05.03.2021: Entfesselt

ACHTUNG: Der nachfolgende Text basiert auf Hörensagen und kann Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten. Lesen auf eigene Verantwortung und Gefahr. Der Verfasser lehnt jede Verantwortung ab. Sonst fragen sie ihren Arzt oder ihre:n Apotheker:in.

Vergangene Woche fand – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – die G19 statt. Die Konferenz der Gruppe der 19 grössten Autophilen. Einer unter diesem Namen kaum bekannten Zusammenrottung fundamentalistischer Sekten, profitgeiler Egomanen. Wie die ebenso öffentlichkeitsscheue Bilderberg-Konferenz der Reichen und noch Reicheren (in Insiderkreisen auch als Lenkungsausschuss der G7 bekannt) versteht sich die G19 als selbstermächtigte Elite mit missionarischem Auftrag. Überlappungen mit den Bilderbergern wären daher weder überraschend noch zufällig. Gerüchten zufolge fand die Tagung in einem geheimen Bunker, unweit des Pfannenstiels, statt. In einem mit Anker- und Hodler-Bildern (der Holzfäller) dekorierten Konferenzraum, bei einem Glas Räuschling der Kellerei Lindentröpfli aus Laufen-Uhwiesen, sowie Häppchen aus dem „Haus der Freiheit“ , wurde – immer laut unseres anonymen Informanten – der mörderischen Diktatur den Krieg erklärt. Diese soll angeblich von einen coronasozialistischen Diktator, unter dem Vorwand einer angeblichen Pandemie, in der Schweiz errichtet worden sein. In einem detaillierten Aktionsplan soll diesem Sozialismus allgemein, dem Bundesrat im besonderen und der Wissenschaft im speziellen, der Garaus gemacht werden. Allfällige Kollateralschäden, wie das Ende der Aufklärung, der Meinungsfreiheit oder der Demokratie, werden nicht nur in Kauf genommen, sie sind gewollt. So lasst uns also hören, was die erlauchte Runde verhandelt und beschlossen hat. Aus Gründen der Diskretion und um unseren Informanten nicht zu gefährden, haben wir Personen und Orte anonymisiert – sind der Redaktion aber bekannt.

Die diesjährige Tagung stand ganz im Zeichen der Befreiung. Frei von allem quasi, dass der freien Entfaltung des profitstrebenden Individuums im Wege steht. Namentlich wird (Corona)Sozialisten, faulen (Corona)Sozialhilfeschmarotzern, der Wissenschaft und sämtlichen staatlichen Institutionen, die ausser Geld auch noch Geld kosten, der Kampf angesagt. Auch der zu bekämpfende Sündenbock war schnell gefunden. Es ist, wie könnte es anders sein, ein Roter aus dem Fribourgerland. Dieser ist – immer gemäss den weisen Worten des grossen G19-Vorsitzenden – an allem schuld. Am Virus, der Pandemie, den geschlossenen Terrassen und dem Wählerschwund der eigenen Sekte. Unhaltbare Zustände also. Taten sind gefragt und wurden beschlossen.

Leider sind die einzelnen Voten der Tagungsteilnehmer nicht bekannt. Unser Informant verlor den Zutrittsbatch. Immerhin aber liegt ihm der (streng geheime) Aktionsplan vor, den ihm die serbische Putzfrau aus dem Mülleimer fischte. Überschrieben ist dieser mit „Entfesselung“. Genannt werden darin 3 Ziele. Die Rückkehr zur Aristokratie mit einem Sünnelikönig als Alleinherrscher – Alchemie, Wünschelruten und Kristallkugeln anstelle kritischer Wissenschaftler – und drittens die Huldigung, bzw. Heiligsprechung des Profitstrebens. Um die Öffentlichkeit nicht allzu sehr zu erschrecken, läuft der Plan unter dem Label „Schluss mit dem Lockdown – öffnet die Spunten am 22. März – Nieder mit der Diktatur!“ Verantwortlich zeichnet niemand. Genannt werden aber verschiedene Akteure und ein Netzwerk von Verbündeten.

Als erstes soll der Heilige Zorn der lockdown-gebeutelten Wirte entfesselt werden. Steuerstreiks, offene Terrassen und eine kalte Suppe löffelnde Büezer werden darin ausdrücklich erwähnt. Ebenso Online-Petitionen und dümmliche 20-Minuten Artikel. Die Speerspitze im Kampf gegen Diktatur und Diktator aber übernimmt das Politbüro der Sekte persönlich, sekundiert von rückgratlosen Trittbrettfahrern, ohne eigenes Profil (namentlich genannt werden Politiker:innen wirtschaftsnaher Strippenzieher). Dem Propaganda-Ministerium obliegt die Dämonisierung der Diktatur, den Verbündeten die Entmachtung der Wissenschaft und dem Fussvolk das Auskotzen in den Sozialen Medien. Wobei Letztere angehalten sind, die Verlautbarungen ihrer Sektenführer mit Dreck aller Art zu bereichern. Der Sturm aufs Capitol (aka Bundeshaus) ist vorerst den Parteisoldaten und ihren Rucksackträgern vorbehalten.

Wer’s nicht glaubt, der lese die Zeitung und schaue fern. Eben stimmten 97 Nationalräte einem Aufruf für die Entmachtung des Bundesrates zu. Die Pandemie soll per Gesetz am 22. März für beendet erklärt werden. Das „Volk“ ist angeblich lockdownmüde. Die wissenschaftliche Taskforce soll vorsorglich stumm geschaltet werden. Ein Wurstfachmann EFZ aus dem Rheintal möchte den Gesundheitsminister auch gleich impeachen und Schuld an allem hat sowieso die Ratslinke. Diese möchte die gebeutelten Pandemieopfer nämlich nicht nur finanziell unterstützen, sondern präsentiert dummerweise auch noch praktikable Lösungen und übernimmt sogar Verantwortung. Es riecht nach Sozialismus und Staatsterror! Die G19 (Parallelen zur Geheimarmee P26 sind rein zufällig) ruft DEFCON 1 (Alarmstufe Rot) aus!

Die „Volksherrschaft“ liegt nach eigenen Worten, zum greifen nah und der Sünnelikönig fühlt sich berufen die schwere Last des Amtes zu schultern. Auch die Nachfolge ist schon geregelt – es ist ein Prinz. Er kommt aus dem Hause Ems und ist als Prinzessin gewandet. Universitäten und ETH werden geschlossen. An ihre Stelle tritt Harry Potters Zauberschule und Trudi Gerster. Einfalt ersetzt Vielfalt und die Weltwoche wird Pflichtlektüre, die, wohl ihrem Vorbild nacheifernd, in „Stürmer“ umbenannt wird. Das Parlament erhält einen Schnellkurs im Klatschen (gem. handschriftlicher Randnotiz dient ein Video des nationalen chinesischen Volkskongresses zu Schulungszwecken) Ausserdem erhalten die Delegierten das Handbuch „The Seven Thinking Steps“. Frauen wird eine Karriere als Cheerleader nahegelegt oder aber der Küchendienst. Mit der endgültigen Entfesselung des neoliberal-nationalistischen Traums, steht dem unendlichen Profit der G19-Mitglieder nichts mehr im Wege. Ein Sieg wird vorausgesetzt, da weitere Krisen (wie z. B. die Klimakatastrophe) zu befürchten sind. Ein Scheitern wird ausgeschossen – auch Trump hat die Wahlen schliesslich gewonnen.

Deshalb: Lang lebe der Sünnelikönig – hoch lebe der Profit – nieder mit der Aufklärung – Tod der Corona-Diktatur! Freie Sicht aufs Mittelmeer!

PS: Der 3. März wird zum Feiertag erklärt und als „Bullshitday“ gefeiert werden.

01.09.2019: Solange wir „es“ alle sind, ist garantiert, dass nichts passiert

Unser Lebensstil gibt zu Kritik Anlass. Wir essen Fleich (zumindest zu viel), wir nutzen fossile Energie (Öl, Gas, Kohle), wir verpacken alles in Plastik, fliegen zu viel um die Welt, schmieren Nutella aufs Brot, holzen die letzten Wälder ab und kaufen hirn- und sinnlos Billigramsch aus Billiglohnländern. Ja, wir leben verschwenderisch, verantwortungslos, ungesund und denken keinen Moment an die Zukunft unserer Kinder.

Liest man dieser Tage die Zeitungen (bzw. Newsportale und tummelt sich in den Sozialen Medien) so fällt einem nicht nur die Gehässigkeit auf, mit der die Überbringer der schlechten Nachricht(en) (Greta, streikende Schüler etc.) eingdeckt werden, es geistern auch allerlei Vorschläge, Forderungen und Anleitungen durchs Netz, was man als vorbildlicher Mensch alles zu beachten hat, auf was man verzichten sollte (oder muss) und wie übel unser Lebensstil für die Zukunft unserer Kinder sei und ist. Der Gipfel des Vorwurfes endet dann bei Forderungen für Antibabypillen für afrikanische Frauen, da das Grundübel ja wir alle und vor allem die grosse Zahl von Menschen sind.

Wir sind also ALLE schuld! Am Klimawandel, weil wir fliegen. An den Bränden im Amazonas, weil wir Fleisch essen. An der Rodung des Regenwaldes, weil wir Nutella aufs Frühstücksbrot schmieren (Palmöl) und am Plastik im Meer, weil wir verpacktes Gemüse in der Migros kaufen! Nun haben wir den Schuldigen! Wir ALLE sind es!

Wer einmal in einer WG gewohnt hat, kennt die Geschichte. Ende Woche türmt sich das Geschirr in der Spühle. Die Abfallsäcke müffeln prall gefüllt im Gang vor sich hin und der Kühlschrank ist permanent leer. Diese Zustände dauern mindest so lange, wie die Verantwortlichkeiten verbindlich geregelt sind. Fazit: Ohne verbindliche Regeln (und Sanktionen) passiert nichts!

Genau dies passiert aktuell auf der Welt (nicht nur rund um die Klimakrise). Um keine Verantwortung übernehmen zu müssen, schieben alle die Verantwortung auf die andern. Die Wirtschaft auf die Politik(er), die Konsumenten auf die Wirtschaft, der Einzelne auf den Andern. Gemeinsam garatieren wir, dass garantiert nichts passiert!

Also brauchen wir Regeln – denn solange ich freiwillig (aus EInsicht oder sozialem Druck) auf etwas verzichte (z.B. Fliegen) und es der Nachbar nicht tut, fühle ich mich rasch beschissen. Ich werde ihm Vorwürfe machen und unsere Nachbarschaft wird darunter leiden. So fühlt sich der Frutarier über dem Veganer, dieser über dem Vegetarier und alle über den Cornivatoren. Darüber freuen sich alle andern. Die Politiker*innen weil sie uns gegenseitig ausspielen können Die Wirtschaft weil sie ihre Produkte noch zielgruppengenauer und noch teurer verkaufen kann (man braucht einfach ein neues Label und etwas Marketing) und wir, weil wir uns nicht ändern müssen. Die 5% „Gutmenschen“ aber ändern nichts. Weder an der Gesamtbilanz (des CO2 Ausstosses) noch am Verbrauch fossiler Energien und schon gar nichts an der Art wie wir wirtschaften und der herrschenden Politik.

Wer entscheidet über die Art der Produktion, den Produktionsstandort, die Bezahlung der Arbeiter*innen, die Einhaltung von Vorschriften? Wer tankt Schweröl in ihre Schifftanks, wer propagiert Dieselmotoren und betrügt bei den Abgaswerten? Wer verhindert griffige Massnahmen gegen den CO2-Ausstoss. Wer subventioniert Kohlekraftwerke? Wer verzögert seit Jahrzehnten die Umstellung von fossiler auf nicht-fossile Energie? Die Liste ist unendlich. Nein, nicht du und ich. Es ist das Diktat der „Wirtschaftlichkeit“, welche die Agenda diktiert. Sowohl im einzelnen Unternehmen, wie in der Politik. Als Bürger und Konsument wird man vor vollendete Tatsachen gestellt. Ihnen bleiben: ein schlechtes Gewissen, höhere Kosten und eine zerstörte Umwelt!

Die eigentlichen Verantwortlichen bleiben ungeschoren. Dies sind die eigentlichen Profiteure dieses Systems. Es sind die Prediger der neoliberalen Wirtwschaftsordnung und in ihrem Schlepptau die Bezahlknechte der Politik Sie haben es bisher abgelehnt Verantwortung zu übernehmen. Es wird also Zeit, diese von ihnen einzufordern. Jetzt, laut und unmissverständlich. Am 20. Oktober an der Wahlurne, mit der Wahl von Politiker, die Verantwortung übernehmen und der Abwahl der verantwortungslosen Lobbyisten der bürgerlichen Parteien.