31.10.2020: Trotzphase

Eigentlich wissen wir es alle: Wir haben es vergeigt und jetzt erhalten wir die Quittung dafür. Wie könnte es diese Woche auch anders sein – es geht einmal mehr um diese Pandemie, die unser Leben seit nunmehr 9 Monaten dominiert. Es gäbe zwar tausende andere Themen – aber diese interessieren uns gerade nicht: Wir haben jetzt mit uns selbst zu tun.

Und genau da scheint mir auch das Problem zu liegen. Tag für Tag, Abend für Abend verfolgen wir in News und TV, wer sich gerade wieder etwas mehr beschissen oder übergangen fühlt, wer die noch grösseren Sorgen hat und wer alles sowieso besser weiss. Vom Tourisums, zur Gastrobranche bis hin zum Sportverein und der Eventbranche – nur Verlierer. Das Gezeter ist ohrenbetäubend. Die Tagesschau ist voll von jammervollen Gesichtern – mal mit, mal ohne Maske. Der Einzige der sich nicht um unsere (oder deren) Befindlichkeit schert, ist das Virus. Dieses verbreitet sich munter und unbeeindruckt weiter. Wer es übrigens noch nicht wissen sollte: Auch in unserer Familie.

Es gilt also nur noch „uns“. Jede*r ist sich selbst der Nächste. Schnell ist vergessen, dass weder Leichenberge unsere Strassen säumen, hier kaum jemand hungert (auch wenn die Kolonnen vor den Caritas-Essensausgaben bedrohlich länger werden), niemand einfach so auf der Strasse landet und wir in einem noch halbwegs funktionierenden Staat leben. Im Gegensatz zu hunderten Millionen andrernorts, die nicht auf die Sonnenseite des Planten geboren wurden. Statt über das Verlorene zu jammern, wäre es an der Zeit, sich über das was man hat zu freuen – es ist immer noch zehn mal mehr, als andere je haben werden. Ich weiss, es klingt moralisch – soll es aber auch!

Damit man mich aber richtig versteht: Ich bin der Ansicht, das jenen unbedingt geholfen werden soll, die unter den angeordneten Massnahmen leiden. Wer anordnet, trägt auch die Verantwortung, sollte man meinen und sagt uns unser Gerechtigkeitsempfinden. Instrumente und Geld hätte der Staat genug (mit nur 40% Staatsverschuldung gehören wir zu den Überprivilegierten). Vom Notkredit (von mir auch auch à fond perdu), zur Kurzarbeitsentschädigung (so lange wie nötig) oder gar einem bedingungsloses Grundeinkommen (wäre sowieso an der Zeit – dazu aber mehr in einem anderen Blog), ist vieles denkbar. Einiges wird auch gemacht – was jedoch fehlt, sind Perspektiven, welche Sicherheit vermitteln und die nahe Zukunft planbar machen. Gift für Wirtschaft und Gesellschaft. Schlimmer jedenfalls, als ein befristeter Lockdown, weil ohne Ende. Unser oberster Säckelmeister meint dazu allerding, uns fehlten weitere 30 Milliarden und hofiert Coronaleugnern, die sich polizeilichen Anordnungen wiedersetzen und deswegen festgehalten werden (https://www.watson.ch/schweiz/svp/716031429-ueli-maurer-setzt-sich-fuer-corona-leugner-ein). Erstaunt reibt man sich die Augen und wähnt sich im falschen Film. Ist ihm und seiner $VP die Gesundheit der Bürger wirklich scheissegal und die drohenden Steuererhöhungen für ihre Financiers wichtiger? Es scheint so! Was eine Durchseuchung bedeuten würde, sagen diese Hasardeure allerdings nicht – wir sprechen hier von 100’000 Toten. Wer das verantworten will, soll hervortreten – Danke.

Oder ist es einfach Trotz, die viele davon abhält zu begreifen, was da gerade passiert und was notwendig wäre – so quasi eine „persönliche Beleidigung“? Fehlt es an Krisenresilienz – daran, dass wir seit Jahrzehnten von solchen verschont wurden und verlernt haben uns in unsicheren Situationen zurecht zu finden – wir sind schliesslich kein Drittweltland? Versagt die Politik und seine Institutionen – oder gar das ganze System? Sind die Spitäler deshalb so schnell am Anschlag, weil man sie in den letzen Jahrzehnten „gesund“ gespart hat? Macht uns die Wissenschaft irre, die uns täglich mit neuen Erkenntnissen konfrontiert – oder doch nur einzelne Schwachköpfe die aus reinem Kalkül, Profitgier oder Besserwisserei die Verantwortung von sich schieben? Vermutlich von allem etwas!

Von Elisabeth Kübler-Ross, der berühmten Psychiaterin stammen die 5 Phasen der Trauerbewältigung (oder unsere Reaktion auf Verlust und Bedrohung). Diese sind der Reihe nach: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und die Akzeptanz. Genau gleich scheint es in dieser Pandemie abzulaufen, nur das alles gleichzeitig passiert. Die Leugner kennen wir von den unsäglichen Aufmärschen und dem Geschwurbel in den Sozialen Medien und Youtube. Für sie ist Corona bestenfalls Mittel zum Zweck, um uns alle zu versklaven. Zornig sind alle jene, welchen die Massnahmen den Boden unter den Füssen weg zieht. Die Politik verhandelt- zwischen den Empfehlungen der Experten und den Lobbyisten der Wirtschaft. Die Ängstlichen verkriechen sich zu Hause und werden depressiv. Nur akzeptieren will den Zustand (noch) niemand so richtig – bestenfalls hofft man auf einen baldigen Impfstoff. Nicht auszudenken, was passiert, wenn dieser auf sich warten lässt.

Im preisgekröhnten Film „Bridges of Spies“ von Steven Spielberg meint der Russische Spion, der nach Russland abgeschoben wird auf die Frage, ob er denn keine Angst hätte: „Würde etwas ändern, wenn ich Angst hätte?„. Ganz ähnlich Angela Merkel, die meinte „Wenn Aufregung helfen würde, würde ich mich aufregen!“ Besser kann man „Gelassenheit“ oder eben die Erkenntnis, dass man unveränderliche Dinge weder wegwünschen noch bekämpfen, sondern nur akzepteren und sich damit arrangieren kann, nicht zum Ausdruck bringen. Ich frage mich, ob wir diese Stufe in der Pandemie je erklimmen werden? Ich fürchte nicht – zumindest nicht als Gesellschaft.

So liegt es wohl an jedem*r Einzelnen sich mit dem „neuen Normal“ unter Pandemiebedingungen zu arrangieren. Auf Rettung durch Politik oder Wissenschaft zu hoffen endet in einer Sackgasse. Warten endet für gewöhnlich im Abseits (auch hier gilt: wer stehen bleibt, bleibt zurück). Bleibt die Hoffnung – auf einen Impfstoff, Hilfe oder das Danach – bis dahin tun wir aber gut daran zu akzeptieren und uns zu arrangieren. Um aber die Politik(er) nicht aus ihrer Verantwortung zu entlassen, heisst das auch, sie an ihre Verantwortung zu mahnen – also Überbrückungshilfen, Schutz und Vorsorge. „Gouverner c’est prévoir“ (regieren heisst vorausschauen), heisst es im Französischen. Davon ist momentan leider wenig zu spüren. Die Politik ist offensichtlich noch in der Phase des „Verhandelns“, bzw. laviert zwischen den Interessensgruppen. Darüber freut sich dar Virus und durchseucht munter Städte, Dörfer und Gemeinden.

Wer meint mit Trotz (und allem was dazu gehört) diese Krise meistern zu können, macht sich nicht nur lächerlich, sondern verhindert auch Lösungen. Lösungen die uns helfen diese Krise zu bewältigen – sei es wirtschaftlich oder sozial. Ich plädiere deshalb für mehr Gelassenheit und nehme mich gleich selber an der Nase. Auch ich (wir) habe*n überreagiert und uns fast gänzlich aus dem sozialen Leben zurück gezogen. Das tut nicht gut – weder uns, noch Familie und Freunden. Wir lernen gerade, wie wir es besser machen können. Behandeln wir den Käfer einfach wie einen ungebetenen Gast. Also bitten wir ihn nicht mehr an den Tisch, meiden seine Gesllschaft, und geben wir ihm keine Gelegenheit sich breit zu machen. Treffen wir uns einfach nur noch in kleinem Kreis, geniessen gutes Essen, ein Glas Wein, gute Gespräche und meiden grosse Ansammlungen. Der Widerling vwird auch dann nicht über Nacht verschwinden, aber er wird uns nach und nach meiden. Und so hoffen wir alle, dass wir bald ein Kraut gegen den Fiesling gefunden haben. Bis dahin heisst es aber durchbeissen – mit Gelassenheit und der Freude auf alles was wir haben. Das wäre vielleicht ein Ansatz, der uns mehr bringt als trötzeln, motzen und jammern – das überlassen wir den 3-jährigen vor der Ladenkasse.

23.10.2020: Auf Sand gebaut

Man sollte Häuser nicht auf Sand bauen. Das wusste schon Jesus in seiner Bergpredigt. Denn wer „weiss“, der wird sein Haus auf dem Felsen bauen und wenn die Wasserflut kommt, so ist dieses standhaftim Gegensatz zu jenem, welches auf Sand gebaut ist und von der Flut weggespült wird. Eigentlich eine Binsenwahrheit. Sandburgen sind was für Kinder und die Ferien am Strand. Unsere Häuser bauen wir auf feste Fundamente – wenigstens in unseren Breitengraden. Was aber für unsere Häuser gilt, fehlt an anderen Orten fast gänzlich. Schmerzlich wird einem das aktuell in dieser Pandemie bewusst, wo viele Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden und fest geglaubte Fundamente weg brechen. Und so beobachte ich mit Sorge, wie auch bei manchen Freunden und Bekannten die Fundamente errodieren und die Gebäude wanken.

Wer sich etwas für Geschichte interessiert, weiss von den verheerenden Pestpandemien des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Wer etwas weiter gräbt vielleicht sogar etwas von der Justinianischen Pest, welche dem Römischen Imperium den Rest gab und noch weiter zurück, die Seuchen, welche die ersten Hochkulturen (Sumerer, Assyrer etc,) ausradierten. Stehts war die „Pestilenz“ (meist im Verbund mit Klimakapriolen) der Totengräber für manch grosse menschliche Errungenschaft: wie Imperien, Kulturen und Religionen. Nicht umsonst gehört „die Seuche“ (das fahle Pferd) zu den vier apokalyptischen Reitern der biblischen Offenbarung. Sie ist das Schreckgespenst der menschlichen Zivilisation, das wir glaubten überwunden zu haben. Für was haben wir denn sonst Ärzte, Antibiotika und Spitäler? So dachten und so lebten wir – in der „Gewissheit, dass uns solch archaische Seuchen nichts mehr anhaben könnten. Doch falsch gedacht, wie uns Sars-COV-2 zeigt. Wie anno dazumal untergräbt diese Seuche Selbstverständlichkeiten, stellt Überzeugungen in Frage und wirft uns zurück auf die wesentlichen Fragen des Seins. Und genau da beginnen die Probleme. Auf was greifen wir zurück, wenn wir Gewissheiten und Vertrauen verlieren. Greifen wir ins Leere oder hält unser Fundament, auf welches wir gebaut haben – also unseren Überzeugungen?

Vertrauen ist die Grundlage unseres Zusammenlebens. Es ist das Fundament auf denen unsere Existenz, der Staat, die Regierung, unser Handel(n), Wirtschaften und Zusammenleben ruht. Vertrauen setzt Gewissheiten voraus. Die Gewissheit, das der morgige Tag dem heutigen gleicht, ich meinen Job, meinen Eheparter*in, meine Wohnung und was auch immer noch haben werde. Vertrauen (bzw, wie dieses wieder hergestellt werden kann) ist in Gesetzen codiert und macht menschliche Planung erst möglich. Denn wer würde in die Zukunft investieren (Häuser bauen, Geschäfte eröffnen, Kinder zeugen etc.), wenn er nicht an diese glaubt? Doch unser Vertrauen wird oft auf harte Proben gestellt. Regierungen lügen, Wissenschaftler tricksen, Konzerne betrügen. Sind am Ende alle korrupt? Kann man noch jemandem, irgendwas glauben? Misstrauen ist der Boden jeder Verschwörungstheorie und der Griff ins Leere. Den wer hinter Allem Betrug wittert, verliert den Blick auf die wahren Ursachen der Dinge und wird tatsächlich Opfer einer Verschwörung. Einer die ihn in die Irre führt. Den einmal belogen, immer betrogen. Wir glauben Muster zu erkennen, wo keine sind (wer hat nicht schon Gesichter in Wolken entdeckt). Die Zauberformel heisst somit: Misstrauen ist der Weg zur Erkenntnis (Wissenschaft) oder aber dient der Angst und der Spaltung. Und Angst macht Menschen gefügig und sind eine unerschöpfliche Geldquelle.

Aus den Geschichtsbüchern kennen wir die tragischen und oft auch skurrilen Reaktionen unserer Vorfahren auf solche Ängste. Im alten Rom fegte die Seuche nicht nur die alten Götter, sondern gleich das ganze Imperium hinweg. Im Mittelalter wurden Hexen verbrannt, Juden ermordet und Endzeitsekten prophezeiten den nahen Weltuntergang. Und vor 100 Jahren war die Spanische Grippe die Sternstunde der Verschwörungsgeschichten vom Weltjudentum. Den Ausgang kennen wir. Oder anders gesagt: Elend erzeugt Sündenböcke – und diese müssen weg! Damals wie heute.

Ob Corona das gleiche Zerstörungspotential besitzt, ist (noch) offen. Auffallend aber ist, wie wackelig manch Fundament in dieser Krise ist. Auffallend, weil selbst nach 250 Jahren Aufklärung, Bildung, Wissenschaft und modernster Technologie, die kollektiven Verhaltensmuster verdächtig jenen der Geschichtsbücher gleichen. Fälschlicherweise dachte ich, wir hätten in diesen 250 Jahren gelernt, dass wir es sind, die für den Mist, den wir bauen, selbst verantwortlich sind. Stattdessen gilt immer noch: Wo Gewissheiten weg brechen und an ihre Stelle wilde Geschichten treten hat abstruse Irrationalität Hochkonjunktur. Man wähnt sich im Mittelalter. Es fehlen nur noch die Scheiterhaufen.

Male ich zu schwarz? Bin ich (zu) pessimistisch? Eigentlich nicht. Ich erwarte weder morgen noch übermorgen den Weltuntergang – auch nicht das Ende unserer Zivilisation. Ich befürchte weder Progrome noch Leichenhaufen in der Quartierstrasse – zumindest nicht zu meinen Lebzeiten. Was ich aber duchaus befürchte ist das Wegbrechen „unserer“ Fundamente: das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen, die Wissenschaft und zivilisatorischen Errungenschaften – mit langfristig verheerenden Folgen. Selbstverständlich sind und waren die Genannten nie perfekt und es gibt und gab vieles daran zu kritisieren und zu ändern. Bedenklich ist jedoch der Rückfall in alte Muster. Die Suche nach Schuldigen und Sündenböcken und die Heilssuche bei dubiosen Figuren und Märchenonkeln. Es ist als hätte es die Aufklärung nie gegeben. Wissen(schaft) wird verteufelt, das Heil bei Scharlatanen gesucht. Am schlimmsten: Es sind nicht die ewig-dummen Plodderis an den Stammtischen oder die sog. Bildungsfernen, die sich verirren; es sind erschreckenderweise Bildungsbürger die sich haufenweise verrennen – zu beobachten auch in meinem Bekanntenkreis. Es ist gerade als hätten wir es mit zwei Pandemien zu tun: Der Corona-Pandemie und der der Abstrusitäten.

Bildung gilt oder galt zumindest als Schlüssel für vieles: Persönlichkeit, Wissen, Erfolg, Teilhabe, Fortschritt etc. Galt der Fokus des bürgerlichen Bildungsideals bis vor wenigen Jahrzehnten der Persönlichkeitsbildung, so mutiert dieses seit der neoliberalen Wende der 80-igerjahre zur Ressource für den persönlichen (wirtschaftlichen) Erfolg. An die Stelle der Herzensbildung traten Bologna-Punkte, Faktenwissen anstelle von Erkenntnissen. Bilden „Erkenntnisse“ das Fundament, ist Faktenwissen das Gebälk. Fehlt das Fundament, ist das Haus auf Sand gebaut und fällt beim ersten Sturm.

In früheren Zeiten wechselte man in der Not die Götter, vertrieb den Imperator oder schlug auf die Schwächsten ein. Hauptsache man fand eine*n Schuldige*n. Mit der Aufklärung dachen wir, wir hätten diese primitiven Muster hinter uns gelassen – den „Wissen“ ist Erkenntniss und diese hat uns den Fortschritt beschert, auf den wir so stolz sind. Der „Glaube“ hatte ausgedient. Doch weit gefehlt, wie wir gerade bitter erkennen müssen. Wieder sind es böse Mächte, die uns angeblich ausrotten und/oder versklaven wollen. Wieder glaubt man Irren, die uns Angst machen, Heilsbringern und Märchenerzählern. Auf der Strecke bleibt die Vernunft. Und es ist nicht allein das Corona. Sei es die Klimakrise, die wachsende Ungleichheit, der grassierende Rassismus oder das Artensterben: Die Verhaltensmuster gleichen sich. Es zählt nicht die Erkenntniss, dass es an uns liegt etwas zu tun, sondern der Wunsch es möge an uns vorbeiziehen. Notfalls findet man ja einen Sündenbock, dem man alles in die Schuhe schieben kann. Hier sei angemerkt, dass die Justitianische Pest trotz neuem Gott 200 Jahre wütete (541 bis 770 nChr.) und die Pest im 14ten Jahrhundert trotz Judenprognomen 50% der Europäer das Leben kostete. Es wäre vielleicht an der Zeit, wenn wir an unseren Fundamenten bauen und zur Erkenntnis gelangen, dass es niemanden gibt der uns erlöst und wir für den angerichteten Schlamassel ganz allein verantwortlich sind.

Ganz konkret und heute: Corona verdirbt uns die Laune und ich verstehe jede/n der die Schnauze davon voll hat. Doch wir haben es selbst in der Hand – Bleibt zu Hause! Das Virus tut was es seiner Natur gemäss tun muss – sich vermehren (Erkenntnis). Heute sind es 6600, bis in vier Wochen 500’000. Da helfen weder krumme Deals noch Demonstrationen gegen Masken und imaginäre Diktaturen. Was aber hilft, ist dem Virus den Weg in den Rachen meiner Mitmenschen zu versperren – dann verschwindet er, wie er kam. Aber nur dann oder wir haben irgendwann mal einen funktionierenden Impfstoff. Irgendwann… Bis dahin gilt: Nutzen wir die Zeit um an unseren Fundamenten zu bauen Wissen zu gewinnen), wir werden es noch brauchen. Feiern tun wir hinterher – maskenfrei. Versprochen!

16.10.2020: Heureka!

Heureka!

Nackt lief er vor über 2000 Jahren durch die Stadt Syrakus und rief Heureka! Die Erkenntnis kam ihm beim Besteigen seiner Badewanne. Endlich wusste er, weshalb Schiffe schwimmen und Steine absaufen. Archimedes entdeckte den Auftrieb bzw. die Verdrängung. Auch heute gilt dieser Ausruf noch als Zeichen grosser Freude, wenn man zu einer Erkenntnis gelangt. Heureka! Schau mal her, wie schlau ich bin! Ganz im Gegensatz zu seinem griechischen Verwandten und Philophen Sokrates, der meinte: „Ich weiss, dass ich nichts weiss“ oder noch deutlicher Albert Einstein mit: „Je mehr ich weiss, desto mehr erkenne ich, dass ich nichts weiss„. Ein Bescheidenheit und Demut, die wir zur Zeit alle ziemlich vermissen. Viel lieber schreien wir Heureka! Aber was haben wir eigentlich entdeckt?

Jede*r ist heutzutage ein Experte. Schliesslich gibt es ja Google, Youtube und Wikipedia. Alles Wissen dieser Welt „frei Haus„. Dumm nur, dass das geballte „Wissen“ der digitalen Welt nicht nach Wahrheitsgehalt kategorisiert und gekennzeichnet ist. Dummheit, Falschheit, Lügen und Schwachsinn stehen gleichberechtigt mit Wissenschaft, Wahrheit, Fakten und seriöser Berichterstattung – nein – dank der allmächtigen Algorithmen der Techgiganten sogar noch vor diesen. Aufreger und Skandale waren ja schon immer spannender als der normale Alltag. Und schon sind wir mitten im heutigen Thema: Wieder einmal Corona – das musste ja sein.

Und ich schreibe einmal nicht über jene, die das Virus leugnen und meinen, Masken wäre nur was für Weicheier oder schlimmstfalls ein Zeichen einer allmächtigen Diktatur. Angesichts der explodierenden Fallzahlen verstummen diese sowieso und geben sich der Lächerlichkeit preis. Viel bedeutsamer und wichtiger scheint mir die Frage, wie es eigentlich zu dieser 2ten Welle kommen konnte. Wobei ehrlicherweise auch diese Frage müssig ist – wer die Augen offen hielt, hat es kommen sehen. Seit dem Ende des eigentlichen Lockdowns (oder was als solcher bezeichnet wurde), lavieren die Politiker zwischen der einen Branchenlobby und er andern. Gegenüber dem Bürger gilt das Prinzip Hoffnung (auch bekannt als Eigenverantwortung). Begleitet wird der Zirkus von einer „Debatte“ um Masken oder nicht, bzw. darf man der Wissenschaft (noch) glauben oder sind alle von Bill Gates geschmiert.

An epidemologischen und historischem Wissen mangelt es wahrlich nicht. Auch Zeit hatten wir genug – neun Monate, um genau zu sein – seit das Virus in Wuhan wütete. Die spanische Grippe (50+ Millionen Tote) ist gerade mal 100 Jahre alt. Die Quarantäne kennt man seit der Antike als Massnahme zur Eindämmung von Seuchen und die Wissenschaft warnt nicht umsonst seit Jahrzehnten vor Epidemien und Zoonosen (von Tieren verursachte Krankheiten). Die Pandemie trifft uns also nicht ganz „unvorbereitet„, wohl aber „unerwartet„. Unerwartet, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass es für alles eine Instant-Lösung gibt (die Antwort liegt immer nur einen Klick weit weg) oder es eh nur die Ärmsten – weit weg in Afrika (Ebola) – trifft. Umso härter und tiefer der Fall. Denn, was ist schlimmer in einer „Rundumsorglosgesellschaft„, als Verunsicherung, die Infragestellung von „Gewissheiten“ und des eigenen Lebensstils? Nichts!

Dabei sind wir, global betrachtet, noch in einer äusserst komfortablen Lage. Hier hungert niemand wegen Corona – weltweit schätzt man die Corona-Hungernden auf mittlerweile 270 Millionen, Tendenz stark steigend. Wir haben ein (noch) funktionierendes Gesundheitssystem, einen Sozialstaat, volle Kassen (40% Staatsverschuldung ist im Vergleich ein Klacks) und viele Freiheiten. Dinge, die an den meisten Orten dieser Welt – selbst im reichen Amerika – längst nicht mehr selbstverständlich sind. Dazu eine Politikerkaste, die sich wahlweises als ignorant, verantwortungslos, bösartig und dumm gebärdet. Spitzenreiter einmal mehr der Auferstandene im Oval Office, sekundiert von den üblich Verdächtigen im brennenden, brasilianischen Pantanal, der geldgierigen City of London und dem südlichen Afrika mit ihren bigotten Despoten. Wer solchen Vorbildern nacheifert (Roger Köppels Weltwoche sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt) braucht sich um den Schaden nicht wundern.

3105 Infizierte meldet das BAG heute. Ich fürchte nächste Woche sind es dann 4500, dann 6000, 12‘000 … – falls wir so weiter wursten, wie diesen Sommer. Viel zu spät reagieren die kantonalen Gesundheitsdirektoren und auch dass nur halbherzig. Das Contact-Tracing hat (bei allem Wohlwollen) vermutlich schon längst das Handtuch geworfen. Niemand wagt sich an einen zweiten Lockdown – auch wenn die Zahlen längst dafür sprechen (die Ansteckungszahlen sind doppelt so hoch, wie im März). Die Angst vor politischem Gesichtsverlust und Ärger mit den Branchen, Wirtschaftsverbänden und ihren Lobbyisten im Parlament, verhinderen griffige Massnahmen. Dazu kommt die Angst vor den nächste Wahl – schliesslich will man ja wiedergewählt werden. Das Virus wütet also praktisch ungebremst. Mit Positivitätsraten von deutlich über 10% (als0, 1 Infizierter auf 10 Getestete) ist die Dunkelziffer bei mind. Faktor 5. Wir reden also nicht von 3000, sondern von 15’000 tatsächlich Infizierten (das wäre also 1 auf 100 pro Tag und jeder steckt momentan bis zu 1,5 weitere an). Zum Glück waren es bisher eher Junge, die sich ansteckten, sonst wären die Spitäler schon längst kollabiert. Zustände wie im überfüllen Kantonsspital Schwyz dürften wir schweizweit dann ab mitte/ende November haben – sagt uns die Erfahrung und die Statistiker. Aber noch herrscht das Prinzip Hoffnung.

Jetzt, wo die 2te Welle abhebt und sich auch von hartnäckigsten Ignoranten nicht mehr leugenen lässt, kriechen die 26 Gesundheitsdirektoren aus ihren Löchern und verkünden Massahmen – für nächste Woche und so. Mit ernstem Gesicht, völlig perplex hinken sie dem Empfehlungen der Experten hinterher – viel zu spät und mit vielen unverständlichen Ausnahmen selbstverständlich. Am besten noch von Dorfplatz zu Dorfplatz verschieden – man ist ja so stolz auf den Föderalismus. Appelle statt griffige Massnahmen – Fussball und Hokey mit über 1000 Besuchern sind ja sooooo systemrelavant – Eigenverantwortung (die beste Ausrede um die Verantwortung von sich zu schieben) soll es richten. Besser der Bürger hat ein schlechtes Gewissen, als der Fussballclub eine leere Kasse. Ich kann es echt nicht mehr hören!

Damit man mich richtig versteht: Eine Pademie bekämpft man entweder gemeinsam (und da zählt auch das Verhalten jedes Einzelnen) oder man lässt es! Was fehlt, sind einheitliche, verständliche Regeln und deren Durchsetzung – auch als FÜHRUNG bekannt. Es fehlt an der Demut, sich Unwissen und Unvermögen einzugestehen. Es fehlt an der Erkenntnis (Heureka!), dass wir nicht alles per Mausklick vom Tisch wischen können, dass uns hier die Natur den Meister zeigt und wir uns entweder anpassen oder aber scheitern. Wenn wir das erkannt haben, wäre Jubel und ein herzhaftes Heureka! angebracht.

09.10.2010: Erwartungen

Kürzlich fragte mich die 16-jährige Freundin meiner Enkelin, als wir am Tisch wieder einmal über das absurde Theater Donald Trumps sprachen: „Was erwartet uns denn in Zukunft?“ Und ich muss zugeben, die Frage warf mich einen Moment lang, ziemlich aus dem Tritt. Was antwortet man auf diese Frage einer 16-jährigen, ohne sie in Panik zu versetzen, überheblich und abgeklärt zu wirken, selbstkritisch und ohne zu lügen? Ich begann also zu stottern.

Bereits mein Einleitungssatz war ein rethorischer Rohrkrepierer. „Ich vermute mal nichts Gutes„. Genau die Einleitung, die ich eigentlich tunlichst vermeiden wollte. Der negative Frame (so nennt man den Rahmen, den man mit einer Einleitung setzt) bestimmte folglich den Rest der Antwort. Da halfen auch Begründungen und Erklärungen wenig. Ich hätte mich im Nachhinein dafür ohrfeigen können. Die junge Gymnasiastin war auf jeden Fall mehr irritiert, als zufrieden. Folglich habe ich lange über diese Frage nachgedacht, bin aber – wie ihr hier lesen könnt – nach wie vor unsicher, was wir dazu sagen sollten. Deshalb einige Gedanken dazu.

Ein Weg wäre das Dozieren (etwas, was ich besonders gut „beherrsche“). D.h. das belehren, liefern von Fakten, das begründen und lehrmeistern. Ob das allerdings ankommt, darf bezweifelt werden. Nicht nur, weil Fakten (oft) langweilig und Besserwisserei überheblich daherkommen, sondern vor allem, weil unsere Generation eine besondere Verantwortung für den Zustand der heutigen Welt trägt. Wir sind vermutlich die Letzten, die den moralischen Zeigfinger hochhalten dürfen und die Jugend in die Pflicht nehmen dürfen. Diese hat den angerichteten Schlamassel so oder so auszubaden – auch ohne unsere Besserwisserei. Eine Besserwisserei, die zumal etwas gar spät kommt und die vor allen Dingen zum zweifelhaften Zustand der Welt von heute geführt hat. Oder besser gesagt: Wir hätten es gewusst, die Bequemlichkeit hat uns aber daran gehindert, es besser zu machen. Und trotzdem steht da die Frage im Raum: Was erwartet uns?

Also Klappe halten oder sich rausreden, nach dem Motto: „Wer weiss schon was kommt? Zwar richtig – die Zukunft vorhersagen konnte nicht mal das Orakel von Delphi – aber billig, denn wir wissen ziemlich genau, wie es um uns steht, wenn wir ehrlich sind. Vom Klima, zur Biodiversität, der wachsenden Ungleichheit, dem Rassismus bis hin zur Gewaltspirale an allen Ecken und Enden, liegen die Fakten auf dem Tisch. Geht es in gleicher Richtung und im gleichen Tempo weiter, ist eine Prognose nicht mehr schwer – mein „Ich vermute mal nichts Gutes„, entspringt genau dieser Denke. Es ist aber feige, denn eigentlich drückt man sich damit a) von der eigenen Verantwortung und b) unterbindet damit eine Diskussion. Also doch die ungeschminkte „Wahrheit“?

Aber was ist „die Wahrheit“ und an was messen wir unsere Erwartungen? Erwartungen sind nicht nur individuell sehr unterschiedlich und abhängig vom Alter, der gesellschaftlichen Stellung, sowie der Herkunft und der sozialen Klasse; sondern zeigen auch in unterschiedliche Richtungen. Entweder sind es Hoffnungen oder aber Ängste – je nach persönlicher Prägung und/oder Erfahrung. So wie für den Optimisten das Glas halb voll, so ist es für den Pessimisten halb leer. Und so wie für den Hungernden ein Stück Brot das Glück auf Erden, so ist für den Reichen das Haus an an der Côte d’Azure bestenfalls ein Statussymbol. Endgültig den Unterschied macht aber die Sicht auf die Welt von heute. Für die einen leben wir in der besten aller Welten (das dürften wohl vor allem jene sein, die in von den Segnungen unseres Systems profitieren) und für die andern stehen wir kurz vor dem Weltuntergang. Extrapoliert man jeweils das eigene Weltbild in die Zukunft, erscheint diese damit naturgemäss entweder golden oder tief schwarz. Was also antwortet man einem jungen Menschen auf seine Frage, was uns erwartet?

Erzählt man von den eigenen Ängsten? Bemüht man die Philosophen, die Wissenschaft oder zitiert man eine Parteilinie? Will man in Ruhe gelassen werden und klemmt die Frage mit einem banalen Spruch ab oder sucht man eine ernsthafte Antwort? In jedem Fall aber erzählt man mehr von sich, als von der möglichen Zukunft, die man erwartet. Denn eine objekte Wahrheit gibt es tatsächlich nicht. Und trotzdem ist die Frage der Jugend mehr als nur berechtigt, denn die Antwort darauf ist auch gleich eine Handlungsanweisung. Das aktuelle Geschehen liefert dazu anschauliche Beispiele.

Das vom Parlament ausgehandelte Co2-Gesetz zum Beispiel wird gleich von mehreren Seiten mit einem Referendum bekämpft. Von jenen Klimajugendlichen, für die es viel zu wenige weit geht (tut es, wenn man sich an die wissenschaftlichen Fakten hält) und für die andern bedeutet es den Verluste von Arbeitsplätzen und Profit (logischerweise das Autogewerbe und die Erdölimporteure). Wir alten Hasen wissen: Politik ist die Kunst des Machbaren. Die Kunst des Notwendigen ist leider nur in Krisen möglich – und solange die Klimakrise nicht als solche erkannt wird, wird es auch bei faulen Kompromissen bleiben. Wir dürfen also weitere Jahre auf eine Veränderung warten. In die Zukunft extrapoliert: Mehr Co2 in der Atmosphäre = mehr Dürren, Waldbrände, Stürme, Fluten, steigende Meeresspiegel und Flüchtlinge. Wir wissen nur noch nicht wann, wo was in welchem Umfang eintritt, aber wir (können) wissen, dass es eintritt. Das macht den einen Angst, während es die andern nicht wahr haben wollen oder im schlimmsten Fall gar leugnen, weil ihnen der kurzfristige Profit oder die eigene Bequemlichkeit wichtiger ist. Welche Seite der Geschichte erzählen wir nun? Die der Bedenken, die des Profites oder wiegeln wir ab, weil wir es selber nicht wissen (wollen)?

Nehmen wir ein anderes naheliegendes Beispiel. Die Corona-Pandemie, welche gerade zur 2ten Welle ansetzt. Selten hat sich in einem einzelnen Ereignis das Irrationale des Menschen deutlicher manifestiert, als der Umgang mit dieser Seuche. Die Verhaltenspalette ist in etwa so breit, wie der Pazifik und macht vor keiner Hierarchiestufe halt. Während die Virologen um Fakten ringen und Politiker um ihre Wiederwahl, fordern die andere ein Ende aller Massnahmen und proben gar den Aufstand. Dabei wird gelogen, negiert, laviert und um Kompromisse gerungen. Je nachdem ob das Virus für mich eine Lüge, ein Mittel zum Zweck (zum Beispiel um uns alle überwachen zu können) oder eine ernsthafte Bedrohung ist (persönlich und/oder für das Gesundheitssystem), fällt die Antwort auf die Frage, was uns erwartet anders aus. Donald Trump meint wir sollten uns nicht fürchten, er hätte es ja überlebt – die WHO spricht weiterhin von einer möglichen Katastrophe. Was sage ich der jungen Gymnasiastin?

Erwartungen, vor allem aber Prognosen die Zukunft betreffend, sind immer eine Frage des eigenen Standpunktes und dieser hängt davon ab, wo ich gerade stehe. Die Antwort des Präsidenten von Swissoil auf die Klimakrise wird so zwangsläufig anders ausfallen, als jene des Maisbauern in Mexiko, der auf seinem verdorrten Feld steht. Es gibt allerdings einen durchaus verlässlichen Kompass, der uns auch in der Vergangenheit schon gute Dienste erwiesen hat. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Menschenrechte. Beide nicht perfekt, aber etwas besseres haben wir nicht. Auf die Frage nach den Erwartungen gibt es also nicht die eine Antwort, sondern bestenfalls Hinweise. Hinweise was man z.B. lesen könnte, wo man nachschauen und fragen kann und sich Gedanken macht, wie man selber gerne leben möchte. In der Summe, entsteht dann idealerweise eine Handlungsanweisung. Allein diese führt uns in die Zukunft.

02.10.2020: Herbst

Kürzlich antwortete unser Enkel (15), auf die Frage, was er denn werden möchte, wenn es keinerlei Einschränkungen gäbe: „Rentner, wie Nani und Öpi„. Das Lachen hatte er auf seiner Seite, aber auch das Nachdenken darüber, wie er es wohl gemeint haben könnte. Vermutlich hat er einfach instinktiv begriffen, was ihn die nächsten 50 Jahre erwartet -kaum Zeit für die schönen Dinge im Leben. Genau das, was wir in unserem jungen Rentnerleben – quasi im Herbst des Lebens – seit kurzem haben: Zeit und die Freiheit zu tun, was uns gefällt.

Man kann jetzt natürlich einwenden, der Junge hätte keinen Biss, game und chille lieber als zu arbeiten und hätte den Ernst der Lebens (noch) nicht begriffen. Wobei – Hand aufs Herz – wer hat das schon mit 15? Ich auf jeden Fall, hatte es damals nicht und tat mehrheitlich das, was man von mir erwartet hat. Und auch wenn ich mein Leben, nach den geltenden gesellschaftlichen Massstäben, erfolgreich gemeistert habe, so blieben doch tausende Ideen und Pläne auf der Strecke. Nicht weil sie nicht machbar gewesen wären, sondern weil das Leben andere Prioritäten setzte. Das (Über)leben der Familie hatte Vorrang. Die „Selbstverwirklichung“ musste warten und ist in unserer Welt Lebenskünstlern, Egoisten und reichen Pinkeln vorbehalten. Uns „Normalsterblichen“ bleibt dafür die Zeit nach der Pensionierung.

Es ist der sog. „Herbst des Lebens“, den zu geniessen uns vergönnt ist und den unser Enkel offensichtlich als Lebensentwurf attraktiv findet. Mit 15 noch nicht genau zu wissen, was aus einem werden soll, ist soweit normal. Und selbstverständlich hat man in diesem Alter auch wenig Bock auf acht Stunden Maloche, nörgelnde Chefs, die Aussicht auf Konkurrenzkampf und Rechnungen vom Vermieter, der Krankenkasse und dem Steueramt. Rentner sein, ist da schon um einiges attraktiver. Dafür muss man nicht mal zwingend 50 Jahre warten und den Rücken krumm machen – es genügt reich geboren zu sein. Rentier (nicht zu verwechseln mit den Viechern im hohen Norden) gab und gibt es schon immer. Jene privilegierte Klasse also die von einer „Rente“ (sprich Vermögen) leben, ihre Zeit frei nutzen und eigene Projekte verwirklichen können. Fast scheint es, als hätte das Leben der grossen Mehrheit einen Konstruktionsfehler – oder wieso müssen wir erst 50 Jahre Dinge tun, die uns (allzu oft) keinen Spass machen, uns langweilen, ärgern, krank machen und stressen, bevor wir das Leben richtig geniessen und Dinge tun können, die uns wirklich am Herzen liegen? Immer vorausgesetzt natürlich, dass wir gesund sind, eine anständige Rente und/oder genug Vermögen haben. Voraussetzungen, die längst nicht für alle gegeben sind. Umso mehr schätzen wir es, dass wir zu diesen Privilegierten gehören, denn selbstverständlich ist das nicht, wenn man nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde.

Wer nicht ins gemachte Nest geboren wird, für den ist Zeit sein einziges und kostbarstes Gut. Mit dem Verkauf dieser, bestreiten die meisten von uns ihren Lebensunterhalt. Kostbar und rar ist die Zeit, weil sie weder angespart, gelagert noch vermehrt werden kann. Umso wertvoller erscheint einem darum die Zeit, in der man die Fesseln der Fremdbestimmung – denn genau das ist es – hinter sich lassen kann. Feierabend, Freizeit und Ferien geniessen nicht umsonst einen so hohen Stellenwert. Manche arbeiten sogar nur dafür. Dabei ist es nicht nur das Bedürfnis nach Erholung, man will sich auch von Zwängen, Entfremdung und Fremdbestimmung „befreien„. Noch wertvoller ist nur noch die Zeit nach der Pensionierung, auf die so viele hinarbeiten, denn mit dieser gewinnt man endlich die Kontrolle über „sich selbst“ zurück. Denn Zeit ist nicht nur Geld, Zeit ist in erster Linie Leben!

Im Herbst wird geerntet. Und vor der Ernte steht die Saat. So lernt man uns und so „erleben“ wir die Natur bzw. die moderne Landwirtschaft. Dem wiedersprechend meinte einst Jesus in Matthäus 6:26, aber: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?“ Ein schlauer Bursche – leider in die Sonntagspredigten verbannt. Aus gutem Grund – zu Ende gedacht, ist die Aussage eine Kampfansage an unser ganzes Leben. Aktuell wird diese Aussage auch noch von modernen Historikern, wie Yuval Harari in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ geteilt. In diesem legt er eindrücklich dar, was wir mit der Sesshaftwerdung (als der landwirtschaftlichen Revolution vor 11 bis 7 tausend Jahren) alles verloren haben – die Herrschaft über unsere Zeit, ist nur eines davon. Eingehandelt dafür haben wir dafür Städte, geheizte Wohnungen und den Komfort der Technik – aber auch Umweltzerstörung und verheerende Pandemien. Die neusten Forschungen legen sogar nahe, dass selbst das Römische Reich an diesen „Errungenschaften der Zivilisation“ zu Grunde ging. Es war ein Klimawandel (Vulkanausbrüche, etc.) und verheerende Pandemien (Pocken, Ebola und die Pest), welche dem Imperium den Garaus machten. Die sog. römische Dekadenz, die Völkerwanderung und die halbverrückten Cäsaren, waren dabei nur die Begleitmusik. Dass diese Erkenntnisse ausgerechnet jetzt ans Tageslicht kommen, braucht uns nicht zu wundern – unsere Welt stösst ebenfalls an ihre Grenzen. Wir hätten die Chance daraus zu lernen.

Es stellt sich also die Frage, was es zu ernten gibt. Die süssen Äpfel, unter deren Last sich die Bäume biegen, die Zeit, welche wir durch Rationalisierung, Digitalisierung und Technologie gewinnen (könnten) oder Armut, Krankheit und Gewalt, weil wir immer mehr wollen, als die Welt uns zu geben vermag? Dass wir an einem Scheideweg stehen, dämmert dem einen oder andern. Welche Richtung wir einschlagen ist aber noch ungewiss. Zur Wahl stehen „rette sich wer kann“ (ich/wir zuerst) und „System change, not climate change“ (Fridaysforfuture). Treffen wir die Wahl, solange wir noch können! Ich fürchte allerdings das moralische Appelle verpuffen und im Lärm der Geschäftigkeit untergehen. Und so bleibt es dem Einzelnen überlassen, das Beste aus seinem Leben zu machen. Ob das reicht mag man bezweifeln. Mangels besserer Alternativen aber der einzig gangbare Weg.

Der Herbst ist die Zeit der Ernte. Sowohl in der Natur, wie im Leben. Damit meine ich aber nicht einfach lang ersparte Kreuzfahrten um die Welt oder Camperreisen quer durch Europa – die sollen und dürfen selbstverständlich auch sein – sondern das Verwirklichen von Herzensprojekten, das Engagement für Benachteiligte, das weitergeben von Erfahrung, Wissen und Zeit für Ideen und Projekte, für welche andern die Zeit fehlt. Denn diese haben wir jetzt im Überfluss und es wäre schade, sie zu verplempern.