20.11.2020: Rückwärts im Vorwärtsgang

Es gibt Dinge, die werde ich wohl nie ganz verstehen – auch wenn ich mir noch so viel Mühe gebe. Da lese ich zum Beispiel in watson, dass in Amerika Coronaleugner selbst auf dem Sterbebett und nach Atem ringend, Covid leugnen und meinen sie stürben an Lungenkrebs. Bis in den Tod gilt: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Das gleiche Verhalten wie Trump, der immer noch einen Erdrutschsieg für sich reklamiert, obwohl sämtliche Resultate das Gegenteil beweisen. Diese krassen Beispiele stehen stellvertretend für ein Verhalten, welche ich schon seit längerem beobachte. Die (fast) vollständige Negation der Realität und das Festhalten an einmal gewonnen Überzeugungen. Die Lüge besiegt die Wahrheit. Ein Thema, was mich seit meiner NLP-Ausbildung vor 14 Jahren begleitet. Dort spricht man sinnigerweise von Glaubenssätzen. Damals dachte ich noch, mit der „richtigen“ Methode liessen sich diese ändern, in der Zwischenzeit habe ich meine Zweifel. Zumindest nicht, wenn es um grundlegende Überzeugungen geht. Wenn es 250 Jahre Aufklärung nicht geschafft haben, der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen, wie soll es da etwas gutes Zureden und ein bisschen Psychologie? Das Problem liegt offensichtlich tiefer. Aber wo?

Liegt vielleicht ein Konstruktionsfehler vor, für den wir gar nichts können? Welcher Mechanismus verhindert, dass so viele Menschen lieber irgendwelchen wohlklingenden Geschichten glauben, als die offensichtlichen Tatsachen zu akzeptieren? Wieso lassen sich Millionen von Lügengeschichten und leeren Versprechungen täuschen? Was bringt Menschen dazu gegen ihre eigenen Interessen zu handeln? Sind es einfach Ängste, wie viele behaupten oder steckt doch mehr hinter diesem irrationalen Verhalten?

Wären es nur Ängste, müsste sich das Verhalten mit ihrem Verschwinden ändern. Was es aber oft nicht tut. Wer Angst vor Spinnen hat, verliert diese selbst dann nicht, wenn man diese auf der Hand rumkrabbeln lässt, ohne dass diese beisst. Und eher gibt man „dem“ Ausländer die Schuld für die Kündigung, als dem raffgierigen Chef, der seine Produktion ins Ausland verlagert. Ja selbst billig gemachte YouTube-Videos geniessen bei Vielen mehr Vertrauen, als Professoren mit langjährigem Studium – solange sie das eigene Weltbild bestätigen. Womit wir uns des Pudels Kern nähern. Wir sehen was wir sehen möchten und glauben was wir glauben wollen.

Ist uns also die eigene Komfortzone, also das wohlige Gefühl im selbst gemachten Nest, wichtiger als nackte Tatsachen? Ganz offensichtlich. Doch welchen Nutzen und Vorteil haben wir dadurch? Ist es, weil es bequem ist, weil ausgetretene Pfade einfacher zu gehen sind oder es uns einfach an Fantasie mangelt? Der Fantasie, wie es anders sein könnte. Doch bleiben wir vorerst bei der oft zitierten Komfortzone, die zu verlassen so mancher Coach, Berater oder Psychologe rät. Nicht zu vergessen die Einpeitscher der Effizienz und Effektivität in den Teppichetagen. Dort heisst es: Arsch hoch, Finger aus dem A***, vorwärts zu neuen Höhenflügen. Und jede/r weiss instinktiv, was das heisst – Anstrengung, Unsicherheit, Schweiss und Tränen. Da lockt die eigene Komfortzone mit Fanfaren und Wimpeln. Wer sich angegriffen fühlt, sucht Schutz – soweit normal. Also den Rückwärtsgang einlegen und bekannten Mustern folgen – ein Hoch dem Altbekannten und Bewährten. Wenn es uns hierher gebracht hat, warum nicht auch weiter?

Womit wir beim nächsten Punkt – der fehlenden Fantasie wären. Nicht jene, von einem Haus am See oder Ferien im Südseeparadies zu träumen. Auch nicht jene, sich den neuen Tisch im Wohnzimmer oder das neue Haus auf der grünen Wiese, mit dem neuen BMW davor, vorzustellt. Diese entspringen fast ausschliesslich einem Mangel, den wir beheben möchten. Ob einem echten oder eingebildeten, ist dabei egal. Was zählt ist einzig die Hoffnung, dass uns die Beseitigung dessen, glücklicher oder zufriedener macht. Also füttern wir unsere Komfortzone. Ärger, Stress und Kummer bereitet uns alles, was diese stört. Und so schauen wir fast immer nur auf dass, was uns (vermeintlich) fehlt. Und selbst dann, wenn wir schon hundert mal enttäuscht wurden und eigentlich wissen müssten, dass das immer Gleiche zu immer gleichen Resultaten führt, halten wir daran fest. Fast immer. Was uns fehlt, ist die Fantasie, uns vorzustellen, wie es anders, ausserhalb der bekannten Komfortzone, sein könnte. Also machen wir weiter.

Ich lese dieser Tage oft, uns (damit sind „wir“ als Gesellschaft gemeint) würden Visionen fehlen. Wir wüssten zwar, was schlecht ist, nicht aber wie es anders sein könnte. Oder aber das Andere macht so viel Angst, dass wir den Schritt dahin nicht einmal wagen. Umso leichter fällt es jenen, die Pläne haben (in der Regel eigene, egoistische) uns dafür einzuspannen. Dazu braucht es nur zwei Dinge: Angst (du könntest etwas verlieren) und die Aussicht, dass alles so wird, wie es war. Vorwärts im Rückwärtsgang. Wo es an eigenen Plänen fehlt, es an Fantasie mangelt und Visionen mit George Orwell oder Dantes Hölle (wahlweise: Anarchie, Kommunismus, Gewalt und Niedergang) gleichgesetzt werden, hat es der Fortschritt schwer. Natürlich nicht jener, den wir täglich in Form neuer technischer Spielzeuge, dem Verschwinden lieb gewonnener Einrichtungen (Läden, Arztpraxen, Poststellen etc.) oder den digitalen Errungenschaften (Online-Shopping, Soziale Medien, Gaming etc,) erfahren. Hinter diesen steckt die Fantasie und Macht des Geldes. Dieses ist die wahre Kraft, welche uns aus unseren Komfortzonen holt. Nicht umsonst wird Macht mit Geld gleichgesetzt. Und ebenso wundert es nicht, dass viele gegenüber Veränderungen skeptisch sind und sich in rückwärtsgewandte Fantasiewelten flüchten. Oder anders gesagt: Solange wir die Gestaltung unseres Lebens dem Geld (aka Profitgier) überlassen, ist die Flucht in eine verklärte Vergangenheit attraktiv.

Dummerweise ist vorwärts fahren mit Blick in den Rückspiegel, kein Rezept auf lange Zeit. Und je kurviger die Strecke, desto wahrscheinlicher der baldige Crash. Wie anders lässt sich sonst ein Wahlresultat wie in den USA erklären, wo 50% einen offensichtlich Irren wählen, weil er ihnen den Himmel auf Erden verspricht und die Hölle liefert? Woran könnte es sonst liegen, dass fast überall auf der Welt, Despoten, Lügner und Kriminelle an die Macht drängen? Immer mit dem Versprechen, dass alles wird, wie es war – nur schöner. Dabei brauchen wir nicht einmal über die Grenze zu schauen. Vorwärts im Rückwärtsgang beherrscht unsere $VP schon seit 30 Jahren – nur besser.

Aber warum? Warum ist der Blick in den Rückspiegel so viel attraktiver als ein Blick vorwärts? Was machen diese Heilsversprecher besser als jene die vorwärts schauen und vor den Gefahren warnen? Die Antwort liegt auf der Hand. Sie bedienen unsere Komfortzone, während die lästigen Warner, Veränderungen einfordern. Im schimmsten Fall gar Verbote verlangen, uns aus der Komfortzone bugsieren und uns ein schlechtes Gewissen bereiten. Das ist anstrengend, kostspielig und stört unseren Tagesablauf. Derweilen gestalten die Macher mit den angehäuften Profiten die Welt nach ihren Plänen. Fantasien unerwünscht. Was bleibt ist der Blick in den Rückspiegel. Dort finden wir ein vertrautes Bild – bis zum Crash! Und sollten es doch mal neue Ideen in die Öffentlichkeit schaffen – wie z.B. ein Bedingungsloses Grundeinkommen, eine Finanztransaktionssteuer oder die Abschaffung der Armee – wird die Angst so lange geschürt, bis wir den Rückwärtsgang einlegen. Die aktuell anstehende Konzernverwantwortungsinitiative zeigt wie es geht. Über die ABgründe, welche sich hinter diesen Konzernen verbergen (Kinderarbeit, Umweltzerstörung, miserable Löhne etc.) wird nicht gesprochen – der Blick in den Rückspiegel zeigt das Bild blühender Landschaften und gut bezahlter Jobs.

31.10.2020: Trotzphase

Eigentlich wissen wir es alle: Wir haben es vergeigt und jetzt erhalten wir die Quittung dafür. Wie könnte es diese Woche auch anders sein – es geht einmal mehr um diese Pandemie, die unser Leben seit nunmehr 9 Monaten dominiert. Es gäbe zwar tausende andere Themen – aber diese interessieren uns gerade nicht: Wir haben jetzt mit uns selbst zu tun.

Und genau da scheint mir auch das Problem zu liegen. Tag für Tag, Abend für Abend verfolgen wir in News und TV, wer sich gerade wieder etwas mehr beschissen oder übergangen fühlt, wer die noch grösseren Sorgen hat und wer alles sowieso besser weiss. Vom Tourisums, zur Gastrobranche bis hin zum Sportverein und der Eventbranche – nur Verlierer. Das Gezeter ist ohrenbetäubend. Die Tagesschau ist voll von jammervollen Gesichtern – mal mit, mal ohne Maske. Der Einzige der sich nicht um unsere (oder deren) Befindlichkeit schert, ist das Virus. Dieses verbreitet sich munter und unbeeindruckt weiter. Wer es übrigens noch nicht wissen sollte: Auch in unserer Familie.

Es gilt also nur noch „uns“. Jede*r ist sich selbst der Nächste. Schnell ist vergessen, dass weder Leichenberge unsere Strassen säumen, hier kaum jemand hungert (auch wenn die Kolonnen vor den Caritas-Essensausgaben bedrohlich länger werden), niemand einfach so auf der Strasse landet und wir in einem noch halbwegs funktionierenden Staat leben. Im Gegensatz zu hunderten Millionen andrernorts, die nicht auf die Sonnenseite des Planten geboren wurden. Statt über das Verlorene zu jammern, wäre es an der Zeit, sich über das was man hat zu freuen – es ist immer noch zehn mal mehr, als andere je haben werden. Ich weiss, es klingt moralisch – soll es aber auch!

Damit man mich aber richtig versteht: Ich bin der Ansicht, das jenen unbedingt geholfen werden soll, die unter den angeordneten Massnahmen leiden. Wer anordnet, trägt auch die Verantwortung, sollte man meinen und sagt uns unser Gerechtigkeitsempfinden. Instrumente und Geld hätte der Staat genug (mit nur 40% Staatsverschuldung gehören wir zu den Überprivilegierten). Vom Notkredit (von mir auch auch à fond perdu), zur Kurzarbeitsentschädigung (so lange wie nötig) oder gar einem bedingungsloses Grundeinkommen (wäre sowieso an der Zeit – dazu aber mehr in einem anderen Blog), ist vieles denkbar. Einiges wird auch gemacht – was jedoch fehlt, sind Perspektiven, welche Sicherheit vermitteln und die nahe Zukunft planbar machen. Gift für Wirtschaft und Gesellschaft. Schlimmer jedenfalls, als ein befristeter Lockdown, weil ohne Ende. Unser oberster Säckelmeister meint dazu allerding, uns fehlten weitere 30 Milliarden und hofiert Coronaleugnern, die sich polizeilichen Anordnungen wiedersetzen und deswegen festgehalten werden (https://www.watson.ch/schweiz/svp/716031429-ueli-maurer-setzt-sich-fuer-corona-leugner-ein). Erstaunt reibt man sich die Augen und wähnt sich im falschen Film. Ist ihm und seiner $VP die Gesundheit der Bürger wirklich scheissegal und die drohenden Steuererhöhungen für ihre Financiers wichtiger? Es scheint so! Was eine Durchseuchung bedeuten würde, sagen diese Hasardeure allerdings nicht – wir sprechen hier von 100’000 Toten. Wer das verantworten will, soll hervortreten – Danke.

Oder ist es einfach Trotz, die viele davon abhält zu begreifen, was da gerade passiert und was notwendig wäre – so quasi eine „persönliche Beleidigung“? Fehlt es an Krisenresilienz – daran, dass wir seit Jahrzehnten von solchen verschont wurden und verlernt haben uns in unsicheren Situationen zurecht zu finden – wir sind schliesslich kein Drittweltland? Versagt die Politik und seine Institutionen – oder gar das ganze System? Sind die Spitäler deshalb so schnell am Anschlag, weil man sie in den letzen Jahrzehnten „gesund“ gespart hat? Macht uns die Wissenschaft irre, die uns täglich mit neuen Erkenntnissen konfrontiert – oder doch nur einzelne Schwachköpfe die aus reinem Kalkül, Profitgier oder Besserwisserei die Verantwortung von sich schieben? Vermutlich von allem etwas!

Von Elisabeth Kübler-Ross, der berühmten Psychiaterin stammen die 5 Phasen der Trauerbewältigung (oder unsere Reaktion auf Verlust und Bedrohung). Diese sind der Reihe nach: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und die Akzeptanz. Genau gleich scheint es in dieser Pandemie abzulaufen, nur das alles gleichzeitig passiert. Die Leugner kennen wir von den unsäglichen Aufmärschen und dem Geschwurbel in den Sozialen Medien und Youtube. Für sie ist Corona bestenfalls Mittel zum Zweck, um uns alle zu versklaven. Zornig sind alle jene, welchen die Massnahmen den Boden unter den Füssen weg zieht. Die Politik verhandelt- zwischen den Empfehlungen der Experten und den Lobbyisten der Wirtschaft. Die Ängstlichen verkriechen sich zu Hause und werden depressiv. Nur akzeptieren will den Zustand (noch) niemand so richtig – bestenfalls hofft man auf einen baldigen Impfstoff. Nicht auszudenken, was passiert, wenn dieser auf sich warten lässt.

Im preisgekröhnten Film „Bridges of Spies“ von Steven Spielberg meint der Russische Spion, der nach Russland abgeschoben wird auf die Frage, ob er denn keine Angst hätte: „Würde etwas ändern, wenn ich Angst hätte?„. Ganz ähnlich Angela Merkel, die meinte „Wenn Aufregung helfen würde, würde ich mich aufregen!“ Besser kann man „Gelassenheit“ oder eben die Erkenntnis, dass man unveränderliche Dinge weder wegwünschen noch bekämpfen, sondern nur akzepteren und sich damit arrangieren kann, nicht zum Ausdruck bringen. Ich frage mich, ob wir diese Stufe in der Pandemie je erklimmen werden? Ich fürchte nicht – zumindest nicht als Gesellschaft.

So liegt es wohl an jedem*r Einzelnen sich mit dem „neuen Normal“ unter Pandemiebedingungen zu arrangieren. Auf Rettung durch Politik oder Wissenschaft zu hoffen endet in einer Sackgasse. Warten endet für gewöhnlich im Abseits (auch hier gilt: wer stehen bleibt, bleibt zurück). Bleibt die Hoffnung – auf einen Impfstoff, Hilfe oder das Danach – bis dahin tun wir aber gut daran zu akzeptieren und uns zu arrangieren. Um aber die Politik(er) nicht aus ihrer Verantwortung zu entlassen, heisst das auch, sie an ihre Verantwortung zu mahnen – also Überbrückungshilfen, Schutz und Vorsorge. „Gouverner c’est prévoir“ (regieren heisst vorausschauen), heisst es im Französischen. Davon ist momentan leider wenig zu spüren. Die Politik ist offensichtlich noch in der Phase des „Verhandelns“, bzw. laviert zwischen den Interessensgruppen. Darüber freut sich dar Virus und durchseucht munter Städte, Dörfer und Gemeinden.

Wer meint mit Trotz (und allem was dazu gehört) diese Krise meistern zu können, macht sich nicht nur lächerlich, sondern verhindert auch Lösungen. Lösungen die uns helfen diese Krise zu bewältigen – sei es wirtschaftlich oder sozial. Ich plädiere deshalb für mehr Gelassenheit und nehme mich gleich selber an der Nase. Auch ich (wir) habe*n überreagiert und uns fast gänzlich aus dem sozialen Leben zurück gezogen. Das tut nicht gut – weder uns, noch Familie und Freunden. Wir lernen gerade, wie wir es besser machen können. Behandeln wir den Käfer einfach wie einen ungebetenen Gast. Also bitten wir ihn nicht mehr an den Tisch, meiden seine Gesllschaft, und geben wir ihm keine Gelegenheit sich breit zu machen. Treffen wir uns einfach nur noch in kleinem Kreis, geniessen gutes Essen, ein Glas Wein, gute Gespräche und meiden grosse Ansammlungen. Der Widerling vwird auch dann nicht über Nacht verschwinden, aber er wird uns nach und nach meiden. Und so hoffen wir alle, dass wir bald ein Kraut gegen den Fiesling gefunden haben. Bis dahin heisst es aber durchbeissen – mit Gelassenheit und der Freude auf alles was wir haben. Das wäre vielleicht ein Ansatz, der uns mehr bringt als trötzeln, motzen und jammern – das überlassen wir den 3-jährigen vor der Ladenkasse.

16.10.2020: Heureka!

Heureka!

Nackt lief er vor über 2000 Jahren durch die Stadt Syrakus und rief Heureka! Die Erkenntnis kam ihm beim Besteigen seiner Badewanne. Endlich wusste er, weshalb Schiffe schwimmen und Steine absaufen. Archimedes entdeckte den Auftrieb bzw. die Verdrängung. Auch heute gilt dieser Ausruf noch als Zeichen grosser Freude, wenn man zu einer Erkenntnis gelangt. Heureka! Schau mal her, wie schlau ich bin! Ganz im Gegensatz zu seinem griechischen Verwandten und Philophen Sokrates, der meinte: „Ich weiss, dass ich nichts weiss“ oder noch deutlicher Albert Einstein mit: „Je mehr ich weiss, desto mehr erkenne ich, dass ich nichts weiss„. Ein Bescheidenheit und Demut, die wir zur Zeit alle ziemlich vermissen. Viel lieber schreien wir Heureka! Aber was haben wir eigentlich entdeckt?

Jede*r ist heutzutage ein Experte. Schliesslich gibt es ja Google, Youtube und Wikipedia. Alles Wissen dieser Welt „frei Haus„. Dumm nur, dass das geballte „Wissen“ der digitalen Welt nicht nach Wahrheitsgehalt kategorisiert und gekennzeichnet ist. Dummheit, Falschheit, Lügen und Schwachsinn stehen gleichberechtigt mit Wissenschaft, Wahrheit, Fakten und seriöser Berichterstattung – nein – dank der allmächtigen Algorithmen der Techgiganten sogar noch vor diesen. Aufreger und Skandale waren ja schon immer spannender als der normale Alltag. Und schon sind wir mitten im heutigen Thema: Wieder einmal Corona – das musste ja sein.

Und ich schreibe einmal nicht über jene, die das Virus leugnen und meinen, Masken wäre nur was für Weicheier oder schlimmstfalls ein Zeichen einer allmächtigen Diktatur. Angesichts der explodierenden Fallzahlen verstummen diese sowieso und geben sich der Lächerlichkeit preis. Viel bedeutsamer und wichtiger scheint mir die Frage, wie es eigentlich zu dieser 2ten Welle kommen konnte. Wobei ehrlicherweise auch diese Frage müssig ist – wer die Augen offen hielt, hat es kommen sehen. Seit dem Ende des eigentlichen Lockdowns (oder was als solcher bezeichnet wurde), lavieren die Politiker zwischen der einen Branchenlobby und er andern. Gegenüber dem Bürger gilt das Prinzip Hoffnung (auch bekannt als Eigenverantwortung). Begleitet wird der Zirkus von einer „Debatte“ um Masken oder nicht, bzw. darf man der Wissenschaft (noch) glauben oder sind alle von Bill Gates geschmiert.

An epidemologischen und historischem Wissen mangelt es wahrlich nicht. Auch Zeit hatten wir genug – neun Monate, um genau zu sein – seit das Virus in Wuhan wütete. Die spanische Grippe (50+ Millionen Tote) ist gerade mal 100 Jahre alt. Die Quarantäne kennt man seit der Antike als Massnahme zur Eindämmung von Seuchen und die Wissenschaft warnt nicht umsonst seit Jahrzehnten vor Epidemien und Zoonosen (von Tieren verursachte Krankheiten). Die Pandemie trifft uns also nicht ganz „unvorbereitet„, wohl aber „unerwartet„. Unerwartet, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass es für alles eine Instant-Lösung gibt (die Antwort liegt immer nur einen Klick weit weg) oder es eh nur die Ärmsten – weit weg in Afrika (Ebola) – trifft. Umso härter und tiefer der Fall. Denn, was ist schlimmer in einer „Rundumsorglosgesellschaft„, als Verunsicherung, die Infragestellung von „Gewissheiten“ und des eigenen Lebensstils? Nichts!

Dabei sind wir, global betrachtet, noch in einer äusserst komfortablen Lage. Hier hungert niemand wegen Corona – weltweit schätzt man die Corona-Hungernden auf mittlerweile 270 Millionen, Tendenz stark steigend. Wir haben ein (noch) funktionierendes Gesundheitssystem, einen Sozialstaat, volle Kassen (40% Staatsverschuldung ist im Vergleich ein Klacks) und viele Freiheiten. Dinge, die an den meisten Orten dieser Welt – selbst im reichen Amerika – längst nicht mehr selbstverständlich sind. Dazu eine Politikerkaste, die sich wahlweises als ignorant, verantwortungslos, bösartig und dumm gebärdet. Spitzenreiter einmal mehr der Auferstandene im Oval Office, sekundiert von den üblich Verdächtigen im brennenden, brasilianischen Pantanal, der geldgierigen City of London und dem südlichen Afrika mit ihren bigotten Despoten. Wer solchen Vorbildern nacheifert (Roger Köppels Weltwoche sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt) braucht sich um den Schaden nicht wundern.

3105 Infizierte meldet das BAG heute. Ich fürchte nächste Woche sind es dann 4500, dann 6000, 12‘000 … – falls wir so weiter wursten, wie diesen Sommer. Viel zu spät reagieren die kantonalen Gesundheitsdirektoren und auch dass nur halbherzig. Das Contact-Tracing hat (bei allem Wohlwollen) vermutlich schon längst das Handtuch geworfen. Niemand wagt sich an einen zweiten Lockdown – auch wenn die Zahlen längst dafür sprechen (die Ansteckungszahlen sind doppelt so hoch, wie im März). Die Angst vor politischem Gesichtsverlust und Ärger mit den Branchen, Wirtschaftsverbänden und ihren Lobbyisten im Parlament, verhinderen griffige Massnahmen. Dazu kommt die Angst vor den nächste Wahl – schliesslich will man ja wiedergewählt werden. Das Virus wütet also praktisch ungebremst. Mit Positivitätsraten von deutlich über 10% (als0, 1 Infizierter auf 10 Getestete) ist die Dunkelziffer bei mind. Faktor 5. Wir reden also nicht von 3000, sondern von 15’000 tatsächlich Infizierten (das wäre also 1 auf 100 pro Tag und jeder steckt momentan bis zu 1,5 weitere an). Zum Glück waren es bisher eher Junge, die sich ansteckten, sonst wären die Spitäler schon längst kollabiert. Zustände wie im überfüllen Kantonsspital Schwyz dürften wir schweizweit dann ab mitte/ende November haben – sagt uns die Erfahrung und die Statistiker. Aber noch herrscht das Prinzip Hoffnung.

Jetzt, wo die 2te Welle abhebt und sich auch von hartnäckigsten Ignoranten nicht mehr leugenen lässt, kriechen die 26 Gesundheitsdirektoren aus ihren Löchern und verkünden Massahmen – für nächste Woche und so. Mit ernstem Gesicht, völlig perplex hinken sie dem Empfehlungen der Experten hinterher – viel zu spät und mit vielen unverständlichen Ausnahmen selbstverständlich. Am besten noch von Dorfplatz zu Dorfplatz verschieden – man ist ja so stolz auf den Föderalismus. Appelle statt griffige Massnahmen – Fussball und Hokey mit über 1000 Besuchern sind ja sooooo systemrelavant – Eigenverantwortung (die beste Ausrede um die Verantwortung von sich zu schieben) soll es richten. Besser der Bürger hat ein schlechtes Gewissen, als der Fussballclub eine leere Kasse. Ich kann es echt nicht mehr hören!

Damit man mich richtig versteht: Eine Pademie bekämpft man entweder gemeinsam (und da zählt auch das Verhalten jedes Einzelnen) oder man lässt es! Was fehlt, sind einheitliche, verständliche Regeln und deren Durchsetzung – auch als FÜHRUNG bekannt. Es fehlt an der Demut, sich Unwissen und Unvermögen einzugestehen. Es fehlt an der Erkenntnis (Heureka!), dass wir nicht alles per Mausklick vom Tisch wischen können, dass uns hier die Natur den Meister zeigt und wir uns entweder anpassen oder aber scheitern. Wenn wir das erkannt haben, wäre Jubel und ein herzhaftes Heureka! angebracht.

02.10.2020: Herbst

Kürzlich antwortete unser Enkel (15), auf die Frage, was er denn werden möchte, wenn es keinerlei Einschränkungen gäbe: „Rentner, wie Nani und Öpi„. Das Lachen hatte er auf seiner Seite, aber auch das Nachdenken darüber, wie er es wohl gemeint haben könnte. Vermutlich hat er einfach instinktiv begriffen, was ihn die nächsten 50 Jahre erwartet -kaum Zeit für die schönen Dinge im Leben. Genau das, was wir in unserem jungen Rentnerleben – quasi im Herbst des Lebens – seit kurzem haben: Zeit und die Freiheit zu tun, was uns gefällt.

Man kann jetzt natürlich einwenden, der Junge hätte keinen Biss, game und chille lieber als zu arbeiten und hätte den Ernst der Lebens (noch) nicht begriffen. Wobei – Hand aufs Herz – wer hat das schon mit 15? Ich auf jeden Fall, hatte es damals nicht und tat mehrheitlich das, was man von mir erwartet hat. Und auch wenn ich mein Leben, nach den geltenden gesellschaftlichen Massstäben, erfolgreich gemeistert habe, so blieben doch tausende Ideen und Pläne auf der Strecke. Nicht weil sie nicht machbar gewesen wären, sondern weil das Leben andere Prioritäten setzte. Das (Über)leben der Familie hatte Vorrang. Die „Selbstverwirklichung“ musste warten und ist in unserer Welt Lebenskünstlern, Egoisten und reichen Pinkeln vorbehalten. Uns „Normalsterblichen“ bleibt dafür die Zeit nach der Pensionierung.

Es ist der sog. „Herbst des Lebens“, den zu geniessen uns vergönnt ist und den unser Enkel offensichtlich als Lebensentwurf attraktiv findet. Mit 15 noch nicht genau zu wissen, was aus einem werden soll, ist soweit normal. Und selbstverständlich hat man in diesem Alter auch wenig Bock auf acht Stunden Maloche, nörgelnde Chefs, die Aussicht auf Konkurrenzkampf und Rechnungen vom Vermieter, der Krankenkasse und dem Steueramt. Rentner sein, ist da schon um einiges attraktiver. Dafür muss man nicht mal zwingend 50 Jahre warten und den Rücken krumm machen – es genügt reich geboren zu sein. Rentier (nicht zu verwechseln mit den Viechern im hohen Norden) gab und gibt es schon immer. Jene privilegierte Klasse also die von einer „Rente“ (sprich Vermögen) leben, ihre Zeit frei nutzen und eigene Projekte verwirklichen können. Fast scheint es, als hätte das Leben der grossen Mehrheit einen Konstruktionsfehler – oder wieso müssen wir erst 50 Jahre Dinge tun, die uns (allzu oft) keinen Spass machen, uns langweilen, ärgern, krank machen und stressen, bevor wir das Leben richtig geniessen und Dinge tun können, die uns wirklich am Herzen liegen? Immer vorausgesetzt natürlich, dass wir gesund sind, eine anständige Rente und/oder genug Vermögen haben. Voraussetzungen, die längst nicht für alle gegeben sind. Umso mehr schätzen wir es, dass wir zu diesen Privilegierten gehören, denn selbstverständlich ist das nicht, wenn man nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde.

Wer nicht ins gemachte Nest geboren wird, für den ist Zeit sein einziges und kostbarstes Gut. Mit dem Verkauf dieser, bestreiten die meisten von uns ihren Lebensunterhalt. Kostbar und rar ist die Zeit, weil sie weder angespart, gelagert noch vermehrt werden kann. Umso wertvoller erscheint einem darum die Zeit, in der man die Fesseln der Fremdbestimmung – denn genau das ist es – hinter sich lassen kann. Feierabend, Freizeit und Ferien geniessen nicht umsonst einen so hohen Stellenwert. Manche arbeiten sogar nur dafür. Dabei ist es nicht nur das Bedürfnis nach Erholung, man will sich auch von Zwängen, Entfremdung und Fremdbestimmung „befreien„. Noch wertvoller ist nur noch die Zeit nach der Pensionierung, auf die so viele hinarbeiten, denn mit dieser gewinnt man endlich die Kontrolle über „sich selbst“ zurück. Denn Zeit ist nicht nur Geld, Zeit ist in erster Linie Leben!

Im Herbst wird geerntet. Und vor der Ernte steht die Saat. So lernt man uns und so „erleben“ wir die Natur bzw. die moderne Landwirtschaft. Dem wiedersprechend meinte einst Jesus in Matthäus 6:26, aber: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?“ Ein schlauer Bursche – leider in die Sonntagspredigten verbannt. Aus gutem Grund – zu Ende gedacht, ist die Aussage eine Kampfansage an unser ganzes Leben. Aktuell wird diese Aussage auch noch von modernen Historikern, wie Yuval Harari in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ geteilt. In diesem legt er eindrücklich dar, was wir mit der Sesshaftwerdung (als der landwirtschaftlichen Revolution vor 11 bis 7 tausend Jahren) alles verloren haben – die Herrschaft über unsere Zeit, ist nur eines davon. Eingehandelt dafür haben wir dafür Städte, geheizte Wohnungen und den Komfort der Technik – aber auch Umweltzerstörung und verheerende Pandemien. Die neusten Forschungen legen sogar nahe, dass selbst das Römische Reich an diesen „Errungenschaften der Zivilisation“ zu Grunde ging. Es war ein Klimawandel (Vulkanausbrüche, etc.) und verheerende Pandemien (Pocken, Ebola und die Pest), welche dem Imperium den Garaus machten. Die sog. römische Dekadenz, die Völkerwanderung und die halbverrückten Cäsaren, waren dabei nur die Begleitmusik. Dass diese Erkenntnisse ausgerechnet jetzt ans Tageslicht kommen, braucht uns nicht zu wundern – unsere Welt stösst ebenfalls an ihre Grenzen. Wir hätten die Chance daraus zu lernen.

Es stellt sich also die Frage, was es zu ernten gibt. Die süssen Äpfel, unter deren Last sich die Bäume biegen, die Zeit, welche wir durch Rationalisierung, Digitalisierung und Technologie gewinnen (könnten) oder Armut, Krankheit und Gewalt, weil wir immer mehr wollen, als die Welt uns zu geben vermag? Dass wir an einem Scheideweg stehen, dämmert dem einen oder andern. Welche Richtung wir einschlagen ist aber noch ungewiss. Zur Wahl stehen „rette sich wer kann“ (ich/wir zuerst) und „System change, not climate change“ (Fridaysforfuture). Treffen wir die Wahl, solange wir noch können! Ich fürchte allerdings das moralische Appelle verpuffen und im Lärm der Geschäftigkeit untergehen. Und so bleibt es dem Einzelnen überlassen, das Beste aus seinem Leben zu machen. Ob das reicht mag man bezweifeln. Mangels besserer Alternativen aber der einzig gangbare Weg.

Der Herbst ist die Zeit der Ernte. Sowohl in der Natur, wie im Leben. Damit meine ich aber nicht einfach lang ersparte Kreuzfahrten um die Welt oder Camperreisen quer durch Europa – die sollen und dürfen selbstverständlich auch sein – sondern das Verwirklichen von Herzensprojekten, das Engagement für Benachteiligte, das weitergeben von Erfahrung, Wissen und Zeit für Ideen und Projekte, für welche andern die Zeit fehlt. Denn diese haben wir jetzt im Überfluss und es wäre schade, sie zu verplempern.

Eine Überdosis Globuli

Ich „leide“ unter einem „Overload“ (zu Deutsch: zu schwer beladen). Nein – ich bin nicht mit Arbeit oder Terminen überladen, auch nicht mit schweren Problemen, Streit oder anderen Belastungen, die das Leben schwer machen. Es gibt schlicht zu viele Themen, die mir unter den Nägeln brennen. Dazu mein Anspruch, nicht immer in den gleichen Wunden zu bohren, von etwas zu berichten, was uns nahe liegt und nicht langweilig zu werden. Was also liegt diese Woche nahe und erfüllt meine Ansprüche? Die Gewaltausbrüche in Amerika, nach erneuter Polizeigewalt gegen einen Schwarzen? Betrifft uns das hier? Trumps Twitterkanonaden über seinen Herausforderer Joe Biden? Nicht wirklich aufregend, er twittert sich seit Jahren die Finger wund – es hat sich totgelaufen. Vielleicht Weissrussland und die getürkten „Wahlen“? Da müssten wir erst mal nachschauen, wo dieses Belarus eigentlich liegt. Doch über den Parteitag und die Wahl des neuen Präsidenten der $VP berichten? Ich befürchte, dass sich auch mit italienischem Akzent nicht viel ändert in dieser Partei. Oder doch etwas über Greta Thunberg, die seit Montag wieder zur Schule geht? Da wären wir wieder beim Klima – zwar wichtig, aber nicht besonders originell. Ich könnte auch über die Maskentragpflicht in den Läden von Genf bis Zürich berichten? Oder doch über Berlin und die angedrohten Demonstrationen der versammelten Neonazis gegen Staat und Masken? Da wären wir dann wieder bei Corona. Auch mehrfach kommentiert. Und wie sagte Alt-$VP-Präsident Rösti letzte Woche: „Wenn wir nicht mehr über Corona reden, verschwindet es von selbst“. Etwa so intelligent, wie sich darüber zu freuen, dass Greta nicht mehr die Schlagzeilen beherrscht und meint damit wäre das leidige Thema „Klimakrise“ erledigt.

Ein sehr guter Freund von mir liest seit Jahren weder Zeitungen, noch hat er eine Newsapp auf seinem Handy installiert. Ebenso meidet er Tagesschau, Reportagen und Newssendungen am Fernseher. Er schützt sich damit vor dem Infomüll, der uns täglich vor die Haustür, den Bildschirm, und ins Handy gekippt wird. Seine Ruhe sei ihm wichtiger, als die Welt – wie er meint. Die „Welt“, Corona, Unruhen, Gewalt und das Klima bleibt draussen vor der Tür – Thema also erledigt? Wenn es nur so einfach wäre!

Dummerweise hält sich „die Welt“ nicht an unsere Befindlichkeiten. Diese dreht sich unverdrossen weiter und konfrontiert uns täglich mit Ereignissen, die wir weder geplant, erhofft noch erwartet haben. Und selbstverständlich ist es für uns hier kaum von Bedeutung, wenn ein Hühnerstall auf Kiribati abbrennt, ein Bach in Kleinlützel über die Ufer tritt oder die Grossmutter einer deutschen Schlagersängerin stirbt. Anders ist es mit News aus Politik und Wirtschaft. Auch wenn wir diese für korrupt, verdorben und wenig glaubwürdig halten – früher oder später trifft es uns. Sei es, dass wir dafür die Rechnung erhalten oder auf die Strasse gestellt werden. Darüber Bescheid zu wissen, kann also nicht schaden.

Eine „Alles-oder-nichts-Strategie“ (ich verweigere mich ganz oder ich lasse mich zumüllen) ist keine befriedigende Lösung. Bleiben also noch Filter und/oder die Selbstdisziplin. Doch beide stehen auf wackeligen Füssen. Filter sind willkürlich und Selbstdizipin meist von kurzer Dauer. Die Alternative zwischen Globuli und einer Überdosis gleicht daher eher einem Dilemma, als einer Wahl. Bleiben noch die Kapitulation oder die Flucht in die Dunkelkammern der „Erleuchteten“ und selbsternannten „Weltenretter“. Alternativen, die sich momentan einer gewissen Beliebtheit erfreuen – zumindest wenn man die Sozialen Medien (wie z.B. Facebook und Zwitter) zum Massstab nimmt. Wie ein Seismograph registrieren diese Themen, Debatten und Befindlichkeiten, verstärken diese und werfen ein grelles Licht auf den Zustand der Gesellschaft. Aktuelle Diagnose: „Psychotischer Schub mit unspeziefisch somatischen Schmerzen“. Zu Deutsch: Realitätsverlust, Ich-Störung, Heulen und Zähneklappern“.

Ob die Ursache wirklungslose Globuli, die Irrungen und Windungen der Labyrinthe und Dunkelkammern oder eine Überdosis Müll ist, lässt sich nicht feststellen. Festellen lässt sich einzige der blamable Zustand. Da rotten sich Impfgegner gegen nicht existierende Impfungen zusammen, leugenen selbsternannte Virologen und Youtube-Akademiker die Existenz von Viren, „wissen“ andere von gefangenen und gefolterten Kinder in Tunnels, deren Blut von den Mächtigen dieser Welt zur Verjüngung getrunken wird und andere fürchten sich vor Sommarugas (oder Merkels etc.) Diktatur. „Denk mal selber nach“ – Fakten belanglos – Diskussion beendet. Wären es ein paar Spinner, könnte man zur Tagesordnung übergehen. Die Zahl der Verrückten aber steigt von Tag zu Tag. Dazu zählen selbst $VP-Delegierte, die sich einen Deut um Schutzkonzepte scheren und sich zu Hunderten ungeschützt in einen Saal zwängen. Und in Deutschland sind es Zehntausende, die den Aufstand proben. Die „Befreiung“ findet angeblich am nächsten Samstag in Berlin statt – zusammen mit AfD, Neonazis und dem Freundeskreis „Globuli gegen Aids“. Im Gegensatz dazu jene, die sich noch immer kaum aus dem Haus wagen, täglich die Infizierten zählen und Unmaskierte am liebsten wegsperren würden. Vergleichbar mit dem 30-jährigen Krieg, als sich Protestanten und Katholiken meuchelten, trennt Covid-19 Gläubig und Ungläubige in zwei Lager. Die Eingangstüren werden gerade zugemauert.

Ähnlich bei anderne Themen. Hier und weltweit. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden zur Glaubensfrage. Glaube ersetzt Fakten. Auch wenn die Gletscher schmelzen, die Wälder brennen und das Meer steigt – Mumpiz – die Klimalobby (wer ist das eigentlich?), an deren Spitze ein 17 jähriges Mädchen aus Schweden steht, will uns nur das Auto vemiesen und unser sauer verdientes Geld aus der Tasche ziehen. Flüchtlinge? War da nicht mal was im Mittelmeer? Rassismus? Bei uns doch nicht und überhaupt, die Schwarzen sind entweder kriminell, gewalttätig oder beides. Demokratie? Ist was für Politiker, ich habe besseres zu tun. Wann endlich öffnet der Ballermann wieder – ich will hier raus!

Überdosis oder Globuli. Das Eine macht krank, das andere nicht gesund. Zu viel Informationen überfordern und treiben uns in den Wahnsinn. Sie zu ignorieren, führt uns in die Isolation und macht uns zu Egoisten. Sie durch FakeNews zu ersetzen, wiegt uns in falscher Sicherheit und treibt uns in die Fänge selbsternannter Gurus, Führer und Scharlatane. Was bleibt uns noch?

Ich kenne nur eine wirksame Therapie. Miteinander reden. Zuhören. Von einander lernen. Sich einfühlen. Andere Standpunkte verstehen lernen. Aber sich auch abgrenzen. Abgrenzen von jenen, die meinen sie hätten die alleinige Wahrheit gepachtet. Kritik an jenen, die in die Irre laufen und Kampf gegen jene, die uns ihr Weltbild aufzwingen wollen. Ein Überdosis Globuli ist genau so schädlich, wie eine Überdosis Schlaftabletten. Beide bringen uns um.