29.01.2021: Trilogie der Entfremdung Teil II – Selbstbetrug

Teil I meiner Trilogie endet mit der Feststellung, dass wir uns oft selbst betrügen. Nicht weil wir „dumm“ sind, sondern weil wir uns durch einfache „Lösungen“ in die Irre führen lassen. Leider unterstützt uns dabei auch noch die „menschliche Natur“, welche zu Kurzschlüssen neigt. Im Fachjargon auch als „Heuristiken“ bekannt. Was heisst das?

In der Regel wird ja unsere Vernunft und Rationalität beschworen. Stolz tragen wir diese vor uns her und meinen, uns könne niemand etwas, weil wir ja so schlau sind – die „Mutter aller Irrtümer“, quasi. Denn, was wir schlau nennen, ist nichts anderes als die vorherrschende Meinung des sozialen Milieus, (Mehrheitsmeinung) in dem wir leben. Das sagt jedoch nichts darüber aus ob diese gut oder vernünftig ist. Sie ist bestenfalls akzeptiert, meistens manipuliert und schlimmstenfalls diktiert (z. B. in Diktaturen). Beispiele dazu folgen weiter unten im Text. Der zweite Irrtum dem wir unterliegen, ist die Überzeugung, unsere Entscheidungen und Handlungen wären unserem Verstand geschuldet. Doch da ist unser „Bauch“, der das Rennen meist gewinnt und am Ziel ist, bevor der Verstand überhaupt startet. (Parallelen zur Fabel vom Igel und dem Hasen, sind rein zufällig). Um Energie zu sparen ruft unser „Bauchhirn“ nämlich Muster ab. Es greift auf „Bekanntes“ (oder eben Heuristiken) zurück und reagiert blitzschnell, bevor wir den Denkapparat überhaupt einschalten – dieser darf das Resultat dann bestenfalls noch rechtfertigen, bzw. begründen. Dank diesem Reflex, hat ein Geräusch im Gebüsch, viele Steinzeitjäger vor dem Säbelzahntiger gerettet. Seit diese ausgestorben sind, wendet sich diese Überlebensstrategie jedoch gegen uns. Denn genauer hinschauen, wäre in einer komplexen Welt von Vorteil, und eine weitaus bessere Überlebensstrategie. Diese Ausgangslage spricht also schon mal gegen die Überlegenheit der menschlichen „Vernunft„. Erst recht nicht in einer sozialen Gemeinschaft, auf deren Wohlwollen wir angewiesen sind. Das Resultat kennen wir – es nennte sich Schwarmdummheit und führt mehr und mehr zu Krisen.

Aus dem bisher Gesagten könnte man jetzt schliessen, das die ganze Misere den Defiziten der menschlichen Natur geschuldet ist. Und da diese sozusagen „gottgegeben“ (oder eben evolutionär) auch nicht zu ändern ist. Was sich also abmühen? Der Mensch ist, wie er ist. Beschränkt, gierig und träge. Oder wie anders erklärt es sich, dass wir konsequent gegen unsere eigenen Interessen handeln und uns selbst belügen?

Schauen wir dazu ein paar Beispiele an. „Wir“ (die meisten Landwirte) spritzen unser Gemüse mit Pestiziden, im Wissen darum, dass wir damit unser eigenes Trinkwasser vergiften – die möglichen Ertragseinbussen wiegen schwerer. „Wir“ (die es sich leisten können) fliegen um die halbe Welt, im Wissen darum, dass wir damit das Klima belasten – der Wunsch nach Sonne, Meer und Party ist eben grösser. „Wir“ (die überwiegende Mehrheit) isst Fleisch in rauen Mengen, im Wissen darum, wie stark die Fleischproduktion Umwelt, Tierwohl und Klima belastet – Genuss und Gewohnheit sind stärker. Wir nutzen Google, WhatsApp, Amazon, weil es bequem und günstig ist und ärgern uns wenn wir mit Werbung zugemüllt und Läden geschlossen werden. Wir kaufen Kleider die unter widrigsten Bedingungen in Bangladesch zusammen genäht werde, gehen auf Kreuzfahrt, schliessen Freihandelsverträge mit Diktatoren und wählen Politiker, die uns verarschen – die Liste ist endlos. Auch ich bin von dieser nicht ausgenommen. Selbstbetrug ist Alltag und Teil unseres Systems. Wie ist das möglich?

Das Erkennen unserer „Natur“ ist das Eine („Erkenne dich selbst!“ riet schon das Orakel von Delphi vor 2500 Jahren), das Andere ist das Durchschauen des Systems, in dem wir leben. Kurz gefasst könnte man sagen: Das System baut auf unsere Schwächen und macht es uns einfach „dumm“ zu sein – also sich selbst und sich betrügen lassen. Man kann sogar sagen, es belohnt den (Selbst)Betrug und bestraft jene, welche der Wahrheit verpflichtet sind. Dieser Pakt mit dem Teufel (Belohnung durch Selbstbetrug), hält unser System im Gange. Ein System, das in Wirklichkeit wenigen dient und allen Schaden zufügt. Und hier kommt wieder die Entfremdung ins Spiel. Denn es ist diese, die uns in die Irre führt. Aber wie?

Je grösser die zeitliche und geografische Distanz zwischen unserem Handeln und den daraus folgenden Konsequenzen, desto einfacher fällt der (Selbst)Betrug. Und je fremder uns jemand oder etwas (also Menschen oder ihre Religion/Kultur z. B.) ist, umso leichter fällt es uns, diese abzulehnen oder auszugrenzen. So fällt es dann leicht, das Flüchtlingselend am Rande Europas auszublenden. Denn dieses ist a) weit weg und b) betrifft es Fremde. Ein fataler Trugschluss, denn es ist „unsere“ Politik, die zu diesem Elend führt und es ist unsere Glaubwürdigkeit die zerstört wird. Es ist stets das gleiche Muster. Solange andere, möglichst weit weg oder viel später, die Folgen unseres Tuns zu tragen haben, umso leichter fällt es uns nicht über unser Handeln nachzudenken. Dazu gesellt sich, angesichts der Problemberge, eine „Ohnmacht“, die viele passiv werden lässt. Fast wie im Mikado geht es darum: Wer (was) sich zuerst bewegt, hat verloren. Bestes Beispiel dafür ist wahrscheinlich die Klimakrise, die alles oben Beschriebene in sich vereint. Trifft es uns dagegen direkt, wie z. B. die aktuelle Pandemie, ist Widerstand programmiert. Zu diesem gehört das Leugnen des Unabänderlichen genauso, wie die Schuldzuweisungen. (es sind immer die Andern). Wie kommen wir da raus, ist die grosse Frage. Denn dass wir da raus kommen müssen, steht ausser Frage. Selbstbetrug mag bequem sein, endet in der Regel aber in einem Fiasko.

Wie wir da rausfinden können ist Thema im 3. Teil, nächste Woche. Titel: Wirklichkeit . Dazu schon mal ein Zitat von Greta Thunberg vorab (aus ihrer Rede vom 25.1.2021 am virtuellen WEF):

Hoffnung ist für mich das Gefühl, welches dich am Laufen hält, auch wenn alle Chancen gegen dich stehen. Hoffnung kommt für mich nicht aus Worten, sondern aus Taten. Für mich sagt die Hoffnung, wie es ist, egal wie schwierig oder unangenehm das sein mag.“

15.01.2021: Zäh

Wer kennt das Gefühl nicht? Man erwartet etwas ungeduldig und es wird und wird nicht. Den 18ten Geburtstag, die geplante Weltreise oder das Trump und die Pandemie endlich verschwinden. Es tut beinahe körperlich weh. Und ist es dann endlich soweit, muss man feststellen, dass die Vorfreude oft grösser war, als die Freude selbst. Denn, ist eine Hürde genommen, lauert bereits die nächste um die Ecke.

Trumps Abgang ist uns gewiss, der 20. Januar rückt näher. Wie dieser aussieht, darüber wird gerade heftig spekuliert. Vorsichtshalber vernageln Bauarbeiter schon mal die Fenster von Regierungsgebäuden und das FBI warnt vor bewaffneten rechtsextremen Horden. 15‘000 Nationalgardisten sind in Washington eingerückt. Vorausgesetzt die Nationalgarde ist nicht korrumpiert (in diesen Tagen weiss man nie), dürfe Jo Biden der 46igste Präsident der Vereinigten Staaten sein und Trump auf einem Golfplatz, im Gefängnis oder bei seinem Zwilling in Brasilien. Auch wenn sein Abgang zäh ist, er ist in Sichtweite. Aufatmen wird nicht nur halb Amerika und die Welt, auch dem Klima wird es nicht schaden. Wir dürfen uns also erst mal freuen.

Wie lange diese Freude anhält, steht allerdings in den Sternen. Ernst zu nehmende Stimmen warnen bereits vor Terroranschlägen durch die unzähligen, bewaffneten Milizen und 15 Millionen christliche Fanatiker beschwören das Armageddon. Ob hier der Teufel an die Wand gemalt wird, wissen wir vielleicht in einem Jahr. Bis dahin hoffen wir das Beste und machen uns auf das Schlimmste gefasst. Hoffnung ist ein zäher Bursche, ermüdend ist diese wahr zu machen.

Weit ermüdender als der Abgang des Verlierers im Weissen Haus auf der anderen Seite des Atlantiks, ist das Aussitzen der Pandemie hier. Ich wähle „aussitzen“ ganz bewusst, denn anders lassen sich die zögerlichen Massnahmen kaum umschreiben. Gouverner c’est prévoir heisst es so schön – also „Regieren heisst Vorausschauen“. In den letzten Wochen und Monaten glich dies aber eher einen ReAgieren und einen ZUschauen. „Die Lage ist ernst, wir beobachten mit Sorge“ des Bundesrates und sein meist spätes Zaudern und Zögern, lässt nicht nur mich ratlos zurück. Fakt ist: „Wer zu spät kommt, bestraft das Leben“ – das wusste schon Gorbatschow und behielt Recht. Denn leider greift das „Prinzip Hoffnung“ bei einem Virus nicht. Der hält sich zäh und kümmert sich nicht um unsere Befindlichkeiten.

Zäh halten sich nicht nur Viren, egal ob sie Trump oder Covid heissen. Noch zäher erweist sich der Irrsinn in Gesellschaft und Politikbetrieb. Da sammelt eine unheilige Allianz ominöser „Freunden der Verfassung“ (aka Coronarebellen), zusammen mit JGLP und Jungen Grünen 140‘000 Unterschriften gegen ein Gesetz, das bereits in Kraft ist (Covid-Gesetz) welches uns vor den Folgen der Seuche schützen soll. Ebenso unheilig das Referendum von $VP/swissoil und Teilen von Fridays4Future gegen das dringend notwendige CO2 Gesetz, das den Klimawandel endlich ausbremsen soll (nicht perfekt – aber besser den Spatz in der Hand, als gar nichts). Gleich verlogen die Allianz der Bauern-Agrochemie-Lobby gegen sauberes Trinkwasser, die mit ihren Plakaten bereits die ersten Bauernhöfe verunzieren. Machiavellisch die $VP, welche Alain Berset entmachten möchte um von ihrem eigenen Versagen abzulenken. Da sind die Störmanövern der gleichen Partei gegen jegliche Pandemiemassnahmen und ihre Weigerung betroffene Branchen und Betriebe angemessen zu unterstützen, fast schon eine Randnotiz. Ideologische Scheuklappen (Schulden sind böse) und naive Träumereien (entweder alles oder nichts) sind zäh. In Krisen sind sie nicht nur lächerlich, sie sind ausgesprochen gefährlich. So endet der verbohrte Sparreflex für viele Menschen und Firmen im wahrsten Sinne des Wortes tödlich. Egal ob Covid, Trinkwasser oder Klima – Hauptsache ich Rette meine Pfründe oder Überzeugungen. Verhaltensmuster sind so zäh, wie Viren und kaum auszurotten.

Wie fast alles im Leben hat aber auch das Zähe eine gute und eine schlechte Seite. Schützt uns eine feste (zähe) Schuhsohle vor rostigen Nägeln, so beissen wir uns bei zähem Fleisch die Zähne aus. Und hilft sie uns beim Dranbleiben und Durchhalten in schwierigen Situationen (wie z. B. das Durchstehen dieser Pandemie), so steht sie uns beim zähen Festhalten an alten Verhaltensmustern im Wege. Fällt uns die Unterscheidung zwischen Schuhsohle und Fleisch leicht, ist diese dafür zwischen vernünftigem Dranbleiben und sturem Festhalten umso schwieriger. Das „cui bono“ (also wer hat einen Vorteil davon) hilft uns auch hier.

26.11.2019: Die Klimakatastrophe findet statt – hier und jetzt (ein paar Links)

Über die Klimakrise wird viel geschrieben. So viel, dass man kaum mehr nachkommt mit lesen. Hier ein paar Beiträge. Lesen lohnt sich.

Das Klima kippet – Tageschau.de 24.11.2019

Das grosse Ziel – Heise

Sind wir noch zu retten? Interview mit Reto Knuti, Klimfaorscher ETH, Rebublik

Die verschwiegene Wahrheit – Generalanzeiger Bonn

25.08.2019: Das Eis schmilzt

Wälder brennen vom Amazonas bis Sibirien während Grönland schmilzt und der Permafrost taut. CO2 Senken (z.B. der Amazonas) verschwinden in atemberaubendem Tempo. CO2 und Metangas Emissionen erreichen Höchstwerte. Greta segelt nach New York und die G7 tagt in Frankreich. Wir befinden uns im Sommer 2019.

Die Presse lamentiert über den (vermuteten) CO2 Ausstoss Gretas Segeltörn. Die Sozialen Medien sind gefüllt mit Hasskommentaren, bis hin zu Todesdrohungen für Greta. Klimaschutz und die Rettung von Menschen aus dem Mittelmeer sind für viele ein rotes Tuch und lösen die widerlichsten Reaktionen aus. Die $VP verunglimpft die politischen Gegner als Würmer und Maden. Die Zivilisation scheint auf dünnem Eis gebaut, und es schmilzt so rasch, wie das Grönlandeis.

Jede Schlagzeile erhöht den Stresslevel. Gefühlt liegt dieser schon weit über normal. Panik liegt in der Luft. Die Reaktionen sind so vielfältig wie die Menschen. Von der Leugnung (sog. Klimaskeptiker), bis Zorn (Extinction Rebellion) findet sich alles. Viele ignorieren die News oder wollen sie nicht wahr haben. Andere reagieren mit Schuldgefühlen oder Schuldzuweisungen. Eine (noch) kleine Minderheit verlangt entschlossenes Handeln von Politik und Wirtschaft.

Wir befinden uns offensichtlich in einer veritablen Krise und so sind auch die Reaktionen zu verstehen – mit Ausnahme der wirklichen Klimaleugner und politischen Hasardeure, der Verantwortung ihrer Hintermännern (Interessensvertreter) ablenken. In der Schweiz namentlich die $VP und ihre Adlaten. Es ist die Aufgabe der Zornigen die Reihen zu schliessen und die Verantwortlichen zu benennen.

Der Klimawandel ist nicht komplex – er ist ganz einfach zu verstehen. Wenn wir nicht aufhören Energie mit fossilen Energieträgern (Öl, Gas, Kohle) zu gewinnen, war es das mit unserer Erde wie wir sie kennen. Das haben die Jungen von #FridayForFuture begriffen – ihrer Forderungen müssen wir unterstützen und jetzt handeln!