für mich tut, ausser mich mit billigen Sprüchen abzuspeisen? Oder reicht es, dass der Typ meiner Wahl „Law and Order“ schreit, den Kommunismus an die Wand malt und Steuern für die reichsten 10% senkt? Reicht das Versprechen Umwelt und Menschenrechte für Jobs zu opfern? Es scheint fast so. Doch Halt! Wer wählt denn hier in der Schweiz die $VP oder in Deutschland die AfD? Zwei Parteien welche konsequent auf dem Buckel des „sogenannt“ kleinen Mannes sparen, gegen jede soziale Absicherung Sturm laufen und ausser Steuern optimieren für Konzerne und reiche Geldsäcke nichts für ihre Wähler tun? Der Unterschied zwischen den Amerikanischen Republikanern und der Sünnelipartei ist in Wahrheit klein. Beide schüren sie Ängste (hier Europa, Ausländer und Sozialschmarotzer – dort China, Schwarze und kriminelle Latinos) und bedienen die Interessen einer reichen Oberschicht. Der einzige Unterschied ist der offensichtlich Wahnsinnige am Ruder.

Gerade lese ich den x-ten Bereicht und das x-te Interview eines politischen Kommentatoren in einer hiesigen Zeitung. Um mich auf die Wahlen einzustimmen, las ich x Bücher amerikanischer Autoren (sogar von Republikanern). Alle beklagen die tiefe Spaltung Amerikas und keiner macht wirklich Hoffnung. Manche sprechen gar von einem möglichen Bürgerkrieg. Aber wenn man es genau nimmt gleicht das Land eher Ozeanien. Es besteht aus vielen, kleinen, weit voneinander entfernten Inseln. Ob es wirklich zu Gewalt kommt, steht in den Sternen – die Angst ist aber berechtigt. Solange ein Irrer auf dem Atomkoffer sitzt, kann diese nicht gross genug sein. Sich davon aber lähmen zu lassen, wäre fatal. Ich merke persönlich, wie mir dieses Affentheater namens Wahlen 2020 an die Psyche geht. So sehr, dass ich mich aus aus den hysterischen Schlagzeilen über die wechselnden Mehrheiten in den einzelnen Gliedstaaten ausgeklinkt habe und nur noch auf ein Schlussresultat warte. Dabei schwingt die stille Hoffnung mit, das Getöse möge ein baldiges Ende finden. Eigentlich ist mir schon fast egal wer am Ende „gewinnt“. Noch schlimmer aber – meine Hoffnung ist vergebens, weil schon alle verloren haben:

Die Demokratie: Wenn nicht mehr jede Stimme zählt, oder zählen soll, wie Trump ununterbrochen twittert,(STOP COUNT VOTE) oder seine Behauptung seine (mögliche) Abwahl wäre Betrug etc. etc., der untergräbt direkt die Glaubwürdigkeit der Demokratie.

Die Legimität des Gewählten: Egal wer am Schluss im Weissen Haus sitzt, dessen Legimität ist in Zweifel gezogen. Was er auch immer tut, sein Handeln ist illegitim. Die Fronten verhärten sich.

Das Vorbild: Bzw. deren Diskreditierung in der ganzen Welt. Wenn es die Vorbilddemokratie Nummer 1 in der Welt nicht mehr schafft Vorbild zu sein, wer dann? Es stärkt genau jene Kräfte die Demokratie und Menschenrechte schon jetzt zumTeufel wünschen. Putin, Erdogan, Orban, Bolsonaro usw. reiben sich die Hände. Das Credo des „Ich zuerst“, wird sanktioniert und salonfähig. Jeder gegen jeden.

Selbst wenn am Ende der demokratische Kompromisskandidat gewählt wird, der Scherbenhaufen ist angerichtet und die Reparatur auf lange Jahre unmöglich. Und auch er wird die Gräben in 4 Jahren nicht zuschütten können. Statt echte Herausforderungen, wie Klimawandel, Digitale Revolution, Biodiversität, Migration, Armut und Migration, werden Energie und Ressourcen für sinnlose Gefechte um Position, Einfluss und Macht im Zentrum stehen – Gewalt, bis hin zu Kriegen nicht ausgeschlossen. Verschärft wird das Gemenge noch durch die Müdigkeit, die sich breit macht. Ja, ich denke viele sind müde. Müde von den Lügen, dem Getwitter , der Aussichtslosigkeit, der Pandemie und der Perspektivlosigkeit. Eine Verschnaufpause täte Not – leider ist sie nicht in Sicht. Bleibt nur noch das Stummschalten der Kanäle. Die dadurch gewonnene Ruhe hätten wir dann – allerdings eine trügerische. So geh ich dann den Geburtstag meines Vaters feiern. Prost!