25.09.2020: Tippingpoint

Foto: imago/Nature Picture Library

Heisst so viel wie Kipp-Punkt oder etwas plakativer: Ab hier geht‘s nur noch bergab. Die Ereignisse der vergangenen Woche haben uns diesem Punkt um einiges näher gebracht. Als Velofahrer könnte man sich darüber natürlich freuen, denn ab jetzt ist Schluss mit schnaufen und schwitzen, jetzt kann man den Fahrtwind geniessen. Blöderweise gibt es nebst Hügeln und Alpenpässen auch Klippen und Abgründe. Versagt die Bremse, ist der (Un)Fall garantiert – Ausgang ungewiss, denn einmal in Fahrt, gibt es kein Halten mehr.

Blöderweise ist nicht jeder Übergang so klar beschildert und nicht jede Klippe mit einer Warntafel versehen. Auch die Doomsday-Clock – jene (symbolische) Uhr, welche uns anzeigen soll, wieviel Zeit uns bis zum grossen Bumm noch bleibt, steht nicht auf dem Nachttisch und schrillt, wenn die Zeit abzulaufen droht. (aktuell steht der Zeiger übrigens bei 100 Sekunden vor Mitternacht!) Und so treten wir weiter kräftig in die Pedale, wo längst kräftiges Bremsen angezeigt wäre. Immerhin sind die Abgründe vor uns schon zu erahnen, auch wenn viele noch meinen, es wäre alles nur Panikmache.

Ohne gleich die apokalyptischen Reiter der biblischen Offenbarung bemühen zu wollen, so ist es doch unübersehbar, dass wir uns auf mehrere gefährliche Klippen zubewegen. Eine davon hat sich diese Woche direkt vor unseren Augen im und vor unserem Bundeshaus abgespielt. Nein, nicht das legitime aber „illegale“ Klimacamp auf dem Bundesplatz, umso mehr aber der Verlust jeder Contenance gewisser Politiker und der darauf folgende Shitstorm in den (Sozialen) Medien. Der Ruf gewählter Parlamentarier nach Güllenfässern, blutiger Gewalt, sowie rassistische Entgleisungen und die Beschimpfung der Demonstranten als Arschlöcher, Kommunisten, Anarchisten und Schnudderis, lässt nicht nur an deren Charakter, sondern auch an ihrem Demokratieverständnis zweifeln. Offensichtlich sind gewisse Kreise sehr schnell bereit diese zu opfern, wenn ihnen etwas nicht in den Kram passt. Wie solche Politiker in echten Krisensituationen handeln würden, will ich lieber nicht wissen. Erahnen lässt es wenig Gutes. Einen Vorgeschmack, was sie zu opfern bereit sind, gab uns die SVP ebenfalls diese Woche, als sie ihren „eigenen“ Bundesrichter abschiessen wollte, weil dieser ihnen nicht genehme Urteile fällte. Gewaltenteilung war gestern, die hohe Gerichtsbarkeit steht allein dem Landvogt zu. Apropos Vogt, Tyrann und Tyrannei: Wirklich gefährlich sind nicht oben genannte Gesellen, wirklich gefährlich ist, was sich zur Zeit in Amerika abspielt. Ob wir es dort im Januar 2021 noch mit einer Demokratie zu tun haben werden, ist mit dem derzeitigen Präsidenten, tatsächlich in Frage gestellt. Auf die Frage, ob er ein Wahlresultat gegen ihn akzeptieren würde, meinte Trump am Dienstag (sinngemäss) lapidar: „Mal sehen…. „. Was das für die USA und die Welt bedeutet, brauche ich wohl kaum zu betonen. Zur Disposition steht nicht weniger, als unser westliches Wertesystem – sprich unsere Demokratie. Die Riege der neuen Kaiser, Zaren und Kalifen dieser Welt, reibt sich schon mal die Hände. Jeder für sich und gegen alle. In Zeiten von Pandemie, Klimakrise und Migration, ein Horrorszenario, dass man lieber nicht zu Ende denkt. Die Doomsday-Clock rückt bedrohlich Richtung Mitternacht, die Klippe ist in Sichtweite.

Apropos Klima: Nicht nur das politische ist vergiftet. Jenes vor unserer Haustür entwickelt gerade heftige Fieberschübe. Es befindet sich schlicht in einer Krise. Brände, schmelzendes Eis, Dürren, Stürme, steigender Meeresspiegel und Überschwemmungen sollten eigentlich deutliche Signale sein. Dazu das weltweite Artensterben, das Verschwinden der Insekten, das Absterben der Korallenriffe. Die Wissenschaft warnt vor Tippingpoints – also Schwellen, ab denen es keine Umkehr mehr gibt. Dazu gehört das Abschmelzen des Grönlandeises, das Auftauen des Permafrostes oder die Abholzung des Amazonas. Werden bestimmte Schwellwerte überschritten, nützt auch eine drastische Reduktion unseres CO2-Ausstosses nichts mehr – das Klima kippt und es wird unkontrolliert wärmer.

Alles nur Panikmache? Schön, wenn es so wäre. Der steigende Meeresspiegel und die sterbenden Korallenriffe sprechen leider eine andere Sprache. Dass die junge Generation die Wissenschaft ernst nimmt und Angst vor der eigenen Zukunft hat, ist nachvollziehbar. Dass sie sich dagegen wehren und uns zum Marschhalt auffordern, ebenso. Traurig nur, dass sie von manchen wie lästige Fliegen behandelt werden. Bedenklich, dass uns der eigene Nachwuchs an unsere Verantwortung – ihnen eine lebensfähige und lebenswerte Zukunft zu hinterlassen – erinnern muss. Beschämend, dass es Schüler sind, die uns sagen müssen, was wir schon lange wissen (müssten): Ihr (also wir) steuert auf einen Abgrund zu und niemand bremst! Und im Gegensatz zum Fall von der Felsenklippe, kennen wir sogar den Ausgang. Auf den Plakaten der Klimajugend steht nicht ohne Grund: There is no Planet B.

Und nein, über den Ausgang dieser Entwicklung verhandelt das Klima (sprich die Naturgesetze) nicht. Das Einzige was wir tun können, ist es in Ruhe zu lassen. Sprich: Keine Treibhausgase mehr in die Atmosphäre pusten und zwar möglichst sofort. Besser noch, wir holen das raus, was schon zu viel drin ist. Die Wissenschaft (und darin sind sich diese zwischenzeitlich zu 100% einig) sagt uns auch ein Datum, wie lange wir dafür noch Zeit haben: 2030! (Ich hoffe sie haben sich nicht verrechnet). Auch das steht auf den Plakaten der Klimajugend.

Neu und deshalb besonders schwer zu akzeptieren, ist die Tatsache, dass es in dieser Sache keinen Verhandlungspartner gibt. Da nützen weder lügen, negieren, tricksen, schachern, bescheissen, fluchen, toben noch neue Kampfjets etwas. Je mehr CO2 in der Luft, desto wärmer. Punkt! Ein ziemlich lästiges Problem für Politiker, die auf faule und andere Kompromisse abonniert sind. Und welcher Politiker, der wiedergewählt werden will (Winston Churchill sei mal ausgenommen) sagt seinen Wählern schon, dass es ab jetzt nur noch Berg ab geht? Es also so, wie bis anhin nicht mehr geht. Also wird geleugnet, verharmlost und schlimmstenfalls auf die Überbringer der schlechten Nachricht „geschossen“ – im Fadenkreuz stehen Wissenschaft, „Greta“, die Klimabewegung und alle, welche den Mahnfinger erheben. Derweilen rückt der Zeiger vor und am Horizont erscheinen dunkle Wolken.

Selbstverständlich sind Prognosen, die Zukunft betreffend, immer falsch. Die Wolken könnten sich ja verziehen oder ein zweiter Toba (Vulkanausbruch auf Sumatra vor 75‘000 Jahren, der die Durchschnittstemperatur weltweit um 3 – 4 Grad über Jahrtausende auf Eiszeitniveau drückte) rettet uns den Arsch. Wer weiss…? Darauf zu hoffen, ist aber etwa so sinnvoll, wie die Pest mit Räucherstäbchen bekämpfen zu wollen.

Steve Jobs von Apple hat seine wichtigsten Ankündigungen immer so angekündigt: „Wait, there is one more thing…“ (da ist noch etwas) Mein „da ist noch was“ lautet: Es gibt Hoffnung auf Besserung! Dieser Tippingpoint heisst: Weltweit gehen die Menschen auf die Strasse und fordern Veränderungen. Das gefällt dem Machtkartell weder hüben noch drüben – sie sind ja auch die Profiteure des Ist-Zustandes. Misstöne, bis hin zur Gewalt, ist ihre Antwort. Uns gegeneinander hetzen, eine ihrer Methoden. Davon lassen sich aber immer weniger schrecken und lassen sich nicht beirren. Ein Sturz über die Klippen wäre tödlich, die Aussichten auf Erfolg verspricht dagegen Zukunft.

18.09.2020: Gift

Dosis facit venenum (Die Dosis macht das Gift – Paracelsus, 1493-1541). Wohl selten war diese Erkenntnis des Arztes der Renaissance, so aktuell wie heute. Gift im Blausee tötet zehntausende Forellen. In über 50% des Grundwassers werden Pestizidrückstände nachgewiesen. Die Russische Opposition wird mit Nowitschok vergiftet. Die CO2-Konzentration steigt munter weiter. Die Luft in Kalifornien ist wegen der verheerenden Waldbrände kaum mehr zu atmen und das Gift der Rechtsextremisten und Ver(w)irrten, aller Schattierungen, verursacht mehr als nur Bauchschmerzen und Brechreiz – es macht krank. Es ist offensichtlich: Wir leiden unter einer akuten Vergiftung. Körperlich, geistig und politisch.

Doch selbst das Offensichtliche vermag kaum mehr als ein Achselzucken hervorzurufen. Da baggert eine private Firma hochgiftigen Schotter aus einem Tunnel und kippt diesen kostenoptimiert und illegal in die nächste Kiesgrube. Weiter unten verrecken die Fische tonnenweise. Aber, nein – wir waren es nicht! Keine Ahnug wo das Gift herkommt. Der Kanton – welcher hätte kontrollieren sollen, es aber nicht tat, ist verlegen und will jetzt untersuchen. Der Blausee bleibt trüb und ob die Bewohner des unteren Kandertals ihr Wasser noch bedenkenlos trinken können, bleibt vorerst offen. Klagen sind in Vorbereitung, die Grünen verlangen eine Untersuchung. Zurück bleiben nicht nur das Gift und tote Fische, es verbreitet sich auch ein „Gschmäckle“ von Kungelei und Wegschauen, Man lerne: Profit ist Gift!

Seit Jahren lesen wir über Pestizidrückstände in unserem Grundwasser. Das halbe Mittelland – wir reden hier von Millionen Menschen – trinkt also Wasser mit Giftrückständen. Im Zürcher Weinland häufen sich Tumore bei Kindern. Gemeinden müssen Brunnen schliessen oder Wasser teuer von Nachbargemeinden zukaufen um damit ihren Giftcocktail zu „verdünnen“. Wie uns die kantonalen Laboratorien versichern, ist das Trinkwasser aber auch noch bei 17-facher Überschreitung des Grenzwertes „unbedenklich“ und kann „bedenkenlos“ getrunken werden. Krebs wird ja nur vermutet, was soll also die ganze Aufregung? Währenddessen klagt Syngenta gegen das Verbot ihrer Pestizide durch den Bundesrat und ein SVP Parlamentarier aus der Westschweiz will diese Gift wieder zulassen, weil die Zuckerrüben seines Nachbarn unter einem bösen Käfer leiden. Selbstredend. dass die Bauernlobby ihre Hände in Unschuld wäscht – keine Ahnung wie das Gift ins Wasser kommt, es fällt sicher vom Himmel. Den hängigen Pestizid- und Trinkwasserinitiativen scheint man gelassen entgegen zu blicken – das Agrochemie-Abstimmungskässeli scheint gut gefüllt. Man vertraut der Macht des Geldes. Man lerne: Profit und Gift gehen Hand in Hand!

Sehr neu und originell ist auch der Giftanschlag auf einen russischen Oppositionspolitiker – den einzig noch Ernstzunehmenden – nicht. Das „kurieren“ mit Nowitschok hat sich in Russland seit Jahren bewährt und mutiert zur Allzweckwaffe gegen politisches „Ungeziefer“. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Doch auch wenn der oder die Kurierten nicht gleich das Zeitliche segnen, so ist die Wirkung ungleich wirksamer. Wer mit einem Giftanschlag rechnen muss, hält in Zukunft wohl besser die Klappe und duckt sich. Gift macht stumm. Man lerne: Politik kann ihre Gesundheit gefährden!

Kommen wir zu den Waldbränden vom Panantal (Brasilien) über Kalifornien bis hinauf an die kanadische Grenze. Diese vernichten nicht nur Wälder von der Fläche der Schweiz, radieren ganze Dörfer aus, töten dutzende Menschen und treiben hundertausende in die Flucht; sie machen auch das Atmen schwer und führen zu gesundheitlichen Schäden. Der Himmel über San Francisco ist rot und selbst im 4000 km enfernten Washinton D.C. sind die Sonnenuntergänge noch tieforange. Gift in der Atmosphäre hat eben auch eine „schöne“ Seite. Aber keine Angst, es wird bald wieder kühler, in Wien leben die Menschen inmitten explosiver Wälder – ohne dass es brennt – und die Wissenschaft hat eh von Tuten und Blasen keine Ahnung. (D. J. Trump zur Klimakatastrophe) Man lerne: Die Blödheit eines Politikers toppt selbst die grössten Naturkatastrophen!

Und wie wenn das alles nicht schon genug wäre, so vergiften die Hilfstruppen des ungehemmten Profitstrebens – sprich Rechtsradikale, Verschwörungstheoretiker, Frauenhasser, Covid-Leugner usw. usw. (die Liste der Manipulierten wird täglich länger) unsere Sinne und Köpfe. Die tägliche Dosis Gift – sei es in Form von Lügen (FakeNews), Alternativen Fakten, (leugenen von Tatsachen), Trollen (Provokateure), Algoritmen (computergenerierte, personalisierte Falschmeldungen) usw., schwächt uns nachhaltig und lenkt uns von den wirklichen Problemen und Herausforderungen ab. Wer verunsichert ist, nicht mehr weiss wem oder was er glauben soll, ist dankbar für jedes Heilsversprechen – das kann auch der Wunsch nach einer Diktatur oder einem Diktatoren sein. Man lerne: Gift tötet!

Dosis facit venenum – zu viel ist zu viel. Selten waren Zitate und Parolen so wahr wie jetzt. „Zu viel Gift kann ihre Gesundheit gefährden“ – müsste vor jeder News-Schlagzeile stehen. Da wir aber nicht gewarnt werden, ist es besser, wenn wir dieses nur in gesunden Dosen zu uns nehmen oder uns immunisieren. Ein „Impfung“dagegen gibt es zum Glück schon. Sie ist erhältlich an jeder Schule, in guten Büchern und bei guten Freunden. Es gibt davon sogar unterschiedliche Marken. Sie heissen: Wissen, Aufklärung, Demokratie, Transparenz und Engagement. Eine gesunde Dosis davon bewahrt uns vor so mancher Giftattacke.

12. 09. 2020: Begrenzt

Die Grenze „bin“ ich. Seit Jahrzehnten wohne ich am Nordrand der Schweiz an der Grenze zu Deutschland. Die Grenze verläuft direkt am Dorfrand. Auf drei Seiten liegen Deutsche Gemeinden. Zur Schweiz führt genau eine Strasse über eine Brücke über den Rhein. Meine Enkel haben einen europäischen Pass. Meine besten Freunde kommen aus Spanien, Montenegro, Deutschland und Slovenien. Meine Nachbarn aus dem Osten der Slowakei, aus Singapur und Leipzig. Theater spiele ich mit Kollegen aus Brandenburg und Stuttgart. Meine Mieter kommen und kamen aus Sachsen, Uruguay und Alaska. Meine Zahnärztin aus München. Meine Pflegetochter aus Berlin. Ich coache Lehrlinge aus Kurdistan, Albanien, Amerika und Serbien. Beim Aufbau der Bühne helfen Asylbwerber aus Eritrea und im Geschäft hatte ich Kollegen aus Frankreich, Italien, Polen, Deutschland, Amerika und Südafrika. Beruflich war ich von Portugal bis Schweden in fast allen EU Staaten und selbstverständlich immer wieder in den USA. Bunt gemischt, international, vielfältig. Ein Leben im Herzen Europas, in der Schweiz zur Jahrtausendwende. Multikulti mokieren „böse“ Zungen. Zu viel ist zu viel, malen sie auf Plakate und möchten eine „Idylle“zurück, die es nie gab. Eine Idylle, wo man unter sich bleibt, ohne fremde Gerüche, Sprachen und Hautfarben. Eine Idylle in den eigenen Grenzen, den eigenen 4 Wänden.

An diese erinnere ich mich noch gut. Es waren die 60iger-Jahre. In unserem Dorf gab es genau einen Ausländer – einen Italiener. Er schob sein Velo Tag für Tag an unserem Haus vorbei. Hoch an den Waldrand des Irchels, wo er morgens und abends die Kühe versorgte, in einer schäbigen Kammer hauste und tagsüber, unten in Flaach Steine schleppte und Zement rührte. Er sprach leidlich Deutsch und erzählte uns oft von seiner Familie in den Abruzzen. Gesehen haben wir diese nie, denn er war Saisonnier. Kurz vor Weihnachten verschwand er und tauchte jeweils im April wieder auf. Frau und Kinder war der Aufenthalt in der Schweiz verwehrt. Irgendwann in den frühen 80iger-Jahren war Schluss. Santo kam nicht mehr. Es ist als hätte es ihn nie gegeben. Das Dorf meiner Kindheit im Flaachtal war nun wieder ausländerfrei und will es offensichtlich bleiben. Die Wahlresultate und Abstimmungsplakate am Dorfrand, lassen keinen anderen Schluss zu.

Seit 50 Jahren – seit der berühmten Schwarzenbach-Initiatve von 1970 – dominiert ein Thema die Schweizer Politik: Ausländer! Die Europäische Union steht dafür sinnbildlich. Ausländer und EU scheinen für viele das gleiche zu sein – lästig! Die Details der meist wüsten Kampagnen rund um Abstimmungen und Wahlen, die verbreiteten Lügengeschichten und hässlichen Debatten lasse ich hier beiseite. Sie dürften allen sattsam bekannt sein. Die Neuauflage, welche am 27. September – nun bereits zum 15. mal – zur Abstimmung kommt, ist nicht nur Ärgernis, es macht auch müde. Zu viel ist zu viel und genug ist genug! Über die einseitige Plakatflut im Zürcher Weinland habe ich mich schon ausgelassen. Das unverlangt zugeschickte „Extrablatt“ ging in Rauch auf, die zurechtgelogenen Statistiken liegen im Papiercontainer und in den Sozialen Medien tobt sich der Mob, sekundiert von Bundesratskandidaten, National- und Ständeräten, über Asylanten, Migranten, Sozialhilfeschmarotzer und Kriminelle aus. Die üblichen Lügen, die übliche Hetze, die üblichen Heilsversprechen. Diesmal versprechen sie uns staufreie Fahrt und ängstigen uns mit Betonburgen.

Man könnte also zur Tagesordnung übergehen und den bitteren Kelch an sich vorüberziehen lassen. Der 28. September kommt auch ohne, dass ich mich grün und blau ärgere. Leider aber ist es nicht so einfach. Es steht zu viel auf dem Spiel. Und damit meine ich nicht einfach die Bilaterialen Verträge I, welche seit 1999 unser Verhältnis mit unserem wichtigsten wirtschaftlichen Partner – der EU, also unseren Nachbarländern – regeln, sondern auch die Auswirkungen auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Ein paar Fragen seien deshalb erlaubt.

Geht es wirklich um eine Begrenzung der Zuwanderung? Wie war das zu den goldenen Zeiten, als wir die „Zuwanderung“ noch selber steuerten – also zu jener Zeit, als Santo sein Velo allabendlich hoch zum Irchel schob? Kamen da weniger Ausländer in die Schweiz? Im Gegenteil – die Firmen rekrutierte sogar über eigene Agenturen, ganz direkt Arbeitskräfte im nahen Ausland – sie brauchte sie für den Bau von Staumauern, Strassen und in den Fabriken! Der einzige Unterschied: Die „Fremdarbeiter“ hatten deutlich weniger Rechte als heute. Abzulesen auch daran, dass viele unserer „Secondo“-Freunde bei den Grosseltern in Italien, Portugal, Jugoslawien oder Spanien aufwuchsen, da sie in der Schweiz nicht willkommen waren. Einem Saisonnier war der Familiennachzug verboten. Als billige Arbeitskraft willkommen – ansonsten diskriminiert.

Wollen wir diese Zustände zurück, über die der Schriftsteller Max Frisch, schon 1961 sage: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen!“ Wenn man der Abstimmungspropaganda glaubt, ja. Wenn man Frau Martullo-Blocher zuhört, wird schnell klar, sie will über Löhne, Aufenthalt, Qualifikation und Rechte ihrer Angestellten frei von Gewerkschaften und verpflichtenden Staatsverträgen entscheiden. Es geht einzig um den Abbau des rechtlichen Schutzes der Arbeiter und Angestellten – auch jenen der Einheimischen, welche durch die flankierenden Massnahmen vor Lohndrückerei geschützt sind. Über die Anzahl und Herkunft der „selbst gesteuerten Zuwanderung“ lässt sich diese Partei aus guten Gründen nicht aus. Frau Martullo-Blocher sucht derweil ihre Fachkräfte im Ausland. Zuwanderung à la carte!

Die Frage, was hier eigentlich begrenzt werden soll, ist darum schnell beantwortet. Unsere Rechte, die Zukunft unserer Enkel und Kinder und unsere Verpflichtungen gegenüber unseren Nachbarn. Treibende Kraft ist der grenzenlose Egoismus einer kleinen Clique, die uns und unser Land in Geiselhaft nimmt für ihre eigennützigen Interessen. Setzen wir dieser Gier zu 15ten mal eine Grenze und stimmen am 27. September NEIN zu dieser verlogenen „Begrenzungs“-Initiative. Zu viel ist zu viel und genug ist genug!

Lügen

Lügen haben kurze Beine, lernt man schon als Kind. Und selbst in den zehn Geboten heisst es: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden, wider deinen Nächsten“. Kurz gesagt: Lügen und Lügner sind geächtet. Der Volksmund fasst es treffend zusammen: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht!“ Soweit die Theorie.

In der gelebten Praxis sieht es aber deutlich anders aus. Damit meine ich nicht das tägliche Lügen zur Frage, wie gehts dir und du auch dann mit „gut“ antwortest, wenn es dir ziemlich beschissen geht. Vielleicht geht es den oder die Fragende/n auch einfach nichts an oder du willst einfach deine Ruhe haben. Ich meine auch nicht jene Lügen, die uns vor möglichen Nachteilen schützen oder uns selber in ein besseres Licht rücken. Ich war nie der tolle Hecht, für den mich alle halten, weil ich die grössten Räubergeschichten erzähle, aber ich lasse dich gerne im Glauben. Und ich war auch nicht beim Kunden, ich verbrachte den schönen Nachmittag am See. Ohne Alltagslügen (oder die Soziale Lüge, wie es im Fachjargon heisst) – wäre das Leben wahrscheinlich unerträglich. Denn wer hasst sie nicht, die Überkorrekten, die Korintenkacker und Kleingeister? „S Föifi la grad sii“ geniesst nicht umsonst den Ruf der Menschlichkeit.

Etwas kritischer wird es bei jenen Lügen, die uns ebenfalls bestens vertraut sind, aber quasi öffentlichen Charakter haben. Also die Lügen in der Werbung (die Produkteeigenschaften vorgaukeln, die nicht vorhanden sind), die Lüge des Autoverkäufers (der den Motorschaden verschweigt) und die des Politiker, der das Blaue vom Himmel verspricht. In aller Regel sind wir aber gegen solcherart Unwahrheit gewappnet. Die Werbung nehmen wir nicht ernst, den Autoverkäufer meiden wir und den Politiker wählen wir ab. Trotzdem nehmen diese Lügen grossen Raum ein. Sei es in Schlagzeilen (IKEA deklariert ihr Holz falsch, die Armee beschafft Masken, die nichts nützen), sei es mit Anwälten, Verträgen und Juristen, die uns vor Betrug schützen sollten oder Abstimmungskampagnen, die nicht nur unredliche Absichten verschleiern, sondern gegen unsere eigenen Interessen gerichtet sind. Trotzdem – damit haben wir zu leben gelernt. Entscheidend ist: Wir sind dagegen gewappnet, können uns dagegen wehren und Gesetze und Institutionen schützen uns davor.

Wirklich grosse Lügen, mit weitreichenden Konsequenzen, stammen fast ausschiesslich aus den Dunkelkammern der Macht. Sei es jene von „seit 5 Uhr 45 wird zurück geschossen„, mit dem der 2. Weltkrieg begann, dem „Tonkin-Zwischenfall„, welcher den Amerikanern als Vorwand für den Vietnamkrieg oder die Lüge über die angeblichen „Massenvernichtungswaffen„, mit der Georg W. Bush den Einmarsch im Irak legitimierte – die Lüge dient stehts dem Machtmissbrauch und kostet oft Millionen von Menschenleben. Nicht umsonst heisst es: „Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges“ – was nichts anderes bedeutet, als dass – in der Kriegslogik verbleibend – Lügen zur historisch erprobten Kriegsstrategie gehört. Die sog. 36 Strategeme der Chinesen, bezeugen dies eindrücklich – sie sind sogar Bestandteil der chinesischen Kultur und tausende Jahre alt.

Nicht Neues, könnte man also meinen. Alles altbekannt, alles schon einmal dagewesen. Warum sich also aufregen – gelogen wird seit je und heute ist es nicht anders. Richtig! Und trotzdem müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen! Aber wieso?

Weil die Lügen von heute eine neue Qualität und Zerstörungspotential erreicht haben. Lügen dienen den heutigen Protagonisten nicht allein dem Vertuschen böser Absichten (z.B. Kriege rechtfertigen), dem Betrug oder der eigenen Bereicherung – sie dienen zunehmend der Zerstörung unsere Zivilisation und unser aller Zukunft. Spätestens mit dem Einzug Donald Trumps ins Oval Office ist die offensichtliche Lüge (bekannt als „Alternative Fakten“ oder FakeNews) fester Bestandteil der Politik. Nicht nur der Amerikanischen. Die Unkultur, die Lüge, trotz handfesten, für jede/n sichtbaren Gegenbeweise, zur Wahrheit zu erklären, ist erschreckend. Man könnte dies – was viele tun – als miese Charaktereigenschaft eines durchgeknallten Narzissten abtun und hoffen, dass der Typ am 3. November aus dem Amt gejagt wird – damit wird es aber wohl nicht getan sein. Das Gift der Lüge ist bereits so tief in unserm Alltag angekommen, dass es die Grundfesten unserer Gesellschaft angreift. Oder was ist die QAnon-Verschwörungstheorie (an die angeblich schon 8% der Amerikaner glauben) den DeepState Gläubigen, die einzige dem Zweck dienen jedwelche Autorität zu untergraben? Welche Interessen stecken hinter der Leugnung der Klimakrise? Was bezwecken „Corona-Skeptiker„, im Verein mit Reichkriegsflaggenträgern, auf den Treppen des Deutschen Bundestages? Und was jene, die Lügenpresse schreien und jede/n der/die noch alle fünf Sinne beisammen hat und (noch) den sog. Mainstreammedien „glaubt“ (also TV, Radio, Presse etc.) als Schlafschaf, welches keine Ahnung hat, beschimpft. Oder jene die nach dem Konsum von ein paar Youtube-Filmchen und Webseiten, mehr über Wirkung und Existenz von Viren wissen, als Wissenschaftler*innen, die sich schon ein halbes Leben damit beschäftigen. Und zu guter Letzt die Empörten, die sich wegen eines Stück Stoffes vor der Nase, in einer Diktatur wähnen und den Sturz der Regierung fordern. Der spanische Philosoh José Ortega y Gasset hat solche Menschen bereits in den 20iger Jahren, nicht ganz grundlos, als Hätschelkinder der Geschichte bezeichnet. Menschen welche die Realität (man könnte auch Wahrheit sagen) nicht akzeptieren, sich selber als Mass aller Dinge sehen und lieber einer einfachen Lüge glauben. Verwöhnt von den Umständen (das steht mir zu), ohne Bewusstsein was es für diese braucht. Die Perversion dieser Haltung wird spätestens dann deutlich, wenn man das Coronaleugnergeschrei mit den Demonstrationen in Belarus, wo es um „echte“ Freiheit geht, miteinander vergleicht. Skurilerweise gleichzeitig. Offenbar bestätigen Lügen und Selbstbetrug, Vorurteile, so dass man sich nicht mehr dem Schmerz der Wahrheit zu stellen braucht. Genau das passiert aktuell im Grossmassstab. Spätestens seit der Finanzkrise 2008, der Flüchtlingswelle 2015 oder der Klimakrise und Corona, ist die (falsche) Sicherheit des „ewig weiter so“, der komplexen und verwirrenden Realität gewichen. Nichts ist mehr garantiert. Gewissheiten verdampft und eine sichere Zukunft ist in Frage gestellt. Alles zusammen ergibt eine wahrhaft explosive Mischung.

Poitikbeobachter, Analysten, Journalisten und Politiker reiben sich die Augen und ringen nach Erklärungen. Wie konnte es so weit kommen – ist ihr Grundtenor. Wie wird ein notorischer Lügner Präsident der grössten Atommacht der Welt? Wie kann es kommen dass 2020 ein Nazistosstrupp auf den Stufen des Deutschen Reichstags ihre Flaggen hisst? Wie kommt es, dass sich Familen mit Kindern, Veganer, Hare Krishna-Jünger, Impfgegner und Heilpraktiker*innen mit Regenbogenfahnen, hinter Reichflaggen und johlenden Faschisten einreihen? In Zürich haben wir zum Glück keinen Reichstag, das Kunterbunt am Helvetiaplatz war jedoch kaum anders. Was hier wirkt sind Lügen! Lügen via Verschwörungstheorien verbreitet, Lügen über angeblich geheime Pläne uns auszurotten, Lügen über angeblich korrupte Organisationen und die Wissenschaft generell. Die Lüge dient zweierlei: Der Untergrabung der Glaubwürdigkeit der Institutionen, Wissenschaft, Presse und der sog. Eliten, sowie der Mobilisierung verunsicherter und wütender Menschen, die die Welt nicht mehr verstehen. Wer sich bisher gefragt hat, warum die Nazis und der Faschismus einst an die Macht kam, braucht heute nur die Zeitung zu lesen. Es sind Lügen, die als Hebel für die Machtergreifung genutzt werden. Lügen, welche dazu benutzt werden uns von der Wirklichkeit fern zu halten und Scharlatanen hinterher zu laufen.

Grund zu verzweifeln? Alles nur für die Sonntagspredigt oder die Apokalypse? Nein! Es gibt zwei einfache Faustregel, die uns vor diesem Irrsinn und Irren schützt. Die Erste stammt von den alten Römern und heisst: Qui bono? (Wem nützt es?). Allein diese Frage fegt manchen Zweifel vom Tisch und entlarvt manche Lüge und Lügner. Wem also nützen diese Lügen? Die Antwort liegt nah: Dem Lügner! Die Zweite lautet: Je einfacher die Antwort, desto grösser die Vorsicht. Es ist wohl kein Zufall, dass uns Populisten am rechten Rand mit den einfachsten Antworten bedienen.