19.02.2021: Alt-68iger

Von David Wilson – https://www.flickr.com/photos/davidwilson1949/6056934707/in/photolist-5coszA-aeenEK-2CqzzK-8QZ5mo, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48476311

Letzten Sonntag war es endlich soweit. Amtlich bestätigt und somit hochoffiziell darf ich für ein Jahr den Ehrentitel Alt-68iger tragen. Ihr ahnt es – ich hatte Geburtstag. Um alle Zweifel an der Rechtmässigkeit dieses Titels auszuräumen, sei daran erinnert, dass ich in der Lage bin ein Wandtelefon mit Wählscheibe zu bedienen, mir bei „Bunker“ nicht der Gotthard, sondern prügelnde Polizisten und bei „Easy Rider“ keine Pferde, sondern Peter Fonda, in den Sinn kommt. Es lässt sich also nicht leugnen: Ich bin ein Alt-68iger. Was für die Einen ein Schimpfwort, ist für mich Tatsache. Lasst mich davon berichten.

Letzhin warf ich einen Blick auf unser Hochzeits-Fotoalbum (ja sowas gibt es noch) und stellte mit grossem Erschrecken fest, dass ich nicht einmal mehr alle Gäste kenne. Abgesehen von den wenigen Verwandten, die noch leben, sind es genau noch zwei Hochzeitsgäste, zu denen wir noch Kontakt haben. Der Rest verschwand unter dem Radar. Selbst Namen sind verblasst. Was hat uns damals eigentlich bewogen, genau diese Menschen an unsere Hochzeit einzuladen? Ich habe heute keine Antwort mehr darauf – es waren andere Zeiten und andere Umstände. Noch ferner sind mir nur jene Mitstreiter, mit denen ich zusammen Plakate klebte, vor der Sulzer Flugblätter verteilte und durch die Gassen Zürichs, Berns und Genf , Transparente trug. Es ist als hätte es sie nie gegeben. Aus ihnen wurden Professoren, Lehrer, Sozialarbeiter, Berufsberater, Politiker und Unternehmer. Tragende Säulen unserer Gesellschaft also – das rote Banner längst entsorgt und auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Von manchen liest man ab und zu in der Tageszeitung. Allzuoft Meinungen, gegen die wir damals auf die Strasse gingen. Was aber wurde aus den Idealen, für die wir damals mit Tränengas eingenebelt wurden?

Geburtstage sind immer auch Gelegenheit, Rückschau zu halten, und je älter man wird, desto mehr gibt es zurückzuschauen. Aber keine Angst, ich verfalle jetzt nicht in Nostalgie und verklemme mir das Fischerlatein über geschlagene Schlachten, geworfene Molotow-Cocktails oder eingeschlagene Fensterscheiben. Bemerkenswertes gibt es trotzdem zu berichten. So z. B. wie die Zeit und Umstände unser Leben prägen. Gerade für ein „Kind“ der 68iger eine besonders wiedersprüchliche Erfahrung. Gestartet mit dem Anspruch die Welt zu verändern, es besser als „die Väter“ zu machen, kritisch gegenüber autoritärem Staat und althergebrachten Konventionen und politisch aktiv auf der Strasse und in unzähligen Gruppen und Grüppchen, mussten wir die letzten 50 Jahre erleben, wie unser Aufbruch in ein neues Zeitalter, ins Gegenteil verkehrt wurde. Nicht nur allein durch „böse“ Mächte, auch durch uns selber.

Ob es nun der Alltag ist, der uns „zurecht“ schleift oder Verrat an den eigenen Idealen, ist nicht von Belang. Das Urteil darüber drückt bestenfalls aus, wie weit man sich von den einstigen Ideen entfernt hat. Und selbstverständlich gab es damals, wie heute Irrtümer, die man nicht ungeschehen machen kann. Diese sind Teil von uns und unserer (Lebens-)Geschichte. Genauso bedenklich wäre es, wenn sich in den letzten 50 Jahren nichts verändert hätte. Nicht umsonst wird Stillstand mit Rückschritt gleichgesetzt. Sich entwickeln, auch seine Meinungen zu ändern, gehört zum Leben und zeichnet dieses aus. Man nennt es auch Anpassung. Um mich richtig zu verstehen – dies ist weder ein Freipass, noch eine Rechtfertigung für das was sich die letzten fünf Jahrzehnte in Politik und Gesellschaft angespielt hat – es ist eher ein Plädoyer für Fortschritt und Entwicklung. Die Frage ist nur welchen Fortschritt und welche Entwicklung. Wertneutral ist weder das eine, noch das andere.

Kurz vorweg gesagt: Nicht in jene Richtung, welche von uns 68igern, angestrebt wurde. Zwar schafften wir es viele gesellschaftliche Zwänge und Konventionen aufzubrechen (Konkubinatsverbot, Gleichstellung, Homosexuelle Partnerschaften usw.), nicht aber das System zu verändern oder auch nur an ihm zu kratzen. Im Gegenteil: Ewiges Wachstum ist so sakrosankt, wie je (oder schon fast eine heilige Kuh) und die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich von Jahr zu Jahr schneller. Die Folgen davon spüren wir alle. Das System stösst an seine Grenzen. Unruhen in allen Teilen der Welt, Klimakrise, Verschwörungsmythen und die Rückkehr totgeglaubter Geister (Nationalismus), füllen die Schlagzeilen. Man reibt sich die Augen und denkt man sei im falschen Film. Ja man könnte schon fast zum Schluss kommen, wir hätten damals den Boden für diese Entwicklung bereitet. Denn wir waren es, die die Gesellschaft aus alten Zwängen befreiten. Allerdings nicht nur vom Mief der vergangenen Jahrhunderte (Kirche, Patriachat, Institutionen etc.), sondern auch vor von moralischen und ökonomischen Fesseln. Was mit einer Kulturrevolution begann, endete in einer Entfesselung der Wirtschaft. Deregulierung, Internetblase, Finanz- und Klimakrise sind das Resultat.

Was man heute Alt-68iger schimpft, prägte damals zwar eine Epoche (Pariser Unruhen, Anti-Vietnam-Demonstrationen, Zürcher Krawalle etc.) und gab ihr den Namen, nicht aber die darauf folgende Entwicklung. Denn Krawalle sind zwar laut und lösen Empörung aus, wurden aber nur von einer Minderheit getragen. Das war damals so und ist es heute. Die Mehrheit folgte ein Jahrzehnt später dem Ruf der Deregulierung (interessanterweise auch als Befreiung deklariert), deren „Früchte“ wir nun ernten. Die Ikonen dieser Zeit heissen Reagan und Thatcher und sie haben den folgenden Jahrzehnten – bis heute – den Stempel aufgedrückt. Die Sorbonne- und Berkleystudenten machten derweil Karrieren, andere flüchteten sich in kulturelle Nischen, stürzten ab oder gründeten Firmen und wurden Milliardäre. Wir bastelten an unsere Karriere, waren mit Geldverdienen beschäftigt und legten die einstigen Überzeugungen, wie alte Kleider ab. Wir genossen den Wohlstand und mutierten zu Stützen der Gesellschaft. Die Klimajugend nennt uns die „Boomer“. Etwas ungerecht zwar, weil, was können wir dafür, dass wir so zahlreich in den Nachkriegsjahren gezeugt wurden, aber eben auch Ausdruck davon, dass wir zu den Satten gehören, die sich im System eingerichtet haben.

Da wir in der Zwischenzeit fast alle pensioniert sind und über viel Zeit und Wissen verfügen, wäre es an der Zeit sich unserer Wurzeln zu besinnen und die Jugend in ihrem Kampf gegen die kommenden Krisen – die allesamt Systemkrisen sind – zu untersützen. Ein verwegener Anspruch, da sich viele von uns weit von den damaligen Idealen entfernt haben. Jene aber, die zwischen den damals falschen Vorbildern und dem Ideal einer gerechten Gesellschaft unterscheiden können, sollten es tun – das ist mein Appell. Zumindest das, sind wir unserer Nachfolgegeneration schuldig. Nicht weil wir Schuld auf uns geladen haben, sondern weil es die (logische) Fortsetzung unseres damaligen Aufbruchs ist. Alt 68iger ist man nicht, weil man damals auf den Strassen mitmarschierte, sondern weil man sich für ein Ideal einsetzt – damals wie heute.

02.10.2020: Herbst

Kürzlich antwortete unser Enkel (15), auf die Frage, was er denn werden möchte, wenn es keinerlei Einschränkungen gäbe: „Rentner, wie Nani und Öpi„. Das Lachen hatte er auf seiner Seite, aber auch das Nachdenken darüber, wie er es wohl gemeint haben könnte. Vermutlich hat er einfach instinktiv begriffen, was ihn die nächsten 50 Jahre erwartet -kaum Zeit für die schönen Dinge im Leben. Genau das, was wir in unserem jungen Rentnerleben – quasi im Herbst des Lebens – seit kurzem haben: Zeit und die Freiheit zu tun, was uns gefällt.

Man kann jetzt natürlich einwenden, der Junge hätte keinen Biss, game und chille lieber als zu arbeiten und hätte den Ernst der Lebens (noch) nicht begriffen. Wobei – Hand aufs Herz – wer hat das schon mit 15? Ich auf jeden Fall, hatte es damals nicht und tat mehrheitlich das, was man von mir erwartet hat. Und auch wenn ich mein Leben, nach den geltenden gesellschaftlichen Massstäben, erfolgreich gemeistert habe, so blieben doch tausende Ideen und Pläne auf der Strecke. Nicht weil sie nicht machbar gewesen wären, sondern weil das Leben andere Prioritäten setzte. Das (Über)leben der Familie hatte Vorrang. Die „Selbstverwirklichung“ musste warten und ist in unserer Welt Lebenskünstlern, Egoisten und reichen Pinkeln vorbehalten. Uns „Normalsterblichen“ bleibt dafür die Zeit nach der Pensionierung.

Es ist der sog. „Herbst des Lebens“, den zu geniessen uns vergönnt ist und den unser Enkel offensichtlich als Lebensentwurf attraktiv findet. Mit 15 noch nicht genau zu wissen, was aus einem werden soll, ist soweit normal. Und selbstverständlich hat man in diesem Alter auch wenig Bock auf acht Stunden Maloche, nörgelnde Chefs, die Aussicht auf Konkurrenzkampf und Rechnungen vom Vermieter, der Krankenkasse und dem Steueramt. Rentner sein, ist da schon um einiges attraktiver. Dafür muss man nicht mal zwingend 50 Jahre warten und den Rücken krumm machen – es genügt reich geboren zu sein. Rentier (nicht zu verwechseln mit den Viechern im hohen Norden) gab und gibt es schon immer. Jene privilegierte Klasse also die von einer „Rente“ (sprich Vermögen) leben, ihre Zeit frei nutzen und eigene Projekte verwirklichen können. Fast scheint es, als hätte das Leben der grossen Mehrheit einen Konstruktionsfehler – oder wieso müssen wir erst 50 Jahre Dinge tun, die uns (allzu oft) keinen Spass machen, uns langweilen, ärgern, krank machen und stressen, bevor wir das Leben richtig geniessen und Dinge tun können, die uns wirklich am Herzen liegen? Immer vorausgesetzt natürlich, dass wir gesund sind, eine anständige Rente und/oder genug Vermögen haben. Voraussetzungen, die längst nicht für alle gegeben sind. Umso mehr schätzen wir es, dass wir zu diesen Privilegierten gehören, denn selbstverständlich ist das nicht, wenn man nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde.

Wer nicht ins gemachte Nest geboren wird, für den ist Zeit sein einziges und kostbarstes Gut. Mit dem Verkauf dieser, bestreiten die meisten von uns ihren Lebensunterhalt. Kostbar und rar ist die Zeit, weil sie weder angespart, gelagert noch vermehrt werden kann. Umso wertvoller erscheint einem darum die Zeit, in der man die Fesseln der Fremdbestimmung – denn genau das ist es – hinter sich lassen kann. Feierabend, Freizeit und Ferien geniessen nicht umsonst einen so hohen Stellenwert. Manche arbeiten sogar nur dafür. Dabei ist es nicht nur das Bedürfnis nach Erholung, man will sich auch von Zwängen, Entfremdung und Fremdbestimmung „befreien„. Noch wertvoller ist nur noch die Zeit nach der Pensionierung, auf die so viele hinarbeiten, denn mit dieser gewinnt man endlich die Kontrolle über „sich selbst“ zurück. Denn Zeit ist nicht nur Geld, Zeit ist in erster Linie Leben!

Im Herbst wird geerntet. Und vor der Ernte steht die Saat. So lernt man uns und so „erleben“ wir die Natur bzw. die moderne Landwirtschaft. Dem wiedersprechend meinte einst Jesus in Matthäus 6:26, aber: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?“ Ein schlauer Bursche – leider in die Sonntagspredigten verbannt. Aus gutem Grund – zu Ende gedacht, ist die Aussage eine Kampfansage an unser ganzes Leben. Aktuell wird diese Aussage auch noch von modernen Historikern, wie Yuval Harari in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ geteilt. In diesem legt er eindrücklich dar, was wir mit der Sesshaftwerdung (als der landwirtschaftlichen Revolution vor 11 bis 7 tausend Jahren) alles verloren haben – die Herrschaft über unsere Zeit, ist nur eines davon. Eingehandelt dafür haben wir dafür Städte, geheizte Wohnungen und den Komfort der Technik – aber auch Umweltzerstörung und verheerende Pandemien. Die neusten Forschungen legen sogar nahe, dass selbst das Römische Reich an diesen „Errungenschaften der Zivilisation“ zu Grunde ging. Es war ein Klimawandel (Vulkanausbrüche, etc.) und verheerende Pandemien (Pocken, Ebola und die Pest), welche dem Imperium den Garaus machten. Die sog. römische Dekadenz, die Völkerwanderung und die halbverrückten Cäsaren, waren dabei nur die Begleitmusik. Dass diese Erkenntnisse ausgerechnet jetzt ans Tageslicht kommen, braucht uns nicht zu wundern – unsere Welt stösst ebenfalls an ihre Grenzen. Wir hätten die Chance daraus zu lernen.

Es stellt sich also die Frage, was es zu ernten gibt. Die süssen Äpfel, unter deren Last sich die Bäume biegen, die Zeit, welche wir durch Rationalisierung, Digitalisierung und Technologie gewinnen (könnten) oder Armut, Krankheit und Gewalt, weil wir immer mehr wollen, als die Welt uns zu geben vermag? Dass wir an einem Scheideweg stehen, dämmert dem einen oder andern. Welche Richtung wir einschlagen ist aber noch ungewiss. Zur Wahl stehen „rette sich wer kann“ (ich/wir zuerst) und „System change, not climate change“ (Fridaysforfuture). Treffen wir die Wahl, solange wir noch können! Ich fürchte allerdings das moralische Appelle verpuffen und im Lärm der Geschäftigkeit untergehen. Und so bleibt es dem Einzelnen überlassen, das Beste aus seinem Leben zu machen. Ob das reicht mag man bezweifeln. Mangels besserer Alternativen aber der einzig gangbare Weg.

Der Herbst ist die Zeit der Ernte. Sowohl in der Natur, wie im Leben. Damit meine ich aber nicht einfach lang ersparte Kreuzfahrten um die Welt oder Camperreisen quer durch Europa – die sollen und dürfen selbstverständlich auch sein – sondern das Verwirklichen von Herzensprojekten, das Engagement für Benachteiligte, das weitergeben von Erfahrung, Wissen und Zeit für Ideen und Projekte, für welche andern die Zeit fehlt. Denn diese haben wir jetzt im Überfluss und es wäre schade, sie zu verplempern.

02.07.2020: Rund um den Irchel

Heute mache ich einen Ausflug in die Familiengeschichte und wie das 20igste Jahrhundert in diese hineinwirkt. Bis am letzten Sonntag war mir kaum bewusst, wie einschneidend die Weltgeschichte, bis hinein in die eigene Familie und ins persönliche Leben hineinspielt. Bis meine Eltern erzählten. Mach mit bei einem Ausflug ins 20igste Jahrhundert und in eine Familie, wie sie es wohl zu Tausenden gibt. Das Leben rund um den Irchel lütet den Schleier der Vergangenheit.

Blick vom Irchelturm

Heute verklemme ich mir für einmal Tagesaktualitäten, auch wenn es davon mehr als genug gäbe. Über Maskenphobiker, Superspreader, Clubbesucher und 2. Welle wird aber zur Zeit so viel geschrieben, dass ich für einmal besser schweige. Mein Sarkasmus änderte auch nichts daran.

Letzten Sonntag hatten wir meine betagten Eltern zu Besuch und viel Zeit und Musse über ihr Leben und unsere Familiengeschichte zu plaudern. Etwas, was bisher eher zu kurz kam. Warum sich unsere Elterngeneration eher bedeckt hält, was ihre Vergangenheit betrifft, ist mir – vor allem hier in der Schweiz, ohne Nazigräuel und Bombennächte – schleierhaft. Umso neugieriger bin ich, wenn sich der Schleier über der Vergangenheit etwas lüftet. Wir sind schliesslich Teil davon und diese prägt uns mehr, als uns wahrscheinlich bewusst ist. Hier also ein paar Erinnerungen „Rund um den Irchel“ – von dort, wo unsere Familie herkommt.

Der Irchel – ein bewaldeter Höhenzug zwischen Winterthur und Rhein, die südliche Grenze des Zürcher Weinlands, zwischen Töss- und Thurmündung, ist quasi die Pampa des Kantons Zürich. Ländlich, idyllisch, ruhig und auch heute noch zu 90% landwirtschaftlich geprägt. Sozusagen der Gegenentwurf zu Zürich. Rund um diesen weithin sichtbaren Höhenzug, hat meine Familie ihre Wurzeln. Selbstredend, dass alle mit der Landwirtschaft verbunden sind oder waren. Von ihnen – von den Urgrosseltern bis heute – handelt dieser Blog. Es ist nicht nur ein Blick in eine Familie, es ist vor allem einer in die Geschichte. Der Geschichte des 20igsten Jahrhunderts.

Neu und überraschend für mich war, dass zwei meiner Ur-Grossonkel (Brüder meiner Urgrossmutter mütterlicherseits) in den 90iger Jahren des 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert sind – so wie 300‘000 andere Schweizer zwischen 1870 und 1914. Mitten in der industriellen Revolution, gab es einfach kein Auskommen mehr für die wachsende Bevölkerung. So schrumpfte z. B. in Buchberg – dem Heimatort meiner Vorfahren – die Bevölkerung zwischen 1850 und 1920 um mehr als die Hälfte. Die Armut war ein ständiger Gast – und so blieb als Ausweg oft nur noch das Schiff über den Atlantik. Leider ging der Kontakt zu den beiden Auswanderern schon mit dem Tod meiner Urgrossmutter, 1947 verloren – und seitdem warten wir vergeblich auf den reichen Onkel aus Amerika. Vielleicht hilft uns aber dieses Wissen zu verstehen, warum heute Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Armut und die Hoffnung auf ein besseres Leben, ist und war zu allen Zeiten ein Grund das Weite zu suchen.

Die Urgrosseltern vaterseits hatten nicht weniger als 11 Kinder. Mit den wenigen Reben und den kleinen Äckern und Wiesen kannten auch sie „Reichtum“ nur vom Hörensagen. So blieben meinem Grossvater nur noch zwei kleine Rebberge und ein paar Äcker. Seine Familie mit drei Kindern, ernärte er als Störmetzger in den umliegenden Gemeinden. Immerhin garantierte dass der ganzen Familie, auch in Krisenzeiten, viel Fleisch auf dem Teller. Mit Jahrgang 1891 trafen ihn die Wirren das 20igste Jahrhundert mit voller Wucht. Kaum aus der Rekrutenschule brach 1914 der 1. Weltkrieg aus und er musste für 4 Jahre an die Grenze. 1918 wurde er sogar nach Zürich, zur Niederschlagung des landesweiten Generalstreiks, beordert. Bauern gegen Arbeiter – eine Erinnerung, die ihn Zeit seines Lebens plagte. Und weil er den „falschen“ Jahrgang hatte, traf es ihn auch im 2ten Weltkrieg. Statt Familie hiess es wieder Militär – diesmal für 5 Jahre. Seinen Lebensmut verlor er aber nie. Ich erinnere mich gerne an seine Geschichten, die er uns beim Runkelrüben putzen erzählte und noch mehr an seine legendären Blutwürste. Im Dorf war er nicht umsonst als „Pfefferschaggi“ (er heiss Jakob) bekannt. Die Liebe zum Pfeffer habe ich wohl von ihm geerbt.

Zu Höherem berufen war einzig mein Urgrossvater mütterlicherseits. Er war Staaatsförster auf dem Irchel und bewohnte mit seiner Familie einen einsamen, in einer Waldlichtung gelegenen Hof am Irchelsüdhang. Müsste man sich einen Ort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen ausdenken, man würde diesen Talhof im Junkerental (er)finden. Drei Seiten Wald und vor dem Haus eine Wiese mit grasenden Rehen. Leider meinte es das Schicksal mit dem Talhof nicht so gut. Sohn wie Enkel begingen beide, in der Blüte des Lebens, Selbstmord. Einer der Enkel landete in der Fremdenlegion und letztendlich als Alkoholiker unter der Brücke. Eine Enkelin verbrachte ihr Leben in der Psychiatrie. Verstreut in der Nordwestschweiz lebt noch rund ein Dutzend Nachkommen, von denen niemand genaueres weiss – es gibt weder Namen noch Adressen.. Eine seiner Töchter (meine Grossmutter) schaffte es auf die andere Irchelseite, wo sie unter ihrem Stand (wie sie selber meinte), einen Kleinbauern in Gräslikon heiratete. Obwohl ständig am Rande des Existenzminimus, wollte sie nie auf eine Magd verzichten. Als Staatsförsterstochter stand ihr das (angeblich) zu. Otto – ihr Mann – sparte sich das Geld vom Mund ab.

Auch ihn (mein Grossvater mütterlicherseits also) ereilte das Schicksal des 20igsten Jahrhunderts. Mit Jahrgang 1893 durfte er nach der Rekrutenschule gleich bis 1918 im Militärdienst bleiben. Da er vor meiner Geburt verstarb, beschränkt sich meine Erinnerung an ihn auf ein Foto in der Stube meiner Grossmutter. Stolz, in der Uniform der Schweizer Armee, mit Schweizerkreuz und Eichenlaub umkranzt, zur Erinnerung an die Grenzwache zwischen 1914 und 18. Im 2ten Weltkrieg stand er dann nochmals 5 Jahre an der Rheinbrücke in Rheinau und musst seinen Hof Frau, Kindern und Landverschickten überlassen. Angeblich traf ihn sein Lebensmotto: „Wer auf den Scheisshafen geboren wird, bleibt ein Leben lang darauf sitzen“ in besonderem Masse.. Zwei Weltkriege, die Spanische Grippe überlebt und kaum war der Krieg zu Ende, erkrankte er und starb noch vor dem sechzigsten Altersjahr, an Nierenversagen. Diese kollabierte unter den Bergen von R12-Schmerztabletten, die er gegen die Höllenschmerzen seiner Hüftarthrose schluckte. Heute eine Standardoperation mit künstlichem Gelenk – damals ein Schicksal mit unerträglichen Schmerzen.

Mit Ausnahme meiner Eltern fand in der nächsten Generation niemand mehr ein Auskommen in der Landwirtschaft. Dazu waren die zu erbenden Flächen zu klein und die Mechanisierung zu fortgeschritten. Die Familientradition fortgesetzt haben nur ein Onkel,, der wie mein Ur-Grossvater, Förster wurde und eben mein Vater, der den Hof in Gräslikon übernahm. Alle andern verheirateten sich in alle Winde. Aus ihnen wurden Unternehmersgattinen, Hausfrauen, Verkäuferinnen und Fabrikarbeiterinnen.

Exemplarisch für ein Frauenschicksal dieser Generation ist auch der Lebenslauf meiner Mutter. Für Mädchen war damals eine Berufslehre nicht vorgesehen – diese blieb dem männlichen Nachwuchs vorbehalten – und so musste sie schon mit 16 „dienen“, wie es damals hiess. D.h. als Dienstmädchen zu Familen Kinder hüten und im Haushalt helfen. Erst ins Appenzellerland, dann in eine Metzgerei in Zürich und zuletzt ins Pfarrhaus zu Buchberg, wo sie meinen Vater kennenlernte. Ihr Herzenswunsch – Handarbeitslehrerin – blieb ein Leben lang unerfüllt. Mein Vater war als einziger Sohn zwar für den elterlichen Hof in Buchberg vorgesehen. Dieser war jedoch für die Existenz einer Familie im Vollerwerb zu klein und so arbeitete er als Baumwart bei einer Fabrikantenfamilie in der Nachbarsgemeinde, bis er den Landwirtschaftsbetrieb meiner Mutter übernehmen konnte.

1955 war es soweit und meine Eltern zogen von Buchberg nach Gräslikon. Mit viel Fleiss und dem Direktvertrieb von Beeren, Kischen und Obst, schufen sie zusammen einen bescheidenen Wohlstand für sich und ihre drei Kinder. Diesen können sie auch heute noch, im hohen Alter, im eigenen Häuschen geniessen. Die knapp 6 Hektaren Land haben für unsere Generation für eine Existenz nicht mehr gereicht. Das Land wurde verpachtet. Auf ihm wird jetzt Biogemüse angebaut. Einzig meine Schwester folgt noch einer Familientradition. Sie fährt immer noch mit Beeren, Obst und Gemüse auf den Wochenmarkt nach Winterthur. Ihre Produkte kauft sie zu.

Weltgeschichte wird oft abstrakt begriffen und in der Schule meist auf grosse Männer, herausragende Taten, Kriegsereignisse und Daten reduziert. Weltgeschichte spielt sich aber ganz direkt bei uns selber, mitten in den Familien ab und bestimmt das Schicksal jedes Einzelnen. Wie sehr auch meine eigene Familie, ist mir erst seit letztem Sonntag bewusst. Wie sich aber die heutigen Ereignisse – egal ob die aktuelle Pandemie, die Klimakrise oder die technologische Revolution (Digitalisierung, Gentechnik) usw. – auf unsere Kinder und Enkel auswirken, wissen diese frühestens in 50 Jahren. Sicher ist nur, dass sich der Irchel dann immer noch zwischen Thur und Töss erhebt.