05.06.2021: Das Unglück der Glücklichen

Was sind wir doch für ein armes gebeuteltes Volk. Wahlweise durch eine despotische Regierung geknechtet – immer dann, wenn uns etwas nicht in den Kram passt – oder bevormundet durch linksgrün versiffte Heuchler und Weltverbesserer, die uns unseren Male-Urlaub vermiesen, uns in die Hungersnot treiben und den Subaru 4×4 verbieten wollen. Wir leben in wahrhaft miesen Zeiten. Und doch flattert an jeder Ecke die Fahne des glücklichsten Landes der Welt. Das Schweizer Kreuz. Garantiert EU-frei und reich das es stinkt. Zumindest statistisch. Denn davon merkt man im Alltag nicht allzu viel. Die Dukaten sind schlecht verteilt, verstecken sich und so denkt jede:r, der oder die hätte mehr davon und beäugt neidisch das neue Auto in der Garage des Nachbarn. Bliebe es dabei, könnte man über die kleine menschliche Schwäche hinwegsehen und schmunzelnd seines Weges ziehen. Leider bleibt es nicht dabei.

Die so Zukurzgekommenen suchen alsbald Schuldige. Mangel an diesen gibt es wahrhaft nicht, und sie werden erst noch frei Haus geliefert. Ungefragt, wie Werbewurfsendungen werden sie uns dieser Tage wieder an den Strassenrändern und Heuschobern um die Ohren gehauen. Quartalsweise, fein abgestimmt auf das aktuell konstruierte Feindbild, sind es mal Messerstecher, schwarze Schafe, rotes Gewürm und aktuell all jene, die dem steuergeplagten Bürger das Autofahren, Fliegen und Heizen vergällen wollen. Die gleichen Extremisten, die Gülle und Chlorotanonyl in ihrem Trinkwasser hassen. Wie kann man da noch glücklich sein?

Lästig wie Greta und ihre Schulschwänzer. Lästig wie die grünen Spinner, die sich von bio-veganem Gemüse und Quinoa ernähren. Lästig wie die EU, Flüchtlinge und bald wohl Joe Biden. Wie ein Mahnfinger lauern sie hinter jeder Hecke. Das mögen wir gar nicht. Man soll uns bitte in Ruhe lassen. In Ruhe Geld scheffeln, in Ruhe Geschäfte machen, in Ruhe tun und lassen, was das Herz begehrt. Was kümmert uns Morgen? Eben.

Hauptsache schön bequem. Hauptsache rentabel. Hauptsache weiter wie bisher. Also weg mit allem das stört. Weg mit (neuen) Verträgen, Vorschriften und Gesetzen. Weg mit Ausländern. Weg mit all den linken und grünen Stänkerern. Die Sonne winkt am Horizont. Nur ob sie auf oder unter geht, ist noch nicht entschieden. So bedeutet sie den einen Glück und ist den andern Drohung. Zwischenzeitlich ängstigt sie mich. Nicht so sehr wegen der drohenden Klimakatastrophe, viel mehr wegen dem was uns hinter dem Horizont erwartet. Es gibt aktuell genug Beispiele, von Polen, Weissrussland, der Türkei bis zu den Putschfantasien amerikanischer Politiker, die uns Angst machen sollten. Und wer nun glaubt, uns könnte sowas nie passieren, hat in Geschichte gepennt. Spätestens wenn die Aussichten auf eine bessere Zukunft schwinden und ein paar Geldsäcke sich um ihren Reichtum fürchten, steht auch bei uns die Demokratie zur Disposition. Es beginnt damit, dass sich die Presse in immer weniger Händen konzentriert, Angriffen aufs Fernsehen und Gesetzen, wie dem neuen Antiterrorgesetz, dass zur Abstimmung steht. Wir sind gewarnt.

Wie weit es mit dem Demokratieverständnis vieler Mitbürger ist, zeigen aktuell die haufenweise zerstörten Abstimmungsplakate. Noch deutlicher wird die Gemütslage, wenn man die Kommentare in den Online und Sozialen Medien verfolgt. Lügen scheint das neue Normal. Angst schüren tägliches Handwerk und Ressentiments an der Tagesordnung. Nur um die Inhalte geht es nie. Weder bei den Agrarinitiativen noch dem CO2-, dem Covid- oder dem Antiterrorgesetz. Es geht einzig um die Erhaltung von Pfründen. Stillstand ist Programm. Rückwärts das neue Vorwärts. Auf den festgefahrenen Karren folgt das Herz. Exitus.

Es ist offensichtlich. Das Glück der Glücklichen ist in Gefahr. Selbstverständliches ist in Frage gestellt. Alte Gewohnheiten stehen am Pranger. Das mag niemand. So viel ist klar. Wie bei Jeremia (15.10 15-21) soll oder wird der Überbringer der schlechten Nachricht geköpft. Also prüglet man auf alle ein, die mahnend den Finger heben, ein inne halten oder gar eine Umkehr fordern. So lässt es sich die gute alte Zeit noch für eine Weile in Ruhe und Frieden geniessen – was danach folgt, egal. Um es mit Ghandi zu sagen: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie sich und dann gewinnst du.“ Hat er Recht, können wir beruhigt sein.

21.05.2021: Keinen Pfifferling wert

Ist etwas wertlos, so ist es keinen Pfifferling wert. So will es der Volksmund. Und wie es gerade scheint, herrscht gerade eine Pfifferlingsschwemme. Sie sind noch weniger Wert als sonst – sie werden einem regelrecht nachgeschossen. Aber der Reihe nach.

Letzte Woche kündigte ich für heute den Start einer Trilogie unter dem Titel „Was tun?“ an. Statt immerzu mit den Fingern in Wunden zu stochern und auf böse Buben zu zeigen, sollte für einmal das Positive im Mittelpunkt stehen. Eine Skizze über das Wünschenswerte – ein möglicher Fahrplan für eine lebenswerte Zukunft. Und wie so oft, muss das Wünschenswerte zurückstehen. Die Aktualität fordert ihren Tribut. Denn es droht gerade die Gefahr, dass wir unsere Zukunft, vor allem aber diejenige unserer Kinder und Enkel, für ein paar läppische Rappen verzocken. Wie das?

Liessen die Umfragen vor zwei Wochen, mit einem Ja-Anteil von 64%, noch auf die Annahme des CO2-Gesetzes hoffen, so ist dieser Anteil diese Woche auf magere 50% zusammengeschmolzen. Wie die Gletscher unter der Sommerhitze, schmilzt die Aussicht auf ein Ja dahin. Einmal mehr sieht es so aus, als dass eine millionenschwere Angstkampagne ihr Ziel erreicht. Vergessen das ratifizierte Pariser Klimaabkommen, mit seinen verbindlichen CO2-Zielen, vergessen die Dürresommer, die Klimabewegung und erst recht die Klimaflüchtlinge in Asien und Afrika. Eine drohende Benzinpreiserhöhung von läppischen 12 Rappen (innert 10 Jahren) und netto 100 Franken mehr pro Jahr, genügen um unsere Zukunft aufs Spiel zu setzen. Wer dabei an apokalyptische Wetterkapriolen denkt, liegt nicht ganz falsch, aber davon rede ich nicht. Nein, ich meine damit nicht das Abschmelzen unserer Gletscher, das Verdorren unserer Wälder und Versiegen des Grundwassers – dazu ist der Einfluss dieses Gesetzes aufs Weltklima tatsächlich zu gering. Erstens weil es in vielen Punkten zu lasch ist (Beispiel Flugticketabgabe) und weil es die Kompensation im Ausland zulässt, und zweitens, weil wir das Klima nur gemeinsam (international) „retten“ können. Wir verpassen aber einmal mehr die Ausfahrt in eine lebenswerte Zukunft, nur damit wir weiter mit vollem Tank, Richtung Wand rasen können. Wie dumm muss man dafür sein?

Wäre ich ein Prophet würde ich diese hier noch so gerne präsentieren. Vielleicht ist es ein Glück, dass ich es nicht bin, denn viel Positives käme dabei wohl nicht heraus. Noch weit düsterer als die befürchteten Wetterkapriolen, dürften jedoch die ökonomischen und gesellschaftlichen Konsequenzen sein, wenn wir uns jetzt weigern die richtigen Schritte einzuleiten. Denn eines ist so sicher, wie das Amen in der Kirche – was wir heute nicht tun, kostet morgen das x-fache. Sei es um (vermeidbare) Schäden zu reparieren oder unter Zwang Anpassungen finanzieren zu müssen. Von den erwarteten sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen rede ich nicht mal. Kurz gesagt: Jedes vertane Jahr kostet Milliarden, die wir heute in eine CO2-neutrale Technologie und zukunftsfähige Jobs investieren könnten. Wenn, wie in den letzten Tagen publiziert, selbst die Internationale Energie Agentur den Ausstieg aus dem Erdöl fordert, muss der Wecker wohl schon über der Schmerzgrenze klingeln. Nur Taub-Blinde, wie die $VP, Teile der FDP, Ölscheichs und belogene Stimmbürger:innen haben den Schuss noch nicht gehört. Sie schicken darum lieber weiterhin Milliarden nach Saudi Arabien und Aserbaidschan und meinen wohl e-Cars und Solarstrom wäre nur etwas für grüne Spinner mit schlechtem Gewissen und dickem Portemonnaie. Der „Verzicht“ auf drei Kaffee crème pro Monat (bei 150 lt Benzinverbrauch) sind ihnen für eine lebenswerte Zukunft offensichtlich zu viel und 30 Franken mehr für ein Flugticket nach London lassen den Ruin befürchten. Dass die Rückvergütung via Krankenkasse und der Fördertopf für Innovationen und energetische Massnahmen (z. B. für den Ersatz alter Ölheizungen) nicht erwähnt werden, grenzt schon beinahe an Betrug. Noch bedenklicher ist nur die Tatsache, dass überhaupt nur über Kosten (Geld) gesprochen wird und weder die Zukunft unserer Kinder noch ein intakter Lebensraum eine Rolle zu spielen scheint. Anders gesagt: Die Zukunft ist vielen keinen Pfifferling wert.

Wie die Jugend bei einem allfälligen Nein reagieren wird, weiss ich nicht. Viel hält die Klimajugend – wahrscheinlich zu Recht – nicht von diesem Gesetz. Eine Ablehnung wäre trotzdem ein fatales Signal. Der Vertrauensverlust in Politik und die „Alten“ dürfte noch schwerer zu reparieren sein. Bei harmlosen Schulstreiks am Freitag Nachmittag dürfte es nicht bleiben. Wenn die „Mehrheit“ glaubt ihr gesamtes Versagen auf die zukünftigen Generationen abwälzen zu können, dürfte sie schnell eines Besseren belehrt werden. Sich selber und andere bescheissen, war noch nie wirklich klug.

Und there is one more thing…..https://tagesanzeiger.ch/unglaubliche-30-grad-in-der-arktis-548421991879

07.05.2021: Bauernfängerei

In der Schule lernen wir, wie die freiheitsdurstigen Bauern und Hirten aus dem Schächen-, Muota- und Melchtal die arroganten Habsburger aus ihren Tälern vertrieben. Und wenn wir diesen Mythos auch einem Deutschen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts verdanken, so hält sich dieser auch noch in den Köpfen der globalisierten Vorstadtbewohner des 21. Jahrhunderts. Abzulesen auch an den Trychler-Aufmärschen der Frei-und Leerdenker dieser Tage. Der Bauer im Hirtenhemd, als heilige Ikone einer unbezwingbaren Schweiz. Eine Groteske, die man erst einmal verdauen muss. Durchaus aber Sinnbild für den Zustand von so Vielem in diesem Land. Wagen wir den Realitätscheck.

Ich könnte jetzt, wie der neoliberale Think-Tank „avenir suisse“, mit einer eindrücklichen Exceltabelle und bunten Grafiken belegen, wie marginal, unrentabel und kostspielig unsere Landwirtschaft ist. Die daraus folgende Schlussfolgerung wäre schnell gezogen: Macht euren Laden dicht – ihr rentiert nicht – hoch lebe der freie Markt! Euer lächerlicher Beitrag zum Bruttosozialprodukt verschleudert die Credit Suisse weit besser an einem verregneten Vormittag. Da ich aber weder ein Vertreter der Rollkoffer-Brigade McKinseys, noch Säckelmeister des Steuersparvereins bin, überlasse ich die Buchhaltung diesen Erbsenzählern und widme mich den kulturellen und politischen Aspekten unseres Bauernstandes. Denn es gibt durchaus ein paar Auffälligkeiten die ins Auge stechen. Da wäre z. B. das überproportionale Gewicht des Bauernverbandes in der Politik (29 in Bern, also 12% bei einem Bevölkerungsanteil von 1,4%). Das gleiche Bild in den Gemeinden, quer durchs Mittelland. Wir sind eine Bauernrepublik. Abzulesen auch an den üppig sprudelnden Subventionen und den zahlreichen Sonderregelungen und Extrawürsten, wie den steuerbefreiten Diesel für ihre Monster-Trucks, die Mehrwertsteuerbefreiung für Hofläden, die Zollschranken zum Schutz vor Billigimporten, freie Familienzulagen, usw. (hier eine Auflistung). Eine heilige Kuh in den Strassen Neu-Dehlis muss sich dagegen diskriminiert fühlen. Was aber weit schwerer wiegt als diese monetäre Vorzugsbehandlung ist die Beinahe-Heiligsprechung eines ganzen Berufsstandes. Besser gesagt, die Überhöhung und Idealisierung der bäuerlichen Lebensweise. Der hart arbeitende Bauersmann mit den schwieligen Händen, gebückt auf den Feldern. Die Bäuerin im Hofladen mit Biogemüse und Freilandeiern umringt von glücklich gackernden Hühnern. Und wenn wir auch unser Geld im Export, am Paradeplatz und in den Giftküchen der Basler Pharma verdienen, so tun wir so, als wären wir alle (noch) Bauern und Hirten. Werbung mit Gans und Barry, Puurezmorge mit Züpfe und selbstgemachter Konfi tun den Rest. Und mit diesem Bild im Kopf lassen wir uns jeden Mist aufschwatzen – sei es im Laden oder in der Politik. Ok, nicht alle. Aber genug, um damit Mehrheiten zu gewinnen.

Erklärungen für dieses Paradox gibt es viele und hat tiefe Wurzeln. Historisch, durch die Überhöhung der Bauernscholle durch die Sieger des Sonderbundkrieges (Geburtsstunde der modernen Schweiz), als Heilungsprozess für die tief gespaltene junge Nation (Motto: Die Schweiz ein Volk von Bauern und Hirten). Dann das politische Zweckbündnis der Liberalen mit den Konservativen gegen die erstarkende Arbeiterschaft um die Jahrhundertwende. Im 2. Weltkrieg die Blut- und Bodenpropaganda um Réduit und Anbauschlacht und schliesslich heute, die Pflege des Mythos einer heilen autarken Schweiz, als Modernisierungsplacebo. Grüne satte Wiesen, weidende Kühe und Landfrauenküche als Globuli gegen die Zumutungen des modernen Lebens. Treichelnde Mechatroniker, KV-Lehrlinge und Web-Designer in Hirtenhemd und Ochsen-Joch, stehen dafür so verlogen wie symbolisch – dieser Tage vorzugsweise an Aufmärschen der Freunde Coronas zu finden. Seit dem heroischen Kampf der $VP gegen alles Ausländische und Europäische, sind sie das Symbol des Widerstandes und gegen das Fremde schlechthin. Wo getreichelt wird, ist das „Vouch“ und die $VP nicht weit. Als gälte es die bösen Geister der Moderne zu vertreiben, wird gescheppert, bis das Trommelfell platzt. Auf der Strecke bleibt alles, was uns weiter bringen könnte und Zukunft verspricht.

Soweit die Symbolik einer längst abgedankten Kultur und Lebensweise. Diese wird nun aber nicht nur für zahlreiche Privilegien benutzt, vermehrt noch, dient sie der politischen Bauernfängerei. Seien es die verlogenen Auftritte der $VP-Milliardärsprominenz in Hirtenhemd und Trychel, oder deren Schlacht gegen sauberes Trinkwasser und den Klimaschutz, immer wird die gleiche Symbolik bemüht und der Landmann in die Schlacht geschickt. Aber warum auch etwas Neues erfinden, wenn es schon im Mittelalter half, als die eidgenössischen Lokalfürsten das rebellische Bauernvolk als Reisläufer auf Europas Schlachtfeldern verschickte, um im eigenen Land Ruhe zu haben. Heute hängen die Gleichen am Subventions-Nasenring und dienen gierigen und skrupellosen Machtpolitikern als willfähriges Werkzeug. Ihre „Rebellion“ (auch als Frust bekannt) richtet sich gegen ihre eigene Zukunft. Das Traurigste dabei: Trotz allen den Privilegien geht es den Landwirten immer schlechter. Die Kontroll- und Regelungsdichte wächst ins uferlose, die Preise sinken ins bodenlose, die Böden werden ausgelaugt, die Biodiversität verarmt, das Wasser wird vergiftet und das Klima spielt verrückt. Egal ob es um Wasser, Böden, gesunde Lebensmittel, Preise oder CO2 geht: Der Bauer badet es aus, der Konsument bezahlt die Zeche, und Handel, Agrochemie und die Sünnelipartei reiben sich die Hände. Alternativen werden erst gar nicht in Erwägung gezogen – ein Extrawürstchen mehr, wird es schon richten. Selbst einfachste Einsichten, wie die Tatsache, dass sich biologische Wachstumsprozesse nicht beliebig beschleunigen lassen und fruchtbarer Boden endlich ist, werden negiert. Wer also auf gleichem Boden immer mehr, mit immer höherem Mitteleinsatz, zu immer tieferen Preisen, produzieren soll, wird früher oder später scheitern. Vermutlich eher früher… Ich frage mich nur, wie lange sich die Bauern dieser Einsicht noch verschliessen wollen.

Aktuell zum Beispiel die sog. Agrarinitiativen, gegen die schon seit Monaten an den Scheunentoren von Sankt Gallen bis Genf plakatiert wird. Genauso das CO2-Gesetz welches mit Lügengeschichten, gefälschten Zahlen und Studien, von Swissoil, Autolobby und $VP, gebodigt werden soll. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen wo der Schilderwald mit den Nein-Parolen aufgepflanzt wird – in den Kartoffeläckern von Rheineck bis Chancy. Dass dafür hier im Dorf, nachts, die Plakate der Befürworter von den Hauswänden „verschwinden“ spielt kaum mehr eine Rolle. Es zeugt nur von einer zweifelhaften demokratischen Gesinnung und ist vermutlich Ausdruck von Ohnmacht und Verzweiflung. Denn instinktiv wissen sie vermutlich, dass sie damit am Ast sägen, auf dem sie sitzen. Das für diese Themen kaum ein Bauer eintritt, grenzt schon beinahe an Schizophrenie, denn kaum jemand dürfte so abhängig von der Natur sein, wie sie. Wessen Ernten verdorren, wer erntet weniger Obst, wenn die Bienen sterben, welche Böden werden vergiftet? Aber der Bauernfänger heissen nicht umsonst so. Er fängt Bauern. Aber solange sich diese am Nasenring in der Manege vorführen lassen und wir dazu Beifall klatschen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir alle an der Nase herumgeführt werden.

23.04.2021: Sonderfail

Ob Siegfried der Drachentöter oder Achill im trojanischen Krieg, beide waren sie unverwundbar und starben doch. Und so wie das Römische Reich und das Empire zerfielen, wird es auch allen anderen Unbezwingbaren ergehen. Das lehrt uns die Geschichte. Ausser uns natürlich. Denn die Schweiz ist ein Sonderfall. Seit Morgarten haben wir jeden Fremdling in die Flucht geschlagen (den peinlichen „Unfall“ mit Napoleon lassen wir mal beiseite) – mal mit Hellebarden, mal mit Bunkern und Tresoren, heute mit „Steuergesetzen“ und „guten Diensten aller Art“. Unser Abschreckungsdispositiv ist effektiv und macht uns unangreifbar – meinen wir. Wenn also jemand auserwählt ist, dann wir. Und dann kam eine chinesische Fledermaus.

Im ersten Schreck darüber, hiess es vernünftigerweise noch: „Bleiben sie zu Hause“. Für einen kurzen lichten Moment schien es, als stünde das Leben über dem Profit und Wissenschaft vor Mauschelei. Doch schon bald klaffte in Uelis Kässeli ein gar schröcklich Loch und die ausbleibenden Profite gefährdeten Dividenden wie Boni. Ein unhaltbarer Zustand. Und so besann man sich des alten guteidgenössischen Sonderfalls. Was also kümmern uns Wissenschaft und Expertise? Wir stehen doch über so profanen Dingen, wie Lockdown und geschlossenen Gaststätten. Erst noch verhalten, zwischenzeitlich aber offen obszön, werden Erkenntnisse in den Wind geschlagen. So kam die zweite Welle und so nimmt die dritte gerade Anlauf. 10’000 Tote und ungezählte Long-Covid-Opfer subsumieren sich zur Quantité négligeable. Allen voran fordern die Statthalter der Wüsten und Reichen, mit im Schlepptau, die der ganz schön Reichen, das Ende aller Einschränkungen, welche die Profitmaximierung stören könnten. Die Drecksarbeit auf der Strasse erledigt währenddessen ein unappetitlicher Haufen Ver(w)irrter – angeführt von edelweissbehemdeten Treichlern, aufgehetzt von faschistoiden Hipstern, verstärkt durch Jünger Christi, anthroposophische Impfgegner und betagter Anhänger jenseitiger Heilslehren. Resultat: Wir sind schlauer als sämtliche Virologen und Epidemiologen, schlauer als alle unsere Nachbarn und scheren uns einen Teufel um Mutationen und überfüllte Intensivpflegebetten. Wir sind die Ausnahme der Ausnahmen. Wir können Corona – Hauptsache der Rubel (sorry der Franken natürlich) rollt. Offen und zynisch wird das Leben und die Gesundheit ganzer Generationen in die Waagschale geworfen. Notabene, kaum drei Monate vor dem selbst deklarierten Ziel einer Herdenimmunität dank Impfens. Dafür schreddert man die eigenen Richtwerte und foutiert sich einen Deut um das was gerade passiert. Sei es in den Schulen, den Spitälern und schon gar nicht im Rest der Welt. Denn wir können es besser. Wir sind ein Sonderfall!

Wirklich? Was können wir denn besser? Schneller impfen vielleicht? Bessere Impfstoffe entwickeln? Haben wir wirkungsvollere Teststrategien? Ein lückenloses Tracing? Haben wir mehr Intensivstationen, bessere Ärzte und Pflegepersonal? Setzen wir verordnete Massnahmen besser um und durch? Die Antwort ist schnell gegeben. Nichts von alledem!Bestenfalls sind wir Mittelmass, schlimmstenfalls sind wir gescheitert. Wie begründet sich unser Sonderweg, über den das gesamte Ausland (ausser Bolsonaro vielleicht) den Kopf schüttelt, dann? Wissen unsere Politiker vielleicht mehr als die Wissenschaft? Mehr als alle übrigen Regierungen dieser Welt und mehr als wir alle? Wenn ja, dann sollten sie es uns sagen. Bisher scheint es aber eher als beugten sich unsere Verantwortungsträger dem Druck des Geldes und dem populistischen Geschrei der Sozialdarwinisten von $VP, Gastrosuisse und Arbeitgebern. Saubannerzüge werden wohlwollend geduldet und Krawalle herbeigeschrieben. Die Kapitulationsurkunde des Bundesrates hängt schon eingerahmt im Sekretariat der $VP-Parteizentrale – Kopien davon bei economiesuisse, Gastrosuisse und FDP. Vor lauter Kopfschütteln droht mir schon ein Schleudertrauma. Zurück bleiben Fragen. Wieso verschärft Deutschland (welches in etwa in der gleichen Lage ist, wie wir) seine Massnahmen im gleichen Augenblick, wo wir öffnen? Sind die Deutschen vielleicht krankheitsanfälliger, gar Mimosen? Impfen sie (noch) langsamer? Die vorliegenden Zahlen sagen etwas anderes. Das gleiche in Frankreich. Wieso meint Macron, Ausgangssperren würden etwas bringen, während wir es mit offenen Terrassen versuchen? Das gleiche Bild in einigen Bundesländern Österreichs und Italiens. Sind die alle blöd?

Oder sind wir vielleicht die Dummen? Die Vermutung liegt nahe, dass wir es am Ende sind. Ohne irgendwelche Horrorszenarien bemühen zu wollen – das erledigen die wissenschaftlich fundierten Prognosen der Epidemiologen von alleine – ist jetzt schon klar wer die Rechnung für diese Politik bezahlt. Wir alle! Vor allem aber alle unter 65, die man seit Wochen hängen lässt. Fehlt nur noch eine Lotterie für Impftermine. Denn sie zahlen es mit ihrer Gesundheit, dem Leben und Existenznöten. Über den zu erwartenden Reputationsschaden im Ausland, sei hier vornehm geschwiegen. Ein Tourist wird sich künftig zwei mal überlegen, wo er seinen Urlaub verbringt. So wie wir uns zieren mit der EU in einer vernünftigen Beziehung zu leben (Rahmenabkommen), so meinen wir auch bei Corona Rosinen picken zu können. Will heissen, wir tun das Minimum und erwarten das Maximum – die DNA unserer Politik seit Menschengedenken. Blöderweise ist das Virus aber kein Politiker, mit dem man dealen kann, sondern ein fieser Mistkäfer, der nur nach dem Gesetz des Überlebens funktioniert. Schlussfolgerung: Wir sind die Laborratten der Politik, die eine Wette auf unsere Zukunft abgeschlossen hat. Für einmal hoffe ich, sie gewinnen sie und ich habe unrecht. In solchen Zeiten sind solche Hoffnungen, wie Glühwürmchen in einer mondlosen Nacht.

Angeblich soll bei Angst in der Nacht, lautes Singen helfen. So betrachtet sind die Lockerungen für Chöre weitsichtig. Vielleicht hilft uns ja lautes Singen über die nächsten Monate hinweg. Besser allerdings wäre Turbo-Impfen, vorsichtig bleiben, Menschenansammlungen meiden, geschlossene Räume sowieso und draussen viel frische Luft tanken. Eigenverantwortlich, wie es so schön heisst. Support von Wirtschaft und Politik können wir dabei nicht erwarten. Es bleibt nur der Selbstschutz und die baldige Abwahl jener, die uns das einbrocken. Wer sich aber zufälligerweise oder weil er muss, an einen Hotspot oder in die Stadt verirrt, kann nur noch beten, singen oder flüchten. Als wollten wir der Welt beweisen, wie sonderlich wir sind, tun wir alles für unseren Sonderfail.

19.03.2021: Psychodiagnostik

Im Film „Und täglich grüsst das Murmeltier“ gerät der leicht missmutige Wetterfrosch Phil Connors in eine Zeitschleife und muss den gleichen Tag wieder und wieder durchleben. Fast so grausam wie die Strafe für Sisyphos, der auf ewig einen Felsblock auf eine Bergspitze hinaufwälzen muss, worauf dieser gleich wieder ins Tal rollt. Endlos, grausam und sinnlos.

Wer es dieser Tage wagen sollte den Fernseher einzuschalten oder in der Zeitung zu blättern, wird ahnen, wovon ich rede. Nein, ich spreche nicht von Fischers Bettwarenfabrik und seinem 90%igen Gänsedaunenduvet – es ist aber genauso nervig. Die Rede ist auch nicht von diesem alles beherrschenden Virus, der uns seit einem Jahr an den Eiern hat. Sich über Dinge zu ärgern, die man nicht ändern kann, macht nur krank. Die Rede ist vom Dauergenöl, welches diesen begleitet. Ob damit unsere Resilienz (also unsere Belastbarkeit) getestet werden soll oder ob es sich einfach nur um eine Überdosis Kupfersulfat (ein bewährtes Brechmittel) handelt, ist noch nicht entschieden. Auf jedem Fall werden wir auf die Probe gestellt. Fast so, als wären wir Probanden in einem Psychodiagnostik-Labor. Verloren hat, wer zuerst mit dem Kopf auf die Tischplatte knallt.

Wenn es stimmt, dass jede Generation ihre eigene Prüfung zu bestehen hat, so sind wir drauf und dran, bereits im Vorkurs zu scheitern. Denn statt uns um den Schulstoff (die Folgen der Pandemie) zu kümmern, lümmeln wir auf dem Pausenhof herum, dröhnen uns mit psychogenen Substanzen zu und prügeln uns um die Rangordnung im Rudel. Derweilen mutiert das Virus und freut sich über jede unbedeckte Nase im Getümmel.

Hiess es zu Beginn der Pandemie noch: Bleiben sie zu Hause (bei gerade mal der Hälfte der aktuellen Fallzahlen), so schreien heute alle: Wir wollen raus! Raus in die Restaurants, raus in die Fitnesszentren, in die Ferien, ins Hallenbad. Raus aus der Pandemie und raus aus der Diktatur! Ja – eine solche wurde still und heimlich, hinter unserem Rücken errichtet – sagt eine die es wissen muss – die Alleinherrscherin von Ems. Wie Dreijährige in der Quengelzone, denen Mami den Schokoriegel verwehrt, schreien die Entmachteten ihren Frust aus dem Leib. Die Vollpfostendichte erreicht sowohl im Parlament, wie auf den Leerdenkerdemos der Realitätsverweigerer, Höchstwerte. Dabei wissen wir spätestens seit den Psychotests mit den Marshmellows, dass Kinder die warten können, im Leben deutlich erfolgreicher sind, als jene die ihrem Impuls folgen und von den Süssigkeiten naschen. Aber was kümmert uns die schnöde Wissenschaft, wenn uns Mammons leuchtender Stern, den Weg weist?

Und so verplempert das Parlament seine wertvolle Zeit mit sinnlosen Debatten über eine angebliche Diktatur und ein gesetzlich verankertes Ende der Pandemie. Fordert Kreti und Pleti – bzw. all jene mit einer gut geölten Lobby – das sofortige Ende aller Einschränkungen und Massnahmen, während die Presse das Leid und den Schmerzen von uns Coronamüden beklagt. Wohin man auch schaut: Opfer! Und wo Opfer sind, sind die Schuldigen nicht weit. Wenn dieser gar einen Hut trägt, umso besser.

Eigentlich könnte ich über die miese Vorstellung von $VP bis Mitte, frohlocken. Niemand schaufelt so behände am eigenen Grab. Statt Wege aus der grössten Krise seit bald einhundert Jahren zu suchen, jammern sie über offene Terrassen und geschlossene Fitnesszentren. Statt schnelle und effektive Hilfe für die lahmgelegten Branchen, werden bürokratische Hürden errichtet, und über Schuldenberge lamentiert. Anstatt das Krisenmanagement (den Bundesrat) zu stärken, wird dieses torpediert. Statt über bessere Massnahmen zur Verhinderung einer 3. Welle (wie effizientes impfen, testen oder Contact-Tracing) wird das Ende der Pandemie beschworen. Und statt auf Wissenschaft und Fakten zu bauen, setzt man auf Maulkörbe und das Prinzip Hoffnung. Auf der Strecke bleibt: Eine lebenswerte Zukunft für uns alle. Nicht nur wegen des unseligen Gejammers über den Miniatur-Lockdown, vielmehr noch wegen der konsequenten Weigerung unsere Zukunft zu gestalten. 25 Jahre AHV-Gebastel ohne Aussicht auf Erfolg, ein Kuhandel anstelle einer zukunftsfähigen Landwirtschaftspolitik (nur ja den allmächtigen Bauernpräsidenten nicht verärgern), dafür viel Lobbying für sterbende Branchen (Tabakindustrie). Mein Frohlocken könnte nicht bitterer sein, denn wenn die Mehrheit versagt, tragen wir alle die Konsequenzen. Vor allem aber unsere Kinder. Selbst dann, wenn diese den Marshmallow-Test bestanden haben.

05.03.2021: Entfesselt

ACHTUNG: Der nachfolgende Text basiert auf Hörensagen und kann Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten. Lesen auf eigene Verantwortung und Gefahr. Der Verfasser lehnt jede Verantwortung ab. Sonst fragen sie ihren Arzt oder ihre:n Apotheker:in.

Vergangene Woche fand – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – die G19 statt. Die Konferenz der Gruppe der 19 grössten Autophilen. Einer unter diesem Namen kaum bekannten Zusammenrottung fundamentalistischer Sekten, profitgeiler Egomanen. Wie die ebenso öffentlichkeitsscheue Bilderberg-Konferenz der Reichen und noch Reicheren (in Insiderkreisen auch als Lenkungsausschuss der G7 bekannt) versteht sich die G19 als selbstermächtigte Elite mit missionarischem Auftrag. Überlappungen mit den Bilderbergern wären daher weder überraschend noch zufällig. Gerüchten zufolge fand die Tagung in einem geheimen Bunker, unweit des Pfannenstiels, statt. In einem mit Anker- und Hodler-Bildern (der Holzfäller) dekorierten Konferenzraum, bei einem Glas Räuschling der Kellerei Lindentröpfli aus Laufen-Uhwiesen, sowie Häppchen aus dem „Haus der Freiheit“ , wurde – immer laut unseres anonymen Informanten – der mörderischen Diktatur den Krieg erklärt. Diese soll angeblich von einen coronasozialistischen Diktator, unter dem Vorwand einer angeblichen Pandemie, in der Schweiz errichtet worden sein. In einem detaillierten Aktionsplan soll diesem Sozialismus allgemein, dem Bundesrat im besonderen und der Wissenschaft im speziellen, der Garaus gemacht werden. Allfällige Kollateralschäden, wie das Ende der Aufklärung, der Meinungsfreiheit oder der Demokratie, werden nicht nur in Kauf genommen, sie sind gewollt. So lasst uns also hören, was die erlauchte Runde verhandelt und beschlossen hat. Aus Gründen der Diskretion und um unseren Informanten nicht zu gefährden, haben wir Personen und Orte anonymisiert – sind der Redaktion aber bekannt.

Die diesjährige Tagung stand ganz im Zeichen der Befreiung. Frei von allem quasi, dass der freien Entfaltung des profitstrebenden Individuums im Wege steht. Namentlich wird (Corona)Sozialisten, faulen (Corona)Sozialhilfeschmarotzern, der Wissenschaft und sämtlichen staatlichen Institutionen, die ausser Geld auch noch Geld kosten, der Kampf angesagt. Auch der zu bekämpfende Sündenbock war schnell gefunden. Es ist, wie könnte es anders sein, ein Roter aus dem Fribourgerland. Dieser ist – immer gemäss den weisen Worten des grossen G19-Vorsitzenden – an allem schuld. Am Virus, der Pandemie, den geschlossenen Terrassen und dem Wählerschwund der eigenen Sekte. Unhaltbare Zustände also. Taten sind gefragt und wurden beschlossen.

Leider sind die einzelnen Voten der Tagungsteilnehmer nicht bekannt. Unser Informant verlor den Zutrittsbatch. Immerhin aber liegt ihm der (streng geheime) Aktionsplan vor, den ihm die serbische Putzfrau aus dem Mülleimer fischte. Überschrieben ist dieser mit „Entfesselung“. Genannt werden darin 3 Ziele. Die Rückkehr zur Aristokratie mit einem Sünnelikönig als Alleinherrscher – Alchemie, Wünschelruten und Kristallkugeln anstelle kritischer Wissenschaftler – und drittens die Huldigung, bzw. Heiligsprechung des Profitstrebens. Um die Öffentlichkeit nicht allzu sehr zu erschrecken, läuft der Plan unter dem Label „Schluss mit dem Lockdown – öffnet die Spunten am 22. März – Nieder mit der Diktatur!“ Verantwortlich zeichnet niemand. Genannt werden aber verschiedene Akteure und ein Netzwerk von Verbündeten.

Als erstes soll der Heilige Zorn der lockdown-gebeutelten Wirte entfesselt werden. Steuerstreiks, offene Terrassen und eine kalte Suppe löffelnde Büezer werden darin ausdrücklich erwähnt. Ebenso Online-Petitionen und dümmliche 20-Minuten Artikel. Die Speerspitze im Kampf gegen Diktatur und Diktator aber übernimmt das Politbüro der Sekte persönlich, sekundiert von rückgratlosen Trittbrettfahrern, ohne eigenes Profil (namentlich genannt werden Politiker:innen wirtschaftsnaher Strippenzieher). Dem Propaganda-Ministerium obliegt die Dämonisierung der Diktatur, den Verbündeten die Entmachtung der Wissenschaft und dem Fussvolk das Auskotzen in den Sozialen Medien. Wobei Letztere angehalten sind, die Verlautbarungen ihrer Sektenführer mit Dreck aller Art zu bereichern. Der Sturm aufs Capitol (aka Bundeshaus) ist vorerst den Parteisoldaten und ihren Rucksackträgern vorbehalten.

Wer’s nicht glaubt, der lese die Zeitung und schaue fern. Eben stimmten 97 Nationalräte einem Aufruf für die Entmachtung des Bundesrates zu. Die Pandemie soll per Gesetz am 22. März für beendet erklärt werden. Das „Volk“ ist angeblich lockdownmüde. Die wissenschaftliche Taskforce soll vorsorglich stumm geschaltet werden. Ein Wurstfachmann EFZ aus dem Rheintal möchte den Gesundheitsminister auch gleich impeachen und Schuld an allem hat sowieso die Ratslinke. Diese möchte die gebeutelten Pandemieopfer nämlich nicht nur finanziell unterstützen, sondern präsentiert dummerweise auch noch praktikable Lösungen und übernimmt sogar Verantwortung. Es riecht nach Sozialismus und Staatsterror! Die G19 (Parallelen zur Geheimarmee P26 sind rein zufällig) ruft DEFCON 1 (Alarmstufe Rot) aus!

Die „Volksherrschaft“ liegt nach eigenen Worten, zum greifen nah und der Sünnelikönig fühlt sich berufen die schwere Last des Amtes zu schultern. Auch die Nachfolge ist schon geregelt – es ist ein Prinz. Er kommt aus dem Hause Ems und ist als Prinzessin gewandet. Universitäten und ETH werden geschlossen. An ihre Stelle tritt Harry Potters Zauberschule und Trudi Gerster. Einfalt ersetzt Vielfalt und die Weltwoche wird Pflichtlektüre, die, wohl ihrem Vorbild nacheifernd, in „Stürmer“ umbenannt wird. Das Parlament erhält einen Schnellkurs im Klatschen (gem. handschriftlicher Randnotiz dient ein Video des nationalen chinesischen Volkskongresses zu Schulungszwecken) Ausserdem erhalten die Delegierten das Handbuch „The Seven Thinking Steps“. Frauen wird eine Karriere als Cheerleader nahegelegt oder aber der Küchendienst. Mit der endgültigen Entfesselung des neoliberal-nationalistischen Traums, steht dem unendlichen Profit der G19-Mitglieder nichts mehr im Wege. Ein Sieg wird vorausgesetzt, da weitere Krisen (wie z. B. die Klimakatastrophe) zu befürchten sind. Ein Scheitern wird ausgeschossen – auch Trump hat die Wahlen schliesslich gewonnen.

Deshalb: Lang lebe der Sünnelikönig – hoch lebe der Profit – nieder mit der Aufklärung – Tod der Corona-Diktatur! Freie Sicht aufs Mittelmeer!

PS: Der 3. März wird zum Feiertag erklärt und als „Bullshitday“ gefeiert werden.

26.02.2021: Entlarvt

Ich bin geladen! Man könnte auch sagen, so richtig angepisst. Und deshalb muss es jetzt raus. Andernfalls wächst mir trotz jodiertem Salz noch ein Kropf. Um was geht es? Ihr ahnt es vermutlich – um Politik. Konkret um die $VP und ihre rückgratlosen Helfershelfer von FDP und Mitte.

Was diese Gurkentruppe dieser Tage abzieht, wurde in Zürich einst niedergeknüppelt. 1980, als der Ruf „Macht aus dem Staat Gurkensalat“ der aufgebrachten Jugend durch die Langstrasse hallte. Die Geknüppelten landeten schliesslich an der Nadel auf dem Platzspitz, während Roger Köppel in den Redaktionsräumen des neuen Stürmers (auch bekannt als Weltwoche) ein warmes Plätzchen fand. Und während sich die „bösen“ Buben und Mädchen von der Langstrasse längst etabliert haben, führt eine kleine Clique von den Hügeln der Goldküste, mit machiavellinischer Raffinesse den Gurkenhobel gegen Staat und Gesellschaft. Was die brennenden Container 1980 nicht schafften, erledigt diese elitäre Truppe mit viel Geld und Demagogie. Dazu bedient sich ihr Sprachrohr von der Förrlibuckstrasse auch mal einer Rhetorik die mehr an Winkelried und die Dreissigerjahre erinnert, als ans 21. Jahrhundert. O-Ton: Wer der Obrigkeit folgt ist hörig und wer verbotenerweise Fastnacht feiert, gilt als Freiheitskämpfer, wie zu Zeiten der Innerschweizer Saubannerzüge. Rhetorik die mehr über den Absender verrät als über den angeblichen Diktatoren.

Entlarvend die Ereignisse der letzte Woche. Da schwadroniert Christof Blocher höchstselbst von einer angeblichen Diktatur Bersets, sekundiert von seiner Tochter, die aus dem fernen Bündnerland, ins gleiche Horn bläst. Dass der Bundesrat kollegial entscheidet, wird selbstverständlich ausgeblendet – es könnte ja die eignen Bundesräte treffen. Kaum aber verteidigt ihr eigener Bundespräsident Parmelin das Kollegialitätsprinzip, ist er in den Augen der eigenen Partei nur noch ein halber Bundesrat. Und da die $VP die Diktatur von allen Parteien am besten versteht – China wird nicht umsonst als grosses Vorbild gepriesen – verbreiten sowohl ihr Parteipräsident, ihr Fraktionschef als auch ihr Propagandaminister das gleiche Narrativ. Gleichschaltung wie im Reich der Mitte. Gleichzeitig fordert Albert Rösti in der bürgerlich dominierten Gesundheitskommission ein Gesetz zur sofortigen Beendigung des Lockdowns – faktenfrei und unbesehen der epidemiologischen Lage. Andere sammeln 250000 Unterschriften, in der gleichen Sache und $VP Nationalrat Egger will ein Impeachment (Absetzung) für Bundesrat Berset. Das I-Tüpfelchen aber liefern ein paar renitente Kantonsregierungen – allen voran Nidwalden, mit seiner $VP-Gesundheitsdirektorin – die sich weigern ihre Terrassen zu schliessen. Man wähnt sich beinahe im Sonderbundskrieg von anno 1847. Damit riskiert diese Partei eine Staatskrise, wie sie die Schweiz wohl seit damals nicht mehr hatte. Denn, welches Recht gilt nun? Dass des Bundes, der Kantone, der Gemeinden oder das eigene? Irritierender ist nur das laute Schweigen der anderen Parteien und der Betroffenen selber.

Ein Jahr Pandemie und Föderalismus, Direkte Demokratie und Konkordanz stehen zur Disposition. Die $VP macht’s möglich! Wir können nur hoffen, dass sie den Bogen diesmal überspannt hat und grandios scheitert. In der Terrassenposse bahnt sich zum Glück eines an. Dass nicht hinter jeder hübschen Larve ein hübsches Gesicht steckt, zeigt gerade das strahlende Sünneli der $VP. Was dahinter hervorlugt, lässt mich erschauern. Es ist die ungeschminkte Fratze einer verantwortungslosen egoistischen Kaste, die weder vor Lügen noch Rechtsbrüchen zurückschreckt, um ihre Ziele – den ominösen Vouchswillen aka Alleinherrschaft – zu erreichen. Vielleicht ist dieser Schock heilsam. Man möge mir die klaren Worte verzeihen. Um Hoffnung zu schöpfen, sind solche ab und zu nötig.

20.11.2020: Rückwärts im Vorwärtsgang

Es gibt Dinge, die werde ich wohl nie ganz verstehen – auch wenn ich mir noch so viel Mühe gebe. Da lese ich zum Beispiel in watson, dass in Amerika Coronaleugner selbst auf dem Sterbebett und nach Atem ringend, Covid leugnen und meinen sie stürben an Lungenkrebs. Bis in den Tod gilt: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Das gleiche Verhalten wie Trump, der immer noch einen Erdrutschsieg für sich reklamiert, obwohl sämtliche Resultate das Gegenteil beweisen. Diese krassen Beispiele stehen stellvertretend für ein Verhalten, welche ich schon seit längerem beobachte. Die (fast) vollständige Negation der Realität und das Festhalten an einmal gewonnen Überzeugungen. Die Lüge besiegt die Wahrheit. Ein Thema, was mich seit meiner NLP-Ausbildung vor 14 Jahren begleitet. Dort spricht man sinnigerweise von Glaubenssätzen. Damals dachte ich noch, mit der „richtigen“ Methode liessen sich diese ändern, in der Zwischenzeit habe ich meine Zweifel. Zumindest nicht, wenn es um grundlegende Überzeugungen geht. Wenn es 250 Jahre Aufklärung nicht geschafft haben, der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen, wie soll es da etwas gutes Zureden und ein bisschen Psychologie? Das Problem liegt offensichtlich tiefer. Aber wo?

Liegt vielleicht ein Konstruktionsfehler vor, für den wir gar nichts können? Welcher Mechanismus verhindert, dass so viele Menschen lieber irgendwelchen wohlklingenden Geschichten glauben, als die offensichtlichen Tatsachen zu akzeptieren? Wieso lassen sich Millionen von Lügengeschichten und leeren Versprechungen täuschen? Was bringt Menschen dazu gegen ihre eigenen Interessen zu handeln? Sind es einfach Ängste, wie viele behaupten oder steckt doch mehr hinter diesem irrationalen Verhalten?

Wären es nur Ängste, müsste sich das Verhalten mit ihrem Verschwinden ändern. Was es aber oft nicht tut. Wer Angst vor Spinnen hat, verliert diese selbst dann nicht, wenn man diese auf der Hand rumkrabbeln lässt, ohne dass diese beisst. Und eher gibt man „dem“ Ausländer die Schuld für die Kündigung, als dem raffgierigen Chef, der seine Produktion ins Ausland verlagert. Ja selbst billig gemachte YouTube-Videos geniessen bei Vielen mehr Vertrauen, als Professoren mit langjährigem Studium – solange sie das eigene Weltbild bestätigen. Womit wir uns des Pudels Kern nähern. Wir sehen was wir sehen möchten und glauben was wir glauben wollen.

Ist uns also die eigene Komfortzone, also das wohlige Gefühl im selbst gemachten Nest, wichtiger als nackte Tatsachen? Ganz offensichtlich. Doch welchen Nutzen und Vorteil haben wir dadurch? Ist es, weil es bequem ist, weil ausgetretene Pfade einfacher zu gehen sind oder es uns einfach an Fantasie mangelt? Der Fantasie, wie es anders sein könnte. Doch bleiben wir vorerst bei der oft zitierten Komfortzone, die zu verlassen so mancher Coach, Berater oder Psychologe rät. Nicht zu vergessen die Einpeitscher der Effizienz und Effektivität in den Teppichetagen. Dort heisst es: Arsch hoch, Finger aus dem A***, vorwärts zu neuen Höhenflügen. Und jede/r weiss instinktiv, was das heisst – Anstrengung, Unsicherheit, Schweiss und Tränen. Da lockt die eigene Komfortzone mit Fanfaren und Wimpeln. Wer sich angegriffen fühlt, sucht Schutz – soweit normal. Also den Rückwärtsgang einlegen und bekannten Mustern folgen – ein Hoch dem Altbekannten und Bewährten. Wenn es uns hierher gebracht hat, warum nicht auch weiter?

Womit wir beim nächsten Punkt – der fehlenden Fantasie wären. Nicht jene, von einem Haus am See oder Ferien im Südseeparadies zu träumen. Auch nicht jene, sich den neuen Tisch im Wohnzimmer oder das neue Haus auf der grünen Wiese, mit dem neuen BMW davor, vorzustellt. Diese entspringen fast ausschliesslich einem Mangel, den wir beheben möchten. Ob einem echten oder eingebildeten, ist dabei egal. Was zählt ist einzig die Hoffnung, dass uns die Beseitigung dessen, glücklicher oder zufriedener macht. Also füttern wir unsere Komfortzone. Ärger, Stress und Kummer bereitet uns alles, was diese stört. Und so schauen wir fast immer nur auf dass, was uns (vermeintlich) fehlt. Und selbst dann, wenn wir schon hundert mal enttäuscht wurden und eigentlich wissen müssten, dass das immer Gleiche zu immer gleichen Resultaten führt, halten wir daran fest. Fast immer. Was uns fehlt, ist die Fantasie, uns vorzustellen, wie es anders, ausserhalb der bekannten Komfortzone, sein könnte. Also machen wir weiter.

Ich lese dieser Tage oft, uns (damit sind „wir“ als Gesellschaft gemeint) würden Visionen fehlen. Wir wüssten zwar, was schlecht ist, nicht aber wie es anders sein könnte. Oder aber das Andere macht so viel Angst, dass wir den Schritt dahin nicht einmal wagen. Umso leichter fällt es jenen, die Pläne haben (in der Regel eigene, egoistische) uns dafür einzuspannen. Dazu braucht es nur zwei Dinge: Angst (du könntest etwas verlieren) und die Aussicht, dass alles so wird, wie es war. Vorwärts im Rückwärtsgang. Wo es an eigenen Plänen fehlt, es an Fantasie mangelt und Visionen mit George Orwell oder Dantes Hölle (wahlweise: Anarchie, Kommunismus, Gewalt und Niedergang) gleichgesetzt werden, hat es der Fortschritt schwer. Natürlich nicht jener, den wir täglich in Form neuer technischer Spielzeuge, dem Verschwinden lieb gewonnener Einrichtungen (Läden, Arztpraxen, Poststellen etc.) oder den digitalen Errungenschaften (Online-Shopping, Soziale Medien, Gaming etc,) erfahren. Hinter diesen steckt die Fantasie und Macht des Geldes. Dieses ist die wahre Kraft, welche uns aus unseren Komfortzonen holt. Nicht umsonst wird Macht mit Geld gleichgesetzt. Und ebenso wundert es nicht, dass viele gegenüber Veränderungen skeptisch sind und sich in rückwärtsgewandte Fantasiewelten flüchten. Oder anders gesagt: Solange wir die Gestaltung unseres Lebens dem Geld (aka Profitgier) überlassen, ist die Flucht in eine verklärte Vergangenheit attraktiv.

Dummerweise ist vorwärts fahren mit Blick in den Rückspiegel, kein Rezept auf lange Zeit. Und je kurviger die Strecke, desto wahrscheinlicher der baldige Crash. Wie anders lässt sich sonst ein Wahlresultat wie in den USA erklären, wo 50% einen offensichtlich Irren wählen, weil er ihnen den Himmel auf Erden verspricht und die Hölle liefert? Woran könnte es sonst liegen, dass fast überall auf der Welt, Despoten, Lügner und Kriminelle an die Macht drängen? Immer mit dem Versprechen, dass alles wird, wie es war – nur schöner. Dabei brauchen wir nicht einmal über die Grenze zu schauen. Vorwärts im Rückwärtsgang beherrscht unsere $VP schon seit 30 Jahren – nur besser.

Aber warum? Warum ist der Blick in den Rückspiegel so viel attraktiver als ein Blick vorwärts? Was machen diese Heilsversprecher besser als jene die vorwärts schauen und vor den Gefahren warnen? Die Antwort liegt auf der Hand. Sie bedienen unsere Komfortzone, während die lästigen Warner, Veränderungen einfordern. Im schimmsten Fall gar Verbote verlangen, uns aus der Komfortzone bugsieren und uns ein schlechtes Gewissen bereiten. Das ist anstrengend, kostspielig und stört unseren Tagesablauf. Derweilen gestalten die Macher mit den angehäuften Profiten die Welt nach ihren Plänen. Fantasien unerwünscht. Was bleibt ist der Blick in den Rückspiegel. Dort finden wir ein vertrautes Bild – bis zum Crash! Und sollten es doch mal neue Ideen in die Öffentlichkeit schaffen – wie z.B. ein Bedingungsloses Grundeinkommen, eine Finanztransaktionssteuer oder die Abschaffung der Armee – wird die Angst so lange geschürt, bis wir den Rückwärtsgang einlegen. Die aktuell anstehende Konzernverwantwortungsinitiative zeigt wie es geht. Über die ABgründe, welche sich hinter diesen Konzernen verbergen (Kinderarbeit, Umweltzerstörung, miserable Löhne etc.) wird nicht gesprochen – der Blick in den Rückspiegel zeigt das Bild blühender Landschaften und gut bezahlter Jobs.

31.10.2020: Trotzphase

Eigentlich wissen wir es alle: Wir haben es vergeigt und jetzt erhalten wir die Quittung dafür. Wie könnte es diese Woche auch anders sein – es geht einmal mehr um diese Pandemie, die unser Leben seit nunmehr 9 Monaten dominiert. Es gäbe zwar tausende andere Themen – aber diese interessieren uns gerade nicht: Wir haben jetzt mit uns selbst zu tun.

Und genau da scheint mir auch das Problem zu liegen. Tag für Tag, Abend für Abend verfolgen wir in News und TV, wer sich gerade wieder etwas mehr beschissen oder übergangen fühlt, wer die noch grösseren Sorgen hat und wer alles sowieso besser weiss. Vom Tourisums, zur Gastrobranche bis hin zum Sportverein und der Eventbranche – nur Verlierer. Das Gezeter ist ohrenbetäubend. Die Tagesschau ist voll von jammervollen Gesichtern – mal mit, mal ohne Maske. Der Einzige der sich nicht um unsere (oder deren) Befindlichkeit schert, ist das Virus. Dieses verbreitet sich munter und unbeeindruckt weiter. Wer es übrigens noch nicht wissen sollte: Auch in unserer Familie.

Es gilt also nur noch „uns“. Jede*r ist sich selbst der Nächste. Schnell ist vergessen, dass weder Leichenberge unsere Strassen säumen, hier kaum jemand hungert (auch wenn die Kolonnen vor den Caritas-Essensausgaben bedrohlich länger werden), niemand einfach so auf der Strasse landet und wir in einem noch halbwegs funktionierenden Staat leben. Im Gegensatz zu hunderten Millionen andrernorts, die nicht auf die Sonnenseite des Planten geboren wurden. Statt über das Verlorene zu jammern, wäre es an der Zeit, sich über das was man hat zu freuen – es ist immer noch zehn mal mehr, als andere je haben werden. Ich weiss, es klingt moralisch – soll es aber auch!

Damit man mich aber richtig versteht: Ich bin der Ansicht, das jenen unbedingt geholfen werden soll, die unter den angeordneten Massnahmen leiden. Wer anordnet, trägt auch die Verantwortung, sollte man meinen und sagt uns unser Gerechtigkeitsempfinden. Instrumente und Geld hätte der Staat genug (mit nur 40% Staatsverschuldung gehören wir zu den Überprivilegierten). Vom Notkredit (von mir auch auch à fond perdu), zur Kurzarbeitsentschädigung (so lange wie nötig) oder gar einem bedingungsloses Grundeinkommen (wäre sowieso an der Zeit – dazu aber mehr in einem anderen Blog), ist vieles denkbar. Einiges wird auch gemacht – was jedoch fehlt, sind Perspektiven, welche Sicherheit vermitteln und die nahe Zukunft planbar machen. Gift für Wirtschaft und Gesellschaft. Schlimmer jedenfalls, als ein befristeter Lockdown, weil ohne Ende. Unser oberster Säckelmeister meint dazu allerding, uns fehlten weitere 30 Milliarden und hofiert Coronaleugnern, die sich polizeilichen Anordnungen wiedersetzen und deswegen festgehalten werden (https://www.watson.ch/schweiz/svp/716031429-ueli-maurer-setzt-sich-fuer-corona-leugner-ein). Erstaunt reibt man sich die Augen und wähnt sich im falschen Film. Ist ihm und seiner $VP die Gesundheit der Bürger wirklich scheissegal und die drohenden Steuererhöhungen für ihre Financiers wichtiger? Es scheint so! Was eine Durchseuchung bedeuten würde, sagen diese Hasardeure allerdings nicht – wir sprechen hier von 100’000 Toten. Wer das verantworten will, soll hervortreten – Danke.

Oder ist es einfach Trotz, die viele davon abhält zu begreifen, was da gerade passiert und was notwendig wäre – so quasi eine „persönliche Beleidigung“? Fehlt es an Krisenresilienz – daran, dass wir seit Jahrzehnten von solchen verschont wurden und verlernt haben uns in unsicheren Situationen zurecht zu finden – wir sind schliesslich kein Drittweltland? Versagt die Politik und seine Institutionen – oder gar das ganze System? Sind die Spitäler deshalb so schnell am Anschlag, weil man sie in den letzen Jahrzehnten „gesund“ gespart hat? Macht uns die Wissenschaft irre, die uns täglich mit neuen Erkenntnissen konfrontiert – oder doch nur einzelne Schwachköpfe die aus reinem Kalkül, Profitgier oder Besserwisserei die Verantwortung von sich schieben? Vermutlich von allem etwas!

Von Elisabeth Kübler-Ross, der berühmten Psychiaterin stammen die 5 Phasen der Trauerbewältigung (oder unsere Reaktion auf Verlust und Bedrohung). Diese sind der Reihe nach: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und die Akzeptanz. Genau gleich scheint es in dieser Pandemie abzulaufen, nur das alles gleichzeitig passiert. Die Leugner kennen wir von den unsäglichen Aufmärschen und dem Geschwurbel in den Sozialen Medien und Youtube. Für sie ist Corona bestenfalls Mittel zum Zweck, um uns alle zu versklaven. Zornig sind alle jene, welchen die Massnahmen den Boden unter den Füssen weg zieht. Die Politik verhandelt- zwischen den Empfehlungen der Experten und den Lobbyisten der Wirtschaft. Die Ängstlichen verkriechen sich zu Hause und werden depressiv. Nur akzeptieren will den Zustand (noch) niemand so richtig – bestenfalls hofft man auf einen baldigen Impfstoff. Nicht auszudenken, was passiert, wenn dieser auf sich warten lässt.

Im preisgekröhnten Film „Bridges of Spies“ von Steven Spielberg meint der Russische Spion, der nach Russland abgeschoben wird auf die Frage, ob er denn keine Angst hätte: „Würde etwas ändern, wenn ich Angst hätte?„. Ganz ähnlich Angela Merkel, die meinte „Wenn Aufregung helfen würde, würde ich mich aufregen!“ Besser kann man „Gelassenheit“ oder eben die Erkenntnis, dass man unveränderliche Dinge weder wegwünschen noch bekämpfen, sondern nur akzepteren und sich damit arrangieren kann, nicht zum Ausdruck bringen. Ich frage mich, ob wir diese Stufe in der Pandemie je erklimmen werden? Ich fürchte nicht – zumindest nicht als Gesellschaft.

So liegt es wohl an jedem*r Einzelnen sich mit dem „neuen Normal“ unter Pandemiebedingungen zu arrangieren. Auf Rettung durch Politik oder Wissenschaft zu hoffen endet in einer Sackgasse. Warten endet für gewöhnlich im Abseits (auch hier gilt: wer stehen bleibt, bleibt zurück). Bleibt die Hoffnung – auf einen Impfstoff, Hilfe oder das Danach – bis dahin tun wir aber gut daran zu akzeptieren und uns zu arrangieren. Um aber die Politik(er) nicht aus ihrer Verantwortung zu entlassen, heisst das auch, sie an ihre Verantwortung zu mahnen – also Überbrückungshilfen, Schutz und Vorsorge. „Gouverner c’est prévoir“ (regieren heisst vorausschauen), heisst es im Französischen. Davon ist momentan leider wenig zu spüren. Die Politik ist offensichtlich noch in der Phase des „Verhandelns“, bzw. laviert zwischen den Interessensgruppen. Darüber freut sich dar Virus und durchseucht munter Städte, Dörfer und Gemeinden.

Wer meint mit Trotz (und allem was dazu gehört) diese Krise meistern zu können, macht sich nicht nur lächerlich, sondern verhindert auch Lösungen. Lösungen die uns helfen diese Krise zu bewältigen – sei es wirtschaftlich oder sozial. Ich plädiere deshalb für mehr Gelassenheit und nehme mich gleich selber an der Nase. Auch ich (wir) habe*n überreagiert und uns fast gänzlich aus dem sozialen Leben zurück gezogen. Das tut nicht gut – weder uns, noch Familie und Freunden. Wir lernen gerade, wie wir es besser machen können. Behandeln wir den Käfer einfach wie einen ungebetenen Gast. Also bitten wir ihn nicht mehr an den Tisch, meiden seine Gesllschaft, und geben wir ihm keine Gelegenheit sich breit zu machen. Treffen wir uns einfach nur noch in kleinem Kreis, geniessen gutes Essen, ein Glas Wein, gute Gespräche und meiden grosse Ansammlungen. Der Widerling vwird auch dann nicht über Nacht verschwinden, aber er wird uns nach und nach meiden. Und so hoffen wir alle, dass wir bald ein Kraut gegen den Fiesling gefunden haben. Bis dahin heisst es aber durchbeissen – mit Gelassenheit und der Freude auf alles was wir haben. Das wäre vielleicht ein Ansatz, der uns mehr bringt als trötzeln, motzen und jammern – das überlassen wir den 3-jährigen vor der Ladenkasse.

12. 09. 2020: Begrenzt

Die Grenze „bin“ ich. Seit Jahrzehnten wohne ich am Nordrand der Schweiz an der Grenze zu Deutschland. Die Grenze verläuft direkt am Dorfrand. Auf drei Seiten liegen Deutsche Gemeinden. Zur Schweiz führt genau eine Strasse über eine Brücke über den Rhein. Meine Enkel haben einen europäischen Pass. Meine besten Freunde kommen aus Spanien, Montenegro, Deutschland und Slovenien. Meine Nachbarn aus dem Osten der Slowakei, aus Singapur und Leipzig. Theater spiele ich mit Kollegen aus Brandenburg und Stuttgart. Meine Mieter kommen und kamen aus Sachsen, Uruguay und Alaska. Meine Zahnärztin aus München. Meine Pflegetochter aus Berlin. Ich coache Lehrlinge aus Kurdistan, Albanien, Amerika und Serbien. Beim Aufbau der Bühne helfen Asylbwerber aus Eritrea und im Geschäft hatte ich Kollegen aus Frankreich, Italien, Polen, Deutschland, Amerika und Südafrika. Beruflich war ich von Portugal bis Schweden in fast allen EU Staaten und selbstverständlich immer wieder in den USA. Bunt gemischt, international, vielfältig. Ein Leben im Herzen Europas, in der Schweiz zur Jahrtausendwende. Multikulti mokieren „böse“ Zungen. Zu viel ist zu viel, malen sie auf Plakate und möchten eine „Idylle“zurück, die es nie gab. Eine Idylle, wo man unter sich bleibt, ohne fremde Gerüche, Sprachen und Hautfarben. Eine Idylle in den eigenen Grenzen, den eigenen 4 Wänden.

An diese erinnere ich mich noch gut. Es waren die 60iger-Jahre. In unserem Dorf gab es genau einen Ausländer – einen Italiener. Er schob sein Velo Tag für Tag an unserem Haus vorbei. Hoch an den Waldrand des Irchels, wo er morgens und abends die Kühe versorgte, in einer schäbigen Kammer hauste und tagsüber, unten in Flaach Steine schleppte und Zement rührte. Er sprach leidlich Deutsch und erzählte uns oft von seiner Familie in den Abruzzen. Gesehen haben wir diese nie, denn er war Saisonnier. Kurz vor Weihnachten verschwand er und tauchte jeweils im April wieder auf. Frau und Kinder war der Aufenthalt in der Schweiz verwehrt. Irgendwann in den frühen 80iger-Jahren war Schluss. Santo kam nicht mehr. Es ist als hätte es ihn nie gegeben. Das Dorf meiner Kindheit im Flaachtal war nun wieder ausländerfrei und will es offensichtlich bleiben. Die Wahlresultate und Abstimmungsplakate am Dorfrand, lassen keinen anderen Schluss zu.

Seit 50 Jahren – seit der berühmten Schwarzenbach-Initiatve von 1970 – dominiert ein Thema die Schweizer Politik: Ausländer! Die Europäische Union steht dafür sinnbildlich. Ausländer und EU scheinen für viele das gleiche zu sein – lästig! Die Details der meist wüsten Kampagnen rund um Abstimmungen und Wahlen, die verbreiteten Lügengeschichten und hässlichen Debatten lasse ich hier beiseite. Sie dürften allen sattsam bekannt sein. Die Neuauflage, welche am 27. September – nun bereits zum 15. mal – zur Abstimmung kommt, ist nicht nur Ärgernis, es macht auch müde. Zu viel ist zu viel und genug ist genug! Über die einseitige Plakatflut im Zürcher Weinland habe ich mich schon ausgelassen. Das unverlangt zugeschickte „Extrablatt“ ging in Rauch auf, die zurechtgelogenen Statistiken liegen im Papiercontainer und in den Sozialen Medien tobt sich der Mob, sekundiert von Bundesratskandidaten, National- und Ständeräten, über Asylanten, Migranten, Sozialhilfeschmarotzer und Kriminelle aus. Die üblichen Lügen, die übliche Hetze, die üblichen Heilsversprechen. Diesmal versprechen sie uns staufreie Fahrt und ängstigen uns mit Betonburgen.

Man könnte also zur Tagesordnung übergehen und den bitteren Kelch an sich vorüberziehen lassen. Der 28. September kommt auch ohne, dass ich mich grün und blau ärgere. Leider aber ist es nicht so einfach. Es steht zu viel auf dem Spiel. Und damit meine ich nicht einfach die Bilaterialen Verträge I, welche seit 1999 unser Verhältnis mit unserem wichtigsten wirtschaftlichen Partner – der EU, also unseren Nachbarländern – regeln, sondern auch die Auswirkungen auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Ein paar Fragen seien deshalb erlaubt.

Geht es wirklich um eine Begrenzung der Zuwanderung? Wie war das zu den goldenen Zeiten, als wir die „Zuwanderung“ noch selber steuerten – also zu jener Zeit, als Santo sein Velo allabendlich hoch zum Irchel schob? Kamen da weniger Ausländer in die Schweiz? Im Gegenteil – die Firmen rekrutierte sogar über eigene Agenturen, ganz direkt Arbeitskräfte im nahen Ausland – sie brauchte sie für den Bau von Staumauern, Strassen und in den Fabriken! Der einzige Unterschied: Die „Fremdarbeiter“ hatten deutlich weniger Rechte als heute. Abzulesen auch daran, dass viele unserer „Secondo“-Freunde bei den Grosseltern in Italien, Portugal, Jugoslawien oder Spanien aufwuchsen, da sie in der Schweiz nicht willkommen waren. Einem Saisonnier war der Familiennachzug verboten. Als billige Arbeitskraft willkommen – ansonsten diskriminiert.

Wollen wir diese Zustände zurück, über die der Schriftsteller Max Frisch, schon 1961 sage: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen!“ Wenn man der Abstimmungspropaganda glaubt, ja. Wenn man Frau Martullo-Blocher zuhört, wird schnell klar, sie will über Löhne, Aufenthalt, Qualifikation und Rechte ihrer Angestellten frei von Gewerkschaften und verpflichtenden Staatsverträgen entscheiden. Es geht einzig um den Abbau des rechtlichen Schutzes der Arbeiter und Angestellten – auch jenen der Einheimischen, welche durch die flankierenden Massnahmen vor Lohndrückerei geschützt sind. Über die Anzahl und Herkunft der „selbst gesteuerten Zuwanderung“ lässt sich diese Partei aus guten Gründen nicht aus. Frau Martullo-Blocher sucht derweil ihre Fachkräfte im Ausland. Zuwanderung à la carte!

Die Frage, was hier eigentlich begrenzt werden soll, ist darum schnell beantwortet. Unsere Rechte, die Zukunft unserer Enkel und Kinder und unsere Verpflichtungen gegenüber unseren Nachbarn. Treibende Kraft ist der grenzenlose Egoismus einer kleinen Clique, die uns und unser Land in Geiselhaft nimmt für ihre eigennützigen Interessen. Setzen wir dieser Gier zu 15ten mal eine Grenze und stimmen am 27. September NEIN zu dieser verlogenen „Begrenzungs“-Initiative. Zu viel ist zu viel und genug ist genug!