Unbegreiflich

Letzte Woche traf ich mich wieder einmal mit meinen Freunden aus den Sturm- und Drangjahren. Der Zeit also, als wir die Welt noch aus der Angel heben und die proletarische Revolution ausrufen wollten. Symbolträchtig fand unser Männergipfel bei Pasta und Wein, an dem Ort statt, wo wir uns vor bald 50 Jahren, beim Verteilen von Flugblättern an die Arbeiterschaft der Sulzer Winterthur, die Füsse abfroren.

Sinnbildlich für die Veränderungen der letzten 50 Jahre steht das Restaurant und das Tössfeld-Quartier. Anstelle von Ghackets und Hörnli serviert man jetzt edle italienische Spezialitäten, und dort wo einst die Schlote qualmten, der Dampfhammer das Eisen bog und Hammerschläge durchs Quartier hallten, stehen heute hippe Einkaufszentren, werden Muskeln gestählt und Studenten unterrichtet. Velos und Kinderwagen haben Lastwagen und Gabelstapler von der Strasse verdrängt. Tischgespräch war, wie schon damals, der blamable Zustand unserer Welt. An Stoff fehlte es, nach fast zweijähriger coronabedingter Zwangspause, wahrhaft nicht. Und so mäandrierte die Diskussion zwischen KI (Künstliche Intelligenz), autonomen Fahren, Corona, Impfen, $VP, Klima und Afghanistan. In Dialektik geschult, fehlte natürlich eine gehörige Portion Selbstkritik und Reflexion dazu. So auch die hypothetische Frage, ob wir es denn besser gemacht hätten, was die Menschen gleichgültig und träge macht und wie man mit den permanenten Rückschlägen umgeht. Wie bleibt man Teil der Lösung und wird nicht selber zum Problem? Und ja, es ging auch um meinen Blog, der oft genug von pessimistischen Tönen durchzogen ist. Was also trägt ein Blog, der in oft sarkastischem Ton, die Versäumnisse in Gesellschaft und Politik anprangert, zur Lösung der beklagten Defizite bei?

Kurz gesagt: natürlich nichts. Der Anspruch wäre auch zu vermessen. Dazu braucht es a) mehr als 50-100 Leser:innen und b) reicht das Benennen von Problemen oder das blamieren von Akteuren kaum um etwas zu bewegen. Die andernorts bedauerte Feststellung, dass es heute an Visionen fehlt oder sämtliche Alternativen historisch gescheitert oder diskreditiert sind, schlägt sich durchaus auch hier und in meinem Denken nieder. Es weht quasi ein Hauch von Nihilismus (alles ist egal, nichts hat einen Wert, etc. ) durch die Gesellschaft. Aber weshalb? Warum fehlen das Engagement, bzw. Mehrheiten für überfällige Veränderungen? Beginnend mit dem Klima (CO2- Gesetz), der EU (Rahmenabkommen), der Altersvorsorge (Demographie), Pandemie (Impfpflicht) bis hin zur Migration (Afghanistan, Mittelmeer usw.), der $VP (ihre trumpeske Politik wird immer gefährlicher) oder der wachsenden Ungleichheit (hier und weltweit). Ist es Bequemlichkeit? Gleichgültigkeit? Sind wir Gefangene im Hamsterrad von Alltag, Beruf und Karriere? Lassen wir uns zu sehr manipulieren oder gar „kaufen“? Oder übertreiben wir hier am Tisch masslos und alles ist halb so schlimm? „Unbegreiflich“ für uns, unbegreiflich für viele.

Der Sommer war lausig, die Ferien bescheiden, wohin fährt ihr im Herbst? Das sind Themen die bewegen. Man kann sich das privilegierte Leben auch kaputt reden. Ist es das? Interessiert sich überhaupt noch irgendwer für etwas anderes, als sich selber. Oder ist es einfach immer das gleiche Grüppchen Stänkerer, das alles besser zu wissen glaubt? Fragen die auch hier schon breitgetreten wurden. Ohne wirklich beantwortet zu werden. Aber wer liefert uns diese? Politiker:innen? Philosoph:innen? Gurus? Die Wissenschaft? Alle – samt und sonders – auf die eine oder andere Weise diskreditiert. Das Vertrauen verloren. Ausverkauf der Ideen – der Wühltisch der Ideen ein einziges Durcheinander. Statt Schnäppchen landet Ramsch im Einkaufskorb. Nichts von Dauer, nichts von Wert. Das Resultat beklagenswert – es ist unbegreiflich.

An Theorien, weshalb es so ist, wie es ist – weshalb wir z. B. so träge und zögerlich auf Probleme reagieren – gibt es viele. Sind wir einfach wohlstandsverwöhnt – sprich zu faul – um den Finger aus dem Allerwertesten zu kriegen und an unserem Verhalten etwas zu ändern? Oder sind wir nicht einfach zu beschäftigt mit unserem Alltag, dem Beruf, der Familie oder Karriere? Fehlt es an drängenden Problemen oder werden diese nicht als solche wahrgenommen? Fehlen Vorbilder, Visionen und Ziele – oder fehlt einfach die Fantasie? Manche würden diese Fragen unbesehen mit Ja beantworten. Ich hüte mich davor. Die Welt ist zu komplex für einfache Antworten.

Zumindest an drängenden Problemen dürfte es nicht mangeln, sofern diese als solche überhaupt erkannt werden. Doch wie beim Arzt, beginnt die Heilung mit der Diagnose. Wie schwierig es ist, sich auf eine solche zu einigen, führt uns Corona vor Augen. Entsprechend wirr und diametral sind die Lösungsansätze. Einige leugnen sogar dessen Existenz und wittern eine Verschwörung von ganz ganz oben. Das Resultat ist eine endlose Pandemie. Ähnlich die Klimakrise. Ist es nur das Wetter das spinnt, oder sind wir schon mitten drin? Hat die Wissenschaft recht oder will uns der Staat nur abzocken? Sicher ist nur: Es fehlt sowohl ein gemeinsames Verständnis, als auch eine von allen anerkannte Methode. Wer aber (generell ) der Wissenschaft misstraut, ist umso anfälliger für Scharlatane und Manipulationsversuche. Die Trychlerumzüge der „Massvollen“ legen davon ein eindrückliches Zeugnis ab. Es scheint als wäre ein Krieg der verschiedenen Wahrheiten im Gange (bei Trump hiess es noch Alternative Fakten). In Wahrheit ist es ein Krieg gegen die Vernunft, d.h. die Aufklärung, Wissenschaft und Demokratie. Wer Lügen mit Fakten gleichstellt, verfolgt eine düstere Agenda, die nur im Aberglauben, Despotie und einer Form der Diktatur enden kann. Was unbegreiflich erscheint, bekommt so einen Sinn. Die „Aufklärung“ ist also noch lange nicht zu Ende. Um es mit Kants Worten zu sagen: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. In diesem Sinne verstehe ich auch meinen Blog – er ist mein kleiner bescheidener Beitrag zur Aufklärung. Und so endete der Abend im Konsens und der Absicht, lieber Teil der Lösung, als des Problems zu sein.

Beim Barte des Propheten

Beim Barte des Propheten

Was kümmert uns Afghanistan? Weit weg, irgendwo in den Weiten Asiens. Uns so fremd wie Aliens von einem andern Stern. Frauen unter Sacktüchern, Männer in Pluderhosen, Turban und AK-47. Dazu die schrecklichen Bilder am Fernseher, die Meldungen über Terror, Tod und Gräueltaten. Dabei hätten wir selber genug Sorgen. Corona, Klima, lausiger Sommer. Und doch lassen uns die Bilder nicht los. Beim Barte des Propheten – der Versuch, die Dinge zu orten.

In nur zwei Wochen zurück ins Mittelalter. Man reibt sich die Augen und sitzt ungläubig vor der Glotze. Bilder aus einer längst tot geglaubten Zeit laufen über den Bildschirm. Zum Unglauben mischt sich Ohnmacht und zu dieser gesellt sich Entsetzen. Wie ist so etwas möglich? Es fühlt sich an, als würde eine ganze Ära geschreddert. Alles an was „man“ glaubte, löst sich auf und macht Platz für eine diffuse Angst. Am Horizont erscheint ein neues dunkles Zeitalter. Die bärtigen Koranschüler vom Hindukusch wecken tiefste Ängste und erinnern an abgehackte Hände, gesteinigte Frauen und baumelnde Leichen an Laternenmasten. Alles wofür sie stehen, Frauenverachtung, Gräuel und Tod, kehrt uns den Magen. Angewidert wendet man sich ab wünscht sich der Albtraum fände ein Ende. Leider hat dieser aber erst begonnen.

Clever sind sie – zumindest ihre bärtigen Führer. Mutig auch – auf jeden Fall die armen ungebildeten Kerle aus den ausgedorrten Tälern des Nori Shah und des Koh-i-Baba. Wie sonst hätten sie es geschafft in nur 2 Wochen das ganze Land zu kidnappen? Das Tempo mit dem sie das Land überrannt haben lässt deshalb nur einen Schluss zu: Sie waren nie weg und immer mitten in den Dörfern und Städten – wenn nicht physisch, so doch als „Meme“ (tief verwurzelt in den Köpfen und der Kultur des Landes). Nicht umsonst machten sie sich das arabische Sprichwort, „Ihr habt die Uhren, wir die Zeit“ zu eigen. Ideen gedeihen mit der Zeit, wenn sie auf fruchtbaren Boden fallen. Und dieser ist und war fruchtbar für die „Gotteskrieger“. Armut, Hoffnungslosigkeit, kaum Bildung und eine korrupte, geldgierige Elite, Warlords und Drogenhändler, liefern dazu den Dünger. Und nun steht Afghanistan als Symbol und Mahnmal für das Scheitern. Das des westlichen Denkens, der westlichen Politik, der Menschenrechte, der Aufklärung und für den Sieg der Arroganz und Ignoranz. Ein Debakel mit Ansage, das angeblich niemand kommen sah. Wie blind und ideologisch verblendet kann man eigentlich sein? Einzig die Vorstellung, dass das von all den hochintelligenten Geheimdiensten niemand voraussah, ängstigt mich noch mehr. Das hiesse nämlich, dass wir es an den Schaltstellen der Macht, mit absoluten Dilettanten oder schamlosen Lügnern zu tun haben. Ich vermute beides. Klarer ist dafür, wer für dieses Versagen den Preis bezahlt – andere. Die afghanischen Frauen als erste, die kleine Bildungselite, das ganze afghanische Volk, welches um Jahrzehnte zurückgeworfen wird, die umliegenden Länder, in welche viele flüchten werden und selbstverständlich wir (der sog. Westen), der nun mit abgesägten Hosen im Regen steht. Doch Halt! Ist das etwa neu? Überraschend? Und was hat das mit uns zu tun? Solange wir hier und die dort sind, – ist die Welt doch in Ordnung. Wirklich?

Götterdämmerung

Das Jammern und lamentieren der westlichen Politiker:innen und Verantwortungsträger ist herzzerreissend. Ihr Versagen kolossal, ihre Scham marginal. Nicht mal die chaotische Schadensbegrenzung mag die Schande zu mindern. Das Vertrauen in die politische Führung ist dahin. Flächendeckend – von Berlin bis Washington und London bis Canberra. Beifall klatschen dafür Islamisten, Terroristen und die Pragmatiker in Beijing. Ihnen winken Macht und Profite. Ihnen erschliessen sich neue Pfründe. Es winken Seltene Erden, Kupfer, Lithium und Erdöl. Ein Bombengeschäft – fast umsonst, wenn man die Geflüchteten und Toten, die verhöhnten Menschenrechte und das Elend der Afghan:innen als unvermeidbaren Kollateralschaden abbucht. Was zynische Politiker und Geostrategen gerade tun. Die Sorgenfalten gelten eher den drohenden Flüchtlingsströmen – den „Strömen“ natürlich, nicht den Geflohenen. Leider aber ist es nicht nur eine Götterdämmerung der westlichen Hegemonialansprüche, es markiert ebenso das Ende vieler uns liebgewordener Gewissheiten. Die Gewissheit, dass Menschenrechte irgend jemand schützen, die Gewissheit, dass die Wahrheit über die Lüge siegt, die Gewissheit, dass wir von kompetentem „Personal“ regiert werden und nicht zuletzt der Gewissheit, dass Probleme mit Sachverstand und Vernunft angegangen und gelöst werden. Makulatur! Entsorgt in der Gerümpelkammer der Illusionen. So sicher wie das Amen in der Kirche ist dafür das Erstarken des islamischen Terrorismus, der nun wieder eine Heimat hat, das Verschwinden der Frauen aus der Öffentlichkeit Afghanistans und der Aufstieg rechter Hetzer quer durch Europa und die Staaten. Während in Kabul verzweifelte Mütter ihre Babys über Stacheldrahtzäune werfen und sich Menschen in Panik an Flugzeuge klammern und in den Tod stürzen, verkünden diese bar jeder Scham, wir hätten es hier mit Vergwaltigern und Bombenlegern zu tun und hätten keinerlei Anlass diesen Menschen zu helfen. So wie das Vertrauen in die politische Führung zerbröselt, dienen sich diese Menschenverachter als Retter der Nation und der weissen Rasse an. Wers nicht glaubt lese hier Roger Köppel ($VP) in watson von heute, Donnerstag den 19.8.2021. Drei gut gefüllte Kühlschränke reichen nicht, für das was ich kotzen könnte. Und wer meint, dies wäre der Gipfel der Menschenverachtung und Erbärmlichkeit, werfe einen Blick über die Grenzen. Statt Verantwortung für das selbst verursachte Debakel zu übernehmen, üben sich die Politiker der Natoländer in mea culpa und machen auf Schadensbegrenzung. Selbstverständlich nicht für die Opfer ihres Tuns, sondern für sich selber. Panisch versichern sie ihrem staunenden Wahlvolk, dass sie ein zweites 2015 zu verhindern wissen. Anders gesagt: Sie stehlen sich aus der Verantwortung. AfD, $VP und die Retter eines arischen Europa von Wien bis Budapest bringen sich schon mal in Position. Es gibt verängstigte Wählerstimmen zu ernten. Die Taliban sind mitten unter uns. Wer dachte, diese versteckten sich in den Höhlen des Hindukusch, sieht sie plötzlich in der Arena, der Tagesschau und an den Parteitagen der $VP. Der gleiche mittelalterliche Schwachsinn, der gleiche Hass auf die „Gstudierten“, das städtische, aufgeklärte Leben. Die gleichen verlogenen Mythen des gesunden, hart arbeitenden Landvolkes. Ob Aeschi, Glarner, Bircher, Köppel und Chiesa auch eine Koranschule besucht haben? Was fehlt ist einzig der Bart, aber der kann ja noch wachsen.

Was sie alle verschweigen ist das kollektive Totalversagen der gesamten verlogenen Hegemonialpolitik des Westens seit dem 2. Weltkrieg. Von Vietnam über den Irak, Syrien, Lybien bis Afghanistan – Debakel über Debakel. Verschwiegen auch die guten Geschäfte mit den Saudis, Kataris, Scheichs und Mullahs am Golf. Statt Demokratie und Menschenrechte, wie vollmundig verkündet – Armut, Despotie, abgehackte Hände und Leichenberge. Auch nicht gesprochen wird von der Ignoranz und Borniertheit, mit der geplant und gehandelt wird. Statt auf Kenner der Verhältnisse, die Wissenschaft und Fachleute zu hören, wird in den Hinterzimmern, fernab der Wirklichkeit, um Einfluss und Macht gepokert. Es erinnert krass an Pipi Langstrumpfs kindliches Gemüt, allerdings um 180 Grad gedreht: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Nur blöd, weiss diese nichts davon. Und damit wären wir bei des Pudels Kern. Der Triumph des Irrationalen! So wie man die Klimakrise mit verleugnen und Greenwashing „bekämpft“ und Corona mit lavieren, verleugnet man rund um den Globus Realitäten, verhöhnt die Wissenschaft und lügt sich die Hucke voll. Trump hat’s vorgemacht. Seine Nachahmer sind zahlreich. Wenn die Probleme zu gross werden, greift die „Elite“ zu den altbewährten Keulen: Aberglaube, Religion und Schwert. Das Zeitalter der Taliban ist angebrochen. Zeit sich einen Bart wachsen zu lassen. Pech für die Frauen.

Restart – Resignation oder Aufbruch

Insgesamt 66 Blogs habe ich zwischen April 2020 und Juni 2021 geschrieben. Man könnte sie auch als Krisen- oder Corona-Blog bezeichnen. Natürlich ging es nicht nur um die Pandemie und ihre Folgen. Oft war diese nur der Aufhänger für andere Aufreger und Krisen. Im Wissen um meinen nicht selten dystopischen Unterton (wir sind am Arsch), war ich auch immer wieder um hoffnungsvolle und versöhnliche Töne bemüht. Bis im Juni, als eine Mehrheit der Stimmberechtigten in ihrer Weisheit, das zahnlose CO2-Gesetz beerdigte, und Gift in ihrem Trinkwasser (man sieht es ja nicht) auch weiterhin cool fanden. Wo die Prioritäten im Jahre 2021 liegen, war somit klar gemacht. Das eigene Portmonee. Das war der Moment, wo ich eine Pause einlegte. Zum einen zum Selbstschutz, um euch vor meiner Wut, Ratlosigkeit und Enttäuschung zu schützen, zum andern um der drohenden Langeweile durch den ewig gleichen Sermon zu entkommen. Und natürlich auch um mir Gedanken über die Zukunft dieses Blogs zu machen. Diese Zeit habe ich genutzt.

Vorab die nüchterne Erkenntnis: Durch Pausen hält man den Lauf der Welt nicht auf.

Zwar reduzierte sich der mir selbst auferlegte Druck, wöchentlich ein Thema zu finden (wobei es meist umgekehrt war – die Themen fanden mich) und zu kommentieren, aber die Ereignisse liessen mich trotzdem nicht in Ruhe. Und davon gab und gibt es wahrlich genug. Zum Beispiel lag am 11. Juni (am Tag als ich beschloss zu pausieren) die Zahl der Corona-Inifzierten bei 394, heute am 12. August bei 2124 – also 5,4 mal höher. Die damalige Hoffnung dieser Seuche durch eine Impfung endlich Herr zu werden, hat sich somit in Luft aufgelöst – den Impfverweigerern sei Dank. Die Illusion mit dem Versenken des CO2-Gesetzes wäre das leidige Thema Klimakrise endlich erledigt, war ebenso ein Trugschluss. Die Waldbrände von Sibirien (aktuell 6 Millionen Hektar im Brand) über das Mittelmeer bis Kalifornien und die Sintfluten in Mitteleuropa können selbst von den hartnäckigsten Ignoranten nicht geleugnet werden – sollte man meinen. Weniger beachtet, aber nicht weniger tragisch, auch des Versagen des „Westens“ in Afghanistan, wo gerade die Frauen den Religioten der Taliban ans Messer geliefert werden. Die Aussetzung der Rückschiebung afghanischer Migranten in letzter Minute, hört sich dabei schon fast wie eine Erfolgsmeldung an. Da sind die 993 (allein 2021) ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer auch kaum mehr der Rede wert. Auch kaum zu reden gibt unsere Selbstdemontage in Europa. Dem weisen Ratschluss unseres Bundesrates sei Dank. Dank diesem sind wir von europäischen Forschungsprojekten (Horizon) ausgeschlossen (wer hat Wissenschaft und Forschung schon nötig) und bald werden wir wohl um Strom betteln müssen (fehlendes Stromabkommen). Dafür hat uns die $VP eine neues Feindbild beschert. Neu zieht diese tiefe Gräben um die Städte. Mit velofahrenden Luxussozialisten (vermutlich sind damit auch die Klimaforscher an der ETH gemeint) und Freunden streunender Wölfe (den diese Grünversifften ums Verrecken nicht zu Abschuss freigeben wollen) will das hart arbeitende Landvolk nichts (mehr) zu tun haben – sagt die Partei der Milliardäre. Dazu passt die gestrige Aussage meiner ehemaligen Nachbarin: „Die, die nicht ins Gymi gehen, sind die, die arbeiten.“ (Im Umkehrschluss: „Studierte“ hocken auf der faulen Haut). Die Wirkung der o.g. Parteiparole wäre somit belegt. Und während ich hier in die Tasten haue, trycheln die „Freunde der Seuche“ durch die Strassen Berns und sorgen für die Verlängerung der Pandemie und weitere Tote. Wie diese Auflistung zeigt: Es ist August wie Juni.

Was nun?

Zuerst ein paar Worte zu meinem Blog. Den Wochenrhythmus gibt es nicht mehr. Die Qualität leidet, wenn man zu sehr unter Schreibstress steht. Ausserdem wurde ich nicht pensioniert, um wieder im Hamsterrad des „Lieferns um jeden Preis“ zu landen. In Zukunft also erscheinen meine Beiträge, wenn ich das Gefühl habe etwas wäre wichtig genug um kommentiert zu werden. Damit gewinne ich auch mehr Zeit um mich mit dem jeweiligen Thema zu befassen. Ich bemühe mich aber weiterhin Texte kurz zu fassen. Zeit ist bekanntlich ein rares Gut. Nichts ändern wird sich vermutlich an meiner Ironie und meinem Sarkasmus. Ohne sie ist die gefühlte Ohnmacht nur schwer zu ertragen. Die Lage ist zu ernst, um ernst zu bleiben.

Wie einleitend erwähnt entzieht sich der Lauf der Dinge unserem Willen und Wollen. Zumindest jenen von uns, die nicht an den Schalthebeln der Macht sitzen. Selbst in unserer hochgerühmten direkten Demokratie, in der wir sogar über das Tragen von Kuhhörnern abstimmen können, gewinnt in aller Regel jene Seite mit dem grösseren Geldbeutel. Wer behauptet das Stimmvolk liesse sich nicht kaufen, könnte sich folglich – würde er selber an seine Behauptung glauben – jeden Franken für Wahlplakate und Abstimmungsparolen sparen. Die derzeit anstehende 99%-Prozentinitiative der Juso – die notabene nichts anders als eine faire Besteuerung von Kapitaleinkünften will (also Aktiengewinne, Mieten, Firmenverkäufe etc) – wird nicht scheitern, weil sie nicht in unser aller Interesse wäre, sondern weil sie mit Lügenpropaganda, Angstmacherei und Mythen und Märchen zu Grabe getragen wird. Auf eine Gegenwette verzichte ich.

Wer, wie ich, seit 50 Jahren praktisch an jedem Abstimmungssonntag eine Niederlage zu verdauen hat, kann natürlich resignieren. Eine durchaus bewährte Ausrede um nichts zu tun. In guter Gesellschaft mit Ignoranz, Egoismus und Gleichgültigkeit, der sichere Weg in den Kollpas. Denn gleich aus welchen Gründen wir die Karre in den Dreck fahren oder dort belassen, Probleme lösen sich nicht von selber. Im Gegenteil. Die aktuellen Krisen führen uns gnadenlos vor Augen, was nichts tun bedeutet. Die Probleme häufen und verschärfen sich.

Also weiter machen. Jede:r wie er/sie kann und mag.

Nehmen wir als Beispiel die nächste Corona-Welle, die sich wegen der mangelnden Impfbereitschaft, mit einer wöchentlichen Verdoppelung der Fallzahlen gerade ankündigt. Statt energisch dagegen zu halten, scheinen die Behörden aus Angst vor den finanziellen Folgen und den Hütern tiefer Steuern, sekundiert von den treichelnden Schreihälsen, zu kapitulieren und lassen es schleifen. In seltener Nonchalance heisst es darum, wer sich nicht impfen lässt, kann sich nicht mehr auf staatliche Massnahmen verlassen. Einverstanden. Wenn es denn nur die Ungeimpften träfe. Leider aber können die unter 12-jährigen immer noch nicht geimpft werden und werden so dem Virus quasi zum Frass vorgeworfen. Die Chance, dass sich das Virus bis zur Impfresistenz durchmutiert steht bereits drohend im Raum. Weshalb nicht endlich ehrlich und mutig ein Impfobligatorium verfügen (das Epidemiegesetz macht es möglich)? Zwar wäre der Aufschrei gross, der Schaden aber unendlich viel kleiner, als der, der praktizierten Durchwurstelpolitik. Wie uns die Natur lehrt, verhandelt sie nicht. Weder mit Banausen noch Taktierern. Was hilft, ist sie zu verstehen und ihr mit den eigenen Waffen ein Schnippchen zu schlagen. Kräutertee, viel frische Luft und beten stärkt vielleicht die Seele und gibt ein gutes Gefühl, helfen tut einzig das Impfen (oder vielleicht einmal ein Medikament). Wir können es freiwillig tun, unter Zwang oder aber auf die harte Tour. Objektiv gesehen aber haben wir keine Wahl. Die Natur wird siegen – so oder so.

Nehmen wir das Klima. Wir können noch so viele Gesetze versenken, das Klima kümmert es nicht. Es gehorcht einzige der Physik, die im Falle von CO2 besagt, dass dieses Gas die Wärme in der Erdatmosphäre hält. Glück und Pech zugleich. Den ohne diesen Effekt schlotterten wir bei durchschnittlich minus 18 Grad; mit zu viel davon, droht uns ein Glutofen. Nicht irgendwann. Jetzt. In Kanada waren es 49,7, in Sizilien gerade 48,8 Grad. Und selbstverständlich sind dies Extreme, so wenig wie die Überflutungen in Deutschland oder die Waldbrände am Mittelmeer, ursächlich dem Klimawandel zuzuordnen. Schmelzende Gletscher, die Statistik und das eigene Empfinden lassen allerdings keinen Zweifel offen. Wir befinden uns am Beginn einer Katastrophe. Es wäre also an der Zeit dagegen zu halten. Wäre es! Zu hören bekommen wir dafür laue Absichtserklärungen (nur ja niemandem weh tun – aktuelle der Gegenvorschlag zur Gletscherinitiative), Nebelpetarden (Atomkraftwerke sollen es richten – bis diese gebaut sind, müssen wir die Wohnungen vermutlich auch im Winter kühlen), Greenwashing (man tut so, als würde man etwas tun – zum Beispiel CO2-Kompensation im Ausland), usw. Solange wir, bzw. die Politik:er:innen nicht begreifen (wollen), dass wir es mit einer existentiellen Krise zu tun haben, nähern wir uns dem Abgrund. Das genaue Datum wurde uns zwar noch nicht bekannt gegeben, vielleicht haben wir es aber auch nur verpennt.

Nichts Neues also. Alles bekannt, alles wie gehabt, nur etwas mehr davon. Während die einen auf ein Wunder namens „Normalisierung“ hoffen (das Synonym für zurück zu den alten Tagen), resignieren die andern. Nur vor dem Kollaps sind alle gleich. Wären da nicht die Überlebenswilligen, wie z.B. die Klimajugend oder die unzähligen Bewegungen und Aktionsbündnisse zur Rettung von Walen bis hin zu Flüchtlingen aus dem Mittelmeer, der Rettung des Amazonas, der Hilfe vor Ort für die Ärmsten usw. stünde die Welt auf verlorenem Posten. Es bleibt einzig die Frage, ob diesmal die Zeit reicht die Titanic am Eisberg vorbei zu manövrieren. Die Mittel dazu hätten. Mittlerweile können wir Eisberge aus dem Weltall beobachten. Ignorieren wir dieses Wissen weiterhin, so müssen wir uns über den weiteren Verlauf nicht wundern. James Cameron hat uns 1997 epische Bilder und eine rührende Geschichte dazu geliefert. Ob Rose diesmal das „Herz des Ozeans“ (der blaue Diamant im o.g. Film) retten kann, muss allerdings offen bleiben – ich fürchte eher, sie säuft diesmal zusammen mit Jack gleich mit ab.

Alles viel zu pessimistisch?

Vielleicht. Wer kann schon in die Zukunft schauen? Bekanntlich sind Prognosen, die Zukunft betreffend, schwierig oder gar unmöglich. Das trifft für unerwartete Lebensereignisse mit Bestimmtheit zu, nicht aber für Ereignisse mit Ankündigung. Und genau um solche handelt es sich bei den ob genannten Beispielen. Wir wissen genug über das Verhalten von Viren, wir kennen die physikalischen Gesetzmässigkeiten in fast allen Details und wir kennen die Geschichte. Wer also meint wir wären dem Schicksal hilflos ausgeliefert, lügt, ist nicht richtig informiert oder will ganz einfach nichts ändern. Wir können etwas tun. Wir müssen nicht mal etwas erfinden. Der Ausstieg aus der fossilen Energie ist vorgezeichnet – wir müssen nur die entsprechenden Vorgaben (Regeln/Gesetze) beschliessen. Seuchen lassen sich mit impfen oder Medikamenten bekämpfen – wir müssen es nur wollen. Unser Verhältnis zu unserem wichtigsten Handelspartner (EU) lässt sich regeln – wir müssen nur vom hohen Ross steigen und die Flüchtlingskrise an den Grenzen lässt sich bewältigen – wir müssen nur erkennen, dass wir diese bald dringend brauchen werden (unsere Gesellschaft altert rapide). Dafür und für viele andere Sachen lohnt es sich zu streiten und zu kämpfen. Wer damit aufhört, resigniert oder auf ein Wunder hofft, hat mit Garantie verloren. Nie war die Zeit für einen Aufbruch reifer, wie heute. Denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Mein bescheidener Beitrag dazu: Blog schreiben, aufklären, Bewegungen unterstützen (materiell und ideell) – jede:r wie er kann.

PS: Es ist Sommer, es bläst ein lauer Wind, die Sonne scheint und ich geniesse meinen neuen grossen Sonnenschirm, während ich über diesen Zeilen brüte. Es sind oft die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.

29.01.2021: Trilogie der Entfremdung Teil II – Selbstbetrug

Teil I meiner Trilogie endet mit der Feststellung, dass wir uns oft selbst betrügen. Nicht weil wir „dumm“ sind, sondern weil wir uns durch einfache „Lösungen“ in die Irre führen lassen. Leider unterstützt uns dabei auch noch die „menschliche Natur“, welche zu Kurzschlüssen neigt. Im Fachjargon auch als „Heuristiken“ bekannt. Was heisst das?

In der Regel wird ja unsere Vernunft und Rationalität beschworen. Stolz tragen wir diese vor uns her und meinen, uns könne niemand etwas, weil wir ja so schlau sind – die „Mutter aller Irrtümer“, quasi. Denn, was wir schlau nennen, ist nichts anderes als die vorherrschende Meinung des sozialen Milieus, (Mehrheitsmeinung) in dem wir leben. Das sagt jedoch nichts darüber aus ob diese gut oder vernünftig ist. Sie ist bestenfalls akzeptiert, meistens manipuliert und schlimmstenfalls diktiert (z. B. in Diktaturen). Beispiele dazu folgen weiter unten im Text. Der zweite Irrtum dem wir unterliegen, ist die Überzeugung, unsere Entscheidungen und Handlungen wären unserem Verstand geschuldet. Doch da ist unser „Bauch“, der das Rennen meist gewinnt und am Ziel ist, bevor der Verstand überhaupt startet. (Parallelen zur Fabel vom Igel und dem Hasen, sind rein zufällig). Um Energie zu sparen ruft unser „Bauchhirn“ nämlich Muster ab. Es greift auf „Bekanntes“ (oder eben Heuristiken) zurück und reagiert blitzschnell, bevor wir den Denkapparat überhaupt einschalten – dieser darf das Resultat dann bestenfalls noch rechtfertigen, bzw. begründen. Dank diesem Reflex, hat ein Geräusch im Gebüsch, viele Steinzeitjäger vor dem Säbelzahntiger gerettet. Seit diese ausgestorben sind, wendet sich diese Überlebensstrategie jedoch gegen uns. Denn genauer hinschauen, wäre in einer komplexen Welt von Vorteil, und eine weitaus bessere Überlebensstrategie. Diese Ausgangslage spricht also schon mal gegen die Überlegenheit der menschlichen „Vernunft„. Erst recht nicht in einer sozialen Gemeinschaft, auf deren Wohlwollen wir angewiesen sind. Das Resultat kennen wir – es nennte sich Schwarmdummheit und führt mehr und mehr zu Krisen.

Aus dem bisher Gesagten könnte man jetzt schliessen, das die ganze Misere den Defiziten der menschlichen Natur geschuldet ist. Und da diese sozusagen „gottgegeben“ (oder eben evolutionär) auch nicht zu ändern ist. Was sich also abmühen? Der Mensch ist, wie er ist. Beschränkt, gierig und träge. Oder wie anders erklärt es sich, dass wir konsequent gegen unsere eigenen Interessen handeln und uns selbst belügen?

Schauen wir dazu ein paar Beispiele an. „Wir“ (die meisten Landwirte) spritzen unser Gemüse mit Pestiziden, im Wissen darum, dass wir damit unser eigenes Trinkwasser vergiften – die möglichen Ertragseinbussen wiegen schwerer. „Wir“ (die es sich leisten können) fliegen um die halbe Welt, im Wissen darum, dass wir damit das Klima belasten – der Wunsch nach Sonne, Meer und Party ist eben grösser. „Wir“ (die überwiegende Mehrheit) isst Fleisch in rauen Mengen, im Wissen darum, wie stark die Fleischproduktion Umwelt, Tierwohl und Klima belastet – Genuss und Gewohnheit sind stärker. Wir nutzen Google, WhatsApp, Amazon, weil es bequem und günstig ist und ärgern uns wenn wir mit Werbung zugemüllt und Läden geschlossen werden. Wir kaufen Kleider die unter widrigsten Bedingungen in Bangladesch zusammen genäht werde, gehen auf Kreuzfahrt, schliessen Freihandelsverträge mit Diktatoren und wählen Politiker, die uns verarschen – die Liste ist endlos. Auch ich bin von dieser nicht ausgenommen. Selbstbetrug ist Alltag und Teil unseres Systems. Wie ist das möglich?

Das Erkennen unserer „Natur“ ist das Eine („Erkenne dich selbst!“ riet schon das Orakel von Delphi vor 2500 Jahren), das Andere ist das Durchschauen des Systems, in dem wir leben. Kurz gefasst könnte man sagen: Das System baut auf unsere Schwächen und macht es uns einfach „dumm“ zu sein – also sich selbst und sich betrügen lassen. Man kann sogar sagen, es belohnt den (Selbst)Betrug und bestraft jene, welche der Wahrheit verpflichtet sind. Dieser Pakt mit dem Teufel (Belohnung durch Selbstbetrug), hält unser System im Gange. Ein System, das in Wirklichkeit wenigen dient und allen Schaden zufügt. Und hier kommt wieder die Entfremdung ins Spiel. Denn es ist diese, die uns in die Irre führt. Aber wie?

Je grösser die zeitliche und geografische Distanz zwischen unserem Handeln und den daraus folgenden Konsequenzen, desto einfacher fällt der (Selbst)Betrug. Und je fremder uns jemand oder etwas (also Menschen oder ihre Religion/Kultur z. B.) ist, umso leichter fällt es uns, diese abzulehnen oder auszugrenzen. So fällt es dann leicht, das Flüchtlingselend am Rande Europas auszublenden. Denn dieses ist a) weit weg und b) betrifft es Fremde. Ein fataler Trugschluss, denn es ist „unsere“ Politik, die zu diesem Elend führt und es ist unsere Glaubwürdigkeit die zerstört wird. Es ist stets das gleiche Muster. Solange andere, möglichst weit weg oder viel später, die Folgen unseres Tuns zu tragen haben, umso leichter fällt es uns nicht über unser Handeln nachzudenken. Dazu gesellt sich, angesichts der Problemberge, eine „Ohnmacht“, die viele passiv werden lässt. Fast wie im Mikado geht es darum: Wer (was) sich zuerst bewegt, hat verloren. Bestes Beispiel dafür ist wahrscheinlich die Klimakrise, die alles oben Beschriebene in sich vereint. Trifft es uns dagegen direkt, wie z. B. die aktuelle Pandemie, ist Widerstand programmiert. Zu diesem gehört das Leugnen des Unabänderlichen genauso, wie die Schuldzuweisungen. (es sind immer die Andern). Wie kommen wir da raus, ist die grosse Frage. Denn dass wir da raus kommen müssen, steht ausser Frage. Selbstbetrug mag bequem sein, endet in der Regel aber in einem Fiasko.

Wie wir da rausfinden können ist Thema im 3. Teil, nächste Woche. Titel: Wirklichkeit . Dazu schon mal ein Zitat von Greta Thunberg vorab (aus ihrer Rede vom 25.1.2021 am virtuellen WEF):

Hoffnung ist für mich das Gefühl, welches dich am Laufen hält, auch wenn alle Chancen gegen dich stehen. Hoffnung kommt für mich nicht aus Worten, sondern aus Taten. Für mich sagt die Hoffnung, wie es ist, egal wie schwierig oder unangenehm das sein mag.“

15.01.2021: Zäh

Wer kennt das Gefühl nicht? Man erwartet etwas ungeduldig und es wird und wird nicht. Den 18ten Geburtstag, die geplante Weltreise oder das Trump und die Pandemie endlich verschwinden. Es tut beinahe körperlich weh. Und ist es dann endlich soweit, muss man feststellen, dass die Vorfreude oft grösser war, als die Freude selbst. Denn, ist eine Hürde genommen, lauert bereits die nächste um die Ecke.

Trumps Abgang ist uns gewiss, der 20. Januar rückt näher. Wie dieser aussieht, darüber wird gerade heftig spekuliert. Vorsichtshalber vernageln Bauarbeiter schon mal die Fenster von Regierungsgebäuden und das FBI warnt vor bewaffneten rechtsextremen Horden. 15‘000 Nationalgardisten sind in Washington eingerückt. Vorausgesetzt die Nationalgarde ist nicht korrumpiert (in diesen Tagen weiss man nie), dürfe Jo Biden der 46igste Präsident der Vereinigten Staaten sein und Trump auf einem Golfplatz, im Gefängnis oder bei seinem Zwilling in Brasilien. Auch wenn sein Abgang zäh ist, er ist in Sichtweite. Aufatmen wird nicht nur halb Amerika und die Welt, auch dem Klima wird es nicht schaden. Wir dürfen uns also erst mal freuen.

Wie lange diese Freude anhält, steht allerdings in den Sternen. Ernst zu nehmende Stimmen warnen bereits vor Terroranschlägen durch die unzähligen, bewaffneten Milizen und 15 Millionen christliche Fanatiker beschwören das Armageddon. Ob hier der Teufel an die Wand gemalt wird, wissen wir vielleicht in einem Jahr. Bis dahin hoffen wir das Beste und machen uns auf das Schlimmste gefasst. Hoffnung ist ein zäher Bursche, ermüdend ist diese wahr zu machen.

Weit ermüdender als der Abgang des Verlierers im Weissen Haus auf der anderen Seite des Atlantiks, ist das Aussitzen der Pandemie hier. Ich wähle „aussitzen“ ganz bewusst, denn anders lassen sich die zögerlichen Massnahmen kaum umschreiben. Gouverner c’est prévoir heisst es so schön – also „Regieren heisst Vorausschauen“. In den letzten Wochen und Monaten glich dies aber eher einen ReAgieren und einen ZUschauen. „Die Lage ist ernst, wir beobachten mit Sorge“ des Bundesrates und sein meist spätes Zaudern und Zögern, lässt nicht nur mich ratlos zurück. Fakt ist: „Wer zu spät kommt, bestraft das Leben“ – das wusste schon Gorbatschow und behielt Recht. Denn leider greift das „Prinzip Hoffnung“ bei einem Virus nicht. Der hält sich zäh und kümmert sich nicht um unsere Befindlichkeiten.

Zäh halten sich nicht nur Viren, egal ob sie Trump oder Covid heissen. Noch zäher erweist sich der Irrsinn in Gesellschaft und Politikbetrieb. Da sammelt eine unheilige Allianz ominöser „Freunden der Verfassung“ (aka Coronarebellen), zusammen mit JGLP und Jungen Grünen 140‘000 Unterschriften gegen ein Gesetz, das bereits in Kraft ist (Covid-Gesetz) welches uns vor den Folgen der Seuche schützen soll. Ebenso unheilig das Referendum von $VP/swissoil und Teilen von Fridays4Future gegen das dringend notwendige CO2 Gesetz, das den Klimawandel endlich ausbremsen soll (nicht perfekt – aber besser den Spatz in der Hand, als gar nichts). Gleich verlogen die Allianz der Bauern-Agrochemie-Lobby gegen sauberes Trinkwasser, die mit ihren Plakaten bereits die ersten Bauernhöfe verunzieren. Machiavellisch die $VP, welche Alain Berset entmachten möchte um von ihrem eigenen Versagen abzulenken. Da sind die Störmanövern der gleichen Partei gegen jegliche Pandemiemassnahmen und ihre Weigerung betroffene Branchen und Betriebe angemessen zu unterstützen, fast schon eine Randnotiz. Ideologische Scheuklappen (Schulden sind böse) und naive Träumereien (entweder alles oder nichts) sind zäh. In Krisen sind sie nicht nur lächerlich, sie sind ausgesprochen gefährlich. So endet der verbohrte Sparreflex für viele Menschen und Firmen im wahrsten Sinne des Wortes tödlich. Egal ob Covid, Trinkwasser oder Klima – Hauptsache ich Rette meine Pfründe oder Überzeugungen. Verhaltensmuster sind so zäh, wie Viren und kaum auszurotten.

Wie fast alles im Leben hat aber auch das Zähe eine gute und eine schlechte Seite. Schützt uns eine feste (zähe) Schuhsohle vor rostigen Nägeln, so beissen wir uns bei zähem Fleisch die Zähne aus. Und hilft sie uns beim Dranbleiben und Durchhalten in schwierigen Situationen (wie z. B. das Durchstehen dieser Pandemie), so steht sie uns beim zähen Festhalten an alten Verhaltensmustern im Wege. Fällt uns die Unterscheidung zwischen Schuhsohle und Fleisch leicht, ist diese dafür zwischen vernünftigem Dranbleiben und sturem Festhalten umso schwieriger. Das „cui bono“ (also wer hat einen Vorteil davon) hilft uns auch hier.

26.11.2019: Die Klimakatastrophe findet statt – hier und jetzt (ein paar Links)

Über die Klimakrise wird viel geschrieben. So viel, dass man kaum mehr nachkommt mit lesen. Hier ein paar Beiträge. Lesen lohnt sich.

Das Klima kippet – Tageschau.de 24.11.2019

Das grosse Ziel – Heise

Sind wir noch zu retten? Interview mit Reto Knuti, Klimfaorscher ETH, Rebublik

Die verschwiegene Wahrheit – Generalanzeiger Bonn

01.09.2019: Solange wir „es“ alle sind, ist garantiert, dass nichts passiert

Unser Lebensstil gibt zu Kritik Anlass. Wir essen Fleich (zumindest zu viel), wir nutzen fossile Energie (Öl, Gas, Kohle), wir verpacken alles in Plastik, fliegen zu viel um die Welt, schmieren Nutella aufs Brot, holzen die letzten Wälder ab und kaufen hirn- und sinnlos Billigramsch aus Billiglohnländern. Ja, wir leben verschwenderisch, verantwortungslos, ungesund und denken keinen Moment an die Zukunft unserer Kinder.

Liest man dieser Tage die Zeitungen (bzw. Newsportale und tummelt sich in den Sozialen Medien) so fällt einem nicht nur die Gehässigkeit auf, mit der die Überbringer der schlechten Nachricht(en) (Greta, streikende Schüler etc.) eingdeckt werden, es geistern auch allerlei Vorschläge, Forderungen und Anleitungen durchs Netz, was man als vorbildlicher Mensch alles zu beachten hat, auf was man verzichten sollte (oder muss) und wie übel unser Lebensstil für die Zukunft unserer Kinder sei und ist. Der Gipfel des Vorwurfes endet dann bei Forderungen für Antibabypillen für afrikanische Frauen, da das Grundübel ja wir alle und vor allem die grosse Zahl von Menschen sind.

Wir sind also ALLE schuld! Am Klimawandel, weil wir fliegen. An den Bränden im Amazonas, weil wir Fleisch essen. An der Rodung des Regenwaldes, weil wir Nutella aufs Frühstücksbrot schmieren (Palmöl) und am Plastik im Meer, weil wir verpacktes Gemüse in der Migros kaufen! Nun haben wir den Schuldigen! Wir ALLE sind es!

Wer einmal in einer WG gewohnt hat, kennt die Geschichte. Ende Woche türmt sich das Geschirr in der Spühle. Die Abfallsäcke müffeln prall gefüllt im Gang vor sich hin und der Kühlschrank ist permanent leer. Diese Zustände dauern mindest so lange, wie die Verantwortlichkeiten verbindlich geregelt sind. Fazit: Ohne verbindliche Regeln (und Sanktionen) passiert nichts!

Genau dies passiert aktuell auf der Welt (nicht nur rund um die Klimakrise). Um keine Verantwortung übernehmen zu müssen, schieben alle die Verantwortung auf die andern. Die Wirtschaft auf die Politik(er), die Konsumenten auf die Wirtschaft, der Einzelne auf den Andern. Gemeinsam garatieren wir, dass garantiert nichts passiert!

Also brauchen wir Regeln – denn solange ich freiwillig (aus EInsicht oder sozialem Druck) auf etwas verzichte (z.B. Fliegen) und es der Nachbar nicht tut, fühle ich mich rasch beschissen. Ich werde ihm Vorwürfe machen und unsere Nachbarschaft wird darunter leiden. So fühlt sich der Frutarier über dem Veganer, dieser über dem Vegetarier und alle über den Cornivatoren. Darüber freuen sich alle andern. Die Politiker*innen weil sie uns gegenseitig ausspielen können Die Wirtschaft weil sie ihre Produkte noch zielgruppengenauer und noch teurer verkaufen kann (man braucht einfach ein neues Label und etwas Marketing) und wir, weil wir uns nicht ändern müssen. Die 5% „Gutmenschen“ aber ändern nichts. Weder an der Gesamtbilanz (des CO2 Ausstosses) noch am Verbrauch fossiler Energien und schon gar nichts an der Art wie wir wirtschaften und der herrschenden Politik.

Wer entscheidet über die Art der Produktion, den Produktionsstandort, die Bezahlung der Arbeiter*innen, die Einhaltung von Vorschriften? Wer tankt Schweröl in ihre Schifftanks, wer propagiert Dieselmotoren und betrügt bei den Abgaswerten? Wer verhindert griffige Massnahmen gegen den CO2-Ausstoss. Wer subventioniert Kohlekraftwerke? Wer verzögert seit Jahrzehnten die Umstellung von fossiler auf nicht-fossile Energie? Die Liste ist unendlich. Nein, nicht du und ich. Es ist das Diktat der „Wirtschaftlichkeit“, welche die Agenda diktiert. Sowohl im einzelnen Unternehmen, wie in der Politik. Als Bürger und Konsument wird man vor vollendete Tatsachen gestellt. Ihnen bleiben: ein schlechtes Gewissen, höhere Kosten und eine zerstörte Umwelt!

Die eigentlichen Verantwortlichen bleiben ungeschoren. Dies sind die eigentlichen Profiteure dieses Systems. Es sind die Prediger der neoliberalen Wirtwschaftsordnung und in ihrem Schlepptau die Bezahlknechte der Politik Sie haben es bisher abgelehnt Verantwortung zu übernehmen. Es wird also Zeit, diese von ihnen einzufordern. Jetzt, laut und unmissverständlich. Am 20. Oktober an der Wahlurne, mit der Wahl von Politiker, die Verantwortung übernehmen und der Abwahl der verantwortungslosen Lobbyisten der bürgerlichen Parteien.