Unbegreiflich

Letzte Woche traf ich mich wieder einmal mit meinen Freunden aus den Sturm- und Drangjahren. Der Zeit also, als wir die Welt noch aus der Angel heben und die proletarische Revolution ausrufen wollten. Symbolträchtig fand unser Männergipfel bei Pasta und Wein, an dem Ort statt, wo wir uns vor bald 50 Jahren, beim Verteilen von Flugblättern an die Arbeiterschaft der Sulzer Winterthur, die Füsse abfroren.

Sinnbildlich für die Veränderungen der letzten 50 Jahre steht das Restaurant und das Tössfeld-Quartier. Anstelle von Ghackets und Hörnli serviert man jetzt edle italienische Spezialitäten, und dort wo einst die Schlote qualmten, der Dampfhammer das Eisen bog und Hammerschläge durchs Quartier hallten, stehen heute hippe Einkaufszentren, werden Muskeln gestählt und Studenten unterrichtet. Velos und Kinderwagen haben Lastwagen und Gabelstapler von der Strasse verdrängt. Tischgespräch war, wie schon damals, der blamable Zustand unserer Welt. An Stoff fehlte es, nach fast zweijähriger coronabedingter Zwangspause, wahrhaft nicht. Und so mäandrierte die Diskussion zwischen KI (Künstliche Intelligenz), autonomen Fahren, Corona, Impfen, $VP, Klima und Afghanistan. In Dialektik geschult, fehlte natürlich eine gehörige Portion Selbstkritik und Reflexion dazu. So auch die hypothetische Frage, ob wir es denn besser gemacht hätten, was die Menschen gleichgültig und träge macht und wie man mit den permanenten Rückschlägen umgeht. Wie bleibt man Teil der Lösung und wird nicht selber zum Problem? Und ja, es ging auch um meinen Blog, der oft genug von pessimistischen Tönen durchzogen ist. Was also trägt ein Blog, der in oft sarkastischem Ton, die Versäumnisse in Gesellschaft und Politik anprangert, zur Lösung der beklagten Defizite bei?

Kurz gesagt: natürlich nichts. Der Anspruch wäre auch zu vermessen. Dazu braucht es a) mehr als 50-100 Leser:innen und b) reicht das Benennen von Problemen oder das blamieren von Akteuren kaum um etwas zu bewegen. Die andernorts bedauerte Feststellung, dass es heute an Visionen fehlt oder sämtliche Alternativen historisch gescheitert oder diskreditiert sind, schlägt sich durchaus auch hier und in meinem Denken nieder. Es weht quasi ein Hauch von Nihilismus (alles ist egal, nichts hat einen Wert, etc. ) durch die Gesellschaft. Aber weshalb? Warum fehlen das Engagement, bzw. Mehrheiten für überfällige Veränderungen? Beginnend mit dem Klima (CO2- Gesetz), der EU (Rahmenabkommen), der Altersvorsorge (Demographie), Pandemie (Impfpflicht) bis hin zur Migration (Afghanistan, Mittelmeer usw.), der $VP (ihre trumpeske Politik wird immer gefährlicher) oder der wachsenden Ungleichheit (hier und weltweit). Ist es Bequemlichkeit? Gleichgültigkeit? Sind wir Gefangene im Hamsterrad von Alltag, Beruf und Karriere? Lassen wir uns zu sehr manipulieren oder gar „kaufen“? Oder übertreiben wir hier am Tisch masslos und alles ist halb so schlimm? „Unbegreiflich“ für uns, unbegreiflich für viele.

Der Sommer war lausig, die Ferien bescheiden, wohin fährt ihr im Herbst? Das sind Themen die bewegen. Man kann sich das privilegierte Leben auch kaputt reden. Ist es das? Interessiert sich überhaupt noch irgendwer für etwas anderes, als sich selber. Oder ist es einfach immer das gleiche Grüppchen Stänkerer, das alles besser zu wissen glaubt? Fragen die auch hier schon breitgetreten wurden. Ohne wirklich beantwortet zu werden. Aber wer liefert uns diese? Politiker:innen? Philosoph:innen? Gurus? Die Wissenschaft? Alle – samt und sonders – auf die eine oder andere Weise diskreditiert. Das Vertrauen verloren. Ausverkauf der Ideen – der Wühltisch der Ideen ein einziges Durcheinander. Statt Schnäppchen landet Ramsch im Einkaufskorb. Nichts von Dauer, nichts von Wert. Das Resultat beklagenswert – es ist unbegreiflich.

An Theorien, weshalb es so ist, wie es ist – weshalb wir z. B. so träge und zögerlich auf Probleme reagieren – gibt es viele. Sind wir einfach wohlstandsverwöhnt – sprich zu faul – um den Finger aus dem Allerwertesten zu kriegen und an unserem Verhalten etwas zu ändern? Oder sind wir nicht einfach zu beschäftigt mit unserem Alltag, dem Beruf, der Familie oder Karriere? Fehlt es an drängenden Problemen oder werden diese nicht als solche wahrgenommen? Fehlen Vorbilder, Visionen und Ziele – oder fehlt einfach die Fantasie? Manche würden diese Fragen unbesehen mit Ja beantworten. Ich hüte mich davor. Die Welt ist zu komplex für einfache Antworten.

Zumindest an drängenden Problemen dürfte es nicht mangeln, sofern diese als solche überhaupt erkannt werden. Doch wie beim Arzt, beginnt die Heilung mit der Diagnose. Wie schwierig es ist, sich auf eine solche zu einigen, führt uns Corona vor Augen. Entsprechend wirr und diametral sind die Lösungsansätze. Einige leugnen sogar dessen Existenz und wittern eine Verschwörung von ganz ganz oben. Das Resultat ist eine endlose Pandemie. Ähnlich die Klimakrise. Ist es nur das Wetter das spinnt, oder sind wir schon mitten drin? Hat die Wissenschaft recht oder will uns der Staat nur abzocken? Sicher ist nur: Es fehlt sowohl ein gemeinsames Verständnis, als auch eine von allen anerkannte Methode. Wer aber (generell ) der Wissenschaft misstraut, ist umso anfälliger für Scharlatane und Manipulationsversuche. Die Trychlerumzüge der „Massvollen“ legen davon ein eindrückliches Zeugnis ab. Es scheint als wäre ein Krieg der verschiedenen Wahrheiten im Gange (bei Trump hiess es noch Alternative Fakten). In Wahrheit ist es ein Krieg gegen die Vernunft, d.h. die Aufklärung, Wissenschaft und Demokratie. Wer Lügen mit Fakten gleichstellt, verfolgt eine düstere Agenda, die nur im Aberglauben, Despotie und einer Form der Diktatur enden kann. Was unbegreiflich erscheint, bekommt so einen Sinn. Die „Aufklärung“ ist also noch lange nicht zu Ende. Um es mit Kants Worten zu sagen: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. In diesem Sinne verstehe ich auch meinen Blog – er ist mein kleiner bescheidener Beitrag zur Aufklärung. Und so endete der Abend im Konsens und der Absicht, lieber Teil der Lösung, als des Problems zu sein.

Restart – Resignation oder Aufbruch

Insgesamt 66 Blogs habe ich zwischen April 2020 und Juni 2021 geschrieben. Man könnte sie auch als Krisen- oder Corona-Blog bezeichnen. Natürlich ging es nicht nur um die Pandemie und ihre Folgen. Oft war diese nur der Aufhänger für andere Aufreger und Krisen. Im Wissen um meinen nicht selten dystopischen Unterton (wir sind am Arsch), war ich auch immer wieder um hoffnungsvolle und versöhnliche Töne bemüht. Bis im Juni, als eine Mehrheit der Stimmberechtigten in ihrer Weisheit, das zahnlose CO2-Gesetz beerdigte, und Gift in ihrem Trinkwasser (man sieht es ja nicht) auch weiterhin cool fanden. Wo die Prioritäten im Jahre 2021 liegen, war somit klar gemacht. Das eigene Portmonee. Das war der Moment, wo ich eine Pause einlegte. Zum einen zum Selbstschutz, um euch vor meiner Wut, Ratlosigkeit und Enttäuschung zu schützen, zum andern um der drohenden Langeweile durch den ewig gleichen Sermon zu entkommen. Und natürlich auch um mir Gedanken über die Zukunft dieses Blogs zu machen. Diese Zeit habe ich genutzt.

Vorab die nüchterne Erkenntnis: Durch Pausen hält man den Lauf der Welt nicht auf.

Zwar reduzierte sich der mir selbst auferlegte Druck, wöchentlich ein Thema zu finden (wobei es meist umgekehrt war – die Themen fanden mich) und zu kommentieren, aber die Ereignisse liessen mich trotzdem nicht in Ruhe. Und davon gab und gibt es wahrlich genug. Zum Beispiel lag am 11. Juni (am Tag als ich beschloss zu pausieren) die Zahl der Corona-Inifzierten bei 394, heute am 12. August bei 2124 – also 5,4 mal höher. Die damalige Hoffnung dieser Seuche durch eine Impfung endlich Herr zu werden, hat sich somit in Luft aufgelöst – den Impfverweigerern sei Dank. Die Illusion mit dem Versenken des CO2-Gesetzes wäre das leidige Thema Klimakrise endlich erledigt, war ebenso ein Trugschluss. Die Waldbrände von Sibirien (aktuell 6 Millionen Hektar im Brand) über das Mittelmeer bis Kalifornien und die Sintfluten in Mitteleuropa können selbst von den hartnäckigsten Ignoranten nicht geleugnet werden – sollte man meinen. Weniger beachtet, aber nicht weniger tragisch, auch des Versagen des „Westens“ in Afghanistan, wo gerade die Frauen den Religioten der Taliban ans Messer geliefert werden. Die Aussetzung der Rückschiebung afghanischer Migranten in letzter Minute, hört sich dabei schon fast wie eine Erfolgsmeldung an. Da sind die 993 (allein 2021) ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer auch kaum mehr der Rede wert. Auch kaum zu reden gibt unsere Selbstdemontage in Europa. Dem weisen Ratschluss unseres Bundesrates sei Dank. Dank diesem sind wir von europäischen Forschungsprojekten (Horizon) ausgeschlossen (wer hat Wissenschaft und Forschung schon nötig) und bald werden wir wohl um Strom betteln müssen (fehlendes Stromabkommen). Dafür hat uns die $VP eine neues Feindbild beschert. Neu zieht diese tiefe Gräben um die Städte. Mit velofahrenden Luxussozialisten (vermutlich sind damit auch die Klimaforscher an der ETH gemeint) und Freunden streunender Wölfe (den diese Grünversifften ums Verrecken nicht zu Abschuss freigeben wollen) will das hart arbeitende Landvolk nichts (mehr) zu tun haben – sagt die Partei der Milliardäre. Dazu passt die gestrige Aussage meiner ehemaligen Nachbarin: „Die, die nicht ins Gymi gehen, sind die, die arbeiten.“ (Im Umkehrschluss: „Studierte“ hocken auf der faulen Haut). Die Wirkung der o.g. Parteiparole wäre somit belegt. Und während ich hier in die Tasten haue, trycheln die „Freunde der Seuche“ durch die Strassen Berns und sorgen für die Verlängerung der Pandemie und weitere Tote. Wie diese Auflistung zeigt: Es ist August wie Juni.

Was nun?

Zuerst ein paar Worte zu meinem Blog. Den Wochenrhythmus gibt es nicht mehr. Die Qualität leidet, wenn man zu sehr unter Schreibstress steht. Ausserdem wurde ich nicht pensioniert, um wieder im Hamsterrad des „Lieferns um jeden Preis“ zu landen. In Zukunft also erscheinen meine Beiträge, wenn ich das Gefühl habe etwas wäre wichtig genug um kommentiert zu werden. Damit gewinne ich auch mehr Zeit um mich mit dem jeweiligen Thema zu befassen. Ich bemühe mich aber weiterhin Texte kurz zu fassen. Zeit ist bekanntlich ein rares Gut. Nichts ändern wird sich vermutlich an meiner Ironie und meinem Sarkasmus. Ohne sie ist die gefühlte Ohnmacht nur schwer zu ertragen. Die Lage ist zu ernst, um ernst zu bleiben.

Wie einleitend erwähnt entzieht sich der Lauf der Dinge unserem Willen und Wollen. Zumindest jenen von uns, die nicht an den Schalthebeln der Macht sitzen. Selbst in unserer hochgerühmten direkten Demokratie, in der wir sogar über das Tragen von Kuhhörnern abstimmen können, gewinnt in aller Regel jene Seite mit dem grösseren Geldbeutel. Wer behauptet das Stimmvolk liesse sich nicht kaufen, könnte sich folglich – würde er selber an seine Behauptung glauben – jeden Franken für Wahlplakate und Abstimmungsparolen sparen. Die derzeit anstehende 99%-Prozentinitiative der Juso – die notabene nichts anders als eine faire Besteuerung von Kapitaleinkünften will (also Aktiengewinne, Mieten, Firmenverkäufe etc) – wird nicht scheitern, weil sie nicht in unser aller Interesse wäre, sondern weil sie mit Lügenpropaganda, Angstmacherei und Mythen und Märchen zu Grabe getragen wird. Auf eine Gegenwette verzichte ich.

Wer, wie ich, seit 50 Jahren praktisch an jedem Abstimmungssonntag eine Niederlage zu verdauen hat, kann natürlich resignieren. Eine durchaus bewährte Ausrede um nichts zu tun. In guter Gesellschaft mit Ignoranz, Egoismus und Gleichgültigkeit, der sichere Weg in den Kollpas. Denn gleich aus welchen Gründen wir die Karre in den Dreck fahren oder dort belassen, Probleme lösen sich nicht von selber. Im Gegenteil. Die aktuellen Krisen führen uns gnadenlos vor Augen, was nichts tun bedeutet. Die Probleme häufen und verschärfen sich.

Also weiter machen. Jede:r wie er/sie kann und mag.

Nehmen wir als Beispiel die nächste Corona-Welle, die sich wegen der mangelnden Impfbereitschaft, mit einer wöchentlichen Verdoppelung der Fallzahlen gerade ankündigt. Statt energisch dagegen zu halten, scheinen die Behörden aus Angst vor den finanziellen Folgen und den Hütern tiefer Steuern, sekundiert von den treichelnden Schreihälsen, zu kapitulieren und lassen es schleifen. In seltener Nonchalance heisst es darum, wer sich nicht impfen lässt, kann sich nicht mehr auf staatliche Massnahmen verlassen. Einverstanden. Wenn es denn nur die Ungeimpften träfe. Leider aber können die unter 12-jährigen immer noch nicht geimpft werden und werden so dem Virus quasi zum Frass vorgeworfen. Die Chance, dass sich das Virus bis zur Impfresistenz durchmutiert steht bereits drohend im Raum. Weshalb nicht endlich ehrlich und mutig ein Impfobligatorium verfügen (das Epidemiegesetz macht es möglich)? Zwar wäre der Aufschrei gross, der Schaden aber unendlich viel kleiner, als der, der praktizierten Durchwurstelpolitik. Wie uns die Natur lehrt, verhandelt sie nicht. Weder mit Banausen noch Taktierern. Was hilft, ist sie zu verstehen und ihr mit den eigenen Waffen ein Schnippchen zu schlagen. Kräutertee, viel frische Luft und beten stärkt vielleicht die Seele und gibt ein gutes Gefühl, helfen tut einzig das Impfen (oder vielleicht einmal ein Medikament). Wir können es freiwillig tun, unter Zwang oder aber auf die harte Tour. Objektiv gesehen aber haben wir keine Wahl. Die Natur wird siegen – so oder so.

Nehmen wir das Klima. Wir können noch so viele Gesetze versenken, das Klima kümmert es nicht. Es gehorcht einzige der Physik, die im Falle von CO2 besagt, dass dieses Gas die Wärme in der Erdatmosphäre hält. Glück und Pech zugleich. Den ohne diesen Effekt schlotterten wir bei durchschnittlich minus 18 Grad; mit zu viel davon, droht uns ein Glutofen. Nicht irgendwann. Jetzt. In Kanada waren es 49,7, in Sizilien gerade 48,8 Grad. Und selbstverständlich sind dies Extreme, so wenig wie die Überflutungen in Deutschland oder die Waldbrände am Mittelmeer, ursächlich dem Klimawandel zuzuordnen. Schmelzende Gletscher, die Statistik und das eigene Empfinden lassen allerdings keinen Zweifel offen. Wir befinden uns am Beginn einer Katastrophe. Es wäre also an der Zeit dagegen zu halten. Wäre es! Zu hören bekommen wir dafür laue Absichtserklärungen (nur ja niemandem weh tun – aktuelle der Gegenvorschlag zur Gletscherinitiative), Nebelpetarden (Atomkraftwerke sollen es richten – bis diese gebaut sind, müssen wir die Wohnungen vermutlich auch im Winter kühlen), Greenwashing (man tut so, als würde man etwas tun – zum Beispiel CO2-Kompensation im Ausland), usw. Solange wir, bzw. die Politik:er:innen nicht begreifen (wollen), dass wir es mit einer existentiellen Krise zu tun haben, nähern wir uns dem Abgrund. Das genaue Datum wurde uns zwar noch nicht bekannt gegeben, vielleicht haben wir es aber auch nur verpennt.

Nichts Neues also. Alles bekannt, alles wie gehabt, nur etwas mehr davon. Während die einen auf ein Wunder namens „Normalisierung“ hoffen (das Synonym für zurück zu den alten Tagen), resignieren die andern. Nur vor dem Kollaps sind alle gleich. Wären da nicht die Überlebenswilligen, wie z.B. die Klimajugend oder die unzähligen Bewegungen und Aktionsbündnisse zur Rettung von Walen bis hin zu Flüchtlingen aus dem Mittelmeer, der Rettung des Amazonas, der Hilfe vor Ort für die Ärmsten usw. stünde die Welt auf verlorenem Posten. Es bleibt einzig die Frage, ob diesmal die Zeit reicht die Titanic am Eisberg vorbei zu manövrieren. Die Mittel dazu hätten. Mittlerweile können wir Eisberge aus dem Weltall beobachten. Ignorieren wir dieses Wissen weiterhin, so müssen wir uns über den weiteren Verlauf nicht wundern. James Cameron hat uns 1997 epische Bilder und eine rührende Geschichte dazu geliefert. Ob Rose diesmal das „Herz des Ozeans“ (der blaue Diamant im o.g. Film) retten kann, muss allerdings offen bleiben – ich fürchte eher, sie säuft diesmal zusammen mit Jack gleich mit ab.

Alles viel zu pessimistisch?

Vielleicht. Wer kann schon in die Zukunft schauen? Bekanntlich sind Prognosen, die Zukunft betreffend, schwierig oder gar unmöglich. Das trifft für unerwartete Lebensereignisse mit Bestimmtheit zu, nicht aber für Ereignisse mit Ankündigung. Und genau um solche handelt es sich bei den ob genannten Beispielen. Wir wissen genug über das Verhalten von Viren, wir kennen die physikalischen Gesetzmässigkeiten in fast allen Details und wir kennen die Geschichte. Wer also meint wir wären dem Schicksal hilflos ausgeliefert, lügt, ist nicht richtig informiert oder will ganz einfach nichts ändern. Wir können etwas tun. Wir müssen nicht mal etwas erfinden. Der Ausstieg aus der fossilen Energie ist vorgezeichnet – wir müssen nur die entsprechenden Vorgaben (Regeln/Gesetze) beschliessen. Seuchen lassen sich mit impfen oder Medikamenten bekämpfen – wir müssen es nur wollen. Unser Verhältnis zu unserem wichtigsten Handelspartner (EU) lässt sich regeln – wir müssen nur vom hohen Ross steigen und die Flüchtlingskrise an den Grenzen lässt sich bewältigen – wir müssen nur erkennen, dass wir diese bald dringend brauchen werden (unsere Gesellschaft altert rapide). Dafür und für viele andere Sachen lohnt es sich zu streiten und zu kämpfen. Wer damit aufhört, resigniert oder auf ein Wunder hofft, hat mit Garantie verloren. Nie war die Zeit für einen Aufbruch reifer, wie heute. Denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Mein bescheidener Beitrag dazu: Blog schreiben, aufklären, Bewegungen unterstützen (materiell und ideell) – jede:r wie er kann.

PS: Es ist Sommer, es bläst ein lauer Wind, die Sonne scheint und ich geniesse meinen neuen grossen Sonnenschirm, während ich über diesen Zeilen brüte. Es sind oft die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.

21.05.2021: Keinen Pfifferling wert

Ist etwas wertlos, so ist es keinen Pfifferling wert. So will es der Volksmund. Und wie es gerade scheint, herrscht gerade eine Pfifferlingsschwemme. Sie sind noch weniger Wert als sonst – sie werden einem regelrecht nachgeschossen. Aber der Reihe nach.

Letzte Woche kündigte ich für heute den Start einer Trilogie unter dem Titel „Was tun?“ an. Statt immerzu mit den Fingern in Wunden zu stochern und auf böse Buben zu zeigen, sollte für einmal das Positive im Mittelpunkt stehen. Eine Skizze über das Wünschenswerte – ein möglicher Fahrplan für eine lebenswerte Zukunft. Und wie so oft, muss das Wünschenswerte zurückstehen. Die Aktualität fordert ihren Tribut. Denn es droht gerade die Gefahr, dass wir unsere Zukunft, vor allem aber diejenige unserer Kinder und Enkel, für ein paar läppische Rappen verzocken. Wie das?

Liessen die Umfragen vor zwei Wochen, mit einem Ja-Anteil von 64%, noch auf die Annahme des CO2-Gesetzes hoffen, so ist dieser Anteil diese Woche auf magere 50% zusammengeschmolzen. Wie die Gletscher unter der Sommerhitze, schmilzt die Aussicht auf ein Ja dahin. Einmal mehr sieht es so aus, als dass eine millionenschwere Angstkampagne ihr Ziel erreicht. Vergessen das ratifizierte Pariser Klimaabkommen, mit seinen verbindlichen CO2-Zielen, vergessen die Dürresommer, die Klimabewegung und erst recht die Klimaflüchtlinge in Asien und Afrika. Eine drohende Benzinpreiserhöhung von läppischen 12 Rappen (innert 10 Jahren) und netto 100 Franken mehr pro Jahr, genügen um unsere Zukunft aufs Spiel zu setzen. Wer dabei an apokalyptische Wetterkapriolen denkt, liegt nicht ganz falsch, aber davon rede ich nicht. Nein, ich meine damit nicht das Abschmelzen unserer Gletscher, das Verdorren unserer Wälder und Versiegen des Grundwassers – dazu ist der Einfluss dieses Gesetzes aufs Weltklima tatsächlich zu gering. Erstens weil es in vielen Punkten zu lasch ist (Beispiel Flugticketabgabe) und weil es die Kompensation im Ausland zulässt, und zweitens, weil wir das Klima nur gemeinsam (international) „retten“ können. Wir verpassen aber einmal mehr die Ausfahrt in eine lebenswerte Zukunft, nur damit wir weiter mit vollem Tank, Richtung Wand rasen können. Wie dumm muss man dafür sein?

Wäre ich ein Prophet würde ich diese hier noch so gerne präsentieren. Vielleicht ist es ein Glück, dass ich es nicht bin, denn viel Positives käme dabei wohl nicht heraus. Noch weit düsterer als die befürchteten Wetterkapriolen, dürften jedoch die ökonomischen und gesellschaftlichen Konsequenzen sein, wenn wir uns jetzt weigern die richtigen Schritte einzuleiten. Denn eines ist so sicher, wie das Amen in der Kirche – was wir heute nicht tun, kostet morgen das x-fache. Sei es um (vermeidbare) Schäden zu reparieren oder unter Zwang Anpassungen finanzieren zu müssen. Von den erwarteten sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen rede ich nicht mal. Kurz gesagt: Jedes vertane Jahr kostet Milliarden, die wir heute in eine CO2-neutrale Technologie und zukunftsfähige Jobs investieren könnten. Wenn, wie in den letzten Tagen publiziert, selbst die Internationale Energie Agentur den Ausstieg aus dem Erdöl fordert, muss der Wecker wohl schon über der Schmerzgrenze klingeln. Nur Taub-Blinde, wie die $VP, Teile der FDP, Ölscheichs und belogene Stimmbürger:innen haben den Schuss noch nicht gehört. Sie schicken darum lieber weiterhin Milliarden nach Saudi Arabien und Aserbaidschan und meinen wohl e-Cars und Solarstrom wäre nur etwas für grüne Spinner mit schlechtem Gewissen und dickem Portemonnaie. Der „Verzicht“ auf drei Kaffee crème pro Monat (bei 150 lt Benzinverbrauch) sind ihnen für eine lebenswerte Zukunft offensichtlich zu viel und 30 Franken mehr für ein Flugticket nach London lassen den Ruin befürchten. Dass die Rückvergütung via Krankenkasse und der Fördertopf für Innovationen und energetische Massnahmen (z. B. für den Ersatz alter Ölheizungen) nicht erwähnt werden, grenzt schon beinahe an Betrug. Noch bedenklicher ist nur die Tatsache, dass überhaupt nur über Kosten (Geld) gesprochen wird und weder die Zukunft unserer Kinder noch ein intakter Lebensraum eine Rolle zu spielen scheint. Anders gesagt: Die Zukunft ist vielen keinen Pfifferling wert.

Wie die Jugend bei einem allfälligen Nein reagieren wird, weiss ich nicht. Viel hält die Klimajugend – wahrscheinlich zu Recht – nicht von diesem Gesetz. Eine Ablehnung wäre trotzdem ein fatales Signal. Der Vertrauensverlust in Politik und die „Alten“ dürfte noch schwerer zu reparieren sein. Bei harmlosen Schulstreiks am Freitag Nachmittag dürfte es nicht bleiben. Wenn die „Mehrheit“ glaubt ihr gesamtes Versagen auf die zukünftigen Generationen abwälzen zu können, dürfte sie schnell eines Besseren belehrt werden. Sich selber und andere bescheissen, war noch nie wirklich klug.

Und there is one more thing…..https://tagesanzeiger.ch/unglaubliche-30-grad-in-der-arktis-548421991879